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Manchmal sind die Erinnerungen anders, als die Ereignisse in Wirklichkeit waren. Und manchmal führen unsere Spuren zurück in eine andere Richtung, als beabsichtigt war. Und wir werden nie wissen, wie es gewesen wäre, wenn wir die eine oder die andere der vielen Abzweigungen gewählt hätten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Vorhersage und Prophetie… ♥
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Zufallswege
Kapitel
LENA & EDUARD
MAYA & SAMU
ROMY & JULES
ANNIKA & CARLOS
LISA & VINCENT
ILONA & PEPE
ORTE
TOURISTIK
PERSONEN (u. a.)
Bulgarisch
Impressum
Zu diesem Buch
Manchmal sind die Erinnerungen anders, als die Ereignisse in Wirklichkeit waren. Und manchmal führen unsere Spuren zurück in eine andere Richtung, als beabsichtigt war. Und wir werden nie wissen, wie es gewesen wäre, wenn wir die eine oder die andere der vielen Abzweigungen gewählt hätten.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Vorhersage und Prophetie…
Wahre und verzerrte Geschichten von Verlust, Hoffnung, Traurigkeit, Optimismus, Liebe, Unsicherheit, Zuwendung, Freude und Erfüllung.
♡
Irene Lajtonyi Zufallswege Roman
Für meine Schwester ♡ Lisa, unersetzliche Freundin meines Lebens
LENA & EDUARD
Lena Sturm, geborene Bergbrunn * 1913 † 2008 Eduard Sturm * 1906 † 1971
MAYA & SAMU
Maya Lackner, geborene Sturm * 1933 Samu (Samuel) Lackner * 1921 † 2014
ROMY & JULES
Romy Lackner, geborene Sturm * 1936 Jules Lackner * 1919 † 2005
ANNIKA & CARLOS
Annika Moreno, geborene Sturm * 1944 Carlos Moreno * 1942
LISA & VINCENT
Lisa Lackner * 1956 † 2010 Vincent Brown * 1955
ILONA & PEPE
Ilona Ivanov, geborene Lackner * 1958 Pepe (Petko) Ivanov * 1960 † 2015
„Vielleicht kann man ihn retten…“
Lenas Blick richtete sich nicht an uns, sondern zum Boden. Das lichtgedämpfte Wohnzimmer war gefüllt von Stille, Trauer, Bedrückung. War der Schuss eine Kurzschlusshandlung? Es war ein Sonntag im Mai 1971.
Bis dahin war das Fundament unter meinen 13-jährigen Füßen robust, und vor allem solide. Das große Erdbeben 1960 (ich war gerade mal zwei) sollte mir vielleicht einen Hinweis auf bevorstehende Launen des Lebens sein, aber darin war ich definitiv noch nicht eingeweiht. Niemals habe ich erlebt, dass meine Eltern sich stritten. Ich wuchs mit meiner zwei Jahre älteren Schwester Lisa in einem Bündnis voller Optimismus und umsichtiger Beständigkeit auf, unter einem Giebel der Harmonie. Das Glück meiner Eltern lag an der sich gegenseitig unausgesprochenen Zuverlässigkeit. Und an den Zwischenräumen, die sie in ihrer Zweisamkeit respektierten. Streit war mir unbekannt. Laut wurde es nur, wenn Samu, mein Papá, Witze erzählte. Er war ein geistreicher Mensch. Klug schöpferisch erheiterte dieser Ungar seinen gesamten Lebenskreis. Sein Humor war ansteckend und manchmal konnte er seine Witze gar nicht zu Ende führen, da er sich schon – vor der Pointe – selbst seinem eigenen Gelächter ergeben musste.
Der Sonntag im Mai 1971 desorientierte radikal alle Gedanken.
Philippe Djian fragt in seinem Buch ‚Betty Blue‘: „Warum sind wir immer die Wurzel all unserer Übel?“
Seitdem ich diese Frage gelesen habe, begleitet sie mich. Und ja, vielleicht verantworten wir selbst den einen oder anderen Missstand, in welchen wir geraten. Aber manchmal – oftmals – können wir nichts für das Leid oder den Kummer, den wir ertragen sollen.
Der Abschiedsbrief:
Meine liebe, liebe Lena, liebe Kinder! Ich bin am Ende. Meine Schmerzen lassen mich nicht in Frieden und meine Nerven machen nicht mehr mit. Einen letzten Gruß von mir.
Das waren ent- und beschlossen gefasste Worte meines Großvaters Eduard.
Jeden Tag machte er nach dem Mittagessen eine Siesta in seinem Schlafzimmer des oberen Geschosses. Gegen 15 Uhr ließ er sich prinzipiell einen Kaffee von Raquel, der Hauswirtschafterin, hochbringen. An diesem Sonntag nicht. Ich sah ihn quer über den Patio behäbig zum Carport gehen. Er nahm etwas aus seiner ‚camioneta‘, dem Ford Pick-up, und (ver-) steckte es unter dem dunkelbraun-gestreiften Morgenmantel. Ungewöhnlich war an diesem Tag, dass er über die Küchentür wieder rein kam um durch das Nähzimmer in das Foyer zu gehen, wo ich am Fuß der grandiosen Holztreppe des Gutshauses meiner Großeltern stand. Er gab mir wortlos einen Kuss auf die Stirn, und ging wieder hoch. Seine Schlafzimmertür fiel ins Schloss und kurz danach erschrak ich durch einen durchdringend dumpfen Knall. Den Schuss einer Waffe hatte ich noch nie gehört, so dass mir die Tragik des Geschehens zuallererst nicht klar war.
Das Badezimmer, welches eine Verbindung zwischen seinem und Lenas Schlafzimmer war, hatte er vorsorglich abgeschlossen, damit sie – meine Großmutter – ihn nicht allein vorfindet. Beide Schlafzimmer hatten eine Tür zum Flur des Obergeschoss-Traktes, wo sich weitere Schlafzimmer befanden. Auch meine Eltern hielten gerne am Wochenende, welches wir üblicherweise auf dem Gut ‚Rancho La Paz‘ verbrachten, eine Siesta. Lena war klar, dass etwas schreckliches passiert sein musste, also rief sie meine Mutter in den Flur und bat sie beim Großvater nachzuschauen.
Viele Jahre später sagte mir meine Mutter, dass sie das tropfende Blut auf dem Parkett immer noch hören würde. Ganz abgesehen von dem Anblick ihres erschossenen Vaters im Bett.
Da die Straßen nach Rancho La Paz ab der Route der Panamericana nicht asphaltiert waren, dauerte es, bis ein Arzt im Haus war. Die Diagnose lautete ‚Tod‘.
Großvater Eduard war krank. Er litt unter Brucellose, einer bakteriellen Infektion, die er sich bei den Rindern auf der Farm eingefangen hatte. Es gab zu der Zeit noch keine Antibiotika, sodass man ihn mit Sulfaten behandelte, doch er konnte sich von der Krankheit nie befreien. Mehrfache Eingriffe brachten immer nur kurzfristige Linderung. Auch die letzte Operation 1958 in Basel brachte nicht den erhofften Erfolg.
Er sollte aber noch ausharren, so zumindest bestimmte es das Schicksal.
Für den Rückflug Schweiz-Chile beschlossen die Großeltern wegen der frischen OP einen Aufenthalt von 4 Ruhetagen in Lissabon einzulegen. Am Rückflugtag erfuhren sie am Flughafen, dass die Lufthansa aufgrund Witterung entschieden hatte, die in Lissabon geplante Zwischenlandung auf Dakar umzulegen. Die Passagiere wurden auf Aerolineas Argentinas umgebucht, was ihnen gar nicht so zusagte. Aber genau damit mischte sich das Schicksal in das Leben meiner Großeltern: Das Flugzeug der Lufthansa verunglückte beim Landeanflug in Rio de Janeiro. Sämtliche Passagiere starben.
In der chilenischen Zeitung ‚El Mercurio‘ erschien am 13.01.1959 folgender Kurzbericht:
Lissabon. 12. (UPI). ---
Bei der Katastrophe der Lufthansa-Maschine, die gestern in Rio de Janeiro abstürzte, brannte, und 36 Menschen tötete, blieben zwei Chilenen durch ihr Nichterscheinen verschont, weil die Fluggesellschaft angesichts des schlechten Wetters beschloss, ihre Zwischenlandung in Lissabon zu ignorieren.
Ein Lufthansa-Sprecher sagte heute, die Entscheidung sei getroffen worden, bevor das Flugzeug Paris verlassen habe, ohne dass Passagiere nach Lissabon geflogen seien. Vier Personen sollten hier das Flugzeug nehmen, aber zwei von ihnen hatten nur ein Ticket nach Dakar. Der Sprecher sagte, die beiden Chilenen wollten nach Santiago reisen, weigerten sich aber, ihre Namen preiszugeben. Später teilte das Unternehmen jedoch mit, dass das Ehepaar Sturm auf dem Weg nach Santiago sei.
Da Großvater so offensichtlich vom Tod verschont blieb, ist für mich sein Entschluss, das Leben 12 Jahre später selbst zu beenden, bis heute beklemmend paradox. Sein viel zu kurzer und emotional schlichter Abschiedsbrief im damaligen Telegrammstil lässt vermuten, dass Großvater Eduard müde war. Müde der Schmerzen, entkräftet der Aussichtslosigkeit.
Eduard Sturm, mein Großvater, war 1906 auf dem Rittergut Pinia in Ostpreußen als dritter Sohn von Alexander Sturm geboren. Er ging in die Volksschule, später ins Gymnasium und begann mit 18 als Landwirt zu arbeiten. Als er 23 war, ergab sich ihm und einem Freund die Möglichkeit Zuchtbullen per Frachter nach Chile zu begleiten, bzw. zu transportieren. Genau auf diesem Dampfer befand sich Lena Bergbrunn, 16 Jahre jung, mit Ihren Eltern und Geschwistern nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Hessen, auf der Heimreise von Hamburg über die Magellanstraße nach Valparaiso.
Eduard und Lena verliebten sich an Bord. Es waren Wochen voller Aufregung, Abenteuer, Romanze und Leidenschaft. Eduard beschloss resolut – nach Auslieferung der Zuchtbullen – in Chile zu bleiben und heiratete drei Jahre später mit 26 seine inzwischen 19-jährige Lena.
Als Kind dachte ich, meine Großeltern hätten einen Pakt der Verbindlichkeit geschlossen. Opa Eduard war sehr ernst, Oma Lena sehr still. Ich kann mich allerdings auch an wilde Klaviertöne und lautes Gelächter erinnern, wenn Gäste da waren. Ich entsinne mich an den Sonntags-Spießbraten, an die Köchin Raquel mit ihrer perfekt steifgebügelten weißen Schürze, an unser Puppenhäuschen hinter der Laube, an die Eismaschine, die wir sieben Enkelkinder stundenlang rühren durften, an die drei schwanzgestutzten Cocker Spaniel im Hof, an den Hausmeister und Schreiner Sandro, an die Schablonen um die Mehlsäcke zu beschriften, an das Scheren der Schafe, usw. Mein Kopf ist randvoll ungeordnet mit geschützten Aufzeichnungen unbekümmerter Momente aus dieser Zeit ausgestattet, und ich wusste nicht einmal, dass wir – alle zusammen – dabei waren unsere eigenen Erinnerungen zu schnitzen. Und ich war zufällig ein Teil dieser unbefangenen Gemeinschaft in Folge.
Die Ehe hielt 38 Jahre. Beendet durch Suizid. Sie hatten drei Töchter. Die älteste war Maya, meine Mutter.
Zurück zum Sonntag im Mai. Ein Sonntag der Umstellung, der Anfang eines Umbruchs. Für alle hatte sich innerhalb einer Sekunde ein Eingriff im Dasein ergeben, das – wie wir alle erst später begriffen, nicht selbstbestimmt – der Wendepunkt unseres Weges war.
Die benebelte Stimmung zog sich bis zum Abend hin. Blicke aus verneinenden Köpfen waren verschleiert, verwirrt, teilweise starr. Die jetzige Situation intellektuell zu erfassen war nicht das Dilemma. Die Störung lag in der Unerfahrenheit solch ein Geschehen zu verstehen! Die Wunde der traumatischen Erfahrung war frisch, folglich konnte sie noch keiner verstehen, geschweige denn überwinden. Wir saßen zusammen um den Wohnzimmertisch, passiv, wie in einem Wartezimmer, ohne zu wissen, worauf wir warteten. Ich hörte meine Schwester mit heruntergelassenem Kinn – leise für sich – den Großvater nennen. Samu nahm sie behutsam in den Arm.
Wir erlebten gerade, wie alle Werte, die wir für unerschütterlich gehalten hatten, innerhalb eines Augenblicks ins Wanken geraten konnten. Nichts, nichts würde je wieder so sein, wie es war. Heute denke ich dieser Sonntag im Mai trug irreversibel zum Ende unserer Leichtigkeit bei, abseits unserer gewohnten Behaglichkeit.
Das Leben läuft nicht nach Plan.
Abgesehen von permanenten Vulkanausbrüchen, Tsunamis und Erdbeben, die den steten Aufbau zertrümmerter Existenzen erforderte, katapultierte sich unser Land selbstverschuldet – aufgrund einer verfassungsrechtlichen Regelung, mit ca. 36% der Stimmen – aus einer Demokratie in eine sozialistische Führung. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein marxistischer Regierungschef demokratisch legitimiert. Die folgenden Monate wurden geprägt von Unsicherheiten und Krisen. Banken wurden verstaatlicht, ausländische Großunternehmen entprivatisiert, und die neue Agrarreform sorgte für Enteignung von Grundbesitz.
Rancho La Paz, das Gut und das Zuhause von Lena & Eduard, war auch betroffen. Die künftigen Enteignungen wurden bereits vor Großvaters Tod beschlossen und verkündet, so dass auch diese zu überwindende bevorstehende Wende seinen Entschluss, sich selbst aus dem Leben zu entlassen, sicherlich und zweifellos bekräftigt hat.
Lena zog vom Land in die Stadt. Allein mochte sie in dem leeren großen Haus, an dem eine Tragödie haftete, nicht mehr aufwachen. Durch das Drama verlor sie nicht nur ihren Ehemann. Sie verlor den Pfeiler ihrer Anlehnungen, den geliebten Begleiter, den sie – seit der Begegnung auf dem Frachter – als Verbündeten bewunderte. Sie würde nie wieder Eduards Stimme hören, ihm nie wieder nachschauen können, wenn er losfuhr, um zu sehen, ob ein Puma in eine der Fallen getappt war, oder ein Zaun defekt war, oder sich ein Schaf in den wildwachsenden Brombeeren verhangen hatte. Sie würde nie wieder den Geruch riechen, der von kubanischen Zigarren minimal aus dem Büro in das Foyer strömte, während er mit Samu und Onkel Jules Skat spielte.
Meine Großmutter war eine kultivierte Frau, die bereits als 40-Jährige die Stolpersteine des Lebens durch einen plötzlichen Verlust erfuhr, nämlich als ihr Bruder durch einen tragischen Autounfall ums Leben kam. Allerdings war Eduards Freitod die dunkelste Beigabe ihrer Vita. Lena war 19 als sie die Ehe mit ihm einging, 39 Jahre verheiratet und 37 Jahre Witwe.
Die Älteste ihrer drei Töchter ist meine Mutter Maya. Samu glaubte endlich angekommen zu sein, als er sie traf. Ein erhofftes Stück Glück ausgeschlossen von Vergänglichkeit. Eine zufällige Begegnung von zwei Menschen aus zwei Welten.
„Ich glaube, dass fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehenbleiben können. Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr, - ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war. Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist.“
Zitat/Ausschnitt von Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus, Quelle: http://www.rilke.de, siehe unter „Briefe“ (Brief vom 12. August 1904)
