Zu mir oder zu dir - Anja Salomonowitz - E-Book

Zu mir oder zu dir E-Book

Anja Salomonowitz

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Beschreibung

Dieses Buch ist wie ein Film, der vor den Augen der Leserinnen und Leser abläuft. Alle Dialoge in diesem Buch basieren auf Gesprächen mit wirklichen Menschen, die von ihren Erfahrungen auf Dating-Plattformen erzählen. Unser Film spielt in einem Altenheim. Das Altenheim ist wie ein Wald. Mit einer Lichtung, auf der zwei Menschen zum Beispiel miteinander schlafen … Mit "Zu mir oder zu dir" legt Anja Salomonowitz eine vielstimmige und sinnliche Erzählung über die Suche nach Liebe und Anerkennung im Zeitalter von Social Media vor. Ein Buch über verborgene Sehnsüchte und Verlustängste, über Vergänglichkeit und die Entstehung von Neuem. Ein Text über Jugend und Alter, das Zusammensein und zugleich eine poetische Sicht auf das Drehbuchschreiben und die Recherchen zu einem nie gedrehten Film.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anja Salomonowitz

ZU MIR ODER ZU DIR

ANJA SALOMONOWITZ

ZU MIRODERZU DIR

Czernin Verlag, Wien

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur

Salomonowitz, Anja: Zu mir oder zu dir / Anja Salomonowitz

Wien: Czernin Verlag 2025

ISBN: 978-3-7076-0861-8

© 2025 Czernin Verlags GmbH, Kupkagasse 4, 1080 Wien, Österreich

[email protected]

Autorinnenfoto: Lisa Leutner

Lektorat: Florian Huber

Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl

Druck: Florjancic Tisk, Maribor

ISBN Print: 978-3-7076-0861-8

ISBN E-Book: 978-3-7076-0862-5

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien. Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne des Urheberrechtsgesetzes behalten wir uns ausdrücklich vor.

Inhalt

CREDITS

VORBEMERKUNG

1 GÄNGE

2 GÄNGE

3 UMKLEIDEKABINE PFLEGEPERSONAL

4 UMKLEIDEKABINE FRAUEN

5 UMKLEIDEKABINE MÄNNER

6 UMKLEIDEKABINE FRAUEN / PUTZKAMMERL

7 HEIZRAUM

8 UMKLEIDEKABINE MÄNNER / TÜR ZUM HOF

9 LAGERKAMMER

10 GÄNGE

11 ZIMMER ILSE

12 GÄNGE

13 ZIMMER KLAUS

14 ZIMMER ERNST UND AGATHE

15 GÄNGE

16 KLO IM ZIMMER SENSIBLER ALTER MANN

17 ZIMMER MAGDALENA

18 KLO IM ZIMMER SENSIBLER ALTER MANN

19 WASCHRAUM

20 RAUM MIT MASSAGEBETT

21 AUFENTHALTSRAUM

22 GÄNGE

23 ZIMMER ERNST UND AGATHE

24 KÜCHE IM ZIMMER ERNST UND AGATHE

25 AUFENTHALTSRAUM

26 ZIMMER KLAUS

27 GÄNGE

28 BAD IM ZIMMER VON KLAUS

29 GÄNGE

30 WASCHRAUM

31 WEG ZUM ALTENHEIM

32 GÄNGE / STOCKWERK

33 ZIMMER KLAUS

34 KÜCHE

35 GÄNGE

36 ZIMMER MAGDALENA

37 GARTEN BLICK

38 GÄNGE / BLICK IN ZIMMER KLAUS

39 GÄNGE / GARTEN

40 GARTEN / HÜGEL

41 GARTEN / MAUER

42 GARTEN / ZIMMER MAGDALENA

43 ZIMMER MAGDALENA

44 GÄNGE / EINGANG BIBLIOTHEK

45 BIBLIOTHEK

46 BIBLIOTHEK / GÄNGE

47 SWIMMINGPOOL GLASTÜR

48 SWIMMINGPOOL

49 SPINDRAUM

50 GÄNGE / SPINDRAUM / ZIMMER KLAUS

51 ZIMMER KLAUS

52 ZIMMER ERNST UND AGATHE

53 BADEZIMMER IM ZIMMER ERNST UND AGATHE

54 ZIMMER ERNST UND AGATHE

55 KIRCHE

56 KIRCHE / SAKRISTEI / GÄNGE

57 SPEISESAAL TÜR

58 KIRCHE

59 KIRCHE / TÜR ZUM HOSPIZ

60 HOSPIZ

61 HOSPIZ / GARTEN / ZIMMER MAGDALENA / FRIEDHOF

62 FRIEDHOF

63 FRIEDHOF

64 FRIEDHOF WEITE LANDSCHAFT

65 FRIEDHOF WEITE LANDSCHAFT / ZIMMER MAGDALENA

66 ZIMMER MAGDALENA

67 GÄNGE / VERSCHIEDENE ZIMMER / ZIMMER EDUARD UND EDGAR

68 ZIMMER ERNST UND AGATHE / SCHLAFZIMMER

69 DUNKLES ZIMMER / HAUSWAND / KIRCHE

70 KIRCHE

71 ZIMMER MAGDALENA

72 LIFT

73 GÄNGE / EINGANGSTÜR

74 STRASSE IRGENDWO IN DER LANDSCHAFT

75 GÄNGE

76 ZIMMER MAGDALENA

77 GARTEN

78 ZIMMER MAGDALENA

79 GARTEN

80 ZIMMER MAGDALENA

81 GARTEN

82 ZIMMER MAGDALENA

83 GÄNGE

84 GÄNGE / ZIMMER KLAUS

85 ZIMMER KLAUS

86 GÄNGE

87 UMKLEIDEKABINE MÄNNER

88 UMKLEIDEKABINE FRAUEN

89 EINGANGSBEREICH / WEG ZUM ALTENHEIM

NACHBEMERKUNG

CREDITS

DIESES BUCH IST EIN DREHBUCH.

DRAMATURGIE

Roland Zag

INTERVIEWS

Mirela Baciak

RECHERCHE

Martin Knuhr

ASSISTENZ

Anna Bauer

VORBEMERKUNG

Unser Film spielt in einem Altenheim. Das Altenheim ist wie ein Wald. Mit einer Lichtung, auf der zwei Menschen zum Beispiel miteinander schlafen. Das Altenheim ist der Untergrund der Psyche. Es ist kein wirkliches Altenheim, es ist der Zustand, auf den die Texte fallen.

1GÄNGE

Ein kleiner Weg, dann öffnet sich eine durchsichtige Schwingtür. Die Kamera schwebt hinein, wie in einen Traum. Es ist hell. Eine Empfangshalle mit vielen großen Fliesen, der eingeglaste Tisch vom Portier, die Gänge mit Fliesen links und rechts. Leicht zu putzen. Eine Oper kommt von irgendwoher. Rechts der Lift. Sonst alles still. Die Kamera bewegt sich weiter, in einen langen Gang hinein. Dieser Gang hat große, alte Fenster, einen Boden aus Linoleum und viele große weiße Flügeltüren, wie in einem Spital aus der Jahrhundertwende. Wir tauchen ein, wir segeln voran, wir schauen uns um. Ein Raum mit einem Regal, in dem lauter Windeln geschlichtet sind. Licht kommt uns entgegen aus dem großen alten Fenster. Wieder ein Gang. Kein Mensch hier im Moment, nur helles Licht und diese langen Gänge.

2GÄNGE

Johann, der Pfleger, geht gerade schweren Schrittes vorbei. Die Kamera folgt ihm, heftet sich an seine Fersen. Johann hat lange Haare, ist schwer tätowiert und wirkt schwer sympathisch. Er hat die Schultern eingezogen und eine Kapuze über der Jacke. Er hat Kopfhörer auf. Die Oper wird lauter, Titel laufen über das Bild.

Der Gang wird schmaler, die Wände verändern sich, sie werden gräulicher, ein neuerer Trakt. Johann geht den Gang entlang, vor ihm geht es jetzt rechts oder links ab. Er geht rechts hinein, in die Umkleidekabine des männlichen Pflegepersonals.

3UMKLEIDEKABINE PFLEGEPERSONAL

Die Musik ist nicht mehr zu hören. Johann holt weiße Kleidung aus dem Spind und fängt an, sich umzuziehen. Ein zweiter Pfleger, Josef, und der Koch ziehen sich auch gerade um. In diesem Raum sind lauter Spinde mit niedrigen Bänken davor, auf denen man sich umziehen kann. Unter der Bank sind viele Schuhe eingeordnet, Clogs von Ikea oder Crocks aus Plastik. Johanns Spind steht offen, er hat einen kleinen Spiegel innen montiert. Johann zieht sich sehr bedächtig um, wie er alles in seinem Leben mit einer angenehmen Ruhe macht.

4UMKLEIDEKABINE FRAUEN

Gegenüber, im Nebenraum, die Frauen. Janina, die Putzfrau, zieht sich ihren weißen Kittel aus Baumwolle an. Sie macht sich die Knöpfe zu und schaut in den Spiegel in ihrem Spind. Alternde Haut, obwohl Janina in den besten Jahren ist. Sie streicht sich über die Wange und schmiert sich mit Creme ein, hilft angeblich gegen Falten. Falten, sie spiegeln die Berge und Täler unseres Lebens. Bei Janina leider mehr Täler. Sie hat eine Packung mit Putzhandschuhen, durchsichtig und aus Plastik, in ihrem Spind und zieht sich welche an.

Johanna, eine Altenpflegerin, räumt gerade ihren Spind missmutig ein, die Tageskleidung wird verstaut. Sie behandelt die alten Menschen hier schlecht, das werden wir noch erleben. Und Janette ist hier, eine junge, freundliche Pflegerin. Janette hat ihr weißes Gewand bereits an. Sie sitzt auf der niedrigen Bank und macht sich einen Zopf. Dann wartet sie, bis die anderen beiden fertig sind.

Janette sieht gelangweilt ihre eigenen Beine an und spielt mit den Plastikschuhen mit einem Brösel am Boden. Sie will mit den anderen beiden Kontakt aufnehmen. Sie sagt zu den anderen:

Ähm, ich bin Kulturarbeiterin, ich hab Kunst stu… oder ich studiere Kunst und Critical Studies und bin … Ich arbeite so im Kontext von Film und Grafik und Performance.

Johanna verstaut ihre Taschentücher im Kittel. Sie wendet sich zu Janette. Sie fragt sie, halb interessiert:

Ja, wie bist du überhaupt auf Tinder gekommen? Also, wer hat dich, also, wie, wie, wie ist es dazu gekommen, dass du dich entschieden hast?

Johanna stellt Janette diese Frage, als würde sie über etwas völlig anderes sprechen.

Und Janette antwortet motiviert:

Na, über Freundinnen, die das gemacht haben. Freundinnen, die haben so viel erzählt. So schnelle Sexgeschichten. Und das wollte ich auch.

Wie wenn sie sagen würde: Komm, lass uns unseren Tag beginnen.

Janette hakt sich bei Johanna ein und sie verlassen gemeinsam den Raum. Johanna sieht etwas unzufrieden drein, sie will nicht mitgezogen werden.

5UMKLEIDEKABINE MÄNNER

Johann richtet sich die langen Haare im Spiegel. Er macht sich einen Zopf. Er sagt zu Josef und dem Koch, über den Spiegel:

Ich war mit meinem Alphabet, wie man jemanden findet, einfach am Ende. Also, dachte ich, probiere ich‘s mal so. Ich hab gehofft, wieder jemanden zu finden für länger. Es ist jetzt zwar peinlich, das zuzugeben, aber ja, einfach die Sehnsucht nach Liebe.

Der Koch nickt wissend. Josef schaut nur geradeaus, er hat einen wissenden Blick, egal, was er gerade denkt.

6UMKLEIDEKABINE FRAUEN / PUTZKAMMERL

Janina steht vor dem Kasten, in dem Tausende Putzmittel gehortet sind. Es ist ein Hinterzimmer in der Umkleidekabine der Frauen, die Tür steht offen. Die Putzmittel ergeben ein Muster in diesem großen Regal. Janina nimmt einige Flaschen und schlichtet sie auf ihren Wagen, der in der Umkleidekabine steht. Sie schlichtet auch Klopapier auf ihren Wagen. Sie murmelt dabei:

I am a world traveller. I travelled around all my life. I was always on my way, somewhere. So for me relationship is not so … does not interest me. Does interest me but also does not interest me. I just need lovers. And like this – you can have a lover in every city.

Sie murmelt diese Worte, als würde sie sich bei uns vorstellen. Also, sie spricht zu sich und auch in die Kamera.

7HEIZRAUM

Josef ist im Heizraum, nebenan. Die Leitungen, wie Würmer, schlängeln sich durch die Wände. Schalter und Knöpfe, rote kleine Schienen, an denen man drehen kann. Josef dreht herum und es zischt. Josef schaltet. Er murmelt zu sich und zu uns:

Es passt zusammen mit dem, dass ich sehr auf Mütter stehe. Auf Mütter mit Kindern, ja. Und möglichst viel Kindern, ja. […] Und ich hab einfach nicht so viele Mütter mit Kindern in meinem Bekanntenkreis. Und bei einer zum Beispiel, die hatte vier Kinder, die Kinder waren auch alle im Haus, sind wir dann gleich ins Bett und alle Kinder im Haus. Die war eine Rubensfrau, eine Vollblutfrau, mit breitem Becken. Auf so was steh ich. So was findest du nicht so leicht im normalen Leben. Aber online geht’s.

8UMKLEIDEKABINE MÄNNER / TÜR ZUM HOF

Der Koch zündet sich bei der offenen Tür zum Hof noch eine Zigarette vor der Arbeit an. Es zündet nicht gleich. Bei dieser Arbeit, anzünden, sieht er manchmal uns und manchmal seine Zigarette an, die dann doch brennt, und erzählt:

Die Initialzündung bei mir: Ich sitz so auf meiner Couch an einem Montagabend und schau mir Liebesgeschichten und Heiratssachen an. Ich bin schon ein paar Jahre Single. Und dann hab ich mir gedacht, wenn das so weitergeht, dann lande ich auch irgendwann bei Liebesgeschichten und Heiratssachen, das will ich nicht!

Er raucht weiter und dämpft dann die Zigarette am Boden mit seinem Schuh aus. Er löst den Türstopper und lässt die Tür hinter sich zufallen, während er wieder hineingeht, um sich an die Arbeit zu machen.

9LAGERKAMMER

Johanna und Johann sortieren Windeln. Nach Größe, nach Menschen. Sie sitzen, traute Einheit, nebeneinander und schieben sich die Windeln wie am Fließband zu. Wir sind in dieser Lagerkammer, die wir am Anfang des Films schon gesehen haben, wo viele Windeln geschlichtet sind.

Johanna hebt eine Windel und hält sie gegen das Licht. Die Sonne blitzt daneben. Wir erinnern uns: Babyjahre. Die Windel ist dafür zu groß. Wir erinnern uns: Altenheim. Da dreht sich das Leben wieder zurück. Das Muster der Windel gefällt Johanna, sie muss lächeln. Sie lächelt aber sarkastisch, denn es sind kleine Tiere auf der Windel gezeichnet. Die beiden sortieren weiter Windeln ein, die sie für die alten Menschen heute brauchen werden.

Johann steigt auf einen Treppenstuhl und holt eine neue Packung von ganz oben herab. Johanna dürfte über irgendetwas nachdenken, sie beißt sich ein bisschen auf die Lippe. Dann will sie anscheinend Johann etwas beichten:

Du bist verletzt, gedemütigt, enttäuscht vom Leben. Deine Liebe ist gegangen. Und dann willst du Rache. Du willst nur noch Rache. Fick sie alle! Zeig ihnen, dass du wieder leben kannst! Du wirst zum Berserker, zum Racheengel, du vögelst dich durch deine Enttäuschung. Hart. Das ist so hart.

Johann sieht sie nur kurz wissend an, dann machen die beiden weiter. Es gibt eh keine Lösung.

Johanna schlichtet die geschlichteten Windeln und ein paar Pissschüsseln auf einen Wagen am Zimmerrand. Sie kniet davor und arbeitet gedankenverloren. Sie wirkt traurig. Dann fährt sie mit diesem Wagen los.

10GÄNGE

Wieder die langen Gänge. Wir haben Johanna überholt. Eine Zimmertür, dahinter eine kleine alte Frau, Ilse. Ilse hat blaue Augen mit einem stechenden Blick. Langsam, schwebend nähert sich die Kamera.

11ZIMMER ILSE