Zum Ammersee! - Gerd Holzheimer - E-Book

Zum Ammersee! E-Book

Gerd Holzheimer

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Beschreibung

Ein See wie der Ammersee im südlichen Bayern ruft vielleicht stiller als so manch anderer See, dafür umso tiefer, beharrlicher und eindringlicher. An seinen Ufern laufen aus aller Welt die Fäden des Lebens zusammen und auch wieder hinaus, von Menschen, die man kennt: Thomas Mann und Bert Brecht, Orlando di Lasso und Carl Orff, den Brüdern Asam und Georg Baselitz, dem Flieger Charles Lindbergh und dem Fußballer Thomas Müller. Und von Menschen, die man erst in diesem Buch kennenlernt, vom Bunkerwart über den Biberbeauftragten bis zum Fischsemmelverkäufer. Exemplarisch für die Möglichkeiten des Lebens und dieser Welt vereint sie der Ammersee in seiner meditativen Mitte.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2015

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GERD HOLZHEIMER, Dr. phil., geboren 1950, ist Autor und literarischer Landvermesser, Leiter literarischer Exkursionen zwischen Würm, Amazonas, Man-dovi-River und Ammer oder Amper. Er wirkte an dem Film »Trüffeljagd im Fünfseenland« (2013) mit, verfasste Buch und Drehbuch dafür. Holzheimer ist künstlerischer Leiter der Veranstaltung »Literarischer Herbst« im Landkreis Starnberg und Herausgeber der Zeitschrift »Literatur in Bayern«.

VOLKER DERLATH lebt seit 1982 als freier Fotograf in München. Seine Hauptbetätigungsfelder sind München und Umgebung. Seit 1998 arbeitet er zusätzlich als Dozent für verschiedene Bildungsträger. Zur Erholung fährt er immer wieder an den Ammersee.

Gerd Holzheimer & Volker Derlath

Zum Ammersee!

Miniaturen

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unterwww.allitera.de

Originalausgabe Juni 2015 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH © 2015 Buch&media GmbH, München © 2015 alle Fotografien Volker Derlath Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Fotos von Volker Derlath Druck: Printingsolutions.pl Printed in Europe · isbn 978-3-86906-688-2 E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH ISBN EPUB 978-3-86906-773-5 ISBN PDF 978-3-86906-774-2

Inhalt

Leinen los

Der See

Die Tür zur Gegend

Amper und Ammer wörtlich

Die Nähe zum Schwäbischen

Gott und die Welt

Grundton Carl Orff

Grundton zwei: Orlando di Lasso

Grafrath und Tel Aviv

Tanke als Kult

Schondorf

Ein Bauernhof als Heimat für freien Geist

Hans Pfitzner: Egk mich am Orff

St. Jakob: Von einem heiligen Land ins andere

Utting

Leben als permanenter Sprung

Wilhelm Leibl: der zweite, der tiefere Blick

Thomas Mann: Florenz in Utting

Bertolt Brecht: Der Leib wird leicht im Wasser

Gruppe 47: Bild von einem anderen Deutschland

Charles Lindbergh: furchtloser Flieger mit vielen Kindern

Monika Drasch: nicht wissen, wohin man kommt

Holzhausen

Künstlerkolonie: der Schönheit wegen

Leo Putz: des Lebens Lust

Olaf Gulbransson: alter Seefahrer des Daseins

Eduard Thöny: ein bayerisches Bauerngschau für die Ewigkeit

Dießen

Marienmünster: Mechanik der Mysterien

Simplicissimus: die rote Bulldogge

Thomas Theodor Heine: die Sinnlosigkeit des Daseins

Otto Julius Bierbaum: es hat ihn

Im Sportlerstüberl wächst jeder Mensch über sich hinaus

Die Säulen des Carl Orff

Luise Rinser: wandelmutig - nicht wankelmütig

Zeitmaschine Dießen: die Schriftstellerin Barbara König

Clerc Fremin: die Schrift und das Wesen

Die Außerirdischen in Raisting

Ammermoos

Der Biber: ein Vegetarier in Holzfällerkreisen

Exot Trauerschwan

Die Mitte des Sees

Die kleine Welt am Ammersee

Vom Bau der Sätze und der Stege

Hüter der Boote

Hammondorgel

Tage

Aidenried

Ramsee: Gibt es das, dass ein Ort verschwindet?

Man lebt sich ein

Pähl

Müller ist mein Freund

Etwas ganz Normales: Warnamt X

Hartkapelle: grausiges Geschehen und künstlerisches Gestalten

Hartschimmelhof: Heimwehbilder

Der Heilige Berg

Die »Außer-wenn«-Regel

Heimatkunde einer Heilsgeschichte

Herrsching

Die unterirdische Vermessung der Erde

Fischsemmelcion

Tempel des Kleinbürgertums

Breitbrunn

Christian Morgenstern: Lass die Moleküle rasen

Auf dem Weg zum Jaguar rumpelt die Ente am Haus des Morgenstern vorüber

Inning

Kaiser und Inder in Inning

Egk: und immer die braunen Flecken dazwischen

Buch

Niki de Saint Phalle: Brunnen der Schlangen

Georg Baselitz: Welt auf dem Kopf

Waldeck: Man muss nicht hinaus in die Welt

Weiter fahren ...

Leinen los

Ein Schiff pflügt sich durch einen See, rot ragt ein Horn in den blauen Himmel: Durchsagen für irdische Passagiere. Über das Signalhorn erfährt man Richtungsänderungen des Dampfers. Dreimal Tuten hintereinander bedeutet Rückwärtsfahrt. Zweimal eine Kursänderung nach Backbord, eine nach Steuerbord, glaub ich jedenfalls – oder ist es umgekehrt? Aber Steuerbord ist doch rechts, oder? Sollte man wissen als Segler, damit man weiß, wohin man ausweichen muss. Als Leser muss man es nicht wissen. Man muss auch nicht ausweichen, aber man kann Richtungen folgen, backbord, steuerbord. Rückwärts besser nicht, vorwärts ist immer gut: Richtungen, die Wege weisen, für den Lauf, wie ihn das Leben nehmen kann, Wegweiser für das eigene.

Über die Lautsprecher hören wir Durchsagen: wo wir hinfahren, wo wir anlegen, wann es weitergeht. Wichtige Informationen für die Weiterfahrt auf dem See, gleichzeitig grundlegende menschliche Fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Oder noch mehr: Was wollen wir im Leben? Was ist daraus geworden? Wo könnten wir noch hingehen?

Zu dem einen Grundton des Schiffshorns gesellen sich andere, mehrere andere, sodass nach und nach eine Symphonie erklingen wird, die Symphonie einer Landschaft und der Menschen, die in ihr leben, mit der Musik, die sie spielen, mit den Geschichten, die sie erzählen, mit den Bildern, die sie aus ihrem Inneren schöpfen. Auf diese Weise entsteht eine Art von barockem Gesamtkunstwerk, voller Widersprüche, voller Auf- und Erlösungen, Abgründe, Einsichten, Blödheiten, Erleuchtungen, Glück, Trauer, edler Gefühle, stiller Schönheit und großem Jubel: Kommen Sie! Zum Ammersee!

Der See

Die Schiffe auf dem Ammersee heißen »MS HERRSCHING« und »MS DIESSEN«, es gibt die »MS UTTING« und die »MS AUGSBURG«. Allein, dass ein Schiff »Augsburg« heißt, stellt einen anderen geografischen Bezug her, als ihn der Starnberger See hat. Der Ammersee ist ein See, nach dem sich die Augsburger stärker sehnen als die Münchner. Der Dampfer »Augsburg« ist eher klein, es ist wirklich kein großes Schiff, vielleicht auch ein wenig altmodisch, liebenswürdig altmodisch. Kaum hört man ein Motorengeräusch, es gleitet durch den See, als gehörte es selbst dazu, nicht nur als Teil der Bayerischen Seenschifffahrt, als Bestandteil der friedlichsten Flotte der Welt, sondern als eine Woge im See, ein Molekül Wasser, na gut, sagen wir: viele Moleküle. Ein wenig anders die »DIESSEN«, der Schaufelraddampfer: mächtiger, raumgreifender, ackert er sich mit seinen Maulwurfsschaufeln durch den See, verwandelt den Ammersee in einen Mississippi, der breit und gemächlich sich so gut wie gar nicht vorwärtsbewegt. Nicht anders die »HERRSCHING«. Ihr Schaufelrad als Logo noch mal am Schiffsleib: Könnte auch ein Sonnenrad sein, die Jakobsmuschel, und ist es auch, all das: Schaufelrad, Sonnenrad, Jakobsmuschel – alle Bewegung als Weg, entscheidend ist das Unterwegssein, im Unterwegssein entsteht das Sein.

Über dem Anker kräuseln sich die Wellen. Eine Nymphe hat einen dicken Fisch gefangen. Den bringt sie fröhlich lächelnd dem Löwen hinterdrein, der das bayerische Wappen vor sich her als Bug durchs Wasser steuert. Er dreht sich um, das Wasser läuft ihm im Mund zusammen, die Zunge hängt ihm aus dem Maul, man weiß nicht, ob nach der Seejungfrau oder nach dem Fisch, wahrscheinlich nach beidem.

In seiner Mitte ist der Ammersee ein Silbersee, eine riesige Schatzkiste voller Silbertaler, und auch durch diesen Schatz im Silbersee schaufeln sich die »HERRSCHING«, die »DIESSEN«. Tom Sawyer und Huckleberry Finn treiben auf einem Floß vorüber, sie haben nichts anderes zu tun, als sich vorübertreiben zu lassen. Sie haben nichts anderes vor, darin besteht ihr ganzes Glück, Anarchisten des Glücks, direkt unmoralisch. Sie sind unermesslich reich. Ihnen gehören nicht nur all die Silbertaler, ihnen gehört noch viel mehr, ihnen gehört nichts, außer der Zeit. Das macht sie so reich. Eine Gruppe Graugänse schließt sich dieser Ansicht an und hält überhaupt nichts von Verhaltensforschung, darin sind sie sich vollkommen einig. Ein Fisch springt aus dem Wasser und jubelt: »Seht her: Ich kann fliegen!« Im Flug schwimmt er durch die Luft, macht dieselben Bewegungen wie im Wasser, dann kehrt er wieder in sein ursprüngliches Element zurück, bildet mit dem Wasser den See: Wasserstoff, Sauerstoff, Luftikus.

Ein paar Möwen verwandeln sich in Katzen und krächzen »miau, miau, miau«, nur behaglich zu schnurren, will nicht gelingen, noch nicht vielleicht. Junge Blässhühner bürsten sich die Federn auf dem Kopf in die Höhe und färben sie rot ein, Punks im Reich der Wasservögel. Vogelfreunde melden sie der Ornithologischen Gesellschaft als sensationellen Fund: Der praktisch schon ausgestorbene Waldrapp hat sich wieder angesiedelt am Ammersee. Der Vorstand der Gesellschaft freut sich und lacht.

Man kann in Stegen am Ufer des Ammersees Kaffee trinken oder ein Bier, man kann auch Minigolfspielen – oder, wenn man Zeit hat, gar nichts tun und einfach aufs Wasser schauen. Und wenn man keine Zeit hat, noch besser, dann sollte man erst recht aufs Wasser schauen und sonst nichts. Die Gedanken kommen von allein, da kann man nichts machen. Aber man kann sie ein wenig leiten, ihnen Wege anbieten, Türen öffnen, dann tun sie sich leichter.

Wenn man sich daheim fühlt, am Ufer sitzend, kann man plötzlich weit weg sein, aber »weit weg« in einem guten Sinne: Alles erscheint plötzlich neu, im Lichte einer Entdeckung, sehr aufregend. Man kennt alles und doch noch nichts, in diesem Augenblick entsteht die Welt und man selbst mit ihr.

Der Schaufelraddampfer liegt ein wenig schief im Wasser, oder es scheint zumindest so. Ja, wahrscheinlich scheint es nur so, ebenso wie es scheint, dass er da vielleicht schon ein gutes Jahrhundert lang liegt, irgendwie vergessen, weil er sich selbst vergessen hat. Er kennt jede Menge Geschichten, kein Wunder, wenn man schon den Mississippi rauf und runter ist. Ein paar Passagiere hören auf seine Geschichten, in ihrem Körper spüren sie jede einzelne Schaufel, die ins Wasser greift, als kleinen Ruck.

Langsam geht der Nachmittag in den Abend über, dunkel, wie die Nacht finster, wird der See versinken und doch derselbe bleiben – er bleibt sich immer treu.

Die Tür zur Gegend

Sitzt man am Ufer des Ammersees und schaut in die Berge, sagen wir von Stegen aus, tut sich in der Landschaft eine große Pforte auf. Zwei Kirchtürme bilden schmale Türpfosten, die sich fein und filigran in den Himmel verlängern: der vom Heiligen Berg der Bayern, vom Kloster Andechs, hoch über dem Ostufer, und der vom Marienmünster in Dießen im Westen, rechter Hand. Betritt man diese Kirche durch die Seitentür, und anders geht es meistens gar nicht, fällt der Blick unverzüglich auf einen Engel über dem Taufbecken. Er lächelt, er tanzt, er schwebt in einer Leichtigkeit, die keine Schwerkraft kennt. Dabei kennt er die Erde, er liebt die Erde, ohne jeden Zweifel kommt er aus dieser Gegend, aus dieser Umgebung, einer ursprünglich bäuerlichen. Dieser Engel ist, wie so oft Engel in Bayern, ein irdener Engel, mit allen Sinnen liebt er das Land, erkennbar ein fröhlicher. Nichts hat er von esoterischer Durchsichtigkeit, vermutlich weniger ein Fall für Betschwestern mit engen Herzen und wunden Knien. Dafür tut sich dieser Engel offenkundig zu leicht auf seinem Weg in den Himmel. Er grüßt. Lacht. Wie bei den Vögeln alles so angelegt ist, dass sie fliegen können – die Luft in den Knochen, das Federkleid, das geringe Körpergewicht – das ist diesem Engel bis ins Nasenspitzerl hinein, in die Zehen und Fingerkuppen zum Fliegen gegeben; Flügel hat er auch. Schon ist er auf dem Weg nach oben, nach ganz oben: Servus! Eine Rose im Haar zeigt seine Nähe zu Maria an, sie ist ihm sehr nah.

Aller Erkenntnis nach hat ihn Johann Baptist Straub geschaffen, der gute Mann lebte von 1704 bis 1784. Auch drüben in Andechs, auf der anderen Seite des Sees, hat er Figuren geschaffen, den Heiligen Nikolaus und die Heilige Elisabeth, die beiden Patrone der Kirche. Vom Nikolaus glaubt man gern, dass er für Geschenke zuständig ist, auch heute noch. Ursprünglich vor allem Nüsse und Äpfel, mit denen er oft abgebildet wird. Die Äpfel können auch goldene Kugeln sein, denn er soll in seiner kleinasiatischen Heimat drei jungen Frauen in drei aufeinanderfolgenden Nächten je einen Goldklumpen durch das

Fenster geworfen haben, damit sie eine anständige Mitgift haben und nicht auf den Strich gehen müssen, was ihr Vater schon mit ihnen vorhatte vor lauter Verzweiflung über die Armut seiner Familie.

Auch Elisabeth ist eine, die gerne gibt. Brot bringt sie den Armen, was ihr Mann nicht wünscht, jedenfalls wird es so erzählt. Und dass sie ausgerechnet ihm in die Arme läuft, mit einem Korb voller Brote im Arm. Was sie da drin hat, möchte er wissen. Es bleibt ihr nicht viel anderes übrig, als die Decke vom Korb zu ziehen, doch sind da keine Brote mehr drin, kein einziges, aber lauter Rosen. Anders wird die Geschichte freilich so erzählt, dass ihrem Mann eine aus seiner Sicht, gelinde gesagt, etwas übertrieben gestaltete Ausübung des Glaubens zu viel wurde, namentlich endlose nächtliche Gebete oder auch masochistische Selbstgeißelungen. In noch einmal anderer Version spielt die Geschichte nicht in Thüringen, sondern in Portugal, und Elisabeth wäre solchermaßen die Elisabeth von Portugal.

Die ganze Landschaft scheint zu schweben, himmelwärts, nicht lauthals, nicht marktschreierisch, der See geht mit dem Himmel eine Einheit ein, weil er ihn spiegelt, alles scheint auf Ausgleich bedacht zu sein: Farben, thermische Strömungen, Licht – und natürlich auch Schatten.

Keine Landschaft dieser Erde, und mag sie noch so idyllisch erscheinen, kann eine Idylle sein. Dafür sorgen schon die Menschen, die da gelebt haben oder noch leben. Immer ist da auch Konflikt dabei, Destruktion, Zerstörung. Der Gazastreifen beispielsweise passt, schmal und winzig, wie er ist, zweimal zwischen Ammer- und Starnberger See, reicht von Weilheim nicht einmal bis München – und kennt nichts als Gewalt, Zerstörung und Elend.

Nicht einmal die Schöpfung als Ganzes ist nur gut oder nur schlecht, wobei man in dem Fall besser gar nicht in moralischen Kategorien sprechen sollte, sondern von Werden und Vergehen, welche sich wechselseitig bedingen. Das kann nicht beschönigend für den Menschen ins Feld geführt werden, doch im Bewusstsein muss es bleiben. Die Geschichte des Hiob im Alten Testament, dem Gott alle, aber wirklich alle Übel an den Hals schickt, bleibt reichlich unverständlich, da dieser Hiob ganz treu in seinem Gottvertrauen bleibt. Allerdings muss ihm und den Lesern der Geschichte klar werden, dass dieser Gott mit seiner Schöpfung eben nicht nur das Gute in die Welt setzt, schon gar nicht nur das Liebe, sondern auch das Böse, Abgründige, Dämonische. Dessen sollte man sich bewusst sein, in Dießen so gut wie auf dem Hartschimmelhof, auf dem Heiligen Berg oder in Herrsching. Dann versteht man vielleicht das Weltganze ein bisschen besser – und sich selbst auch. Jeder trägt diesen Gegensatz, diesen Widerspruch in sich. Der Teufel will mit im Spiel sein. Verweigert man ihm diesen Wunsch, spielt er trotzdem mit, aber dann wird er richtig gefährlich, weil er sich im Unbewussten austobt. Hilft also alles nichts: Auch die Schatten wollen integriert werden, genauer gesagt, sie müssen. Das lässt viele Dinge noch einmal anders anschau'n, in anderem Licht, im eigenen Land. Zum Beispiel, was etwas wert ist. Der Frieden unter den Menschen ist so unendlich viel wert, und die Natur ist so viel wert. Der Mensch ist auch Natur, und ohne sie gäbe es ihn nicht oder nicht mehr – sie ohne ihn schon.

So haben wir es auch in dieser Betrachtung einer Landschaft mit sehr gegensätzlichen Figuren und Konstellationen zu tun. Johannes Eckert, Abt vom Kloster Andechs sagt, was ihn an einem Menschen interessiert: »Was hat Gott in ihm angelegt? Und was macht er daraus?«

Der »Heilige Berg« der Bayern und der Mord an der Bernauerin, der schwebende Taufengel in Dießen auf der einen und auf der anderen Seite das Warnamt X, zu dem der Volksmund selten treffend schlicht und einfach »Atombunker « sagt, Bert Brecht mit seiner Dreigroschenoper hier, Rudolf Heß mit seinem »Volk ohne Raum« da, die satirische Zeitschrift Simplicissimus mit ihrer roten Bulldogge und die braunen Nationalsozialisten, Bund Naturschutz und Außerirdische an der Erdfunkstelle Raisting, Künstler vereint in Zeitschriften wie Jugend, Die Insel und Vereinigungen wie »Die Scholle«, und der Damm, den sich der Biber baut im Fluss des Wassers, Heimatverbundenheit und Entwurzelung, alles schön beieinander im Strom des Seins oder auch weniger schön. Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. Luzifer, der verstoßene Lichtträger unter den Engeln, will auch dorthin, wo es hell ist. Vielleicht ist das überall so, wahrscheinlich, mehr oder weniger. Aber hier ganz besonders.

Irgendeine Art von Schlussfolgerung wird nicht daraus zu ziehen sein. Die Menschen und die Dinge sprechen für sich selbst. Soweit möglich, sollen die Dinge, sprich die Landschaft, die Gewässer, die Pflanzen und die Tiere, die Orte, die Bauten aus sich selbst heraus zur Sprache kommen. Im englischen Sprachgebrauch gibt es dafür den sehr hübschen Ausdruck: »place essaying« -Plätze, die von sich selbst erzählen. Aufschreiben muss es natürlich der Mensch, damit andere Menschen verstehen, was gemeint sein könnte. Auch dafür hält das Angloamerikanische einen feinen Ausdruck parat: »deep mapping«, die Herstellung einer Landkarte, die in die Tiefe geht, in die der Landschaft und zugleich in die eigene innere, welche ihre Entsprechung in der äußeren findet, mithin eine poetische Landkarte, auch »Geopoesie« genannt.

Man kann das alles auch schlicht und einfach so formulieren: Es bedarf des Landesvermessers, in dem Fall des literarischen Landesvermessers, um eine solche Karte zu gestalten. Sein methodisches Vorgehen ist nicht systematisch. Er geht der Nase nach. Was der Ethnologe oder Volkskundler »Feldforschung« nennt, nimmt er wörtlich. Überwiegend zu Fuß durchquert er Felder und Wälder, Häuser und Dörfer, Kirchen, Archive, Ateliers und Bibliotheken und kehrt fleißig in Wirtschaften ein, den naheliegendsten soziologischen Instituten der Welt mit einer Kantine, in der alles fließt, was das Herz begehrt. Ungeniert fragt er nach, wenn ihn etwas interessiert: »Was macht denn ihr da?!«

Aus allem, was er erfährt, indem er es sich ergeht, sammeln sich die Erfahrungen, die hier wiedergegeben werden: Gespräche oder auch nur Teile von Gesprächen, Geschichte und Geschichten, Zitate aus Beschreibungen vor Ort, Überlieferungen, wissenschaftliche Essays, das eigene Leben, Intuition, Assoziation, Anschauung der Natur, ihre Geräusche, Stille. Und dann bleibt er einfach wieder am Ufer sitzen und schaut über den See.

Amper und Ammer wörtlich

Am Anfang, so heißt es, sei nichts als Energie gewesen, nach Laienverstand als Licht vorstellbar. Und Licht wiederum besteht aus nichts anderem als aus Wellen. Nicht so einfach zu verstehen, vielleicht ist es auch gar nicht so, aber am See, wenn man sitzt, und in die Wellen hineinschaut, in das Blau des Wassers, das nur Licht zu sein scheint, kann einem eine Ahnung davon anfliegen, dass Materie aus dem Licht entstanden ist. Das Blau des Wassers im See: Lichtmaterie. Das Blau der Berge im Süden des Sees: Lichtmaterie. Nur das Blau des Himmels ist reines Licht, ohne Materie. Aber auch Materie ist nicht fest, auch Materie fließt. Das bereitet manchem Kummer, der sich an Wirklichkeit festhalten möchte und diese Wahrheit nicht akzeptieren kann, wo es doch schon im Volksmund heißt: »Wasser hat keine Balken!« Da kann einem schon heiß werden im Kopf. Ein Bad im See hilft immer. Wer es sich bewusst macht, der kann mit jedem Gang in den See seine Wiedergeburt feiern. Er bewegt sich in den Kreislauf der Dinge hinein, der immer in Bewegung bleibt. Auch der See steht nie still. Vom Süden her ergießt sich ein Fluss, der heißt Amper. Als Ammersee bewegt sich das Wasser nach Norden. Dort fließt ein Fluss ab, der heißt Ammer.

Der Name »Ammer« oder »Amper« wird schon von den Römern als »Ambrae « verwendet, und wie vieles bei den Römern, was Hand und Fuß hat, kommt »ambrae« aus dem Griechischen, und im Griechischen heißt »Amper « »ombros«, und »ombros« bedeutet »Wasser« oder »Regen« oder einfach »feucht«, sodass die Ammer aus Wasser besteht, das feucht ist – na, wer hätte das gedacht? Aber die Ammer heißt eben auch so. Und auch aus dem Indogermanischen wird die Amper hergeleitet, von »ombh«, und »ombh« heißt Gott sei Dank auch »Wasser« oder »Wasserlauf«, und im Keltischen heißt’s »ambra« und ist mit dem Wort »ampart« verwandt: »geschickt« und »gewandt«. Und »See« kommt von »se«, sodass sich im Ammersee das Wasser doppelt, schon im Wortsinn, als See aus Wasser.

Die Nähe zum Schwäbischen

Natürlich liegt der Ammersee in Oberbayern – noch. Natürlich wird seit jeher der Lech als Grenze angegeben, von dem aus westlich gesehen das Schwäbische beginnt. Aber das klingt schon am Ammersee immer wieder an: etwa in Utting ein »erscht wenn« statt eines »erst wenn« …

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass eher die Augsburger den Ammersee als den ihren sehen als die Münchner, die den Starnberger See überbevölkern. Es ist eben auch Augsburg anders, erkennbar anders, allein schon daran bemerkbar, dass gegenüber vom Rathaus Augustus die platzbestimmende Figur ist – ein römischer Kaiser. Nach ihm heißt die Stadt ja auch: Augusta vindelicorum, Augsburg, eine römische Stadt. Anders München, schon vom Gründungsakt her mafiös: dem Bischof die Brücke über die Isar abgefackelt, einen eigenen Übergang geschaffen, Maut kassiert, Kern einer Stadt angelegt, Wohnstatt für Neureiche halt, und nichts Römisches.

Als hätte diesen historischen Vorgang auch der Ammersee in sich aufgenommen, erscheint er als der Ältere zwischen den beiden großen Seen, obgleich sie erdgeschichtlich natürlich die gleiche Geschichte haben.

Gott und die Welt

Ein See ist ein guter Ort, um sich an sein Ufer zu setzen und zu schauen, nichts als zu schauen. Dabei stellt sich nach einer Zeitlang ganz von selbst eine Art von Nachdenken ein, nicht gezielt, eher so wie die Wellen in die Kiesel am Ufer streichen; Großthema natürlich Gott und die Welt. Und wem Gott zu groß ist und zu weit entfernt, der bleibt in der Welt. Das ist auch ein sehr lohnendes Gebiet, vor allem natürlich die Frage, wie man selbst in ihr steht. Das kann in vollkommen abstrakter Form geschehen, in Form eines Entwurfs oder Lebensplans, oder in konkreterer, indem man sich in Bezug setzt zu bereits gesammelten Erfahrungen anderer: Anlass, sich an deren Biografien zu überlegen, wie der eigene Lauf des Lebens seinen Gang nimmt. Wer einen weiteren Schritt gehen möchte, findet ihn in der Reflexion des Zeitgeistes, eines vergangenen und des jetzigen, zeitgenössischen: Gibt mir Kultur Anregung, Orientierung, gar Stütze für meinen Geist, für mein eigenes Denken? In erweiterter Form: Anstöße für spirituelle Suche, wenn ich sie denn suche. Und nicht zuletzt, sondern eigentlich an erster, vor allem im Wortsinne völlig unumgänglicher Stelle: die umgebende Natur. Für all diese Felder menschlichen Lebens bietet der Ammersee Möglichkeiten, noch einmal neu nachzudenken, alte Wege zu überdenken, neue zu beschreiten. Es sind nicht nur sehr reichhaltige Möglichkeiten, es sind vor allem außergewöhnliche Möglichkeiten, die man anderswo nicht so leicht findet. Der Ammersee ist ein ganz besonderer See.

In Analogie zu seiner Bedeutung für den Simplicissimus könnte man ihn auch ganz »simpl« betrachten, einfach, ohne Vorurteile. Das entspricht ihm und seinem archaischen Wesen zutiefst. Dann kann man sich an sein Ufer legen, dies Buch als provisorisches Kopfkissen zwischen Kiesel und Himmel schieben, sein Kopf drauflegen und darauf vertrauen, dass es der Herr den Seinen im Schlaf gibt.

Grundton Carl Orff

Der Rhythmus der Schaufelräder ist als der eine Grundton des Ammersees weithin zu hören, der andere ist die Musik des Carl Orff, doppelter Generalbass. Orff hat diese Gegend geliebt, eine »Lebenslandschaft«, wie sie Josef Othmar Zöller, ein Urgestein des Bayerischen Rundfunks, einmal genannt hat. Geboren ist Orff zwar in München – sein Leben lang brauchte er die Weite, »die Weltweite einer Großstadt und die Weite der Landschaft«, wie Zöller schreibt.

Doch schon als Bub war er viel draußen, seine Eltern hatten eine Sommerfrische in Unteralting bei Grafrath am Ammersee, der zu Orffs Kinderzeit tatsächlich noch bis zu diesem Ort mit Schiffen befahren werden konnte. Über seine Entdeckungsreisen als Kind schreibt Orff selbst so – und Zöller fügt hinzu, dass sich dieser »Wurmsatz« bei Orff im »Rhythmus eines antiken

Epos« liest:

»Die waldreichen Hügelzüge mit ihren verwunschenen Gumpen, Filzen und Wassern Die romantische Amperschlucht mit den großen heidnischen Opfersteinen Die Hünengräber, die verwachsenen Römerkastelle ad ambra, auf denen wieder Burgen, die auch schon längst verfallen waren, gestanden hatten. Die Gletschermühlen, die riesigen Findlingssteine, die man im Wald versteckt, von Moos und Farn überwuchert, antreffen konnte - all das regte meine Phantasie an, so daß meine Wanderungen immer auch Entdeckungsfahrten wurden.«

Das hat Orff als Kind geschrieben. Hier hat er seine Wurzeln, und es ist gut, wenn man Wurzeln hat und in der Welt unterwegs ist, damit man nicht verloren geht in der Welt. Egberth Tholl hat vor gut zehn Jahren einen nach eigener Aussage »ungerechten Text« über Carl Orff verfasst. Ungerecht deshalb, weil er alle anderen Tonschöpfer der Region einfach weglässt. Anstelle von all diesen anderen widmet er sich in diesem Beitrag mit dem Titel So angenehm schaurigarchaisch, erschienen in Unser Bayern / Juni 2004, ausschließlich Carl Orff, weil die oberbayerische Landschaft einen hat, »der zeitlebens auf sie drauf geschaut hat«, und, weiß Tholl, »jede Landschaft hat den Komponisten, den sie verdient«. Und die Ammerseeregion hat eben den Carl Orff. Wenn er von seinem »Komponierhäusl in Dießen«, wie Tholl den veritablen Landsitz nennt, von dem noch die Rede sein wird, wenn er von dort aus also »von seinem Schreibtisch, auf dem sich das Bayerische Welttheater abspielte«, hinüberschaute, über den See, »da konnte er schon zu Lebzeiten den Turm jener Kirche sehen, in der er am 3. April 1982 beigesetzt wurde«. Da kommt nun wirklich alles zusammen, »was wohl zusammengehört«: Sein Grab liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Porträts des bayerischen Herzog Albrecht III., dem Ehemann der Agnes Bernauer, der Orff sein großes Welttheater, »ein bairisches Stück« – Die Bernauerin – komponierte und das Libretto schrieb. Als ein Regenbogen, der dauerhaft sich über den Ammersee spannt, steht dieser kräftig bunt strahlende Regenbogen aus Musik, Geschichte und archaisch wortmächtig bairischer Sprache am Himmel über dem See, stellt die Verbindung her zwischen Ziegelstadel, Orffs Wohnsitz und dem Kloster Andechs, in dessen »Florian-Stadl« sein Werk mit ungebrochener Begeisterung gespielt wird.

»Ich bin Altbayer«, sagte Orff von sich, »in München geboren, und diese Stadt, dieses Land, diese Landschaft haben mir viel gegeben und mein Wesen und mein Werk mitgeprägt. Was mir diese meine enge und weitere Heimat gegeben hat, ist eingegangen in meine Werke und ist mit diesen über die Welt gegangen, um dort nicht zuletzt von meiner Heimat Zeugnis abzulegen.«

Die Liebeserklärung des Herzog Albrecht von Bayern an Agnes Bernauer wird zur Liebeserklärung an das ganze Land Bayern.

»Itzt steh i vor dir, i neig mi zu dir, und heb di zu mir auf das Roß.

Wir reitn, wir reitn, wir reitn durchs Land wir reitn und reitn heim.«

Grundton zwei: Orlando di Lasso

Neben dem Generalbass oder Grundton, den Orff in diese Landschaft schwingen lässt, webt sich noch eine weitere Musik in die Gegend. Man muss sich nur noch die Amper ein Stück weiter flussabwärts treiben lassen, bis nach Schöngeising, in dem Orlando di Lasso ein Sommerhaus hatte. Herzog Wilhelm V. von Bayern schenkt Orlando ein Stück Land, »60 schrit lang und 40 prait«, eben in Schöngeising, dort, wo die Straße von Kloster Fürstenfeld her in die Ortschaft hineinführt.

Das Heilige und das Erotische, das liegt auch bei ihm, wie später bei Orff, ganz nah beieinander. Seine Madrigale, Chansons, Bauernlieder verbinden sich mit geistlichen Motetten, Passionen, Litaneien, Bußpsalmen und seinen Messen zu einem großen musikalischen Werk: Matona mia cara, also die liebe Mutter Gottes, und die Trompeten des Hintern und Mandarinen, die aus Schamkapseln hüpfen, alles Orlando di Lasso – sooft die Flammen in seinem Busen züngeln.

1564 holt sich Herzog Albrecht V. – den man nicht mit dem ein Jahrhundert vorher residierenden Herzog Abrecht III., Gemahl der Bernauerin, verwechseln sollte – den vielleicht wichtigsten Musiker der damaligen Zeit an den Hof seiner bayerischen Residenz: Orlando di Lasso. Der Herzog lässt es wirklich krachen, seit er von 1550 an der Herrschaft ist. Er heiratet eine Habsburgerin, möchte gerne im Konzert der ganz Großen mitspielen. Auf kultureller Ebene gelingt ihm das auch. Er lässt eines der ersten Antikenmuseen nördlich der Alpen errichten, das Antiquarium.

Wie ein Karl Valentin später, der – in dem Fall natürlich vor Publikum – zu sich selbst sagt: »Entschuldigen Sie, dass ich mich unterbreche!«, unterbricht Orlando di Lasso ein Schreiben an den bayerischen Herzog Albrecht V., immerhin an seinen Dienstherren mit einer bemerkenswerten Begründung: »Ich würde gewiß ausführlicher schreiben, aber es ist jetzt sozusagen Zeit zur Vesper zu Ehren des Hosenlatzes und ich kann nicht umhin, den Niederlanden meiner Frau einen Besuch abzustatten.« Das ist wirklich eine gute Idee, besonders wenn man selbst, wie Orlando, aus den Niederlanden stammt, geboren 1532 in Mons, in den damals burgundischen Niederlanden. Man kennt sich sozusagen aus in der Gegend. Aber Orlando glaubt, noch deutlicher werden zu müssen: »Denn allzulange hab ich nicht mehr gevögelt.« Natürlich auch etwas komisch, dass ihm das mitten im Schreiben einfällt, noch dazu an den Herzog. Er kann sich auch gar nicht mehr einkriegen und spinnt das nun mal so fröhlich aufgegriffene Thema fort und fort: »Das ist natürlich, nicht schön zwar, aber vergnüglich und würzig wie Johannisbeeren.« Johannisbeeren stehen in dieser Zeit als Redensart auch für etwas ganz anderes, für den eindringlichen unverwechselbaren Duft einer Frau, die nach einem besonders kräftigen Liebhaber Ausschau hält. Da bleibt natürlich keine Zeit mehr, einen Brief fertig zu schreiben. Dreist verabschiedet sich Orlando an diesem »Samstag, drei Uhr nach dem Essen, im Monat Juli 1572«, mit den Worten: »Ich will sie gleich besteigen. Gehabt Euch wohl, Herr!«

Leider ist die Antwort nicht überliefert. Hat der Herzog lachen können? Hat er es seinem dreisten Untergebenen herausgegeben und selbst recht zünftig obszön zurückgeschrieben? Oder hat er sich geärgert und es unterschwellig in sich gären lassen, dass er es dem schon noch einmal zeigen wird? Oder war man sich einfach so nah verbunden, dass an dem Ton nichts Befremdliches war? Orlandos Frau mit dem hübschen Namen Regina Wäckinger war eine Bedienstete von Albrechts Ehefrau, Herzogin Anna. Es wird berichtet, dass die Ehe zwischen Orlando und Regina recht glücklich gewesen sein muss, eine Ehe zwischen einem Mann, der nicht nur heiter und lustig war, sondern oft mit sich selbst zerworfen, und einer ganz und gar bodenständigen und praktisch veranlagten Frau.

Seinerseits fragt er seinen mächtigsten Herrn, Fürsten und Palatin, »Herrn des Rheins usw!« nach »Ew. Frau Gemahlin«: Schwillt ihr der Bauch jetzt dick und prächtig / Ein Zeichen ist's – Ihr drückt sie mächtig / Spürt sie schon ihr Kindlein viel – / Das kommt von vielem Bürzelspiel.« Political correctness lag den Herrschaften der Renaissance wirklich fern. Auf Augenhöhe befindet er sich mit seinem Herzog auch, was Trinkgewohnheiten angeht, er beruft sich direkt auf ihn: »Ich trinke so viel wie sonst, denn mein Herr hält es nicht anders […].«

Nervös, sprunghaft, manchmal oberflächlich dahinwitzelnd, dann wieder voller Tiefe, leider gepaart mit Schwermut, ein Melancholiker vor dem Herrn, heiter wie alle der Melancholie, gleichzeitig zu Tode betrübt, sodass man schon in seinen letzten Lebensjahren ein sanftes Irresein befürchten musste, wogegen wiederum das strahlende Leuchten seiner geistlichen Musik spricht. Ein großer Musiker, einer der größten seiner Zeit, einer, der sich mit seinem Nachbarn in Schöngeising bis aufs Messer um einen Vogelbauer streiten kann. Schwankend zwischen Narrischsein und depressiven Anfällen, nicht mehr unterscheiden können zwischen Maske und Person, zerrissen zwischen einer Welt und dem eigenen Leben, sodass dem Leben die Spur verloren geht in dieser Welt; freilich selbst davon überzeugt, dass es auf der Welt nichts Verrückteres gibt als den Menschen. Deshalb wollte er auch sich selbst nicht ernst nehmen, sich selbst am allerwenigsten. Nennt sich einen Narren und weiß doch ziemlich genau, dass er der größte Komponist seiner Zeit ist, was ihn nicht sicherer macht: Selbstzweifel nehmen überhand. Die Stimmen, die er in seiner Musik hörbar macht, zerfallen in seinem Inneren zu einem Orchester, das ein einziges Durcheinander spielt, jeder gegen jeden: Choleriker, Musiker, Narr, Melancholiker, Provokateur, der vorschlägt, die Sünde durch das Sündigen zu vertreiben, und abwägt, ob ein Radieschen in den Hals gehört oder in den Hintern, und das beim Herzog, seinem Herrn, und das noch aus Gottes Hand höchstpersönlich. Möglicherweise hat das seinen Preis. Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, bleibt absturzgefährdet. So er die Balance hält, kostet das gleichwohl enorm viel Energie. Die will aufgebracht werden. Nicht immer gelingt aber die Balance, und dann muss der Hasardeur schauen, wie er in seinem Inneren die Pendelausschläge wieder zusammenbringt. Orlando teilt diese seelische Spannweite mit all ihren Gefährdungen mit anderen, die eine solch moderne Existenz in der Renaissance riskieren wollten, das sind möglicherweise die Kosten eines waghalsigen Aufbruchs, so viel persönliche Freiheitsgefühle, maßlose Augenblicke des Glücks und tiefstes Erleben, welche die Erfahrung eines menschlichen Lebens glanzvoll bereichern.

Der Preis ist es wert. Was für ein Leben: Die Nachricht von der »hellen, lieblichen Stimme« eines Chorknaben aus Mons, das im heutigen Belgien liegt, hatte sich schon um 1540 wie ein Lauffeuer in adligen Kreisen ausgebreitet. Zweimal wurde er entführt, beide Male konnten ihn seine Eltern zurückholen. Beim dritten Mal aber trat er in die Dienste seines Entführers, des Vizekönigs von Sizilien, Ferrante Gonzaga. Das war im Jahr 1544. Orlando di Lasso war zu diesem Zeitpunkt zwölf oder höchstens vierzehn Jahre alt. Ein aufregendes Leben begann für den Jungen, der ganz offensichtlich aus einfachen Verhältnissen stammte: Mit seinem Dienstherrn reiste er durch Italien, er verkehrte nun in Adelskreisen, lernte die italienische Lebensart kennen, die Volksmusik, das Stegreiftheater auf der Straße, die Commedia dell'Arte, die Kunst der Improvisation – und wurde wieder entlassen, als er in den Stimmbruch kam. Zum Glück hatte er sich bereits mit eigenen Kompositionen einen Namen gemacht und fand schnell wieder einen neuen Gönner und Förderer: den Marchese della Terza in Neapel. Aber Orlando war bildungshungrig und reiselustig, er erwarb umfassende Kenntnisse in der Literatur und lernte mehrere Sprachen fließend sprechen. Schon als junger Mann sollte er ein echter Renaissancemensch werden, ein uomo universale. Er war in Florenz und in Rom, wo er zeitweilig als Kapellmeister im Lateran angestellt war, später reiste er bis nach England und ließ sich schließlich in Antwerpen nieder. Er dürfte wohl einer der ersten »freischaffenden Komponisten« überhaupt gewesen sein und gab seine Motetten, Madrigale und Chansons als Drucke heraus, was ihn geradezu schlagartig »weltberühmt« machte. Er komponierte in vier Sprachen: französische Chansons, italienische Madrigale, deutsche Lieder, lateinische Motetten. Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem auch der junge bayerische Herzog Albrecht V. auf Orlando di Lasso aufmerksam wurde und ihn 1557 zu sich nach München holte.

Im Alter von 59 Jahren, im Jahr 1591, erlitt Orlando einen Zusammenbruch. Seine Frau führte das auf »das zu viele Komponieren« zurück. Vermutlich war es ein Schlaganfall, danach aber wurde Orlando zunehmend depressiv und melancholisch. Auch musste er den Niedergang seiner Epoche erleben, als, bedingt durch den Bau der Michaelskirche, die Hofhaltung praktisch zusammenbrach und als Sparmaßnahme die Hofkapelle drastisch verkleinert wurde. Am 14. Juni 1594 starb Orlando di Lasso in München.

Auch sein Dienstherr, der Herzog, wurde mit fortschreitendem Alter von Melancholie, wenn nicht Depression geplagt. Doch was hatte auch er für ein Leben geführt! Keine Kosten gescheut und keine Auseinandersetzungen mit seiner Hofkammer, um ihm die allerbesten Musiker zu verschaffen. Für ihn wurden Prunkgewänder genäht, und seine Manuskripte wurden von Hofmalern und Schreibern kunstvoll verziert. Orlando holte italienische Tanzmeister nach Bayern, denn nun wurde auch »all'italiana« getanzt. Bei der Hochzeit des Thronfolgers Wilhelm mit Renata von Lothringen trat er selbst mit großem Erfolg bei einer commedia all'improviso alla italiana als Schauspieler, Sänger und Lautenist auf.

»Obwohl die meisten Anwesenden (von den ›erlauchten Damen‹) nicht verstanden, was die Schauspieler sagten, so stellte doch der wahrhaft virtuose Orlando Lasso den venezianischen Magnifico mit soviel Bravour und Grazie dar, und ebenso tat dies sein Zanne, daß im Verlauf der Akte alle schallend lachten.« So steht es in dem detaillierten Bericht von Massimo Troiano, der nicht nur Mitglied der Hofkapelle war, sondern als Co-Autor von Orlando und als Mitspieler fungierte.

Italien war also am Münchner Hof eingekehrt: Bei einer so hochoffiziellen Veranstaltung wie der Hochzeit des Thronfolgers war es möglich, »ain lustige und kurtzweilige Comedj in Italienischer sprach« aufzuführen. Ebenso war die Commedia dell'arte in München angelangt, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt in der überlieferten Form kaum älter als zwanzig oder dreißig Jahre alt gewesen sein dürfte.

Was wird ihm hier so gefallen haben, dass er die Residenzstadt München gern einmal hinter sich lassen mag, auch wenn der Weg weit und beschwerlich ist? Hatte die Amper-Landschaft etwas Flämisches für ihn, Heimatliches? Oder die Anarchie der Biber und ihrer Bauten? Oder einfach die Fügung, dass sich Herzog Albrecht oft im Kloster Fürstenfeld aufhielt und natürlich auch auf die Jagd ging, unter anderem im Gebiet des Jexhof, heute ein Bauernhofmuseum mit einem so anspruchsvollen, teils avantgardistischen Programm, dass es weit über ähnliche Einrichtungen hinausragt. Albrecht kannte die Gegend also gut, teils gehörte sie ihm, so konnte er seinem herausragenden Musiker ein Geschenk machen, am 27. Januar 1587: »Von Gottesgnaden Wir Wilhelm Pfalzgrave by Rhein, Herzog in oberen und niedern Bayrn etc. bekennen etc., das wir unnserm obersten Capellmeister unnd lieben getreuen Orlando di lasso aus sondern Gnaden damit ime geneigt, unnd um der underthenigen Dienst willen […] erzeigt hat […] unnsern aigenthumblichen Garten zu Geising, so 60 strit lang unnd 40 prait mit dem hindern Ort an unnser gemauert Haus allda unnd vorn an des Allten dräxls Hofraid stoßend […].« Noch im gleichen Jahr macht sich Orlando ans Bauen und wünscht geschäftstüchtig und dem Geist der Zeit entsprechend, dass ihm die Fronbauern des Herzogs die nötigen Baumaterialien gefälligst anliefern. Bei aller Vertrautheit, die sonst die beiden miteinander pflegen, lehnt der Herzog den Antrag ab, mit der Begründung, die Bauern wären schon genug belastet. Also muss das Kloster aushelfen. Akribisch notiert Abt Treuttwein die Bautätigkeit des Herrn »orando«: »17.4.1587 hern orlando mit 4 Rosen den gantzen tag holtz ausgeschlaifft. Item ime geben zu mannendorf 40 Zimmerholtz«, der gleiche Eintrag ist für den nächsten Tag zu lesen. Und »2 furn kalch und sandt« lässt der Abt zu dem Herrn »fieren«, und gleich noch mal, und immer den ganzen Tag. Auch für Verpflegung wird gesorgt: »an brott 20 hern brot, 20 gastbrot, 90 maurerbrot – 28 mas wein« am 11. Mai 1587, und so geht das fort und fort. Gern speist Orlando auch im Kloster, am Morgen, mittags und auch am Abend. Immerhin kommt am 21. September 1587 Frau Orlando: »Die frouw orlanden mich mit 45 R redlich an abgang bezalt.« Und Orlando selbst am 13. Februar 1588: »orlanden mir auff den bau erlegt an halben Batzen.« 1590 kann der Abt selbst seinen berühmten Nachbarn in dessen Anwesen in Schöngeising besuchen. Freilich sorgt Besitzstand auch für Ärger, man sieht sich genötigt, ihn zu verteidigen gegen unliebsame Nachbarn. In Orlandos Fall ist es der Förster Gregorius Vogl, mit dem er sich wegen eines Vogelherdes in die Wolle bekommt. Natürlich beschwert sich Orlando beim Abt, der Ausgang des Streits ist unbekannt.

Das banale Leben in einem oft verdrießlichen Alltag: Auch das gehört zum Leben eines Renaissancemenschen – geradeso wie zu unserem. Blöd, doch schmälert es nicht das Gelungene. 1584 soll Orlandos Motette Gustate et videte bei der Fronleichnamsprozession sogar dem heftig niedergehenden Regen Einhalt geboten haben. Danach hielt das Volk seine Musik endgültig für »göttlich«, und in den Kirchen knieten die Gläubigen vor Ehrfurcht nieder, wenn seine Chöre erklangen.

Grafrath und Tel Aviv

Wer das Wort »Zweig« hört, denkt natürlich an den Zweig am Baum, und vielleicht auch noch daran, dass dieser Zweig seinerseits ein Zweigerl hat, und das Zweigerl einen Ast, und der ein Asterl, bis man schließlich in schier endloser Kette mit dem schönen Lied »Drunt in da greana Au steht a Birnbaam schee blau juchhe« bei jenem wunderschönen Federl ankommt, das dem wunderschönen Vogerl gehört aus dem Nest in dem Baum, der da drunten in der Au steht, justament dem Münchner Stadtteil, in dem Karl Valentin geboren ist, weshalb man sich weiter nicht zu verwundern braucht, dass dieser Baum ein »Birnbaum, schön blau« ist. Aber dieses Lied wird nicht mehr so oft gesungen, infolgedessen auch nicht mehr so oft gehört. Und noch weniger bekannt ist in der Zwischenzeit ein Schriftsteller namens Arnold Zweig, den selbst Leser nicht kennen, die eventuell den Schriftsteller Stefan Zweig kennen, der uns noch auf dieser Rundreise um den Ammersee begegnen wird. Die beiden sind nicht verwandt miteinander. Böswillige Kritiker, denen wir nicht auskommen an den Ufern des Ammersees, so wenig wie an denjenigen des großen Ozeans kreativer Schöpfung, weil ihnen der direkte Zugang dazu verwehrt ist, nennen Stefan Zweig den »Geschäftszweig«, weil er eben, was nicht so häufig ist, viel Geld mit seinem Schreiben verdienen konnte. Jedoch konnte auch Arnold Zweig einen sogenannten Welterfolg verbuchen, mit dem Streit um den Sergeanten Grischa, 1927 erschienen. Der Roman geht so an: »Die Erde, Tellus, ein kleiner Planet, strudelt emsig durch den kohlschwarzen, atemlos eisigen Raum, der durchspült wird von Hunderten von Wellen, Schwingungen, Bewegungen eines Unbekannten, des Äthers, und die, wenn sie Festes treffen und Widerstand sie aufflammen läßt, Licht werden, Elektrizität, unbekannte Einflüsse, verderbliche oder segnende Wirkungen.« Er hat den Roman dem Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, gewidmet, mit dem er befreundet war.

Was das alles mit dem Ammersee zu tun hat? Ein wenig. Viel. Alles. Am Ammersee verbirgt sich der kleine Planet oder, wenn man will, die große weite Welt, wie sie sich überall in der sogenannten kleinen Welt findet, wenn man nur möchte, denn der Welt ist es ziemlich gleichgültig, wo man sie entdeckt. Außerdem hat der Schriftsteller Arnold Zweig, der einmal sehr bekannt war und noch immer etwas zu sagen hat, am Ammersee gelebt, in Grafrath. Grafrath gibt es eigentlich gar nicht, also ursprünglich nicht. Erst seit 1972, als sich die Gemeinden Unteralting und Wildenroth zusammengeschlossen haben, als Grafrath. Vorher war Grafrath nur ein Weiler gewesen, der mit einem anderen Weiler mit dem eigentümlichen Namen »Mauern« wiederum zu Unteralting gehört hatte, sodass aus dem Weiler eine ganze Gemeinde wurde. Die Einfahrt nach Grafrath ist, kommt man vom Süden, recht eigentümlich: Man fährt oder geht unter dem überdachten Verbindungsweg hindurch, der vom Konventsbau des Klosters zur Kirche St. Rasso führt, einst täglicher Weg der Mönche.

Bis 1939 gab es sogar eine Dampfschiffverbindung zum Ammersee nach Stegen. Das Schiff bekam 1880 den schönen Namen »MARIA THERESE«, sodass die Münchner mit dem Zug nach Grafrath fahren, im Restaurant »Dampfschiff« einkehren und von da aus auf der Amper durch das Ampermoos nach Stegen stampfen konnten. Allerdings haben die Menschen seinerzeit dem Schiff einen anderen Namen gegeben, und so wurde aus der »MARIA THERESE« die »MOOSKUH«. »MOOSKUH« deshalb, weil es eben durch das Moos fuhr und weil sein Signalton sich so ähnlich anhörte wie der Ruf der Rohrdommel, der auch nur aus zwei so dunklen Tönen besteht, dass man nicht denkt, dass ihn ein Tier hervorbringen könnte, schon gar nicht ein Vogel. In der sogenannten Pfahlstellung sieht die Rohrdommel aus wie ein Schilfrohr, sodass man sie kaum erkennen kann. Bei Gefahr nimmt sie diese Stellung ein, sie ist polygam. Sie ist sehr selten. Die »MOOSKUH