Zum Glück dumm gelaufen - Marco Stoll - E-Book

Zum Glück dumm gelaufen E-Book

Marco Stoll

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Beschreibung

Ein blonde Geliebte, deren dicke Freundin und ihr Bruder, ein Jack-Russel Terrier und eine Arztgattin mit vier Kindern sind in ihrem Leben und in diesem Roman Nebenfiguren. Doch manchmal haben Nebenfiguren mehr Einfluss, als die vermeintlichen Hauptdarsteller denken oder ihnen lieb ist. Das erleben ein Staranwalt aus der englischen Oberschicht, eine Musiklehrerin aus der Provinz und ein charmanter Ganove. Mit der - nicht nur gütigen - Hilfe der Nebenfiguren führt ihr Schicksal sie auf ganz neue, unerwartete Pfade an deren Ende das Glück winkt und Abgründe lauern.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Glück dumm gelaufen

Wie es zu diesem Buch kamZum Glück dumm gelaufenEpilogEin Nachwort, das mehr eine Exkursion in meine Fantasie istImpressum

Wie es zu diesem Buch kam

Ich habe die schlechte Gewohnheit, die Klappentexte der Bücher, die meine Frau gerade liest, zu kommentieren und den Gang der Geschichte vorherzusagen. Dies stösst seltsamerweise nicht immer auf ihre Zustimmung. Dann – es war so ungefähr vier Monate vor Weihnachten 2007 – ging ich eventuell ein bisschen zu weit. „Statt meine Bücher zu kommentieren, würdest du besser welche selber schreiben!“ Und dann kam der alles entscheidende Satz: „Ich wünsche mir von dir zu Weihnachten einen romantischen Roman!“

Kann man so einen Weihnachtswunsch seiner Frau ignorieren? Dazu muss ich sagen, dass ich diesen Genre der romantischen Liebesromane – wie all literarisch gebildeten Zeitgenossen – aus tiefstem Herzen verachte und natürlich trotzdem genussvoll lese; selbstredend nur im Urlaub und in Ermangelung von tief schürfender Geistesnahrung! Dass mein Hang zu dieser literarischen Gattung allerdings tiefer geht, als von mir zugegeben, wurde mir beim Schreiben bewusst. Das Schreiben ging mir nämlich unheimlich leicht von der Hand.

Ich wünsche den Leserinnen und auch den Lesern ein paar gemütliche und gemütvolle Stunden.

Zum Glück dumm gelaufen

Steven warf einen letzten Blick hinüber zum grosse Herrenhaus.

An den Fenstern drängte sich die elegante und illustre Abendgesellschaft von Lady Trenton und verfolgte interessiert seinen Abgang. Dann liess er sich in den Fond der Rover-Limousine fallen, wobei er schnell den Kopf einzog, damit er ihn sich nicht anstiess. Es war nicht leicht in Handschellen in ein Auto einzusteigen. Im Wagen sass bereits ein Beamter und Steven rutschte in die Mitte der Sitzbank um dem nachfolgenden Inspektor Platz zu machen. „Ich könnte mich ohrfeigen!“, brummte Steven. Der Inspektor, der eben die Wagentür schloss, warf ihm einen kurzen Blick zu und bemerkte trocken: „Da haben Sie ja Glück, dass Sie Handschellen tragen und so Prügel entgehen. Aber ich denke, Sie werden später noch reichlich Gelegenheit dazu haben.“

Steven sagte nichts und schloss die Augen während der Wagend knirschend die Auffahrt hinunter fuhr. Er beabsichtigte, die Gesellschaft der Polizei nicht allzu lange zu beanspruchen. 

Caroline Purpington geborene Sutherland-Satchworth stach die feuchte Erde des letzten Gemüsebeets um.

Warum hatte sie auch nur so lange mit dieser Arbeit zugewartet? Nach dem Regen der letzten Woche, war der Boden schwer und aufgeweicht. Trotz des kalten Wetters lief ihr Schweiss über die Stirne. Ein kalter Wind fegte von der nahen Küste her und trieb schwarze Wolken übers Land. Nasses, fauliges Laub wurde aufgewirbelt und sammelte sich am nahen Geräteschuppen. Caroline sah sich um. Die klaren Tage des Spätherbstes waren verflogen. Die kräftigen Gold- und Rottöne dunklem Braun und Schwarz gewichen. Ihr Garten, der noch bis vor kurzem eine verwegene Wildheit ausgestrahlt hatte, wirkte nun verwahrlost und schlecht gepflegt. „Genau, das ist er auch“, dachte Caroline und sah zum Haus hinüber.

Woodworth Manor, ihr Elternhaus, wirkte grau und abweisend. Im Sonnenlicht mochte es noch etwas von seinem einstigen Glanz ausstrahlen. Doch jetzt, im trüben Licht des zu Ende gehenden Tages, wirkte es leer, verfallen und schrecklich renovierungsbedürftig. Das Dach war notdürftig mit Plastikbahnen abgedeckt. Die Läden des West- und des Hauptflügels, deren Farbe längst abblätterte war, waren geschlossen und die Fassade wies grosse, hässliche Wasserflecken auf. Caroline bewohnte nur zwei Zimmer im Ostflügel und die drunterliegende Küche. Die restlichen Zimmer waren alle leergeräumt. Wie lange mochte sie das Haus noch halten können?

Das umliegende Land war von den letzten drei Generationen der Sutherland-Satchworth Parzelle um Parzelle verkauft worden, um die mit Landbesitz verbunden Steuern bezahlen zu können. Von den einstigen Ländereien und dem grossen Park waren noh vier Hektaren übrig geblieben. Der grösste Teil davon war von alten Bäumen und dichten Sträuchern überwuchert. Einen kleinen Teil bewirtschaftete Caroline so gut sie es vermochte. Es blieb ihr auch gar nichts anderes übrig, wenn sie nicht nur von billigen Konserven leben wollte. Mit dem Wenigen, das sie als Musiklehrerin an der örtlichen Schule verdiente, konnte sie sich nur das Nötigste leisten. Selbstversorgerin zu sein war eine Notwendigkeit; der Garten Ernährungsgrundlage, nicht das Hobby einer englischen Lady.

Caroline zog sich das Herz zusammen, wenn sie daran dachte, wie froh ihre Eltern gewesen waren, als sie vor neuen Jahren Simon Purpington, den zukünftigen Lord Purpington, geheiratet hatte, den Alleinerben einer der reichsten und einflussreichsten Familien Grossbritanniens. Ihre Zukunft und mit ihr diejenige von Woodworth Manor schienen gesichert. Simon sprach davon, Woodworth Manor zu ihrer Residenz ausserhalb Londons zu machen.

Doch schon gleich nach der Hochzeit verkündeten ihr Simon und seine Mutter, Lady Eleonore Purpington, geborene Clayton und eine Cousine zweiten Grades von Carolines Mutter, dass es für die Familie derer von Purpington nur einen angemessenen Landsitz geben konnte: Blackwells End, das Anwesen, das die Familie seit dreihundertzweiundsiebzig Jahren nördlich von Gloucester bewohnte. Caroline hatte sich in ihr Schicksal gefügt, wie sie sich in den folgenden neun Jahren in so vieles geschickt hatte. Woodworth Manor verfiel weiter.

Wütend warf sie die letzte Schaufel Erde auf das Gemüsebeet. Hoffentlich würde die Kartoffelernte nächstes Jahr üppiger ausfallen. Die Ernte in diesem Jahr hatte sie nicht gerade gesättigt. Na ja, wenigstens behielt sie so ihre Figur, dachte Caroline mit bitterer Selbstironie und räumte das Gartenwerkzeug in den Schuppen.

Ende Oktober fiel die Nacht schnell über Kent herein. Im Dämmerlicht schritt sie auf das Haus zu und stieg die fünf Stufen zur Küche hinunter. Sie trat in die saubere, geflieste Küche und machte Licht. Die Küche war ihr Lieblingsraum. Hier hatte sie viel Zeit in ihrer Kindheit bei ihrer Mutter und der Haushälterin Suzanne, dem guten Geist des Hauses -Sutherland-Satchworth, verbracht. Zudem war der Raum dank dem grossen Ofen schön warm. Die alte Zentralheizung hatte kurz nach dem Tode ihrer Mutter vor drei Jahren, den Geist aufgegeben. An eine Reparatur war bei ihrer finanziellen Lage nicht zu denken.

Trooper, ihr Jack Russel Terrier, sprang ihr freudig entgegen. Er hatte ihr offensichtlich verziehen, dass sie in ins Haus gesperrt hatte. Er hat sie mit seinem Gebelle und dem an der langen Leine Herumrennen echt genervt. Jetzt legt er seinen Kopf schief, setzte sich und sah Caroline erwartungsvoll an.

„Okay, Futter und einen kurzen – aber wirklich kurzen! – Abendspaziergang gibt es noch“, versprach sie ihm. Er schien zufrieden und verschwand auf einen seiner Rundgänge durchs verlassene Haus.

Derweilen sass Sir Simon der neunte Lord Purpington im Esquire Salon seines Klubs „Knights of the White Rose“.

Er verdaute das vorzügliche Abendessen bei einem Glas des legendären 1959 Colheita Portweins und einer Diademas Zigarre von Hoyo de Monterrey. Mit seinen dreiundsiebzig Jahren war Sir Simon zum Schluss gelangt, dass das Leben – insbesondere seines – zu kurz war, um sich mit Unerfreulichem zu belasten oder Erfreulichem aus dem Weg zu gehen.

Er setzte diese Lebensweisheit mit der, einem englischen Lord eigenen Konsequenz um, lebte hauptsächlich in seiner Stadtvilla und seinem Klub, dem er seit dreiundzwanzig Jahren als Governor vorstand. Er genoss die Vorzüge des Stadtlebens, die Annehmlichkeiten seines renommierten Klubs und mied seinen Stammsitz, Blackwells End, so gut er nur konnte. In der Tat mied er vor allem seine Gemahlin, Lady Eleonore Purpington. Wie er seinem besten Freund, Sir Rhufus Timberland, erst kürzlich zu später Stunde anvertraut hatte, war es für ihn eine unbestreitbare Tatsache, dass sein Weib kein blaues Blut sondern Blausäure in den Adern hatte.

Seine Beschaulichkeit wurde durch das Erscheinen des Master Butlers des Klubs, Otto, unterbrochen. Otto war eine Institution in einer Institution. Abgesehen von seinem unpassend deutschen Namen war er der Inbegriff eines englischen Butlers. Otto räusperte sich leise und wandte sich an Lord Purpington: „Wenn Ihre Lordschaft gestatten, so möchte ich Sie noch auf zwei Termine von morgen Freitag aufmerksam machen.“

Sir Simon zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. Das Wort Termin verband er unwillkürlich mit Arbeit, der er seit längerem erfolgreich entsagte. Oder dann war es mit seinen Pflichten im Oberhaus verbunden. Ebenfalls etwas, das er auf ein Mindestmass zu reduzieren vermochte. Am schlimmsten aber waren die Termine, die er mit seiner Gemahlin und seinem Sohn hatte. Meistens ging es um Geld. Die beiden versuchten seit längerem ihn zu entmachten, zu entmündigen oder ins Grab zu bringen. Vermutlich eher letzteres, weil das Entmündigen wohl der Familienehre geschadet hätte.

„Nun, welche Termine“ – er spuckte das Wort mit so viel Verachtung aus, wie es mit einer Zigarre im Mund eben ging – „muss ich denn morgen wahrnehmen“? „Um elf Uhr dreissig wird ihre Lordschaft im Ausschuss des Oberhauses, der über das Thema Fuchsjagd berät, erwartet …“ „Die Füchse können mir gestohlen bleiben und die Idioten zu Pferd sollen sich ihr Genick auf der Rennbahn brechen“, unterbrach ihn Lord Purpington unwirsch. Otto behielt seine Contenance: „… und um fünfzehn Uhr dreissig hat Mr. Balthasar Cougill um einen Termin gebeten.“ „Den ich ihm gewährt habe?“ Sir Simon war äussert misstrauisch. Der Name Balthasar erinnerte ihn an seinen Onkel mütterlicherseits, der ihn 1949 unbedingt in seinem Regiment bei den Royal Scottish Guards haben wollte. Sir Simon war dieser Karriere nur dadurch entgangen, dass er sich mit einer französischen Comtesse an die Riviera verdrückt hatte. Er fand noch heute, dass die Zeit mit der Comtesse wesentlich lehrreicher als eine militärische Ausbildung gewesen war. „In der Tat My Lord. Mr. Cougill ist einer der Seniorpartner der Anwaltskanzlei Cougill, Cougill, Cougill & Cougill und der zweite Mr. Cougill.“ „Ein Anwalt, der zwischen zwei Kommata steht, ist per se suspekt“, murrte Sir Simon. „Halten Sie mir bloss diese Anwaltsbrut vom Leibe. Ich habe einen der übelsten Sorte gezeugt.“ Und in Gedanken fügte er bei, „behauptet wenigstens Eleonore.“ „Sehr wohl My Lord.“ Es blieb unklar, ob dies eine Bestätigung der Aussage zu den Anwälten im Allgemeinen war, oder ob Otto gedachte, Mr. Cougill von Sir Simon fernzuhalten. Wahrscheinlich wollte er aber damit nur andeuten, dass er sich zurückzuziehen gedachte.

„Schicken Sie mir einen Wagen, der mich nach Westminster bringt und dort um fünfzehn Uhr wieder abholt“, entschied der grimmige Lord, worauf sich Otto mit einer gemessenen Verbeugung und zwei Schritt rückwärts geräuschlos entfernte. Sir Simon leerte sein Glas in einem Zug. Der Genuss war weg. Die Erwähnung eines Anwaltes hatte ihm die Auseinandersetzung mit Eleonore und Simon Junior in Erinnerung gerufen, die schon seit mehreren Jahren das alles andere als süsse Familienleben vergiftete. Die beiden fanden, dass es an der Zeit war, Simon Junior mit der Verwaltung des Familienbesitzes zu betrauen. Der Lord war da ganz anderer Ansicht und vertraut viel lieber seinen Privatbankiers Pictet & Cie. in Genf. Zudem hatte Simon in seiner zwanzigjährigen Anwaltskarriere nicht nur den Ruf als gerissener und mit allen Wassern gewaschenen Anwalt erworben, sondern auch ein Vermögen, das ihm unter anderem erlaubte, mit einem Aston Martin durch London zu brausen. Wie dekadent! Sir Simon war sich sicher, dass in dem Moment, wo Lady Eleonore und ihr Sohn über den Familienbesitz herrschen konnten, er, der Lord, in einem Nebenzimmer von Blackwells Ends vergammeln würde. Ade Colheita Portwein und Diademas Hoyo de Monterrey Zigarren!

Caroline schlenderte mit dem fröhlichen Trooper in Richtung Saint Nicholas at Wade.

Das Dorf lag nordöstlich von Canterbury und hatte ursprünglich zu Woodworth Manor gehört. Heute bestand es aus Einfamilienhäusern und gut zwei Dutzend Bauernhöfen, die das umliegende Land bewirtschafteten. Woodworth Manor lag zwei Kilometer ausserhalb des Dorfes und war mit diesem durch einen schlechten, grasüberwucherten Feldweg verbunden. Nach der schrecklichen Zeit in Blackwells End und einer tiefen Depression hatte Caroline hier, am Ort ihrer glücklichen Kindheit, Ruhe gefunden und war körperlich und seelisch wieder zu Kräften gekommen.

Das erste Haus zwischen Woodworth Manor und dem Dorf gehört dem Landarzt Anthony Franklin und seiner Frau Sally-Anne. Diese war in den achtzehn Monaten, seit Caroline ihren Ehemann verlassen hatte und ins baufällige Woodworth Manor zurückgekehrt war, ihre beste Freundin geworden. Caroline bewunderte Sally-Anne. Sie hielt die vier Kinder und den Haushalt im Schuss, unterstütze ihren Mann bei seiner Arbeit, bewahrte Caroline davor ganz zu vereinsamen und war bei alle dem auch immer glänzender Laune. Caroline war es ein Rätsel, wie Sally-Anne das machte. Aber sie war dem Schicksal dankbar, das die Franklins nach St. Nicholas at Wade verschlagen hatte.

Trooper, den sie auf offenem Feld von der Leine gelassen hatte, rannte ihr voraus. Sie hatte ihm ein kleines Fahrradlicht ans Halsband gesteckt, so dass sie im Dunkeln an dem rot blinkenden Licht erkannte, wo er steckte. Trooper sprang leicht über das kleine Gartentor und steuerte aufs Haus der Franklins zu. „Nein, Trooper“, rief ihn Caroline zurück, „es ist zu spät für einen Besuch und lass die Katzen in Ruhe!“ Trooper verschwand um die Hausecke. Wohl auf der Suche nach einer der drei Katzen, die den Kindern der Franklins gehörten. Caroline wartete ein Weilchen, doch Trooper blieb verschwunden. Vor dem Haus herumstehen wollte sie nicht. Sie trat in den Garten und klopfte an die Haustür. Anthony öffnete ihr. Er hielt seinen wild schreienden Sohn Trevor unter den Arm geklemmt und schob mit dem Fuss einen Plastiktraktor beiseite.

„Komm rein, du kannst und helfen die Kinder in Kisten zu verpacken und nach Timbuktu zu verschicken“, begrüsste er Caroline. Aus dem Wohnzimmer erklang lautes Gebrüll. „Wir wollen nicht nach Timbuktu und ins Bett schon gar nicht.“ Das waren die Zwillinge Alex und Albert. Jetzt erschien auch Sally-Anne, die halb schlafende, dreijährige Catherine auf dem Arm haltend, und lächelte sie an, als gäbe es nichts schöneres, als am Ende eines langen Tages auch noch Besuch zu bekommen. „Ich bleibe nicht lange“, versicherte Caroline, „eigentlich suche ich nur Trooper, der in eurem Garten verschwunden ist.“

„Trooper“, die Zwillinge stiessen einen Schrei aus, der wie ein Angriffssignal klang und stürzten zur Glastür, die in den Garten führte. „Ihr bleibt hier“, donnerte Anthony! „Verdammt, es ist kalt und nass, da geht ihr mir nicht barfuss und im Pyjama in den Garten, habt ihr gehört!“ Die Zwillinge sahen ihn missmutig an. „Wäre noch schöner, wenn die Kinder des Dorfarztes an Lungenentzündung eingehen würden“, brummte Anthony.

„Anthony“, schalt ihn Sally-Anne, „sprich nicht so von deinen Kindern. Du bist Allgemeinpraktiker und kein Veterinär!“ „Auch die Kinder des Veterinärs sollten nicht eingehen“, entgegnete Anthony und trieb sein Zwillinge nach oben, den immer noch schreienden Trevor weiterhin unter den Arm geklemmt. Sally-Anne und Catherine folgten der männlichen Kavalkade.

„Ich gehe und suche Trooper und verschwinde dann wieder“, rief Caroline nach oben. „Ja, such deinen Kampfhund aber untersteh dich nach Hause zu gehen“, rief Sally-Anne zurück, die im Badezimmer versuchte, der schläfrigen Catherine die Zähne zu putzen. „Ich will noch ein paar Worte mit einem normalen Menschen wechseln, bevor ich ins Erschöpfungskoma falle.“ Anthony schaute über das Treppengeländer nach unten: „Womit vor Zeugen bestätigt wurde, dass mein mir angetrautes Weib mich für nicht normal hält.“ Und er verschwand im Zimmer der Zwillinge um den abendlichen Kampf ums Zubettgehen auszufechten.

Eine halbe Stunde später sassen alle drei beim Tee. Trooper hatte die Katzendecke auf einem alten Sessel beschlagnahmt und, wohl im Versuch sich anzupassen, wie eine Katze auf den Rücken gedreht und zufrieden alle Viere in die Luft gestreckt. Sally-Anne hatte gelacht und ihm den Bauch gekrault. „Fehlt nur noch, dass er zu schnurren beginnt, dein Trooper.“

Jetzt schwiegen sie und genossen die Stille. Selbst oben schien Ruhe eingekehrt zu sein. Allerdings wusste Caroline von ihren Einsätzen als Babysitter, dass über kurz oder lang nackte Kinderfüsse auf der Holztreppe zu hören sein würden. „Hast du eigentlich endlich ein Scheidungsurteil erhalten“, fragte Sally-Anne etwas zögernd? Es war ein heikles Thema, dem Caroline gerne auswich, das allerdings in Anbetracht ihrer prekären finanziellen Lage einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehrte. „Nein“, entgegnete sie, „ich weiss nicht wie Simon es schafft, das so lange hinauszuzögern. So lange es kein Urteil gibt, muss er mir nichts bezahlen, da ich die eheliche Gemeinschaft verliess. Das sagen wenigstens seine Anwälte und meiner sieht keine Chance, das zu ändern.“

„Der zukünftige Lord, mit seinen Verbindungen, kennt wohl alle Richter in der Grafschaft Gloucestershire“, warf Anthony ein, „und deinen Anwalt halte ich für eine ausgesprochene Niete.“

„Aber eine kostenlose Niete, die mir vom Gericht zugewiesen wurde. Wenigstens habe ich so jemanden, der sich um meine Angelegenheit kümmert. Ich könnte mir nie einen Anwalt leisten. Mit dem Wenigen, das ich hier verdiene kann ich den Winter über nicht hierbleiben. Ich muss nach London und mir einen Job suchen.“ Die Vorstellung war Caroline ein Graus. Sie hatte gelegentlich in Simons luxuriösem Apartment in der City gewohnt, aber die Stadt war ihr fremd.

„Was für Arbeit würdest du dir suchen“, wollte Anthony wissen? Sally-Anne warf ihm einen Blick zu, der deutlich zum Ausdruck brachte, dass sie dies für eine ausgesprochen taktlose Frage hielt.

„Wenn ich das nur selber wüsste“, antwortet Caroline ehrlich. „Ausser einer wirklich guten Musikausbildung mit Diplom als Sängerin, einem abgebrochenen Studium der Philosophie und Literatur habe ich eigentlich nichts, das ich als Qualifikation vorweisen könnte. Natürlich kann ich mit Computern arbeiten. Ich musste ja auch etwas fürs Gehirn tun, all die Jahre in Blackwells End. Da habe ich halt Computerprogramme und Sprachen gelernt.“

„Hey, das ist ideal“, fand Anthony, „dann kannst du als Fremdsprachensekretärin für einen Verleger gehobener literarischer Werke arbeiten.“ „Liebling“, Sally-Anne sah ihn mitleidig an, „so was wie Sekretärinnen gibt es nicht mehr und auch für Jobs, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, braucht man heute eine Qualifizierung.“ „Na, so ein Diplom kann ja nicht so eine Hexerei sein“, warf Anthony ein und nahm ein Ärztemagazin und vergrub sich darin.

„Du siehst, so beendet mein Gemahl eine ernsthafte Diskussion“, sagte Sally-Anny zu Caroline und goss ihnen Tee nach. Eine halbe Stunde später war Caroline auf dem Weg zurück nach Woodworth Manor. Das rotblinkende Licht an Troopers Halsband umkreiste sie wie ein Satellit oder wie ein Hütehund seine Schafherde.

Sir Simon der neunte Lord Purpington sass hinter seinem Schreibtisch im Büro, das ihm als Governor des Klubs „Knights of the White Rose“ zustand.

Er starrte aus dem Fenster in den kleinen, aber gepflegten Garten. Obwohl es erst kurz nach sechzehn Uhr war, war es draussen schon am Eindunkeln. London lag unter einer dicken Wolkendecke, aus der es immer mal wieder nieselte. Im Büro brannten nur die Tischlampe und eine Stehlampe in der Ecke beim Fenster. Der Rest des Raumes mit seiner eichenen Holztäfelung lag im Dunkeln.

Sir Simon sah zum Gemälde seines Vorgängers auf, das vom Licht der Stehlampe schwach beleuchtet wurde. Die anderen siebzehn Governors, die den Klub in seiner fast vierhundertjährigen Geschichte durch gute und weniger gute Zeiten des Britischen Empires gelenkt hatten, waren auf Gemälden verewigt, die die Bibliothek und das Treppenhaus zierten.

„Na, Robert, du alter Wüstling. Ist dir das auch passiert“, fragte Sir Simon den streng blickenden Herrn auf dem Gemälde? Sir Robert White blieb eine Antwort schuldig. Aufgrund des säuerlichen Gesichtsausdrucks konnte man zum Schluss kommen, dass die Titulierung „Wüstling“ ihn beleidigte. Allerdings war Sir Roberts Ruf als Frauenheld legendär gewesen. Zu guter letzt war er im Alter von 77 in den Armen einer dreissig Jahre jüngeren Geliebten gestorben. Was ihn so angestrengt hatte, dass ihn der Schlag traf, wurde aus Höflichkeit im Klub nicht weiter erläutert.

Sir Simon nahm die Akte, die ihm der Anwalt, der zweite Mr. Cougill von Cougill, Cougill, Cougill & Cougill vor wenigen Minuten überreicht hatte zur Hand und blätterte sie durch. Sein Blick fiel auf das Foto einer schönen Frau. Sie war anfangs dreissig, trug einen schwarzen Hosenanzug, wie er in den achtziger Jahren Mode gewesen war, und sah selbstsicher in die Kamera. Ihre nordische Eleganz, das weissblonde, kurze Haar und die blauen Augen hatten etwas kühl Distanziertes, ja fast Abweisendes.

„Ja, Christina“, murmelte Sir Simon, „ich wusste immer, dass du mein Leben verändert hattest. Nur dass es dermassen tief sein würde, das ahnte ich alter Esel nicht.“

Mr. Balthasar Cougill hatte ihm mitgeteilt, dass Christina Maria Johansson am 13. Oktober 2007 im Alter von sechsundfünfzig Jahren einem Krebsleiden erlegen war. Christina war vor einer Woche in Tyresö, ihrem Heimatort südlich von Stockholm, im Beisein ihrer Familie, zu Grabe getragen worden. Sie hinterliess ein beträchtliches Vermögen und eine Tochter, die Alleinerbin war. Im weiteren hinterliess sie einen Brief, der an Sir Simon, den neunten Lord Purpington, adressiert war und in dem sie ihm mitteilte, dass ihre Tochter auch die seine war. Mr. Cougill nahm den Kern der Botschaft dem Brief vorweg. Wohl um einen weiteren Todesfall zu vermeiden. Bei so alten Lords konnte man ja nie wissen. Nachdem er diese Botschaft überbracht hatte, reichte Mr. Cougill dem Lord eine Akte und eine Visitenkarte und verabschiedete sich mit einem leichten Kopfnicken, ganz so, als vermeide er es tunlichst, den Eindruck zu erwecken, als verbeugte er sich vor einem Lord.

Sir Simon nahm den langen Brieföffner, der einem Duelldegen nachempfunden war, und öffnete den Brief mit der geschmeidigen Bewegung eines, einst geübten und gefürchteten, Degenfechters.

London, der 4. Oktober 2007 

Lieber Simon Wie dir von meinem Anwalt, Mr, Balthasar Cougill, mitgeteilt wurde, habe ich eine Tochter, die auch die Deine ist. Lucy Simona Johansson wurde am 4. Juni 1985 geboren. Da zu diesem Zeitpunkt unsere Beziehung bereits seit sieben Monaten beendet war, und weder Du noch ich Anstalten machten, diese wieder aufleben zu lassen, entschloss ich mich, meine Tochter alleine grosszuziehen. Lucy erzählte ich, dass ihr Vater noch vor ihrer Geburt verstorben war und verschwieg ihr bis heute Deine wahre Identität. Verzeih mir, dass ich Dich vorzeitig aus dem Leben habe scheiden lassen. Wie dieser Brief jedoch beweist, hast du mich letztlich überlebt. Ich hoffe, das ist dir Genugtuung genug. Im Angesicht meines bevorstehenden Todes habe ich mich entschlossen, dass die Wahrheit nicht länger im Dunkeln bleiben darf. Ich werde in den nächsten Tagen – mehr bleiben mir nicht – Lucy darüber aufklären, wer ihr Vater ist. Ich kenne meine Lucy. Eine Vaterschaftsklage wird sie nicht anstrengen, zumal ihre Zukunft materiell bestens abgesichert ist. Darüber brauchst Du Dir also keine Sorgen zu machen. Ich bin mir jedoch sicher, dass sie den Wunsch haben wird, ihren Vater kennenzulernen. Ich erwarte von Dir – als erste und vermutliche einzige Pflicht als Vater – dieses Treffen herbeizuführen. Ich erinnere mich gut, dass es ein schönes Stück Arbeit war, unter Deiner sehr rauen Schale, den weichen Kern zu finden. Ich vermute, dass diese Schale in den vergangenen dreiundzwanzig Jahren noch undurchdringlicher geworden ist. Nun, wenn die Hälfte stimmt, was ich über deine Familie gehört habe, so kann ich dir das nicht verübeln. Meine letzte Bitte an Dich: Zeige Lucy, dass sie nicht das Resultat einer Affäre war, sondern ein Kind der Liebe ist. Wir waren wohl beide nicht in der Lage, dies uns selber und dem anderen einzugestehen. Ich bedaure wenig in meinem Leben, aber dies gehört dazu.

Lebe wohl, mein Simon Deine Christina

Nebst dem Brief und dem Foto fanden sich zwischen den Aktendeckeln eine Kopie der Geburtsurkunde von Lucy Simona Johansson, eine Abschrift des Testamentes, aus dem der Lord entnehmen konnte, dass Lucy eine sehr vermögende junge Frau war sowie einige weitere Fotos, die Christina und Sir Simon zeigten. Einmal zusammen auf einer Jacht, im Hintergrund eine liebliche Mittelmeerinsel, ein andermal, wie sie zusammen tanzten. Christina trug dunkelblaues, glänzendes Abendkleid, das bestens zu ihren Augen passte und, wie sich Sir Simon erinnerte, auf der Seite einen mörderischen Schlitz hatte, so dass alle Männer begehrliche Blicke auf das wohlgeformte Bein werfen konnten. Sir Simon war damals gleichermassen Stolz darauf gewesen, dass er mit einer so schönen Frau die Riviera bereisen konnte, als auch verärgert über die Kerle, die seine Begleiterin diskret, aber permanent betrachteten. Sie waren in jeder Hinsicht ein auffallendes Paar gewesen. Er fand heute, dass er damals auch ganz gut ausgesehen hatte. „Tempi passati, Eure Lordschaft“, sagte er zu sich selber.

Sir Simon las den Brief zum zweiten Mal durch. Trauer stieg in ihm hoch. Trauer darüber, dass es dreiundzwanzig Jahre und einen Brief brauchte, um ihm zu zeigen, dass er einmal im Leben wirklich geliebt hatte und auch geliebt worden war. Trauer, dass ihn sein Stolz und sein Dickkopf dreiundzwanzig Jahre davon abhielten, die Frau zu suchen, an die er jeden Tag dachte, oder mindestens sich jeden Tag anstrengte, nicht an sie zu denken. Und schliesslich Trauer darüber, dass er eine Tochter besass, die er nicht hatte aufwachsen sehen und damit seine letzte Chance vertan hatte, einem Kind ein wirklicher Vater zu sein.

Der alte Lord stand auf und trat ans Fenster. Erstmals fühlte er sich wirklich alt; alte und in der falschen Zeit. Lords wie er gehörten ins Museum oder noch besser ins Mausoleum, dachte er bitter.

Unten schien das Licht aus der Bibliothek in den Garten. Dort stand die Bank, auf der er so gerne seinen Port oder Sherry trank. Er hatte einmal zu ein paar Klubmitgliedern gesagt, dass es sein sehnlichster Wunsch sei, auf dieser Bank bei einem guten Glas Port und einer guten Zigarre vom Schlag getroffen zu werden. „Vielleicht wäre heute der rechte Zeitpunkt dafür“, sagte Sir Simon zu seinem Spiegelbild in der Scheibe. Dann drehte er sich um, reckte sich zu seiner vollen Grösse von 1.85 und schritt hoch aufgerichtet hinunter zur Bar, um den Drink vor dem Dinner einzunehmen. Es gab keinen Grund – ausser vom Schlag getroffen zu werden – seine Gewohnheiten aufzugeben.

Simon Purpington Junior brauste in seinem anthrazitfarbenen Aston Martin DBS über die Landstrasse, die von Gloucester Richtung Blackwells End, dem Familiensitz führte.

Er hatte sich mit seiner Mutter zum Mittagessen verabredet. Es gab wenig, das ihn, den abgebrühten Anwalt verunsichern oder erschüttern konnte. Die Vorstellung, zu spät zum Essen bei seiner Mutter zu erscheinen, gehörte dazu. Sie hatten etwas zu feiern. Lady Eleonores Pläne und Strategien gingen zu guter Letzt und trotz widerwärtigster Überraschungen auf. In wenigen Tagen würde er im Besitz von zwei Schlössern und riesiger Ländereien in Tschechien sein, ganz zu schweigen von einer kleinen, aber äusserst exquisiten Kunstsammlung.

Lady Eleonore erwartete ihren Sohn im grünen Salon, der auf den herrlichen Park von Blackwells End hinaus ging. Simon küsste seine Mutter auf die Stirn und nahm dabei den Geruch von Medizin, einem schweren Parfüm und Haarpuder war, der ihm immer leichte Übelkeit verursachte. Er reicht ihr ein Blumenbouquet, das sie achtlos auf einen Beistelltisch legte. Es ging schliesslich nicht darum, dass er Blumen mitbrachte, sondern darum, die Form zu wahren.

„Nun, Simon, zeig mir das Gerichtsurteil“, verlangte Lady Eleonore, kaum hatte er sich gesetzt. Sie nahm ihm das Papier aus der Hand und begann es aufmerksam zu lesen. Dabei nickte sie zustimmend.

„Nun, es scheint, dass unsere Operation Gräfin von Hochburg Täuffen doch noch in unserem Sinne abgeschlossen werden kann.“ Sie schenkte ihrem Sohn ein Lächeln. Allerdings, wer Lady Eleonore nicht so gut kannte wie Simon, hätte den Gesichtsausdruck wohl eher als ein Zeichen plötzlich auftretender Schmerzen gedeutet.

„Trotz der unerwarteten und auch sehr unerwünschten Selbstbesinnung deiner Gemahlin, oder besser wohl jetzt deiner Ex-Gemahlin, scheint das Erbe der Gräfin vollumfänglich an dich zu fallen. Ist das richtig, Simon?“

Simon Junior bemühte sich, dies sofort zu bestätigen. „Wie du aus Paragraph 7b siehst, fallen alle, Caroline während unserer Ehe zugefallenen Güter, die nicht aus dem unmittelbaren Erbe ihrer Eltern stammen, mir zu. Ihr Anwalt, der sich übrigens hüten wird, nicht nach meinen Anweisungen zu handeln, wird ihr erklären, dass dies eine reine Formsache sei, zumal ihr ja ausser dem sehr bescheidenen Erbe ihrer Eltern, keinerlei Güter zugefallen seien.“

„Brillant, lieber Simon, wirklich brillant“, lobte ihn seine Mutter. „Ich möchte bei deinen Geschäften, was die auch immer sein mögen, nicht dein Gegner sein.“

Simon nahm dieses Kompliment süffisant lächelnd entgegen. „Du wirst sehen Mutter, dass Caroline diese Kleinigkeit gerne überliest, wenn sie in Paragraph 8 erfährt, dass sie auf Lebzeiten eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund erhält, sofern sie sich nicht wieder verheiratet, versteht sich. Bei ihrer gegenwärtigen Situation ist dies sehr viel Geld.“

„Simon, das ist nicht nur bei ihrer Situation viel Geld, sondern in jedem Fall viel zu viel Geld. Ich will, dass dies auf die Hälfte gekürzt wird“, Lady Eleonore war eine äusserst sparsame Person, wenn es andere betraf.

„Liebe Mutter, in Anbetracht des Vermögens, das uns zufallen wird, und nach den letzten Informationen beläuft es sich auf mehr als zwölf Million Pfund, liegt dieser Betrag absolut drin. Zudem können wir es nicht riskieren, dass Caroline das Urteil anficht. Ausserhalb des Gerichts von Gloucestershire haben wir viel weniger Einfluss. Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, dass ein anderer Richter als Archibald Stiff sich um das Urteil kümmert.“

Das Erwähnen der zwölf Millionen schienen Lady Eleonore die bittere Pille zu versüssen. „Nun denn, wenden wir uns unserer lieben Verwandten der Gräfin Mathilda Freiherrin von Hochburg Täuffen zu.“ Jetzt schaffte Lady Purpington doch wirklich ein Lächeln, das auch als solches zu erkennen war und hob das Glas Sherry in Richtung ihres Sohnes, der ihr ebenfalls zuprostete.

Lady Eleonore Purpington geborene Clayton stammte, es war eine Schande, die sie geschickt zu vertuschen verstand, vom tiefsten Adel ab, den man im englischen Königreich finden konnte. Es hatte allerseits verwundert, wie es der – um es höflich auszudrücken – wenig attraktiven Eleonore Clayton mit achtzehn Jahren gelungen war, den blendend aussehenden, weltgewandten Simon Purpington zur Ehe zu bewegen. Dann hatte sie schon acht Monate nach der Eheschliessung einem Stammhalter das Leben geschenkt. Gerüchte, dass Simon Junior die Frucht zu früh genossener Liebe oder gar von einem anderen Vater sein könnte, hielten sich hartnäckig. Als Sir Simon nach drei Jahren Ehe erkannte, in welche Misere er sich gebracht hatte und versuchte die Legitimität seines Sohnes anzuzweifeln, war Lady Eleonore vorbereitet. Es fand ein, damals revolutionär neuer, Vaterschaftstest statt, der unzweifelhaft bewies, dass der kleine Simon der Sohn von Sir Simon war. Damit war dieses Thema, wenigstens innerhalb der Familie, vom Tisch.

Um den Makel ihrer niedrigen Geburt aufzupolieren, stürzte sich die junge Lady Eleonore in die Ahnenforschung. Sie hoffte, doch noch Ahnen zu finden, die sie in die Nähe der königlichen Familie rücken würde. In der Tat entwickelte sie sich zu einer der versiertesten Genealoginnen Grossbritanniens. Wenn es ihr auch nicht gelang, ihren Stammbaum auf der Adelsleiter ein paar Sprossen anzuheben, so förderten ihre Forschungen doch Interessantes zu Tage. Da gab es in Kent eine andere Familie niedrigen Adels namens Sutherland-Satchworth, mit der sie verwandt war. Zwar waren die weder wichtig noch vermögend, doch waren sie offensichtlich die letzten lebenden Verwandten einer österreichischen Gräfin.

Gräfin Mathilda Freiherrin von Hochburg Täuffen zählte nicht eigentlich zum österreichischen Hochadel, doch besass sie ein nettes Schlösschen ausserhalb Wiens, ein Stadtpalais in Wien, einen Familiensitz in Wales – sie stammte mütterlicherseits vom englischen Hochadel ab – und eine kleine, exquisite Kunstsammlung. Die Situation der Gräfin änderte sich schlagartig mit der Öffnung Osteuropas. Der Gräfin wurden riesige Ländereien in Tschechien zugesprochen, die der Familie ihres verblichen Gemahls, Graf Eugen Johann Freiherr von Hochburg Täuffen, gehört hatten und nach dem Krieg hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden. Ihr Vermögen vervielfachte sich über Nacht.

Lady Eleonore, die alle lebenden Verwandten, mochten sie noch so entfernt verwandt sein, im Auge behielt, entging diese Entwicklung nicht. Obschon sie in eine der reichsten Adelsfamilien Englands hineingeheiratet hatte, fand sie, dass die Vermehrung des Besitzes der Purpingtons der Mühe wert war. Vor fünfzehn Jahre startet sie das Projekt „Gräfin Mathilda Freiherrin von Hochburg Täuffen“, in das sie nur ihren geliebten Sohn Simon einweihte. Dass die unbedeutende Familie aus Kent eine gebildete und schöne Tochter hatte, kam Lady Eleonore zu pass. Simon zeigte wenig Interesse an einer Ehe. So überzeugte ihn schliesslich seine Mutter, dass er mit der Heirat dieser Caroline Sutherland-Satchworth gleich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen konnte. Einerseits eine passende Frau zum Gebären von Nachkommen zu heiraten, andererseits die Bande zur Gräfin zu festigen.

Während Mutter und Sohn einen Moment schwiegen und an ihre Österreichische Verwandte dachten, oder vielmehr an das, was sie ihrer nächsten Verwandten, Caroline Sutherland-Satchworth, hinterlassen hatte, betrat eine kleine unscheinbare Frau den Salon. Mit leiser Stimme verkündete sie: „My Lady, der Lunch ist angerichtet.“

Lady Eleonore erhob sich, was das einzige Anzeichen war, dass sie die Person wahrgenommen hatte und betrat, gefolgt von Simon Junior, das kleine Speisezimmer, das immer noch das Ausmass eines mittleren Ballsaals hatte. Simon warf der Hausbediensteten, Miss Arabella Cox, einen flüchtigen Blick zu, fand es aber ebenfalls für unnötig, sie zu grüssen oder sich zu bedanken. Simon überlegte kurz, warum dies die erste Bedienstete war, die es länger als sechs Wochen unter dem Dach seiner Mutter ausgehalten hatte. In der Tat musste sie schon mindestens zehn Jahre hier sein. Er wusste allerdings, dass dieses Häufchen Elend von einer Hausbediensteten bis zu ihrem Eintritt in die Dienste von Lady Eleonore den Haushalt ihres Vaters und Bruders geführt hatte. Diese „Anstellung“ fand ein Ende, als zuerst ihr Bruder wegen zweifachen Mordes und einfachem Totschlag – im dritten Fall konnte man ihm die Mordabsicht nicht beweisen – verurteilt wurde. Er würde an seinem einhundertdreiundsiebzigsten Geburtstag aus dem Gefängnis entlassen werden. Allerdings nur bei guter Führung. Ihr Vater, ein für seine Gewalttätigkeit und Sauferei bekannt Fuhrunternehmer, fiel kurz darauf auf dem Nachhauseweg im Vollsuff um und ertrank in einer zwanzig Zentimeter tiefen Pfütze. Simon vermutete, dass für Arabella Cox Blackwells End ein Paradies und seine Mutter ein Engel sein mussten. Sie sah ihn mit ihren verschreckten Bambi-Augen immer verstört an. Vermutlich war sie ziemlich doof, dachte er.

Nebst Miss Cox gab es im Hause Purpington noch eine Köchin, ein Zimmermädchen, das auch die Wäsche machte und drei Gärtner sowie einen Chauffeur. Sie alle wechselten in kurzen, aber regelmässigen Abständen. Alleine Arabella Cox blieb und versah jeweils auch gerade die Arbeit, die anfiel, weil eine Stelle unbesetzt war. Nur den Familien Bentley, den durfte sie natürlich nicht fahren.

Während die verängstigte Miss Cox die Suppe auftrug, nahm Simon das Thema „Gräfin Mathilda“ wieder auf: „Ich gehe davon aus, dass wir spätestens Ende nächster Woche das von Caroline unterschriebene Urteil zurück haben. Ihr Anwalt wird sie, wie ich es ihm aufgetragen habe, am Montag anrufen und ihr sagen, dass er gehört hätte, dass du mich drängst, das Urteil anzufechten, um die jährliche Zahlung zu kürzen.“ Wie das vorangegangene Gespräch bewies, entsprach das sogar der Tatsache. „Er wird Caroline drängen, möglichst schnell zu unterzeichnen, da dann das Urteil rechtsgültig sei. Sobald ich das Urteil in Händen habe, werde ich unsere Ansprüche durch unsere Anwälte in Österreich und Tschechien geltend machen. Was hältst du davon, Weihnachten in Wien zu feiern?“

Arabella Cox litt derweilen tausend Qualen. Sie hatte ohne Absicht zu lauschen fast das ganze Gespräch gehört. Es tat ihr in der Seele weh, wenn sie hörte, welch Unrecht Caroline, dem einzigen Menschen, der sie auf Blackwells End freundlich behandelt hatte, ja ihr sogar Respekt entgegengebracht hatte, geschehen sollte. Eigentlich, schoss es ihr durch den Kopf, war Caroline der einzige Mensch, der sie überhaupt je freundlich behandelt hatte. Sollte sie es wagen, Caroline über diese üble Machenschaft zu unterrichten? Alleine die Vorstellung, sich gegen Lady Eleonore und den unheimlichen Simon Junior aufzulehnen, lähmte sie derart, dass sie kaum den Hauptgang auftragen konnte.

Beim Kaffee liess sich Lady Eleonore wieder einmal über ihren Gatten aus. „Er vertrottelt zusehends in London. Praktisch wäre, wenn ihn der Schlag treffen würde, wie seinen Vorgänger im Klub, diesen Lustmolch, Robert White. Aber ich denke, dass sich heute kein Frauenzimmer mehr mit deinem Vater, diesem Tattergreis einlässt.“ Simon unterliess es zu erwähnen, dass er bei seinem letzten – übrigens eher unerfreulichen – Zusammentreffen mit seinem Vater, diesen bei bester Gesundheit und in Begleitung einer Dame traf, die obschon wohl ende fünfzig immer noch leicht die Männerblicke auf sich zog. Es war unbestritten, dass Lord Purpington, trotz seines Alters, immer noch eine stattliche Erscheinung war.

„Nun“, überlegte Simon laut, „wenn es uns gelänge nachzuweisen, dass er durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit das Vermögen der Familie nachhaltig schädigt, so könnte man mindestens gerichtlich erreichen, dass Vermögensverwalter, die unsere Interessen vertreten, eingesetzt würden. Ich habe da ein paar sehr begabte Freunde!“

„Und wie willst du das nachweisen?“ Lady Purpington war ganz Ohr. Die Möglichkeit ihren Mann auszubooten, war noch verlockender als das Vermögen der Gräfin. Nebst zusätzlichem Reichtum würde ihr das noch die Genugtuung geben, den Mann zu vernichten, der sich standhaft geweigert hatte, sie zu lieben und bei Hofe einzuführen, wobei letzteres in ihren Augen bedeuten schlimmer war. Sir Simon war es in den neunundvierzig Ehejahren gelungen, seine Frau mehrheitlich auf Blackwells End fest- und von London und seinen Freunden fernzuhalten. Sie hatte sich getröstet, indem sie grosse Sommerfeste und Winterbälle gab und es regelmässig vergass, ihren Mann rechtzeitig über diese Anlässe zu informieren, so dass der Lord immer durch Abwesenheit glänzte. Allerdings fiel es ihr zusehends schwerer, die Arte von Gästen einladen zu können, die ihr passend schienen. Ihr Ruf als der Drache von Blackwells End zeigte Wirkung.

„Nun, es gibt da ein paar Transaktionen, die von einem gewissen Simon Purpington getätigt wurden, die äussert zwielichtig und nicht erfolgreich waren. Ich denke, damit könnte man durchaus etwas machen.“ Simon verschwieg, dass das Geschäft ihn eine schöne Stange Geld gekostet hatte.

Lady Eleonore runzelte die schon an sich sehr faltige Stirn. „Ich nehme an, diese Transaktion wurde von dir getätigt und du hast aus Versehen unterlassen klar zu machen, dass du nicht Lord Purpington bist, oder?“ „Nun Mutter“, entgegnete Simon, etwas defensiv, „nennen wir es einen vorausschauenden Zug in einer äusserst interessanten Partie Bridge. Ich schlage aber vor, dass wir uns zuerst um unsere Angelegenheiten in Österreich und Tschechien kümmern.“ „Richtig, aber keinen Tag länger“, entschied Lady Purpington und nahm den letzten Bissen von ihrer Torte. Derweilen schenkte Arabella Cox Kaffee nach und war im tiefsten Innern ihrer geschundenen Seele über so viel Schlechtigkeit erschüttert.

Gleichentags zu später Stunden betrat Simon Purpington Junior sein luxuriöses Apartment am Russell Square im Herzen Londons.

Er trat in den Wohnraum, von dem man einen schönen Ausblick über den Russell Square Park genoss. Im Kamin prasselte ein Feuer und das Licht der Flammen spielte verführerisch mit den aufregenden Körperformen seiner Geliebten, Charlize Gordon, die sich auf einer Chaiselongue vor dem Kamin räkelte.

Begehrlich liess der zukünftige Lord seinen Blick über die wohlgeformten Brüste, die durch das dünne Negligé kaum verdeckt wurden, gleiten, trat zu der blonden Schönen und küsste sich fordern auf die vollen Lippen. „Husch, husch ins Bettchen mein Kätzchen.“ Charlize schmollte: „Simon Darling, du hast mich den ganzen Tag alleine gelassen. Es ist so öde in der grossen Wohnung. Wann nimmst du mich endlich mit und stellst mich deiner Mami vor.“

Simon runzelte die Stirne: „Kätzchen, es käme keiner lebenden Seele in den Sinn meine Mutter „Mami“ zu nennen. Glaube mir, ein Besuch der Folterkammer im Tower ist unterhaltender als ein Lunch mit meiner Mutter.“

Charlize war alles andere als überzeugt und schmollte weiter. „Jetzt sind wir schon sieben Monate und sechs Tage zusammen, ich lebe mit dir und du hast mich bis heute keinem einzigen deiner Freunde vorgestellt oder zu einem Anlass von Bedeutung mitgenommen. Du liebst mich nicht.“

Simon kannte diese Diskussion. Nichts lag ihm ferner, als Charlize einem seiner Freunde vorzustellen oder sie gar zu einem Anlass mitzunehmen, an dem womöglich noch die Presse Fotos machen würde. Er hütete sich aber tunlichst ihr dies zu sagen, dafür war sie schlicht und einfach zu hinreissend, wenn er mit ihr alleine war. Er strich ihr über die dichte, blonde Haarmähne: „Mein Kätzchen, ich bin noch immer nicht geschieden. Glaube mir, wenn die Anwälte meiner Ex-Frau – oder besser zukünftigen Ex-Frau – erfahren, dass ich eine Geliebte habe, bin ich erledigt. Dann werde ich auf dem Platz vor dem Kensington Palast aufs Schafott geführt und mit einer Stumpfen Axt enthauptet. Das wäre doch schrecklich. Ich wäre tot und du würdest ganz alleine dastehen. Hab noch etwas Geduld und alles wird so werden, wie du dir das dein ganzes Leben erträumt hast.“

„Versprochen?“ Charlize sah mit ihren smaragdgrünen Augen zu ihm auf.

Bei diesem Anblick gab es nur eine Antwort: „Beim Leben meiner Mutter“, versprach Simon zog sie zu sich hoch und küsste sie leidenschaftlich. Charlize gurrte leise, als er mit dem Zeigefinger ihrer Wirbelsäule nach hinunter fuhr.

Etwas später stand Charlize am Fenster des Schlafzimmers in ein Badetuch gehüllt und sah über den stillen Park. Hinter ihr schlief Simon in den durchwühlten, dunkelblauen Seidenlaken, die das grosse, französische Bett bedeckten. Ob ihre beste Freundin, Brigid O’Sheen, wohl doch recht hatte? Beim gemeinsamen Lunch hatte Brigid sie angesehen und ihr auf ihre irisch direkte Art ins Gesicht gesagt: „Charlize, sei nicht so doof wie blond! Der Kerl ist scharf auf dein Höschen, aber das genügt nicht, um die nächste Lady Purpington zu werden. Nagle den Kerl fest! Mache Fotos, werde schwanger oder besser gleich beides. Ich sage dir, sonst stehst du eines Tages auf der Strasse und kannst mit mir wieder Klamotten für fünf Pfund bei Woolworths verhökern.“ Dann hatte Brigid genussvoll eine Gabel voll Quiche in den Mund geschoben, die Augen verdreht und ergänzt: „Und abgesehen davon, möchte ich die Lunches, die du mir mit seiner Kohle kaufst, nicht missen.“

Charlize hatte halbherzig widersprochen und versichert, dass Simon sie wirklich liebte und sie heiraten wolle. Allerdings, und das hatte sie verschwiegen, hatte er weder das eine noch das andere je so ausgesprochen. Man konnte es aber zwischen den Zeilen so verstehen, wenn man genau hinhörte. Und ihn dieser Angelegenheit hörte Charlize sehr genau hin. Vielleicht zu genau.