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Eine menschliche Seele stellt sich manches mal dar, als sei es ein Fass ohne Boden. Wie man das Leben sieht, ist es falsch. Ob zu positiv, zu negativ, nichts ist womöglich das Richtige. Lola malt alles permanent schwarz aus, sie sieht alles mit dem größten Pessimismus und verursacht dadurch in sich dieses brennende starke Gefühl von Befreiung. Sie sieht allerdings die Befreiung weitläufig darin, einfach mal eben zu sterben. Brutal und ehrlich. Zart und schnell verfänglich beschreibt sie eine Krise in sich, die sie schon ihr Leben lang kennt und seither versucht dagegen zu kämpfen. Leider erfolglos. Gegen depressive Schübe anzukommen erfordert Kraft und Verständnis, diese Sachen sind nicht immer gegeben. Manch einer findet seine Seele in "Zum Fenster raus" wieder. Die anderen werden merken, dass einem diese Geschichte nahe geht und hoffentlich Lola's Rat folgen und etwas ändern.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Gedanken zu denken ist leicht.
Gedanken zu verstehen, schwer.
Mit Gedanken umzugehen,
kann manchmal ein ganzes Leben kosten.
Sarah Riedeberger wurde 1990 in einem kleinen Dorf geboren und wuchs in einem noch viel kleineren Örtchen auf. Sie hat fünf Geschwister und darf sich das Nesthäkchen nennen. Wenn man ihre Bücher liest, beginnt man nachzudenken. Ihr erstes Buch ‚Zum Fenster raus’ ist nichts für weiche Gemüter. Im Sommer 2010 folgt ihr nächster Roman, von dem sie sagt, er sei anders als ihr erstes Buch, dennoch wäre alles spezifisch und genau durchdacht. Liebe meets exzessiven Eklat. Sie fischt in der Welt das Bedeutende heraus und wirft es in ein paar Buchseiten. Somit versucht sie, allerdings nicht zwingend, die Welt zu verändern und vielleicht auch ein kleines bisschen für sich zu gewinnen.
Zum Fenster raus
Copyright 2010 - Sarah Riedeberger
published by epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978 3 86931 825 7
Produced by Sascha Riedeberger, www.riedeberger.cc
Cover: © Alexander-Axmann / pixelio.de
Sarah Riedeberger
ZUM FENSTER RAUS
Roman
»Ja so ist das alles. Und wenn wir nichts
ändern, dann bleibt es so.« Karl Steiner.
Trümmer, Chaos. Häufchen von Elend, Angst, Flucht. Hoffnung.
Und schlussendlich der Blick in die Realität.
Das Ende.
Ich bin bereit. So bereit wie nie zuvor in meinem Leben. Meine Beine bewegen sich federleicht über den Asphalt und ich glaube Erleichterung in meiner Brust zu spüren. Wenn ich das alles erst einmal hinter mich gebracht habe, dann wird mir nichts mehr passieren. Nie wieder wird mich jemand verletzen und ich selbst werde mir auch kein einziges mal mehr weh tun können. Es ist das Glück, es liegt vor mir. Ein paar Schritte noch, einen kleinen Augenblick Geduld noch. Dann ist es soweit. Dann passiert das, wonach ich mich sehne, schon seit langer Zeit.
Wütend bin ich zwar noch immer. In mir brodelt es. Doch diese Wut wird gleich von mir ablassen. Sie wird fortfliegen. In die Hölle. Im Himmel gibt es für Wut und Ärger keinen Platz. Dort herrscht Frieden, Liebe und vor allem Zufriedenheit. Das hoffe ich jedenfalls. Und genau deswegen soll mein Weg nun dorthin führen. Ganz alleine werde ich da sein und keiner aus meinem Leben wird mir dort begegnen und mir das Glück, welches ich dort erleben werde, zerstören.
Ich habe sie erreicht und ich sehe sie an.
Sie ist wunderschön und irgendwie hat sie für mich eine Anziehungskraft, so dass ich mich sofort auf sie setze und meine Beine herunter baumeln lasse. Mein Herz verengt sich. Ich spüre ein Gefühl, das ich nur zu gut kenne. Angst. Diese doofe Angst. Aus welchem Grund hat sie soviel Macht, dass sie mich jetzt einholt. Mir selbst mein trautes Ende zerstören will. Das werde ich nicht zulassen. Nein. Auf keinen Fall. Die Angst kann unmöglich so stark sein um mich vom Springen abzuhalten. Es ist das Letzte was ich will.
Das Letzte wonach ich seit Wochen strebe und vor allem ist es das Letzte, was ich für den heutigen Tag möchte. Der Tag, der unmöglich war. Der Tag, der von hoher Grausamkeit bereichert wurde.
Isabelle, meine beste Freundin, sie sagte, ich solle mein Leben in den Griff bekommen. Sie sagte, ich wäre ein Asi, weil ich nicht arbeite und sonst auch nichts tue, was normale Menschen machen. Sie raunte mich an, als wäre es selbstverständlich mir so etwas zu sagen. Sie sagt es, als würde sie mich damit glücklich machen. So ehrlich und so brutal, dass sie mir damit ein Stück meines Herzens rausriss. Ich versuche doch seit Ewigkeiten das Beste aus mir und meinem Leben zu machen und ich weiß selbst, dass es mir nicht gelingt. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe und dass ich ein verdammter Verlierer bin. Aber, mein Gott, ich kann es einfach nicht ändern. Ich schaffe es doch nicht. Ich schaffe es nicht.
Meine Familie sieht alles genauso wie Isi. Sie lassen es mich durchweg spüren. Auch wenn mir jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde die gleichen Gedanken im Kopf rumschwirren, sie müssen es mir immerzu zeigen.
Ich gehöre hier nicht her, das weiß ich. Auf dieser Welt habe ich rein gar nichts verloren. Ich weiß. Dennoch lebe ich nun schon achtzehn Jahre hier und versuche einfach nur zu leben. Ich versuche es, mit der Einsicht, es nicht zu schaffen. Es niemals zu schaffen. Ich werde als Idiot sterben. Als Looser. Danke. Das habe ich mir wirklich immer erhofft. Dabei will ich der Welt doch nur irgendwas mitgeben. Einen Weg ebnen, von dem ich glaube, er wäre besser. Doch wer interessiert sich für so ein dummes Mädchen wie mich? Niemand. Ich selbst interessiere mich ja nicht mal mehr für mich.
Meine Beine baumeln weiter. Ich krame meinen Tabak aus meiner Tasche und fange an, mir eine Zigarette zu drehen. Es gelingt mir nicht sonderlich gut, denn meine Hände zittern so stark wie nie zuvor. Ich bin ja ohnehin schon kein Meister im Drehen, doch so eine krüppelige Zigarette habe ich lange nicht gesehen.
Ich bin alleine. Ganz alleine sitze ich hier. Durch meine Zigarette wird die Dunkelheit gebrochen und ich frage mich, ob das irgendeinen Menschen interessiert. Mich ärgert es irgendwie, denn ich finde, die Dunkelheit hat zu meinem innerlichen Zustand gepasst.
Schwarz wie die Nacht.
Mitten in der Nacht auf einer Brücke zu sitzen und auf den Tod zu warten, das habe ich mir als Kind sicherlich nicht so gedacht, doch jetzt, wo ich einigermaßen erwachsen bin, finde ich, es ist sehr passend. Der Abschluss meines Lebens soll womöglich so sein, wie auch sonst?
Meine Zigarette landet unten im Wasser, gleich werde ich ihr folgen. Ich muss da runter, dann ist alles vorbei. Doch zur Angst gesellt sich nun auch die Furcht und irgendwie spüre ich wieder das Gefühl in mir, ich möchte mein Leben festhalten. Kann denn wirklich alles schlecht sein? War in meinem Leben bisher alles schlecht? Habe ich nicht liebe Freunde und eine wunderbare Familie? Einerseits ja, doch andererseits passe ich dort nicht hin. Ich bin nicht wie sie. So normal, so perfekt. Ich bin vollkommen anders. Viel zu anders, um bei ihnen bleiben zu können.
Ich stelle mich hin und blicke nach vorne in die Ferne, nach unten in die Tiefe und nach oben, dorthin, wo ich gerne sein möchte. Im Himmel.
Ich beginne zu balancieren, vor und zurück. Immer wieder vor und zurück. Doch inzwischen werde ich wütend. Wieso springe ich nicht einfach? Tausend vorwurfsvolle Gedanken spielen Pingpong in meinem Kopf. Warum denn bloß nicht? Wieso schaffe ich es nicht? Verdammt Lola, bist du selbst zu blöd um dir das Leben zu nehmen? Um zu sterben?
Nichts kannst du, du dummes Huhn. Nicht mal für Selbstmord hast du genug Mut.
~
Stille umhüllt mich. Schmerzen zerfressen mich.
Ich fühle nichts, denn Hass ist kein sehr gutes Gefühl.
Vom Mut verlassen. Ich liege in meinem Bett und ich könnte schreien, so wütend bin ich. Ich könnte mich schlagen, kratzen, treten. Doch nichts von dem mache ich, denn ich bin viel zu kraftlos, ich bin zu unbeweglich. Zu steif.
Tränen schießen über meine Wangen. Meine Augen tun nun schon weh, vom vielen Weinen. Doch ich kann nichts machen, ich kann es nicht anhalten. Ich bin machtlos. Mein Körper macht mal wieder, was er will. So starr liege ich im Bett und verdurste fast, aber ich schaffe es nicht, mich aufzuraffen um mir etwas zum Trinken zu holen. Das Einzige an mir, das läuft, sind meine Tränen. Eigentlich wollte ich dem ein Ende setzen, indem ich von dieser blöden Brücke springe. Ich wollte versuchen, nie wieder nachts im Bett weinen zu müssen, doch ich habe es nicht geschafft. Wie immer. Wie immer.
Wie immer, habe ich es nicht geschafft. Das tut weh. Noch mehr, als alles andere. Es schmerzt so sehr. Ich habe mich selbst verraten. Ich habe es eigentlich nicht mal verdient noch zu atmen, noch zu leben und dennoch liege ich wieder in meinem alten Bett, in meinem kleinen Zimmer. Meine Gedankenfabrik.
Ich sehe auf die Uhr und erkenne gerade noch so die Zahlen. 04.33 Uhr. Toll, gleich steht Lisa auf. Lisa ist meine Schwester und nur zwei Jahre älter. Wir teilen uns eine Wohnung, die allerdings unsere Mama finanziert. Wir haben beide kaum Geld um irgendwas zu bezahlen. Lisa ist die Perfektion. Sie steht immer pünktlich auf, schläft niemals zu lange. Sie ist immer perfekt geschminkt und hat wunderschöne große Augen. Sie setzt sich durch und lebt. Nicht so wie ich. Doch es war mal anders.
Damals war Lisa ein kleines armes Mädchen, denn ich habe sie stets und ständig so verprügelt, dass sie immer wieder in die Obhut unserer Mama kam. Sie war die Liebe und ich immer die Böse, schließlich habe ich ihr weh getan. Niemand anderes.
Heute würde ich das niemals mehr tun. Denn das alles von damals, als wir beide noch Kinder waren, tut mir bis heute so unendlich leid, dass ich niemals über so etwas sprechen möchte. Ich will nicht hören, dass ich ein schlimmes Kind war, es reicht, wenn ich es weiß.
Genauso, wie ich damals immer meine Mama verletzt habe. Mit Worten. Und indem ich Gegenstände durch die ganze Wohnung schmiss. Wenn ich sie beleidigt habe, oder aus Wut, wenn sie wollte, dass ich aufstehe, getreten habe. Es tut mir so furchtbar leid, doch ich war ein grausames Kind. Viel zu schlimm um heute sagen zu können, dass die Welt gefährlich wäre. Dennoch tu ich das. Ich sage, diese Welt ist mir unheimlich. Die Menschen sind alles Verbrecher. Ja, so etwas denke ich, dauernd. Während ich über mich nachdenke, über die Vergangenheit, über Alles, weine ich noch viel stärker, sehr viel stärker als je zuvor. Ich schluchze wie ein Mensch dem alles genommen wurde, aber mir wurde auch einiges genommen. Mein Selbstvertrauen, eines der wichtigsten Dinge, die ein Mensch braucht, um zu leben. Ich habe nichts mehr davon. Mein Kopf dröhnt als würde jemand mit dem Hammer darauf klopfen. Duff, Duff, Duff. Autsch. Aber habe ich es etwa anders verdient?
Ich bewege mich ganz langsam und vorsichtig über den Teppich im Flur. Man kann es nicht Schweben nennen, man kann sagen, dass ich nicht anders kann. Dieses irre Schwindelgefühl in mir ist so kacke, dass ich einfach nicht richtig nach vorne komme. Eigentlich möchte ich doch nur in die Küche und einen Kaffee trinken. Ich möchte dasitzen und mir anhören, was Lisa zu erzählen hat, doch irgendwie schafft mein komischer Körper das nicht. Nein, er schafft es im Augenblick nicht. Ich bin zu schwach, glaube ich. Dennoch weiß ich es nicht. Langsam aber sicher bugsiere ich meinen lästigen Körper weiter.
Im Flur höre ich schon das laute Brummen des Kaffeevollautomaten und ein Schauer rinnt vom Nacken an über meinen Rücken, weit herunter. Hilfe. Das ist zu laut, dass ist mir zu viel. Ich möchte zurück in mein Bett, mich hinlegen, meine Augen schließen und nur schlafen. Das alles hier, das alles möchte ich nicht sehen.
Ich habe keine Lust mit Lisa zu sprechen. Ich habe keine Lust dazusitzen und so zu tun, als wäre alles schön, als ginge es mir gut. Doch das muss ich wohl tun. Lisa hat mich längst bemerkt.
»Lola, kommst du auch in die Küche?«, höre ich sie rufen. Ich nicke, ohne daran zu denken, dass sie mich nicht sehen kann. Sie ruft noch mal, wartend auf eine Antwort. Ich höre meine Stimme krächzen. »Ja«.
Es ist unvorstellbar, wenn man nicht weiß wie es sich anfühlt, wenn sich der Raum, in dem du dich bewegst, plötzlich vollkommen verändert. Wenn die Bilder so aussehen, als lägen sie auf der Erde, wenn die Schuhe sich bewegen. Ich bin so verrückt, wie ich es nie sein wollte. Das ist nicht normal, nein. Ich reibe mir die Augen, versuche zu sehen, dass alles normal ist, doch alles schwebt und fliegt weiter durch die Gegend. Es ist irre, wie sich deine Gedanken plötzlich auf dein ganzes Leben auswirken. Vermutlich hätte ich es bis vor kurzem nicht mal geglaubt, doch jetzt weiß ich es. Wenn dein Kopf verrückt spielt, spielt eben auch dein Körper verrückt und ebenso alles andere um dich herum. Aber nein, mein Leben ist von nichts beeinträchtigt, um Gottes Willen, wie könnte ich versuchen eine Ausrede für mein verkorkstes Scheißleben zu finden.
Ist doch alles ganz normal, alles ganz cool. Schön. Toll. Und sowieso alles rosarot. Pfui. Alles Heuchler. Alles miese Schweine. Keiner weiß irgendwas über mich. Darüber, wie ich mich fühle und wie ich mich quäle, doch alle glauben, sie wüssten es. Ekelhaft.
Langsam aber sicher schaffe ich es. Ich habe sogar schon die Haustür erreicht und die ist nahe an der Küchentür. Fantastisch. Für meine Verhältnisse bin ich wirklich gut. Die Türklinke bewegt sich. Schneller und normaler als ich es tue. Lisa starrt mich an.
»Warum kommst du denn nicht in die Küche? Ich habe dir auch schon einen Kaffee gemacht«, sagt sie und blickt mich weiterhin fragend an.
Ich weiß nichts. Was soll ich sagen? Das ich gerade wie eine Verrückte versuche in die Küche zu kommen? Oder vielleicht das ich ein Wrack bin. Ein Nichts. Ein Niemand. Das ich die ganze Welt blöde finde, meine Schwetser eingeschlossen. Das ich vor kurzem versucht habe, mich umzubringen? Soll ich ihr sagen, dass ich weder sie noch irgendwen anderes sehen möchte? Will sie vielleicht wissen, dass ich auf der Suche nach Liebe und Zuneigung bin?
Aber weder ihre Liebe, noch die Liebe eines anderen Menschen, nein, nein. Ich möchte meine Liebe. Ich möchte mich akzeptieren und endlich lieben. Aber so etwas sage ich ihr nicht. Denn nie im Leben würde Lisa auch nur annähernd so was verstehen. Ich weiß wie ihr Blick wäre, sie würde mich mit ihren hübschen braunen Augen ansehen, als wäre ich von einem anderen Planeten. Bin ich höchstwahrscheinlich ja auch, wer weiß?
Ich sitze, nehme einen Schluck und versuche weiterhin meine geschwächten Augen aufzuhalten. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es schon fast Mittag ist. Sicherlich geht sie zu Lotte zum Essen. Sie werden sich zusammen unterhalten. Sich lieb haben. Vielleicht irgendwelche Kataloge durchstöbern und Kaffee trinken. Sie werden bestimmt auch lachen und stolz Mara ansehen, wie sie irgendwas Kluges sagt. Ich beneide sie alle so sehr. Wieso ich?
~
Zentimeter vom Glück entfernt. Ich erhasche eine Prise von diesem kostbaren Glücksgefühl! Ich freue mich. Sehe zurück. Verliere mich. Alles ist dunkel.
Ich sitze mit Mara in ihrem Zimmer auf einer kleinen grünen Bank. Natürlich ist sie nicht für Erwachsene ausgerichtet und ich frage mich auch, wie wir überhaupt zusammen hier drauf passen, doch irgendwie geht es.
Mara malt ein Bild, sie kann so schön malen. Ich leider ganz und gar nicht. Mit Talenten wurde ich weniger ausgelegt. Ich habe nur Schwächen und vor Allem habe ich einen schwachen Kreislauf. Als ich eben von der Küche in das süße, rosafarbene Kinderzimmer gelaufen bin wurde es mir schon wieder ein wenig schwarz vor Augen. Gott sei dank sitze ich nun.
Mara malt ein Pferd und darauf sitzt eine Reiterin. Sie trägt einen Helm und Reiterstiefel. Sie denkt an alles. Mara ist so unglaublich. Eines der tollsten fünfjährigen Mädchen auf der Erde. Für sie ist es wohl eher ein Fluch mich zur Tante zu haben, doch das weiß sie jetzt noch nicht, zum Glück.
Als Mara geboren wurde, damals, ich war noch sehr viel jünger als jetzt. Ich konnte nicht verstehen, dass da plötzlich so ein kleines Wesen geboren wurde, um das sich alle kloppen. Jeder möchte dieses kleine Ding auf dem Arm halten, ihm ein Fläschchen geben. Jeder will, dass es zuerst seinen Namen sagt. Alle wollten nur dieses kleine Herz schlagen hören. Ich fand das komisch, denn ich war doch immer die Kleinste. Die Jüngste. Ich war immer die, auf die alle aufgepasst haben und siehe da, plötzlich ist da jemand anderes, der deinen Platz einnimmt, ohne dass er es weiß, ohne dass du es bewusst bemerkst. Denn dir wird klar, dass du alle um dich herum verstehst, denn du liebst dieses wundervolle rosahäutige Würmchen ja ebenfalls über alles.
Du wünschtest, du könntest alles tun, damit niemand ihm weh tut. Du versuchst diesem Kind zu zeigen, dass du stolz bist. Du möchtest, dass es groß und stark wird, sich durchsetzen kann. Du hoffst, dass es eine Zukunft hat, eine die so vollkommen anders ist, als deine eigene.
Mara wird womöglich wirklich eine ganz andere Zukunft haben als ich. Sie hat großartige Eltern. Nicht, dass ich die nicht hatte, doch ihre Eltern lieben sich. Sie sind zusammen. Mara bekommt alles, was sie möchte. Sie braucht nur einen Wunsch zu äußern und kurze Zeit später hält sie es in den Händen. Dafür beneide ich sie sehr. Ich bin erwachsen, doch ich kann mir niemals meinen größten Wunsch erfüllen.
Mara wird dagegen ihre Wünsche stets erfüllt bekommen. Sie ist unter anderem auch hochintelligent und dennoch nicht klugscheißerisch. Komisch, was? Vielleicht sage ich das auch nur, weil ich dieses Mädchen liebe. Was weiß ich denn, weiß ich überhaupt irgendwas? Mara weiß wohl weitaus mehr, als meine Wenigkeit. Wie armselig ich doch bin. Wenig Geist, wenig Gefühl. Ja, das ist Lola Steiner. Das bin ich.
