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In seinen Lebenserinnerungen blickt der 1929 geborene Autor auf ein langes, erfülltes Leben zurück. Eine zentrale Rolle spielt des göttlichen Geistes Gegenwart – sie zieht sich wie ein roter Faden durch Helmut Harschs Leben und ihm folgt er. Sein Weg als evangelischer Theologe, Pastoralpsychologe und Psychotherapeut ist gekennzeichnet von vielen Wechseln und immer, wenn er sich zufrieden zurücklehnen könnte, zieht er weiter zu neuen Herausforderungen. Wichtige Stationen sind die Leitung der »Evangelischen Erziehungs-, Ehe und Familienberatung« und der Aufbau der »Evangelischen Telefonseelsorge« in München. Von 1974 bis 1991 ist er Professor für Pastoralpsychologie und Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Friedberg, danach gemeinsam mit seiner Frau viele Jahre in freier Praxis als Psychotherapeut tätig. Seine Affinität zur Transaktionsanalyse, die er bei mehreren Studienaufenthalten in den USA kennenlernt, ist – wie seine tiefe Menschlichkeit und Empathie – prägend für seine Arbeit in allen Bereichen.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2025
Helmut Harsch
Zufall – Ereignis – Geistesgegenwart
Helmut Harsch
Lebenserinnerungen
edition fischer im R. G. Fischer Verlag
Das Umschlagsfoto und alle Fotos im Buch sind privaten Ursprungs.
Bibelzitate nach Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2025 by R. G. Fischer Verlag
Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Bergamo
Herstellung: rgf/2B
ISBN 978-3-8301-9403-3 EPUB
»Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.«
Wilhelm von Humboldt
Ich bedanke mich bei meinem geschätzten Freund Dr. Bernd Wehner und seiner Frau sowie bei meinem Neffen Friedhelm Harsch, die mich bei der Erstellung meiner Lebenserinnerungen sehr unterstützt haben.
Einleitung
Herbsttag – warum ich meine Lebensgeschichte aufschreibe
Wie dieses Buch entstanden ist
Jugendjahre und Prägungen
1. Meine Familien- und Geburtsgeschichte
2. Meine Kindheit in der Hermann-Hesse-Stadt (Calw 1929–1934)
Geborgen und begrenzt
3. Jugendjahre im bayerischen Sibirien (Hof 1934–1942)
Non scholae, sed vitae?
Die Erfahrung des Dritten Reichs
4. Bomben auf des Reiches Schatzkästlein (Nürnberg 1942–1948)
Schule und Feuer
Es geschehen noch Wunder
Meldung zur Kriegsmarine und ihre Folgen
Das letzte Aufgebot
Rückmarsch
Erdung – Vorübungen für den sensiblen Umgang mit Menschen
Ausbildung und Studium
5. Studium der evangelischen Theologie
Erste theologische Gehversuche
Mein Studium in Erlangen (WS 1948–SS 1953)
Das Sommersemester 1952 – Exkurs in Tübingen
Am methodistischen Predigerseminar in Frankfurt/Main (WS 1953/54)
Am Richmond Seminar in Surrey und ein »Glücksfall« in der »German Mission« (1954/55)
Entfaltung im Berufsfeld
6. Fortsetzung der Ausbildung und erste Arbeitsstellen
Versetzung in die Ev.-methodistische Gemeinde Ludwigsburg/Kornwestheim (1956/57)
Fokussierung auf die therapeutische Ausbildung (1957–1960)
Erfahrungen als Religionslehrer
Erste Patientinnen und Patienten
Gewissheit des eigenen Weges
7. Wissenschaftlicher Assistent für praktische Theologie bei Prof. Uhsadel in Tübingen (1962–1965)
8. Gründungsleiter der evangelischen Beratungsstelle in München (1965–1974)
9. Neue Horizonte und ihre Folgen (1972–1974)
Gründung der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie
Studienaufenthalt in Hazelden/Minnesota (Klinik für Alkoholiker und weitere Suchtkranke – März bis Juli 1972)
Meine eigene Erfahrung als Patient in Hazelden
Hazelden: Fall einer Patientin
Weiterbildung in Hazelden
Hazelden begleitete mich noch lange
10. Meine Geschichte mit der Transaktionsanalyse (TA)
11. Professur für Pastoralpsychologie und Seelsorge am Theologischen Seminar der ev. Kirche in Hessen und Nassau in Friedberg/Hessen (1974–1991)
Kein leichter Einstieg
Ausbildung in der Seelsorge
Auseinandersetzungen
Stationen der Begegnung – Bericht von Thomas Born
Erfahrungen aus meiner Praxis
12. Eine Wunder-volle Zusammenarbeit (1991–2013)
13. Die Marathons und wie wir sie erlebten
Margret
Rudi
Gaby
Bernd
Die Marathons aus meiner Sicht
Traumarbeit mit Susanne und Peter
14. Wenn der Dämon erscheint – meine dramatischste Therapie
15. Ruhestand
Herbsttage
Höhepunkte
Bibliografie
Mein gewohntes Lebensgefühl änderte sich plötzlich: Im Herbst 2014 verstarben innerhalb von vier Wochen meine drei älteren Geschwister und mein Schwager. Und ich verstand mit einem Mal: Da ist niemand mehr vor mir! Mein Leben ist begrenzt! Es geht nicht immer »einfach so weiter«.
Im selben Jahr hörte ich auch auf, als Psychotherapeut mit Patienten zu arbeiten. Was würde das für mein Selbstgefühl bedeuten? War ich von der Arbeit mit Patienten abhängig? Würde ich in ein Loch fallen?
Nichts dergleichen geschah, dafür mehrten sich die Zeichen einer Demenz bei meiner Frau Karin, mit der ich seit Weihnachten 1955 verheiratet war. So wie wir unser Leben gemeinsam führten, hatten wir natürlich nie an die Möglichkeit einer Demenz gedacht. Aber dann brach sich Karin 2015 einen Oberschenkelhals. Nach der Operation traten erste Halluzinationen auf und ich bemerkte, dass ich Karin nicht mehr gerecht werden konnte. Ihre gesundheitliche Situation spitzte sich derart zu, dass auch die Unterstützung durch Pf legerinnen aus Polen nicht verhindern konnte, dass ich Karin im März 2016 schweren Herzens in ein Pf legeheim geben musste. Dabei hatten wir uns doch gegenseitig versprochen gehabt, dies niemals zu tun.
Wie schwer es ist, ein gutes Heim zu finden und dann auch noch möglichst ohne lange Wartezeit – das müssen viele Familien erleben. Zu meiner großen Überraschung und Erleichterung bekamen wir dann doch innerhalb einer Woche einen guten Platz in einem qualifizierten Haus. Wieder erfuhr ich somit eine große Veränderung in meinem Lebensgefühl – meine Frau verabschiedete sich nach und nach von dieser Welt; ich war nun allein.
2017 nahm ich einen jungen syrischen Flüchtling als Mieter in unser Haus auf, mit dem ich Deutsch lernte und der mir einen Zugang zu seiner Kultur vermittelte. Neben Freunden und Verwandten gab und gibt es auch herzliche Kontakte zu ehemaligen Patienten, die in der Umkehrung der alten Situation mir nun etwas zurückgeben von dem, was sie von uns bekommen haben. Das erlebe ich auch als ein Ernten der »letzten Früchte« der gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit von Karin und mir.
Mit dem Tod von Karin am 1. August 2018 wurde dann noch deutlicher, dass ein neuer Lebensabschnitt für mich begonnen hatte, und als unsere geliebte, allzeit hungrige Labradorhündin Kira auch noch verstarb, verstärkte sich diese Klarheit: Ich war vor eine neue Realität gestellt.
Seit Herbst 2019 wohne ich nun in Nürnberg, wohin ich nach dem Verkauf unseres Hauses in Langenhain gezogen war.
Hier im Senioren-Wohnheim Martha-Maria finde ich jetzt Zeit, auf mein Leben zurückzublicken. Die Veränderungen in meinem Leben fühle ich in diesem Gedicht von Rainer Maria Rilke gut zum Ausdruck gebracht:
Herbsttag
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Ich bin überrascht und angesprochen davon, dass der Atheist Rilke das Thema »Reifung und Lebensabschluss« wie ein Gebet formuliert. Er spürt, scheint es mir, dass Abschiednehmen ein religiöser Vorgang ist, der in der Tiefendimension menschlichen Lebens wurzelt. Zugleich spüre ich das Drängende in diesem Gedicht: Es ist Zeit! Daraus wird für mich der Appell: Jetzt ist es Zeit, meine Lebenserinnerungen endlich aufzuschreiben. Vielleicht ist das »Just in time …«.
Die dritte Strophe ist melancholisch gestimmt und spricht meine Gefühlswelt an, wenn mich manchmal in der Nacht dunkle Gedanken und Ängste heimsuchen und ich die warme Hand vermisse, zu der ich dann hinübergreifen konnte. Wo ist die körperliche Gegenwart der vertrauten Gesprächspartnerin so vieler Jahre? Ist da noch jemand, den ich liebe, und der mich liebt? Bin ich allein?
Warum schreibe ich diese Lebensgeschichte?
Wenn ich in manchen Gesprächen bei Verwandten und Freunden aus meinem Leben erzählt habe, dann sagten sie immer: Das müsstest du aufschreiben, das ist interessant. Das habe ich lange nicht getan, aber nun bin ich 95 Jahre alt und ich meine, dass es an der Zeit ist, das Angefangene auch zu einem Ende zu bringen, wenn es überhaupt einen Sinn haben soll.
Wenn ich nun auf mein Leben zurückblicke, dann erkenne ich diesen roten Faden, der sich von Jugend an durch mein Leben zieht: In vielen Ereignissen meines Lebens, die auf den ersten Blick als zufällig erscheinen, kristallisierte sich für mich sehr schnell die Gegenwart des guten Geistes Gottes heraus. Gottes Stimme, die in mir spricht – sie hat mich mein Leben hindurch begleitet. Der Titel meines Lebensrückblicks soll dies verdeutlichen.
Die Gegenwart des guten Geistes Gottes hat mich auch in den letzten Veränderungen des Alters begleitet. Dafür bin ich im Tiefsten dankbar. Und wenn ich nun meine Erinnerungen aufschreibe, will ich den Spuren von des Geistes Gegenwart nach-spüren. Er war immer bei mir, manchmal deutlich zu hören und zu erleben, manchmal verborgen. Doch immer tragfähig und dem Leben zugewandt. Davon will ich erzählen.
Die Zeiten nach dem letzten Weltkrieg waren ungeheuer bewegte Zeiten des Aufbruchs und der Veränderung, die ich auch in und mit meiner Arbeit mitgestalten und begleiten konnte. Ich bringe damit meine Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse zum Ausdruck, einerseits für mich selber, andererseits auch für Freunde, Verwandte, ehemalige Patienten und auch für andere Menschen, die diese Zeiten vielleicht ähnlich erlebt haben.
Ich habe außer der Psychoanalyse noch etliche andere Therapiemethoden erlernt und angewandt und daraus meinen eigenen Stil entwickelt, der auch von meinen Patienten als solcher erlebt wurde.
Eine große Veränderung brachte für mich das Kennenlernen der Transaktionsanalyse bei meinem Amerikaaufenthalt in Hazelden 1972. Ich bin einer jener Leute gewesen, die 1975 die Deutsche und Europäische Gesellschaft für Transaktionsanalyse gegründet haben. Ab 1990 habe ich mich von der Transaktionsanalyse etwas entfernt, habe jedoch trotzdem das Wissen um ihre Theorien und ihre Systematik weiterverwendet, um nach einer Therapie deren dynamischen Ablauf auch dem Verstehen des Patienten zugänglich zu machen. Ich habe aber auch andere Elemente in meine Therapien aufgenommen, zum Beispiel habe ich wieder bevorzugt mit Träumen und deren Deutung gearbeitet, wie in meinen psychoanalytischen Anfängen, allerdings nun vor dem Hintergrund jahrzehntelanger therapeutischer Erfahrung. Von den damit erreichten überraschend positiven Ergebnissen möchte ich gerne einige berichten, um Kollegen und Patienten zu ermutigen, sich auch diesem Tiefenweg anzuvertrauen. Das gilt auch für die gemeinsame Arbeit mit Paaren, um deren unbewusste Paardynamik erlebbar zu machen.
Und nun geht es los.
Als Helmut nach seinem 90. Geburtstag – für uns überraschend – nach Nürnberg zog, haben meine Frau und ich den Kontakt zu ihm intensiviert. Mir war bekannt, dass Helmut schon seit längerem an seiner Biografie gearbeitet hatte, es aber nicht so recht vorwärts ging. Deshalb habe ich ihm meine Unterstützung angeboten, auch aus einer gewissen Dankbarkeit heraus für all das Positive, das wir durch ihn erfahren haben (s. Kapitel Marathons). Und so haben wir ihn ab 2020 regelmäßig zu uns geholt, um an seiner Biographie zu arbeiten. Helmut fiel es wesentlich leichter, uns seine Geschichte einfach zu erzählen, als sie selbst mühsam am PC niederzuschreiben. Da wir alles mit einem Diktierprogramm aufgenommen haben, konnte ich hinterher die Niederschriften bearbeiten (Helmut hat ja nicht diktiert, sondern erzählt, also ohne Punkt und Komma sozusagen) und alles mit einigen bereits vorhandenen Texten als Gesamtwerk zusammenstellen. Da unsere Treffen aber nicht ausschließlich der Arbeit an Helmuts Biografie galten, ist im Lauf der Zeit aus einem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine enge freundschaftliche Beziehung gewachsen. Helmuts Neffe hat dann den Gesamttext nochmals überarbeitet und gut lesbar gestaltet. Abschließend haben wir zusammen mit Helmut die Bilder ausgewählt, die das Erzählte veranschaulichen mögen.
Dr. med. Bernd Wehner
Es ist der 27. Januar 1929 in Calw, Württemberg, der Heimatstadt Hermann Hesses. Es ist spät in der Nacht, 23:00 Uhr. Die Atmosphäre ist sehr frostig. Nach einem warmen Januaranfang ist nun, gegen Ende des Monats, das Thermometer auf fast minus 30 Grad gefallen. Eine kleine Frau, hochschwanger, quält sich in der Kälte alleine den Berg zum Calwer Krankenhaus empor. Es ist Sonntag. Ihr Mann, ein Methodistenpastor, ist irgendwo auf einer seiner Außenstationen unterwegs. Diese kleine Frau ist schon 42 Jahre alt, hat schon drei Geburten und eine Abtreibung hinter sich und ist gerade dabei, ihr viertes Kind zur Welt zu bringen, das sie gar nicht mehr wollte. Sie hat von den Männern genug, und wenn nun ein weiteres Kind kommt, dann soll es wenigstens ein Mädchen sein, weil die doch so viel leichter zu erziehen sind! Kälte, Anstrengung und Anspannung lassen sie zittern: Was wird das für ein Kind? Mit diesen sorgenvollen Gedanken und Erwartungen, was wohl jetzt aus ihrem Bauch herauskommen wird, steigt sie den Berg empor. Später wird sie erzählen, dass ihr in dieser Situation ein Bibelwort Halt gegeben hat, das sie auf ihrem Weg wie ein Mantra wiederholt: »Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.« (Josua 1,9)
In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich manches Mal gestaunt, wie sich vorgeburtliche Ereignisse prägend auf das spätere Leben auswirken. Und so auch hier! Dieses Bibel-Mantra war nicht nur meiner Mutter in ihrer Not und Anspannung ein Halt und eine Hilfe, sondern wurde sozusagen in utero ein Leitspruch für mein Leben. Gott ist in meinem Leben immer wieder auf sehr unterschiedliche Weise in Erscheinung getreten: In der äußeren Welt durch Menschen, die mir an Knoten- und Entscheidungspunkten meines Lebens hilfreich zur Seite standen. Und in meinem Inneren habe ich ihn als »Stimme« gehört, die mich innehalten hieß, wenn Gefahr drohte, oder die mir Mut machte, ganz neue und ungewohnte Wege zu gehen. Im Kreißsaal ist es eiskalt, die Heizungen im ganzen Haus sind eingefroren. Nur ein kleines elektrisches Heizöfchen brennt noch. Dann, nachts um 0:30 Uhr, wird das Kind geboren. Die Geburt verlief ohne Komplikationen. Aber es war sehr kühl, eine ziemlich kalte und abweisende Welt, nicht nur nach außen, sondern auch innerlich von den Gefühlen her: »Es ist ein Junge!«. Was ging da wohl in meiner Mutter vor, als ihr die Hebamme diese Botschaft brachte? Ich kann das nur ahnen und aus ihrem späteren Verhalten schließen.
Heute glaube ich, dass sie die Tatsache, dass ich als Junge zur Welt kam, gar nicht an sich herangelassen hat. Fotos aus meinen ersten Lebensjahren zeigen mich als Mädchen: Ich wurde entsprechend gekleidet und frisiert, erzogen und behandelt. Und ich selber wusste: Ich sollte eigentlich ein Mädchen sein! Und dann 14 Jahre später dieser Konfirmationsspruch: »Stehet fest im Glauben, seid männlich und seid stark!« (1. Korinther 16, 13–14) Den hatte mein Vater, der mich auch konfirmiert hat, ausgesucht, wohl in Absprache mit meiner Mutter. Ich war darüber nur wütend: Erst sollte ich ein Mädchen sein, dann aber doch ein Mann? Was denn nun? Wer oder was soll ich wirklich sein? Natürlich habe ich mit meinen Eltern darüber nicht gesprochen. Das tat man damals nicht, und bei uns erst recht nicht …
Familie Harsch, Helmut als Mädchen auf Mutters Schoß
Deshalb ist es vielleicht ganz gut, einen Blick zurückzuwerfen auf die kühle Atmosphäre in dieser Familie.
Meine Mutter hatte sich als Christin ganz bewusst vorgenommen, ihre Kinder gleichermaßen anzunehmen und zu lieben. Aber eine andere emotionale Botschaft war für mich deutlich spürbar: Zu mir gab es kein unbedingtes, uneingeschränktes »Ja« – sondern nur ein bedingtes: »Ja, du darfst leben, aber nicht als Mann!«
Das spürte ich zwar jeden Tag, hatte aber davon kein rechtes Bewusstsein, und ich hätte es auch nicht zum Ausdruck bringen können. Ich war vielmehr jahrelang überzeugt davon, ich hätte eine glückliche Kindheit gehabt. Das lag vor allem an der Wärme und Geborgenheit des kleinen, idyllischen Städtchens Calw im Nagoldtal am Ostrand des Schwarzwalds.
Sehr viel später lernte ich die Transaktionsanalyse kennen und erfuhr von Eric Berne. Dem war dieses Phänomen sehr wohl vertraut. Er prägte dafür den Begriff der »frühen Einschärfung« und den der diese korrigierende, späteren »Gegeneinschärfung« und untersuchte und beschrieb die schwerwiegenden Folgen dieser widersprüchlichen Botschaften für das spätere Leben.
Mein Vater war Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche. Schon das war in meiner Kindheit ein Punkt des Leidens, wenn andere Kinder fragten, was das denn sei: Methodisten! Und sie hatten die schlimmsten Vorstellungen von Sekte und Aberglauben oder sonst was. Also stellt sich die Frage, wer oder was diese Methodisten, die einen so seltsamen Namen tragen, eigentlich sind.
Die Methodisten entstanden im 18. Jahrhundert als eine Erweckungsbewegung innerhalb der anglikanischen Kirche in England. Ihr Gründer, John Wesley, betonte die persönliche Bekehrung und die Bedeutung von Glauben und Gnade. Die Methodisten predigten in der Arbeiterklasse und setzten sich für soziale Reformen ein. Sie entwickelten eine starke Gemeinschaft und organisierten sich in kleinen Gruppen, den sog. »Klassen«. John Wesley selbst trennte sich nicht von der anglikanischen Kirche. Die Bewegung breitete sich schnell aus, auch in die USA. Als seine Prediger dorthin gingen, ordinierte er für diese neue Kirche in Übersee einen eigenen Bischof. Dort heißt sie seitdem »bischöfliche Methodistenkirche«, wurde unabhängig und wuchs zu einer der größten protestantischen Denominationen heran. Nach Deutschland kam der Methodismus direkt aus England und aus den USA. Beide Richtungen vereinigten sich 1897 zur »evangelisch-bischöflichen Methodistenkirche in Deutschland«. Heute sind die Methodisten weltweit aktiv und engagieren sich in sozialen Projekten und missionarischer Arbeit.
Laut aktuellen Statistiken (2021) gibt es in Deutschland etwa 60.000 Mitglieder in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK).
Zu meiner Familie zurück: Sie war also tief im Methodismus verankert. Schon meine Mutter Olga, geb. Rohner, stammte aus einer Pastorenfamilie. Ihr Vater war Schweizer und ihre Mutter stammte ebenso aus der Schweiz. Sie selbst ist aber in Deutschland geboren, und wir haben zu Hause nicht schweizerisch, sondern immer Hochdeutsch gesprochen. Mein Großvater war der älteste Sohn einer Witwe mit noch weiteren Kindern. Und er war sicher von daher schon in seinen Jugendjahren ein sehr besorgter und sorgfältiger junger Mann. Aber dann bekam er den inneren Ruf ins Predigtamt der Methodistenkirche und er ging in ein Seminar in der Schweiz, um sich ausbilden zu lassen. Dabei lernte er ein junges Mädchen namens Louise kennen, aus Rohrschach am Bodensee. Die beiden verliebten sich und beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Meine Großmutter Louise lernte Krankenpf lege im Krankenhaus Bethanien, einem methodistischen Krankenhaus in Frankfurt am Main, und mein Großvater Emil ging in das methodistische Predigerseminar, auch in Frankfurt. Und als sie das abgeschlossen hatten, haben sie geheiratet.
Louises Eltern, ihr Vater war Fabrikbesitzer, haben sie in der Folge enterbt, weil der Partner nicht standesgemäß erschien. Daraufhin hat sie von ihrem Mann das Versprechen verlangt, nie wieder in die Schweiz zurückzukehren, sonders als Methodistenpastor in Deutschland zu arbeiten, was sicher eine hohe Zumutung war für alle Beteiligten. Somit wurde meine Mutter in Deutschland geboren, und wir haben deshalb auch immer nur Hochdeutsch zu Hause gesprochen. Sie hat auch einige Jahre das Lyzeum besucht. So konnte sie so etwas wie die Mittlere Reife erreichen. Um gutes Französisch zu lernen, ging sie für ein Jahr in die Schweiz nach Neuchâtel zu einer älteren Dame, wo sie bald an deren Sparsamkeit verhungert wäre. Aber sie hat’s durchgehalten und hat perfekt Französisch gelernt – zum Ärger für uns Kinder. Denn wenn unsere Eltern etwas für sich besprechen wollten, dann sprachen sie einfach Französisch. Anschließend war meine Mutter dann als Gouvernante bei einem Professor und dessen Familie in Gießen für die Erziehung der Kinder zuständig. Sie war sehr beliebt in dieser Familie und sogar auch mit im Urlaub in Biarritz an der Biskaya gewesen. Wobei ich mir das schwer vorstellen kann: Meine Mutter am Strand beim Baden!
Schon meine Mutter stammte also aus einer Pastorenfamilie und lebte auch völlig in dem Geist, in den Liedern und den Gebetsformen dieser Familie. Mein Vater kam aus einer Methodistenfamilie in Ludwigshafen am Rhein. Er war der älteste Sohn dieser Familie und arbeitete bei der Firma Merck als Technischer Zeichner. Und als junger Mann bekam er dort den inneren Ruf, Methodisten-Pastor zu werden. Er machte ebenfalls in dem Predigerseminar in Frankfurt am Main seine Ausbildung.
Als mein Vater damit fertig und schon als zweiter Prediger in einer Gemeinde tätig war, hat er in Gießen in einer Versammlung, die er dort abhielt, eine junge Frau gesehen, eben diese Olga. Nun ja, die beiden trafen sich also in einem Gottesdienst in Gießen und meine Mutter hatte, als sie meinen Vater sah, sofort den Eindruck: Das ist der Mann, den ich heiraten werde. Und es kam auch so.
Doch dann kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Mein Vater wurde als Sanitäter eingesetzt, als Entgegenkommen, damit er als Pastor keine Menschen töten müsse. Er brachte es bis zum Gefreiten und war in der Schlacht vor Verdun mit dabei, in einem Lazarett, das vollständig unter der Einsicht und dem Beschuss der Franzosen lag. Die dachten wohl, da es dort so ein heftiges Hin und Her und so viel Verkehr gab, dass da irgendeine krumme Sache der Deutschen ablaufen würde, und haben da ordentlich draufgeschossen. Und eines Tages, am 9. März 1917, ist eine Granate außen vor der Mauer eingeschlagen – als mein Vater gerade einen deutschen Soldaten rasierte – und hat die Mauer eingedrückt, die ihm den Arm zertrümmerte. Er kam ins Lazarett und war anschließend mit diesem zusammengeflickten Arm nicht mehr gefechtstauglich und wurde deshalb aus dem Dienst entlassen.
Meine Eltern konnten dann 1917 in Bayreuth heiraten. Sie haben danach an verschiedenen Orten Methodistengemeinden betreut. Die erste Tochter, Luise, wurde 1918 in Bad Kreuznach geboren. Danach kamen meine Eltern nach Düsseldorf, wo 1920 das zweite Kind, mein Bruder Emil, auf die Welt kam. Das war wohl die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen, denn damals war gerade die Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Diese hatten den Eindruck gehabt, dass die deutsche Regierung zu wenig Reparationen leistet, und um ihr Druck zu machen, haben sie das Ruhrgebiet besetzt. Die deutsche Regierung hat wiederum den passiven Widerstand der deutschen Kumpels finanziell unterstützt, hat sich dabei aber so verausgabt, dass der deutsche Staat pleite ging und es zur Inf lation kam. Das Ruhrgebiet wurde von einer Hungersnot heimgesucht. Und was sollte meine Mutter mit zwei hungernden Kindern machen? Wie sollte sie diese ernähren? Mein Vater hatte zwar seinen Gemeindebezirk, dort gab es auch Leute, die zum Beispiel Hühner oder anderes Vieh hatten. Vermutlich hat sich mein Vater aber irgendwie gescheut, um etwas zu bitten oder zum Beispiel seinem Bischof zu schreiben, dass die Kirche sie doch mit Lebensmitteln unterstützen solle. Meine Mutter muss ziemlich verzweifelt gewesen sein, ihren Kindern beim Verhungern zusehen zu müssen.
Erst in den letzten Jahren habe ich erfahren, dass meine Mutter damals in Düsseldorf einen französischen Offizier kennen gelernt hatte, und sich zwischen ihnen wohl eine Beziehung anbahnte – freiwillig oder unfreiwillig –, die sicher darauf beruhte, dass er ihr Nahrungsmittel gab für ihre Kinder aber im Gegenzug dafür sexuelles Entgegenkommen erwartete. Sie wurde schwanger. So etwas war ja unvorstellbar bei einer Pastorenfrau! So kam es zu einer illegalen Abtreibung auf dem Küchentisch. Andeutungsweise hatte sie das einmal erwähnt, aber wirklich vorstellen konnten wir uns das absolut nicht, bis nach einigen Jahren dieses Geschehen von uns Kindern angenommen werden konnte. Dass meine Mutter nach dieser Erfahrung die Nase von Männern voll hatte, glaube ich ganz gut verstehen zu können.
Diese schreckliche Zeit in Düsseldorf haben sie mühsam überlebt und kamen danach, 1925, nach Nagold. Das war ja wie aus der Hölle in den Himmel zu kommen. Diese wunderbare Kleinstadt im Nagoldtal. Da haben sie nach der älteren Schwester Luise und dem Bruder Emil 1927 ein drittes Kind bekommen, ein goldgelocktes Mädchen, meine jüngere Schwester Edith. Aber die Zeit dort war nur kurz. Nach zwei Jahren hat man sie schon weiter versetzt in die Kreisstadt Calw, denn dort war die Kapelle marode. Sie hatte den Schwamm und mein Vater wurde immer dorthin geschickt, wo es was zu tun und zu restaurieren gab. Es wird wohl an meines Vaters Geburtstag, am 20. April 1928, gewesen sein, dass meine Eltern noch einmal miteinander geschlafen haben. Wahrscheinlich hatte mein Vater die Bitte: »Schlaf doch noch mal mit mir.« Meine Mutter wurde sofort schwanger, wollte das aber gar nicht. Der Konf likt war also da. Diesmal endete es aber nicht mit einer Abtreibung. Zwar wurde sie von ihrem Mann nicht unterstützt, aber das Kind wurde ausgetragen. Zur Geburt musste sie dann in dieser unheimlich kalten Nacht allein den Berg hochsteigen. Ihr Mann hatte sich zwar für Olga als seine Frau entschieden, es aber offenbar nicht geschafft, sie zu begleiten. Aber wahrscheinlich war das damals auch nicht so üblich. So, das war mein Eintritt in die Welt, ziemlich kühl.
Noch einmal zurück zu meinen Vorfahren. Während meines Aufenthaltes in Hazelden 1972 habe ich da so meine Entdeckungen mit mir und meiner Familie gemacht. Ich entdeckte, dass Alkohol in meinen beiden Familien, also der Familie meines Vaters und meiner Mutter, eine Rolle gespielt hat, was ich mir bis dato nicht so klargemacht hatte.
Bei meinem Vater war es ein Onkel, der im Krieg 1870/1871 an der Belagerung Straßburgs durch bayerische Truppen teilgenommen hatte. Und die hatten damals Cholera und alle möglichen Erkrankungen, die sie mit Alkohol therapierten. Er kam dann aus dem Krieg als Alkoholiker nach Hause und hat das Kapital seines Geschäftes, das er gegründet hatte, und in dem auch meine Großeltern arbeiteten, versoffen. Für meinen Vater war deshalb Alkohol ein psychisches Problem. Und ich merkte, wenn er einmal mehr als drei Flaschen Wein zu Hause hatte, dann hat dies irgendeine Angst in ihm mobilisiert. Er selbst war aber nicht süchtig.
In der Familie meiner Mutter war das Thema Alkohol auch sehr gravierend. Ihr Großvater, Ulrich Rohner, war Appenzeller. Der Kanton Appenzell war eine sehr arme Gegend. So haben dort auch die Männer gelernt, durch Stickerei zum Unterhalt beizutragen und dem Hunger und Elend zu trotzen. Ja, dieser Ulrich, also mein Urgroßvater, der war nicht nur Sticker, sondern er war auch Künstler und hat Stickmuster entworfen. Er unterhielt viele Kontakte zu anderen Künstlern. Man saß oft zusammen und hat dabei ausgiebig getrunken. So wurde er im Lauf der Jahre süchtiger Alkoholiker. Und deshalb hat sich seine Frau mit ihren Kindern von ihm getrennt. Eine sehr tragische Geschichte. Als er im Appenzeller Kantonshospital im Sterben lag, bat er sie, zu ihm zu kommen, um sich zu verabschieden. Das hat sie abgelehnt, ist nicht hingegangen. Seine Frau kam nicht zu ihm, als er sie darum bat! Darunter litt sie später sehr und hatte ein Leben lang schwere Schuldgefühle. Für meinen Großvater hatte es zur Folge, dass er nun seiner Mutter an Stelle des Vaters Halt geben musste. Als ein sehr braver Junge hat auch er dann die Stickerei ausgeübt. Später bekam er einen inneren Ruf, Methodistenprediger zu werden, was seine Familie vehement ablehnte. Meine Urgroßmutter hat einmal verärgert zu ihm gesagt: »Mir wäre es lieber, du würdest dort drüben liegen, als zu den Methodisten zu gehen!« und dabei hat sie auf den Friedhof gezeigt, der neben ihrem Wohnhaus lag. Er hat dann mit seiner Familie gebrochen und ist als Prediger nach Deutschland gegangen. Deshalb das Paradox, dass meine Mutter als Schweizerin nicht in der Schweiz, sondern in Dillenburg geboren wurde.
Ich sehe beim Schreiben dieses Buches mit Erstaunen, von was man alles in seinem Leben abhängig ist. Wie sich die Eltern verstanden haben, was in ihrem Leben geschehen ist, und wie sich das auf mein Leben ausgewirkt hat. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen, nicht als Mann angenommen worden zu sein. Ich sollte ja ein Mädchen sein, da die leichter zu handhaben sind. Diese Nichtannahme als Mann trage ich meiner Mutter jedenfalls nicht mehr nach, da ich in meinem Leben – besonders als Therapeut – gemerkt habe, dass auch diese weibliche Seite in mir ein ganz wichtiges Element ist für mein Leben und auch mein Arbeiten mit anderen Menschen. So konnte ich nicht nur Vater, sondern auch Mutter sein, und zwar nicht nur aufgesetzt, sondern wirklich auch von meinem inneren Gefühl her (vgl. Kapitel 14: »Wenn der Dämon erscheint«). Ich konnte mich dann auch selber annehmen als derjenige, der zwei Seiten in sich trägt, nicht nur eine.
Methodisten-Kapelle in Calw ca. 1928
Direkt neben dem Stadtpark mit seinen alten hohen Tannen, vor der alten Stadtmauer auf der Talseite, dem Schwarzwald zu, lag in der Straße »Im Zwinger« die Kapelle der Methodistengemeinde Calw mit der Predigerwohnung im ersten Stock über dem Kirchensaal. Wenn das Fenster im Kinderzimmer offen stand, hörten wir nachts das beruhigende Plätschern des Springbrunnens, den es leider nicht mehr gibt. Aus den vorderen, nach Osten gewandten Zimmern ging der Blick über das Städtchen und das enge Tal hin zur anderen Talseite, die sich mit ihren Häusern und ihrem lockeren Baumbestand bereits ins »Gäu« hinein, in Richtung Stuttgart, öffnete. Haus, Kirchensaal, Kapelle, Terrasse, hohe Bäume, weiter Blick – das war für mich eine eng umschlossene, geborgene Welt. Dieser kleine Kosmos öffnete sich im Laufe der Zeit ins Städtchen hinunter: Zum Marktplatz mit den Fachwerkhäusern und dem Rathaus mit seinen großen Hallen. Der Wochenmarkt war bunt und voller Trubel, und einmal verlor ich im Gedränge des Marktbesuchs für einen ängstlichen Augenblick die Mutter.
