Zum Teufel mit der Liebe - Benne Schröder - E-Book

Zum Teufel mit der Liebe E-Book

Benne Schröder

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Teufelin werden? Never Ever!

Das kann doch nicht wahr sein! Gerade erst hat Catalea Morgenstern widerwillig akzeptiert, dass sie die Tochter des Teufels ist - da verschwindet dieser plötzlich, und ausgerechnet sie soll seinen Platz einnehmen und die Hölle schmeißen. Aber nicht genug, dass sie dabei von einem Fettnapf in den nächsten tritt und sich die komplette Unterwelt gegen sich stellt - auch ihre große Liebe Timur wendet sich eifersüchtig von ihr ab. Schuld daran ist vor allem Cataleas neuer (und verdammt heißer) Assistent Kaspian. Und auf einmal muss Catalea sich entscheiden, was ihr wichtiger ist: das Wohl der Familie oder ihr Herz ...

"Ich liebe Catalea Morgenstern, die Tochter des Teufels. Böse, brüllend komisch, leicht durchgeknallt und einfach großartig." Kristina Günak

Hier bleibt kein Auge trocken: Abschlussband der romantisch-turbulenten Catalea-Morgenstern-Reihe von Radiomoderator Benne Schröder

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungProlog12345678910111213141516171819202122EpilogDanksagungDer AutorImpressum

BENNE SCHRÖDER

Zum Teufel mit der Liebe

Roman

Zu diesem Buch

Catalea Morgenstern hat sich zwar damit abgefunden, dass ihr Vater der Teufel und sie die Erbin einer der mächtigsten Familien der Welt ist. Dass ihr Vater aber spurlos verschwindet und sie völlig überraschend die Firmengeschäfte übernehmen muss, damit hat sie nicht gerechnet. Allein die Vorstellung, wichtige Entscheidungen in der Hölle zu treffen, erscheint ihr geradezu lächerlich – schließlich wollte sie bis vor Kurzem absolut nichts mit ihrer teuflischen Familie zu tun haben. Und tatsächlich bringt ihr Auftauchen Unruhe in die »Firma«. Die Fürsten der anderen Höllenhäuser haben es ebenfalls auf den Vorstandsposten abgesehen, Aufstände in den Außenbezirken sind an der Tagesordnung, und zu allem Überfluss ist »schlechte Laune« gar kein Ausdruck mehr für Timurs Verhalten, seit sie zusammen ins Dunkle übergetreten sind. Einzige Hilfe ist Kaspian – Erbe des Hauses Tirani und Cataleas persönlicher (und verdammt gut aussehender) Assistent. Obwohl alles aus dem Ruder zu laufen scheint, fühlt sie sich in seiner Nähe seltsam geborgen und so, als könnten sie gemeinsam alles schaffen. Als ein Streit mit Timur eskaliert und er sie allein in der Hölle zurücklässt, obwohl sie ihn gerade jetzt am allermeisten braucht, muss Catalea sich fragen, ob sie sich in Timur geirrt hat. War er vielleicht doch nicht der Richtige an ihrer Seite? Warum beginnt ihr Herz zu rasen, sobald sie an Kaspian denkt? Und wo zum Teufel steckt ihr Vater, wenn man ihn mal braucht???

Für alle, die lieben und kämpfen. Love wins!

#ehefüralle

Prolog

Es war verrückt. Aber nicht nur das. Nein, es war nicht nur völliger Irrsinn, es war auch ekelhaft, es war krank, es war abscheulich, aber hauptsächlich war es verrückt, so unglaublich verrückt. Und es stand einfach überhaupt nicht zur Debatte, das zu tun, es war absolut unmöglich – nicht, weil ich es für falsch hielt, sondern weil ich mich nicht traute. Es war bestimmt richtig und die sicherste Methode, unser Ziel zu erreichen, keine Frage, aber: No Way!

»Wieso machst du es nicht? Ich kann das nicht!«, jammerte ich und wedelte mit der Pistole herum, die er mir in die Hand gedrückt hatte. Sie hatte einen braunen Griff und eine schwarze Trommel, wie die Pistolen aus Westernfilmen. Oder aus Columbo. Auf jeden Fall war das eine Pistole für alte Männer.

»Weil du es machen musst, Catalea. Sonst funktioniert es nicht. Nur wenn du es selbst machst, können wir sicher sein, dass du auch wirklich im Dunkel landest«, antwortete Timur. Er stand etwa zwei Meter neben mir, hatte die Arme fest vor der Brust verschränkt und starrte mich mit weit nach oben gezogenen Augenbrauen unnachgiebig und voller Unverständnis an. Wie sehr ich es hasste, wenn er das tat – noch immer fühlte er sich mir überlegen, und das nach allem, was im letzten Jahr zwischen uns passiert war. Und nach allem, was ich geschafft hatte. Ich fand, es war durchaus in Ordnung, dass ich stolz auf mich und meine Leistungen war. Wenn ich daran dachte, was wir alles zusammen erlebt und vor allem durchgemacht hatten, konnte ich über sein Getue nur den Kopf schütteln.

Mein Leben hatte sich ein Mal um die eigene Achse gedreht, war durch einen gewaltigen Fleischwolf gedreht worden und hatte mich dann als völlig neue Catalea wieder ausgespuckt. Aus der langweiligen Kölner Studentin Catalea war plötzlich die Todeshändlerin Catalea geworden, die Seelen von Verstorbenen einsammeln und in das Dunkel überführen musste. Und glaubt mir, dieser Job machte ungefähr so viel Spaß wie ein dreiwöchiger Brechdurchfall nach einer Salmonellenvergiftung. Oh ja, es war nicht immer leicht gewesen. Andererseits – das war selbstverständlich noch nicht die Krönung des Ganzen. Bestand nämlich in meinem Leben die Möglichkeit, dass etwas noch schlimmer wurde, packte ich aus Prinzip stets mit beiden Händen zu. Ich hatte das Talent, eigentlich immer ins Klo zu greifen, ganz gleich, worum es ging.

Mein eigener Bruder Augusto hatte versucht, mir einen Mord in die Schuhe zu schieben, um mich für immer aus dem Weg zu räumen. Er hatte das getan, weil mein Vater mich zu seiner Stellvertreterin machen wollte – ungeachtet dessen, dass ich niemals die rechte Hand des Teufels hatte werden wollen. An und für sich wollte ich überhaupt nichts mit der Hölle zu tun haben, verdammt noch mal! Aber das war egal, das spielte keine Rolle. Was ich wollte, war ja nicht so wichtig. Und deshalb befand ich mich jetzt in dieser schrecklichen Situation.

Aber zurück zum letzten Jahr: Nachdem ich dann dank meines Bruders unter Mordverdacht gestanden hatte, musste ich verschwinden. Von Köln aus über München nach Italien und wieder zurück nach Köln, mein Leben war zu einem grauenvollen Roadtrip verkommen – und die ganze Zeit leistete mir dabei mein mürrischer, unhöflicher, nerviger Begleiter Timur Vargas Gesellschaft. In den ich mich dann leider Gottes verliebt hatte. Ich konnte mir das ehrlich gesagt selbst nicht so ganz erklären. Man musste ihm natürlich zugutehalten, dass er verdammt heiß aussah. Und manchmal war er auch wirklich ziemlich süß. Und in seltenen Situationen sogar liebevoll – für einen Dämon.

Meine Schwester Mia hatte gesagt, ich sollte darüber ein Buch schreiben, aber ich war mir sicher, dass kein Verlag jemals eine solch absurde Geschichte drucken würde.

»Du brauchst gar nicht so zu glotzen! Das ändert auch nichts daran, dass diese Idee scheiße ist und ich es nicht tun werde!«, fauchte ich Timur an.

»Du siehst meine Augen doch gar nicht.« Das stimmte, denn er trug natürlich wieder seine dunkle Ray-Ban-Sonnenbrille, weil er Tageslicht ja angeblich nicht vertrug. So ein Quatsch. Das war doch nur so ein Image-Ding. Karl Lagerfeld machte das genauso, aber der behauptete ja auch, dass man die Kontrolle über sein Leben verloren hatte, wenn man Jogginghosen trug.

Wir befanden uns in der Wahner Heide, weit außerhalb von Köln, in der Nähe des Flughafens. Landschaftlich war es hier wirklich sehr schön, eine tolle Heidelandschaft, in der sich morgens lange der Nebel hielt und abends überall kleine Häschen umherhoppelten – also der perfekte Ort, um zu sterben und niemals gefunden zu werden. Wir hätten es auch einfach in der Stadt erledigen können, eigentlich war es absoluter Blödsinn, extra hier rauszufahren. Aber wenn man wie ich zu viele Krimiserien gesehen hatte, kam man halt auf so dämliche Ideen. Das musste ich mir selbst zuschreiben, der Rest ging auf Timurs Konto.

»Ich weiß aber genau, wie du guckst! Ich weiß es!«, antwortete ich und deutete mit dem Zeigefinger auf seine Brille. Wir waren überhaupt nur zurück nach Köln gekommen, weil ich mit meiner Schwester Mia über die Sache hatte sprechen wollen – und zwar nicht am Telefon oder per FaceTime, wie die letzten Monate, sondern von Angesicht zu Angesicht. Ohne sie ging es nicht, ich brauchte nicht nur ihr Einverständnis, sondern auch ihre Hilfe, wenn ich die Sache wirklich durchziehen wollte. Mit ›die Sache‹ meinte ich übrigens meinen Tod. Jawohl. Wir planten meinen Tod. Also waren wir zum ersten Mal wieder nach Deutschland gekommen, nachdem die Sache mit Augusto und Evangelista passiert war. Das Kölner Torhaus hatte verständlicherweise mittlerweile einen neuen Verwalter, der mir erheblich freundlicher gesinnt war als der letzte, aber dennoch hatte es keine Glücksgefühle bei mir ausgelöst, erneut die Stufen hinabzusteigen.

»Ich warte doch auf dich auf der anderen Seite. Wenn du da unten ankommst, werde ich schon da sein. Ich verspreche es dir.« Timur trat auf mich zu, griff nach meiner freien Hand und zog mich an sich. Mittlerweile hatte ich mich an das Knistern gewöhnt, das seine Nähe in mir auslöste, doch es war noch immer berauschend und mächtig. Sofort ergab ich mich ihm und legte die Stirn an seine Brust, sog seinen Geruch ein und schloss die Augen. Ich wusste, dass alles gut gehen würde, aber das machte es nicht weniger grauenvoll. Allein das Gewicht der Pistole in meiner Hand fühlte sich fürchterlich an, kalt und schwer. Timur legte die Arme um mich, seine Finger strichen leicht über meinen Rücken, und augenblicklich verlangsamte sich mein Puls. Aber das genügte nicht, es reichte mir nicht. Ich konnte einfach nicht tun, was er von mir verlangte.

»Ich kann das nicht, Timur«, jammerte ich.

»Du musst es tun«, antwortete er und küsste meinen Scheitel.

»Mach du es. Ich werde schon nicht ins Licht gehen, versprochen. Ich bin die verdammte Tochter des Teufels. Ich muss es nicht selbst machen.«

»Wir gehen aber auf Nummer sicher«, antwortete er, und sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. Ich schüttelte den Kopf und hob die Waffe wieder an. Allmählich fragte ich mich, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Was musste im Leben einer jungen Frau alles schieflaufen, damit sie mit ihrem Liebsten in die Wildnis fuhr, wo er ihr eine Waffe in die Hand drückte und sie aufforderte, sich selbst in den Kopf zu schießen? Oh nein. Jetzt stand mir vor Augen, wie ich mir in den Kopf schoss und meine Gehirnmasse mit einem schmatzenden Geräusch auf dem Boden landete. Igitt, war das eklig. Mit aller Kraft versuchte ich, wieder an die kleinen Häschen zu denken.

Timurs Kinn ruhte auf meinem Kopf, noch immer versuchte er, mir Mut zu machen. Ganz kurz hatte ich gehofft, dass es irgendwie romantisch sein könnte, mich vor seinen Augen umzubringen, ein bisschen wie bei Romeo und Julia. Aber leider war es nun überhaupt gar nicht so. Noch unromantischer konnte es nur werden, wenn ich mir gleich vor Angst in die Hose machte.

»Ich kann das nicht. Nein, nein, nein!!!« Ich stampfte mit einem Fuß auf den sandigen Boden und verschränkte die Arme vor der Brust. Timur trat zurück und nahm die Sonnenbrille ab.

»Nun gut, dann belassen wir es dabei«, sagte er, und ich war ihm augenblicklich unglaublich dankbar. »Allerdings …« Er ließ den Satz in der Luft hängen, und sofort wusste ich, dass das nicht das Ende dieser Unterhaltung war und mir der weitere Verlauf ganz und gar nicht gefallen würde. Ich kniff die Augen fest zusammen.

»Allerdings muss ich gleich in das Dunkel. Ich werde auf der anderen Seite erwartet. Kitty wird auch dort sein, sie hat mich um eine vertrauliche Unterhaltung gebeten, bei der ich dich eigentlich gern dabeigehabt hätte. Aber da du ja nun doch lieber hierbleiben willst …«, erklärte er mit einem zweideutigen Lächeln.

»Bitte?!«

»Na ja, ich wollte es dir nicht sagen. Aber es lässt sich nicht aufschieben. Ich möchte Kitty auch ungern warten lassen.«

Das war genug! Er wusste ganz genau, dass ich Kitty in dieser Hinsicht nicht vertraute, schließlich ließ sie keine Gelegenheit aus, mich und auch Timur andauernd darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihn noch immer nicht vergessen hatte. Dass sie wohl vor allem noch lange nicht vergessen hatte, wie er ohne Klamotten aussah. Es machte mich rasend, dass die beiden einmal was miteinander gehabt hatten. Was auch immer zwischen den beiden irgendwann einmal gelaufen war, Kitty war nicht bereit, es einfach zu vergessen, und rieb mir das ständig unter die Nase.

Ich wollte ihn gerade mit einer Flut an Beschimpfungen überziehen, da hob er die Hand und schnippte mit den Fingern.

In der nächsten Sekunde geschah, was immer geschah, wenn er das Diesseits verließ. Es sah so aus, als hätte sich unter ihm eine Falltür geöffnet. Sein Körper sackte senkrecht in den Boden, löste sich einfach auf und verschwand in der Tiefe, wie weggehext. Dieser nervige Dämonenkram, immer wieder das Gleiche. Das Schlimmste daran war aber nicht die Tatsache, dass er mich in der Wildnis allein gelassen hatte, sondern das ekelhafte Grinsen in seinem Gesicht. Dieser verdammte Mistkerl!

Er war in das Dunkel gegangen. Das war eine Fähigkeit, die ich als Halbblut nicht besaß. Ich war an den Erdkreis gebunden, so wie alle anderen Halbblute auch – wir konnten erst in das Dunkel gehen, wenn wir starben, am besten durch eine Todsünde, wie zum Beispiel Selbstmord. Deshalb stand ich ja nun hier. Weil ich mir das Leben nehmen sollte.

Vor meinem geistigen Auge sah ich Timur, der im Dunkel ankam, und ich sah auch Kitty, die schon auf ihn wartete. Sie trug ein nuttiges Kleidchen und sprang ihn regelrecht an. Timur hatte überall Lippenstift im Gesicht, und schließlich willigte er ein, noch ein allerletztes Mal mit ihr in die Kiste zu steigen.

Aufhören! Auf gar keinen Fall würde ich das zulassen! Eine vertrauliche Unterredung – dass ich nicht lachte. Die konnten sie sich sonst wohin schieben – ich war auf dem Weg. Die Wut brodelte in mir hoch, und ich stampfte noch einmal auf den Boden, dann schrie ich so laut, wie ich nur konnte, und war im nächsten Moment dankbar, dass mich hier draußen niemand hören konnte. Ich nahm die Pistole, hielt sie mir an die Schläfe und drückte ab.

1

Natürlich gefiel es ihm nicht, denn ihm gefiel ja eigentlich gar nichts. Das lag vor allem daran, dass er nun mal nichts weiter war als ein übellauniges Geschöpf aus der Hölle. Aber das war mir ziemlich egal, denn ich genoss diesen Moment mehr als alles andere. Jawohl, ich konnte stolz auf mich sein, denn ich hatte das Unmögliche bewerkstelligt: Ich hatte es tatsächlich geschafft, Timur zu einem Strandurlaub zu überreden, ganz in der Nähe des Iseosees, einem der oberitalienischen Seen gleich in der Nachbarschaft des bekannteren Lago Maggiore. Es war so unglaublich schön, so ruhig, so normal. Es hatte nichts mit der Firma, meinem Vater oder Evangelista Scaletto zu tun. Das blaue Wasser spiegelte den Himmel wider und war so klar, dass man hin und wieder kleine Fische sehen konnte.

Ich hatte mich in einen schwarzen Bikini geschmissen und trug dazu einen schwarz-weiß gepunkteten Sonnenhut und eine Sonnenbrille, die ich einem der Händler am Strand abgekauft hatte – selbstverständlich für den achthundertfachen Wert der Herstellungskosten. Immerhin hatte er in gebrochenem Italienisch versichert, dass die Brillen nicht in Kinderarbeit hergestellt worden waren. Ich glaubte ihm kein Wort.

Während ich nun also mit einem ziemlich spannenden Buch in der Glückseligkeit badete, hatte Timur den Kontakt zur Außenwelt völlig eingestellt. Da er ja kein Tageslicht und erst recht keine Sonne vertrug, wie er weiterhin steif und fest behauptete, hatte er einen der Strandboys dafür bezahlt, eine Mauer aus Sonnenschirmen um ihn herum zu errichten. Diese Schirm-Burg machte es anderen Strandbesuchern vollkommen unmöglich, auch nur einen flüchtigen Blick auf ihn zu erhaschen. Hinzu kam, dass er selbstverständlich voll bekleidet dasaß und nicht mal im Traum daran dachte, seine Sonnenliege zu verlassen – das ging mittlerweile seit drei Tagen so, und ebenso lange tat ich mein Möglichstes, ihn zu ignorieren. Ich wusste schließlich genau, dass er mit seiner Übellaunigkeit nur versuchte, mich in den Wahnsinn zu treiben, damit ich auch keine Lust mehr auf unseren Urlaub hatte und vorschlug, ihn vorzeitig abzubrechen. Das würde er aber nicht schaffen, auf gar keinen Fall. Also machte ich einfach gute Miene zum bösen Spiel und ließ es mir gut gehen. Ich tat so, als sei die billige Fake-Capri-Sonne aus China so lecker wie ein Glas des teuersten Champagners und die Pommes von der Strandbude so köstlich wie Austern. (Eigentlich hasste ich Austern und anderes Meeresgetier, aber das war ja jetzt nicht wichtig.)

Jedes Mal, wenn eine der freundlichen Asiatinnen vorbeikam, die lautstark überteuerte Massagen anboten, zeigte ich mich ganz überwältigt von dieser Verlockung und ließ mir unter zufriedenem Geseufze immer wieder andere Gliedmaßen massieren. Durch das viele Öl glänzte meine Haut mittlerweile allerdings so sehr, als hätte ich vor, an einem Bodybuilder-Event teilzunehmen, und ich bekam auch schon erste kleine Pickelchen. Das war mir aber völlig egal. Ich würde den Urlaub weiterhin so offensiv wie nur irgend möglich genießen.

»Ich werde jetzt das Hotel aufsuchen«, verkündete Timur unter seiner Sonnenschirm-Burg und klang dabei so, wie er die letzten Tage auch immer geklungen hatte – sauertöpfisch und stinkwütend.

»Meine Güte, jetzt genieß das Ganze doch mal. Das ist unser erster gemeinsamer Urlaub. Bedeutet dir das denn gar nichts?«, fragte ich und warf ihm einen Blick zu, der so voller Liebe steckte, dass er bestimmt gleich ein schiefes Grinsen aufsetzen würde. Sofern er mich hinter den ganzen Schirmen denn gesehen hätte.

»Natürlich bedeutet mir das etwas. Ich hasse es«, antwortete er.

Ich verdrehte die Augen und schnaubte unbeeindruckt. »Ich liebe es! Daran ändert es übrigens auch rein gar nichts, wenn du dir die größte Mühe gibst, mich so wie damals zu behandeln.«

»Wie habe ich dich denn damals behandelt?«, fragte Timur und blickte jetzt tatsächlich unter seinen Schirmen hervor.

»Wie ein mieses Schwein«, antwortete ich zufrieden und drehte mich demonstrativ von ihm weg. Es verging keine Sekunde, da spürte ich ihn direkt neben mir. Wie hatte er das schon wieder gemacht?! Ich nahm seine Anwesenheit deutlich wahr, obwohl keine Bewegung zu sehen oder zu hören gewesen war. Bisher hatte niemand das Band zwischen uns erklären können, diese intensive Verbindung, die uns fest zusammenschmiedete.

»Du bist wie immer liebenswert und zuckersüß«, flüsterte er in mein Ohr. Ich konnte seinen Atem auf der Haut spüren und Sekunden später seine Lippen, die erst nur mein Ohr und dann meinen Hals küssten. Oh Gott, ich wusste wieder, warum ich mich in ihn verliebt hatte. Ja, genau, das war einer dieser unglaublich wundervollen Augenblicke. Umgehend war das Prickeln zurück, das Kribbeln, das mich noch immer ausfüllte, sobald wir Körperkontakt hatten. »Es sollte …«, setzte Timur erneut an, unterbrach sich aber sogleich wieder, um mich zu küssen, »… dir schon ausreichen, dass ich mich dazu herablasse, diesen absolut grauenvollen Urlaub mit dir zu machen.«

»Es reicht mir«, seufzte ich wohlig und meinte das völlig ernst. Sollte er doch meinetwegen so schlecht gelaunt sein, wie er nur wollte – solange ich hier mit ihm in der Sonne liegen konnte, war ich zufrieden. Und solange er nicht aufhörte, meinen Hals mit Küssen zu bedecken.

Doch als ich mich gerade zu ihm herumdrehen wollte, war Timur plötzlich wieder verschwunden. Etwas verdattert setzte ich mich auf, sah zu seinen Sonnenschirmen hinüber … und tatsächlich lag er schon wieder auf seiner Liege und tat, als wäre nichts gewesen, vertieft in ein Buch – das er allerdings falsch herum in den Händen hielt. Ich musste lachen, womit ich mir nur hochgezogene Brauen von ihm einhandelte. Für jeden Topf gibt es einen Deckel, das sagte man doch so, oder? Meine Freundin Lisa sagte immer, ich wäre ein Wok. Timur war dann vielleicht ein Stück Wellblech. Aber damit konnte man einen Wok auch ganz prima abdecken.

Gerade als ich es mir wieder auf meiner eigenen Liege bequem machen wollte, hörte ich neben dem fortwährenden leisen Plätschern der Wellen und dem allgemeinen Gemurmel der anderen Strandbesucher noch etwas anderes. Es klang wie ein lautes Ploppen, beinahe so, als wäre eine große Seifenblase neben mir geplatzt oder als hätte jemand eine Bierflasche geöffnet.

Auf der Suche nach der Geräuschquelle drehte ich mich um und starrte plötzlich in ein Paar dunkelbrauner Augen. Ihr Besitzer beugte sich zu mir herunter und musterte mich intensiv. Wie von einer Wespe gestochen sprang ich auf und kreischte laut los. Es dauerte keine Sekunde, da wirbelten die tausend Sonnenschirme der benachbarten Burg durch die Luft, und Timur stand neben mir. Ich presste mir erschrocken eine Hand gegen die Brust. Da stand ein Mann. Ein Mann, der einfach aus dem Nichts aufgetaucht war und mich mit gerunzelter Stirn betrachtete.

»Himmel verdammt noch mal!«, fluchte ich lautstark und drehte mich schnaufend ein Mal um die eigene Achse. Timur hingegen blieb völlig regungslos stehen. Der Mann starrte mich an, seine dunklen Haare waren von ersten helleren Strähnen durchzogen, und er hatte eine wirklich sehr große Nase. Das war allerdings nicht das Besondere an ihm, sondern die Tatsache, dass er nicht nur einen schwarzen Anzug trug, sondern darüber auch noch einen reich verzierten Gehrock mit einer breiten, aufgefächerten und rot schimmernden Krawatte. Für einen Pauschaltouristen war dieser Mann ganz eindeutig zu gut gekleidet.

»Entschuldigen Sie bitte vielmals, Principessa«, sagte er, und erst jetzt begriff ich, was eigentlich von Beginn an klar gewesen war: Er war ein Dunkler, ein Dämon, geradewegs aus der Hölle gekommen. Ich hatte schon viel gesehen; Dunkle, die ihre Körper wechseln konnten, die sich aus schwarzem Rauch materialisierten und welche, die den Menschen ihren Willen aufzwingen konnten, indem sie ihnen etwas einflüsterten. Aber ein Dunkler, der mit einem lauten Ploppen aus dem Nichts auftauchte, war mir bisher noch nicht begegnet.

»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte ich aufgebracht und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass einige der anderen Strandgäste sich zu mir umdrehten und die vermeintlich grundlos herumkreischende Deutsche musterten. Die hatten ja alle keine Ahnung.

»Da wären wir auch gleich beim Thema«, antwortete der Fremde mit einem zurückhaltenden Lächeln. Seine Stimme klang im Gegensatz zum Sprachorgan der meisten anderen Dunklen zart, beinahe zerbrechlich. »Beim Teufel.«

»Was willst du hier?«, mischte sich Timur ein. Ich griff rasch nach meinem Pareo-Tuch, das ich mir mehr oder weniger elegant um den Körper schlang – wahrscheinlich eher weniger –, um mich nicht mehr völlig underdressed zu fühlen. Wer bitte schön ging denn im Anzug an den Strand?

»Nein, nein, das ist nicht die Frage, die hier beantwortet werden muss! Wer sind Sie?!«, fragte ich noch einmal.

Der Mann hob die Hand vor den Mund und räusperte sich. »Ich kann mich nur erneut entschuldigen, aber die Umstände erlauben leider keine Verzögerung.«

»Spreche ich chinesisch?«, fragte ich und stemmte die Hände in die Hüften.

»Oh, natürlich. Mein Name ist Georgio.«

»Georgio wie Armani«, warf Timur reichlich unqualifiziert ein. Aber der Vergleich gefiel mir irgendwie. Der Mann und ich starrten ihn für einige Sekunden an, dann wandte ich mich wieder an den Neuankömmling.

»Georgio also? Welches Haus?«, fragte ich, eigentlich nur deshalb, weil ich zumindest so tun wollte, als wäre ich mit der Materie vertraut – war ich aber natürlich nicht. Wie begann man denn ein Gespräch unter Dunklen? Na? Heute auch schon ein paar Seelen in die Hölle befördert? Ja, da hinten ist ein Bus verunglückt! Mensch, du Glücklicher!

»Ich bin Georgio aus dem Hause Luzifer, Principessa. Ich bin der Prokurist.«

»Der was?«

»Er schmeißt den Laden«, antwortete Timur erneut an Georgios Stelle.

»Das ist vielleicht etwas umgangssprachlich formuliert, aber im Grunde haben Sie recht. Ich bin der Prokurist der Firma und leite im Auftrag Ihres Vaters das operative Geschäft. Ich befasse mich lediglich mit den alltäglichen Aufgaben und Abläufen, während Ihr Vater gewissermaßen der Visionär hinter dem Ganzen ist«, erklärte er mit schlecht verhehltem Stolz.

»Aha?«, fragte ich dennoch.

»Er meint, dass er den Laden schmeißt, weil dein Vater zu faul ist und zu viele andere Dinge im Kopf hat. Wie zum Beispiel saufen.« Timur hatte wirklich das Talent, die kompliziertesten Sachverhalte auf eine äußerst pragmatische Weise kurz und knapp zusammenzufassen.

»Dem würde ich so nicht in Gänze zustimmen«, antwortete Georgio mit einem höflichen Lächeln. »Aber zurück zum Grund meines Hierseins: Leider haben wir momentan ein erhebliches Problem, das uns alle zur Eile treibt.«

»Was ist los?«, schnaubte ich verächtlich. »Hat es mein Vater ganz hingeschmissen, und Sie brauchen einen neuen Dummen, der seine Arbeit macht?« Innerlich musste ich lachen, weil das gar nicht mal so unwahrscheinlich war, wie ich meinen geliebten Vater kannte. Vielleicht war er in irgendeiner Bar versackt und hatte festgestellt, dass er keine Lust mehr auf seinen miesen Job hatte. Vielleicht hatte er sich aber auch nur mal wieder einen menschlichen Körper geschnappt und damit ein, zwei, zwölf Frauen geschwängert. Was wusste ich denn, wie viele Kinder er noch hatte? Die Dunkelziffer konnte schließlich viel höher liegen. Warum er sich ausgerechnet mich als seine Erbin ausgeguckt hatte? Ganz ehrlich: Ich hatte keine Ahnung.

»Ja«, antwortete Georgio, und als die Worte mein Hirn erreichten, gefror mein amüsiertes Grinsen zu Eis. Während ich noch versuchte, dieses eine kleine Wort zu verdauen, wurde mir auch schon schwindlig. Hatte er gerade tatsächlich gesagt, was ich verstanden hatte? Oder hatten wir nur völlig aneinander vorbeigeredet? Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass mir das bei einem Dunklen passierte, der nichts als geschwollenes Geschwafel von sich gab.

»Bitte?«, fragte Timur, zwar noch immer gefasst, aber für seine Verhältnisse schon sichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Irgendwann musste er näher an mich herangerückt sein, denn plötzlich war da seine Hand, die sich vorsichtig, aber auch bestimmt auf meine Schulter legte und mir Halt gab. Ich war wirklich froh, dass er hier war.

»Nun …«, sagte Georgio, räusperte sich und verschränkte dann die Hände hinter dem Rücken. »Es ist so, dass wir momentan nicht mit Sicherheit darüber Auskunft geben können, wo sich der Morgenstern befindet. Über seinen Aufenthaltsort ist uns leider nichts bekannt.«

»Dann warten Sie doch einfach, bis er zurückkommt«, blaffte ich ihn an. Von einer Sekunde auf die andere war mir ganz schön heiß. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, und nicht nur da, sondern eigentlich überall auf meinem Körper. So mussten sich die Wechseljahre anfühlen.

»Das haben wir bereits«, antwortete Georgio mit einem seltsamen Lächeln, das keinesfalls lustig aussah. Eher verzweifelt, wenn ich ehrlich war. Er machte eine Pause. »Einige Wochen lang.«

»Was?!« Normale Frauen hätten sich wohl an dieser Stelle Sorgen um ihren Vater gemacht, hätten die Polizei angerufen, wären in Tränen ausgebrochen – ich reagierte allerdings etwas anders. »Dieser verdammte Mistkerl ist seit einigen Wochen verschwunden?! Und weil er meint, abhauen zu müssen, werde ich jetzt im Urlaub von irgendwelchen Dämonen verfolgt? Das ist einfach unfassbar!«

Timur warf mir einen fragenden Blick zu und schüttelte dann kurz den Kopf. Offenbar hatte er gedacht, dass mich vor allem die Dreistigkeit aufregen würde, und konnte nicht verstehen, dass mir tatsächlich der Urlaub so sehr am Herzen lag.

»Was ist mit seinem Adjutanten? Was ist mit Castor Tirani? Er kann doch die Geschäfte vorerst übernehmen«, fragte er und sah den Mann an. Als Antwort gab Georgio ein humorloses Lachen von sich, das er mit einem weiteren Räuspern sofort zu überdecken versuchte. Er schien sich insgesamt sehr viel und sehr ausgiebig zu räuspern.

»Und da sind wir beim Kern des Problems. Nachdem der Morgenstern bereits einige Wochen verschwunden war, hat sich der Herr des Hauses Tirani auf die Suche nach ihm gemacht. Und ist leider ebenfalls nicht zurückgekehrt.«

»Onkel Castor ist auch verschwunden?!« Ich war mir sicher, dass ich inzwischen hektische Flecken im Gesicht bekam – ein äußerst unschöner Anblick, ganz besonders, wenn man ohnehin schon völlig zerzaust von einem Strandtag war. Und voller Massageöl.

»Selbstverständlich sind die Wächter auf der Suche nach den beiden, aber bisher ohne Erfolg. Wir haben die Sondereinheit Morgenstern ins Leben gerufen, aber die Mittel der Wächter sind begrenzt. Ich habe im Rahmen meiner Möglichkeiten versucht, den laufenden Betrieb der Firma fortzuführen, so gut es eben ging. Doch nun stoße ich an meine Grenzen, da einige Entscheidungen, die zwingend durch den Morgenstern zu treffen sind, sich nicht mehr aufschieben lassen«, erklärte er.

»Dann sollten Sie ihn wohl besser schnell finden.«

»Diese Zeit haben wir leider nicht. Ich brauche jetzt Entscheidungen. Von Ihnen.«

»Von mir?« Die hektischen Flecken dehnten sich zu großflächigen Hautarealen aus.

»Verehrte Principessa, Ihr seid Erbin des Hauses Morgenstern, nachdem der junge Herr Augusto, na ja …« Er machte eine bedeutungsschwangere Pause.

Nachdem er versucht hat, mir einen Mord anzuhängen, und durchgedreht ist? Das ließ sich wirklich sehr gut mit einem Na ja zusammenfassen.

»Ihr müsst die Firmengeschäfte übernehmen.«

Ich starrte ihn völlig entgeistert an, dann begann ich ziemlich unkontrolliert hysterisch zu lachen. Allein die Vorstellung, dass ich irgendetwas Wichtiges in der Firma tun könnte, erschien mir vollkommen lächerlich … es konnte sich nur um einen Scherz handeln. Wenn mein Vater wüsste, dass sie ausgerechnet mich darum baten, würde er wahrscheinlich ausflippen. Ich hatte doch keine Ahnung von der Firma. War hier irgendwo eine versteckte Kamera?

Dankenswerterweise übernahm Timur das Antworten für mich, ich selbst hätte nicht gewusst, was ich sagen sollte.

»Das steht absolut nicht zur Debatte. Wir haben eine Abmachung mit den Häusern getroffen, die uns zusichert, dass wir vorerst unseren Verpflichtungen nicht nachkommen müssen.« Das hatten wir tatsächlich, wobei genau genommen Timur es gewesen war, der sich um diese Vereinbarung gekümmert hatte. Er hatte mit meinem Vater und seiner Mutter verhandelt – ich war nicht dabei gewesen, aber später hatte er mir erzählt, dass er mich als Druckmittel eingesetzt hatte. Nein, er hatte nicht gedroht, dass er mir etwas antun würde, sondern nur damit, dass ich genauso weitermachen und den Häusern das Leben zur Hölle machen würde wie bisher, wenn man uns nicht gewisse Freiheiten einräumte. Zuerst war ich ziemlich wütend gewesen, dass er mich als Druckmittel eingesetzt hatte, aber schließlich hatte ich wohl oder übel zugeben müssen, dass der Zweck manchmal eben doch die Mittel heiligte. Und es war natürlich auch ein bisschen cool, ein Drohmittel gewesen zu sein.

»Diese Abmachung hat natürlich auch weiterhin Bestand, wenn Sie es wünschen, allerdings wird das Haus Morgenstern dann seinen Führungsanspruch verlieren«, erklärte Georgio.

»Das ist mir wirklich wahnsinnig egal«, versicherte ich ihm, immer noch lachend.

»Und in diesem Falle wird wohl das Haus Scaletto diese Rolle übernehmen.«

Das Lachen erstarb mir auf den Lippen. Ich starrte ihn an. »Wie bitte?«

»Nun ja, das Haus Scaletto ist an zweiter Position der Rangfolge, es wäre also höchst naheliegend, dass Scrivano Scaletto die Führung beansprucht und diese Forderung auch durchsetzen kann. Zwar gibt es da ein paar politische Hürden, aber über kurz oder lang wird es ihm gelingen. Er wird die Firma übernehmen und einige grundlegende Veränderungen anstoßen.«

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was es für die Firma bedeuten würde, wenn Evangelistas Vater tatsächlich die Position meines Vaters einnahm. Evangelista war in meinen Anfangstagen als Todeshändlerin so etwas wie meine persönliche Erzfeindin gewesen. Sie hatte ständig versucht, mir Steine in den Weg zu legen. Von ihrem Vater Scrivano mal ganz zu schweigen, ihm brachte ich ähnliche Wertschätzung entgegen wie einer Blasenentzündung. Oh Gott, dieser schmierige, grauenvolle, unhöfliche, machtgierige Mistkerl würde nur über meine Leiche Chef der Firma werden.

»Wie können wir das verhindern?«, fragte ich.

»Indem Ihr den Platz Eures Vaters einnehmt«, antwortete Georgio, und es entstand eine längere Pause, in der ich ihn nur stumm anstarrte.

»Okay. Ich mache es«, sagte ich dann unvermittelt mit einer solchen Überzeugung, dass nicht nur Georgio mich entgeistert anstarrte, sondern auch Timur, der die Brauen bis zum Haaransatz nach oben zog. Als hätten sie sich abgesprochen, fragten beide wie aus einem Mund: »Wirklich!?«

Georgio fing sich als Erster wieder, straffte die Schultern und lächelte freundlich und erleichtert. »Ihr seid euch sicher, Principessa?«

»Ich bin mir sicher.« War ich nicht.

»Ganz ausgezeichnet! Das ist wirklich ganz ausgezeichnet«, erklärte Georgio und verbeugte sich ziemlich tief vor mir. So tief musste das nun wirklich nicht sein. Nicht, dass er noch vornüberkippte.

»Wir werden sehen«, antwortete ich, noch immer ahnungslos, was genau jetzt auf mich zukommen würde.

»Selbstverständlich.«

»Entschuldigung, wenn ich mich in eure Unterhaltung einmische, aber habe ich das gerade richtig verstanden?« Timurs Stimme klang alles andere als erfreut, und als ich mich zu ihm umdrehte, konnte nicht nur ich, sondern jeder Idiot erkennen, dass es mit der notdürftig aufrechterhaltenen Urlaubsstimmung vorbei war. Denn von einem Augenblick auf den nächsten trug er eine dunkle Hose, schwarze, polierte Designerschuhe und eine dunkle, ziemlich eigenwillig geschnittene Lederjacke mit ziemlich vielen Nieten.

Ich legte den Kopf schräg und betrachtete ihn. »Trägst du etwa Balmain?«, war das Einzige, was mir in den Sinn kam. Nicht die Frage, warum er auf einmal vollständig angezogen war oder ob er noch irgendwohin wollte – mich interessierte ausschließlich die Frage, wie mein Freund auf die Idee kam, dass irgendjemandem auf der Welt Balmain-Kleidung gut stehen würde.

»Wirklich, Catalea?«, fragte er missbilligend. »In dieser Situation willst du dich ernsthaft mit Modefragen aufhalten – wovon du übrigens, um es ganz offen zu sagen, anscheinend nicht das Geringste verstehst?«

»Das sagt ja der Richtige. Ich bin es schließlich nicht, die hier eine hässliche Michael-Jackson-Jacke trägt!« Mit diesen Worten wandte ich mich wieder Georgio zu und versuchte, ein möglichst entspanntes Lächeln aufzusetzen, brachte es aber leider nicht fertig. Ich hatte also gerade zugestimmt, mit ihm in die Hölle zu gehen und dort den Platz meines Vaters einzunehmen. Das war doch überhaupt kein Problem. Was war schon dabei?

Himmel! Was war bloß in mich gefahren? Ich war doch im Urlaub und hatte mir eigentlich vorgenommen, für lange, lange Zeit erst einmal nichts mehr mit der Welt meines Vaters zu tun zu haben. Ich hatte vorgehabt, mich ausschließlich mit Sonnenmilch, Piña Coladas und Groschenromanen zu beschäftigen und nicht mit Familienproblemen, Flammeninfernos und Höllenqualen. Ich war dumm. Ich war eine impulsgesteuerte, dumme Idiotin, die sich von der Vorstellung, dass Scrivano Scaletto Vorstand der Firma werden könnte, hatte beeinflussen lassen.

»Also gut, wollen wir dann los?«, fragte ich dennoch, ließ aber die Schultern hängen. Jetzt würde ich mich wohl nur schwerlich wieder aus der Verantwortung stehlen können. Als Georgio nicht antwortete, sondern mich nur verständnislos musterte, drehte ich mich doch noch einmal zu Timur um, konnte seiner Miene aber entnehmen, dass ich von ihm keine Hilfe zu erwarten hatte. »Ehm … in die Hölle, meine ich.«

Schon wieder räusperte sich Georgio höflich und verschränkte die Hände vor dem Körper, als sei ihm die Angelegenheit äußerst peinlich. »Nun, Principessa, da gibt es noch eine Winzigkeit von Problem.« Als er sein freundliches Lächeln aufsetzte, wusste ich sofort, dass dieses Problem auf keinen Fall winzig, sondern unglaublich gewaltig sein würde.

***

Das Problem war meine Lebendigkeit gewesen. Aber das hatten wir ja nun erledigt. Der Schuss hallte noch in meinen Ohren nach, aber da war weder Schmerz noch irgendetwas anderes – kein Blut, kein verspritztes Gehirn oder sonst irgendetwas Ekliges, das sich über den Boden verteilte. Im ersten Moment spürte ich nur meine Hände, die sich wie besessen an etwas Unsichtbarem festklammerten, und kurz darauf öffnete ich die Augen und begriff, dass ich mich nicht mehr in der freien Natur der Kölner Heide, sondern in einem geschlossenen Raum befand. Meine Hände hatten sich in einem ringsum laufenden Holzgeländer verkrallt, und nachdem ich mich ein paar Sekunden lang zu orientieren versucht hatte, begriff ich auch, warum: Der Raum, in dem ich mich befand, erbebte heftig und wackelte. Adrenalin strömte durch mein Blut, und endlich kam ich wieder richtig zu mir. Meine Knie waren weich, und ich hielt mich fest, so gut ich konnte. Das ohrenbetäubende Rauschen, das die Luft erfüllte, erweckte nicht gerade den Eindruck, dass alles in bester Ordnung sei. Panisch blickte ich mich um, versuchte zu begreifen, was hier gerade vor sich ging und wo ich war. Der Raum war klein, vielleicht ein mal zwei Meter groß, auf einer Seite sah ich eine Tür aus goldenem Metall, auf der anderen eine in Gold gefasste Glasscheibe, hinter der es trübe flackerte. Dann fiel mein Blick auf ein Panel neben der Tür. Unzählige Knöpfe, von denen nur einer leuchtete – der unterste. Moment mal … das waren Knöpfe für Stockwerke, und das bedeutete, dass ich mich in einem Aufzug befand. In einem Aufzug, der in einem Affenzahn in die Tiefe rauschte.

Mich noch immer an das Geländer klammernd, drehte ich mich um und presste das Gesicht gegen die Glasscheibe, um etwas dahinter zu erkennen, aber da war absolut nichts. Nichts außer einer dunklen Fläche, die an mir vorbei in die Höhe rauschte. Fuhr ich überhaupt, oder stürzte die Kabine einfach ungebremst in die Tiefe?

War ich tot? Leider konnte ich mich noch ziemlich genau an die Pistole und den Schuss erinnern, den ich gegen meinen eigenen Kopf abgefeuert hatte. Ich musste tot sein, es war gar nicht anders möglich. Und sollte ich tatsächlich tot sein, hatte ich mein Ziel erreicht und war gerade auf dem Weg zu jenem Ort, an den ich anders nicht gelangen konnte.

Plötzlich blitzte vor der Glasscheibe etwas auf, es wurde heller, aber noch immer schoss der Aufzug wie eine Gewehrkugel im freien Fall weiter in die Tiefe. Ich starrte nach oben, und endlich erkannte ich, dass es sich bei den dunklen Flächen um finstere Wolken handelte, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckten, so weit das Auge reichte, und in denen es immer wieder hell aufblitzte.

Ich ordnete meine Gedanken. Okay, ich befand mich in einem Aufzug. Gut, es gab weder Seile noch einen Aufzugsschacht, aber das würde schon seine Richtigkeit haben. Mit angestrengt zusammengekniffenen Augen schielte ich durch die große Scheibe Richtung Boden, der irgendwo unter mir sein musste. Noch sah ich nichts als immer weitere Wolkenschichten, durch die der Aufzug nach unten fiel, doch dann tauchte da plötzlich etwas auf. Dort unten waren Lichter. Häuser. Eine Stadt! Da unten war eine Stadt, eine Großstadt, eine riesige Metropole sogar, wie es aussah. Doch dann war eins der Häuser plötzlich ganz nah. Wie aus dem Nichts war es zwischen zwei finsteren Wolkenbergen aufgetaucht. Es musste kilometerweit in die Höhe ragen und kam mir jetzt rasend schnell entgegen. Als der Aufzug das Gebäude traf, kreischte ich kurz auf, doch tatsächlich hatte der Wolkenkratzer den Aufzug einfach in sich aufgenommen. Die Fahrstuhlkabine war treffgenau in einen dafür vorgesehenen Schacht gefallen und rauschte jetzt weiter abwärts. Meine Fingerknöchel traten weiß hervor, weil sich meine Hände so fest um das hölzerne Geländer krampften, dass ich kurzzeitig befürchtete, ich würde es zerbrechen.

Mit einem so rabiaten Ruck, dass es mich wunderte, dass ich meine letzte Mahlzeit nicht kurzzeitig wieder im Mund schmeckte – köstliche Speckpfannkuchen aus einem kleinen Restaurant in der Kölner Altstadt – bremste der Aufzug ab und kam schließlich zum Stehen. Schweißnass sackte ich keuchend zu Boden, und mit einem hellen Glöckchenläuten öffnete sich die goldene Tür. Ich wollte sofort einen Chardonnay. Um meinen Puls zu senken, bräuchte ich gar nicht viel … ein Fläschchen sollte genügen.

2

Das, was sich mir darbot, als sich die Türen öffneten, war mit Worten gar nicht zu beschreiben. Der Aufzug war in die schwarzen Granitwände einer kreisrunden Halle eingelassen. Mein Fahrstuhl war aber nur einer von Hunderten, wenn nicht Tausenden, die über die gesamte Halle verteilt waren. Immer wieder erklangen Glöckchen, dann öffneten sich irgendwo in der Halle die Aufzugstüren, spuckten Menschen aus und schlossen sich wieder. Dieser Vorgang wiederholte sich alle paar Sekunden, und die Halle quoll vor Menschen nur so über. Tür an Tür reihte sich in der dunklen Wand aneinander, aber nicht nur rechts und links, sondern auch auf den unzähligen Etagen über mir.

Von der rasanten Fahrt etwas schwach auf den Beinen, stützte ich mich an der glatt polierten Granitwand ab und blickte mich um. Aus den anderen Aufzügen stolperten Menschen; Männer, Frauen, hin und wieder auch Kinder, die zum Teil völlig entgeistert dreinblickten und nicht zu begreifen schienen, was gerade geschehen war. Diese Stufe hatte ich glücklicherweise übersprungen, mir war absolut klar, was hier passiert war – ich war zur Hölle gefahren, ich befand mich im Dunkel, dem Ort, an dem ich zu Hause war. Oder sein sollte, denn zu Hause fühlte ich mich eigentlich noch immer in Köln.

Ich legte den Kopf in den Nacken, konnte aber nicht erkennen, in welcher Höhe die Aufzüge endeten. Die Halle erstreckte sich so weit nach oben, dass ich ihr Ende nicht erkennen konnte. An den schwarzen Wänden zwischen den vielen Türen hingen goldene Gaslampen, deren Licht der ganzen Szenerie beinahe etwas Geschmackvolles verlieh. Ich fühlte mich wie bei einer Kaufhauseröffnung, nur eben mit Stil. In der Mitte der Halle hatte man glücklicherweise einige Bänke aufgestellt, auf denen reichlich Seelen Platz genommen hatten. Manche waren schluchzend zusammengebrochen, andere sahen sich völlig geschockt um, wieder andere wirkten neugierig und interessiert. Das waren bestimmt diejenigen, die es nicht weiter erstaunte, dass sie in der Hölle gelandet waren.

Ich blickte mich ebenfalls interessiert um, allerdings nur deshalb, weil es für mich wie ein Praktikum in der Firma der Eltern war. Hier kamen also die Seelen an, die von den Todeshändlern auf der ganzen Welt eingesammelt und ins Dunkel transferiert wurden. Licht und Dunkel hatten ein Abkommen geschlossen – eigentlich war es ganz einfach: Wer genug Sünden auf seinem Konto hatte, kam ins Dunkel. Wer sich nur ein bisschen danebenbenommen, sonst aber ein braves, langweiliges Spießerleben geführt hatte – der ging ins Licht. Es war also recht einfach zu erraten, auf welcher der beiden Seiten es immer voller und voller wurde. Allerdings hielten sich nicht nur hilflose Seelen hier in der Halle auf – oder wie auch immer man dieses Logistikzentrum für Leichen nannte. Alle paar Meter standen Männer und Frauen in dunklen Hosen und dunkelroten Blazern, die die Neuankömmlinge begrüßten, ihnen ein in Leder gebundenes Buch in die Hand drückten und ihnen dann den Weg zu einem breiten Korridor wiesen. Es war ein bisschen wie der erste Abend in einem Zweitausend-Betten-All-Inclusive-Ressort. Jeder bekam ein Bändchen ums Handgelenk und wurde dann von den eifrigen Animateuren zu einer Essensschicht eingeteilt. Auch wenn diese dunkelroten Blazer etwas stilvoller waren als Clubshirts. Neben den Begrüßungsanimateuren waren auch noch ein paar Wächter in der Halle, die ihre Blicke durch die Menge schweifen ließen. Immer wachsam, achteten sie darauf, dass auch alles seine Richtigkeit hatte, sehr löblich.

»Buch! Lesen und weitergehen.« Wie aus dem Nichts war ein großer Typ vor mir aufgetaucht, ebenfalls in dunkelrotem Blazer, allerdings spannte er bei ihm leider ziemlich – er musste ungefähr vier Nummern zu klein sein. Der Typ drückte mir eines der Bücher in die Hand, und in der nächsten Sekunde war ich auch schon wieder Luft für ihn.

»Was?«, fragte ich und starrte an ihm hinauf … er war wirklich ziemlich groß. Tatsächlich machte er sich die Mühe – und es schien ihm wirklich große Mühe zu bereiten –, mir noch mal den Blick zuzuwenden. Der Arme! Er musterte mich einige Sekunden lang und rang sich dann ein freundliches, aber dennoch ziemlich antrainiertes Standardlächeln ab.

»Buch. Lesen und weitergehen«, sagte er noch mal, allerdings deutlich langsamer als beim letzten Mal. Er betonte jedes Wort einzeln, als hätte ich Probleme, seine Sprache zu verstehen.

»Ja, das habe ich schon begriffen«, antwortete ich deshalb genauso langsam und ebenfalls jedes Wort einzeln überbetonend. »Kennen Sie zufällig Timur?«, schob ich dann deutlich schneller hinterher. Wieder erntete ich nichts weiter als einen langen Blick. Nun, ich konnte ihn nur zu gut verstehen. Wer wusste, wie lange er schon hier stand und Bücher an Tote verteilte? Das musste ein wirklich nervtötender Job sein. Ob er auch mal freihatte? Schlaf und Pausen brauchte er schließlich nicht, selbst wenn er kein Dämon, sondern nur eine Seele in Diensten der Häuser war.

»Buch. Lesen und …«

»Weitergehen, schon verstanden. Schönen Tag noch«, fiel ich ihm ins Wort und drückte mich entnervt an ihm vorbei. Man merkte wirklich, dass mein Vater fehlte. Oder war das hier etwa immer so? Falls ja, war es schlimmer als jedes Behördenamt. Ich hätte dringend ein Notizbuch gebraucht, in dem ich mir Verbesserungsvorschläge notieren konnte – schon jetzt war ich relativ sicher, dass es davon reichlich geben würde. Wütend steuerte ich auf die Raummitte zu, kam aber nur ein paar Schritte weit, da ging plötzlich ein lautes Raunen durch die Menge und bewegte mich dazu, wieder stehen zu bleiben.

Als ich mich umdrehte, staunte ich ebenfalls, zumindest konnte ich mir jetzt erklären, warum die Menschen allesamt ungläubig ihre Köpfe nach oben reckten. Da war mit einem Mal eine wabernde, beinahe kugelrunde schwarze Wolke aufgetaucht, die sich zügig ihren Weg nach unten bahnte. Mit ihren Fühlern und Tentakeln, die sich zu allen Seiten erstreckten und wild umherwirbelten, erinnerte sie fast an einen Kraken. Als die finstere Wolke auf dem Boden aufschlug, ergoss sich schwerer schwarzer Qualm wie Wasser über den dunklen Marmor und wogte beinahe durch den gesamten Raum, bevor er sich auflöste. Zurück blieb nichts außer einer Gestalt, die vorher noch im Qualm verborgen gewesen war.

Er trug sein Haar akkurat zurückgekämmt, hatte einen silbernen, perfekt sitzenden Anzug an, die höchst vornehme Krawatte war mit einer silbernen Nadel festgesteckt, und die Hände steckten in schwarzen Handschuhen. In der Hand hielt er einen schwarzen Spazierstock mit silbernem Knauf. Er liebte seine großen Auftritte.

»Zurück!«, brüllte ein Wächter und setzte sich in Bewegung, bahnte sich einen Weg zur Raummitte, und seine Kollegen folgten rasch seinem Beispiel. Auch die blazertragenden Animateure machten sich sogleich daran, dafür zu sorgen, dass die neu angekommenen Seelen Abstand hielten. Denn dort stand eine Person, die hier unten in der Hölle so etwas wie ein Prominenter war.

Timur sah absolut fantastisch aus. Seine helle Haut bildete einen perfekten Kontrast zu den schwarzen Wänden und dem schwarzen Boden, seine verschiedenfarbigen Augen strahlten heller als jemals zuvor, und seine Erscheinung stellte alles und jeden in der Halle in den Schatten.

»Monsignore«, grüßte eine der Wächterinnen und neigte den Kopf. Sie trug die für Wächter typische schwarze Uniform, die mehr einer Rüstung glich. Schwarzes, dickes und festes Leder, das eng am Körper anlag, viele Schnallen und Riemen, fest verzurrt, dazu schwere schwarze Stiefel. »Können wir Euch behilflich sein?«, fragte die Wächterin, sichtlich überrascht von der Anwesenheit eines Erben. Gut, dass sie nicht wussten, wer ich war.

Timur rang sich nur ein müdes Lächeln ab und richtete den Blick geradewegs auf mich – als hätte er die ganze Zeit gewusst, wo ich war. Er sah mir tief in die Augen, während er mit ihr sprach. Ich wusste genau, was er vorhatte, und dass er den Moment genießen würde – mir hingegen war es selbstverständlich außerordentlich peinlich.

»Mir können Sie nicht behilflich sein, Wächterin«, antwortete er, und seine Stimme war wie flüssiges Gold und ließ seine Erscheinung umso mehr funkeln. Ich wollte zu ihm, wollte seine Hand nehmen, wollte, dass er den Arm um mich legte und wir einfach gemeinsam verschwanden. »Aber vielleicht könnten Sie der Erbin des Hauses Morgenstern dieses Buch abnehmen. Ich denke nicht, dass ausgerechnet sie es benötigt. Welcher Idiot hat es ihr überhaupt gegeben?«, fragte er so abschätzig, als hätte ich einen Sack voller Fischabfälle in der Hand.

»Der Erbin des …«

Timur deutete auf mich, und sie starrte mich an. Nein, eigentlich starrten mich plötzlich absolut alle an. Manchmal war Timurs Geltungssucht wirklich grauenhaft. Die meisten Anwesenden hatten wahrscheinlich absolut keine Ahnung, wer oder was die Erbin des Hauses Morgenstern überhaupt war. Wie sollte eine neu angekommene Seele das auch verstehen? Ihnen war ja nicht einmal das Haus Morgenstern ein Begriff. Völlig blass wurde in dieser Sekunde allerdings der großgewachsene Typ mit dem schlecht sitzenden Blazer, der mir das Buch in die Hand gedrückt hat. Sein Körper hatte sich offenbar dazu entschieden, die sofortige Notfall-Schweißproduktion kräftig anzukurbeln, denn sein blasses Gesicht war plötzlich nass wie nach einem mittelkräftigen Monsun.

»Nein, nein, schon gut. Ich habe meine Bettlektüre ohnehin zu Hause vergessen«, sagte ich und nickte der Wächterin, die mich noch immer entgeistert anstarrte, freundlich zu. Ob ich wohl doch noch etwas Gehirn im Gesicht kleben hatte? Das wäre so unglaublich eklig. Ich musste schnellstmöglich einen Spiegel auftreiben. Ich zuckte beinahe zusammen, als die Wächterin plötzlich und ziemlich ruckartig ihren Kopf neigte. Binnen Sekunden taten es ihr alle anderen Wächter und Blazerträger gleich, als hätte sie den ersten Dominostein angestoßen.

»Principessa«, sagte sie und verharrte starr in ihrer gebückten Haltung.

»Das ist wirklich nicht nötig. Bitte. Können Sie bitte alle wieder … Oh Gott …« Ich hasste Timur dafür, dass er es ihnen verraten hatte. Er grinste zufrieden in sich hinein und kam zu mir herübergeschlendert, während er munter seinen Spazierstock schwang.

»Du bist ein Arschloch«, zischte ich.

»Und das sogar mit größtem Vergnügen.«

»Seit wann kannst du dieses Wolkending?!« Damit meinte ich seinen recht öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Die Evaporation, also die Kunst des Verdampfens, war eine Fähigkeit, die nur die wenigsten Dunklen beherrschten. Kitty Cartier war eine von ihnen.

»Wir sind im Dunkel. Hier kann ich absolut alles«, antwortete er.

»Dann besorg mir ein Glas Chardonnay«, antwortete ich.

»Hier gibt es so viel Besseres als Chardonnay«, flüsterte er und war mir dabei plötzlich wieder so nah, dass ich das bekannte Prickeln spüren konnte. Allerdings war es so intensiv, dass eine eiskalte Gänsehaut von meinen Fußsohlen bis in den Nacken hinaufjagte. Meinetwegen musste es gar kein Glas Chardonnay sein – er hätte mir gern auch etwas anderes besorgen können. Dazu allerdings konnte ich ihn wohl schlecht in aller Öffentlichkeit auffordern.

Timur legte seine feingliedrige Hand auf meine Schulter und führte mich einige Schritte weit bis zur nächstgelegenen Wand. Mit dem silbernen Knauf am Ende seines Spazierstocks klopfte er zwei Mal fest gegen den Granit, woraufhin sich ein Spalt bildete und sich schließlich mit einem leisen Seufzen eine Tür öffnete. Wo gerade noch eine glatte Wand gewesen war, entstand ein Durchgang. Der tonnenschwere Granit schob sich einfach aus der Wand heraus und glitt langsam zur Seite, verpuffte einfach im Nichts und hinterließ nichts als schwarzen Qualm.

Ich wusste, dass uns alle Anwesenden weiterhin anstarrten, aber es war mir egal. Timur deutete mit einem Nicken auf den Durchgang und lächelte. Ich zögerte nicht lange, sondern ging einfach hindurch, spürte einige Sekundenbruchteile nichts, dann umfing mich Kälte wie eisiges Wasser, und schließlich stolperte ich vorwärts. Die Dunkelheit wurde zu Licht und dann wieder zu einer ganz normalen Umgebung.

»Wo sind wir?«, spuckte ich hervor. Wir waren nicht länger in der Halle, so viel war klar. Die Tür in der Wand musste ein Portal gewesen sein, eins von der Sorte, wie der Apostel welche besessen hatte. »Ein Portal?«, fragte ich Timur, der gleich hinter mir gewesen war und jetzt ebenfalls auftauchte.

»Ein Portal.«

»Vom Apostel?«, fragte ich, und Timur lachte auf.

»Wir sind im Dunkel, Catalea. Hier komme ich her, hier kann ich alles tun, was ich will, solange dein Vater es mir gestattet. Ich kann evaporieren, obwohl ich diese Fähigkeit nicht besitze.« Ich dachte an den schwarzen Dampf, aus dem Timur gekommen war. »Und ich kann ein Portal entstehen lassen, wo immer ich will.« Das war ehrlich gesagt ziemlich cool, und ich fragte mich, ob es bei mir genauso sein würde.

»Und wo sind wir hier?«, fragte ich. Der schwarze Granitboden hatte strahlend weißem Marmor Platz gemacht. Drei Wände waren dunkelgrau verputzt, die vierte Wand bestand aus einer gewaltigen, mehrere Meter langen Glasscheibe. Davor thronte eine cremefarbene Chaiselongue mit goldenen Füßen. An der Wand links der Scheibe stand ein anthrazitfarbenes Sofa, davor lagen einige Kissen auf einem gemusterten dunklen Teppich. Direkt daneben stand ein Regal mit goldenen Streben, in dem sich kreuz und quer Hunderte Bücher stapelten. Dem Sofa gegenüber schließlich standen zwei schlichte, aber gemütlich aussehende Sessel, beide mit schwarzem Samt bezogen. An der gegenüberliegenden Wand lehnte ein mehrere Meter breites, ziemlich abstraktes Bild, davor befand sich eine gläserne Konsole mit einigen Flaschen, Gläsern und Karaffen. Und das war’s. Für einen so großen Raum war das reichlich wenig Einrichtung, und dennoch wirkte es nicht nur geschmackvoll, sondern auch wohnlich, behaglich und sehr persönlich. Vielleicht lag es an den vielen Büchern, vielleicht aber auch an den einzelnen Kerzen, die in großen Wachsbergen auf dem Marmorboden vor sich hin brannten.

»Das ist mein Zuhause«, sagte Timur und lächelte mich an.

»Dein Zuhause?«

»Ich wollte dich schon sehr lange hierhin mitnehmen, aber die Gelegenheit hat sich irgendwie nie ergeben«, antwortete er mit einem Grinsen. Da hatte er recht. Die Gelegenheit, die sich nun ergeben hatte, war immerhin mein Tod gewesen.

»Aber es gibt gar kein Bett«, stellte ich fest.

»Wir schlafen ja auch nicht.« Es war neu, dass er wir und nicht länger ich sagte, aber natürlich hatte er recht. Ich war nun nicht mehr am Leben, ich war nicht länger vadumantisch und auch nicht länger ein Halbblut. Jetzt war ich eine Dunkle, genau wie er, und Dunkle schliefen nicht. Er hatte es mir vorher erklärt. Wenn ein Mensch starb, ging seine Seele in das Dunkel über, nachdem sie entsprechend transferiert worden war. Bei einem Halbblut wie mir war das allerdings anders. Ich hatte nun ein zweites Leben, für mich war der Tod nicht viel mehr als ein Upgrade, denn ein Halbblut, dessen Seele in das Dunkel ging, wurde zu einem Vollblut. Ich war nicht länger zur Hälfte ein Mensch, ich war nun durch und durch eine Dunkle. Das war der Preis, den ich zahlen musste. Andere Dunkle hätten wohl gesagt, dass das der Preis war, den ich gewonnen hatte – aber mein Verhältnis zu der Sache war ja bekanntermaßen äußerst zwiespältig.

Mit zögernden Schritten folgte ich einer Spur aus Kerzen zu der bodentiefen Glaswand und lehnte mich dagegen. Wir befanden uns verdammt weit oben. Vor uns lag der größte Wolkenkratzer, den ich jemals gesehen hatte. Seine Spitze verschwand hoch über meinem Kopf in den Wolken. Und auch sein Grundriss war in seinen Ausmaßen mit nichts Irdischem vergleichbar. Er war einfach unglaublich riesig. Das musste das Haus sein, in das der Aufzug vorhin hineingerauscht war. Rings um den Wolkenkratzer gruppierten sich mehrere weitere Hochhäuser, ebenfalls riesig, aber längst nicht so groß wie das Gebäude in der Mitte. Insgesamt bestand der Kreis aus sieben Gebäuden, wenn man das Haus mitzählte, in dem wir uns befanden, acht, wenn man das Monster-Hochhaus in der Mitte einrechnete. Sie alle waren sich in ihrem Aufbau und der Form ähnlich, unterschieden sich aber durch wichtige Details an der Fassade.

»Das ist sie«, sagte Timur und deutete auf den Wolkenkratzer in der Mitte des Häuserkreises.

»Sie?«, fragte ich.

»Die Firma.«

Die Firma, natürlich war sie das. Wieder starrte ich an dem Haus empor nach oben, betrachtete die abertausend Fenster in der finsteren Fassade. Seien wir doch mal ehrlich: Die Tatsache, dass mein Vater den ganzen Höllen-Fegefeuer-Flammen-Quatsch abgeschafft und seine Arbeitsstätte mittlerweile als ›Firma‹ bezeichnete, war verdammt schlau. Auch ein blindes Huhn fand mal ein Korn. Mir zumindest fiel es auf diese Weise viel leichter, alles zu erfassen. Die Dämonen hatten keine Flügel mehr, sondern trugen schwarze Anzüge und hübsche Hosenanzüge mit Pumps. Das Ganze wirkte einfach viel seriöser, und ein Mensch, der hier unten landete, würde sich mit der Firma viel leichter tun als mit der Hölle.

»Und das da links …« Timur deutete auf eines der Häuser, die den Wolkenkratzer umringten. Es hatte eine pechschwarz glänzende Außenfassade. »Das ist deins. Das Haus Morgenstern.« Wenn er nicht schon offen gestanden hätte, wäre mein Mund in diesem Augenblick aufgeklappt.

Natürlich! Geführt wurde die Firma von den altehrwürdigen sieben Höllenhäusern, den Stämmen sozusagen. Jedem Haus stand einer der sieben Höllenfürsten oder – um im Firmenjargon zu bleiben – einer der sieben Vorstände vor. Dass die Häuser Morgenstern, Vargas, Tirani, Scaletto, Alba, Cabianca und Milea aber tatsächlich in echten Häusern organisiert waren, hätte ich nicht gedacht.

»Und das hier ist deins?«, antwortete ich erstaunt.

»Herzlich willkommen im Haus Vargas«, sagte er.

Wieder blickte ich hinaus und starrte das pechschwarze Hochhaus an, dessen Fenster allesamt hell erleuchtet waren. Nur ganz oben waren mehrere Etagen ebenfalls mit durchgehenden Glaswänden versehen, so wie auch die Wohnung von Timur. Das Haus strahlte aus, was es ausstrahlen sollte: Macht und Erhabenheit. Auch wenn es den anderen Häusern ziemlich ähnlich war, ging von ihm doch eine ganz besondere Ausstrahlung aus.

Ich hatte sehr oft über das Dunkel nachgedacht, hatte mir Flammen und Qualen vorgestellt, meinetwegen auch etwas völlig Verrücktes, vielleicht ein gewaltiges Shoppingcenter, in dem es ausschließlich teuren Designerkram gab – aber egal, was ich mir vorgestellt hatte, es war niemals eine Stadt wie diese gewesen. Und es war eine Stadt … ich konnte jenseits des Häuserkreises weitere Gebäude erkennen, die sich kilometerweit in die Finsternis erstreckten. Dort reihten sich Häusertürme an Häusertürme, immer mehr und immer weiter, hell erleuchtet in der Dunkelheit.

»Die Firma ist das Zentrum der Stadt, dort spielt sich alles ab. Die neuen Seelen kommen in der Firma an und werden dann auf die jeweiligen Kreise der Stadt verteilt. Je nachdem, was sie dann tun, erhalten sie einen Totenarbeiter, und vielleicht kehren sie sogar in die Firma zurück, um dort zu arbeiten, zum Beispiel als Aufzugswärter.«

Ich starrte ihn wohl ziemlich ungläubig an. Es war nicht gerade leicht, das alles mal eben auf die Schnelle zu verarbeiten. Die Hölle war eine Stadt. Die Firma war wirklich eine Firma und hatte ein Firmengebäude. Und die sieben Häuser, inklusive des Hauses Morgenstern, waren ebenfalls tatsächlich richtige Häuser, aus Stein, Stahl und Glas. Wahrscheinlich wussten die meisten anderen Todeshändler das alles und konnten die Firmengeschichte im Schlaf herunterbeten. Aber erstens war ich verdammt spät zur Todeshändlerin geworden und hatte mich zweitens nicht gerade darüber gefreut, weshalb ich mich die meiste Zeit geweigert hatte, mich mit der Welt meines Vaters auseinanderzusetzen. Das hätte ich zwischenzeitlich vielleicht nachholen sollen – es wäre jetzt nämlich verdammt hilfreich gewesen.

»Du wirst es schon noch lernen«, erklärte Timur.

»Was ist mit diesem Buch?«

»Was für ein Buch?«, fragte er irritiert.

»Das ich am Aufzug bekommen habe.« Er hatte es mir ja wieder abgenommen, weil ich es angeblich nicht brauchte. Da war ich mir aber ehrlich gesagt weniger sicher als er. Eine kleine Gebrauchsanweisung wäre vielleicht gar nicht mal schlecht gewesen.

»Das ist nur das Handbuch der Toten, das brauchst du nicht«, erklärte er ein weiteres Mal.

»Wenn ich den Laden hier leiten soll, muss ich wohl zumindest mal die grundlegenden Dinge wissen, oder nicht?«

»Das kann ich dir doch erklären.«

»Das endet dann wieder damit, dass du mich zu unmöglichen Dingen zwingst und wir nicht mehr miteinander reden, weil wir uns so hassen.« So war es nämlich beim letzten Mal gewesen: Timur hatte versucht, mir diese Tochter-des-Teufels-Sache zu erklären, hatte mich auf einer Insel in Italien wochenlang hin und her gescheucht, und am Ende hatte ich ihn verprügelt. Auf eine Wiederholung konnte ich getrost verzichten, auch wenn leichte Schläge auf den Hinterkopf ja angeblich bei dem einen oder anderen Problem helfen sollten.

»Ich denke, dass uns das nicht mehr passieren wird«, antwortete er missbilligend.

»Ich will es aber trotzdem lesen«, sagte ich und gab mir Mühe, so freundlich und süß zu klingen wie irgend möglich. Leider zählte Süßsein nicht gerade zu meinen Kernkompetenzen, und Timur musterte mich nur missmutig, statt zu antworten. Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Job als ganz gewöhnliche Todeshändlerin, die hin und wieder ein paar Seelen einsammelt, mal vermissen würde, aber dieses seltsame Ziehen in der Bauchgegend war offenbar genau das. Ich hatte keine Ahnung, was genau ich hier tun sollte, ich wusste wahrscheinlich weniger als die meisten Seelen, die hier unten verrotteten, und das musste sich dringend ändern. Ich musste alles binnen kürzester Zeit nachholen, was Timur im Laufe Tausender Jahre gelernt hatte. Wie war ich bloß auf die Idee gekommen, dass ich meinen Vater vertreten könnte? Das war mal wieder eine saudumme, impulsgesteuerte Catalea-Idee gewesen.

»Dann lies es. Ich besorge dir ein Exemplar. Es ist ziemlich kompliziert. Du wirst es hassen und dann angekrochen kommen«, sagte Timur und schlang von hinten die Arme um mich, wohl um mir zu zeigen, dass er ausnahmsweise mal nicht sauer auf mich war. Wir standen noch eine ganze Weile einfach da, und ich starrte hinaus in die Dunkelheit, sah zu, wie die Gebäude dort draußen immer wieder Personen ausspuckten und andere aufnahmen, wie Leute ein Gebäude verließen und in ein anderes gingen, wie Personen von außerhalb des Kreises kamen und die Firma betraten. Von hier oben sah es aus wie das wilde und völlig unkoordinierte Gewusel eines Ameisenhaufens.

»Wir müssen gleich gehen«, sagte Timur und küsste meinen Nacken. Seine Lippen waren weich wie immer, doch erreichte mich das Prickeln diesmal nicht. Vielleicht war ich einfach viel zu angespannt.

»Wohin?«

»Der Prokurist wird schon davon erfahren haben, dass du angekommen bist, und wahrscheinlich lässt er gerade Hunderte Wächter die ganze Stadt nach dir durchforsten, weil er denkt, dass du irgendwo im Strom der neuen Seelen untergegangen bist«, erklärte er, ohne sich ein Lachen verkneifen zu können.

»Das ist doch nicht lustig!«, antwortete ich.

»Natürlich ist es das.« Okay, es war lustig. Aber pädagogisch völlig kontraproduktiv, Timur jetzt recht zu geben.

»Versteh mich nicht falsch, ich finde es toll, dass er wahrscheinlich völlig panisch ist, aber die Firma ist wohl gerade schon genug in Aufruhr.«

»Warum ist dir so wichtig, dass es nicht noch schlimmer wird? Ich verstehe sowieso nicht, warum du eingewilligt hast. Du kannst die Firma, deinen Vater und alles, was mit ihm zu tun hat, doch gar nicht ausstehen.«