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Wer hätte geahnt, dass der Teufel ein Familienmensch ist?
Die attraktive Faith freut sich auf friedliche Urlaubstage. Die Tochter des Teufels zu sein, ist nämlich ganz schön anstrengend. Unglücklicherweise steht plötzlich ihre dämonische Familie vor der Tür – allen voran Daddy Satan, der sich auf Faiths Couch breitmacht, um mit seinem besten Kumpel, Gott höchstpersönlich, Mario Kart zu zocken. Zu allem Überfluss versucht auch noch ein böser Dämon, ihre Kräfte zu rauben. Dabei möchte Faith eigentlich ungestört ihren gut aussehenden neuen Nachbarn Matt anschmachten. Allerdings muss sie jetzt erst mal verhindern, dass Matt merkt, wer da neben ihm wohnt …
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2013
Buch
Ihren wohlverdienten Urlaub hatte sich Faith Bettincourt ganz anders vorgestellt. Denn anstatt sich in der Jogginghose gemütlich auf die Couch verziehen zu können, muss sie sich mit ihren Verwandten rumärgern, die plötzlich vollständig versammelt vor ihrer Wohnungstür stehen. Faith erwartet jedoch nicht nur der übliche Familienwahnsinn. Die Bettincourts sind nämlich alles andere als eine normale Sippschaft– sie sind im wahrsten Sinne des Wortes… teuflisch. Herzlich willkommen bei Familie Satan!
Aber während sich Daddy Satan auf der Couch breitmacht, um mit Gott höchstpersönlich Mario Kart zu zocken, und Faiths Bruder ihre Mitbewohnerin in eine lüsterne Dämonin verwandelt, plagt Faith ein ganz anderes Problem: Denn wie, zur Hölle, soll sie vor ihrem schrecklich gut aussehenden neuen Nachbarn Matt verbergen, wer da neben ihm wohnt…?
Autorin
Von dem Tag an, als Patricia Eimer den großen Baum im Garten als Leseplatz entdeckte und feststellte, dass sie viel zu viel Fantasie besitzt, stand ihre Berufung fest: Schriftstellerin. Sie lebt in Pittsburgh– mit zwei wunderbaren Kindern und ihrem Ehemann, der die Kunst des Tiefkühlpizzen-Auftauens erlernte, damit Patricia mehr Zeit zum Schreiben hat.
Patricia Eimer
Zum Teufelchen
mit dir
Thriller
Übersetzt von Barbara Müller
Die Originalausgabe erschien
unter dem Titel »Luck of the devil«
bei Entangled Publishing, Fort Collins.
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe November 2013 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH, München.
Copyright © 2011 by Patricia Eimer
This translation published by arrangement with
Entangled Publishing, LLC.
All rights reserved.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013
by Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de
Redaktion: Julia Seuser
HJ · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-10954-7
www.blanvalet.de
Lieber Dad,
danke für den schrägen Sinn für Humor.
Dieses Buch ist deins so sehr wie meins.
Ich vermisse dich.
1
»Du konntest einfach nicht anders, oder?« Lisa und ich starrten angewidert auf den soeben verstorbenen Körper meines ehemaligen Bosses. Er lag auf dem Teppich in seinem Büro und trug nichts außer karierten Boxershorts, einem gestreiften Schlips und einem weißen Arztkittel.
»Faith, es tut mir leid. Ich hatte Hunger.« Sie jammerte und trat von einem Fuß auf den anderen wie ein Kind, das beim Griff in die Keksdose ertappt worden war. Sie machte eine Handbewegung in meine Richtung, so als ob doch gerade ich wissen sollte, wie das ist.
Das tat ich. Was jedoch die Konsequenzen kein bisschen weniger schlimm ausfallen ließ, wenn wir hier erwischt wurden. In einem Krankenhaus. Mit der Leiche des Chefarztes der Kinderchirurgie.
»Du hattest also Hunger?« Ich strich mir eine blonde Locke hinter mein linkes Ohr.
»Ich sehe einen Mann und muss seine Seele essen. Das ist es, was ich tue. Aber glaub nicht, dass mir das Spaß gemacht hat oder so. Ich meine, hast du Harold gesehen?«
»Das ändert natürlich alles. Jeder wird das verstehen. Oder auch nicht. Was sollen wir jetzt mit ihm machen?« An manchen Tagen fragte ich mich, warum ich mir überhaupt die Mühe machte, einen menschlichen Job auszuüben. Ach ja, ich war erwachsen und wollte nichts von Dads bösen Machenschaften wissen. Ich war in der Lage, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, anstatt die menschliche Rasse auszusaugen wie eine übergroß gewachsene dämonische Zecke. Und ich musste meine Rechnungen bezahlen. Scheiße.
»Können wir ihn nicht im Schrank verstecken?«
»Nein, der Gestank würde ihn verraten.« Ich hatte eine Zwölfstundenschicht als Stationsschwester auf der Kinderintensivstation hinter mir und war heute Nacht einfach zu müde für diesen Scheiß. Alles, was ich wollte, war ein kaltes Bier und ein stupides Fernsehprogramm. Aber nein, stattdessen musste ich mich mit einem toten Chirurgen herumschlagen.
Hallo, ich bin Faith Bettincourt, und das ist mein Leben.
Lisa zupfte am Saum ihres Rockes herum, während ihre glänzenden karamellfarbenen Locken von einem schwarzen Lacklederhaarband ordentlich zurückgehalten wurden. Ihre großen Augen klebten an meinen. Na toll. Sie machte große Tierbabyaugen. Jeder wusste, dass ich Tierbabyaugen nicht widerstehen konnte.
Lisa war groß und braun gebrannt und hatte einen Wahnsinnsvorbau. Ich stand nicht auf Frauen, und trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich ihr keinen Wunsch abschlagen konnte, wenn es sie nur glücklich machte. Es war nicht so schlimm gewesen, bevor sie in einen Sukkubus verwandelt worden war, aber nun verfügte sie über ausreichend Schadenszauber, um ein Kloster in einen Kessel siedender sexueller Spannungen zu verwandeln.
»Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie es aussieht.«
»Lisa, du hast Harold ausgesaugt. In seiner Unterwäsche. Und du trägst eine Cheerleader-Uniform, die zwei Nummern zu klein ist. Wie kann das nicht so schlimm sein, wie es aussieht?« Es würde nichts bringen, sie anzuschreien. Das würde sie nur zum Heulen bringen, und ich war eine Null, wenn Tränen ins Spiel kamen.
Außerdem fühlte ich mich sowieso schon schuldig genug. Lisa war vor der ganzen In-einen-Sukkubus-verwandelt-werden-Sache keine schlechte Mitbewohnerin gewesen. In drei Jahren hatte sie nicht einmal ihre Miete zu spät gezahlt, sie hatte ihren Teil des Apartments immer sauber gehalten, und es hatte auch nie einen dieser peinlichen Momente gegeben, in denen man überraschend dem One-Night-Stand der letzten Nacht begegnete, wie der im Adamskostüm den Kühlschrank durchwühlte. Alles war prima, bis mein Halbbruder beschloss, sie in einen wilden, lustgetriebenen Sukkubus ohne Selbstbeherrschung zu verwandeln.
»Vielleicht ist er gar nicht tot? Du hast seinen Puls nicht gecheckt. Vielleicht sieht er tot aus, ist aber bloß ohnmächtig.«
Meine Mitbewohnerin, der Sukkubus, die ewige Optimistin. Es war die richtige Einstellung, wenn wir gemeinsam auf der Kinderstation arbeiteten– glaubt mir, es gibt keine bessere Kinderkrankenschwester als Lisa–, aber jetzt? Jetzt wollte ich ihr am liebsten ihren Schwanenhals umdrehen. Gerade mal eins fünfundfünfzig klein, wäre ich allerdings gezwungen, einen Tritthocker zu Hilfe zu nehmen, um an sie ranzukommen. Dämlicher eins achtzig großer Sukkubus.
»Er ist tot. Glaub mir. Du hast alles Leben aus ihm rausgesogen.« Nicht dass ich ihr deshalb böse sein konnte. Als freiwilliger und seit Längerem unangezapfter Blutspender hätte er wahrscheinlich eine Supermahlzeit abgegeben.
Lisa schniefte und trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich hab versucht, mich zu bessern. Ich meine, er ist der erste Mensch seit drei Monaten, den ich aus Versehen umgebracht habe. Und ich bin auch nicht schuld daran. Schuld ist Harold.«
»Harold ist selbst schuld daran, dass du seine Seele gegessen hast?« Sie glaubte doch wohl nicht, dass ich ihr abnehmen würde, er hätte sie darum gebeten, ihn auszusaugen, oder etwa doch?
»Na ja, die meisten Leute kriegen irgendwann Panik, und ich weiß, wann ich aufhören muss, aber er hatte die ganze Zeit dieses breite Grinsen im Gesicht, also hab ich weitergemacht.« Sie marschierte im Zimmer auf und ab und rang die Hände.
»Süße, ich mag dich, das weißt du doch. Wir wohnen jetzt wie lange zusammen? Drei Jahre? Und du bist mit dieser ganzen Tochter-des-Teufels-Situation prima umgegangen, vor allem nach dieser Sukkubus-Scheiße mit Tolliver. Aber ich glaube, dass wir wirklich ein Problem kriegen könnten, wenn du weiterhin versehentlich Leute aufisst.«
»Oh, Mist. Tolliver. Meinst du, er wird sauer sein?« Sie verschränkte die Arme und verbarg ihre zitternden Hände unter ihren Achseln. »Er hat gesagt, wenn ich noch mal jemanden umbringe, würde er mir meine Kräfte nehmen.«
»Und das wäre schlecht?« Ich lehnte mich an Harolds Schreibtisch und stützte mein Gewicht auf meine Hände. Als ich an mir herabblickte, entdeckte ich einen braunen Fleck auf meiner hellblauen OP-Hose und kratzte mit dem Daumennagel daran herum. Er blätterte ab. Definitiv flüssige Ersatznahrung. Zum Glück.
»Nein. Ich meine, ja– oh Mann, das ist echt schwierig. Ich wäre natürlich froh, wenn ich kein seelensaugender Sexdämon mehr wäre.«
»Aber?«
»Aber wenn er mir erst mal meine Kräfte genommen hat, dann verlangt das Protokoll, dass er mich an einen Felsen neben dem Feuersee kettet und Oberdämonen sich an meiner Seele gütlich tun, während Unterteufel meine Zehen abbeißen. Und du weißt ja, dass ich es nicht ertrage, wenn jemand meine Zehen berührt. Da darf ich nicht mal dran denken.«
»Oje!« Lisa war sehr eigen in Bezug auf ihre Zehen. Es gab nur eine einzige Fußpflegerin in der ganzen Stadt, die sie berühren durfte, und die Frau verlangte ein Vermögen. »Das klingt nicht sehr angenehm.«
Eine kleine, schwarz gekleidete Gestalt erschien, die Kapuze ihres Umhangs tief herabgezogen, um die Tatsache zu verbergen, dass es sich bei ihr bloß um einen körperlosen dämonischen Geist handelte. Na toll! Malachi. Jetzt war meine Nacht endgültig im Eimer. Obwohl… vielleicht hatte er ja eine Idee, wie wir Harolds Leiche loswerden konnten. Er mochte aussehen wie ein Dämonenzwerg, doch Malachi verfügte über ungeheure Kräfte. Und über die richtigen Beziehungen, wenn es darum ging, die ein oder andere Angelegenheit zu regeln. »Tolliver übertreibt.«
»Wirklich?«, fragte Lisa.
»Nein, nicht wirklich. Aber wenn du dich dadurch besser fühlst: Die Unterteufel werden bloß der Form halber ein bisschen an dir rumknabbern und sich dann um das streiten, was vom Tisch für sie herunterfällt.«
»Oh.« Ihr strahlendes Lächeln ging über in ein Stirnrunzeln, und ihre Schultern sackten herab.
»Das ist nicht gerade hilfreich«, zischte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Ich hätte wissen müssen, dass Malachi bloß wieder die Nervensäge raushängen lassen würde. Eigentlich war er ja mein Bodyguard, aber ich half ihm bestimmt öfters aus der Patsche als er mir.
»Was machen wir jetzt mit Mr. Knochensack hier?« Er schwebte über Harolds Leiche und wirbelte dann zu uns herum. »Ich gehe davon aus, dass das dein Werk ist, Lisa? Schlampig, aber effektiv. Dafür kriegst du von mir zehn Punkte für die Leistung, aber nur zwei für den Stil. Cheerleader-Uniformen sind seit Jahren out.«
»Das wollte ich sowieso mal ansprechen«, mischte ich mich ein. »Wir sind Krankenschwestern– das ist das beliebteste Stripperinnen-Outfit aller Zeiten. Fast jeder Typ hat einen Geile-Krankenschwester-Fetisch.«
»Nicht wenn die eigene Mutter Krankenschwester war, so wie die von Harold«, erwiderte Lisa. »Er stand nicht auf geile Krankenschwestern, sondern auf freche Cheerleader, deshalb musste ich mir schnell etwas einfallen lassen. Es war nicht geplant oder so. Echt nicht. Ich hab das Zeug nicht mal auf der Highschool getragen. Polyester sieht einfach an niemandem gut aus.« Sie marschierte zu Harolds Couch und ließ sich darauf fallen, wobei ihr Volantrock nach oben flog.
Ich zuckte zusammen und wandte den Blick ab. Diese Körperteile meiner Mitbewohnerin musste ich nun wirklich nicht sehen.
»Es ist ja nicht so, dass ich absichtlich seine ganze Seele gegessen hätte. Aber es hat ihm gefallen.«
»Wenigstens ist er glücklich gestorben.« Ich nahm den Pokal, den Harold als Auszeichnung als »Weltbester Kinderarzt« bekommen hatte, und warf ihn von einer Hand in die andere.
Malachi gluckste. »Ich bin mir sicher, dass du ihn sehr glücklich gemacht hast. Schließlich ist das ja das Besondere an einem Sukkubus. Männer geben dir ihre Seele für die Lust, die du ihnen bereitest.«
Lisas Miene hellte sich auf.
»Aber eigentlich sollst du die Seele dann in die Hölle bringen und nicht selbst essen. Seine Exzellenz wird nicht zufrieden mit dir sein. Teilen ist ihm sehr wichtig, weißt du?« Malachi wedelte mit dem Ärmel wie eine Art dämonischer Lehrer, und ich hustete, um mein Lachen zu überspielen.
Ich stellte den Pokal ab und fing an, mit den Stiften in Harolds Becher zu spielen. Ich hatte ein gewisses Problem mit Unordnung und Nippes am Arbeitsplatz– die Schwesternschule war schuld daran–, und Harold war ein Chaot. Wenn er im OP-Saal genauso schlecht organisiert gewesen wäre, hätte er von Glück sagen können, dass er niemanden aufgrund eines absolut vermeidbaren Fehlers umgebracht hatte. »So sehr es mir leidtut, das zu sagen, aber Dad ist im Augenblick nicht unser Problem.«
»Ist er nicht?« Malachi klang überrascht. »Und warum nicht? Erzähl mir nicht, dass das hier ein weiterer netter kleiner Rebellionsversuch gegen Seine Majestät wird. Weißt du überhaupt, wie viel administrativen Ärger mir das immer bereitet? Kannst du dich nicht einfach damit zufriedengeben, Florence Nightingale zu spielen und mich in Ruhe zu lassen?«
»Das ist kein Akt der Rebellion. Außerdem würde er sich darüber freuen, dass Lisa genau das tut, wofür sie da ist. Trotzdem ist Dad nicht unser größtes Problem, denn, ganz im Ernst, was kann er schon tun? Mir Hausarrest geben, weil ich zugelassen habe, dass Lisa Harold aussaugt? Er hat mir seit der Sache mit dem Keuschheitsgelübde in der Highschool keinen Hausarrest mehr gegeben.«
»An den Streit erinnere ich mich. Die anderen Oberdämonen und ich hatten schon Wetten abgeschlossen, dass Seine Exzellenz gleich einen Herzinfarkt bekommen würde– auf seinem Thron!«
»Tja, er hatte aber keinen Herzinfarkt, und alle anderen haben’s auch überlebt.« Ich stieß mich vom Schreibtisch ab, setzte mich in den weich gepolsterten schwarzen Ledersessel– warum bekommen eigentlich immer die Ärzte die bequemen Sessel?– und legte die Füße auf den Tisch.
»Ich weiß. Ich hab vier Seelen und einen verwirrten Inkubus gewonnen.«
»Siehst du? Am Ende hat jeder was davon gehabt.« Ich griff nach dem Glasapfel auf Harolds Tisch. Ein Apfel am Tag, den Doktor gespart. Clever.
»Außer deiner Mom und ihrem vierten Ehemann.« Lisa kaute auf ihrem Daumennagel herum. Was für eine Verschwendung ihrer 30-Dollar-Maniküre!
»Ach, ja. Henri.« Ich lächelte bei der Erinnerung an den vierten Ehemann meiner Mutter und das Scheitern ihrer Ehe. »Ich war so froh, ihn los zu sein, dass ich am nächsten Tag wieder aus dem Keuschheitsklub ausgetreten bin.«
»Und die väterlichen Instinkte Seiner Boshaftigkeit meldeten sich, und er klaute Mr. Taylors Seele«, fügte Malachi hinzu.
»Immer auf der Seite der Schwächeren, stimmt’s?«
»’tschuldigung. Also, was machen wir jetzt mit Dr. Wilkins? Da er nun mal tot ist, meine ich.«
»Könnten wir ihn nicht zu den Unterteufeln schicken, um ihn loszuwerden? Die machen so was doch manchmal, oder?«
»Könnten wir.« Malachi zog die Worte ganz lang.
»Echt?« Lisa richtete sich auf und hörte auf, an ihren Fingernägeln zu kauen. »Wir könnten sie seinen Körper essen lassen, und niemand erfährt je davon?«
»Vielleicht würden sie das tun. Aber Tolliver würde davon Wind bekommen, und du müsstest ihm dann erklären, warum du es vermasselt und ihn ausgesaugt hast.«
»Mist.« Sie ließ sich zurück auf die Couch fallen, ein Sinnbild der Niedergeschlagenheit. Verzweiflung strömte in Wellen aus ihr heraus. Oder war das vielleicht Eau de Harold? Ich rümpfte die Nase. Sehr wahrscheinlich Harold. Verzweiflung roch nach Männerumkleide, und das hier war schlimmer. Es roch nach verwesendem Fleisch und abgestandenem Kaffee. Definitiv Harold.
»Was können wir sonst tun?«, fragte ich.
»Ihn in irgendeiner dunklen Gasse zurücklassen«, schlug Malachi vor.
»Ach, bitte. Und das soll keinem auffallen?«
Ich verschränkte die Hände und streckte sie über meinem Kopf aus. Meine Flügel brachten mich um, mein Schwanz juckte, und meine Hörner fingen ohne mein Zutun an, aus meinem Kopf zu treten. Normalerweise blieben sie in der Öffentlichkeit verborgen, falteten sich unter meiner Haut zusammen wie ein dämonisches Schweizer Taschenmesser, aber alles unter Kontrolle zu halten, machte viel zu viel Mühe, wenn ich müde war. Bei Stress ließ meine Selbstbeherrschung immer ein wenig nach, und es fiel mir zunehmend schwerer, mein menschliches Äußeres zu bewahren. Mit einem tiefen Atemzug schloss ich die Augen und konzentrierte meine ganze Energie darauf, meine Extras verborgen zu halten.
»Wir wollen doch, dass ihn jemand bemerkt«, erklärte Malachi und erlaubte mir damit, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf mein eigenes Unbehagen. »Wir wollen, dass jemand den armen Harold findet und glaubt, er wäre an einem Herzinfarkt gestorben, während er es in einer dunklen Seitengasse mit einer Nutte getrieben hat.«
»Hey!«, sagte Lisa, und hellrote Flammen schossen aus ihrem Haar. Offenbar war außer mir noch jemand erschöpft. Und überaus empfindlich.
»Oder er ist überfallen worden«, fuhr Malachi fort. »Oder eben irgendeine andere logische Erklärung, warum er tot ist und nichts als ein paar billige Boxershorts und einen Arztkittel anhat.«
»Aber sieh ihn dir doch an!« Ich stand auf und deutete auf Harolds Leiche. Er erinnerte mich an eine verdorrte Version seines früheren Selbst, ganz grau, und nur seine lila vortretenden Venen sorgten für ein bisschen Farbe. »Meinst du nicht, dass die Leute das für ein bisschen seltsam halten werden?«
Malachi schwebte näher. »Du hattest wirklich Hunger, Lisa. Du hast ihm auch noch den letzten Rest seiner Seele ausgesaugt und sogar seine Zahnfüllungen gelockert.«
»Ich konnte nichts dafür.« Sie schniefte wieder.
»Schon gut.« Malachi hüpfte neben ihr auf und ab und rieb seinen Umhang an ihrer Schulter, was wahrscheinlich als tröstende Geste gemeint war. »Hör auf zu weinen. Wenn du ihn schon ausgesaugt hast, solltest du wenigstens den Rausch genießen.«
»Aber…«
»Hört zu. Holt den schrecklichen Läufer vor dem Fahrstuhl. Wir wickeln ihn da rein und werfen ihn in den Biomüllcontainer.«
»Aber was ist mit den Überwachungskameras?« Lisa stand vor dem Schreibtisch neben Harolds Leiche. »Die Aufnahmen werden zeigen, wie Faith den Teppichläufer holt und wir beide Harold hinaustragen.«
»Oh, in Dreiteufelsnamen!« Malachi schüttelte die Kapuze seines Umhangs hin und her. »Du hast nicht gerade viel in deinem kleinen Dämonenhirn, was? Lass mich deutlicher werden: Faith, lass den Läufer hierherkommen, und wenn Harold dann hineingewickelt ist, transferierst du ihn zu dem Abfallcontainer draußen.«
»Genau.« Ich schloss die Augen, stützte die Hände auf Harolds Schreibtisch und konzentrierte mich auf den grüngemusterten Läufer vor dem Aufzug. Nachdem ich die Kanten fest in meinem Kopf verankert hatte, zwang ich Harolds Sargersatz dazu, meinen Befehlen zu gehorchen. Ich sah, wie sich der Teppich auflöste, und als ich die Augen öffnete, lag er auf dem Boden unter Harold. Ich schlug die Enden um den leblosen Körper, fixierte die überlappenden Kanten und klebte sie gedanklich zusammen, sodass sie die Leiche sicherten.
»Tut mir leid, Harold«, flüsterte ich, trat um den Schreibtisch herum und kniete mich neben seinen Kopf. Ich berührte die Naht, wo sein pflaumenförmiges Herz hätte sein sollen. »Ich hätte dich gemocht, wenn du mir nicht jeden Morgen an den Arsch gefasst hättest. Und wo ich jetzt so drüber nachdenke, bin ich eigentlich gar nicht traurig über deinen Tod. Du hattest ihn verdient.«
»Wie rührend!«, sagte Malachi. »Eine wirklich bewegende Totenrede.«
»Halt die Klappe!« Ich schloss die Augen und konzentrierte mich darauf, Harolds Leiche aus seinem Büro zu seiner vorübergehenden Ruhestätte zu transferieren. Meine Arme kribbelten von der Macht, die durch mich floss. Als sein Körper sich unter meiner Hand aufgelöst hatte, öffnete ich die Augen und atmete aus.
»Oh Mann, er hat einen Fleck auf den Teppich gemacht. Wie eklig! Ich will nicht der Putzmann sein, der das hier saubermachen muss. Bäh, menschlicher Saft!«, sagte Malachi.
»Malachi?« Ich stand auf und bewegte mich weg von dem Fleck. Widerlich. Mann, war ich froh, dass mein Urlaub morgen anfing!
»Hä?«
»Schweb vor die Überwachungskameras und schließe sie kurz, damit es eine Erklärung dafür gibt, warum nirgendwo dokumentiert ist, wie wir am Abend das Klinikgebäude verlassen haben.«
»Wie weit muss ich zurück?«
»So ungefähr bis sieben.«
»Okay. Eine Dämonenunterbrechung um sieben Uhr. Bin in zwei Sekunden zurück, Mädels.« Malachi verschwand aus dem Raum.
»Glück gehabt«, sagte ich, sobald er weg war.
»Das war’s dann?«, fragte Lisa. »Niemand wird davon erfahren? Also, ich meine, Tolliver wird es nicht rauskriegen, und alles wird gut, oder?«
»Das hoffe ich. Und falls er es doch erfährt, sagst du ihm einfach, dass ich dir befohlen hätte, Harold auszusaugen. Dad wird sich so darüber freuen, dass ich meine böse Seite endlich annehme, dass er nicht zulassen wird, dass Tolliver dich bestraft.«
»Tolliver wird nicht gerade begeistert sein.« Sie ging hinüber zur Couch und griff nach ihrem Trenchcoat, den sie getragen hatte, um ihr Kostüm zu verbergen.
In diesem Moment kam Malachi zurück. »Worüber wird er nicht begeistert sein?«
»Tolliver wird nicht begeistert sein, wenn ich ihm sage, dass Lisa Harold getötet hat, weil ich sie dazu gezwungen habe. Er wird glauben, ich würde mein Erbe antreten wollen.«
»Und das wird ihm gehörig gegen den Strich gehen«, stimmte Malachi mir zu.
»Wenn es hart auf hart kommt, mache ich das, was ich immer mit Tolliver mache.« Ich hielt Lisas Hand, während Malachi dicht genug an uns heranschwebte, um meine Schulter zu berühren.
»In panischer Angst betteln?«, fragte Lisa.
»Nein, ich besteche ihn.«
Ich schloss die Augen und rief mein Apartment vor mein geistiges Auge. Mit einem leisen Ploppen und dem metallischen Geruch verbrannter Fragmente der Realität teleportierte ich uns durch das Portal, das ich zwischen Harolds Büro und meinem Wohnzimmer geschaffen hatte. Der Mantel der Realität legte sich wieder um uns.
Mein Schwanz glitt ins Freie und schmiegte sich um mein linkes Bein, und meine Flügel öffneten sich unter meinem OP-Hemd. Das Teleportieren raubte mir immer zu viele Kräfte, als dass ich den Rest meiner Anatomie noch unter Kontrolle halten konnte. Doch der abendliche Berufsverkehr in Pittsburgh war die Hölle, vor allem wenn am Liberty Tunnel herumgebaut wurde, und Lisa und ich waren eh schon spät dran. Zeit also, Kompromisse einzugehen.
»Wie lange haben wir, bis wir wissen, ob Tolliver uns erwischt?« Lisas eigene Flügel brachten ihren Trenchcoat fast zum Bersten. Ich mochte mir nicht vorstellen, was eine Flügelspannweite von knapp zwei Metern mit ihrer Cheerleader-Uniform angestellt hatte.
»Wenn er es rauskriegt, weiß er spätestens morgen Nachmittag Bescheid.« Ich ging in den Küchenbereich, um mir einen Tee zu kochen. »Ich würde mir an deiner Stelle keine Sorgen deswegen machen. Wenn es auf jemanden zurückfällt, dann auf mich. Und Dad wird nicht zulassen, dass er mir zu viel Ärger macht.«
Lisa folgte mir in unsere winzige Küche und lehnte sich an die Kochinsel. »Mir gefällt die Idee nicht, dass er dir Ärger machen könnte.«
»Sagt die Frau, die er wegen ein bisschen Grinsen und Kichern in einen Sukkubus verwandelt hat. Warum ziehst du dich nicht um, während ich dir einen Tee koche, damit du wieder ein wenig runterkommst? Ich wette, nach Harold brummt dir noch ganz schön der Schädel.«
»Weißt du, er hat gar nicht mal schlecht geschmeckt. Wenn man bedenkt, dass es Harold war.«
Ich rümpfte die Nase bei dem Gedanken. Das Letzte, was ich erfahren wollte, waren irgendwelche Details über ihre sündhafte und wahrscheinlich ekelhafte Vereinigung.
»Ein bisschen zu viel Kaffee, aber davon mal abgesehen…«
»Scheiße!«, brüllte plötzlich eine männliche Stimme vor der Tür. Gedämpftes Poltern ertönte von unten, gefolgt von einem lauten Krachen.
»Klingt, als hätte der Typ von nebenan eine Leiche fallen gelassen. Besser du rennst raus und hechelst ein bisschen um ihn herum«, scherzte Malachi.
Ich rannte zur Eingangstür. Was war schon dabei, dass ich in meinen Nachbarn, Matt, verknallt war, seit er vor sechs Monaten hier eingezogen war? Abgesehen von ein paar unbeholfenen Flirtversuchen nahm er kaum zur Kenntnis, dass es mich gab, was wahrscheinlich eine gute Sache war. Mensch-Dämon-Beziehungen gingen niemals gut aus. Das wusste ich aus Erfahrung.
»Hey«, rief Malachi mir hinterher. »Flügel, Hörner, Schwanz. Nicht die Menschen erschrecken, kapiert?«
»Okay.« Ich schloss die Augen und zwang meine Extras zurück an Ort und Stelle. Nachdem alles wieder versteckt war, riss ich die Tür auf und schaute mich auf dem Treppenabsatz um.
Akten lagen über die Stufen verstreut und wiesen einen Weg zu Matt. Sein Körper lag ausgestreckt auf dem unteren Treppenabsatz. Ein Umzugskarton zerquetschte seine Brust. Sein normalerweise ordentlich gerichtetes schwarzes Haar stand ihm wirr vom Kopf, und seine Jeans waren über dem Knie zerrissen.
Das war nicht normal.
Immer wenn ich ihn sonst gesehen hatte, war er wie einer der Young Republicans auf Wahlkampftour gekleidet gewesen– ein leckerer, muskulöser Young Republican mit einem kleinen Nerd-Komplex, aber dennoch ein puritanischer Konservativer durch und durch: schwarzer Anzug, weißes Hemd mit Button-down-Kragen und die obligatorische dunkelblau gestreifte Krawatte. Deshalb machte es so viel Spaß, sich mit ihm anzulegen. Wirklich. Es hatte nichts mit den heißen Nerd-Fantasien zu tun, die ich seinetwegen hatte. Überhaupt nichts.
Ich trat auf ihn zu, und irgendetwas knirschte. Ich hob den Fuß an und entdeckte eine zertretene Hornbrille.
»Oh, in Dreiteufelsnamen!«, fluchte ich.
Mein Tag wurde immer besser.
2
Ich zuckte zusammen und stieg von Matts zerstörter Brille. »Die bezahl ich.«
Er sah zu mir auf und seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass mir in seiner Gegenwart etwas Dummes passierte. Das hatte ich schon damals, keine zwanzig Minuten nachdem er hier eingezogen war, geschafft. Obwohl ich nicht wirklich etwas dafür konnte– sein strubbeliges Haar, die großen grünen Augen und seine muskulöse Figur hatten jede meiner wilden Nerd-Fantasien übertroffen und es mir schwergemacht, mich zu konzentrieren. Schließlich bin ich aber doch für den Schaden aufgekommen, nachdem ich sein Mountainbike über den Haufen gefahren hatte.
»Ist gut.«
Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, damit ich nicht vor Begehren wimmerte. Seit sechs Monaten stellte ich mir alles Mögliche mit ihm vor, und jetzt lag er– von einer schweren Umzugskiste niedergestreckt– hier zu meinen Füßen.
»Das war nur meine Ersatzbrille, und ich brauch eh eine neue. Ich hätte wissen müssen, dass sie zu Bruch gehen würde, nachdem sie vor deiner Tür gelandet war.«
Das klang gar nicht nach meiner Fantasie. Im Grunde war es sogar recht zynisch. Und ein bisschen ungeduldig. Er war vorher noch nie zynisch oder ungeduldig gewesen. Zumindest nicht bei den Gesprächen, die ich in meinen Träumen mit ihm geführt hatte.
»Ach, ich sollte sie trotzdem ersetzen. Das tut man doch als freundliche Nachbarin.« Ich lächelte ihn an und klimperte mit den Wimpern. Meine Flirtfähigkeiten waren ein bisschen eingerostet, aber ich war nicht so blöd, dass ich die Gelegenheit, mehr Zeit mit meinem Nachbarn zu verbringen, so einfach verstreichen ließ.
»Wie wär’s damit, erst einmal die Kiste von seinem Brustkorb zu heben?«, sagte Malachi.
Mensch, Faith. Der Mann hier ist bewegungsunfähig. Weniger Flirten und mehr Helfen wäre angebracht.
Matt sah sich hektisch um. Und er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, als wäre er nervös und suchte nach etwas. Hatte er Malachi gehört? Oder irgendeine Art von Resonanz gespürt? Ich blickte zu meinem Bodyguard und zog eine Augenbraue hoch.
Jetzt, wo ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass Matt immer ein bisschen kribbelig gewesen war. Und es sähe mir ja durchaus ähnlich, wenn er einer dieser Typen wäre, die paranormalen Phänomenen gegenüber empfindsam sind und bei der kleinsten Störung zusammenzucken. Schreckliche Nervensägen waren das. Ich hoffte inständig, dass dies nicht der Fall war, denn ich wollte keinen Grund erfinden müssen, um ihn von hier zu vergraulen. Die Sache mit den Termiten hatte bei der Hellseherin in 2c ja gerade noch so gewirkt, aber ich hatte auch keine Idee mehr, wie ich den Kammerjäger ein zweites Mal dazu kriegen konnte, für mich zu lügen.
Ich eilte die zehn Stufen zwischen unserem Treppenabsatz und dem, auf dem Matt lag, hinunter. »Lass mich dir helfen, die Kiste wegzuschaffen.«
»Sie ist ziemlich schwer«, warnte er mich, als ich zu ihm hinuntertrampelte. »Ich hab meine Kisten wohl zu voll gepackt, als ich hier eingezogen bin, und hab’s erst bemerkt, als ich heute in den Keller runter bin, um die hier zu holen. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass sie so schwer gewesen ist, als ich sie da unten abgestellt habe.«
»Ich denke, das krieg ich hin.« Ich packte die Kiste und hob sie schnaufend von seinem Brustkorb, humpelte zu den Stufen und setzte sie ab. Verdammt, er hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, sie sei schwer. Was hatte er da drin? Bücher aus Zement?
Malachi schwebte unter die Kiste und drückte sie mit dem Rücken ein wenig hoch, sodass ich sie besser zu fassen bekam. Mit der Hilfe meines unsichtbaren Freundes schaffte ich es schließlich, sie die Treppe hinaufzutragen und auf dem Boden neben der Tür meines Nachbarn abzustellen.
»Wow, Supergirl!« Matt richtete sich auf und klopfte sich die Vorderseite seines Shirts ab. »Da fühle ich mich ja gleich wie ein Schwächling.«
»Quatsch! Du hast sie die ersten vier Stockwerke hochgetragen, während ich nur das letzte kleine Stückchen bis zu deiner Tür übernommen hab«, brüstete ich mich und hörte Malachi leise schnauben. »Was ist denn überhaupt passiert? Bist du auf der vierten Stufe gestolpert? Ich hatte dich gewarnt, dass sie locker ist.«
Er betrachtete stirnrunzelnd die Stufen. »Muss wohl so gewesen sein. Aber das war echt komisch. Ich hab diesen Luftzug an der Schulter gespürt, und im nächsten Moment bin ich die Treppe runtergepurzelt…«
»Einen Luftzug?« Shit, Shit, Shit! Es gab keine Fenster im Treppenhaus, deshalb konnte jeder »Luftzug«, den er spürte, nur von jemandem stammen, der rein- oder rausschwebte. Die Dämonen hier im Gebäude hatte ich allerdings alle im Blick gehabt, als Matt gestürzt war, was bedeutete, dass irgendein anderer Dämon das Gebäude betreten hatte. Nicht gut also. Nur wenige Dämonen würden es wagen, ohne vorherige Erlaubnis hier aufzutauchen. Und keinen davon wollte ich hier haben.
»Wir haben davon hier so viele. Luftzüge, meine ich«, verkündete eine kalte Stimme, von meiner Tür her kommend.
Tolliver. Dieser Bastard! Was hatte er hier zu suchen?
Er lehnte in einem schwarzen Seidenhemd und schwarzer Anzughose an meinem Türrahmen und inspizierte seine Fingernägel. Mit seinem glatten, ebenholzschwarzen Haar und der blassen Haut gelang ihm der leidende Künstler-Look ziemlich gut. Auch wenn nichts der Wahrheit ferner lag. Das einzige Leid, mit dem Tolliver sich befasste, war das, was er anderen zufügen konnte.
Er kam öfter vorbei, seit er Lisas Seele gestohlen hatte, aber er hatte noch nie für Ärger mit den Nachbarn gesorgt. Warum also jetzt? Er würde behaupten, es wäre das Vorrecht eines großen Bruders, doch ich hatte den leisen Verdacht, dass er einfach nur Spaß daran hatte, ein Arschloch zu sein.
Das hier war schließlich Tolliver. Er war der große Bruder, der unseren Hundewelpen an einen Unterteufel verfüttert hatte, weil ich mich geweigert hatte, eine Kakerlake zu essen. Brüder– man kann nicht mit ihnen leben, sie aber auch nicht in die Hölle werfen, ohne sich Dads Unmut zuzuziehen. Aber in diesem Fall könnte es das vielleicht wert sein. Was war denn das Schlimmste, was Dad tun konnte? Ah, ja. Brüllen, schreien, mir den Ich-bin-ja-so-von-dir-enttäuscht-Vortrag halten und mich ins Fegefeuer werfen, damit ich darüber nachdenke, was ich getan habe. Mann, was für ein Theater! Vielleicht sollte ich ihm doch einfach nur in den Kaffee spucken.
»Oh«, machte Matt, bevor er näher kam. »Mir war nicht klar, dass Faith Besuch hat. Tut mir leid, wenn ich euch den Abend verderbe.«
Tolliver betrachtete Matt mit demselben Maß an Achtung, das er den Unterteufeln entgegenbrachte.
Ich hoffte nur, Matt bemerkte nicht die fehlende Reflexion in Tollivers schwarzen Augen. Die meisten Sterblichen taten das nicht, aber wenn er tatsächlich so empfindsam war, wie ich inzwischen vermutete, könnte das ein Problem werden.
Matt bückte sich, um seine Brille aufzuheben, und dabei streifte seine Hand meinen Fußknöchel. Elektrisches Prickeln schoss mein Bein hinauf. Meine Pupillen weiteten sich. Obwohl im Grunde jede Berührung eines Sterblichen ein Kribbeln bei mir verursachte, so war dies doch etwas ganz anderes. Es war, als vergleiche man einen winzigen elektrostatischen Schlag mit dem, was passierte, wenn man an einer Neun-Volt-Batterie leckte. Weder das eine noch das andere tat richtig weh, doch seine Berührung löste ein etwas stärkeres Kribbeln aus als üblich.
Glücklicherweise hatte ich darauf geachtet, meine mentale Blockade aufrechtzuerhalten, sodass mich nicht seine ganze Lebensgeschichte überflutete. Das Letzte, was ich brauchte, war, alles über sein Sexleben zu wissen. Oder wie sehr er es bereute, neben eine besondere Personifizierung des Dysfunktionalen gezogen zu sein.
»Also.« Er richtete sich auf und wedelte mit der Hand zwischen mir und Tolliver hin und her. »Seid ihr zwei schon lange zusammen?«
»Zusammen?« Der Mund blieb mir offen stehen. »Wie bitte?«
Tolliver rümpfte die Nase und bedachte Matt mit einem vernichtenden Blick. »Das wäre ein bisschen zu abgefahren, sogar für mich.«
»Hä?« Matts Blick wanderte zwischen uns beiden hin und her.
»Das ist mein Halbbruder, Tolliver. Tolliver, Matt. Matt, Tolliver«, versuchte ich, die Situation zu retten.
»Oh.« Matts Schultern entspannten sich ein wenig, und er schob seine zersplitterte Brille in die Tasche seiner Jeans. Dabei bemerkte ich, dass er ein schwarzes Kinks-T-Shirt anhatte, und musste lächeln. Offenbar war er doch nicht so konservativ. »Ich wusste nicht, dass du Geschwister hast«, fügte er beinahe entschuldigend hinzu.
»Schon okay«, sagte ich. »Ich glaub nicht, dass wir jemals über Geschwister gesprochen haben, seitdem du hier eingezogen bist. Wir sind ja auch noch nicht so lange Nachbarn.«
»Seit sechs Monaten«, flüsterte Malachi. »Seit sechs sterbenslangweiligen Monaten, in denen du nichts Besseres zu tun hattest, als über diesen belanglosen Gutmenschen zu labern, der als Anwalt die Welt retten will. Nein, das ist überhaupt nicht lang. In Dreiteufelsnamen, manchmal vermisse ich die Hölle ganz schön.«
Matts Augen weiteten sich, und er schaute sich hastig um. Dann deutete er auf seine Tür. »Also, ich hab ’ne Menge zu tun. Da drin, meine ich. Akten aufarbeiten und so.«
»Ja, klar. Aber wenn du deine Meinung ändern solltest wegen deiner Brille…«
»Schon okay.« Er floh in seine Wohnung.
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, drehte ich mich mit einem Seufzen und in die Hüften gestemmten Fäusten zu meinem Bruder um und starrte ihn böse an. Er hatte es wieder getan. Dieser miese Sohn eines nichtsnutzigen Unterteufels!
»Vorsicht, mit diesem Höllenblick könntest du die Treppe in Brand setzen. Wäre ich ein Mensch, würde nichts weiter von mir übrig bleiben als ein klägliches Häufchen Asche. Glücklicherweise bin ich aber ein erstklassiges Exemplar dämonischer Manneskraft, und dein Xanthippenblick kann mir nichts anhaben.«
»Nimm das.« Ich versetzte ihm einen Schlag auf den Hinterkopf und drängte mich an ihm vorbei in meine Wohnung.
»Oje, da hat heute Abend aber jemand schlechte Laune. Liegt das daran, dass dein schneidiger Nachbar offensichtlich kein Interesse an dir hat, oder ist heute bei der Arbeit etwas vollkommen Banales und Uninteressantes passiert? Ist einer von den Kurzen tragisch verstorben?«
»Ich habe keine schlechte Laune, bloß weil Lisa Harold umgebracht hat.«
»Lisa hat Harold umgebracht?«, fragte Tolliver. »Wirklich? Warum das denn?«
»Scheiße.« So viel zu dem Versuch, ein Geheimnis zu bewahren. Ich war kaum fünf Minuten in seiner Nähe, und schon hatte ich mich meinem großen Bruder gegenüber verplappert. Ich eilte in die Küche. »Weil ich es ihr befohlen habe.«
Lisa huschte zur Couch und nahm eines unserer Sofakissen in den Arm. Ich wollte ihr sagen, dass Tolliver noch schlimmer wurde, wenn man sich ängstlich vor ihm verkroch, doch angesichts ihrer derzeitigen Situation war ich mir nicht sicher, ob ihre Probleme mit Tolliver überhaupt noch schlimmer werden konnten.
»Du hast Lisa befohlen, deinen Boss zu töten?«
»Ja.«
»Warum?«
Verdammt, ich war eine miese Lügnerin, und Tolliver war niemand, der sich leicht zufriedengab. »Weil Harold mich belästigt hat. Als ich zur Personalabteilung ging, um mich über ihn zu beschweren, hat er es herausgefunden und behauptet, er hätte Beweise dafür, dass ich die Medikamente, die ich am Morgen als vermisst gemeldet hatte, gestohlen und auf der Straße verkauft hätte. Ich wäre meinen Job los gewesen und hätte meinen Pflegerausweis verloren.«
»Und, hast du?« Tolliver ging ins Wohnzimmer und unterband strategisch meinen Blickkontakt zu Lisa.
Verdammt, er lernte schnell.
Ich versuchte, unschuldig zu klingen. »Habe ich was?«
»Medikamente von den kranken Kindern auf deiner Station geklaut und sie auf der Straße weiterverkauft.«
»Sei nicht albern! Erstens: Wenn ich schon Medikamente klauen würde, meinst du wirklich, ich würde mich dabei erwischen lassen? Und zweitens: Wenn ich dieses gutgehende Drogengeschäft am Laufen hätte, wie Harold behauptet hat, würde ich dann noch hier wohnen?« Er könnte mir wenigstens ein bisschen mehr Cleverness zutrauen. Ich war sicherlich nicht die schlaueste Dämonin von allen, aber auch nicht total bescheuert. Als hätte ausgerechnet Harold mir auf die Schliche kommen können!
Nicht dass es mir jemals in den Sinn gekommen wäre, Schmerzmittel von kranken Kindern zu klauen. Einige Dinge sind einfach zu böse. Sogar für einen Dämon.
»Das Erste ist ein berechtigter Einwand«, sagte Tolliver. »Ich meine, klar wärst du clever genug, deine Spuren zu verwischen.«
»Danke für diesen Vertrauensbeweis in meinen Intellekt.« Ich lehnte mich gegen die Kochinsel, tippte mit den Fingerspitzen auf die Granitarbeitsplatte und versuchte, vollkommen lässig rüberzukommen, während er das Netz meiner Lügen zerriss.
»Der zweite Einwand ist jedoch irrelevant«, fuhr Tolliver fort. »Du hast Zugriff auf Millionen und trotzdem wohnst du hier. Wenn du also Drogen verticken würdest, um dein mieses Einkommen im Gesundheitswesen aufzubessern, wäre es egal, wo du wohnst.«
»Ich habe keine Millionen. Dad hat Millionen. Ich habe es auf die nette Tour versucht, habe es geschrien, einen Wutanfall deswegen bekommen, und jetzt sage ich es dir noch einmal mit einem guten Maß an resigniertem Sarkasmus: Ich brauche sein Geld nicht.« Im Gegensatz zu anderen Dämonen.
Dad hörte jedoch ein bisschen schlecht, und seine Unterhaltszahlungen trafen immer noch wöchentlich auf meinem Bankkonto ein. Das ärgerte mich zwar, doch das Extra-Geld war andererseits recht hilfreich. Einen Teil davon überwies ich an die Betreuer meines Exverlobten für die Extras, die er vielleicht brauchte, während ich es mir zur Regel gemacht hatte, den Rest an irgendwelche Wohlfahrtsorganisationen zu spenden. Es war schließlich mein Unterhalt, und ich konnte damit machen, was ich wollte. Und ich wusste, dass es Dad wurmte, wenn ich es an Gruppen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Friedensbewegung gab.
»Bloß bist du jetzt gefeuert und kannst es nicht mehr allein schaffen«, sagte Tolliver. »Ich nehme an, einige Wohltätigkeitsorganisationen werden das Eintreffen von Spenden durch die Heilige Faith, die Wohltätige, schmerzlich vermissen, bis du einen neuen, armseligen Job gefunden hast, mit dem du deine Zeit verschwenden kannst.«
»Ich bin nicht gefeuert. Er hat bloß damit gedroht.« Ich presste meine Fäuste in meinen Rücken. Niemals würde ich mit meinem Haar spielen. Damit verriet ich mich, und das wusste Tolliver. Außerdem tat Lisa schon genug, um ihn misstrauisch zu machen, indem sie sich vor und zurück wiegte wie ein kleines Mädchen bei ihrem ersten Gruselfilm. »Jetzt da er tot ist, sind alle so klug wie zuvor. Ich bin mir sogar sicher, dass ich, wenn ich ein bisschen nachhake, rauskriege, dass Harold die Medikamente selbst hat mitgehen lassen, die ich seiner Meinung nach gestohlen haben soll.«
»Hältst du das wirklich für nötig?« Tolliver fläzte sich auf die Couch, nahm eines von unseren Volantkissen, schnaubte und warf es quer durchs Zimmer. »Ich meine, er ist tot, und du hast immer noch deinen erbärmlichen Sterblichen-Job. Alle kleinen Kinder bekommen rechtzeitig ihre Medizin. Mir scheint, als wäre die Welt in Ordnung. Außer dass ich den mir zustehenden Anteil an Lisas Toten nicht bekommen habe.«
»Sie hat meine Befehle befolgt. Ich habe ihr gesagt, sie solle ihn trockenlegen, und sie musste mir gehorchen.« Er würde sich mit mir jetzt doch nicht übers Protokoll streiten wollen! Oder etwa doch? Der Typ, der die Seele meiner Mitbewohnerin geklaut und dabei an die fünfzig Regeln gebrochen hatte, war scharf auf Formalitäten?
»Hm, ich verstehe. Und warum wolltest du, dass sie ihn trockenlegt, statt einfach nur seine Seele für die Untertanen unseres Vaters zu fangen?« Tolliver richtete seine schwarzen Augen auf mich und presste die Lippen aufeinander.
»Da sie noch keine vollständige Seelenentnahme alleine bewältigt hat, wollte ich sie keine Lernerfahrung machen lassen, die dann schiefgeht. Wie diese Erstklasslehrerin, die du in einen Zombie verwandelt hast.«
»Stimmt.« Tolliver zuckte ungerührt die Achseln. »Miss Hopkins war ein unglücklicher Unfall, aber du hast recht– es ist besser, das Schicksal nicht herauszufordern.«
»Und als niedere Dämonin muss sie tun, was ich ihr befehle, oder?« Jetzt kam ich richtig in Fahrt. Die Zombie-Geschichte hatte ihn in die Defensive gedrängt.
»Ja.«
Er wollte protestieren, doch ich fuhr fort, bevor er etwas sagen konnte: »Wo liegt dann das Problem?«
Er sah aus, als würde er nachdenken, und ein nachdenkender Tolliver war kaum zu ertragen.
Tolliver rutschte auf der Couch herum, wobei er immer wieder die Arme verschränkte und öffnete. Der Gestank von verbranntem Zucker und Schwefel stieg von ihm auf, und gemessen an der Art, wie er sich hin und her wand, machten ihm seine Flügel zu schaffen. Doch er verfügte über ein schreckliches Konkurrenzdenken, und wenn ich meine Flügel nicht zeigte, würde er es auch nicht tun. Es war kein großer Vorteil, aber vielleicht lenkte es ihn zumindest so lange ab, bis ich mich aus der ganzen Harold-Farce herausgeredet hatte.
»Aber es ist üblich, einen Meisterdämon zu fragen, wenn man einen seiner Gefolgsleute für eine Seelenentnahme nutzen will. Und es ist nur höflich, diese Seele dann mir zu geben, damit ich damit machen kann, was ich für das Beste halte.« Er wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. Im Grunde hatte er recht, aber ich brauchte bloß Dad zu rufen, und er wäre in weitaus größeren Schwierigkeiten, weil er Lisa zu einem Dämon gemacht hatte, als ich, weil ich Harold getötet hatte.
»Und warum sollte ich meine Zeit damit verschwenden, mich bei dir einzuschleimen? Lisa ist meine Mitbewohnerin.«
»Weil du mir was für die Seelenentnahme schuldest?«
»Hier.« Ich griff in eine Dose auf der Kochinsel und warf ihm ein Macadamianuss-Cookie zu. »Für deine Unannehmlichkeiten.«
»Oh, meine Lieblingscookies.« Er gluckste und biss gierig hinein. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das als Wiedergutmachung ausreicht. Vielleicht will ich ja stattdessen den Nachbarn?«
»Kommt nicht in Frage.« Niemals würde Dad ihm erlauben, einfach so einem Menschen die Seele zu stehlen. Dafür gab es Regeln. Nicht viele, aber es gab welche. Auch wenn sie ihn nicht davon abgehalten hatten, Lisa in eine Dämonin zu verwandeln.
»Wie wäre es dann mit dem Priester drüben in St. Timothy’s? Du weißt, dass er nichts Gutes im Schilde führt. Und denk mal drüber nach, wie viel Spaß es machen würde, ihn zu piesacken, wenn er erst mal mit dem Abendmahlswein angefangen hat.«
Anders als andere Sterbliche waren Geistliche Freiwild, und Tolliver liebte es, den Säufer, der für St. Timothy’s zuständig war, zu quälen. Diesen armen Priester in den Wahnsinn zu treiben war seine persönliche Mission.
»Kann ich meine Macht gegen ihn einsetzen? Du weißt doch, wie witzig es ist, wenn er ausrastet. Bitte!«
»Sei aber bitte diskret. Jag nicht die Kirche in die Luft, oder lass ihn nicht über die Stadt fliegen, wo ihn jemand sehen könnte. Nichts von alldem.«
»Ach, Schwesterchen!« Tolliver faltete die Hände vor seinem Herzen und wischte sich dann eine imaginäre Träne von der Wange. »Du verletzt mich mit deinem Mangel an Vertrauen. Es würde mir nicht im Traum einfallen, irgendetwas zu tun, was deine Festung zum Einsturz bringen könnte, hier im reizenden… wo sind wir noch mal?«
»In Pittsburgh.«
»Pittsburgh?«
»Ja, Tolliver, wir sind in Pittsburgh.«
»Bist du dir sicher? Warum wohnst du in Pittsburgh?«
»Es gefällt mir hier.«
»Aber es ist kalt hier. Richtig, richtig kalt. Ich mag die Kälte nicht. Und dieses weiße Zeug… wie nennen die das noch mal?«
»Kokain?«
»Schnee?«, schlug Lisa vor.
»Genau.« Tolliver deutete auf sie. »Schnee. Ich hasse Schnee.«
»Welch eine unerwartete, aber freudige Überraschung für mich zu erfahren, dass du mich im Winter nicht besuchen kommst!« Dieses Weichei. Ein Dämonenmeister, der Angst vor ein bisschen Schnee hatte. Wenn bloß die Weight Watchers wüssten, dass der Dämon der Völlerei eine solche Memme war.
»Aber was ist mit diesem anderen Zeug?«, unterbrach Tolliver meine hämischen Gedanken.
Ich zog eine Augenbraue hoch. »Welches andere Zeug?«
»Du weißt schon, das mit dem Ball und dem Stock und dem Eis und der komischen Gesichtsbemalung und dem Helm?«
»Du meinst Eishockey?« Ich drehte mich zur Spüle um und ließ Wasser in den Kessel laufen. Ja, eines Tages würden sich die Weight Watchers bestimmt sehr interessiert mit mir über meinen Bruder unterhalten. Vor allem, wenn ich ihnen erzählte, dass er mit der Kraft seiner Gedanken Fett schmelzen und mit einem Blick den Kaloriengehalt von Lebensmitteln reduzieren konnte. Ich nahm drei Teetassen aus dem Schrank.
»Richtig, Eishockey«, sagte Tolliver.
Statt ihm zu antworten, starrte ich auf den Gasherd und sah zu, wie die Flamme unter dem Kessel aufschoss.
»Du weißt doch, was für ein großer Profisport-Fan Mr. Weißes-Licht-und-Schäfchenwolken ist. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Er letztes Jahr Geld auf die Mannschaft aus Pittsburgh gesetzt hat.«
Ich drehte mich zu ihm um, denn mein Interesse war geweckt. »Das ist nicht dein Ernst? Willst du mir gerade weismachen, der Alpha würde Sportwetten platzieren?«
»Wieso nicht?«
»Welcher Buchmacher nimmt denn schon eine Wette gegen Ihn an? Ich meine, es ist ziemlich offensichtlich, dass Er Einfluss auf den Ausgang des Spiels nehmen kann.« Ich öffnete den Schrank über dem Herd und holte die Schachtel mit dem Kamillentee heraus. Das konnte nicht sein Ernst sein! Also echt, wie würde ein Buchhalter wohl auf diesen Anruf reagieren? »Hallo, entschuldigen Sie bitte! Hier spricht Gott, und ich möchte eine kleine Summe auf das Spiel der Pittsburgh Penguins am nächsten Samstag setzen.«
»Dafür gibt es schließlich Online-Wetten. Er meldet sich an, platziert sein Geld– und bum! Niemand weiß, ob der Kerl, der gewettet hat, der Alpha ist oder Manfred Mustermann. Es ist genial.« Tolliver schlenderte zur Kochinsel herüber und nahm eine Handvoll Cookies aus der Dose. »Und mach mir bloß nichts von dem Zeug. Du weißt, dass ich das nicht vertrage.«
»Du bist völlig verkorkst, und selbst wenn der Alpha an Sportwetten teilnimmt, gefällt es mir hier.« Ich stellte eine Tasse wieder zurück in den Schrank und bereitete den Tee zu.
»Es ist dein Scheiterhaufen, wenn du dich an einem Ort bewegst, an dem Er sich gerne inkognito aufhält. Was passiert, wenn ihr euch zufällig über den Weg lauft? Sagst du dann Hallo und fragst danach, wie das Wetter ist, dort, wo Er herkommt? Das kann ich dir sagen. Es ist wolkig und mit einer großen Wahrscheinlichkeit von Harfenmusik durchdrungen.«
»Darum kümmere ich mich, wenn es passiert. Falls es überhaupt passiert. Im Übrigen war Er jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, sehr freundlich.« Ich drehte mich zur Kochinsel zurück und nahm mir selbst ein Cookie, bevor ich mich auf einen der Tresenstühle niederließ.
»Na ja, nur weil Er und Dad gerade dicke Freunde sind, heißt das ja nicht, dass sich das in Zukunft nicht auch wieder ändern könnte. Und außerdem, wenn der Alpha so toll ist, warum hat Er dann eine ganze Armee von psychotischen Nephilim, die kein anderes Ziel haben, als uns zu töten? Da wir es ja gerade von passiv-aggressiver Geschwisterrivalität hatten…« Tolliver fing an, sich ein Cookie nach dem anderen in den Mund zu schieben. Ich versuchte, nicht zu würgen. Bäh, hatte ihm denn nie jemand gesagt, dass es eklig war, mit vollem Mund zu reden?
»Die Angale sind nicht besonders erfolgreich mit ihren Teufelsaustreibungen, deshalb glaube ich nicht, dass Er viel mit ihnen zu tun hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir längst tot wären, wenn Gott das wirklich wollte. So, und jetzt mach dich zurück auf die Ebene, auf der du existiert hast, bevor du hierhergekommen bist, um mich zu ärgern und meinen Nachbarn die Treppe runterzustoßen.«
»Nö, ich glaub, ich bleib noch ein bisschen. Lisa und ich haben eine ganze Menge nachzuholen.« Er grinste Lisa an und leckte sich über die Lippen.
Na prima, gleich würde ich kotzen.
»Kein Sex unter Dämonen auf dieser Ebene. Dads Regeln. Erinnerst du dich?«
»Dann verziehen wir uns eben auf eine andere Ebene.« Er griff nach einem Cookie.
Ich schlug ihm auf die Hand. »Ich glaube nicht, dass Lisa heute Nacht dazu Lust hat. Ich meine, sie hat heute ihre erste absichtliche Seelenentnahme durchgeführt. Du könntest ein wohlwollender Meister sein und sie in Ruhe lassen.«
»Na schön, nehmt euch die Nacht frei und ruht euch aus.« Er schob die Unterlippe vor, als der Teekessel pfiff. »Ich gehe zurück in die Hölle und komme morgen wieder, wenn es in meinen sehr engen Terminplan passt.«
»Warum kommst du morgen nicht zum Mittagessen vorbei?« Ich zwinkerte Lisa zu und glitt vom Stuhl, um unser heißes Wasser zu holen. Sie hatte morgen Tagesschicht in der hiesigen Stadtteil-Ambulanz und würde deshalb nicht zu Hause sein. Und ich wusste, dass Tolliver nicht nach ihr suchen würde. Beim Anblick von Blut wurde ihm schwindelig. Wie ich bereits sagte: totales Weichei.
»Nur wenn es auch Cookies gibt.«
»Es wird Cookies geben.«
»Und kein Gemüse. Du weißt ja, was ich von Gemüse halte. Ungesundes Zeug.«
»Kein Gemüse.«
»Gut.« Tolliver nickte, schnippte mit den Fingern und verschwand mit einem leisen Ploppen aus meinem Wohnzimmer.
»Puh, das war knapp«, sagte Lisa.
Tolliver erschien wieder im Zimmer.
Mir klappte die Kinnlade runter. Was zum Teufel wollte er denn noch?
»Findest du nicht, dass es komisch ist, dass dein Nachbar den Luftzug gespürt hat, als ich an ihm vorbei bin?«
Der Cookie, den ich gerade in den Fingern hielt, rutschte mir aus der Hand und fiel zu Boden.
»Und ich bin mir sicher, dass ich eine Reaktion bei ihm bemerkt habe, als Malachi etwas sagte. Das sollten sie nicht tun, nicht wahr?«
»Nein, das sollten sie nicht.« Ich versuchte ruhig zu bleiben, aber mein Inneres brannte mehr als damals, als ich in der Schwesternschule ein falsches, positives Ergebnis auf einen Schwangerschaftstest bekommen hatte. Tolliver hatte recht. Menschen sollten unsere Anwesenheit auf keinerlei Art bemerken, es sei denn, wir entschieden uns selbst dafür, für sie sichtbar zu sein. Wenn Matt tatsächlich gespürt hatte, wie Tolliver an ihm vorbeischwebte, hieß das, dass wir alle in einer ziemlich heiklen Situation waren.
»Hm, muss wohl ein Zufall gewesen sein.« Tolliver schnippte mit den Fingern und verschwand. Dieses Mal hoffentlich für immer.
»Sehr wahrscheinlich nicht«, sagte ich mit Blick auf die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte. Irgendetwas stimmte definitiv nicht mit meinem Nachbarn.
Eine tiefe Stimme erklang neben dem Herd. »Das habe ich mir auch schon gedacht.«
Ich wirbelte herum und starrte meinen ehemaligen Boss an. Der eigentlich tot sein und im Container für Biomüll stecken sollte. »Was willst du denn hier? Du bist tot.«
»Irgendwas stimmt nicht mit dem Papierkram.« Harold schwebte sich drehend um die Kochinsel herum. »Offenbar hat mich niemand erwartet.«
»Und was willst du dann hier?«
»Spuken natürlich«, antwortete er. »Was sollte ich sonst machen? Du hast mich töten lassen.«
»Hab ich nicht.« Ich winkte mit der Hand in Lisas Richtung. »Sie hat das aus freien Stücken gemacht.«
»Ja, hab ich«, stimmte sie zu. »Tut mir übrigens leid. Ich wollte dich eigentlich nicht, du weißt schon, umbringen.«
»Du musst gehen«, sagte ich. »Sofort. Ich will nicht auch noch einen Geist hier rumhängen haben. Mein Leben ist so schon kompliziert genug.«
»Du wirst mich noch brauchen.« Harold schwebte zu der Keksdose. »Sind das Macadamianuss-Cookies? Ach, wie ich deine Macadamianuss-Cookies geliebt habe! Nur dass ich sie jetzt nicht mehr wirklich schmecken kann.«
»Ja, das sind welche, und nein, ich werde dich nicht brauchen.«
»Wirst du doch«, erwiderte Harold. »Wie ich der kleinen Miss Mörder da drüben zu erklären versucht habe, bevor sie sich all ihre Kleider auszog und auf meinen Schoß kletterte… Der Typ, der dich andauernd verfolgt, ist wirklich unheimlich.«
»Was für ein Typ?« Ich schaute zwischen Harolds Geist und Lisa hin und her. Er hatte mich gebeten, noch einmal zu ihm ins Büro zu kommen, bevor ich nach Hause ging, doch ich war aufgehalten worden. Als ich es schließlich dorthin geschafft hatte, hatte Lisa ihn bereits in einen schnellen Happen verwandelt. Hatte er mich wegen etwas anderem sprechen wollen als der Beschwerde bei der Personalabteilung oder der fehlenden Medikamente, über die ich am Morgen Meldung gemacht hatte?
»Lass gut sein.« Harold schnaubte. »Es ist ziemlich unhöflich von dir, mich vorzeitig in den ewigen Ruhestand zu schicken und dann nicht mal so lange mit mir plaudern zu wollen, bis sie meinen Papierkram erledigt haben.«
»Harold, was für ein unheimlicher Typ?«, wiederholte ich.
Er verschwand, ohne sich die Mühe zu machen, mir zu antworten.
Scheiße. Meine Nacht wurde immer besser.
3
»Ich hab alle Cookies gegessen und das Geschirr zerschlagen«, plärrte mein Radiowecker um kurz nach sieben am nächsten Morgen. »Ich hab alle Hündchen gekillt und den Mann…«
»Tolliver!« Ich zog mir die Decke über den Kopf, rollte mich auf den Bauch und versuchte, mein Gesicht in den Kissen zu vergraben. Niemand außer meinem Bruder würde mein Radio auf EVIL 110.2 einstellen, den höllischen Piratensender für Dämonen auf der menschlichen Ebene. Die entscheidende Frage aber war: Wann um alles in der Welt war der Idiot in meinem Zimmer gewesen? Und warum?
»Verdammt, jetzt bin ich wach.« Ich rollte mich auf den Rücken und starrte an die Decke. Alle Gedanken daran, wieder einschlafen zu können, waren jedoch zerstört. Ich schwang die Beine seitlich aus dem Bett und stand auf, reckte die Arme über dem Kopf und breitete auch die Flügel aus. Der linke stieß gegen meine Kommode, und ein Parfümfläschchen wackelte. »Und ich hab Hunger.«
Ich rieb mir die Augen, taumelte zu meinem Kleiderschrank und griff mir eine graue Jogginghose und ein weißes Baumwoll-T-Shirt oben vom Stapel. Zum Teufel mit der Eleganz! Ich hatte Urlaub und fest vor, diesen auf der Couch zu verbringen. Als ich angezogen war, schlurfte ich in den Flur und klopfte an Lisas Tür. Wir konnten gemeinsam frühstücken, bevor sie zu ihrer Schicht aufbrach.
»Ja?« Ihre Stimme klang gedämpft, und ich vermutete, dass sie mit dem Gesicht im Kissen wieder einzuschlafen versuchte.
»Tolliver hat meinen Wecker gestellt.« Ich lehnte den Kopf an die Tür, gähnte und stellte mir vor, wie es wohl wäre, im Stehen zu schlafen.
»Hm-hm?«
»Wie wär’s mit Kaffee und Plundergebäck?«
»Gehst du sowieso raus?«
»Ja. Wir haben nichts im Haus außer dem Mehrkornmüsli, das wir vor gut drei Monaten gekauft haben, weil wir uns endlich gesund ernähren wollten. Na ja, aber du weißt ja, was ich von gesundem Frühstück halte.«
»Ich weiß, ich weiß. Die wenigen Fettkalorien machen deine Flügelfedern stumpf.«
»Willst du, dass ich Frühstück hole und dich so lange schlafen lasse?«
»Würdest du das tun?«
»Klar. Ist ja nicht so, dass du mir etwas schuldig wärst, nachdem ich dir gestern Abend den Arsch gerettet habe. Nein, nein, ich geh schon– allein– und hole Kaffee und Plundergebäck. Du ruhst dich aus. Nimm deinen Schönheitsschlaf. Macht mir nichts aus. Aber bitte, erlaube mir, einem Mitglied der königlichen Familie der Hölle, dir, einer Sukkubus-Azubine, Frühstück ans Bett zu bringen. Nein, nein, wirklich, ich mach das gerne.«
»Ich liebe dich.«
Ich nahm mein Portemonnaie und öffnete die Tür. Das Wetter war gut, deshalb beschloss ich, die sechs Blocks bis zum Coffee-Shop unseres Vertrauens zu laufen. Mit dem Auto würde ich länger brauchen, und Teleportieren war heute Morgen zu beschwerlich.
Ein paar Minuten später atmete ich das himmlische Aroma von frischen Teilchen und Kaffee ein.
»Morgen, Faith.« Stephen, der attraktive blonde Mitinhaber Schrägstrich Barista winkte mir von hinter dem Tresen zu. Er fuhr mit einem Wischlappen über die Oberseite der Verkaufsvitrine und warf das Stück Stoff schließlich in die Spüle. Seine Muskeln spielten unter seinem Pittsburgh-Marathon-T-Shirt, und ich fragte mich, wie er eine Bäckerei besitzen und trotzdem kein einziges Gramm Fett an seinem stattlichen Körper haben konnte. Ich wäre ein Fettsack, wenn ich seinen Job hätte. Er musste einen Weg gefunden haben, um Zucker und Schokolade direkt in Muskelmasse zu verwandeln, behielt sein Geheimnis aber schön für sich. »Hat Lisa dich wieder zum Frühstückholen geschickt?«
»Ja. Du weißt ja, wie sie morgens drauf ist. Also, mit welchen leckeren Spezialitäten hat deine Mom denn heute die Vitrine gefüllt?«
»Hm, sie hatte definitiv Schokolade im Kopf.« Er wischte sich die Hände an einem trockenen Tuch ab und warf es auf die Arbeitsplatte hinter ihm, bevor er sich mit den Ellenbogen auf den Tresen stützte und mich kokett anlächelte. »Wir haben Pain de chocolat, mit Schokolade gefüllte Blätterteigzöpfe, Schokodonuts mit Vanillefüllung, und im Augenblick arbeitet sie noch an Schoko-Himbeer-Törtchen. Als Kaffee-Spezialität empfehlen wir heute Maya-Mokka mit Zimt und mexikanischer Vanille, gemischt mit dunklem Schokosirup. Aber wenn das alles nicht nach deinem Geschmack ist, gib mir einfach zwanzig Minuten Zeit, und ich schmelze ein wenig Schokolade, die wir dann zu mir nach Hause mitnehmen können.«
Mein Magen knurrte so laut, dass Stephen ihn hören musste. »Ooh, sie hat wirklich nur Schokolade im Kopf. Und nein, du kannst nicht einfach den Laden dichtmachen, um mit Schoko-Fingerfarbe zu spielen.«
»Du darfst es mir nicht verübeln, dass ich es immer wieder versuche. Wie wäre es damit? Ich glaube, ich bekomme Fieber. Und ich habe schrecklichen Husten. Willst du dafür sorgen, dass ich mich wieder besser fühle?«
»Du siehst gesund aus. Außerdem möchte ich deine Groupies nicht verärgern. Ich bin nämlich schrecklich besitzergreifend.«
»Zum Teufel mit den Groupies.«
»Ich bin mir sicher, dass sie auf was anderes hoffen.« Die Frauen strömten nur so zu Churresco’s Coffee and Sweets, um den ehemaligen Penguins-Spieler zu bestaunen, der dort hinterm Tresen stand, doch jede mit ein bisschen Verstand kehrte vor allem wegen der Gebäckteilchen seiner Mutter dorthin zurück. Die waren so gut, dass Leute sogar ihre Seelen dafür verkauften. Kein Scherz, ein Inkubus aus der Gegend hatte sie benutzt, um Frauen in seine teuflische Umarmung zu locken. Das nenne ich mal eine Marketingstrategie. »Also, wenn du jetzt fertig bist mit Süßholzraspeln, hätte ich gerne zwei Stückchen vom Pain de chocolat und zwei große Spezial-Kaffee.«
»Dann wirst du ab jetzt auch nur noch Schokolade im Kopf haben.«
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