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Kurzgeschichten verschiedener Genres: Krimis, Fantasie- und Traumgeschichten sowie Erotik. Ideal für alle, die gerne kurze und kurzweilige Unterhaltung wünschen.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meine Enkelkinder Sophie, Tim, Marie und meinem langjährigen Freund Dr. Alois Baier
Man lernt das Matrosenleben nicht durch Übungen in einer Pfütze
Franz Kafka
Die beste Art, die eigene Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu erschaffen
Stephen Covey
Zum 18. Hochzeitstag
Ein sehr guter Bekannter
Eine Mordsnachbarin
Pechmarie
Ein fast arabisches Märchen
Der Tote von Himmerod
Wunschtraum
Abuelas Tonkrug
Die schöne Samanta
Tierisch gut
Miriams Doppel
Doppelter Skorpion
Lucys Beichte
Schweinestimmung
Verführerisches Spiel
Kyritzer Mord und Totschlag
Das Komplott
Ellas Trauma
Mutter Lydia
Überpotenter Filip
Liliane
Am Ende kommt es anders
Antwort Ratekrimi
Er stand am Fenster und sah hinaus. Wegen einer Spritzen-Phobie schluckte er Tabletten gegen den Diabetes, pünktlich um achtzehn Uhr. Ich lehnte abseits an der Wand und betrachtete ihn: Wie er dastand, sein Gehabe, sein durchgedrücktes Kreuz, als wolle er zu einem Angriff aufbrechen.
Er hatte, wie ich an seiner Reaktion deutlich vernommen habe, keine Lust, nach langer Zeit mit mir übers Wochenende ins Allgäu in unser Feriendomizil zu fahren. Es war ein altes umgebautes Bauernhaus, abseits gelegen inmitten großflächiger Wiesen. Aber meinen Wunsch zum achtzehnten Hochzeitstag mochte er mir dann doch nicht abschlagen.
Nachdem er seine Tabletten eingenommen hatte, schritt er mit ausdruckslosem Gesicht an mir vorbei, schaltete den Fernseher an und ließ sich schnaufend aufs Sofa nieder.
Meine Gedanken wanderten zurück in die vergangenen Wochen. Endlich war ich wieder gesund, trotzdem schauspielerte ich, gab vor, weiterhin leidend zu sein. Schlurfend schleppte ich mich in die Küche. Diabetiker brauchten feste Essenszeiten. Mein Mann achtete wenig darauf. Er nahm die vorgegebene häusliche Selbstkontrolle nicht immer sorgsam wahr. Das hatte ihn schon einmal gefährlich in eine Unterzuckerung gestürzt. Aber als fürsorgliche Ehefrau eines Diabetikers war ich für den Fall eines hypoglykämischen Schocks mit der Notfallbehandlung vertraut.
Lange hatte ich überlegt, geplant, verworfen, erneut geplant. Heute begab ich mich ans Werk. Auf dem Holzbrettchen zerdrückte ich die zehnfache Dosis seiner Tabletten und mischte sie in den Kartoffelbrei, den ich stilvoll rundherum mit Erbsen und Möhren auf dem Teller dekorierte.
Punkt sieben saßen wir am Tisch. Schweigend leerte er die Mahlzeit, schenkte sich abschließend aus der letzten vorhandenen Flasche ein Glas Rotwein ein und fiel aufs Sofa, um wieder fernzusehen. Vorher hatte er mich mürrisch auf unsere geschrumpften Vorräte hingewiesen.
Mir blieb noch Zeit. Mein Auftritt stand in circa zwei Stunden an, wenn er die ersten Symptome bemerkte. Gemächlich räumte ich die Küche auf, dabei ließ ich den Zucker, sein Traubenzuckerdepot, die restlichen Plätzchen sowie das fertige Notfallspritzbesteck im Putzeimer unter dem Wischlappen verschwinden. Den Dosenöffner warf ich vorsichtshalber dazu. Der abgestandene Orangensaft landete im Ausguss. Träge schlich ich durch die Räume, klappte die Fensterläden zu und verschloss leise die Haustür. Der Schlüssel fand seinen Platz bei unseren ausgeschalteten Mobiltelefonen in der untersten Schublade des Küchenschrankes hinter den Putzlappen. Sicherheitshalber, denn an sich hatten wir hier draußen keinen Empfang.
Gegen einundzwanzig Uhr erhob er sich vom Sofa, lief eine Weile herum und fing an zu zittern.
„Ich brauch was Süßes“, forderte er und sah mich an. Ich reagierte nicht. Er eilte in die Küche und riss die Schränke auf.
„Wo ist der Zucker, und hier war'n doch noch Plätzchen!“, rief er mit schriller Stimme. „Und die Spritze war doch auch immer hier! Verdammt, mir geht's mies.“
Er kam zurück ins Wohnzimmer.
„Wir hätten doch heute noch Einkaufen fahren sollen!“ Gehetzt sah er mich an. „Maria, wo hast du …“ Er stutze. „Was ist mit dir?“
„Komm, Günter, setz dich zu mir. Ich habe dir etwas zu sagen“, antwortete ich stattdessen.
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, es wird schlimmer! Ich brauche dringend meine Spritze! Und sag mir um Himmels willen endlich, wo der ganze Zuckerkram geblieben ist!“
„Du wirst nichts finden. Setz dich!“
Irritiert starrte er mich an. Nach einigem Zögern ließ er sich ohne Frage nieder. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, das Zittern verstärkte sich.
„Was - was hast du mir zu sagen?“ Er sprang auf. „Nun rede schon.“
Ich lächelte beschwichtigend.
„Seit August bist du sehr fürsorglich gewesen, Günter“, begann ich und zog ihn zurück aufs Sofa. „Hast streng darauf geachtet, dass ich stets zum Frühstück meinen Joghurt esse.“
Seine flackernden Augen glitten über mein Gesicht.
„War lieb von dir“, fügte ich kaum hörbar hinzu.
In diesem Moment bibberten seine Lippen heftiger als sein Körper. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Abwehrend hob ich die Hand und fuhr fort.
„Und, mein lieber Günter, ich kenne auch den Grund, warum du dich plötzlich täglich in unserer Firma zeigst, die dich bisher nie interessiert hat. Von den Einnahmen hast du hervorragend gelebt, während ich als Chefin die Probleme lösen und die Fäden in der Hand halten musste.“
Erneut schnellte er vom Sofa hoch, stand schwankend vor mir.
„Was soll das jetzt“, klagte er. Unsinnigerweise griff er in die Sakkotasche, das über der Stuhllehne hing und in dem er sein Mobiltelefon vermutete. Nachdem er es selbst in den anderen Taschen nicht fand, traf mich sein entsetzter Blick. „Was hast du vor? Willst du mich umbringen?“
Um Haaresbreite hätte ich ja gesagt.
Er taumelte. Fast wäre ich aufgesprungen, um ihn zu stützen, besann mich aber. Stattdessen sagte ich kalt.
„Der Grund deines Eifers ist so Mitte zwanzig, schlank - langbeinig - blond.“ Ich lachte abfällig. „Der zweite Frühling, was? Ein neues Leben. Und mit einem Mal war dir auch die Firma wieder lieb und teuer.“
Schlotternd sackte er auf die Knie, flehte: „Maria – bitte – die Spritze.“
Ich sah ihn frostig an. „Aber weißt du, eine neue Liebe wäre ja noch zu verstehen gewesen, aber eines nicht: dass du seit drei Monaten versuchst, mich langsam zu vergiften.“
Für Sekunden schaute er überrascht und verdattert zugleich.
„Ich glaub's nicht“, murmelte er, „wie ...?“
Er schloss die Augen, drohte vornüber zu kippen, griff nach der Stuhllehne. Jäh schüttelte ihn ein heftiger Krampf. Ohne Mitleid fuhr ich fort.
„Eines Tages kam ich mal wieder früher heim, weil ich mich vor Übelkeit nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ich habe mich verzweifelt gefragt, wie es sein konnte, dass ich, sonst immer gesund und fit, plötzlich von Erbrechen und Darmkoliken geplagt wurde, unter Kreislaufschwäche litt und mich manchmal kaum noch bewegen konnte. An diesem Tag habe ich dich durch das Fenster am Eibenstrauch im Garten gesehen. Ich meinte noch bemerkt zu haben, wie dein Arm aus den Zweigen zurückschnellte. Es traf mich wie der Blitz. Ich kombinierte und schlagartig wusste ich Bescheid: das Gift der Eibe, fein untergemischt in meinen Fruchtjoghurt mit Walnussstückchen, den ich jeden Morgen zu essen pflegte.“
Er fuhr sich aufgeregt durchs Haar.
„Maria ...“, stammelte er. Richtete sich wieder auf, wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Stirn und verdrehte die Augen. Wie in Trance sank er zurück auf die Knie und faltete die Hände, als wolle er mich anbeten. Seine Augen schimmerten feucht.
„Maria. Bitte, ich - brauch jetzt - dringend - meine Spritze.“
Ich schüttelte den Kopf.
Mühsam richtete er sich auf, wankte in die Diele, rüttelte verzweifelt an der Wohnungstür.
„Hilfe! Hilfe!“, hörte ich ihn röcheln. Doch er wusste so gut wie ich, dass ihn niemand hören würde. Ich folgte ihm. Er warf mir panische Blicke zu. Ich führte ihn zurück zum Sofa. Er hatte erheblich abgebaut. Die Wanduhr schlug zweiundzwanzig Uhr.
„Ich bin noch nicht fertig, Günter“, sagte ich. Mit eingefallenem Gesicht saß er neben mir. „Von da ab täuschte ich dir vor, den Joghurt zu essen, stattdessen habe ich ihn im Mund gesammelt. Sobald du unaufmerksam warst, nicht mehr genau hingesehen hast, landete das Zeug geräuschlos in meinen Schoß. Warst du fort, ging alles in den Abfall.“
Er sah mich an, ehe er mit verzerrtem Lächeln hauchte. „Du warst schon immer die Raffiniertere von uns beiden, Maria“. Minuten später glitt er ab ins Koma und starb.
Eine Weile blieb ich neben ihm sitzen, hin- und hergerissen zwischen wenig Trauer und einer Menge Wut. Nach achtzehn Jahren Ehe hatte er es darauf angelegt, mich vorsätzlich und kaltblütig wegen eines Liebchens zu ermorden.
Alles, was ich versteckt hatte, kam wieder an den ursprünglichen Platz. Morgen früh würde ich aufgelöst den Arzt rufen, mich schrecklich entsetzt geben und mir in seiner Anwesenheit schwere Vorwürfe machen. Warum nur war ich schon so rechtzeitig zu Bett gegangen? Hatte nicht mit meinem Mann zusammen ferngesehen, würde ich mich schelten, dann hätte ich ihn am Einschlafen gehindert und rechtzeitig bemerkt, dass sein Zuckerspiegel gefährlich nach unten gesackt ist.
Ja, so würde ich es schildern.
Auf der Beerdigung sehe ich Antony Eulger zum ersten Mal. Er ist eine auffällige Erscheinung. Mitte fünfzig, leicht angegraute Schläfen, scharf geschnittene Gesichtszüge. Er hat das gewisse Etwas, keine Frage. Passend zum milchig trüben Septembertag trägt er einen lässig geöffneten Burberry über seinem schwarzen Anzug aus feinem Tuch. Ich stehe neben ihm vor dem offenen Grab und schaue auf den Sarg, in dem meine Mutter liegt, die mit achtundvierzig Jahren gestorben ist.
Ich schiele zu ihm hinüber. Auf der Nase eine Brille, wie man sie auf dem Flohmarkt findet. Sein Gesicht zeigt keine Regung, derweil er mit der kleinen Schaufel lockere Erde in die Gruft wirft. Wütend stelle ich fest: ein kalter Abschied, nicht die geringste Spur von Trauer. Du feiner Herr in deinem Burberry. Er wirft mir einen raschen Blick zu. Als hätte er meine Gedanken erraten, dreht er sich abrupt ab und eilt zum Friedhofsausgang. Ich haste ihm nach. Er steht vor einem schwarzen Alfa Romeo.
„Sind Sie ein Bekannter der Toten?“, frage ich.
Mit einem smarten Lächeln auf den Lippen schaut er mich an.
„Ich bin ein »sehr“, betont er, „guter Bekannter.“
„Aha.“
Schweigend stehen wir uns gegenüber. Er spielt angespannt mit dem Autoschlüssel.
„Die Verstorbene und ich, wir haben einige Monate gemeinsam verbracht“, fährt er behutsam fort. „Und Sie?“
„Ich?!“
Oh, verflixt, durchzuckt es mich.
„Ich bin eine entfernte Bekannte, hörte von ihrem tragischen Tod.“
„Ja, tragisch“, murmelt er. Er richtet seinen Kopf auf, sieht mir direkt in die Augen.
„Ich dachte für einen Moment, Sie wären vielleicht die Tochter. Leider habe ich sie nie kennengelernt.“
Ich halte die Luft an, bis mich eine heiße Welle der Erleichterung durchströmt.
„Können Sie mich mitnehmen in die Stadt?“, frage ich, obwohl mein Mietwagen nur ein paar Meter entfernt parkt. Er nickt und weist mit der Hand über das Autodach auf die Beifahrertür.
Unter der Fahrt mustere ich aus den Augenwinkeln sein eindrucksvolles Profil. Ich ahne, wie verfallen ihm meine Mutter gewesen sein muss. Das könnte mir ebenfalls passieren, denke ich, obwohl ich dreißig Jahre jünger bin und zudem nicht auf ältere Herren stehe. Jedoch dieser Mann erweckt mehr Interesse in mir als ich glauben möchte.
„Antony Eulger, mein Name“, sagt er in meine Gedanken.
„Sandra Schubert.“
Ein besserer ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen.
„Trinken wir noch einen Kaffee zusammen?“, frage ich vorsichtig.
Er räuspert sich. „Gerne.“
In dem kleinen Bistro stecke ich mir endlich die heiß ersehnte Zigarette an, woraufhin er aus einem edlen Nappaledertäschchen nach einer Pfeife greift, sie mit ritueller Hingabe stopft und gleichermaßen pafft. Bei jedem Zug senkt er für Sekunden die Lider.
Was für ein Mann, denke ich. Für einen Moment bin ich hingerissen, spüre eine Wirkung auf mich, aber unvermittelt darauf sehe ich den Sarg mit dem Menschen vor mir, der mir am meisten bedeutet hat. Es versetzt mir einen Stich ins Herz. Ich kämpfe gegen die Tränen. Durch eine Rauchwolke lächelt er mir zu. Ich ziehe an meiner Zigarette, bin sicher, dass ich ihm gefalle. Ich weiß, dass ich auf Männer wirke. Meine schwarzen Haare habe ich zu einem dicken, langen Zopf geflochten. Große, tiefbraune Augen beherrschen mein Gesicht. Obwohl ich seit Jahren in Spanien lebe, achte ich darauf, dass die Sonne mich nie zu dunkler bräunt. Ich lächele zurück und fahre mir mit der Zunge über die Lippen. Hebe aufreizend den Kopf, senke kurz die Lider. Ich sicher, was ich will.
Am Abend bin ich in seiner Wohnung. Sehe mich um. Wie vielen Frauen neben meiner Mutter er wahrscheinlich ebenfalls das Bankkonto geplündert hat, überlege ich beim Anblick der kostbaren Antiquitäten, die da herumstehen. Ich unterdrücke die aufkommende Wut.
„Man nennt mich auch Flohmarkt-Antony“, erklärt er mir in meine gespielte Bewunderung.
Nach einigen Gläsern Wein versinken wir in dem sattgrünen Sofa mit Sammlerwert. Seine Hände streicheln meinen Rücken, verwirren mich, erkunden drängend meinen Körper, legen sich den Weg frei durch meine Kleidung. Ich vergrabe mich an seiner Brust, spüre die Wärme, die ihr entströmt. Meine Empfindungen für ihn bündeln sich zu einer gewaltigen Explosion. Für den Augenblick vergesse ich alles und ertrinke in den überschlagenden Wellen unserer Körper, die sich spannen und biegen. In meiner steigenden Erregung kommt sie mir in den Sinn. Wie oft ist es ihr in seinen Armen ebenso ergangen? Der Gedanke an sie lenkt mich ab. Ich bin erschrocken über das, was ich tue.
In der Nacht bleibe ich bei ihm, doch schlafe kaum. Er säuselt beim Ein- und Ausatmen. Es stört mich.
„Ich wohne im Astoria“, sage ich ihm am nächsten Morgen und wäre nur kurz Zeit in Deutschland.
Tagsüber bin ich damit beschäftigt, den spärlichen Nachlass meiner Mutter zu regeln. In den geruhsamen Zeiten dazwischen kämpfe ich gegen die Gefühle für diesen Mann. Sein Charisma hält mich gefangen.
„Bald muss ich abreisen“, eröffne ich ihm eines Abends, „doch ich habe eine Idee, was wir die letzten Tage unternehmen können. Ich kenne ein kleines idyllisches Hotel hoch über dem Gardasee.“
„Gardasee“, wiederholt er. Sein Gesicht verfinstert sich. „Gardasee“, murmelt er abermals, „da ist es passiert mit ...“
Ich halte den Atem an. „Du meinst, mit Paula?“
Er nickt flüchtig.
„Weißt du, wo?“, forsche ich mit belegter Zunge weiter.
Er schüttelt den Kopf. „Irgendein Dorf oberhalb des Gardasees.“
Ich atme wieder. „Das soll uns nicht stören“, schmeichele ich ihm. „Du bist eingeladen, ich habe Geld genug.“
Ein zufriedenes Lächeln huscht über seine Lippen. Sanft tätschelt er mir die Wange.
Am nächsten Tag erreichen wir spät nachmittags Pregasina am Gardasee. Vor dem Hoteleingang verharre ich einen Moment, schiele hinüber zu dem Felsen, von dem sie sich in den See gestürzt hat. Ein empfindlicher Augenblick. Ich unterdrücke meine aufkommende Erregung.
„Lass uns einen kleinen Spaziergang machen“, schlage ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück vor.
Von der ausgeblichenen Bank auf dem Kirchplatz zeige ich ihm zuerst den tiefblauen See unterhalb der Berge. Unvermittelt, völlig unpassend in diesem Augenblick stellt er eine Frage, die mich zusammenzucken lässt.
„Was machst du denn so mit deinem vielen Geld? Wenn du Interesse an Antiquitäten hast, dann ...“
„Mein Geld liegt fest, noch bis Ende des Jahres“, antworte ich ein wenig zu schnell. Er starrt auf die kleinen Kieselsteinchen unter unseren Füßen.
„Komm, lass uns hinüberwandern auf die Bergspitze.“ Ich zeige in die Richtung. „Von dort ist das Panorama einmalig, dass einem ganz schwindelig werden kann.“
Er zögert. Schnell umarme ich ihn und gebe ihm übermütig einen Kuss. Sein Unmut verflüchtigt sich. Wir laufen los, kriechen durch Rebzeilen, überqueren ein freies Feld, und immer wieder zeige ich mit ausgebreiteten Armen auf die Umgebung. Ein verzweifelter Versuch, meine vorgetäuschte Begeisterung auf ihn zu übertragen. Wir betreten den schmalen, von Geröll übersäten Bergweg, der steiler wird und zum Gipfel führt. Je näher wir dem Ziel kommen, umso mehr gebe ich mich aufgedreht, denn er sieht aus, als plagen ihn schwere Gedanken.
Oben verharren wir an der Stelle, von der sich meine Mutter hundertachtzig Meter tief in den See hinabgestürzt hat. Ich starre in den Abgrund, vergesse für einen Moment die Wirklichkeit und sehe sie hier stehen, ihr Herz zerstört durch Liebeskummer. Ihr sanftes Gesicht verzerrt vor Demütigung und Scham, den Spott und die Vorwürfe ihrer Mitmenschen gewiss.
„Sandra?!“
Mein Kopf fährt herum. Ausgenutzt von dir, denke ich.
„Was ist mit dir, Sandra?“
Der eigentümliche Klang seiner Stimme warnt mich, reißt mich aus meinem Schmerz. Ich lächle gezwungen.
„Ist es nicht wunderschön hier?“, hauche ich, hoffe, dass er meine Ergriffenheit der eindrucksvollen Landschaft zuschreibt. Wider Erwarten ändert sich sein Gesichtsausdruck. Er mustert mich fremd und abweisend. Sein Blick lässt mich frieren und all meine Sinne mobilisieren. Ich spüre ein spannungsgeladenes Kribbeln in mir. Seine eisige Stimme durchschneidet meine Brust.
„Du heißt nicht Sandra. Und du bist auch keine entfernte Bekannte, sondern Laura, ihre Tochter.“
Von jetzt auf gleich fühle ich mich nackt und zerbrechlich. Wild klopft mein Herz und meine Muskeln verspannen sich. Trotz weicher Knie sehe ich ihn fest an. Er verzieht den Mund, räuspert sich, seine Tonlage wird tiefer, bedrohlicher.
„Der Leberfleck über deinem Bauchnabel hat dich verraten. Ich habe ihn auch bei deiner Mutter oft liebkost.“ Für einen Moment erhellt sich sein Gesicht. „Dabei hat sie mir einmal erzählt, dass sie ihn an dich weitervererbt hat.“
Ich schlucke, bringe die Worte kaum hervor. „Und wieso hast du nichts gesa...?“
Er lacht gedehnt auf.
„Du bist ein reizendes Geschöpf, warst mir ein Hochgenuss. Außerdem, liebe Laura, war ich sehr gespannt auf das, was du vorhattest. Ich ahnte es, aber jetzt weiß ich es.“
Für Sekunden wendet er den Kopf ab, lugt hinunter in die Tiefe, als wolle er das Gesagte damit unterstreichen. In dem Moment vollzieht sich eine Wandlung in mir. Ich spüre einen Stich in der Brust, schäme mich der Nächte mit ihm, suche vergebens nach meinen entflammten Gefühlen für ihn. Mein Schwächeanfall wechselt in einen stummen Schrei, der sich in meinem Körper ausbreitet. Bilder meiner Kindheit, Mutter und ich, jagen durch meinen Kopf. Ich halte die Spannung nicht mehr aus, den Knoten im Magen, die Faust mitten auf der Brust, das Gefühl des Ertrinkens. Aufgebracht starre ich ihn an. Wut, gepaart mit panischer Angst, packt mich.
„Du hast sie gedemütigt und gebrochen“, schreie ich los, „sie ausgenutzt, ruiniert und dann abgelegt wie ein nasses Handtuch! Du bist ihr Mörder, ihr Mörder!“
Mit einem mitleidigen Blick weicht er etwas zurück, scheint mich gar nicht ernst zu nehmen. Ich hämmere mit geballten Fäusten gegen seine Brust, schlage ihm ins Gesicht. Seine Brille segelt in die Tiefe. Doch er zeigt weiterhin dieses überlegene Lächeln. Das erbost mich und verleiht mir Riesenkräfte. Vergeblich versucht er, mich abzuwehren. Verblüffung und Angst spiegeln sich nun in seinem Gesicht wider, denn ich bin nicht mehr zu bremsen. Wie von Sinnen prügele ich weiter auf ihn ein. Er bekommt meine Fäuste nicht zu packen, die ihn langsam an den nahen Rand des Abgrundes drängen. Endlich strauchelt er, verliert den Halt. Er umschlingt meine Knöchel. Wie eine Eisenklemme spüre ich seinen Griff. Die Angst ergießt sich frei in mein Blut, strömt durch sämtliche Adern. Ist wie ein Netz, das sich zusammenzieht, bis ich nichts mehr fühle. Antony Eulger reißt mich mit in den Abgrund. Unsere Schreie hallen wider, als er sich im Fall von mir löst.
Ich wache in einem kahlen, weiß getünchten Zimmer auf. Stückweise kehrt die Erinnerung zurück. Mein Körper ist ein einziger Schmerz. Es klopft an der Tür. Zwei Männer betreten den Raum, in ihrem Rücken eine Krankenschwester. Eine Woge der Anspannung überschwemmt mich. Mein Herz schlägt nervös und wachsam. Sie stehen vor meinem Bett und schauen auf mich herab. Innerlich zittere ich. Jetzt haben sie mich.
„Sie haben Glück gehabt, Signora. Sie wurden bewusstlos aufgefunden. Der Felsvorsprung hat Sie aufgefangen“, erklärte der größere der beiden Männer. Sein Gesicht wird dunkel. „Ihren Freund aber - es tut mir leid für Sie - ihren Freund leider nicht.“
Ich schließe die Augen, verliere mich in einer konfusen Mischung aus Lachen und Weinen, danke ihr da oben, meinem Schutzengel.
Seit vier Jahren sitzt Karsten Brüne im Gefängnis, und vor ihm liegen endlose weitere 21. Sein damaliger Pflichtverteidiger hatte sich als inkompetent erwiesen. Karsten, mittelloser Künstler, immer unterwegs im Schlabberlook und mit mehr als der üblichen Haarlänge hatte er vor Gericht einen unseligen Eindruck erzeugt.
Heute, am 1426sten Tag im Gefängnis landet nach dem Frühstück ein brauner DIN-A5-Umschlag auf seinem kargen Zellentisch. Karsten schaut auf den Absender. Er kennt ihn. Das Schreiben ist von ihrem Notar. Karstens Hand zittert, derweil er das Kuvert aufreißt und ein fliederfarbenes weiteres herauszieht. Sein Name steht darauf. Karsten erkennt ihre Handschrift. Flieder scheint immer noch ihre Lieblingsfarbe zu sein. Aufmerksam faltet er das gleichfarbige Briefpapier mit eingedruckten Blümchen auseinander. Es trägt das Datum seiner Verurteilung. Karsten schließt die Augen, sieht sie leibhaftig vor sich, makellos und edel ... damals ...
Frohgestimmt musterte Karsten das kleine in die Jahre gekommene Häuschen. Gutgelaunt schlenderte er darauf zu, die Hände tief in den ausgebeulten Taschen seiner Hose vergraben. Vor einigen Wochen hatte er sich dazu entschlossen, in dem noblen Viertel das Überbleibsel aus einer anderen Zeit am Ende der Straße zu mieten. Eines Tages, so hatte er gehört, sollte es abgerissen werden, denn es passte so wenig in diese wohlhabende Gegend wie er selbst.
Karsten war ein begabter, aber weltfremder Künstler, und wie seine großen Vorbilder zu Lebzeiten unbekannt und mittellos. Seit vierzig Jahren malte er Bilder, zieht man die paar ab, in denen seine Finger noch keinen Pinsel halten konnten. Bisher lebte er zurückgezogen und hatte sich völlig der Malerei verschrieben, wobei ihn immer wieder Selbstzweifel plagten. Durch den ausbleibenden Erfolg fand er sich untalentiert, unattraktiv und wenig liebenswert.
Das hellste der kleinen Zimmer lag zur Straße hin und bot sich ideal als Atelier. Von der Leinwand waren seine Blicke öfter durch die vorhanglose Fensterscheibe gewandert. Und eines Tages hatte er sie erblickt. Sie wohnte schräg gegenüber in eine der herrschaftlichen Villen. Wenn er durch sein gekipptes Fenster das Surren des automatischen Garagentores vernahm, hatte er gespannt hinausgeschaut. Brauste sie mit ihrem fliederfarbenen Porsche davon, oder schob sie ihren kränklichen Mann im Rollstuhl hervor, um ihn spazieren zu fahren?
Sie war eine Frau in den Vierzigern mit edlen Gesichtszügen, die ab und an so etwas wie Hochmut ausstrahlten. Mit ihren pechschwarzen Haaren und leicht gebräunter Haut erinnerte sie ihn an eine spanische Flamencotänzerin. Er war von ihr fasziniert, doch hätte er niemals in Erwägung gezogen, sich ihr zu nähern.
Bald erfuhr er, dass die Nachbarin Lena Althammer hieß und ihr Mann nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und geistig verwirrt war.
Eines Tages klingelte es an der Tür. Karsten starrte die Frau davor an. Sein Herz klopfte. Lena Althammer lächelte, wobei sich rechts und links ihrer Wangen kleine Grübchen bildeten.
„Sie sind doch Künstler, habe ich gehört, verkaufen sie Ihre Bilder auch oder malen Sie nur?“, fragte sie keck.
Verkaufen? Nur zu gerne. Er nickte verwirrt, bat sie herein, servierte ihr Früchtetee und sah zu, wie sie mit flinken Fingern den Stapel seiner Werke durchstöberte.
„Sie haben Talent, junger Mann“, kommentierte sie seine Schöpfungen, kaufte ihm zwei Aquarelle ab und kam von da an öfters vorbei. Ihre lebensfrohe Art richtete ihn auf, holte ihn immer wieder aus diversen schwarzen Löchern und motivierte ihn. Karsten sah sich geschmeichelt, dass diese ansprechende resolute Lady ihm zugetan war. In manchen schlaflosen Nächten fantasierte er, mit ihr zusammen ein sorgloses Leben zu führen. Aber sie war gebunden. Anfangs schämte sich Karsten, wenn Lena ihm einen Hunderter zuschob oder gar wesentlich mehr.
An einem Nachmittag nach dem gemeinsamen Tee nahm er sie in den Arm, versuchte, ihr einen Kuss zu geben. Lena wehrte ihn ab. Karsten sah in ihren Augen ein empörtes Aufflackern, so, als stünde es ihm nicht zu, sie zu begehren.
Bevor sie wegging, ließ sie fünfhundert Euro neben seiner Teetasse liegen. Er hatte verstanden. So blieben sie weiterhin körperlich auf Distanz, aber Karsten liebte ihre Gesellschaft. Eines Tages überraschte sie ihn mit der Idee, ihm monatlich eine Zahlung auf sein Konto zu überweisen. Er wehrte wehement ab.
Auch wenn ihm nun nicht mehr ständig das Wasser bis zum Hals stand, schrieb er dennoch weiter aus Spaß an der Sache die Kurzkrimis für eine Apothekenzeitschrift. Das spärliche Honorar hatte ihn bis zu Lenas Erscheinen vor dem Hungertod bewahrt.
Vor Tagen hatte er mit ihr den Inhalt seiner nächsten Story durchgesprochen. Sie war eine hilfreiche Kritikerin.
Just beabsichtigte er, in die Tasten zu schlagen. Es schellte. Lena? Sie hat sich offenbar doch freimachen können. Seit gestern Morgen hatte er sie nicht mehr gesehen und auf sein Klingeln heute hatte niemand reagiert. Erwartungsvoll öffnete er die knarrende Haustür. Statt Lena warteten zwei fremde Personen. Verblüfft schaute Karsten in das mürrisch dreinblickende Gesicht eines schlanken Mannes mittleren Alters, dessen lockiges Haar sich nahezu bis in die Augen wellten. Bevor Karsten nach dem Grund des Besuches fragen konnte, knurrte der Mürrische einen kurzen Gruß und hielt ihm seine Dienstmarke unter die Nase.
Karsten starrte auf den Ausweis.
„Sie sind vorläufig festgenommen“, wurde ihm übermittelt.
„Wegen Mordverdacht an Ludwig Althammer“, verkündete der andere.
„Ludwig Althammer“, murmelte Karsten verstört.
