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Die Corona-Pandemie verändert unser Bild von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, sie ist Teil eines Wandels, der bereits begonnen hat. Der renommierte Trendforscher Daniel Dettling argumentiert dafür, der Zukunftsangst mit Intelligenz zu begegnen. Denn vor welcher Zukunft wir morgen stehen, hängt von unseren heutigen Entscheidungen ab. Das gilt für die digitale Revolution, den demografischen Wandel und die Zukunft der Demokratie gleichermaßen. Es geht um einen neuen Pakt für Resilienz in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, dem Gesundheitswesen, in der Umweltpolitik und der Demokratie. Die entscheidende Frage ist: Was brauchen wir, um für kommende Krisen gewappnet zu sein? Daniel Dettling gibt kluge Antworten und macht konkrete Vorschläge wie das gelingen kann.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2020
Daniel Dettling
Zukunfts-
intelligenz
Der Corona-Effekt auf unser Leben
Für Selma, Amon und Georg und alle Zukunftshelden
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Überarbeitete und ergänzte Ausgabe des Buchs von Daniel Dettling
»Zukunftsintelligenz – statt Zukunftsangst: menschliche Antworten auf die digitale Revolution«
erschienen bei LangenMüller
©für die Orginalausgabe und das eBook: 2020 LangenMüller in
der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: STUDIO LZ, Stuttgart
Umschlagmotiv: shutterstock
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-7844-8384-9
Inhalt
Summary
Nach Corona: Ein Pakt für die Zukunft
Einleitung
Zukunftsintelligenz
Erster Teil
Der Blaue Deal: Aufstieg durch Bildung und Arbeit
Kapitel 1: Was können wir wissen? Die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen
Kapitel 2: Was dürfen wir hoffen? Die Arbeitswelt wird humaner
Kapitel 3: Was sollen wir tun? Für einen neuen Gesellschaftsvertrag: Aufstieg durch Bildung und Arbeit
Zweiter Teil
Der Weiße Deal: Gesundheit und Lebensqualität
Kapitel 1: Was können wir wissen?»Hurra, wir werden älter!«
Kapitel 2: Was dürfen wir hoffen? Die Abschaffung des Alters
Kapitel 3: Was sollen wir tun? Eine Agenda für ein gesünderes Leben
Dritter Teil
Der Grüne Deal: Umwelt und Demokratie
Kapitel 1: Was können wir wissen? Das Ende der Globalisierung
Kapitel 2: Was dürfen wir hoffen? Die Welt wird grüner und demokratischer
Kapitel 3: Was sollen wir tun? Die Sprache der Demokratie sprechen
Ausblick
Was ist der Mensch? Ein zukunftsintelligentes Wesen
Danksagung
Anmerkungen
Alles, was existiert, wird digitalisiert.
Alles, was existiert, altert.
Alles, was existiert, wird demokratisiert.
Nach Corona – ein Pakt für die Zukunft
Corona ist die bisher größte Menschheitskrise im 21. Jahrhundert. Unsere Zukunft wird sich nach dieser Pandemie radikal verändern. Ein Zurück in die analoge Zeit vor Corona wird keine Option sein. In Zukunft geht es um ein neues Verhältnis von analog und digital. Wir müssen besser und umfassender vorbeugen und vorsorgen: in Bezug auf Bildung, Arbeit und Wirtschaft, Gesundheit und Politik.
1. Bildung: Ein digitales Endgerät für alle Schüler und Lehrer
2. Steuern: Statt Arbeit werdenDaten und CO2-Verbrauch besteuert
3. Eigentum: Beteiligung aller Beschäftigten am Kapitaleinkommen der Betriebe
4. Löhne und Investitionen: Anstieg in systemrelevanten Berufen und in der öffentlichen Daseinsvorsorge
5. Sozialstaat: Ein Partizipationseinkommen für alle
6. Generationenvertrag: Rente ab 70
7. Arbeit: 4-Tage-Woche und das Recht auf Homeoffice
8. Gesundheit: Stärkung der mentalen und sozialen Widerstandsfähigkeit
9. Globalisierung: Mehr Autonomie für Regionen, Städte und Gemeinden
10. Demokratie: Mehr Beteiligung der Bürger
11. Europa: Eine Digital-, Gesundheits- und Klimaunion
Einleitung
Zukunftsintelligenz
Was kann ich wissen?
Was darf ich hoffen?
Was soll ich tun?
Was ist der Mensch?
Immanuel Kant
Was wird jetzt aus unserer Zukunft? Das Virus Covid-19 hat unsere Vorstellung von der Welt von morgen radikal verändert. Gesundheit, Arbeit, Zusammenhalt und Freiheit galten bis zum Ausbruch der Pandemie in Europa im März 2020 für die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger als selbstverständlich. Der plötzliche »Shutdown« hat unseren Alltag von heute auf morgen neu definiert. Der Weg zur Arbeit, der Besuch eines Restaurants oder Kinos, der Sport im Verein oder Fitnessstudio, die Beschulung und Betreuung unserer Kinder in Schulen und Kitas, das Reisen in fremde Länder, das Überwinden von Grenzen – all das fiel von heute auf morgen weg. Corona hat unsere Lebensverhältnisse so vollständig umgekrempelt, wie wir uns das in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Dabei ist nicht das Virus die eigentliche Bedrohung für uns. Die Angst vor einer kollektiven Krise und ihrer Zeit danach ist schlimmer als die Krankheit selbst. Unser mentales Immunsystem verfügt über eine unterentwickelte Zukunftsintelligenz.
Ist unsere Zukunft jetzt tot? Ohne den Glauben an eine bessere Welt können wir Menschen nicht überleben. Zu den zentralen Auslösern für den aktuell herrschenden Mangel an Zukunftsbildern (Visionen) gehören die beiden Megatrends Globalisierung und Digitalisierung. Beiden wird ein zerstörerischer Charakter attestiert. Zukunftsforscher verbinden beide Megatrends zum Begriff »Konnektivität«. Corona hat unsere vernetzte Welt empfindlich gestört – durch Grenzschließungen, soziale Distanz und Quarantäne. Damit ist die Pandemie die bis dato größte Menschheitskrise im 21. Jahrhundert. Unser Bild von Fortschritt und Zukunft muss neu geformt und beschrieben werden. Ein Verbleib oder ein Zurück in die analoge Zeit vor Corona wird keine Option sein.
Doch was wird aus uns Menschen und der Welt nach Corona? Welche Folgen hat die Pandemie für unsere Arbeitswelt und Wirtschaft, unsere Gesundheit und unser Zusammenleben, weltweit und lokal?
Die Aussichten für die Zeit nach Corona sind überraschend positiv: Wir können künftigen Pandemien besser vorbeugen. Bei steigendem Wohlstand werden wir weniger arbeiten. Wir haben mehr Zeit für uns, unsere Familien und Freunde. Mehr Menschen können teilhaben an Fortschritt, Wohlstand und Freiheit. Das Coronavirus wird zum Katalysator einer längst begonnenen Entwicklung. Ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks vor knapp 550 Jahren das Leben vieler Menschen revolutionierte, die dadurch Zugang zu Wissen und Bildung erhielten, bietet der digitale Wandel heute die historische Möglichkeit einer vernetzten Welt. Einer Welt, die Zuversicht, Verantwortung und Selbstwirksamkeit in den Fokus nimmt. Wir haben allen Grund zu Hoffnung und Zuversicht. Die weltweite Armut nimmt ab, mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu Bildung, Medizin und sauberem Wasser, die Demokratie ist auf dem Vormarsch, und es gibt weniger Gewalt, Terror und Kriege als früher. Wir stehen nicht am Ende der Geschichte, sondern am Beginn einer neuen Aufklärung. Wir befinden uns mitten in einer Phase des Wandels. Nach den Übertreibungen und Enttäuschungen der letzten Jahre geht es jetzt um die Verbindung von digitaler Technik und menschlicher Kultur zu einer neuen Kulturtechnik. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen gesehen und anerkannt werden und mit anderen in Beziehung stehen. In Zukunft geht es um ein neues Verhältnis von analog und digital. Gemeint ist eine Ko-Evolution von materieller und ideeller Welt. Gestalten wir die Zukunft nach Corona, statt uns als ihr Opfer zu betrachten, und nehmen wir das Erbe der Aufklärung an, das uns ein großer Vordenker bereits im 18. Jahrhundert mit auf den Weg gab.
Eine neue Aufklärung
Einer der bedeutendsten Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant, setzte seine Hoffnung auf die furchtlose Vernunft. Seine vier Leitfragen »Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch?« sind auch über 200 Jahre nach seinem Tod noch relevant. Corona läutet ein neues Zeitalter ein, und mit der Krise kann weltweit eine neue Epoche der Aufklärung beginnen.
Statt Wissen und Zuversicht nimmt jedoch die Angst zu – eine neue »Angst 4.0«, die Furcht vor Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI). Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger warnt in einem Aufsatz für das Magazin The Atlantic mit der Überschrift »Das Ende der Aufklärung« vor den Folgen der KI. Kissinger hält eine Welt für denkbar, die auf Maschinen basiert, von Daten und Algorithmen angetrieben wird und sich am Ende von ethischen Normen unabhängig macht: »Individuen werden zu Daten, und Daten werden beherrschend.«1 In Deutschland glaubt nicht einmal jeder Dritte an den Fortschritt, und zwei Drittel der Älteren empfinden Unbehagen angesichts der neuen technologischen Möglichkeiten.2 Doch die Zahlen stammen aus der Zeit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Statt neuer Angst sollte neue Hoffnung an ihre Stelle treten. Aus Risiken können Chancen werden: Automatisierung und Künstliche Intelligenz können auch zu neuen Jobs führen, der Mensch wird nicht von der Maschine verdrängt. Digitale Medizin kann Leben retten, Computer und Handys können unsere Kinder schlau, anstatt dumm und krank machen.
Die Zeit mit Corona lehrt uns: Wer die Zukunft lediglich als Verlängerung der Gegenwart denkt, wird der neuen Zeit nicht gerecht. Wer dagegen Megatrends und Veränderungen wie Digitalisierung und Globalisierung produktiv nutzen will, muss den Wandel umfassend und systemisch verstehen. Denn eine Gesellschaft, die sich aktiv und neugierig am technologischen Fortschritt beteiligt und in erster Linie eine Chance in ihm sieht, ist weitaus zukunftsfähiger.
Unsere Bilder von der Zukunft haben einen entscheidenden Einfluss auf das, was tatsächlich geschieht. Deshalb sollten wir einen neuen Blick auf die Herausforderungen werfen, die sich nach der Krise stellen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem wechselseitigen Schutz. Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnet in seinem Buch »Du musst dein Leben ändern«3 das neue Zeitalter, das vor uns liegt, als »Ko-Immunismus«: Eine Gesellschaftsform der immunologischen Risikogemeinschaft, die weltweite Solidarität verlangt. Mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 begann die moderne Menschheitsgeschichte. Im Jahr 2020 sind wir als Bewohner eines planetaren Weltraums alle voneinander abhängig. Bislang bezogen sich effektive Solidaritätssysteme entweder auf die Familie, den Stamm, die Nation oder das jeweilige Herrschaftsgebiet. Das Ziel muss also lauten, die Demokratisierung von Gesundheit und Wohlstand voranzutreiben und einen verantwortlichen Umgang mit ihnen durchzusetzen. Wir werden lernen müssen, wo wir die Grenzen zur selbstgewählten oder erzwungenen Entmündigung ziehen wollen. Die Verantwortung dafür tragen wir als Menschen selbst.
Corona bewirkt eine politische und soziale Revolution
Corona verändert unser Bild von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, sie ist Teil eines Wandels, der bereits begonnen hat. Die Welt wird eine andere sein als vor der Krise. Wir befinden uns im Übergang. Die globale und lokale Welt wird neu gestaltet mit Folgen für jeden von uns. Der entscheidende Treiber dafür wird die Digitalisierung sein. Die körperliche Distanz, die uns das Virus abverlangt, führt zu ihrer Beschleunigung. Der französische Staatspräsident hat die digitale Frage als erster Regierungschef in Europa verstanden. Im Frühjahr 2018 gab er dem Technologiemagazin Wired ein viel beachtetes Interview. Emmanuel Macron erklärt darin seine KI-Strategie als »interdisziplinäre Kreuzung aus Mathematik, Sozialwissenschaften, Technologie und Philosophie. Das ist absolut kritisch«. Wann hat ein deutscher Spitzenpolitiker oder Unternehmenschef je Sozialwissenschaften und Philosophie im Zusammenhang mit Digitalisierung erwähnt? Vielmehr fehlen in Deutschland zukunftsorientierte Politiker vom Schlage Macrons, die wie er sagen: »Ich möchte Teil der Disruption sein. Künstliche Intelligenz ist eine politische Revolution. Treiber sollte der Fortschritt für die Menschen sein.«4
Das heißt nichts anderes als: Nicht der Mensch muss sich der Maschine anpassen, sondern umgekehrt werden uns Computer dabei helfen, zu arbeiten, zu lernen und Probleme zu lösen wie den Klimawandel, den Terrorismus oder bislang schwer heilbare Krankheiten. Sie werden staufreie, sichere Mobilität ermöglichen, Verwaltungen effizienter und bürgernäher machen sowie die Bildungsarmut reduzieren. Handys und Tablets werden nicht nur Unterhaltungsmedien sein, sondern medizinische und persönliche Assistenten. Darüber hinaus können sie helfen, die fortschreitende Vereinsamung zu bekämpfen und, in Gestalt von digitaler Partizipation, das klassische ehrenamtliche Engagement ergänzen. Bei der Digitalisierung geht es also nicht nur um die Vernetzung der Wirtschaft, sondern vor allem um die Vernetzung der Gesellschaft. Mithilfe von Daten konnten wir die Ausbreitung des Covid-19-Virus schneller und zielgerichteter bekämpfen als frühere Pandemien. Digitale Technologien und Werkzeuge werden uns helfen, künftigen Pandemien besser vorzubeugen. Corona war auch die Stunde der digitalen Zivilgesellschaft. Plattformen wie nebenan.de oder meinbezirk.at mit Millionen Nutzern beförderten neue Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe.
Die übergreifende Vision der digitalen Ära ist die Stärkung der Individuen, mehr Sicherheit und Lebensqualität und eine Gesellschaft, an der jeder teilhaben soll. Die digitale Revolution ist daher auch eine soziale. Ihre Themen sind eine Willkommenskultur für Innovationen und eine Politik der Zukunftsintelligenz. Ihre Prinzipien lauten Solidarität und Subsidiarität. Ihr Versprechen ist ein besseres, sinnvolleres und nachhaltigeres Leben. Im Kern geht es dabei um eine kulturelle Innovation: die Re-Integration des Menschen in die Unternehmen und Organisationen.
Corona stellt die Systemfrage
Die sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie werden enorm sein. Wirtschaftsforscher vergleichen sie mit der Großen Depression, die am 29. Oktober 1929 begann, die 1930er Jahre dominierte und den Aufstieg des deutschen Nationalsozialismus begünstigte. Nicht überraschend, dass heute eine Mehrheit der Bürger Angst vor der Zukunft hat. Viele fühlen sich von den Folgen der Pandemie überfordert. Insbesondere drei Herausforderungen befördern diese Zukunftsangst: Die digitale Transformation, die Alterung und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Diese Herausforderungen hängen unmittelbar zusammen: Wie verändern die digitale Revolution und der demografische Wandel uns alle, als Bürger, Unternehmer und Politiker? Und was wird – auch als Folge der Pandemie – in einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft künftig aus der Demokratie?
Wenn die These stimmt, dass die Corona-Pandemie disruptive Kraft entfaltet, können Gesellschaft, Sozialstaat und Demokratie nicht bleiben, wie sie sind. Corona stellt die Systemfrage: Wie wollen wir im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung zusammenleben? Die Antwort auf die beschleunigte globale und digitale Revolution muss daher die demografische und demokratische Evolution sein. Wir haben die einmalige Chance, Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie neu zu erfinden und Digitalisierung zum Wohl der gesamten Menschheit einzusetzen – in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus. Dabei geht es immer auch um das Bild von uns selbst: Können wir unsere soziale und emotionale Intelligenz zu einer neuen Kulturtechnik weiterentwickeln?
Klar ist schon jetzt, die digitale Transformation wird uns vor neue Herausforderungen stellen. Dementsprechend lauten die drei zentralen Themen, die in diesem Buch behandelt werden sollen: Was wird aus Arbeit und Wirtschaft im Zeitalter der Daten? Können wir künftige Pandemien, Krankheiten und gar den Tod besiegen? Und was hält uns in Zukunft zusammen, wenn die westliche Demokratie ihre globale Handlungsfähigkeit verliert und auch bei uns autoritäre, digitale Diktaturen mehr und mehr Zustimmung erfahren?
Der Mensch ist ein Zukunftswesen
Die gute Nachricht: Der Mensch ist ein Zukunftswesen. Nur er hat ein Bewusstsein von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und nur er kann sein Handeln für eine bessere Zukunft einsetzen. Corona hat uns vor Augen geführt, dass wir in einer Krisenwelt leben. Nicht nur Globalisierung und Digitalisierung stellen unsere Zukunft radikal infrage. Auch der Klimawandel muss bis Mitte des Jahrhunderts global gelöst werden. Corona ist aber mehr als nur eine Krise. Was heute dringender denn je benötigt wird, sind Perspektiven und Narrative, die Mut machen und Handlungsoptimismus verbreiten. Denn um die Zukunft positiv zu gestalten, sind aktives Engagement und Entschlossenheit gefragt. Wollen wir eine menschenfreundliche Anwendung von Algorithmen, KI und Robotern, dürfen wir dies nicht allein IT-Experten und Konzernen überlassen. Statt die digitale Revolution also lediglich passiv und ängstlich im Licht einer drohenden Entmündigung zu sehen, sollten wir sie als Weg zu einer neuen Stufe der menschlichen Evolution und Aufklärung begreifen. Die Zukunft wird den Hybriden gehören, die die analoge und die digitale Welt verbinden. Dafür braucht es Zukunftsintelligenz – und nicht Zukunftsangst. Das Coronavirus hat viele von uns infiziert, es hat aber nicht unser soziales und politisches Immunsystem zerstört. Wir waren alle von der Angst betroffen, die Zukunft nicht mehr zu erleben und sind deshalb als Gesellschaft stärker zusammengerückt, um die Bedrohung gemeinsam zu meistern. Kollektiv erlebte Traumata schweißen Menschen und Gesellschaften oft zusammen. Die Welt kann nach Corona eine bessere, resilientere und freiere sein.
Ein Pakt für Resilienz
Dieses Buch versteht sich als Streitschrift für einen mutigen und zuversichtlichen Blick auf die Zukunft nach der Corona-Pandemie. Insofern richtet es sich an alle zukunftsinteressierten Leserinnen und Leser, insbesondere auch an Entscheidungsträger und Führungskräfte. Das übergeordnete Ziel von Zukunftsintelligenz ist die Steigerung der sozialen und demokratischen Resilienz – der Widerstandsfähigkeit gegen schockartige Veränderungen – und der Fähigkeit, kreative Lösungen für eine bessere Zukunft zu finden. Vor welcher Zukunft wir morgen stehen, hängt von unseren heutigen Entscheidungen und unserem Umgang mit der Unsicherheit ab. Das gilt für die digitale Revolution, den demografischen Wandel und die Zukunft der Demokratie gleichermaßen. In diesem Buch geht es um einen neuen Pakt für Resilienz in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, dem Gesundheitswesen, in der Umweltpolitik und der Demokratie. Die Krise der Arbeit, der Gesundheit und des Klimas gehören untrennbar zusammen. Was brauchen wir, um für kommende Krisen besser gewappnet zu sein? Resilienz gelingt nur gemeinsam: mit den Menschen, den Unternehmen und Europa. Der wachsenden Angst vor der Zukunft müssen wir mit menschlicher Intelligenz entgegentreten. Mehr denn je.
Erster Teil
Der Blaue Deal:
Aufstieg durch Bildung
und Arbeit
Darin besteht die granulare Begabung schlechthin. Sie erfordert nicht ein gesteigertes Wissen, sondern eine gesteigerte Irritierbarkeit, um sich von Dingen und Situationen anregen zu lassen und ergebnisoffene Prozesse zu starten. Die Irritation durch den Kommunikationsüberschuss auszuhalten und kreativ zu werden, ist die neue Kernkompetenz.
Christoph Kucklick
Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie werden immens sein. Es ging nicht um »Geld oder Leben«, sondern um beides: um den Schutz der gefährdeten Risikogruppen wie die Rettung ökonomisch gefährdeter Existenzen und Unternehmen. Dass sich in der Coronakrise nicht die Starken und ihre »Selbst-Schuld-Mentalität« durchgesetzt haben, sondern die gemeinsame Haltung »Wir gegen Corona«, macht Mut für die Zukunft. Die Sozialpartnerschaft aus Gewerkschaften und Arbeitgebern hat sich in der Krise bewährt. Corona führt zu einer Beschleunigung der Digitalisierung unserer Wirtschaft und Arbeitswelt. Homeoffice wird von der Ausnahme zur Regel, und selbst das vor Corona hoffnungslos unterdigitalisierte Bildungswesen wird nicht mehr zur alten Zeit zurückgehen können. Automatisierung und neue Technologien haben im Laufe der Zivilisation immer zu mehr Fortschritt geführt. Durch den Einsatz von Maschinen wurden Millionen Frauen und Männer von harter körperlicher Arbeit befreit. Sie konnten ihre Bildung erhöhen und ein selbstbestimmteres, freieres Leben führen. So wird es auch in Zukunft sein. In der Arbeitswelt von morgen wird es mehr sinnvolle Arbeit geben. Unsere Aufgabe als Menschen ist es nicht, möglichst effizient, sondern möglichst menschlich zu arbeiten. Intuition, Sozialität, Kreativität und Emotionalität machen uns Menschen aus. Daher werden in Zukunft andere und neue Berufe systemrelevant: Gesundheitsberufe, forschende Unternehmen und Wissenschaftler, Sozialunternehmer und Politiker.
Der Mensch ist ein soziales, ein arbeitendes Wesen. Eine Welt ohne Arbeit können wir uns nicht vorstellen. Die alte soziale Frage im Kapitalismus war der Kampf der Arbeiterbewegung gegen die Ausbeutung. Die neue soziale Frage ist der Kampf gegen Ausdeutung und Irrelevanz. Der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari sieht in ihr das Kernproblem der Zukunft: »Es gibt eine Elite und es gibt ein großes Segment der Bevölkerung, das nicht ausgebeutet wird, sondern schlicht und einfach irrelevant ist.«5 In einer weltweiten Umfrage gaben führende Unternehmer an, dass nicht mehr Menschen ihre wichtigste Ressource seien, sondern Technologien.6 Führt die digitale Revolution also zu einer Epoche der Entbehrlichen?
Auf der einen Seite verspricht uns Microsoft-Präsident Brad Smith ein digitales Utopia, das bereits in 20 Jahren Wirklichkeit werden soll: Eine Gesellschaft, in der wir »digitale Assistenten haben, die mit uns sprechen, wenn wir uns rasieren oder Make-up auflegen.«7 Auf der anderen Seite warnt uns Siemens-Chef Joe Kaeser auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2019 vor den drastischen Folgen der Digitalisierung.8 Ihm zufolge werden vor allem die traditionell Erwerbstätigen und die Sparer zu den Verlierern gehören. Ist aber eine stabile Gesellschaft mit weniger Arbeit und einer unsicheren Altersvorsorge überhaupt denkbar?
Die Dystopie, die sich hinter dieser Frage verbirgt, ist schnell erzählt: Die digitale Revolution führt zu wachsender Ungleichheit und diese zu gesellschaftlichen Unruhen bis weit in die Mittelschicht hinein. Ohne die Automatisierung und den durch sie bedingten Wegfall von Jobs wäre Donald Trump 2016 nicht zum Präsidenten der USA gewählt worden, behaupten Studien.9 Ergänzend zum sozialen und politischen Alarmismus kommt der ökonomische hinzu, wonach digitale Märkte nur einen einzigen Sieger kennen: Monopole. Die Rede ist von den bekannten Größen wie Amazon, Facebook, Apple und Google. So nimmt etwa die Kluft zwischen Arm und Reich im Silicon Valley, der Heimat der digitalen Monopolisten und milliardenschweren Start-ups, enorm zu. Lebenshaltungskosten und Ausgaben für die Ausbildung der Kinder sind dort exorbitant, sodass selbst manche hoch bezahlte Arbeitnehmer nach Deutschland umziehen, wo zumindest die schulische Ausbildung der Kinder weitgehend kostenfrei ist.
Wer aber ist auf Dauer gefährdeter: der Lkw-Fahrer, der Arzt oder der Büroangestellte? Und was fangen wir mit der gewonnenen Zeit an, wenn uns Maschinen immer mehr Arbeit abnehmen? Oder gibt es am Ende sogar mehr Arbeit und noch dazu unter besseren Bedingungen? Oder droht auch hierzulande ein digitales Prekariat? Denn viele Tätigkeiten, die bald von Maschinen erledigt werden, betreffen jene Jobs, die Menschen ohne Berufsabschluss heute ein gutes Einkommen garantieren. Aber vielleicht kommt jetzt alles ganz anders.
Kapitel 1
Was können wir wissen?
Die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen
Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.
Star Trek, Captain Jean-Luc Picard
Bald ist es so weit. In wenigen Jahren werden wir nur noch drei Stunden am Tag arbeiten. Diese Prognose stammt von dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Mitten in der schweren Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre beschrieb er in seinem Aufsatz »Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder« seine Vision für das Jahr 2030. Keynes war ein Zukunftsoptimist. Die Theorie vom Ende der Arbeit lehnte er ab. Das zentrale Problem war für ihn die Geschwindigkeit: Die Entdeckung von maschinellen Mitteln, um Arbeit einzusparen, schreite schneller voran als die Fähigkeit, die Menschen in neue Arbeit zu bringen. Die Schwierigkeit liege dabei »nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten«, schrieb Keynes vor fast 100 Jahren im Vorwort seiner »Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes«.10
Corona beschleunigt die Nachfrage nach Robotern
Keynes Theorie ist heute aktueller denn je. Das Zeitalter der Roboter bricht an. Die Maschinen werden nicht nur unsere Produktivität steigern, sie werden sich selbst in Arbeiter verwandeln, prognostiziert Martin Ford in seinem 2016 erschienenen Buch »Aufstieg der Roboter«. Der Kenner des Silicon Valleys warnt davor, dass die gegenwärtige technologische Revolution die Beschäftigten nicht nur effizienter machen, sondern sie sogar vollständig ersetzen werde.11 Diese These von der Entmenschlichung der Arbeitswelt ist allerdings alles andere als neu. Schon vor mehr als 50 Jahren warnte Der Spiegel mit dem Titel »Einzug der Roboter« vor der Ära der Automation. Nur wenige Jahre später folgte der Leitartikel »Die Computer-Revolution: Fortschritt macht arbeitslos«. Auf dem Cover ist ein Roboter zu sehen, der einen Arbeiter von hinten packt und ihn zur Seite räumt. Folgt also auf diese Revolution bald wirklich die Exekution?
Die Coronakrise wird die Nachfrage nach Robotern und künstlicher Intelligenz weiter befeuern. In der Krise wurden vor allem Telepräsenzroboter in Krankenhäusern und Pflegeheimen eingesetzt, um den direkten Kontakt zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten zu reduzieren. Desinfektionsroboter töteten in vielen Krankenhäusern rund um den Globus Krankheitserreger ab. Seit Ausbruch der Pandemie ist die Nachfrage nach ihnen geradezu explodiert. Roboter übertragen keine Viren. Nach Corona wird es mehr Anwendungsbereiche geben, in denen Roboter in der Industrie und im Dienstleistungssektor zum Nutzen der Gesellschaft eingesetzt werden. Vor diesem Nutzen haben viele Arbeitnehmer jedoch Angst. Einer aktuellen Befragung in Deutschland zufolge sind 60 Prozent der Meinung, dass durch die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze verschwinden, als neue entstehen.12 Paradox ist aber die Einschätzung der Folgen auf den eigenen Arbeitsplatz: Fast drei Viertel der Befragten sind hier optimistisch, sie halten ihre Jobs nicht für gefährdet. Ähnlich sind die Ergebnisse in Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, den USA, der Schweiz und Österreich.13 Auch zu Beginn der industriellen Revolution vor über 200 Jahren gab es die Sorge, dass durch den technischen Fortschritt vielen Beschäftigten die Arbeit ausgeht. In England kam es in der Folge zu gewalttätigen Protesten von »Maschinenstürmern« gegen die Industrialisierung im Textilbereich. Bedroht waren Tuchscherer, Strumpfwirker und Weber. Denn statt in kleinen Handwerksbetrieben konnte nun in großen Fabriken produziert werden, deren Maschinen oft von ungelernten, billigen Arbeitskräften bedient wurden. Auch in etlichen Regionen Deutschlands haben damals sogenannte Weberaufstände den sozialen Sprengstoff der technischen Automatisierung auf drastische Weise offenbart. Viele Handwerksbetriebe auf dem Land konnten sich die neuen Webstühle schlicht nicht leisten. Die Aufstände wurden von Polizei und Militär blutig niedergeschlagen. Und das ist nicht die einzige Erzählung dieser Art. So berichtet Rudi Palla in seinem Buch »Verschwundene Arbeit« von Hunderten Berufen, die durch die Industrialisierung untergegangen sind, und stellt fest: »Die meisten unserer Vorfahren haben ihr Leben lang Tätigkeiten ausgeübt, von denen wir nichts mehr wissen.«14 Viele der aufgezählten Berufe sind erst seit wenigen Jahrzehnten vergessen: etwa Reepschläger, Fallmeister oder Pechsieder. Doch sie alle wurden durch andere ersetzt. So wie in jüngerer Vergangenheit beispielsweise aus dem Automechaniker der Mechatroniker wurde – ein Experte, der für die Software, die Assistenz- und Komfortsysteme sowie die Steuerungs-Hardware in Kraftfahrzeugen zuständig ist. Und auch in Zukunft gilt, dass weder die weitere Automatisierung noch die KI den Menschen in der Arbeitswelt völlig überflüssig machen werden, wie uns die Propheten der digitalen Dystopie weismachen wollen.
Millionen Jobs fallen weg, Millionen neue kommen hinzu
»Dieses Mal werden nicht nur körperliche Jobs durch geistige ersetzt«, prophezeit Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology, »dieses Mal übernehmen Maschinen auch immer anspruchsvollere Denkaufgaben!«15 In wenigen Jahren könnten schlaue Maschinen die Arbeit von 140 Millionen Wissensarbeitern leisten, hat das Beratungsunternehmen McKinsey berechnet.16 Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (IAB) schätzt, dass 4,5 Millionen Deutsche heute in einem Beruf arbeiten, dessen Tätigkeit zu mindestens 70 Prozent von einem Computer erledigt werden kann.17 Die künftige Automatisierungswelle betrifft dabei im Unterschied zu früheren nicht nur traditionelle Berufe und Routinetätigkeiten wie Transport und Logistik, Sachbearbeiter, Versicherungsgutachter und Servicekräfte. Nach Berechnungen des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung sind in Deutschland gut fünf Millionen Jobs grundsätzlich automatisierbar, darunter viele Büroberufe. Doch auch andere können sich in Zukunft nicht mehr sicher sein: Egal ob Ärzte, Anwälte oder Aufsichtsräte – keiner kommt davon. Insgesamt, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), wird in Deutschland etwa die Hälfte der Gesellschaft vom digitalen Wandel betroffen sein.18 Führen Digitalisierung und Automatisierung in den nächsten Jahren also zu einem Turboarbeitsmarkt und zum Verlust von Hunderttausenden Jobs?
Katharina Dengler und Britta Matthes vom IAB gehen davon aus, dass die Digitalisierung kaum Folgen für das Gesamtniveau der Beschäftigung haben wird, wohl aber zu großen »Verschiebungen zwischen Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus« führen wird. Bis 2035 schätzt das IAB den Verlust auf 1,46 Millionen Jobs, den Zugewinn auf 1,4 Millionen. Jobverluste wird es demzufolge vor allem bei produzierenden Berufen geben, etwa im Metall- und Anlagenbau.19 Auch andere aktuelle Studien widersprechen den genannten negativen Szenarien und zeichnen das Bild einer Balance zwischen Entlassungen und Neueinstellungen. So etwa die neueste Studie des IAB, in welcher der Strukturwandel seit 1970 untersucht wird. Daraus geht hervor, dass seit dem Jahr 1993 jährlich von 100 Arbeitsplätzen zwar 9,5 wegfielen, dafür aber im selben Zeitraum 9,7 neue Arbeitsplätze entstanden. Zudem hat sich seit 2005 der Abbau von Arbeitsplätzen verlangsamt. Gesunken ist dabei vor allem die Stabilität der Stellen von Geringqualifizierten ohne Berufsausbildung, in diesem Bereich sind tatsächlich mehr Jobs gestrichen worden als neue entstanden. Wohingegen der Auf- und Abbau von Arbeitsplätzen bei Hoch- und Mittelqualifizierten sich in etwa die Waage hielt.20 Auch Post-Chef Frank Appel schätzt für sein Unternehmen, dass bis zum Jahr 2030 ebenso viele Jobs wegfallen wie neue geschaffen werden, nämlich ein Drittel.21
Nur welche das konkret sein werden, das kann niemand genau voraussagen. Doch auch das war schon immer so. Berufsbezeichnungen wie Videospiel-Designer oder Cybersecurity-Spezialist waren uns schließlich noch vor wenigen Jahrzehnten völlig unbekannt. Ähnlich verhält es sich auf dem Feld des autonomen oder automatisierten Fahrens. Vor mehr als 100 Jahren sorgten sich die Menschen, als das Pferd vom Auto ersetzt wurde. Und während Jobs im Pferdesektor naturgemäß schnell verschwanden, entstanden parallel zahlreiche neue in der Automobilherstellung und -forschung sowie im Motel- und Fast-Food-Sektor. So wird es auch diesmal sein – in selbstfahrenden Vehikeln haben die Menschen mehr Zeit, um Güter zu konsumieren oder andere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Waren in den USA Ende der 1980er-Jahre noch etwa die Hälfte der Jobs »non-routine«, sind es heute bereits 82 Prozent.22 Der technische Fortschritt führt somit nicht zwangsläufig zu weniger Arbeit, sondern eher zu einer Umschichtung und Neudefinition von Tätigkeitsprofilen.23
Selbst bei den stark betroffenen Büroberufen wird es nicht zu einem gänzlichen Verschwinden kommen. Denn was oft übersehen wird, ist, dass Beschäftigte immer ein ganzes Bündel an unterschiedlichen Tätigkeiten ausüben. Diese Tätigkeitsprofile werden durch die Digitalisierung zwar verändert, der Beruf an sich wird jedoch überleben, lediglich die Anforderungen an die Beschäftigten werden sich wandeln. Im Unterschied zum berufsbasierten Ansatz sind aus dieser tätigkeitsorientierten Perspektive die Beschäftigungsrisiken also erheblich geringer – gerade weil die Technologisierung der Arbeitswelt traditionelle Berufsbilder verändert.24 Diese Prognose stimmt überein mit den Ergebnissen einer Befragung des Bundesinstituts für Berufsbildung zum künftigen Bedarf an Fachkräften: Danach schätzen deutlich mehr als 80 Prozent aller Befragten, dass der Fachkräftebedarf stabil bleibt (39 Prozent) oder zunimmt (44 Prozent).25
Betrachtet man die Entwicklung nach Sektoren, sind unter anderem unternehmensnahe Dienstleistungen wie Unternehmensberatung, Design und Handwerkstätigkeiten zwischen 2005 und 2014 besonders stark expandiert. Die Erklärung der IAB-Forscher: Durch Roboter wegrationalisierte Jobs in der Industrie werden oft bei unternehmensnahen Dienstleistern neu geschaffen und zahlenmäßig nahezu ausgeglichen. Zudem leiden jene Sektoren, die sich bereits seit Längerem mit den Folgen der Automatisierung auseinandersetzen, weniger an der dynamischen Entwicklung beim Auf- und Abbau von Jobs.26 In digitalisierungsaffinen Branchen ist das Risiko, arbeitslos zu werden, also geringer als in anderen.
Die Arbeitswelt wird menschlicher
Nach Schätzungen des World Economic Forum bestätigt sich obige These: Zwei Drittel der Berufe im Jahr 2035 sind heute noch unbekannt.27
