Zum Glück - Henri du Mont-Tonnerre - E-Book

Zum Glück E-Book

Henri du Mont-Tonnerre

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Beschreibung

Christian Knorr kann es sich als wohlhabender Jungakademiker leisten, auf eine mögliche Karriere an der Universität zu verzichten. In seinem Blockhaus, das in einer einsamen Waldgegend liegt, gründet er zusammen mit seiner Freundin Alissa und einem kleinen Freundeskreis die "Accademia Decamerone". In diesem Domizil können sie zusammen das gesellschaftliche Chaos, das von Krieg und Bürgerkrieg geprägt ist, zum Glück gut überstehen.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

1.

Aller Anfang ist schwer. Und jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Diese beiden Redensarten fielen ihm ein, als er sich an den Schreibtisch setzte. Schriftsteller kennen die beiden Pole: einerseits die Schreibhemmung, die Hirn und Hand blockiert, andererseits die Schreiblust, die zum automatischen Schreiben verführt. Monatelang hatte er über den Buchtitel gegrübelt, nach dem Schlüssel gesucht, mit dem er die Tür zu seiner Geschichte aufschließen könnte. Wörter können zu Zauberwörtern werden, welche die Dinge des Lebens zum Singen bringen – ja, er war ein Bewunderer des Freiherrn von Eichendorff. Jetzt plötzlich, an einem heißen, hellen Sommertag, fiel ihm das Wort »Morgenglanz« ein – ein Hoffnungsschimmer in zunehmender Düsternis.

Denn die staatliche Propaganda kündigte eine Politik der Verdunkelung an. So sollten Straßenbeleuchtungen und Scheinwerfer an historischen Bauten ausgeschaltet werden, selbstverständlich auch alle Leuchtreklamen. Das erinnerte ihn an den »Luftschutz« im Zweiten Weltkrieg, von dem ihm seine Oma einst erzählt hatte. Mit der »Verdunkelungspflicht« sollten die feindlichen Bomber davon abgehalten werden, ihre Last zielgenau abzuwerfen. Fenster mussten mit »genehmigtem Verdunkelungsstoff« zugehängt, Scheinwerfer im Freien abgeschaltet werden. Diesmal aber war nicht die Verdunkelung das Ziel, sondern das Energiesparen, was an vielen Orten ungewohnte Finsternis mit sich brachte.

Es gibt Ereignisse, die eine radikale Umwälzung anstoßen können. Bestimmte Maßnahmen, die in der fernen »Hauptstadt« zum Energiesparen beschlossen wurden, waren ein solches Ereignis. Wir sind also wieder soweit, dachte er: die Verdunkelung als kriegswichtiges Staatsziel. Freilich waren für den Augenblick keine feindlichen Bomber zu befürchten, dafür jedoch wirtschaftliche und gesellschaftliche Verheerungen – am Ende vielleicht nicht weniger desaströs als ein Flächenbombardement. Über diesen finsteren Gedanken war ihm »Morgenglanz« eingefallen, ganz ernsthaft, ohne ironische Spiegelung der tristen Wirklichkeit. Er bediente sich hin und wieder mythologischer Figuren oder was er darunter verstand, um sich Mut zu machen und Kraft zu schöpfen. »Aurora«, die römische Göttin der Morgenröte, gefiel ihm: die am Himmel aufwärts schwebende Jungfrau umgeben mit engelgleichen Genien, Blumengirlanden in Händen haltend. Im Barock war Aurora wohl besonders beliebt. Il Guercino, der italienische Maler, hatte Aurora in einer anmutigen Zeichnung als stolze und zugleich nachdenkliche junge Frau vorgestellt. Sie hält in der rechten Hand eine aufrecht gestellte Lanze und schürzt mit der linken ihr Kleid. In Kopfhöhe hinter hier kräht ein Hahn. Er liebte diese Grafik wegen ihrer anziehenden Klarheit. Sie zeigte ein Bild des Eros, des Lebensmutes, der wehrhaften Jungfräulichkeit, dem Morgen entgegenblickend.

Dazu fiel ihm ein Kontrastbild ein. Während des Ersten Weltkriegs hielten deutsche Professoren an der Heimatfront »Kriegsvorträge« zur moralischen Aufrüstung. Ein Ordinarius der Psychiatrie bemühte das Aurora-Motiv bei seinen schwärmerischen Ausführungen. Was könne ein Jüngling Erhabeneres und Schöneres erleben, als bei aufgehender Sonne für Kaiser und Vaterland zu sterben? Welch größeres Glück könne er haben, als durch einen Kopfschuss, der ihm ja keine Schmerzen mehr bereiten würde, den Heldentod weniger erleiden zu müssen als vielmehr genießen zu dürfen? Billige Kriegspropaganda als religiöse Erlösungsfantasie. Bei keiner anderen Gelegenheit vermischen sich erhabenster Opferwille mit primitivster Brutalität so untrennbar wie im Krieg. Je blutiger der Krieg, umso heiliger die Werte, um deren Durchsetzung angeblich gekämpft wird. Und je heiliger die Werte, um so blutiger der Krieg. Der Mechanismus ist bekannt. Zuerst kommt die Trennung in Gut und Böse, Freund und Feind, dann der Angriff auf den Feind, um ihn zu vernichten. Der Sieger hat immer recht und schreibt Geschichte, auch wenn seine Verbrechen himmelschreiend sein mögen. Das Jüngste Gericht ist nur für Gläubige eine tröstende Vision.

Das deutsche Wort »Morgengrauen« weckt eine Assoziation, die dem »Morgenglanz« die Unschuld raubt. Ein heraufdämmernder Morgen kann Grauenhaftes mit sich bringen. Begannen nicht große Schlachten im Morgengrauen, etwa um 5 Uhr 45? Manchmal auch schon vor dem Morgengrauen, etwa um 3 Uhr 15, als das »Unternehmen Barbarossa« losbrach, das dann im Rundfunk um 5 Uhr 30 verkündet wurde? Für Militärhistoriker könnte der Zusammenhang von Morgengrauen und Schlachtplänen interessant sein. Bei aufgehender Sonne in den Kampf zu ziehen ist eine bekannte Vorstellung. Denn die Morgendämmerung verheißt neues Leben, das die Sonne der Erde spendet. Ihm fiel jetzt das Bildmotiv der »Sonnenanbetung« ein, das in der Lebensreformbewegung vielfach bearbeitet wurde, vor allem sichtbar in Fidus’ Zeichnung »Der Sonnenanbeter«. Ihm fiel auch die weit gespannte Weckruf-Lyrik ein, die mit dem »Sturmlied« der NSDAP »Deutschland, erwache!« einen fulminanten Höhepunkt erreichen sollte. Auch volkstümliche Lieder wie »Im Frühtau zu Berge« oder »Die güldne Sonne voll Freud und Wonne« besingen die morgendliche Aufbruchstimmung – freilich ohne militaristisches Pathos.

Weckrufe am frühen Morgen mahnen zum Aufbrechen, Abreisen, Wegfahren, sie signalisieren eine bevorstehende Veränderung, Bewegung. Der Sonnenaufgang wird in der Regel von Gefühlen hoffnungsfroher Erwartung begleitet. Ein neuer Tag liegt vor einem. Doch diese Regel war seit längerem außer Kraft gesetzt. Er sträubte sich gegen die Verdunkelung des Morgenglanzes, ohne sie wirklich verhindern zu können. Wie ein riesiges Raumschiff, das in einem Katastrophenfilm den Himmel verdeckt, hatte sich ein Konglomerat von bösen Schatten zusammengeballt, das das Leben verdüsterte. Die alten Gespenster waren unter neuem Label zum Leben erwacht und trieben ihren grässlichen Schabernack: Klimakatastrophe, Pandemie, Krieg, Inflation, Energiemangel. Er dachte an die kollektive Besessenheit früheren Zeiten, die Psychologen und Psychiater als »geistige Epidemie« bezeichneten. Wer würde die unseligen Dämonen unserer Tage austreiben? Ein allmächtiger Exorzist war nicht in Sicht und wahrscheinlich auch nicht wünschenswert. Ihm fiel der Pfarrer Johann Joseph Gaßner ein, der vor 250 Jahren im Zeitalter der so genannten Aufklärung Massen von Menschen exorzierte. Bevor er dieses sensationelle Geschäft betrieb, hatte er sich selbst exorziert – mit Erfolg, wie er berichtet. Vielleicht war das ein Mittel, sich selbst vom herrschenden Ungeist zu befreien?

Wäre »Morgenglanz« nicht der passende Titel für seinen Roman? War er nicht durch seinen Namen auf geheimnisvolle Weise mit Christian Knorr von Rosenroth verbunden, jenem Sprachgelehrten und Dichter des Barock, den Lexika als »Universalgelehrten« oder »Polyhistor« vorstellten? Dem Dichter des bekannten Kirchenlieds »Morgenglanz der Ewigkeit«? Christian entstammte nicht wie dieser einem schlesischen Adelsgeschlecht, sondern einer geschäftstüchtigen Familie, die in der Nähe von Stuttgart ein mittelständisches Unternehmen in der dritten Generation innehatte. Der biedere Firmenname »Knorr Leuchten« wurde auf einer glanzvollen Milleniumsfeier in »KNORR’s EN-LIGHTENMENT« umgetauft, angemessen für einen Weltmarktführer bei langlebigen hocheffizienten Minileuchtmitteln in Elektrogeräten.

Christian Knorr war ein kritischer Zeitgenosse. Er hing der fast altmodisch klingenden Idee an, dass ein Problem immer von zwei Seiten zu betrachten sei und dass die freie Meinungsäußerung und die faire Kontroverse zur Demokratie gehörten. So war es nicht erstaunlich, dass ihm viele EU-Projekte (die meisten, auf die er zufällig gestoßen war) dubios vorkamen. Er hatte vor ein paar Tagen mit einem befreundeten Ehepaar in deren repräsentativem SUV eine ländliche Rundfahrt gemacht. Sie kehrten in einem urigen Landgasthof mit ausgeschildertem »Biergarten« ein, der sich tatsächlich als ein Weingarten herausstellte, denn fast alle Gäste tranken Wein oder Weinschorle. Auffallend war eine große hochmoderne Toilettenanlage in übergroßen Räumen, die alles enthielten, was ein zur Notdurft Gedrängter sich nur wünschen konnte, einschließlich Wickeltisch. Das Ganze selbstverständlich barrierefrei. Wie kommt ein altes Gasthaus zu eine solchen Superanlage? Des Rätsels Lösung verriet ein Schild am Eingang: »Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete« und darüber: »Inwertsetzung einer gastronomischen Einrichtung«. Unterhalb des Symbols der Europa-Flagge wurden die in Anspruch genommenen Programme aufgelistet. Wer sollte etwas gegen eine so großartige Toilettenanlage haben?

Christian Knorr stand auf, reckte sich, fuhr seinen Rechner herunter und ging in die Küche. Die lokale Tageszeitung lag noch auf dem Tisch. Er hatte sie beim Frühstück durchgeblättert und kaum Erbauliches gefunden. Manchmal gab es bei den Leserbriefen bemerkenswerte Auslassungen. Die Schreiber lamentierten zwar auch heute wieder über diesen und jenen Missstand, blieben aber wie meistens zahm und lieb und ohne Biss.

2.

Christian lebte in einer repräsentativen Altbauwohnung, die ihm seine Eltern vererbt hatten. Sie lag auf der zweiten Etage eines sanierten Palais in der City, wie die Innenstadt jetzt bezeichnete wurde. Von seinem Schreibtisch aus konnte er auf den Friedensplatz blicken. Er beobachtete oft minutenlang das Treiben dort unten. Obwohl die Kopftuch tragenden Mädchen und Frauen schon lange zum Stadtbild gehörten, konnte oder wollte er sich nicht an ihren Anblick gewöhnen. Natürlich ließ er sich in der Öffentlichkeit nichts anmerken und enthielt sich auch in kleineren Gesprächsrunden jeglichen Kommentars. War er islamophob? Jedenfalls empfand er ein Unbehagen, wenn an heißen Sommertagen verhüllte junge Frauen, ein Kind auf einem Arm und mit dem anderen einen Kinderwagen schiebend, hinter einem luftig gekleideten muskulösen Mann mit schwarzem Vollbart hertrotten sah. Ein solches Bild könnte ja auch etwas Exotisches an sich haben, einen bunten Tupfer in einer grauen Umwelt abgeben. Doch wenn Exotisches massenweise in Erscheinung tritt, verliert es seinen Zauber und kann als Bedrohung empfunden werden. Der »Geburten-Djihad« ist kein Hirngespinst von rechtsextremen Islamfeinden, dachte er sich, sondern ein politisches Faktum, das von islamischen Politikern und Religionsführern offen propagiert wird. Christians Unbehagen hatte Laufe der Jahre zugenommen. Als er neulich Arabisch sprechende junge Bärtige mit perfekt geschnittenem und gegeltem Haar beobachtete, wie sie in einen weißen BMW einstiegen und mit aufheulen-dem Motor davonrasten, fühlte er sich unangenehm berührt. Sie spielten sich wie Herren auf und waren das auch auf ihre Weise. Natürlich darf man nicht verallgemeinern, sagte er sich, aber alle vernünftigen Überlegungen konnten gegen den heimlichen Groll nichts ausrichten, der sich in ihm angesammelt hatte.

Bettler gehörten seit Jahren zum Stadtbild. Manche stellten ihre Gebrechen zur Schau und zeigten einen geschundenen Körperteil vor, während sie vor ihrem Pappbecher für die Geldspende saßen, oft mit einem Schild versehen, das mit krakeligen Buchstaben auf ihre Bedürftigkeit hinwies. Manche starrten nach unten, andere suchten den Blick der Passanten. Christian machte um die jämmerlichen Gestalten fast immer einen Bogen, nur manchmal griff er in die Geldbörse und spendete 50 Cent oder einen Euro. Dies gab ihm das Gefühl der Souveränität, denn automatisch immer nur auszuweichen schien ihm ein Zeichen der Unfreiheit zu sein.

Unfreiheit ist immer Ausdruck einer Bedrohung, die jemand empfindet, dachte er. Und er fühlte sich seit Jahren bedroht. Er war noch nie überfallen worden, aber er konnte fast täglich in der Lokalzeitung lesen, was Passanten passieren konnte, die zur falschen Zeit am falschen Ort unterwegs waren. Die harmlose Variante war die unblutig erzwungene Übergabe von Geldbörse und Handy. Weniger harmlos waren Messerattacken von »jungen Männern«, deren Beschreibung sich darin erschöpfte, dass sie dunkel gekleidet, schlank gewesen seien und eine Kapuze über den Kopf gezogen hätten. Es wurde in den Berichten besonders hervorgehoben, wenn die Täter »akzentfrei deutsch« gesprochen hatten. In den meisten Fällen fehlte dieser Zusatz, woraus der Leser seine Schlüsse ziehen konnte. Christian hatte sich das Zwischen-den-Zeilen-Lesen angeeignet und daran gewöhnt, eine offizielle Nachricht simultan zu übersetzen, eine besondere Art der fast unbewusst ablaufenden Dolmetschens. Manchmal genügte es, eine Aussage einfach in ihr Gegenteil zu verkehren, um ein Stückchen Wahrheit zu erhaschen. Walter Ulbricht lieferte einst das klassische Musterbeispiel mit dem Satz: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«.

Neulich war Christian mitten in der Nacht aufgewacht. Es hatte gewaltig gedonnert. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er an den Einschlag einer Bombe, dann aber beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass hier wieder einmal Jugendliche zur Unzeit einen Böller gezündet hatten, vielleicht als Höhepunkt einer Abiturientenabschlussfeier. Er hatte sich auf die andere Seite gedreht, die Bettdecke über den Kopf gezogen und nach kurzem Dösen war er wieder eingeschlafen. Am nächsten Tag konnte er die Ursache des Donnerschlags besichtigen. Ein Geldautomat war aus einer Hauswand herausgesprengt worden, die Haustür war zerfetzt und einige Fensterscheiben geborsten. Wie durch ein Wunder sei niemand verletzt worden, war dann in der Zeitung zu lesen. Das Sprengen von Geldautomaten war für die Organisierte Kriminalität – witzigerweise mit OK abgekürzt – zur Routine geworden, wie die Statistik belegte. Die Polizei kannte die Strategie der Banden ziemlich gut und ließ verlauten: Sie könnten schnell über die Autobahnen von Belgien und den Niederlanden aus rasch zu den Tatorten in NRW gelangen und sich dann blitzschnell zurückziehen. Sie wüssten die freie Fahrt ohne Grenzkontrollen zu schätzen. Die praktische Reaktion auf die Sprengung war eindeutig: Ein neuer Automat sollte anstelle des gesprengten nicht mehr eingebaut werden, um die Gefahr für Passanten und Hausbewohner zu vermeiden. Außerdem sparte diese fürsorgliche Entscheidung der Bank einige Unkosten.

Christian sah die Stadt vor sich zerbröseln. Zuerst würde der Schotter durch die Asphaltdecke der Straße brechen, von den Häuser würde anfangs der Putz fallen und später von den Dächern die Ziegel, die Pflanzenwelt würde sich ausbreiten, Efeu die Mauern empor ranken und zwischen den Steinen Büsche und kleine Bäume wachsen. Und dichtes Moos würden alle blanken Stellen, Wände, Treppen und Wege überwuchern. Solange er keine Menschen in dieser neuen Welt sah, fand er sie idyllisch, malerisch sich ausbreitend – ein Paradies für Tiere und Pflanzen. Was aber würde mit den Menschen geschehen? Das mochte er sich nicht vorstellen.

Viele kleine Zeichen deuteten auf den Verfall, auf eine Art Renaturierung der menschlichen Kulturerzeugnisse. Was früher einmal »in Ordnung« war, erwies sich als defekt und funktionierte nicht mehr. Dazu gehörten Fahrstühle, die seit Jahren nicht zu bewegen und Sitzbänke, deren Holzlatten verfault waren. Dazu gehörten Schwimmbäder, die in der Sommerhitze geschlossen hatten, weil seit Jahren die technischen Anlagen nicht repariert wurden. Dazu gehörten auch Stadtparks, deren Wiesen verdreckt waren und die nachts zum Hoheitsgebiet von Drogenhändlern gehörten. Die Leserbriefe im Lokalblättchen beklagten seit Jahren diese Zustände, ohne dass sich daran irgendetwas geändert hätte.

Eine Endzeitstimmung hatte die Menschen erfasst. Christian sah in ihre fahlen Gesichter, bemerkte ihre ängstlichen Blicke, die einen zurückweisenden Druck ausübten, als ob sie die Umwelt auf Distanz halten wollten. Die hygienischen Abstandsregeln, die in der Corona-Krise zur gesellschaftlichen Norm erhoben wurden, hatte ihre »nachhaltige« Wirkung entfaltet. Das Lachen war zaghafter geworden, verhaltener, als ob einer ein schlechtes Gewissen haben müsste, wenn er laut zu lachen wagte. Das Misstrauen hatte in jedem Einzelnen Wurzeln geschlagen. Die schlimmste Form des Misstrauens ist sicher das gegen sich selbst. Denn wer sich selbst nicht mehr über den Weg traut, hat alles verloren, was ein Leben froh und frei machen kann. Und Christian dachte an den tragischen Filmhelden Michael Corleone in »Der Pate«, gespielt von Al Pacino, der seinen Bruder umbringen lässt und sich aus dieser Schuld nie mehr befreien kann, auch nicht durch eine Beichte. Er kann sie bis zu seinem Tod nicht mehr abschütteln. Aller Reichtum, Glanz und Ruhm des »Godfather’s« ist nichtig, ebenso seine Liebe zu Frau und Kindern. Er kann der Hölle, die er mitgestaltet hat, nicht mehr entkommen. Es gibt für ihn keine Erlösung, auch wenn der geistliche Würdenträger ihm nach der Beichte die Formel der Vergebung zuspricht: »Ego te absolvo, mi fili«.

Es gibt viele Zeichen der herannahenden Endzeit, dachte Christian. Die Maskierung des Gesichts gehört dazu. Masken der verschiedensten Art gehörten nun wie Hemd und Hose zur Grundausstattung eines jeden. Auf der Straße sah man viele, die das Stück auf den Unter- oder Oberarm gestreift hatten, jederzeit griffbereit – so, wie man die Sonnenbrille auf den Scheitel hochzieht. Er dachte an das öffentliche Degentragen früherer Zeiten oder den Colt im Gürtel der Cowboys im Wilden Westen. So war man jederzeit zur Gegenwehr gerüstet, statt des Degens oder des Colts konnte man die Maske zücken und war für die Begegnung gewappnet: auf der Straße, im Bus, im Supermarkt. Die Maskierung war für die Menschen so zu Routine geworden, dass sie schon automatisch die Gummischnüre über ihre Ohren streiften, wenn sie bestimmte Räume betraten. Was aber bewirkte dieses Schutzverhalten? Lag in der Abwehr des bösen Feindes nicht zugleich auch feindselige Aggression? Wenn ich jemanden – wenn auch nur potenziell – als feindliches Objekt ansehe, wird nicht nur passiver Schutz, sondern auch dessen aktive Beseitigung unwillkürlich mitgedacht. Flucht und Angriff sind nur zwei Seiten ein derselben Medaille.

Christian hörte von verschiedenen Seiten, dass Gereiztheit und Gewaltbereitschaft allgemein zunehmen würden, auf der Straße, in der Schule, zu Hause, in Betrieben, Arztpraxen, und Jobcentern, die früher »Arbeitsämter« genannt wurden. Er blieb davon unbehelligt, weil er als wohlhabender Privatier die neuralgischen Punkte des gesellschaftlichen Lebens nicht am eigenen Leib zu spüren bekam. Er konnte sich seine Umgebung aussuchen und lief nicht im Dunkeln durch zweifelhafte Gegenden. Aber obwohl er noch nie überfallen oder gar durch einen Übergriff verletzt wurde, las er die einschlägigen Berichte in der Presse mit Abscheu. Sein subjektives Sicherheitsgefühl war erschüttert. Was vor zehn Jahren so locker und leicht möglich war, zum Beispiel nachts alleine am Rhein spazieren zu gehen, war jetzt ganz und gar ausgeschlossen und nicht nur für Frauen ein No-Go. So etwas machte man einfach nicht mehr, ohne weiter darüber nachzudenken. Das Rheinufer bei Nacht als gefährliches Areal anzunehmen, war zur zweiten Natur geworden – zu etwas, was einfach so ist, wie es ist. Pfiffige Marketing-Leute versuchten, vermeintlich ängstlichen Frauen diese Empfindung auszureden, indem sie vom »subjektiven Sicherheitsgefühl« sprachen, das wenig mit der Realität zu tun habe. Die Botschaft war klar: Ihr, liebe Frauen, seid letztlich selbst schuld, wenn ihr (»subjektiv«) Angst habt, nachts im Dunkeln nach Hause zu gehen. Schämt Euch!

3.

Christian Knorr war ein Glückskind: An einem Sonntag geboren, hielten ihn auch seine Eltern für ein solches. Sie lobten von Anfang an seine fortschreitenden Fähigkeiten: dass er schon so bald auf seinen Beinen stehen, so früh sprechen, und dann am Klavier schon als Volksschulkind so schön spielen konnte. Sie bewunderten seine Leistungen auf dem Gymnasium, ermöglichten ein sorgenfreies Studium der Philosophie und Germanistik, obwohl sie es lieber gesehen hätten, wenn er Arzt oder Jurist geworden wäre, und waren sehr stolz, als er nach 15 Semester in Germanistik zum »Dr. phil.« promovierte. So weit, so gut. Aber was sollte nun aus ihm werden, dem 27-jährigen Glückskind? Seine Dissertation handelte von der Literatur der Romantik und ihrer Verarbeitung des Mesmerismus. Er hatte sich einigen Autoren näher zugewandt und ausgewählte Abhandlungen, Romane, Gedichte und Theaterstücke genauer studiert. Natürlich durften Novalis und Heinrich von Kleist nicht fehlen. Aber es war eine Schriftstellerin, die es ihm angetan hatte: Caroline de la Motte Fouqué: Ihr Roman »Die Magie der Natur«, den sie im Untertitel »Eine Revolutionsgeschichte« nannte, gab ihm den Anstoß, über den Beruf des Schriftstellers nachzudenken. Und je länger er darüber nachdachte, umso deutlicher konnte er sich als ein Urheber von Texten vorstellen.

Die Professorin für Neuere Deutsche Literatur, seine »Betreuerin«, wie neuerdings eine Doktormutter genannt wurde, war von seiner Dissertation begeistert. Ein »Summa cum laude« war in Sicht, aber er musste sich dann doch mit einem »Magna« zufrieden geben. Die Promotionsordnung schrieb einen externen Drittgutachter vor, der vom Dekan ohne Rücksprache mit dem Betreuer zu bestimmen war. Dieser war zwar hochangesehen, fremdelte aber als Spezialist für die Weimarer Klassik mit dem romantischen Wildwuchs, zumal er den Mesmerismus für pure Scharlatanerie hielt. Er bestätigte zwar Christians außerordentlich Leistung, konnte sich aber nicht zu einem »Summa« durchringen. Es fehle die komparatistischen Perspektive, bemängelte er in seinem Gutachten. Christian nahm die Benotung gelassen auf, im Gegensatz zu seiner Doktormutter, die darüber so erbost war, dass sie in seinem Beisein in Rage geriet und den Brieföffner mir voller Wucht in die hölzerne Schreibtischplatte rammte.

»Dieser Idiot«, schrie sie, »ist völlig auf die Weimarer Klassik fixiert, so orthodox, wie die selbst nie gewesen ist.« Dann wandte sie sich ihm zu: »Herr Knorr, Sie haben das Zeug, sich zu habilitieren und an der Uni zu bleiben. In drei Monaten wird eine Assistentenstelle frei, ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie mein Angebot annehmen würden.«

Christian bat sich eine Bedenkzeit aus, obwohl er sofort wusste, dass er nicht für die Universität in ihrem derzeitigen Zustand geschaffen war. Nach vierzehn Tagen winkte er ab. Die Professorin war sichtlich betroffen, ja, ein bisschen erschüttert, denn sie hatte sich nicht vorstellen können, dass bei der herrschenden Stellenknappheit jemand ein solches Angebot für eine universitäre Laufbahn ausschlagen könnte. Wie konnte sie ahnen, dass sie ein Glückskind vor sich hatte, das sich frei bewegen konnte? Der Grund hierfür war banal: Christian war vermögend genug, um auf einen Brotberuf verzichten zu können. Seine Eltern hatten ihm schon vor der Promotionsfeier in der Aula, zu der sie eigens angereist waren, einen Teil des Erbes vermacht. Über Nacht war er zum Stillen Teilhaber eines florierenden Familienunternehmens geworden, auf dessen Bankkonto automatisch pro Quartal fast sechsstellige Beträge eingingen. Später werde er auch direkt an KNORR’s ENLIGHTENMENT, der großen Elektrofirma, als Mitinhaber beteiligt werden – »wenn ich meinen Achtzigsten feiere«, hatte ihm sein Vater einmal unter vier Augen gesagt.

Er konnte es sich also leisten, genau das zu tun, wozu er Lust hatte. »Wissen Sie, ich möchte Schriftsteller werden«, sagte er zu ihr, »Texte verfassen, vielleicht bei Gelegenheit diese auch vorlesen, es gibt kaum etwas, was ich lieber täte. Ich danke Ihnen wirklich sehr für Ihr Angebot, das mich ehrt – aber die Uni ist nichts für mich.«

Was sollte er in diesem Luftschloss mit seinen eingebildeten Insassen, die ihre dienstlichen Pflichten zu erledigen hatten, an ihren arbeitsmedizinisch vorgeschriebenen Schreibtischen saßen und in etwas heruntergekommenen Seminarräumen einen Haufen von »Studierenden« unterhalten sollten. Für die »Lehrenden« gehörte es im Dezember zum alljährlichen Ritual, den Antrag auf Parkgenehmigung im zuständigen Büro der Parkraumverwaltung vorzulegen, um die amtliche Bestätigung mit Unterschrift und Sigel zu erwirken. Die Parkraumverwaltung war eine kleine Unterbehörde der großen Universitätsverwaltung und spiegelte im Kleinen das Geschehen im Großen wider. Christian kannte das Spiel, weil er einmal als Doktorand den Antrag auf eine Sondergenehmigung zusammen mit einem Empfehlungsschreiben seiner Doktormutter vorgelegt hatte. An der Eingangstür des kleinen Reiches hing eine große Hinweistafel: »Bitte ohne zu Klopfen unaufgefordert eintreten.« Vom Besucher wurde erwartet, dass er direkt die Tür gegen den eingebauten Widerstand aufstieß. Dieser Vorgang wurde von einem vernehmbaren »Klick« der Tür akustisch untermalt, bevor diese mit einem lauteren »Klack« hinter dem Rücken des Besuchers mit Wucht wieder zuklappte.

Christian konnte sich noch genau an die Szene erinnern, wie er zögernd, ja fast ehrfürchtig den länglichen Raum betrat, an dessen Schmalseite gegenüber der Eingangstür ein Schreibtisch stand, hinter dem die Vorzimmerdame etwas gekrümmt saß und sich Zeit ließ, bevor sie sich ihm zuwandte. Schließlich blickte sie kurz vom Bildschirm auf und fragte mit gequälter Stimme, was er denn möchte. Christian überreichte ihr den Kraftfahrzeugschein, den sie – ziemlich übermüdet, wie er fand – entgegennahm. Er sei Doktorand und müsse für seine Promotionsarbeit täglich einzelne Fachbibliotheken der Universität aufsuchen. Im Schreiben seiner Doktormutter, das er ihr hiermit übergebe, werde dies bestätigt.

»Ein komplizierter Fall«, meinte sie nach einigem Zögern, was ihn etwas erschreckte, da ihm die Sachlage doch sehr einfach vorkam.

»Da muss ich erst den Amtsleiter fragen, warten Sie bitte einen Augenblick vor der Tür. Ich komme dann auf Sie zu.«

Der Amtsleiter, ein gewisser Herr Lorenz, saß nebenan im Chefzimmer, das vom Vorzimmer aus durch eine Seitentür zu betreten war. Erst jetzt wurde Christian bewusst, dass er es ja nur bis zum Vorzimmer geschafft hatte und mit dem Zentrum der Macht nur indirekt in Kontakt kommen würde. So saß er auf dem Bänkchen – ein wahres Sünderbänkchen, dachte er sich – vor der Eingangstür mit dem besagten Schild und harrte der Dinge. Fast ein bisschen wie vor einer Kirche, vor der man sitzt und wartet, bis der Gottesdienst zu Ende ist und man eintreten darf, um sie zu besichtigen. So ein Büro für Parkraumbewirtschaftung ist ein sakraler Raum in profanem Gewand, dachte er. Vielleicht erklärte das seine fast heilige Scheu beim Betreten von Ämtern und Diensträumen. Offenbar arbeitete dieser Herr Lorenz sehr schnell, denn schon bald stand die Vorzimmerdame vor ihm und hielt ihm das Formular entgegen. Offenbar hatte sich ihr Chef rasch entschieden, die Bewilligung unterschrieben und mit dem Dienstsiegel der Universität versehen. Als Herrscher über den Parkraum war er unsichtbar geblieben und hatte Christian aus dem Verborgenen heraus seine Botschaft überbringen lassen, was die Codekarte für die Schranke, die er jetzt erhielt, umso wertvoller erscheinen ließ. Selbst wenn man den Vorgang durchaus als lächerliche Inszenierung ansehen mochte, war man insgeheim doch von ihm ergriffen. Hatte er nicht etwas von einer Begnadigung an sich, der Freisprechung eines von Grund auf Schuldigen, dem durch die Gnade des Herrn die Tür zum irdischen Paradies einer Parkgarage aufgetan wurde?

Es waren gerade diese kleinen, banalen Dinge, die ihn – obwohl sie ihm eher belustigend als ärgerlich vorkamen – abstießen. Denn sie zeigten ihm die Dürftigkeit, Armseligkeit des Universitätsbetriebs: geistige Höhenflüge, die am rauen Boden dahin schrappten, großartige Ausblicke, die von hässlichen Wänden versperrt wurden, Gedankenfreiheit, die sich ins Korsett der Political Correctness und neuerdings der Wokeness einzuzwängen hatte. Christian war weder zum Märtyrer noch zum Revolutionär geboren. Er wollte nur nicht die alltäglichen Idiotien ertragen und hatte auch keine Lust, gegen sie zu revoltieren. Ich bin zwar ein Glückskind, dachte er, aber ich darf das nicht an die große Glocke hängen, muss demütig bleiben, muss auf jeden Fall vermeiden, von anderen beneidet zu werden. Das hieß: sich bedeckt halten, sich unauffällig durch das Getriebe schlängeln, nicht die Klappe aufreißen. Er hatte Schillers Verse verinnerlicht, die die der Dichter so messerscharf formuliert hatte:

Mir grauet vor der Götter Neide;

Des Lebens ungemischte Freude

Ward keinem Irdischen zu Theil.

So behielt er seine Abscheu gegen den Universitätsbetrieb für sich, macht nur dezente Andeutungen, dass er den dort herrschenden Gepflogenheiten nicht gewachsen sei und lieber als Freelancer weitermache. Die Doktormutter schaute ihn nur verwundert an:

»Und wovon wollen Sie leben, lieber Herr Knorr?«

Jetzt galt es aufzupassen, den Neid der Götter nicht heraufzubeschwören und prahlerisch von seinem Glück zu erzählen.

»Ich habe die Möglichkeit, Artikel für eine große Kunstzeitschrift zu verfassen, kenne da einen Redakteur. Die kriegen dort gute Honorare. Außerdem habe ich einen Taxischein, falls es eng wird.«

Sie schaute nur etwas verwundert, als bezweifle sie seine Angaben. Dann wandte sich das Gespräch einem anderen Thema zu und Christian war froh, dass er der Versuchung widerstanden hatte, von seinem Erbe zu erzählen, das ihm auf Dauer ein finanziell sorgenfreies Leben bescheren würde. Um den Neid der Götter nicht zu provozieren, musste er sich bedeckt halten, einen Sichtschutz wie eine Spanische Wand vor sich aufstellen, durfte seine ungemischte Freude nicht ausposaunen. Das englische Wort understatement kam ihm in den Sinn, das vornehme Zurückhaltung anzeigt, mit der ein kluger Mensch seine Reichtümer, welcher Art sie auch immer sein mögen, nicht ausposaunt.

4.

Die Freiheit als Kernelement der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (fdGO) wurde überall gepriesen. »Wir leben in einem freien Land« lautete der gängige Ausspruch. Reisefreiheit, freie Berufswahl, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Redefreiheit waren etablierte Begriffe. Demnach hätte es eine Lust sein müssen, in einer solchen Gesellschaft der Freien zu leben. Aber wo waren diese, gab es sie überhaupt? Steckten nicht fast alle in einer unsichtbaren Zwangsjacke, hatten sich in ein unsichtbares Korsett gezwängt, um »Haltung« zu zeigen? Zugleich verleugneten sie ihren armseligen Zustand, ja, schienen ihn vergessen zu haben. Sie hatten sich an ihn gewöhnt und ertrugen ihn nicht nur geduldig, sondern sogar mit einer gewissen Lust. Sie hielten die Ordnung ein, verteidigten sie gegen Angriffe, und erreichten so eine merkwürdige Art der Zufriedenheit, nämlich die Zufriedenheit von Menschen in der Tretmühle, deren andauernde Erschöpfung durch Ruhe- und Essenspausen abgemildert wird.

Am folgenden Tag, nach dem er seine Doktormutter so tief enttäuscht hatte, saß er auf einer Parkbank und dachte über das Bild der Tretmühle nach. Es ist das Hamsterrad für Menschen, dachte er. Hamster oder andere putzige Nagetiere, die im Käfig gehalten wurden, konnten in aberwitziger Weise im Laufrad ihren Bewegungsdrang befriedigen, Menschen aber hatten in der Tretmühle eine Arbeit zu einem bestimmten Zweck zu verrichten, etwa um mit einem Kran schwere Steine hochzuhieven, wie auf Gemälde von Pieter Bruegel zu sehen ist, das den Turmbau zu Babel darstellt. Das Perfide am Hamsterrad war das Weglaufen, ohne von der Stelle zu kommen, im Grund ein Albtraum, eine unsinnige Flucht, da ja das Gerät die Fortbewegung nur zum Schein ermöglichte. Natürlich war eine solche Betrachtung menschliche Projektion. Was das Tier im Laufrad empfinden oder irgendwie denken mochte, konnte niemand wissen. Anders bei der von Menschen betriebenen Tretmühle, wodurch gewaltige Dinge geleistet und große Lasten gehoben werden konnten. Die Tretmühle bot vielleicht das beste Sinnbild für die »Entfremdung« und »Entäußerung der Arbeit«, wodurch draußen etwas produziert wurde, während der Produzent fortwährend im engen Gehäuse laufen musste, ohne vom Fleck zu kommen. Solche eine Tretmühle war ein Marterinstrument für Sklaven oder Sträflinge und zugleich ein Apparat zur Verwirklichung eines herrschenden Plans. Freilich gab es auch Laufräder für Nutztiere wie Hunde und Esel, um Butterfässer, Brunnenwinden oder Mühlsteine für die Zwecke der Menschen zu bewegen.

Die heutigen Tretmühlen waren anderer Art. Sie hatten eine Transformation durchlaufen, hatten die physische Grobheit abgelegt und spirituelle Feinheit angenommen. Bürokratische Vorschriften, verbindliche Sprachregelungen, konformes Verhalten bildeten ein Netz der Befangenheit. Die staatliche Erziehung des neuen Untertans hatte eine erstaunliche Intensität erreicht. Dabei diente weniger der Polizeiknüppel als Erziehungsinstrument, als vielmehr das Nudging, das ständige Schubsen des Untertans in die erwünschte Richtung.

Christian saß auf seiner Bank und sah die Leute an sich vorbeiziehen, sehr »divers«, wie das unverzichtbare Schlagwort lautete. Natürlich stachen ihm wieder Kopftuchfrauen in die Augen, auch wenn sie heute nur vereinzelt zu sehen waren. Einige Pärchen lagen jetzt auf der Wiese, nachdem die Sonne durch die Wolken gebrochen war. Eine Gruppe von Studenten spielte auf dem Rasen Fußball. Von weitem konnte er auch einen älteren Mann beobachten, der die Mülleimer nach Pfandflaschen absuchte und dabei sogar eine Greifzange einsetzte. Komisch, dachte er, die Greifzange passt nicht zu einem Obdachlosen, genauso wenig wie eine Keramikschale zu einem Bettler, der Geld einsammeln möchte.

Er sah von weitem den Rektor auf sein Elektrorad steigen und mit einem Helm auf dem Kopf davonfahren. Er hatte sich an die Spitze der Ökobewegung gesetzt und die Universität auf »Nachhaltigkeit« und »Klimaneutralität« eingeschworen. Dafür war er mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem sogar mit einem dotierten Preis, der für den klimasensibelsten Unirektor oder -präsidenten von einer großen Umweltorganisation ausgelobt worden war, selbstverständlich in korrekter Gendersprache. Das Preisgeld hatte er für die »Verkehrswende« im Hochschulbereich gespendet, womit von der Universitätsverwaltung fünf E-Bikes und drei Elektrolastenräder für Dienstgeschäfte angeschafft wurden.

Immer mehr solcher Lastenräder waren auf den Straßen zu sehen, bedrohlich lange Ungetüme mit kastenförmigem Vorbau, in dem Kinder, Bierkästen, Lebensmittel oder Hunde transportiert wurden. Christian staunte über den Mut dieser »Radfahrenden« angesichts der vielen Personen- und Lastwagen, mit denen sie sich die oft sehr engen Straßen teilen mussten. Er konnte die Begeisterung für dieses neue Fortbewegungsmittel nicht begreifen, das allseits als Symbol einer zukünftigen Verkehrswende gepriesen und gefördert wurde. Immerhin winkte ein saftiger Zuschuss beim Kauf. Er konnte nicht verstehen, wie sich die »Radfahrenden« mit ihren kleinen Sprösslingen vor sich im Radkasten in den Straßenverkehr trauten, die dem Auspuffgasen der Autos ausgesetzt waren und ihren mehr oder weniger elegant integrierten Stoßstangen ziemlich nahe kamen. Glaubten diese Eltern dank ihres fortschrittlichen Transportmittels vor Kollisionen geschützt zu sein – wie durch einen magischen Schutzschild nach dem Vorbild der Schutzmantelmadonna? Er konnte sich die Gelassenheit der unverdrossen in die Pedale Tretenden nicht anders erklären. Vielleicht waren sie auf geheimnisvolle Weise selbst von der Fahrradbatterie elektrisiert. Zusammen mit der Idee, einen Beitrag zur Klima- und damit Weltrettung zu leisten, fühlten sie sich wahrscheinlich gegenüber kleinlichen Bedenken erhaben. Aber Christian war von seiner Erklärung nicht recht überzeugt war. Das Motiv des Enthusiasmus dieser Leute für die Elektrolastenräder blieb ihm einfach rätselhaft – so rätselhaft, wie ihm ägyptische Hieroglyphen vorkamen.

Von der Bank aus konnte er die Fenster des Instituts für Ägyptologie sehen – eine Wissenschaft, die mit der Entzifferung der Inschrift auf dem Stein vor Rosette vor 200 Jahren durch Jean-François Champillon aufblühte. Bei diesem Gedanken erschienen ihm die Passanten um ihn her wie tierische Rätselfiguren in Menschengestalt. Ihre Stimmen blieben seltsam stumm, ihre Münder bewegten sich, ohne dass ihnen Atem entströmte. Passten sie nicht zu den stummen Skulpturen im Park, die da atemlos mit eingefrorenen Bewegungen standen? Er dachte an »The Sound of Silence«, den Song von Simon und Garfunkel, der die schreckliche Stille einer scheinbar lebendigen Welt beschreibt.

»Hallo, wie geht es dir denn so?« Christian erschrak über die plötzliche Störung seiner besinnlichen Stimmung. Ein Kollege und Freund stand vor ihm, groß, stark und blond.