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Sechs Geschichten aus dem Kriegsjahr 1943, deren Protagonisten aus dem fiktiven Dorf Brömbach stammen. Ein Buch gegen das Vergessen und gegen das Aufflammen der rechten Szene in unserer heutigen Zeit. (siehe Rückseite Cover)
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die sechs Geschichten dieses Romans spielen im Kriegsjahr 1943 in einem fiktiven Dorf, irgendwo in Deutschland. Ich habe diesem Flecken Erde den Namen „Brömbach“ gegeben.
Die Episoden sind frei erfunden, obwohl man sich vorstellen kann, dass sie so, oder so ähnlich, tatsächlich hätten geschehen können.
Vieles wurde bereits über das Dritte Reich und seine verheerenden Folgen geschrieben.
Lassen Sie dieses Buch eine kleine Ergänzung sein und für jene vielleicht eine Mahnung, die heute immer noch, oder schon wieder, Arme heben und sich das Hakenkreuz tätowieren.
In Memorian Gusti und Ernst Weers sen.
Der Sohn des Gendarmen
Dudersens Tochter
Der Sohn des Schulmeisters
Die Frau des Krämers
Willkocks Enkel
Rudenachs Vater
Epilog
Sein Spiegelbild wirkte schmutzig verschwommen. Selbst die schwärzlichen Vertiefungen am einstmals goldenen, verschnörkelten Rahmen zeugten von einer jahrzehntelangen Vernachlässigung. Das gesamte Zimmer hinterließ diesen Eindruck.
Robert Rudenach betrachtete nachdenklich sein Gesicht. Was ihm aus dem Spiegel entgegensah, erschien ihm zehn Jahre älter, als es tatsächlich war. Die Haut blass, seine Augen wirkten müde. Tief eingegrabene Furchen an beiden Mundwinkeln.
Deine letzten fünfzehn Jahre sind nicht zu übersehen, dachte er und strich sich übers stoppelhaarige Kinn. Hast du eigentlich jemals gelacht? Wenn ja, muss das in deinen Kindertagen gewesen sein.
Er ging zum Fenster hinüber und sah auf den Dorfplatz hinunter.
In dieser frühmorgendlichen Stunde lag er noch ohne Leben. Nur eine alte, verwahrloste Katze querte den Platz, befand sich anscheinend auf der Flucht, vor wem auch immer. Beim kleinsten Geräusch fuhr sie verschreckt zusammen, stoppte, suchte, um gleich darauf, geduckt hastig ihren Weg fortzusetzen.
Rudenach sah ihr hinterher. Durch eine schräg stehende Zaunlatte verschwand sie in einen Vorgarten, den er kannte, wie sich selbst.
Er starrte auf diesen Punkt, auf das schräge Stück Holz und nickte still vor sich hin. Es war ihm, als hätte sich diese Latte in den letzten fünfundzwanzig Jahren keinen Zentimeter bewegt. Einen Tropfen Farbe hatte man ihr anscheinend gleichfalls verweigert während dieser ganzen Zeit.
Siegfried Simon - Siggi, sein Schulfreund.
Des Öfteren waren sie damals gemeinsam durch diese Zaunlücke geflohen, um sich vor den trunkenen Wutausbrüchen des alten Simon im nahen Wäldchen in Sicherheit zu bringen. Siegfried hatte dann oft in "ihrem Versteck" gehockt, abwesend vor sich hingestiert, weil er da bereits gewusst hatte, dass es jetzt die Mutter traf. Er selber hatte dann seine Hand auf die Schulter des Freundes gelegt, um irgendwie zu trösten oder einfach nur seine Verbundenheit zu zeigen. Zumeist war diese Hand von dem Freund schroff weggestoßen worden, weil der sich geschämt hatte. Getarnt hatte er diese Scham, diese eigene Unzulänglichkeit, mit grobem Handeln.
Gut fünfundzwanzig Jahre ist es jetzt her, dachte Rudenach, dass wir ein letztes Mal diesen Fluchtweg benutzten. Da waren wir zehn Jahre alt und Siegfrieds Schultern urplötzlich so breit, dass er einfach nicht mehr durchgepasst hatte. Du selber hättest es wohl noch zwei Jahre geschafft, dich aber dem Freund angeschlossen, der eine elegante Flanke beherrscht hatte, was dir, kleiner, schmächtiger und vor allem unsportlicher, nicht so gelungen war. Weshalb du dann auch, hie und da, den hölzernen Prügel des alten Simon im Kreuz zu spüren bekamst.
Rudenach zog die löchrige Gardine seiner Bleibe zur Seite und öffnete das Fenster. Kitt und Farbe platzten ab und fielen auf einen zerschlissenen Läufer. Sehr oft wurden die Fensterläden des alten Gasthofes nicht bewegt. Alles hatte sich anscheinend in den letzten sechzehn Jahren in Brömbach irgendwie nicht bewegt.
Mit dem Wort Erleichterung lässt sich deine Empfindung beschreiben, dachte er, als du gestern Abend bemerktest, dass der Besitzer der Schenke gewechselt hatte, denn dem alten Winkelmann zu begegnen, hätte mit aller Wahrscheinlichkeit kein Bett für die Nacht bedeutet.
So aber bekamst du bei deiner spätabendlichen Ankunft sogar noch ein Nachtmahl, obwohl sich zu dieser Zeit kein Mensch mehr im Gastraum aufgehalten hatte. Auf deine Frage nach Quartier hatte der fette, schwitzende Neupächter schweigend das Gästebuch auf den Tresen geworfen, dich von oben bis unten fixiert und mürrisch deine Frage nach etwas Essbarem verneint. Die hübsche junge Frau aber, die dann in der Küchentür erschienen war, hatte dir freundlich zugenickt. Natürlich bekamst du etwas zu essen. Dem schwarzen Kerl war nur geblieben, zu schweigen. Was immerhin die Fronten geklärt hatte. Winkelmanns alte Gaststätte hatte eine neue Pächterin erhalten.
Beim Eintrag in das Gästebuch hast du dann für Momente gezögert, ob es ratsam, mit deinem richtigen Namen zu unterschreiben? Sich für den deines Zellenkumpans zu entscheiden, mit dem du deine letzten fünf Jahre verbrachtest, war dir plötzlich gekommen und erschien dir angebrachter. Seinen gestrigen Händedruck zum Abschied spürst du immer noch.
Tief in Gedanken versunken, rieb sich Rudenach seine rechte Hand. Er sah über die nahen Häuser hinweg zu den Flußauen hinunter, in denen die aufgehende Sonne schlierige Nebelschwaden nach oben trieb. Er erkannte den alten Weidenbaum, an dem Siegfried und er, Bolle Knudsen, sage und schreibe, zwei Tage und zwei Nächte festgebunden und geknebelt zurückgelassen hatten. Diesen Tierquäler, der sogar einmal einer Katze den Kopf abgeschlagen und einfach nur Spaß dabei empfunden hatte.
Rudenach lächelte ein wenig. Er sah Knudsen wieder breitbeinig über die Wiesen taumeln, bepisst und beschissen, wie ein von ihm geprügelter Hund.
„Siegfried“, murmelte Rudenach leise vor sich hin. Sein Blick kehrte zur Zaunlatte zurück und hob sich nur geringfügig zur dahinter liegenden Simonschen Kate an.
„Was wirst du sagen, mein Freund, sobald du mir gegenüberstehst? Vielleicht wohnst du ja gar nicht mehr da unten?“
Dieser Gedanke kam Rudenach zum ersten Mal. Was sollte einen Siegfried Simon in Brömbach halten, nachdem, was vor sechzehn Jahren geschehen war? Seine Mutter?... Natürlich, seine Mutter.
Rudenachs Blick umfasste die gesamte Kate. Jedes einzelne der Fenster betrachtete er, hoffend auf einen Schatten, zumindest aber die Bewegung einer Gardine. Sein Blick senkte sich zur Eingangstür hinunter.
Es schien ihm, als würde sie wieder aufgerissen, genau wie sie vor sechzehn Jahren, im Sommer 1943, aufgerissen wurde. Siebzehn Jahre waren sie damals, er und Siegfried.
Und er sah wieder Hermann Simon, diesen ewig trunkenen Dorfgendarm. Massiger Körper, eine neue Uniform. Die Uniform eines stellvertretenden Ortsgruppenleiters.
Zehn Jahre lang hatten die Nazis damals seine heuchlerischen Anbiederungsversuche ignoriert, ihn in eine Ecke abgestellt, den Alkohol vorgeschoben und fehlende Disziplin. Was ihn aber nicht davon abgehalten hatte, nächtens, trunken die Ruhmestaten des Führers hinauszugrölen. Eines Nachts hatte er sogar Adam Sonnenberg, den Dorfkrämer, und einziger des Ortes mit jüdischer Vergangenheit, aus dem Bett getrommelt, um ihn dünn bekleidet, mitsamt hochschwangerer Frau und vier kleinen Kindern, barfüßig in den frostigen, harschen Winterschnee zu stellen. Eine volle Stunde lang durften sie mit erhobenem Arm den Führer grüßen. Schreien mussten sie. Erst der gezielte Faustschlag des Dorflehrers Sievers, der im Schulhaus, gegenüber dem Krämerladen, wohnte, hatte diese grausame Tortur beendet. Simon, der damals rücklings in den Schnee getaumelt war, hatte aus triefenden Augen den Schulmeister angestarrt, um sich gleich darauf, feige und auf allen Vieren kriechend, zurückzuziehen. Der Tod soll aus seinen Augen gesehen haben.
Als es bergab ging, brauchten sie Leute wie ihn. Tumbe, skrupellose Menschen. In ihm fanden sie, was sie benötigten. Dass er Polizeigewalt besaß, half.
Rudenach schloss seine Augen. Er sah sich selber stehen, die Hand bereit, das Gartentor zum Simonschen Haus zu öffnen. Er sah die aufgerissene Eingangstür, sah die braune Uniform und hörte wieder diese widerlich schrille Stimme...
… „Was willst du, Rudenach?“
Breitbeinig, mit hinter dem Koppel eingeklemmten Daumen, stand Simon in der Tür, bemüht den vom Alkohol geschwächten Körper einigermaßen im Zaum zu halten. Mit wackelndem Kopf glotzte er den Jungen an:
„Siehst du die Uniform? Erkennst du sie... oder etwa nicht?“
Robert schwieg und starrte auf das schwarze Hakenkreuz auf weißer Armbinde.
„Dann wirst du sie kennen lernen! Ihr alle werdet sie kennen lernen!“
Lauter geworden, kam er drohend und leicht schwankend die Gehwegplatten herunter.
„Nimm gefälligst deine ach so sauberen Hände von meinem Gartentor!“
Robert trat erschrocken einen Schritt zurück.
„Wie sauber diese Hände sind, wird sich zeigen, Rudenach! Die Gesinnung in eurer hochwohlgeborenen Familie ist ja allgemein bekannt! ...Und sag’ deinem Vater, diesem verkappten Chirurgen, dass ich ihn sehen will! Erzähl ihm, was für eine Uniform der Polizeimeister Simon jetzt trägt! - Hörst du? - Beschreib sie ihm, diese Uniform! - Und sag ihm auch, wer ihn zu diesem Gespräch einlädt!“
Dabei wies Simon auf das neu angebrachte weiße Holzschild gleich neben dem Hauseingang. -ORTSGRUPPENLEITER- In schwarzer Farbe, die Buchstaben. Den Hinweis STELLVERTRETENDER gab es nicht, vergaß einer wie Simon einfach.
„Und sage ich sechzehn Uhr, dann meine ich sechzehn Uhr!“ Abrupt drehte er sich ab, taumelte ein wenig, versuchte einen geraden Marschierschritt, verhielt vor dem neuen Hinweisschild, sah zu ihm hinauf und schrie, ohne sich dem jungen Rudenach zuzudrehen:
„Sag deinem Vater, wer ihn zu sich befiehlt!“
Simon verschwand im Flur der Kate und schlug die Haustür hinter sich zu.
Robert starrte gegen diese Tür. Erst Sekunden später kam er wieder zu sich und schämte sich im selben Moment. Geballte Fäuste an kurzer Lederhose. Leicht angewinkelt seine bloßen Arme.
Was sie doch bewirkten, diese hässlichen Uniformen, dachte er. Was wollte Simon vom Vater? Die häuslichen Diskussionen fielen ihm ein. Vaters geheime Treffen in irgendwelchen Kellerräumen seines Krankenhauses in der nahen Stadt. Mutters ewiges, vergebliches Aufbäumen dagegen.
Konnte Simon davon wissen? Natürlich nicht. Aus dem Hause Rudenach drang jedenfalls nichts nach draußen. Da konnte sich Vater auf Mutter, ihn und seine Schwester Dorothea, verlassen.
Du musst umgehend mit Siegfried reden, dachte er. Der Freund weiß eventuell Näheres.
Robert schlich den Zaun entlang und kam in den Bereich, der ihn, zumindest teilweise, den Hinterhof der Kate einsehen ließ.
Mutter Simon hängte Wäsche auf. Eine zarte Frau, die vierzigjährig, wie fünfzig wirkte, die sich immer leicht geduckt fortbewegte, immer gleichbleibend dunkel gekleidet war. Deren Mund nie ein Lächeln zeigte. Nur ihre Augen ließen so manches Mal erkennen, welch hübsches Mädchen sie wohl in jungen Jahren gewesen sein musste. Diese Frau hob jetzt den Kopf, Roberts kurzen, scharfen Pfiff vernehmend. Ängstlich sah sie zur Hofseite des Hauses hinüber und wieder zurück zum Jungen. Unmerklich schüttelte sie ihren Kopf und wies mit ihrem Blick in Richtung Moor.
Siegfried arbeitete im Torf. Er hätte es sich denken können. Robert kroch im Schutz des Zaunes zurück. Erst als er sich außerhalb der Sicht der Simonschen Kate befand, richtete er sich auf.
Er rannte die Dorfstraße hinunter, ließ Winkelmanns Gasthof links liegen und nahm die Abkürzung durch Willkocks Garten. Das Loch in seiner rückwärtigen Hecke, ein Fluchtweg aus Kindertagen.
Ein Hechtsprung,...das Abrollen in die Bullenwiese. Seit Jahren nicht mehr getan. Es ging noch.
Mit einem Sprung über den Graben erreichte er den Feldweg und lief den Rand des Waldes hinunter. An dessen Ende schloss sich das Moor an.
Erst hier verschnaufte er. Robert setzte sich auf einen Holzstapel geschlagener Birkenstämme und sah in die Moränenmulde hinunter. Langgestreckt zog sie sich bis zum entfernten Ufer des Sees hinunter.
Bauer Vielweber hatte in den letzten Jahren terrassenartige Abstufungen in den braunen Boden stechen lassen. Polnische und russische Kriegsgefangene waren ihm gerade recht gekommen.
In der vierten Stufe entdeckte Robert den Freund. Im Vierertakt stampfte der seinen Schnitter in die Senkrechte. Mit einer Körperdrehung stapelte Siegfried geschickt die Soden in seinen Rücken.
Rudenach öffnete seine Augen und zog die Gardine vor das Fenster. Er ging zum Bett zurück, warf sich in die Kissen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, starrte gegen die Decke und fragte sich.
Wäre damals alles anders gekommen, wärest du nicht sofort ins Moor gerannt? Vielleicht,...vielleicht aber auch nicht!
Seine Gedanken gingen zurück zum Holzstapel. Er hörte wieder seinen eigenen kurzen, scharfen Pfiff. …
…Siegfried Simon unterbrach seinen ewigen Rhythmus. Er richtete sich auf und suchte den Waldrand ab. Robert bemerkend, hob er seinen rechten Arm.
Rudenach winkte zurück und deutete ihm, dass er den Freund sprechen müsse.
Der hatte die Zeichen verstanden, drehte sich ab und sprach mit Benno Völkers, Vielwebers Vorarbeiter. Am gestikulieren seiner Arme und Völkers Kopfschütteln erkannte Robert, dass eine Unterbrechung der Arbeit auf keinen Fall infrage käme. Er wollte zum Freund hinunter schreien; Lass es, Siggi, wenn du Ärger kriegst, dann lass es! Wir können später... Robert kam nicht mehr dazu.
Der junge Simon hatte bereits sein Arbeitsgerät ins Moor geworfen. Den fluchenden Völkers überließ er sich selber.
Mit schnellen Schritten lief der Freund den Verlauf der Terrasse hinunter. Vorbei an Polen und Russen, von denen einige applaudierten. Er bestieg eine mannshohe Leiter und tat dieses weitere drei Mal, überquerte eine Feuchtwiese und kam an den Waldrand. Keine Minute später stand er vor dem Holzstapel und warf sich rücklings ins hohe Gras. Robert sprang herunter und hockte sich gegen die groben Stämme.
„Du wirst Ärger bekommen!“
„Nicht von dem!“
„Er ist dein Vorarbeiter!“
„Ich bin sein bester Mann,...und ich kann ein bisschen polnisch. Er braucht mich. Außerdem hat er Goebbels im Suff einmal einen humpelnden Kretin genannt!“
„Würdest du das gegen ihn verwenden?“
Der Freund sah zu Robert hinüber, lächelte und schüttelte leicht den Kopf.
„Natürlich nicht“, sagte er, „aber es ist gut, wenn man in der heutigen Zeit von jemanden etwas weiß, was andere nicht wissen!“
Der junge Simon stützte sich auf seine Ellbogen ab, legte seinen Kopf in den Nacken und lachte. Ein befreites Lachen, das Robert seit einem Jahr so an ihm liebte. Das von acht Faustschlägen herrührte, die er seinem betrunkenen Vater ins Gesicht geschlagen, weil dieser wieder einmal, wegen irgendeiner lächerlichen Kleinigkeit, auf seine Mutter eingeprügelt hatte.
Ausführlich hatten sie damals in ihrer Waldhöhle über den Vorfall gesprochen. Da war Siegfried sechzehn Jahre alt gewesen, genau wie er und mittlerweile einen halben Kopf größer als sein Erzeuger.
Breitschultrig und durch zweijährige, harte Moorarbeit mit stählernen Muskeln ausgestattet, konnte, nein, durfte er es nicht länger zulassen. Er musste diese ewig wiederkehrende Tortur, die seine Mutter jahrelang demütig schweigend ertrug, ein für alle Mal beenden. In blinder Wut drosch Siegfried damals auf den Alten ein, war mit ihm auf den Küchenboden gestürzt, hatte auf seiner Brust gekniet und nicht von ihm abgelassen.
Seine ausholende Faust hatte sich noch in der Luft befunden, als er nach dem achten Schlag innegehalten, und auf das zermatschte, stark blutende, aufgequollene Gesicht hinuntergesehen hatte, aus dem ihm, wie immer, röchelnd, stinkender Alkoholatem entgegengeschlagen war. An den Revers seiner Polizeijacke hatte er den Widerling hochgerissen und ihn in die äußerste Küchenecke geschleudert. Über der Torfbalje, gleich neben dem Herd, war der Alte einfach zusammengesackt und hatte sich erbrochen.
Breitbeinig hatte sich Siegfried dann vor diesem jämmerlichen Haufen aufgebaut und, mit vor Wut zitternder Stimme, drohend auf ihn eingeredet:
„Einmal fasst du die Mutter noch an,...nur ein einziges Mal, dann...!“
Er hatte den Satz nicht beendet, weil dieses, ...dann bist du tot! ...doch irgendwie nicht über seine Lippen gegangen war.
Seine Mutter hockte zu gleicher Minute zusammengesunken am Küchenschrank, die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. Still geweint hatte sie. Behutsam musste Siegfried sie an ihren Handgelenken genommen haben, bevor er sie zu sich hochzog. Mit ängstlich starrenden Augen hatte sie ihrem Jungen ins Gesicht gesehen, dann auf das Häufchen Elend in der Küchenecke gezeigt und stammelnd gemurmelt:
„Oh Gott, Junge, was hast du getan? Lass mich zu ihm, ich muss ihm helfen!“
„Lass ihn, Mutter“, hatte er da nur gesagt, „bitte lass ihn!“
Da sie aber nicht nachgelassen und ihn weiterhin bedrängt hatte, hatten seine starken Arme die zarte Frau einfach hochgezogen, er hatte sie die schmale Stiege hinaufgetragen und sie aufs Bett gelegt. Flehender Blick, zitternd flüsternde Stimme:
„Bitte Junge ...er wird ersticken.“
Siegfried war daraufhin nichts anderes geblieben, als durch die Dachluke in den nachmittaglichen Sommerhimmel zu sehen, so wie man immer nach oben sieht, sobald man den Herrgott suchte. Sollte es dich geben, einziger Gedanke damals, dann lass ihn verrecken, - bei allen Heiligen, du tust ein gutes Werk.
Danach Augenkontakt mit ihr, lange und nachhaltig. Ihre Hände haltend, hatte er gefasst und mit beruhigenden Worten auf sie eingeredet.
„Er wird dich nie wieder anrühren, Mutter, nie wieder, hörst du! Ich schwöre es dir! ...Schlaf jetzt ein wenig.“
Sanft drückte er die Mutter danach in die Kissen, und sie hatte sich nicht gewehrt. Den Türgriff bereits in der Hand, hatte er sich ihr noch einmal zugedreht.
Geschlossene Augen, ihre Hände im Deckbett verkrampft. Flehend ihr Gestammel:
„Siegfried, Junge, du kümmerst dich,...versprich es mir, dass du dich kümmerst!“
Schwer war ihm die Lüge damals nicht gefallen.
„Ja Mutter, ich kümmere mich.“
Leise hatte er dann die Tür geschlossen.
In der Küche war sein Blick gleich auf die leere Ecke gefallen. Mit einer Kopfdrehung hatte er die Blutspur verfolgt, die zur hinteren Hoftür geführt hatte. Durch das Küchenfenster sah er dann den Alten an der Pumpe stehen. Mit rechter Hand war der mühsam damit beschäftigt gewesen den Schwengel zu bedienen, um sich mit links, stöhnend, Blut und Erbrochenes aus dem Gesicht zu wischen. Wenige Schritte, hin zur offenen Hoftür. Angewidert hatte Siegfried den Alten beobachtet.
Gebückte Haltung. Schwabbeliger Körper. Graues, fleckiges Unterhemd. Speichelfäden am geschwollenen Kinn.
Sekunden später hatte der Alte seinen Blick in Richtung Tür gehoben. Gefühltes Beobachtungssyndrom.
Aus gequollenen, blutunterlaufenen Augen hatte der alte Simon dann sein eigen Fleisch und Blut angestiert, wie er vier Jahre zuvor den Juden Adam Sonnenberg angestarrt hatte und den Schulmeister Friederich Sievers.
,Du nicht’, einzig fassender Gedanke bei Siegfried, ,du machst mir keine Angst mehr’!
Mit der Andeutung eines Schrittes hatte er sich dann auf die Pumpe zu bewegt. Der Alte war ängstlich zurückgewichen und hatte zum Schutz den Arm gehoben.
Da war einem Siegfried nur geblieben, sich abzuwenden und nur noch Verachtung zu empfinden für das feige Häufchen Elend.
Und doch hatte er auch die Gefahr verspürt, die von diesen Augen ausgegangen war. Anders als sonst, anders als bloße Prügellust. Achtung hieß das! Erhöhte Achtung!
Zurückgekehrt ins Haus, hatte er sich auf die unterste Stufe der Stiege gesetzt, um den Schlaf seiner Mutter zu bewachen.
Von diesem Tag an, war eine erstaunliche Ruhe eingekehrt. Nicht ein einziges Mal hat dieser Widerling die Mutter angerührt, geschweige denn, den Sohn.
„Warum lachst du nicht Rob? Komm, lach doch mit mir, das Leben besitzt auch angenehme Seiten!“
Robert kam aus seinen Gedanken, die dem Anschein nach nur Sekunden gebraucht hatten. Er drückte sich vom Holzstapel ab und baute sich vor dem Freund auf:
„Es ist der Satz, Siegfried. ...Wenn man von jemanden etwas weiß in unserer heutigen Zeit...!“
„Aber Robert, du glaubst doch nicht, dass ich jemals Völkers...!“
„Nicht Völkers,...es geht um deinen Vater!“
Der junge Simon sah zur Seite. Das Lächeln, urplötzlich aus seinem Gesicht verschwunden. Er sprach leise:
„Der Herr stellvertretende Ortsgruppenleiter...“
Wie aus weiter Ferne kehrte sein Blick zurück. Er drückte seinen Kopf in den Nacken und sagte:
„Weißt du, dass sie ihn zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter ernannt haben? Weißt du, was das heißt, schieben sie Unmenschen wie ihm Pöstchen zu? ...Das heißt, dass sie am Ende sind, Rob, ...es geht aufwärts, ...der stellvertretende Ortsgruppenleiter Hermann Simon leitet die Wende ein,...und weißt du, was das Schönste ist...?“
Er lachte schallend und schlug sich auf die Schenkel,
„Sie merken es nicht,...sie merken es nicht einmal!“
„Ich weiß nicht, Siegfried, wie ein Ende sieht es noch nicht aus. Er hat meinen Vater zu sich bestellt! Was will der stellvertretende Ortsgruppenleiter Simon von meinem Vater, kannst du mir das sagen? Was will er von ihm?“
Augenblicklich schoss der Freund hoch! Erschrocken, nachdenklicher Blick in die Weite des Moores. Dann leise, im Verlauf seiner folgenden Sätze lauter werdend:
„Ich weiß es nicht, Robert. Nur denken kann ich es mir. Er wird versuchen deinen Vater zu denunzieren! Es ist die Uniform, die ihn jetzt aus seinem feigen Hinterhalt kommen lässt!“
„Womit kann er meinen Vater denunzieren? Hält er etwas gegen ihn in der Hand?“
„Winkelmann,...ich glaube, es ist der Wirt,...sein bester Saufkumpan!“
„Der Wirt,...was soll der gegen meinen Vater haben?“
„Bei ihm gehen sie alle durch, auch dein Vater, und wenn es sich nur um den Frühschoppen nach dem Kirchgang handelt! Ein falsches Wort zur unrechten Zeit und Kreaturen wie mein Erzeuger und dieser Winkelmann spitzen die Ohren, ziehen sich mit mehreren Flaschen ins Hinterzimmer zurück und beißen sich fest!“
„Sie wissen nichts! Sie können nichts wissen!“
Robert hockte sich ebenfalls ins Gras. Nachdenklich sah er auf seine nervös fummelnden Hände herunter.
Ich sag’ es ihm, dachte er. Wenn ich es einem sagen kann, dann Siegfried. Hast du, der Gymnasiast, den Freund wegen seiner Intelligenz und Gradlinigkeit nicht immer bewundert?
Robert drehte sich dem Waldrand zu. Für einen Moment verlor sich sein Blick im Gestrüpp des Unterholzes. Gleich darauf wieder Augenkontakt mit dem Freund.:
„Mein Vater ist im Widerstand, Siegfried!“
Da der Freund nichts sagte, sondern ihn weiterhin nur ansah:
„Hörst du, er ist im Widerstand!“
„Ich weiß!“
„Du weißt?“
„Ja, ich weiß!“
„Das kannst du nicht wissen,...das weiß keiner,...woher weißt du?“
Der junge Simon schwieg, schien zu überlegen.
„Bitte, Siegfried, woher weißt du davon?“
„Weil ich an den Zusammenkünften im Keller des Krankenhauses deines Vaters teilnehme!“
„Wie? - Du hast,...du bist,…, dann bist du...?“
„Ja, Rob, auch ich arbeite im Widerstand!“
Robert schwieg. Staunender Blick in weit aufgerissenen Augen, die denen des Freundes jetzt nicht weiter standhielten. Aufkommende Scham. Warum bist du nicht so, dachte er? Deine Jugend hast du vorgeschoben,...man konnte ja noch nicht,...lasst mich erst einmal erwachsen werden ...dann würden sie schon sehen,... Feigheit,... Angst, sonst nichts...Siegfried ist genau so alt wie du.
Er spürte, wie der Freund den Arm um seine Schulter legte. Als würde er Roberts Gedanken erahnen sagte er:
„Es gibt viele Fronten, an denen man kämpfen kann, Rob! Uns bleibt keine Zeit, wir müssen etwas unternehmen!“
Er hatte -wir- gesagt,...wir müssen etwas unternehmen.
Robert durchfuhr eine nie gekannte Wärme. Eine unsichtbare Kraft schien sich seiner zu bemächtigen...oder doch nicht?
„Vielleicht liegst du richtig, Siegfried“, sagte er leise, „wir müssen etwas unternehmen! Aber was? Es geht immerhin gegen deinen Vater.“
„Seit einem Jahr will er mich töten!“
„Was redest du da?“
„Es sind die Fausthiebe, Robert! Er kann sie nicht vergessen! Bis jetzt war er zu feige, aber seit drei Tagen besitzt er diese Uniform.“
„Ich kann das nicht glauben,...ein Vater seinen Sohn töten!“
„Es sind seine Augen, die das sagen, Robert,...seit einem Jahr sagen sie mir das!“
Leises Klopfen an der Zimmertür. Rudenach schoss aus seinen Erinnerungen hoch:
„Ja! - Einen Moment!“
Er fuhr sich durchs Haar, ging rüber zur Tür und öffnete sie. Draußen stand die freundliche, junge Wirtin, in beiden Händen ein Frühstückstablett.
„Ich dachte mir, Sie frühstücken lieber auf Ihrem Zimmer, Herr Laupe!“
- Laupe, - Gottfried Laupe, lebenslänglich wegen Doppelmordes an seiner Ehefrau und ihrem Geliebten. -
„Wie? ...Ach so,...!“
Er sah erstaunt in ihr wunderschönes Gesicht, trat zur Seite und ließ sie vorbei. Sie stellte das Tablett auf den wackeligen Tisch. Leicht vornübergebeugt stand sie mit dem Rücken zu ihm und schenkte Kaffee ein. Er hielt immer noch den Türgriff in der Hand und sah zu ihr hinüber. Eine schöne Frau, dachte er, eine verdammt schöne Frau!
Sechzehn Jahre bekamst du keine Frau zu Gesicht, bis auf die freundliche, alte Ärztin, die dich alle halbe Jahre untersuchte. Eigentlich hast du noch nie in den Armen einer Frau gelegen. Die Ereignisse in jungen Jahren hatten es einfach nicht zugelassen, sperrten dich aus.
Ein paar anfängliche Tändeleien am Gymnasium, das ja, das schon. Hiltrud Gerber fiel ihm ein. Ein Kuss, unten in der Bunkerruine am Fluss. Als er mehr gewollt, hatte sie ihn gestoßen, ihm sogar eine gescheuert, um gleich darauf davonzulaufen.
„Es ist ein hässliches Zimmer, nicht wahr!“
Er kam aus seinen Gedanken und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Sie stand weiterhin mit dem Rücken zu ihm und verteilte Butter und Marmelade.
„Es ist ein alter Gasthof “, sagte er.
Sie drehte sich ihm zu, hielt das Tablett vor ihrem Schoß und sah ihn lange an.
Wunderschöne, blaue Augen, dachte er. Was immer Rudenach in diesem außergewöhnlichen Moment fühlte, hier begann es.
„Ich muss dann wieder, unten warten Frühstücksgäste.“
Sie kam auf ihn zu und ging an ihm vorbei. Halt sie zurück, dachte er.
„Ich,...!“
Bereits in der Tür stehend drehte sie sich ihm zu. „Ja?“
„Ich würde gerne,...wenn Sie erlauben,...vielleicht einen Spaziergang...!“
„Nein!“ sagte sie, sah ängstlich nach rechts in den Flur und dann in die andere Richtung, zur Treppe.
„...das geht nicht,...das geht wirklich nicht!“
Sie eilte davon, bevor Rudenach etwas sagen konnte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie vor etwas davonlief, vor sich selbst, oder vor diesem schwarzen Ungetüm. Du wirst es ergründen, dachte er, du musst es ergründen.
Zwei Jahre sollte er dafür benötigen. Das aber wusste ein Robert Rudenach zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Robert schloss leise die Tür und trat ans Fenster. Er sah zum wiederholten Mal in die Flußauen hinunter. Kaffeeduft stieg ihm in die Nase, wie damals vor sechzehn Jahren am Holzhaufen, als Siegfried seine Warmhaltekanne aufgeschraubt hatte….
…„Nimm einen Schluck, Robert, wir müssen nachdenken!“
„Was ist das für eine Zeit, Siegfried, in der wir darüber nachdenken müssen, ob und wann ein Vater seinen Sohn tötet?“
„Es ist nicht nur die Zeit, es ist der Mensch Simon, oder besser Unmensch Simon, der uns beschäftigt. Dem diese Zeit eine Uniform verpasst hat, die dieser nutzen wird. Nutzen wird, um in dreieinhalb Stunden vierzig Menschen ans Messer zu liefern, und ich befinde mich unter diesen Vierzig, Robert. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe!“
Der Blick des jungen Simon ging an Robert vorbei und schien sich irgendwie in der Ferne zu verlieren. Er lächelte jetzt sogar ein wenig und wandte sich dem Freund erneut zu:
„...mit einer Klappe, verstehst du?“
„Was willst du tun, Siegfried,...was kann man tun!“
Das Gesicht des Freundes verlor das Lächeln. Er starrte auf seine nassen Arbeitsschuhe:
„Ich werde ihn töten!“
Pause, endlos lange.
Hörtest du da richtig, dachte Robert? Was aber gab es da nicht zu verstehen? Der Satz, klar. Der Satz, stand.
„Das kannst du nicht,...das darfst du nicht...!“
Robert bückte sich zu Siegfried hinunter. Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn:
„Du wirst deinen Vater nicht töten! Weißt du, was das heißt? Du...du wirst zum...!“
„Zum Mörder, Robert,...sprich es nur aus! Es geht dir nicht über die Lippen, nicht wahr? ...Das Wort Mörder geht einem nicht so einfach über die Lippen. Was wirst du aber sagen, sobald dein Vater und neununddreißig andere vor ihrem Erschießungskommando stehen? Was wirst du dann sagen? In Ordnung meine Herren, ...es ist in Ordnung!?“
Robert sackte in sich zusammen. Er kniete vor dem Freund und stierte stumpfsinnig vor sich hin. Siegfrieds Hand auf seiner Schulter tat ihm gut.
„Es ist die Zeit, diese verfluchte Zeit! Du hast es selber gesagt, Robert!“
Er stand auf, zog Robert hoch und sah ihm entschlossen in die Augen:
„Geh' du jetzt nach Hause! Deinem Vater sagst du kein Wort,...zu keinem ein Wort,...hörst du? Ich muss mich darauf verlassen können! Geh' jetzt!“
„Du hast -wir- gesagt, Siegfried Simon, wir müssen etwas unternehmen!“
„Ich muss das alleine erledigen! Es ist besser so!“
Der junge Simon stieß sich von Robert ab. Er drehte sich herum, übersprang den Graben und lief eilig die Feuchtwiese hinunter:
„Siggi, ich bitte dich,...er ist dein Vater!“
Der Freund stoppte ab und drehte sich ihm zu. Lange sah er Robert ins Gesicht:
„Ich habe keinen Vater, ich hatte siebzehn Jahre keinen Vater! Geh' jetzt! Verdammt nochmal, geh' endlich!“
Robert taumelte nach hinten, seine Beine wollten einfach nicht so wie er. Zitternde Knie, Blei in den Waden. Ein grausames Gemisch. An der Ecke des Waldes angekommen sah er noch einmal zurück.
Der junge Simon diskutierte aufgeregt mit Völkers. Er verpasste dem Vorarbeiter einen Kinnhaken, drehte ab, schnappte sich sein Arbeitsgerät und stieb einfach davon. Russischer und polnischer Beifall begleiteten ihn ein zweites Mal.
Robert hockte sich ins Gras. Er starrte ins Unterholz zu seiner Seite. Was kannst du tun, fragte er sich? Wie kannst du verhindern, dass der Freund zum Vatermörder wird? Du musst es verhindern! Aber wirst du dann nicht selber zum Vatermörder? ...Und Siegfrieds Mörder?...Und der Mörder von achtunddreißig anderen, die du nicht einmal kennst? Vater, dachte er, der jetzt zu Hause sitzt, der erst am Abend zur Nachtschicht ins Krankenhaus muss. Ihm wirst du es erzählen!
„...deinem Vater sagst du kein Wort,...zu keinem ein Wort...hörst du!“ Erschrocken drehte Robert sich herum. Waren diese Satzfetzen aus dem Dickicht des Waldes gekommen? Er stierte in die Dunkelheit des Unterholzes, wartete auf das knackende Geräusch eines Astes, auf ein Rascheln. Nichts!
Ich muss zu Siegfried, dachte er, ich muss zu ihm! Ich bin sein Freund!
Er lief zum Holzstapel zurück und sah den Feldweg hinunter. Minuten zuvor war der Freund dort hinten, auf Höhe der Lichtung, zwischen Baum und Busch, verschwunden. Sollte er den Wald durchqueren, das Dorf umgehen, über Dudersens Weiden hetzen, dann konnte Siegfried sich von hinten an die Simonsche Kate heranschleichen,...stand vielleicht bereits vor dem Vater,...und holte aus zum Schlag!
Entschlossen trat Robert augenblicklich seinen Rückzug an. Er rannte über die Bullenwiese und hechtete durch das Heckenloch. Er achtete nicht auf Willkocks Kartoffeln, lief in den Putschengang zwischen den Häusern, kurvte in den Dorfplatz hinein und kam abrupt zum Stand, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.
Keine fünf Meter von ihm entfernt befand sich die Uniform, beidhändig mit Daumen im Koppel. Der stellvertretende Ortsgruppenleiter Simon unterhielt sich mit seinem Saufkumpan Winkelmann.
Wie angewurzelt blieb Robert stehen. Er starrte auf Simon, der langsam seinen Kopf drehte und zu ihm rübersah. Der Gendarm verengte seine Augen, hieb die Fäuste in die Seiten und wankte auf ihn zu.
Robert wollte rennen, umkehren und einfach laufen. Weshalb auch immer, er blieb, bis er den widerlichen Alkoholatem in seinen Nasengängen verspürte.
„Rudenach!...Der Gymnasiast Rudenach! Was starrt er so? Es ist die Uniform, die dich starren lässt, nicht wahr? Antworte, Gymnasiast! Du sollst antworten!“
Brutal packte Simon Robert am Ohr und schüttelte seinen Kopf hin und her.
-Wehr dich, Robert Rudenach!-
Wo immer die Stimme auch herkam, zu Roberts Gehirn drang sie nicht durch. Stattdessen, warmer Urin am bloßem Bein, ein schnürender Stahlgürtel um seine Brust.
„Sieh nur, Georg“, Simon wandte sich mit halber Drehung dem Kumpel Winkelmann zu, „der Gymnasiast Rudenach bepisst sich gerade. Er bepisst die Uniform, Georg! Was sagst du dazu? Dieses dreckige Stück Scheiße bepisst sich doch tatsächlich angesichts einer Uniform des Führers!“
Er drückte Robert hinunter, quetschte sein Gesicht in den Matsch des Dorfplatzes und stellte ihm den Fuß in den Nacken.
„Das wirst du spüren, Rudenach! Wer angesichts meiner Uniform pisst, wird das spüren, Herr Gymnasiast!“
Simon trat ihm in den Bauch und ließ dann von ihm ab. Er drehte sich aber noch einmal herum und schrie hysterisch:
„Drei Stunden bleiben deinem Vater,...drei Stunden!“
Robert lag im Dreck des Dorfplatzes und krümmte sich vor Schmerzen. Wie durch eine Nebelwand sah er Bollwinkel und Wiese vorbeischweben, die Frau des Bürgermeisters und Hellwig, und alle sahen sie weg, wie sie immer weggesehen hatten.
Er nahm es ihnen nicht einmal übel, durfte es ihnen gar nicht übel nehmen, da er selber weggesehen hatte, viel zu oft. Das aber sollte ab jetzt ein Ende haben. Im Dorfdreck von Brömbach schwor er sich, dass das ein Ende haben musste.
Robert kroch ein Stück zurück. Er kam hoch, lief gekrümmt weiter und stützte sich mit linker Hand an einer Hauswand ab.
Für einen Moment sah er zurück. Simon stand mit dem Rücken zu ihm. Eilig drückte Robert sich in den Willkockschen Putschengang. Er lehnte sich an die Wand, hielt sich den Magen, wischte Dreck aus seinem Gesicht und stierte gegen das nahe Fachwerk des Nachbarhauses. Tränen standen in seinen Augen. Erst vor Scham, dann vor Wut. Entschlossen stieß er sich von der Hauswand ab und lief den Gang hinunter. An der Gartenpumpe riss er sich die Kleider vom Leib und wusch sich - splitternackt. Er wusste, dass sie jetzt hinter der Gardine standen und ihn beobachteten, er spürte es förmlich. Wahrscheinlich hatten sie die Dorfplatzszene beobachtet. Robert drehte sich der rückwärtigen Giebelwand des Hauses zu und sah zum Fenster hinauf. Die Bewegung der Gardine verriet den schnellen Rückzug der alten Willkocks. Er mochte die alten Leute und sie ihn.
Er wusste genau was sie jetzt dachten: 'Junge, was sollen wir tun'!
Robert zuckte mit seinen Schultern. Ihr könnt nichts dafür wollte er ihnen damit sagen. Schuldgefühle wegen mir braucht ihr nicht zu haben.
Notdürftig trocknete er sich mit seinem Hemd ab. Er warf das Unterzeug in die nahe Mülltonne und zog sich an.
Siegfried, dachte er, wo finde ich dich?
Robert schlüpfte erneut durch das Heckenloch. Er hielt sich planlos nach links und lief den Trampelpfad zwischen Gärten und Wald hinunter. Am Ende des Dorfes bog er in den Waldweg ein. Planlos sein Lauf? Oder doch mehr Routine aus Kindertagen, die seinen Füßen unbewusst befahl den Weg zu ihrem alten Versteck einzuschlagen.
Ihr Versteck. Die ins Unterholz hineingeschlagene Erdhöhle. Vier Jahre nicht mehr gesehen. Sollte Siegfried sich hier…?
Den Gedanken brachte er nicht zu Ende und beschleunigte seinen Schritt. Die hundertjährige Eiche ließ er links liegen, wandte sich nach rechts und schlug sich durchs niedrige Gehölz. Einen Augenblick hielt Robert inne, im Glauben ein Geräusch gehört zu haben. Vorsichtig kroch er weiter und drückte einen Buschwedel zur Seite. Dann sah er ihn.
Siegfried rammte seinen Torfschnitter in den Boden, riss sich das Hemd vom Leib und arbeitete still weiter. Eine Verschnaufpause gönnte er sich nicht. Siegfried Simon schaufelte ein Grab. Ein Grab für seinen Vater, den stellvertretenden Ortsgruppenleiter Hermann Simon.
Robert wollte aufspringen, wollte ihm zurufen: Warte, mein Freund, ich helfe dir! Er ist kein Mensch! Er wird vierzig Männer und Frauen ans Messer liefern! Er wird sich dabei die Hände reiben! Warte, ich komme!
Nichts tat Robert.
Er fiel zurück, ließ den Buschwedel hochschnellen, sackte in sich zusammen und glotzte stumpf auf den Boden. Wie aus weiter Ferne hörte er den Freund keuchen, hörte das Stampfen des Schnitters. Urplötzlich Ruhe.
Robert drehte seinen Kopf. Durch die Zweige sah er, wie Siegfried aus der Grube hechtete, den Torfschnitter ins Unterholz schob, mit seinem Hemd den Schweiß vom Körper schlug und sich erneut der Grube zuwandte. Der Freund sah in die Tiefe und betrachtete sein Werk. Lange hielt er sich nicht damit auf. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr, dann drehte er sich ab und schlug sich eilig durch das Krüppelholz in Richtung alte Eiche.
In gut zwei Meter Entfernung kämpfte sich Siegfried durch den dichten Farnbewuchs an Robert vorbei. Schweißgeruch, Sekunden nur. Rudenach schämte sich seiner Feigheit und trotzdem folgte er dem Freund. Es war ihm, als würde eine unbekannte Macht ihn dazu zwingen.
Er sah wie Siegfried aus dem Unterholz kroch, den Waldweg hinauf -und hinunterschaute und an die alte Eiche herantrat. Er berührte sie mit der linken Hand, sah in ihre Krone hinauf, nickte, stieß sich ab und rannte den Weg zu Dudersens Weiden hinunter.
Nur unter Mühen konnte Robert ihm folgen. Jeden Baum und Busch nutzte er als Deckung.
Am Waldrand angekommen, kreuzte Siegfried über die Weiden und rannte gebückt im Schutze einer Hecke. Er kam an den Hinterhof der Kate, hockte sich an die hölzerne Rückseite des Simonschen Schweinekofens und verschnaufte. Erst jetzt zog er sich sein Hemd über.
Robert pirschte sich im Schutze des Waldes näher heran, tarnte sich hinter einem Busch und verhielt. Näher ging nicht. Der Freund würde ihn entdecken.
Aber sollte er ihn nicht entdecken? Lief er nicht hinter ihm her, um ihn aufzuhalten? Warum nur bist du so feige, dachte er? Ist es die Angst vor dieser Uniform? Diese Scheißangst?
Sein Atem ging schwer. Siegfried sah zu den Flussauen hinunter und knöpfte sich das Hemd zu. Sollte der Alte sich gerade jetzt im Haus aufhalten, dachte er, dann wird dein Plan nicht funktionieren. Dann muss es eben hier geschehen. Mutter wirst du fortschicken. Sie darf von all dem nichts wissen. Sie wirst du aus dieser Geschichte heraushalten. Sie bekommt noch genug zu tun mit ihrer Trauer. Und sie wird um dieses Scheusal trauern, dessen kannst du dir sicher sein.
Gebückt schlich er zur vorderen Ecke des Kofens. Von hier aus besaß er die beste Einsicht in den Hinterhof. Niemand zu sehen. Hinter dem Küchenfenster sah er die Mutter hantieren. Sie ging zwischen Tisch und Herd hin und her, wie sie immer hin und herging, langsam und bedächtig. Mit leicht gesenktem Kopf erschien ihre zarte Gestalt in der Hoftür. In ihre Hüfte gedrückt die Holzschale. Mutter Simon nahm die zwei Stufen und schlurfte zum Hühnerstall hinüber.
Siegfried zischte. Zu rufen wagte er nicht. Sie hörte ihn nicht. Er robbte die Seitenfront des Kofens entlang, kam näher heran, ohne vom Haus gesehen zu werden und zischte erneut. Dieses Mal hörte sie ihn. Sie nahm die Hand von der Hühnerstalltür und drehte sich ihm zu. Er winkte ihr und deutete zum Haus.
Für einen Moment riss die Mutter erstaunt ihre Augen auf. Sie schüttelte ihren Kopf, sah auch zum Haus, wieder zu ihm und sagte:
„Er ist nicht im Haus, Junge, er sitzt bei Winkelmann! Was tust du hier? Du gehörst ins Moor! Es ist noch keine zwei Uhr! Was wird Vielweber sagen?“
Siegfried verließ sein Versteck. Mit schnellen Schritten rannte er auf die Mutter zu, packte sie an den Schultern und sagte:
„Mutter, vergiss, dass du mich gesehen hast, hörst du! Ich bin in fünf Minuten wieder fort! Du hast mich nicht gesehen! Ich war nie hier!“
Ahnte sie etwas? Spürte sie, was er vorhatte?
Da sie ihn immer noch mit weit aufgerissenen Augen verschreckt ansah, die irgendwie wissend zu sagen schienen 'Tu es nicht Junge!', der Mund aber halboffen schwieg, packte er erneut zu, schüttelte sie und schrie:
„Mutter, du wirst sagen, dass du mich nicht gesehen hast! Verstehst du? Du hast mich nicht gesehen, sobald dich einer fragt! Bitte, versprich es mir!“
Sie schwieg weiterhin.
Er schüttelte sie erneut und sprach jetzt ruhig und flüsternd:
„Bitte, Mutter, versprich es mir.“
„Ja doch, Junge, ja!“
Zwei, drei Sekunden hielt er sie an den Schultern, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, drehte sich eilig ab und rannte ins Haus. Mutter Simon sah ihren Sohn hinterher. Leise murmelte sie:
„Tu es nicht Junge, tu es nicht.“
Siegfried hörte sie nicht. In langen Sätzen nahm er die schmale Stiege ins Obergeschoss und schloss die Tür zu seinem Zimmer auf.
Seit den befreienden Fausthieben hielt er sein eigenes Reich gut verschlossen. Siegfried durchquerte den Raum und blieb auf Abstand zum Fenster.
Dort unten saß die Uniform am einzigen Tisch vor Winkelmanns Gasthof und soff mit dem Kumpan.
Siegfried sah auf seine Uhr. - Viertel vor zwei -. Der Alte wird sein Ritual einhalten, dachte er.
Um vierzehn Uhr eine halbe Stunde Schlaf auf dem alten Sofa in seinem kleinen Büro, genauso, wie um Punkt zwölf das Essen auf dem Tisch zu stehen hatte oder seine geputzten Stiefel des Morgens an seinem Bett.
Der junge Simon beeilte sich. Aus dem Schrank zog er seine Schreibmappe.
Ein weißes Blatt, ein weißes Kuvert. Weiß nahmen sie alle. Weiß erschien ihm am unauffälligsten. Er setzte sich an seinen Tisch und schrieb. Schwarzer Stift. Druckbuchstaben:
SOLLTEN SIE MEHR WISSEN WOLLEN ÜBER DIE GEHEIMEN ZU SAMMENKÜNFTE DER UNTERGRUNDBEWEGUNG, KOMMEN SIE UM FÜNFZEHN UHR ZUR HUNDERT JÄHRIGEN EICHE.
KOMMEN SIE ALLEIN!
Auf dem Umschlag schrieb er: An den Herrn stellvertretenden Ortsgruppenleiter...zerriss das Kuvert und schrieb erneut:
- An den Herrn Ortsgruppenleiter -
Ein wenig Schleim, den sie so liebten. Er würde dem Brief die doppelte Aufmerksamkeit schenken, ihn ernst nehmen.
Siegfried faltete das Papier, verbrachte den Schrieb in den Umschlag und trat ans Fenster zurück.
Der Alte saß immer noch bei Winkelmann.
Gedankenverloren drehte er das Kuvert in seinen Händen, starrte auf den Umschlag und dachte; Suchen muss ich den Brief nachher, - danach,- und finden muss ich ihn. Dieses Beweisstück darf keinem in die Hände fallen. Du musst das gesamte Büro auf den Kopf stellen,...aber vielleicht trägt er ihn ja auch bei sich, in irgendeiner Tasche seiner Uniform. Auf keinen Fall darfst du vergessen diese Uniform zu durchsuchen, …danach!
Siegfried schoss aus seinen Gedanken und sah erneut zum Dorfplatz hinunter.
Sie tranken Bier. Der Alte schlug sich auf die Schenkel.
Siegfried drehte sich vom Fenster ab und verließ eilig sein Zimmer. Penibel drehte er den Schlüssel im Schloss seiner Tür. Die Stiege nahm er in langen Sätzen.
Im unteren Flur verhielt Siegfried. Er sah nach links durch die Küche und hinaus in den Hof. Mutter stand, wie sie vorhin bereits gestanden hatte, die Schüssel mit dem Hühnerfutter vor den Bauch gedrückt. Abwesend sah sie zur Hintertür des Hauses hinüber.
Mutter, dachte er, du ahnst etwas, aber glaube mir, es ist besser so.
Mit Gewalt riss er sich von ihrem Anblick los. Er ging zum Büro hinüber und öffnete leise die Tür. Sein Blick fiel auf den monströsen Schreibtisch, der den kleinen Raum noch kleiner wirken ließ. Hier musste er den Brief platzieren und zwar so, dass der Schrieb dem Alten gleich ins Auge fiel. Er lehnte das Kuvert an die Bürolampe und wollte bereits abdrehen.
Blitzartig fiel ihm ein, dass es so nicht ging.
Der Herr Ortsgruppenleiter durfte das Schreiben nicht in seinem Büro finden. Wie war es dort hingelangt? Entweder hatte die Mutter jemanden hereingelassen, oder man drückte ihr das Kuvert in die Hand. Er würde sie bis aufs Blut quälen.
Siegfried schnappte sich den Brief, schloss die Bürotür und sah sich um. Sein Blick fiel auf die Eingangstür, den Postschlitz. Natürlich, so könnte es gehen. Jemand steckte den Brief einfach durch den Schlitz. Er warf das Kuvert in Türnähe auf den Fußboden. Hier konnte die Mutter ihn übersehen haben.
Der Alte kam.
Das vertraute Geräusch des quietschenden Gartentores drang wie eine heiße Nadel durchs Siegfrieds Ohr.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand er wie angewurzelt. Dann rannte er los. Er lief den Flur hinunter, durch die Küche, zur Hintertür und auf den Hof hinaus. Für einen kurzen Moment sah er der Mutter in die Augen, hetzte weiter zum Schweinekofen und hechtete hinter die Holzwand. Er rollte aus, kroch das Stück Wiese wieder hinauf und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schuppen. Gerade rechtzeitig. Trunken polterte die Stimme des Herrn Ortsgruppenleiters über den Hof:
„Weib! - Was ist das? - Wer war das?“
Dabei wedelte er anscheinend mit dem Brief. Siegfried drückte seinen Rücken stärker an die Kofenwand. Zuckte die Mutter jetzt mit ihren Schultern, wie sie immer zuckte, demütig und ängstlich?
„Wer war das? - Hast du jemanden gesehen? - Antworte, verdammt nochmal!“
Siegfried ballte seine Fäuste. Ging der Alte jetzt auf die Mutter zu, packte sie, dann würde er auf seinem eigenen Hof sterben.
„Weibsbilder!“, dann schlurfende Schritte und ein leiser werdendes Fluchen. Der Gendarm Hermann Simon zog sich in sein Büro zurück. Das verlängerte sein Leben, zumindest um eine Stunde.
Siegfried sah auf seine Uhr. Fünf Minuten nach zwei. Vielleicht wird der Herr Ortsgruppenleiter heute auf seinen Schlaf verzichten, dachte er. Die Nachricht wird ihn aufwühlen. Keiner wird sich schlafen legen, erhält er solch eine Nachricht. Vielleicht kam er sogar vor der Zeit?
Siegfried beeilte sich. Auf allen Vieren kroch er den Kofen entlang und nutzte erneut die Hecke als Schutz. Er rannte nicht über die Wiesen zum Weg, sondern schlich gleich hinter Krummbiegels Anwesen in den angrenzenden Wald hinein. Hier richtete er sich auf und drehte sich noch einmal zurück.
Im Hof der Kate vollkommene Ruhe.
Gehetzt setzte er seinen Weg fort. Aufrecht konnte er jetzt laufen. Nur wenige Meter lagen zwischen ihm und Roberts Versteck.
Der hatte die ganze Zeit seinen Platz hinter dem Busch nicht verlassen, wollte jetzt aufspringen, den Freund aufhalten ihn anschreien:
„Hast du es bereits getan, Siegfried?“
Die Feigheit siegte, wie so oft. Nur eine Sekunde sah er dem vorbeihetztenden Freund ins Gesicht und erkannte. Das waren nicht die Augen eines Mörders, das waren angespannte Augen, die etwas vorhatten, die diesen Mord weiterhin planten. Irgendwie war er froh, vielleicht konnte er ja doch noch eingreifen.
Geduckt folgte Robert dem Freund. Er kannte den Weg quer durchs Gehölz. Zur hundertjährigen Eiche führte dieser Weg. Nicht weit davon entfernt, ihr altes "Versteck", unter dem eine frisch ausgehobene Grube auf einen Ortsgruppenleiter wartete.
Im Zick Zack rannte der junge Simon durch den Wald. Er wich Krüppelholz aus und umlief wilde Farne. In der Nähe der Eiche erreichte er den Pfad und sah sich nach links und rechts um. Er überquerte ihn, nutzte den dunkleren Bereich des gegenüberliegenden Unterholzes und bahnte sich seinen Weg zur alten Waldhöhle. Erst hier verhielt er und stierte in die Grube hinunter.
Gut eine Minute verging. Er erwachte wie aus einem Traum, atmete durch, bückte sich und zog den Schnitter aus dem Gebüsch. Auf allen Vieren kroch Siegfried zur Eiche zurück.
Am Waldweg suchte er sich einen geeigneten Hinterhalt und fand ihn in einem, vom wilden Farn durchwachsenen, Holunderbusch. Von hier aus besaß er einen guten Überblick. Frei der Blick zum Dorf, und drehte er seinen Kopf, konnte er bis zu Dudersens Weiden hinuntersehen. Siegfried Simon richtete sich ein. Mit dem Torfschnitter drückte er einen der Zweige herunter. Zwischen Baumkronen konnte man die Spitze der Dorfkirche ausmachen. Darunter der Weg. In einiger Entfernung endete er in einer Biegung.
Genau in dieser Wegkrümmung musste der Herr Ortsgruppenleiter auftauchen. In zehn Minuten oder fünfzehn. Und sollte er pünktlich sein, gab die Uhr ihm sogar noch dreißig.
Der junge Simon drehte seinen Kopf in die Gegenrichtung. Satt leuchtete am Waldrand das Grün der Wiesen.
Dudersen, dachte er, bleib wo du bist, komm ja nicht auf die Idee aus deinem Wald Holz zu ziehen, nicht jetzt, nicht heute! Es reicht, wenn einer von uns in diese Angelegenheit verwickelt ist! Dudersen, dieser gute Mann, dachte er. Sollst du es ihm heute Abend auf dem Bock erzählen, sobald wir wieder zur Tarnung Mehl in die nahe Stadt karren und vom Hinterhof der Bäckerei in der Dunkelheit durch Gärten schleichen, um in einem der rückwärtigen Lichtschächte des Krankenhauses zu verschwinden? Nein, du wirst es ihm nicht erzählen! Unnütze Unruhe wird dadurch nur in die Organisation hineingetragen. Unruhe, die sie im Augenblick nicht gebrauchen konnten.
Siegfried starrte auf den Schnitter und fuhr mit dem rechten Daumen über die Stahlkante. Dieser Stahl wird es verrichten, dachte er! Du wirst einfach auf ihn zugehen und ihm den Schädel spalten,...kannst du das? Kannst du das wirklich? Seine Hände zitterten. Denk an Mutter, sagte er zu sich,...an Professor Rudenach,...und die anderen. ...Denk an die drei jüdischen Familien, die zu dieser Stunde in Dudersens Feldscheune in einem mit Strohballen abgedeckten Erdloch hocken. Die auf dich warten, jede Nacht wieder. ...Denk an ihre dankbaren Augen, führst du sie einzeln zum Luftschnappen nach oben in die Scheune! Denk an diese Menschen, Siegfried Simon!
Entschlossen packte er sein Arbeitsgerät. Er sah in Richtung Wegbiegung und murmelte leise vor sich hin:
„Komm, Ortsgruppenleiter Simon, komm.“
„Sie haben ja gar nichts gegessen! Der Kaffee ist auch ganz kalt!“
Rudenach zuckte zusammen und krallte die Gardine. Weder ihr Klopfen hatte er gehört, noch das Öffnen der Tür.
„Wie?“
„Ihr Kaffee, Herr Laupe, er ist bereits kalt!“
Robert drehte sich ihr zu und sah abwesend in ihr Gesicht. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Gesicht aschfahl.
„Gott, Herr Laupe, wie sehen Sie aus?“
Sie nahm ihn am Arm und führte ihn zum Stuhl. Er ließ es geschehen. Vorsichtig packte sie ihn an den Schultern und drückte ihn nieder. Sie fühlte, dass etwas Schreckliches in ihm vorging, wollte auf ihn einreden und ließ es bleiben. Es war der falsche Zeitpunkt. Seine Augen sagten es ihr. Ohne Unterlass starrten sie mit leerem Ausdruck gegen das Fenster.
Die tanzenden Bewegungen, die der leichte Luftzug mit der Gardine veranstaltete, nahm er überhaupt nicht wahr.
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter, wollte ihm zureden und sagte doch nur:
„Ich besorge Ihnen frischen Kaffee, Herr Laupe!“
An der Tür drehte sie sich ihm zu, hoffte, dass er etwas sagen würde, irgendetwas in der Art, was er vorhin gesagt hatte. Und sie hätte ihm ein „Ja!“ entgegen geschrien, „ja, natürlich möchte ich mit Ihnen spazieren gehen!“
Aber der Mann, dort am Tisch, blieb stumm und starrte weiterhin ins Nichts. Leise schloss sie die Tür.
Seine Haltung im Buschwerk, abwartend und gekrümmt. Beide Hände krallten den Spaten. Seine Stirn drückte Siegfried gegen den Schaft des Schnitters.
Er ließ sich Zeit, der Herr Ortsgruppenleiter. Zeit, die nagte. Es durfte einem keine Zeit zur Verfügung stehen, wollte man jemanden erschlagen, da kam man ins Grübeln. Grübeln aber war falsch, grübeln war zum Vorteil für den Herrn Ortsgruppenleiter. Denk an seine Augen, sagte er zu sich. Ein Jahr lang haben sie dich getötet. Und denk an Mutter, ...immer wieder an Mutter!
Nervös sah Siegfried auf seine Uhr. Vier Minuten nach drei.
Der Herr Ortsgruppenleiter kam nicht. Vielleicht ahnte er einen Hinterhalt? Oder war er lediglich zu feige! Natürlich, was sonst. Hermann Simon war Zeit seines Lebens ein Feigling gewesen!
Siegfried sah die letzten Druckbuchstaben seines Schreibens vor sich;
- KOMMEN SIE ALLEIN!-
Er wird nicht allein kommen, dachte er, wenn er denn kommt! Ein Hermann Simon kommt nicht allein.
Immer bewusster wurde Siegfried jetzt diese Tatsache. Das hätte ihm schon klar sein müssen, als er den letzten Satz des Schreibens in seinem Hirn formuliert hatte.
Er wollte aufspringen, den Weg zu Dudersens Weiden hinunterhetzen, ... alles noch einmal neu überdenken,... zu spät.
Durch die Zweige des Holunderbusches schimmerte bräunlich die Uniform. Breitbeinig stand sie an der Wegbiegung, die Arme in die Hüften gestemmt. So standen sie alle. Hielten das für eine Haltung, die Respekt einzuflößen hatte und doch nur ihre Unzulänglichkeit preisgab. Mit zusammengekniffenen Augen inspizierte der Alte den Weg. Dann drehte er kurz seinen Schädel und nickte kaum merklich in die Biegung zurück.
Augenblicklich Klarheit! Er war nicht allein! Wahrscheinlich befand sich sein Saufkumpan Winkelmann im abwartenden Abstand zu ihm. Wer sonst? Es gab keinen anderen.
Langsam und breitbeinig kam Hermann Simon den Weg herunter. Die Fäuste blieben in den Hüften.
Er lief das letzte Stück des Weges tatsächlich allein. Den Trunkenbold Winkelmann ließ er im Hintergrund. Man konnte ja nicht wissen. Vielleicht hielt man ja gleich Beweise in den Händen, noch stichhaltigere, als die, die sich bereits seit Wochen in seinen Unterlagen befanden. Beweise gegen diesen Rudenach, gegen Dudersen und diesen verhassten Sievers, der ihn vor fünf Jahren niedergeschlagen hatte und das vor Juden!
Siegfried schloss für einen kurzen Moment die Augen und dachte; Vor Zeugen kann ich den Alten nicht töten!
Zitternd öffneten sich seine Lider. Hermann Simon erreichte gerade die Eiche. Verengte Schweinsaugen, in den Nacken gelegter Kopf. Der Herr Ortsgruppenleiter sah zur Krone hinauf. Nicht vor Ehrfurcht, vor Angst, ein unbekanntes Etwas könnte aus seinen Ästen springen. Bedächtig langsame Baumumrundung. Mit dem Rücken zum Holunderbusch blieb er stehen. Keine zwei Meter von Siegfried entfernt.
Einen Rückzug gab es für Siegfried nicht. Ein rückwärtiger Schritt, eine Drehung und der Alte musste ihn sehen.
Siegfried kam langsam hoch. Er stand einfach auf und wusste nicht einmal warum er das tat. Er stand da, umklammerte den Schaft seines Arbeitsgerätes und starrte in den Rücken der Uniform. Keine weitere Reaktion, kein Ausholen zum Schlag.
Beim ersten schwachen Geräusch drehte der alte Simon sich blitzschnell um. Einem wie ihn, traute man diese Schnelligkeit gar nicht zu.
Einen kurzen Augenblick sah der Herr Ortsgruppenleiter sein eigen Fleisch und Blut verwundert ins Gesicht. Dann änderte sich sein Blick, bekam diesen Ausdruck, den er seit einem Jahr bekam, lief ihm der eigene Sohn über den Weg. Er schrie:
„Was willst du hier? ...Was machst du hier? ...Das bist doch nicht etwa du? ...Du doch nicht? ...Hast du das geschrieben?“
Der alte Simon zog den Brief aus seiner Brusttasche und hielt ihn Siegfried entgegen. Er geiferte hysterisch:
„Hast du das geschrieben?“
Siegfried sah auf den Brief, wieder zurück in das von Hass verzerrte Gesicht und schwieg.
„Du doch nicht! ...Ein Siegfried Simon möchte denunzieren ...“ Seine Stimme erhielt diesen überheblich lang gezogenen Singsangton. Er wiederholte:
„Ein Siegfried Simon möchte denunzieren!“
Der Alte sah auf den Brief in seinen Händen und dann auf den Torfstecher. Mit beiden Händen hielt der junge Simon den Schaft umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Der Blick des Alten wechselte, mal zum Brief, mal zum Stecher. Dann sah er Siegfried direkt in die Augen und begriff, was hier geschehen sollte.
„Du…?“ Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den Sohn. Seine Stimme überschlug sich.
„Du willst deinen Vater töten?“
Der Kumpan im Hinterhalt ließ den Alten einen Schritt nach vorne tun.
Siegfried taumelte zurück. Er hörte noch dieses hässliche, schnappende Geräusch und spürte wie die Zacken sich oberhalb seines Knöchels ins Fleisch gruben. Er schrie auf, strauchelte und fiel hintenüber.
Elender Schmerz fraß sich in sein Gehirn und raubte ihm fast die Sinne. Der Schnitter entglitt seinen Händen und rollte auf den Weg.
Eine Rache, eine späte, ungeplante Rache des bepissten und beschissenen Bolle Knudsen,...des Tierquälers,...des Fallenstellers.
Der alte Simon kam urplötzlich zum Stand. Erschreckt hob er die Arme zur Abwehr, weil er glaubte, der gehasste Sohn würde sich mit erhobenen Stecher und einem tierischen Urschrei auf ihn stürzen. Der aber tat es nicht, der fiel, fiel einfach hintenüber.
Der Alte bemerkte die Falle, den blutüberströmten Arbeitsschuh und erkannte die Gefangenschaft. Der, der ihn töten wollte, gefangen wie ein Tier.
Der Herr Ortsgruppenleiter lachte,...erst langsam, erst leise,...dann immer lauter,...schlug sich sogar auf die Schenkel,...brach unmittelbar ab,...sein Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, seine Augen bekamen dieses Stechende,...den Wunsch zu töten,...seine Lippen wurden schmal und zuckten und bebten. Der Alte ruckte wohl achtmal mit dem Kopf, wie sein eigen Fleisch und Blut damals mitgezählt hatte, damals auf den Fliesen des Küchenbodens.
Die Arme des alten Simon winkelten ab. Die Hände, noch weit auseinander, formten sich zum Würgegriff. ...Er stürzte sich auf den Jungen, quetschte den halb Ohnmächtigen mit der ganzen Masse seines mächtigen, schwabbeligen Körpers auf den feuchten Boden des Waldes. Er kniete über Siegfried, ergriff seinen Hals und drückte zu.
Für einen Moment schien der Schmerz Siegfrieds Körper wie eine rasch abziehende Rauchfahne zu verlassen.
‚Es kommt alles ganz anders’. Sein letzter klarer Gedanke.
Wie vom Grund eines dreckigen Sees sah er die Fratze des Alten über sich. Irrsinnig seine Augen. Er spürte den verstärkten Druck am Hals, bemerkte den Blitz im Sonnenstrahl und hörte das dumpfe, kurze Knacken.
Seltsam verschwommen nickte über ihm dieses erstaunte Gesicht, aus dem alle Regung verschwunden schien. Das nur noch staunte und in irgendeine Ferne glotzte. Er fühlte, wie sich die Hände von seinem Hals kraftlos lösten, dieses hässliche, staunende Etwas sich entfernte und irgendwie zu schweben schien.
Siegfried Simon fiel in ein Loch und wurde nach unten gezogen. Silbrig glänzendes Lametta schwamm flatternd an ihm vorbei. Dann ein Rot, wie Feuerzungen, die grauer wurden, immer dunkler, bis ein tiefes wohliges Schwarz ihn umgab.
Ist das der Tod? - Das musste der Tod sein!
Unbändiger Schmerz, zunächst wahrgenommen, wie etwas, was nicht zu ihm gehörte. Steigend kehrte er zurück, kroch am Bein hinauf, fraß sich in die Lende und umkrampfte das Herz. Er bemerkte das unaufhaltsame Zucken seines linken Arms, der stoßweise diesen Schmerz über die Schulter ins Gehirn jagte.
Er hörte sich röcheln, fühlte die geschwollene, trockene Zunge, die viel zu weit zurück lag.
- Ist das der Tod? -
Das war nicht der Tod. Der Tod ist ruhig, ist schwarz und wohlig. Dies aber war kalt, gleichzeitig heiß und schmerzhaft. Das konnte nur das Leben sein!
Zittrig öffneten sich Siegfrieds Augenlider. Wie durch einen Schleier sah er den Sonnenstrahl, der durch die wippenden Federn eines Farnzweigs fiel. Er sah den Marienkäfer, der sich putzte und jetzt größer wurde. Groß wurde wie eine Tellermine. Eine große, rote mit schwarzen Punkten besetzte Tellermine. Lametta schoss von allen Seiten auf ihn zu. Er schrie:
„Nein,...nein,...nicht noch einmal! Ich muss bleiben! Ich muss noch etwas erledigen!“
Die Tellermine zog sich zurück, fast bedächtig und putzte sich wieder. Siegfried stöhnte auf bei dem Versuch sich auf die Ellbogen zu ziehen. Sein linker Arm wollte zu der Stelle, an der sich die Falle ins Fleisch gegraben hatte. Der Arm rührte sich nicht. Er zuckte nur, lag gefühllos und teilnahmslos daneben. Gehörte anscheinend nicht zu ihm.
Er versuchte seinen Kopf zu heben. Es tat ihm gut. Der Schmerz verließ zumindest für Augenblicke sein Gehirn. Den rechten Ellbogen angewinkelt, zog er sich hoch und drückte die Spitze der Zunge gegen die Vorderzähne. Was hatte sie auch im Schlund zu suchen? Nichts!
Er röchelte. Speichel lief aus seinem Mundwinkel.
Dann sah er ihn.
Mitten auf dem Weg hockte er. Die Unterschenkel schräg nach hinten, seine Hände links und rechts am Boden. Traumatisch kratzten sie den Sand des Waldweges. Angstvoll, ungläubig stierten seine Augen auf irgendeinen Punkt im Nirgendwo.
„Robert.“ Siegfried wollte schreien. Er konnte nicht. Gehaucht der Name. Was immer ihn auch dazu zwang, er musste diesem ungläubig starrenden Blick des Freundes folgen. Langsam, sehr langsam drehte er seinen Kopf.
Da zuckte er wieder, dieser gebrochene Sonnenstrahl. War der ihm nicht schon aufgefallen, als der Tod ihn gewollt hatte?
Der Blitz schoss ihm ins Auge und kehrte zurück, kam wieder und entfernte sich. Vom Rest des Schnitters, der in einem feisten, blau angelaufenen Kopf steckte, wurde er blendend zurückgeworfen. Bereits tot, ruckte dieser Kopf und wollte damit so gar nicht aufhören.
Ein einziger Schlag hatte anscheinend genügt, um dem Gendarmen Hermann Simon den Schädel zu spalten. Blut überall, und am Stahl Teile des Gehirns.
Für Augenblicke spürte Siegfried nicht den geringsten Schmerz. Ungläubig, mit halboffenem Mund, starrte er auf den Schädel, dessen Haare in der Sekunde des Todes schlohweiß geworden waren, und er begriff.
„Rob! - Robert!“
Er schrie den Namen hinaus und drehte sich dem Freund zu.
Der hörte nichts, stierte dumpf vor sich hin und krallte den Sand.
„Rob! - Komm zu mir! - Hörst du nicht! - Wir müssen etwas tun! - Hilf mir! - Du musst mir helfen!“
Langsam, so, als wollte er nicht, drehte der seinen Kopf. Er sah in Siegfrieds Gesicht und sah es wohl doch nicht.
„Rob“, jetzt fast leise und mit schmerzverzerrtem Gesicht, „bitte hilf mir.“
Robert Rudenach sah weiterhin durch ihn hindurch, abwesend und erschrocken. Nur seine Lippen begannen zu brabbeln, zitternd, flüsternd:
„Ich...ich habe ihn ...getötet, ...er ist tot. ...Wie wir gesagt haben,...wir müssen etwas unternehmen. ...Das haben wir doch gesagt, Siegfried!“
Geschrien sein letzter Satz.
„Hör auf! Komm zu mir, Robert!“ Dann bettelnd, „bitte, komm zu mir!“
Erst jetzt kehrte Roberts Blick aus dem Nichts zurück. Er bemerkte den zertrümmerten Schädel und seine Augen weiteten sich erneut vor Schreck.
Er kroch auf den Freund zu.
Siegfried drückte sich mit dem kräftigen, den rechten Arm hoch, zog den Kriechenden zu sich heran und drückte ihn an seine Brust. Leise sprach er auf ihn ein:
„Es ist gut, Robert. ...Du hast Recht, wir mussten etwas unternehmen. ...Aber nun hilf mir!“
Der Körper an seiner Brust zitterte und bebte. Robert weinte hemmungslos. Siegfried stieß ihn von sich und schrie ihn an:
„Robert Rudenach, unternimm etwas! Sie sind gleich hier!“
Als hätte ihn eine starke Hand durchgeschüttelt kniete Robert urplötzlich. Nicht mehr entrückt, nicht mehr abwesend, nicht mehr ängstlich. Ernst sein Blick. Er schrie:
„Natürlich, wir müssen etwas unternehmen!“
„Dann pack zu, Robert Rudenach! Drück die Bügel der Zange auseinander! Du kannst das!“
„Sicher kann ich das!“
„Tu es! Drück sie auseinander!“
Auf Knien drehte Robert sich dem zerfetzten Bein zu. Er sah auf den zuckenden Arm und stockte. Da gab es das viele Blut, dieses Ungeheuer mit den stählernen Zähnen. Die bereits zupackenden Hände zogen sich zurück. Die Angst, dem Freund weitere Schmerzen zuzufügen, ließen ihn für Augenblicke innehalten.
„Nimm keine Rücksicht, Robert! Tu es!“
Robert packte zu. Mit dem Gewicht seines ganzen Körpers drückte er Bolle Knudsens hässliches Schmiedewerk auseinander.
Der junge Simon schrie auf. Lametta kam wieder von allen Seiten und Feuerzungen und diese verdammte, wohlige Schwärze. Er wehrte sich nicht.
Wie aus weiter Ferne hörte er seinen Namen und immer wieder seinen Namen. Begleitet von dröhnenden Hammerschlägen, die anscheinend auf irgendwelchen riesigen Stahlrohren einschlugen, dann immer klarer und klarer, bis nur noch sein Name zu hören war. Da flehte einer, da quälte sich einer in Angst. Er spürte Schläge im Gesicht, vorsichtige Schläge und den Schmerz, als gehörte er dazu, als ginge es ohne ihn nicht mehr.
„Siegfried! ...wach auf...!“
Er schlug die Augen auf. Augenblicklich kehrte der junge Simon in die Wirklichkeit zurück und schoss hoch:
„Wie lange?“
„Wie?“
„Wie lange war ich weggetreten!“
„Nur Sekunden!“
„Hilf mir hoch, Robert! Sie müssen gleich hier sein! Sie werden kommen! Sein Saufkumpan hat alles beobachtet. Er wird sie zur Eiche führen, die Bollwinkels, die Wieses und Hellwigs! Zieh mich hoch!“
„Mit dem Bein kannst du nicht laufen, Siegfried! Wie soll das gehen? Ich werde dich tragen!“
