Zuchthäuslerin Nr. 5553 - Ly van Brackel - E-Book

Zuchthäuslerin Nr. 5553 E-Book

Ly van Brackel

0,0

Beschreibung

Sie war mir nachgeschlichen, hatte mich beobachtet, und fasste nun mit einem Gesichtsausdruck, wie er hämischer und triumphierender nicht sein kann, nach meinem Arm, um mich herauszuziehen. Doch ich schleuderte sie zurück. "Fassen Sie mich nicht an!" Sie verstand, was mich an ihr entsetzte, und wich scheu zurück. Sie weckte die Aufseherin des Schlafsaals, auch eine Strafgefangene, und nun bestürmten sie mich mit Fragen. Ich antwortete nicht. Was ich an Tüchern hatte, feuchtete ich an, band es mir um meine blutenden Hände und Füße, die ich mir beim Sturz aufgerissen hatte, legte mich in mein Bett und . . . schlief. Wohl spürte ich, dass sie mehrmals in der Nacht zu mir herantraten und mich ansahen; sie glaubten wohl nicht recht an meinen Schlaf. Der Morgen kam. Die Frauen ringsum erwachten, scheue Blicke, höhnisches Lachen, zynische Bemerkungen, nicht ein Wort, nicht eine Miene der Teilnahme, wohin ich auch sah.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

Zuchthäuslerin

Nr. 5553

Kriegs-Erlebnisse einer deutschen Frau in Frankreich

 

 

von

Ly van Brackel

_______

 

 

Erstmals erschienen im:

Verlag August Scherl G.m.b.H.,

Berlin, 1917

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

© 2021 Klarwelt-Verlag

www.klarweltverlag.de

 

Frau Ly van Brackel.

Inhaltsverzeichnis

Titel

I

Der Wolf in der Schafsherde — Wieso und warum ich in Paris blieb — Der polizeiliche Hammel

II

Das siegestrunkene Paris — Bittere Reflexionen — Fatum — Eine teure Flasche Rüdesheimer — Die Sans-chaussures — Frankreichs Schande — Ein tapferes Dämchen — Das Medical-Hotel

III

Madame Messimy — Der Flieger — das feige Ministerium — Ich werde Chefarzt — Frankreichs Fürsorge für die Verbündeten — Ein Militärtransport — Mein Afrikaner

IV

Man spricht Deutsch — Die Vlamen — Ein Spitzbubenstreich — Ich stehle eine Flasche Kognak und sehe Papillon — Es gelingt

V

Ich steige in Würde und mir steigt was in die Nase — Der misshandelte Landsmann — Ein neuer Transport — Es wird brenzlig — Fata Morgana — In der Falle — Maitresen, der Menschenfreund — Zum ersten Mal im Gefängnis

VI

Ein furchtbares Erwachen — Das Depot - Mammy — Auch das Gefangensein will gelernt sein — Der „Gardin Chef“ — Die Trennung

VII

St. Lazare — Wir armen Mütter — Hungerlehrling — Ein moralischer Cocktail — Das Gift — Die Anklage

VIII

Geschmuggelte Briefe — Eine Spazierfahrt — Mother — Zurück nach St. Lazare — Die Diakonissinnen und der Zoo — Erwischt — Wir pfeifen was drauf

IX

Die Verhandlung — Vor dem dritten Kriegsgericht — Il n’y a meilleurs remède contre la mélancolie q’un jugement, tant sont les juges ordinairement d’une bêtise réjouissante. (Es gibt kein besseres Mittel gegen die Melancholie als einen Richterspruch, von so aufheiternder Dummheit sind die Richter gewöhnlich.) V. Hugo

X

Wieder ein Abschied — Im Atelier — Hoffnungsfreude — Eine unwürdige Komödie — Frei??

XI

Nr. 5553 — Zwischen Mörderinnen — Der Fluchtversuch — Die Strafzelle -— Ich werde geschlagen

XII

Wieder Mensch — Der Dritte im Bunde — Ich resigniere — Meine Zerstreuungen —Hammer und Amboss — Neuer Fluchtgedanke — Das Militärgefängnis — Huissier.

XIII

Heraus aus dem Gefängnis — Wenn einer eine Reise tut — In Paris — Cuisery.

XIV

Das Lager — Ich fürchte mich — Ein Wiedersehen — L‘espionnne — Es geht wieder los — Wie Amerika mich zu einer Mondscheinpromenade zwingt.

XV

Meine Selbstmordgedanken — Eine zweite Mondscheinpromenade — 12 Kilometer in stockdunkler Nacht — Wieder ein Flieger — Die Amerikaner — Im Maul des Löwen — Er schnappt nicht zu.

XVI

Autofahrt durch Paris — Besuch bei Kreutzer

XVII

Die große Neuigkeit — Die Heimkehr der verlorenen Tochter — Von neuem hinter den Gittern — Dreist und gottesfürchtig — Zum letzten Mal in Gefahr

XVIII

So grüß‘ ich dich, mein Heimatland.

I

Der Wolf in der Schafsherde — Wieso und warum ich in Paris blieb — Der polizeiliche Hammel

 

Hageldicht fallen die Schläge . . . ich schreie, und die Schreie ersticken mir in der Kehle. . . . Im nächsten Augenblick werde ich wach . . . nein, es ist ja nur ein Traum gewesen, ich werde nicht geschlagen, das Zuchthaus liegt hinter mir. . . . Immer noch aber tönt es fort, wird zum Winseln, erstirbt langsam, und nur ein schmerzvolles Stöhnen bleibt. . . .

Krieg! In Paris war es gewesen, am 26. Juli 1914, als dies Wort in allen Tonarten und Varianten gerufen, gesungen, gepfiffen und geschrien wurde; als ich mir zum ersten Male seines ganzen furchtbaren Ernstes und seiner weittragenden Bedeutung bewusst zu werden begann. Wie ein Wolf brach es in meine Ahnungslosigkeit hinein und ließ meine Gedanken, die friedlich bürgerlich auf berufliche Auseinandersetzungen eingestellt waren, umherrennen wie eine Herde Schafe.

Wir hatten nichts, aber auch gar nichts davon gewusst auf unserem stillen Landsitz in Englands sonnigen Süden Wohl redeten die Zeitungen in leiser, vorsichtiger Sprache von Serbiens schwerer Lage. Aber die gleichen Blätter fanden freundliche Worte der Sympathie für Braunschweigs junges Fürstenglück.

Wohl waren auf einmal auffallend viele Truppenübungen in der Nähe Eastbournes zur Mode geworden.

Die weiten Sandflächen zwischen dem Bad und Haftings berühmten Normannentürmen waren dicht mit den kleinen Zelten bestanden. Doch blieb in allem das beim englischen Heer so beliebte Schaugepräge gewahrt. Man vermutete einen Werbetrick mehr darin, nichts weiter. Und die großen und kleinen Kinder sahen mit aufgerissenen Augen dem fidelen Lagerleben zu, das sich gemütlich in der allerbreitesten Öffentlichkeit abspielte. Wenn wir in unserem Cab an den lachenden Soldaten vorbeigefahren waren, hatte mein kleiner Sohn oft mit verlangenden Blicken den goldblitzenden, farbenfreudigen Uniformen nachgesehen und sie ganz entschieden schöner gefunden als die heimatlichen. Man denke — rote Röcke mit Goldstickerei, ein elegantes Spazierstöckchen, den studentenmützenartigen Kopfdeckel keck auf der Seite, darauf soll ein Junge nicht springen?

Natürlich brachte mein Sprössling meinen Jagdreitmantel angeschleppt und meinte in seiner Mannesarroganz:

„Ach weißt du, Mammy, den kannst du mir schenken, das gäbe eine feine Uniform für mich, so ganz indisch — knallrote Aufschläge und Goldknöpfe.“ Und mit beiden Armen zugleich fuhr der kleine Gernegroß hinein, dass der Rock in allen Nähten krachte.

Ernstere Schlussfolgerungen ergaben sich nicht aus der Nähe des Lagers. Wir spielten Tennis und ritten Jagden, das übliche Frühlingsvergnügen Englands, dem auch ich alle die Zeit widmete, die mir meine klinische Tätigkeit übrig ließ, bis mich ein schwerer Sturz auf das Bett warf. Die notgedrungene Ruhe benutzte ich zur Abfassung der Arbeit, die mich nach Paris geführt hatte.

Und in dieser Zeit sollte die Vorgeschichte des Krieges gereift sein? Das schien mir unglaublich, unfassbar. Nun war allerdings, wie stets bei produktivem Schaffen, in den letzten Wochen kaum eine Zeitung in meine Hände gekommen, und meine Freunde, bei denen ich mit meinen Kindern lebte, standen in ihrer stillen vornehmen Zurückgezogenheit aller Politik weltenfern. Aber dennoch! Sicherlich würden sie mich beim leisesten Verdacht größerer Schwierigkeiten als einer serbisch-österreichischen Vermittlung aus meinem Phantasiedasein aufgeweckt haben. Sie wussten nichts, so wenig wie die anderen.

Und ich war so ruhig, so gänzlich von friedsamen Gedanken erfüllt über den Kanal gefahren.

Aber schon der nächste Tag, der 27. Juli, sollte mich herausreißen aus meiner Hoffnung, die alles Kriegsgeschrei der aufgeregten Franzosen für Auswüchse eines übertriebenen Fanatismus hielt. Ich bummelte so ganz gemütlich von der Rue Madelaine über die Boulevards hinauf zur Redaktion des „Matin“, die das kurz zuvor von mir fertiggestellte Werk übernommen und schon seit langem um eine Unterredung gebeten hatte. Aber am Café Springer stand jäh eine derartige Menschenmauer quer vor mir, dass mir nur der Trick, mich als englische Journalistin auszugeben, den Weg durch die Absperrung bahnte.

Eine enorme, aufgeregte Menge presste sich um das Redaktionsgebäude. Schutzleute zu Fuß und zu Pferd konnten nur mit Mühe die Ordnung aufrechterhalten.

Mit scheuen, blassen, mit aufgeregten, flammendroten Gesichtern, in denen der Fanatismus mit der Angst, die Erwartung mit der Brutalität kämpfte, warteten die Menschen auf die Neuigkeiten, die tropfenweise durchsickerten.

Der Chefredakteur selbst empfing mich in hellster Aufregung: „Aber Madame, warum sind Sie nicht eher gekommen. . . . Wir können ja von heut auf morgen keinerlei Entschluss mehr fassen. . . . Und nun kommen Sie und wollen Ihr Wert zurückziehen.“

Er wandte seine ganze Redekunst auf, mich von meinem Vorsatz abzubringen, aber ich blieb fest. Wusste ich doch, wenn dieses Manuskript, das für andere Zeiten bestimmt und dessen Zurückgabe ich nach den jüngsten Erlebnissen fordern zu müssen glaubte, nicht zu finden war. Was mir der Chefredakteur unter tausend Schwüren glaubhaft zu machen suchte, so geschah das einfach deshalb, weil den Herren Franzosen gerade der richtige Zeitpunkt zur Veröffentlichung gekommen zu sein schien und sie jetzt nicht damit herausrücken wollten. Für den Augenblick musste ich mich damit zufrieden geben, gegen die Drucklegung zu protestieren, es war weiter nichts zu machen. Mit unendlicher Höflichkeit hinauskomplimentiert, stand ich wütend und ratlos unter der Menge.

Hm! Was nun? . . . . Wenn wirklich Krieg drohte zwischen der Heimat und Frankreich, dann würde England bombensicher mitgeben, darüber war ich mir klar.

Was aber dann? Um einer Gerichtsverhandlung, die meine nächsten Verwandten bloßgestellt hätte, aus dem Wege zu gehen, war ich im Januar 1914 nach England gefahren, wo ich im Schutz meiner Freunde und der Behörden, die mir in der weitestgehenden Weise entgegenkamen, in friedvollster Sicherheit gelebt hatte. Nun war mit einem Schlage die Lage verändert. Ging England mit Frankreich gegen Deutschland, so musste auch ich das Land verlassen. Es blieb mir die Schweiz, doch mit den Kindern in das Ungewisse gehen? — Nein! — Die Kinder allein würden wohl unbehelligt in England bleiben dürfen, ich selbst wollte mich in Paris der Krankenpflege widmen und war sicher, dass ich Gelegenheit bekommen würde. den Unsrigen Dienste zu leisten. Aus diesem Entschluss heraus ging ich gleich am nächsten Morgen zur Rue Francois Premier 21, dem Hauptsitz des französischen Roten Kreuzes.

Gräfin H. die Vorsitzende, war mit ihrem ganzen Komitee in ernstester Beratung; sie empfing mich mit der typisch französischen Verve. „Liebe Doktoresse! Noch können mir von eigentlicher Organisation nicht sprechen. Bisher haben wir nur die Geheimordre, uns bereit zu machen, was ja eigentlich so gut wie eine Mobilisation ist, aber unsere Vorbereitungen sollen streng geheim bleiben.

Ich werde Sie jedoch schon auf unsere Listen setzen. Sobald ich Gewissheit habe, bitte ich Sie zu mir. . . . Mit Ihren Sprachkenntnissen werden Sie uns eine kräftige Stütze sein.“ Ich nahm eine Zeitlang an den Beratungen teil und fuhr dann von hier aus sofort zum Chef der Sicherheitspolizei, Monsieur Mouton.

Er gab mir für den Fall der Kriegserklärung formelle Erlaubnis, in Paris zu bleiben: auch dazu, dass ich zu dem Namen Booth zurückgreifen solle, den ich in England geführt hatte, um im selbstgewählten Unbekanntsein leben zu können.

Wie ist es nur möglich, dass ein Mensch so jäh zum vollendeten Schauspieler wird?

Und ich muss meine Rolle gut gespielt haben. Möglich, dass tatsächlich die Reinheit meiner Motive mir die Sicherheit des Auftretens gab. Und es war rein und dem Feinde gegenüber ehrlich gehandelt gewesen — abgesehen von der kleinen Lüge über meine Abkunft — bis zu dem Augenblick, wo ich, atemlos vom raschen Treppensteigen erschöpft, auf dem roten Rundsofa des Vorderzimmers niedergesunken war. Hier versammelten sich auch die zu wichtigen Rapporten befohlenen Geheimagenten; es war ein immerwährendes Kommen und Gehen! Hier nun hatte ich eine Nachricht aufgeschnappt, die, so kurz sie war, mich im tiefsten Innern erregte.

Von dieser Nachricht machte ich Mouton gegenüber Gebrauch, andeutungsweise gesagte Vermutung in bestimm ausgesprochene Behauptung verwandelnd und damit die gewünschte Wirkung auslösend: Vertrauen zu erwecken.

Der gute Chef bat mich sogar, wenn ich seiner oder seines Rates bedürfe, ihn nur aufzusuchen. Dadurch war ich bevollmächtigt, mich zu jeder Zeit im Vorzimmer einzufinden, ohne Verdacht zu erwecken.

Am Mittwochmorgen verließ ich das Hotel Mont-Tabor und vermachte zum Abschied dem immer ungenießbarer werdenden Inhaber meinen schönen Namen „van Brackel“.

Inzwischen waren die Unruhen auf den Boulevards immer größer geworden. Ganz offen wurde die Kriegsgefahr erörtert. Offen von den Vorbereitungen gesprochen. In den Zeitungsbureaus sah man jene lächelnd verschwiegenen Mienen, wie sie die Skribifaxen immer dann anlegen, wenn etwas verheimlicht werden soll und sie es doch so brennend gern sagen möchten.

Ich ging wieder nach dem Roten Kreuz, sah die Vorstandsdamen und erstattete Bericht von meinem Besuch bei der Polizei, was ersichtlich einen guten Eindruck hervorrief. Hier war die Lage bereits vollständig klar. Die einzelnen Kriegebureaus begannen zu funktionieren, besonders die Propaganda für Spenden arbeitete intensiv.

Und doch leugneten die Zeitungen offiziell noch jede Kriegsidee.

Donnerstag, den 30. Juli, schrieb sich im Hotel Star, Rue Galilei Art de Triumphe, eine Mrs. Booth ein. In diesem bescheidenen Hotel Star — Family Hotel — war ein kleiner deutscher Kellner, und in dem fürstlichen Hotel Adlon, dessen Hinterfenster in die gleiche Straße gingen wie die Frontfenster des Hotel Star, war ein kleiner deutscher Page, außerdem zwei deutsche Offiziere, die seit einigen Tagen von Geheimagenten beobachtet wurden und gänzlich ahnungslos waren, was einer der Agenten im Vorzimmer des Herrn Mouton in Gegenwart der Frau v. B. aus dem Hotel Mont-Tabor erzählt hatte.

Am 30. Juli in der Nacht verschwanden die beiden Offiziere, und die hohe Polizei war wütend, sie schäumte, dass ihr der Fang entgangen war. Keine Spur war zu entdecken. Aber wie zum Hohn hatten die beiden Geflüchteten Teile eines „drahtlosen Empfängers“ aus dem Balkon ihres Zimmers liegengelassen.

Das war böse! Wer hatte sie gewarnt? Natürlich bedauerte Mrs. Booth ganz besonders diesen Reinfall und fuhr Freitag, den 31. Juli, persönlich zu Herrn Mouton — zu Deutsch Hammel — der auch eine ziemlich belämmerte Miene machte. Sie konnte das tun, denn natürlich war ihr Gewissen rein. Wie sollte es auch anders! . . . Was wusste sie von der Geschichte? Gar nichts . . . sie hätte doch nie ihre Hände zu solchen Dingen hergegeben. Was konnte sie dafür, dass der kleine deutsche Kellner dem kleinen deutschen Pagen einen kleinen deutschen Zettel gab, auf dem stand: „Vorsicht — Gefahr — Sie werden beobachtet!“ Davon wusste diese schlanke, typisch blonde Engländerin natürlich nichts. Aber nachmittags gegen zwei, da glaubte sie vor der Gare du Nort einen ihr bekannten deutschen Offizier gesehen zu haben; hinter dieser Person jagte dann auf ihre Veranlassung bald ein Spitzel hinterdrein.

Wenn die Jagd vergeblich war und die eigentlich Gesuchten in der Zeit just nach der entgegengesetzten Seite entwischten, was konnte wiederum sie dazu?! Und die „Sûreté“ war von den patriotischen Gesinnungen durchaus überzeugt — beugte sich bis zur Erde und sagte: „Mes hommages, Madame!“ (Mein Kompliment, gnädige Frau)

„Prosit, Herr Hammel!“

 

II

Das siegestrunkene Paris — Bittere Reflexionen — Fatum — Eine teure Flasche Rüdesheimer — Die Sans-chaussures — Frankreichs Schande — Ein tapferes Dämchen — Das Medical-Hotel

 

Als ich am 1. August an der Oper aus der Metro stieg, umgab mich auf einmal eine so unheimliche Stille, ein so glatter Abbruch jeglichen Verkehrs, als ob Paris im Dornröschenschlaf versunken wäre. Kein Wagen war zu sehen — kaum ein Fußgänger.

Doch ich dachte mir gleich, wohin das Leben geflutet sein mochte, und machte mich schleunigst nach Montmartre auf. Da flammte nun alles im hellsten Jubel. Wie durch Zauber hatten sich die Häuser mit Fahnen bedeckt, bunte Lampions hingen in den Fenstern, und in den Straßen drängte sich die aufs höchste erregte Menge. Zum Glück fand ich nach ein Eckchen, in das ich mich hineinquetschen konnte, und ein Glas Kaffee, um einen Vorwand zum Sitzen zu haben.

Rings um das Häuserkarree vom „Matin“ zum Café Springer, das bereits hermetisch verschlossen war, zog in breitem Zug die hoffnungsvolle, immer schrei- und sensationslustige Jugend von Montmartre. Über den Boulevard durften sie nicht, da hielten die Berittenen mit grimmigen Gesichtern; aber in den Seitenstraßen konnten sie ihrem übervollen Herzen Luft machen.

Und das taten sie! „A Berlin — — A Berlin!“ — — Geschrei . . ., Gejohle . . ., Reden wurden gehalten! . . Wir wollen uns die Samtsessel des Guillaume II. holen“ . . .

An den Straßenecken tauchten Studenten auf, die eiligst angefertigte Lieder sangen. Sie waren auch danach! Sowohl die Lieder wie die Sänger. Als die Musikkapellen die Marseillaise anstimmten, da erreichte der Jubel den Höhepunkt. Menschen, die sich nie zuvor gesehen, umarmten und küssten sich, Fahnen wurden geschwenkt, aus den Häusern heraus wehten weiße Tücher . . . Es war einer von den Augenblicken, die man bis zur Todesstunde nicht vergisst, seien sie in Freundes- oder Feindesland erlebt.

Ich ließ mich von allem Gerede, von allem Enthusiasmus, aller Furcht und aller Hoffnung tragen. Nie im Leben hatte ich eine derartige Unentschlossenheit in mir gefunden, mein Heimatgefühl zog mich in mein Land zurück, nur die Mutter in mir verwahrte sich dagegen. Ich sah die Gefahren klar vor mir, denen ich mich aussetzte, wenn ich in Paris bleiben würde. Gab es aber etwas anderes für mich? . . . .

Immerhin fasste ich den Entschluss, noch einmal nach England zu fahren, um meine Kinder zu sehen und mündliche Rücksprache mit den Freunden zu halten. Ein ermüdendes Hin und Her, ein Suchen in allen Bureous nach einer Fahrtgelegenheit begann, aber es war vergebens. Die Abfahrenden unterlagen einer Kontrolle, der ich mich nicht unterwerfen konnte, da ich im Augenblick über kein genügendes Legitimationspapier verfügte. Das einzige, was ich erreichte, war, dass mir im Roten Kreuz Mlle. de M., Rue de Cirque 5, ein Empfehlungsschreiben für die Pension des Philanthropischen Vereins mitgab. Ich beugte mich dem Fatum und blieb.

Was mich weniger freute, war, in den Leiterinnen der Pension zwei Deutsch-Elsässerinnen, die Fräulein Kreutzer zu finden, deren Vater Postbeamter in Altkirch gewesen war, die aber nun ihr sogenanntes neues Vaterland glühend verteidigten. Was sie nicht hinderte, schlecht und recht Elsässer-Dütsch zu sprechen.

Seltsam, seltsam, als ich mein Gepäck halte, um die neue Wohnung zu beziehen, da erfasste mich auf einmal ein so unbeschreiblicher Schmerz, eine so unverkennbare Ahnung kommenden Unheils, dass mein Mund willenlos die Worte formte: „Warum bin ich geblieben?“ Und dieses Gefühl war derart scharf ausgeprägt, dass ich einen Augenblick schwankte: „Soll ich zum Bahnhof?“ . . . Noch war es Zeit. Doch dann schalt ich mich nervös, überreizt und . . . blieb!

Wäre ich nur geflohen! — —

Die nächste Zeit verging wie im Wirbel. Am dritten Tag bekam ich auf Grund meiner englischen Korrespondenz, der Wohnungsbescheinigung:

Philanthropische Gesellschaft 4. August 1914.

Ich bezeuge hierdurch, dass Frau I. Booth seit dem 3. August 1914 die Pension für Damen und junge Mädchen, Straße der Feuillantiner-Nonnen Nr. 12, bewohnt.

 

M. Kreuzer, Geschäftsführerin.

 

und der Empfehlungskarte des Roten Kreuzes meinen „Permis de séjour“. (Aufenthaltsschein.) Damit war ich vorläufig mit einem genügenden Ausweis versehen und fühlte mich so ziemlich sicher, zumal auf dem Papier vermerkt war, dass ich jederzeit die Stadt verlassen könnte.

Die Zeitungen überboten sich in prophetischen, jubelnden, siegesgewissen Prognosen und . . . gemeinen Lügen, die natürlich das Volk in jenen Zustand der Erregung brachten, die nötig ist, um — alles zu ertragen. Zuerst hieß es: „Eine deutsche Patrouille hat die französische Grenze überschritten und den französischen Posten erschossen.“ Dann: „Deutsche Patrouillen haben einen siebenjährigen Jungen, der im Scherz mit einem kleinen Holzgewehr auf sie anlegte, glatt vor den Mutteraugen erschossen.“ „Deutsche Truppen sind in Belgien eingebrochen.“

Dann kam der Hohn! Gedichte auf den Kaiser, die man auch nur andeutungsweise nicht wiederzusehen wagt; nicht weil es Majestätsbeleidigung wäre, sondern weil die Sprache darin eine so niedrige, so unsagbar gemeine war. Es tauchten die Schweinsköpfe auf mit dem deutschen Helm: „Guillaume II“!

Kreuzbombendonnerwetter — Schockschwerenot noch mal! — Ah — das tut gut — kann man auch nur ganz im geheimen dem Herzen Luft machen, es ist immerhin eine Erleichterung.

Vor der Welt war Mrs. Booth die leidenschaftslose Engländerin. die ganz in ihrer Arbeit aufging; in ihrem Stübchen aber, da durfte sie ruhig ja ein Schandblatt zu Boden werfen, darauf herumtreten und fluchen wie ein Unteroffizier.

Von einem jungen französischen Offizier bekam ich einen stolzen Brief: „Wir werden bald mit den Barbaren fertig sein — diese Hasen haben ja eine Heidenfurcht vor der blanken Waffe. Sobald sie die Bajonette sehen, heben sie die Hände hoch, mit hundert solchen Feiglingen wird doch ein Franzose fertig.

Ich komme bald zurück und bring Ihnen eine Flasche Rüdesheimer mit. Die flammende, aufrichtige Begeisterung unseres Volkes wird Ihnen eine große Freude sein!“

Hm, hm! Wenn dir diese Flasche Rüdesheimer nur nicht etwas teuer zu stehen kommt, mein Junge — musste ich unwillkürlich denken. — Und flammende — aufrichtige Begeisterung? Flammend, ja! Aber von Anbeginn an machte sie auf mich den Eindruck der Freude von Andern, die durch Versprechungen und Zukunftsbilder in eine jubelnde Erwartung hineingetrieben werden, die keine Enttäuschung erträgt.

Wir standen doch erst im Beginn des Kampfes, und schon sickerten langsam aber unaufhaltsam Gerüchte durch, die bald als böse Gewissheit Nachhall fanden; wie wenn schwere Tropfen in ein klingendes Becken fallen — das dröhnt und schwingt und will nicht verstummen. So dröhnte es in die Ohren derjenigen, die zu hören verstanden. Was half die flammende Begeisterung, was die suggestive Kraft sprühender, hochreißender Worte? Es blieb bestehen!

„Es“

Dies furchtbarste Schandmal volksmordender Korruption. „Es“! Dieses nie zu leugnende, dass diejenigen, die vom allzu vertrauenden Volk auserlesen waren, dem Lande zum Heil zu dienen, für ihre eigenen Taschen arbeiteten!

 

 

Wohnungs-Ausweis der Elsässerinnen Kreutzer in Paris (Übersetzung im Text)

 

Regiments-Abzeichen der “Queen Mary Own”, von Frau Brackel als Erkennungszeichen für die englischen Soldaten getragen.

 

Seit Mitte Juli bereiteten sich die Behörden auf den Krieg vor. Und als die Stunde schlug, da war nichts da, aber auch gar nichts, die Heere auszustatten. ganze Regimenter wurden zurückgestellt, weil die Magazine leer waren. Jeder eingezogen Soldat war verpflichtet, für zwei Paar Schuhe zu sorgen. Mit diesem selbstverschafften Schuhzeug sind sie hinausgezogen, und ich — ich habe sie wiederkommen sehen — mit absatzlosen, sohlenfreien Schuhresten, aus denen die armen, geschwollenen, wunden Füße blutend hervordrängten. „Wo waren die 54 Milliarden geblieben, die Frankreich zur kriegsfähigen Unterhaltung des Heeres hinausgeworfen hatte? Im wahren Sinne hinausgeworfen; denn da standen die Minister mit offenen Händen und hatten nur gerafft . . ., gerafft . . ., gerafft! Und ihre Taschen waren prall und voll geworden — die Magazine aber immer leerer.“

So murmelte man im Volk und sah mit schiefem Seitenblick die heimkehrenden Einberufenen an. Die fühlten die Schande!