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Ein Vater und seine Tochter. Zwei Leben in getrennten Welten. Der Vater in Australien, die Tochter in Deutschland. Eine Begegnung scheint unmöglich, bis es nach dreißig Jahren zu einem ersten Kontakt kommt. Die Tochter, Hanna, unsicher und auf der Suche nach Orientierung, erfährt zum ersten Mal etwas über die Lebensumstände ihrer Eltern während der Anti-AKW-Bewegung in Deutschland - noch aus der Zeit vor ihrer Geburt. Das lange Verschweigen der Identität des Vaters hat über die Jahre zu einer starken Belastung zwischen Hanna und ihrer Mutter geführt. Nun, mit dem Erscheinen des Vaters, steht für Hanna alles in Frage.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Friederike
Wolfgang Hahn
Zur fraglichen Zeit
Roman
Auflage 2021
Copyright © 2021 by Wolfgang Hahn
Umschlaggestaltung/Umschlagbild: © Wolfgang Hahn, „Die Feuertreppe“, Öl auf Leinwand, 2012
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg 42, 22359 Hamburg
978-3-347-38462-0 (Paperback)
978-3-347-38463-7 (Hardcover)
978-3-347-38464-4 (e-Book)
Das Werk ist, einschließlich seiner Teile, urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Hanna sah, wie sich die gespaltene Zungenspitze einer Brechstange den Weg in den Flur bahnte und zwischen Tür und Rahmen einen bizarren Tanz aufführte.
1. Kapitel
Unter das morgendliche Gezwitscher der Vögel, das durch das angekippte Küchenfenster drang, mischte sich immer deutlicher das Geräusch eines sich nähernden Autos und brach schließlich abrupt ab. Georg öffnete die Fliegentür und trat auf die schattige Veranda hinaus. Was sich schon vor Minuten angekündigt hatte und nun im Schatten verschnaufte, war das wohl mit Abstand rostigste Auto zwischen Sydney und Darwin.
Georg warf einen flüchtigen Blick über die Ladefläche des Pick-ups. Dort lag schon alles bereit, das Bündel Angelruten mit ihren chromblitzenden Rollen, Eimer, Kescher und natürlich auch der blaue Metallkoffer mit Ködern, Spinnern, Löffeln und Wobblern, mit Blei und Posen. Einige Male waren sie nun schon gemeinsam am Fluss gewesen, weil Frank sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn in die Kunst des Angelns einzuweihen. Eben streckte Frank das sonnengebräunte Gesicht durch das offene Seitenfenster und blinzelte zu ihm herauf.
„Was ist los alter Mann, kommst du etwa nicht mit?“
Georg sprang in zwei gewagten Sätzen die Stufen von der Veranda herab und eilte ans Gartentor.
„Larry rief gestern spät noch an. Er bat mich, unbedingt bei ihm vorbeizukommen.“
Frank legte den Kopf etwas schief und schürzte die Lippen.
“Ich komme später nach”, versprach ihm Georg.
Frank zog den Kopf wieder ein, setzte sich hinter dem Lenkrad zurecht und hob zum Abschied kurz den Zeigefinger an die fleckige Schirmmütze. Georg blieb noch einen Moment am Zaun stehen und konnte sehen, wie Frank ungeduldig am Zündschloss hantierte. Der Motor sprang widerwillig an, hustete ein paar Mal und setzte sich dann in Bewegung.
Georg beeilte sich, auf die Veranda zurückzukommen, um den Moment nicht zu verpassen, wenn Franks Pick-up in der Senke verschwand und Augenblicke später an unerwarteter Stelle wieder ans Tageslicht kroch. Bei diesem kleinen Schauspiel musste er immer an den Tag vor bald fünfundzwanzig Jahren denken, diesen denkwürdigen Tag, an dem Frank ihn bis hierher verschleppt hatte, bis vor die morschen Stufen der Veranda.
Ohne viele Worte zu machen hatte Frank ihn damals am Flussufer aufgelesen und ihn nach einer halsbrecherischen Fahrt kreuz und quer durch das flimmernde Outback hier abgesetzt. Gleich darauf war er, mit dem knappen Hinweis, die Tür sei nicht verschlossen, wieder davongerast. Georg hatte eine Weile unschlüssig dagestanden, in der sengenden Hitze, und ungläubig dem Auto nachblickt, das eine glitzernde rotbraune Staubwolke hinter sich herzog. Als von Frank und dem Auto schon lange nichts mehr zu sehen war und kaum noch Hoffnung bestand, dass er doch wieder zurückkäme, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien, hatte er sich widerwillig dem Haus zugewandt.
Aus einer Autofelge ragte eine rostige Eisenstange, an deren Spitze ein Blechschild mit schreiend roten Lettern FOR SALE skandierte, und darunter, eben noch lesbar, eine Telefonnummer, die vielleicht sogar noch stimmte.
Das Haus hatte ihn fremd und stumm aus seinen staubblinden Scheiben angeblickt; die Fensterläden windschief in ihren Angeln, die Farbe, wo sie noch nicht gänzlich abgeblättert war, schälte und schuppte sich über dem Holz – wie nach einem heftigen Sonnenbrand.
Von der Hitze im Auto ermüdet und noch immer unter dem Eindruck der ungestümen Fahrt durch das wilde Grasland, stieg Georg die knarzenden Bretter zur Veranda hinauf und stieß die Fliegentür auf, deren Netz in Fetzen hing. Drinnen empfing ihn der modrige Geruch von feuchtem, wurmstichigem Holz mit einer stechenden Note darin, die auf den Einzug neuer Bewohner hindeutete, die es hoffentlich vorziehen würden, einer Begegnung mit ihm aus dem Wege zu gehen.
Vom Flur aus bog er nach rechts ab und trat in den Raum ein, wo Ruß und Brandspuren bezeugten, dass hier einmal Herd und Ofen gestanden hatten. Das Ofenloch war notdürftig mit Zeitungspapier verstopft und die vergilbten Reste einer geblümten Tapete wellten sich über die Wände.
Das Wenige, was an Spuren früheren Lebens noch übrig war, reizte seine Phantasie; und er begann, sich das lebendige Treiben auszumalen, das sich hier einmal abgespielt haben mochte. Diese kargen, armseligen Krümel und Scherben der Vergangenheit weckten in ihm eine Ahnung von der Behaglichkeit, die das Haus seinen Bewohnern wohl einmal bereitet hatte. Und die raschelnde Stille war gar nicht der Klang trostloser Einsamkeit, sondern ein flüsterndes Versprechen auf Geborgenheit.
Georg war ins Träumen geraten, sodass er den Moment beinahe verpasst hätte, weswegen er sich beeilt hatte, so schnell wieder auf die Veranda zurückzukommen, und wurde eben noch Zeuge, wie Franks Auto sich wie ein dicker brauner Käfer aus der Senke herauszuschälen begann.
Larrys Geheimniskrämerei! Wenn Larry ihm jedenfalls gesagt hätte, worum es sich handelte. Georg blieb einen Augenblick vor dem Flurspiegel stehen und fuhr sich mit den Fingerspitzen über die grauen Bartstoppeln. Zum Rasieren war jetzt keine Zeit mehr; das würde ihn doch nur aufhalten. Mit versteinerter Miene sprach er halblaut sein Spiegelbild an: „Du bist ein Idiot, Georg Koslowski.“ Im Gehen warf er noch einen flüchtigen Blick in die Küche, auf den krümeligen Tisch mit der aufgeschlagenen Zeitung und Rosannas und seinem Frühstücksgeschirr. Das konnte wohl warten.
Georg stutzte etwas, als er die Tür zur Frisierstube sperrangelweit geöffnet fand; von Larry selbst war jedenfalls nichts zu sehen. Der kleine Raum atmete die andächtige Ruhe einer sonntäglichen Kapelle. Links der Eingangstür stand dösend und vereinsamt der klobige Frisierstuhl, dahinter hing, die ganze Breite der Wand überspannend, der Spiegel im schmucklosen Holzrahmen. Auf dem Kassentisch thronte großväterlich die schwarze Registrierkasse. Zu ihren Füßen duckte sich ein weiß getünchter Holzschemel, von wo ein Bouquet roter und gelber Rosen seinen schweren Duft in das Zimmer verströmte. Soweit schien die Welt hier drinnen fest in ihren Angeln. Die Rosen gehörten dazu. Nur, dass Larry sich nicht blicken ließ, war ungewöhnlich.
Georg überlegte, wie er dezent auf sich aufmerksam machen könnte, als er hinter sich Schritte vernahm. Er behielt die Wand hinter dem Kassentisch im Auge, wo ein Vorhang bis zum Boden herabfiel. Der schwere schwarze Stoff bauschte sich, und Larry trat hervor. Als er Georg erblickte, glitt ein heiteres Lächeln über sein rundes, rotwangiges Gesicht.
„Georg! Schön, dass du Zeit hattest. Aber setz dich doch. Kaffee?“
Georg blieb kaum Zeit zu antworten, so schnell war Larry wieder verschwunden. Was immer auch der Grund war, weshalb er ihn herzukommen gebeten hatte, der alte Knabe schien jedenfalls bei bester Gesundheit und durch nichts bedrückt oder verstimmt zu sein. Von seinen Befürchtungen erlöst, es könnte sich hier heute Morgen um einen unangenehmen Anlass handeln, ließ sich Georg erleichtert in den schweren Frisierstuhl sinken, ein knarrendes, unverrückbares Möbel, das Larry, wie all das übrige Inventar, vor Jahren von seinem Vater übernommen hatte. Georg betrachtete das leuchtende Blumengebinde und strich verträumt mit den Fingerspitzen über das glatte Rindsleder; die Armlehnen waren abgegriffen, und wo die Hände zu liegen kamen, speckig und beinahe schon schwarz geworden.
Larry kehrte mit einer duftenden Tasse Kaffee in der Hand in den Salon zurück und stellte sie neben Georg auf die schmale Holzablage unter dem Spiegel.
„Zucker“, murmelte er. „Ich habe den Zucker vergessen, bin gleich zurück.“
Augenblicke später war nebenan geschäftiges Geschirrklappern zu hören und auch Stimmen. Georg schmunzelte bei dem Gedanken, sein Freund könne womöglich Selbstgespräche führen. Amüsiert drehte er einige Runden im Frisierstuhl und blickte dann in den breiten Spiegel vor sich. Ein kühler Luftstrom kitzelte seinen Nacken. Die Eingangstür stand noch immer sperrangelweit offen, und die Straßengeräusche drangen ungefiltert an sein Ohr. Von Ferne war fröhliches Treiben zu hören, wildes Getrappel und Kinderlachen, über das sich Einhalt gebietend das schrille Lärmen einer Schulglocke erhob. Während die Geräusche allmählich erstarben, und nur noch das schnelle Trippeln einiger Nachzügler zu vernehmen war, hielt Georg unbeirrt die Tür im Auge, in deren Glas sich die gegenüberliegende Häuserzeile, und sogar, wie er überrascht feststellte, auch die Eingangstür zu Rosannas Gästehaus spiegelte. Der Anblick der grünen Tür mit dem glänzenden Türknauf aus Messing weckte spitzbübische Neugier in ihm; er spürte ein Kribbeln, das sich von den Kniekehlen bis zu seinen Fingerspitzen ausbreitete. Er wünschte inständig, die Tür möge sich öffnen und Rosanna käme herausspaziert, was aber wohl nicht sehr wahrscheinlich war; nein, sicher war sie noch gar nicht wieder vom Markt zurück; auch das Auto war nirgends zu entdecken.Somit konnte er wenigstens für jeden Augenblick damit rechnen, dass sie angebraust käme. Wie gewohnt würde sie vor der Pension parken, die Einkäufe von der Rückbank nehmen, mit Körben und Taschen bepackt eilig die zwei Stufen zum Eingang hinaufsteigen und mit der Schulter die schwere Holztür aufschieben. Vielleicht käme auch eines der Zimmermädchen hinzu, die Tür für sie aufzuhalten und ihr mit den Taschen und Körben behilflich zu sein, die bis über den Rand gefüllt waren, mit frischem Gemüse und Obst, duftenden Gartenkräutern und exotischen Gewürzen, all den Zutaten, die sie zum Kochen für ihre Gäste benötigte.
Georg lauschte angestrengt in die morgendliche Stille, ob nicht Motorengeräusche Rosannas Ankunft bereits ankündigten, doch es blieb still. Das schrille Läuten der Schulglocke war lange verklungen und hatte, wie es schien, alle Geräusche in sich hineingezogen und unter sich erstickt. Nicht einmal das Zwitschern eines Vogels war zu hören. Stattdessen wurde es im Haus über ihm lebendig, Treppenstiegen knarrten und Augenblicke später schob sich erneut der Vorhang zur Seite, und zu Georgs Überraschung erschien eine junge Frau im leichten Sommerkleid, bevor auch Larry wieder auftauchte. Sie war um die Dreißig und ihre rosigen Wangen und ihr wacher Blick wirkten frisch und gesund.
Was genau war hier eigentlich los? musste Georg sich fragen. Larry selbst stand da wie ein Spazierstock und wie Georg erst jetzt bemerkte: im feinen Sonntagsstaat! Warum war ihm das nicht gleich aufgefallen? Larry trug bei der Arbeit für gewöhnlich ja keinen Anzug. Georg wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er fuhr herum und beeilte sich, aus seinem klobigen Sitzmöbel herauszuklettern und hätte dabei noch um ein Haar seine Tasse umgeworfen. Larry starrte ihn dabei unentwegt durch seine dicken Brillengläser an, und seine kurzen fleischigen Finger spielten nervös auf dem Zuckerstreuer.
„Also“, begann Larry zögerlich, „darf ich bekannt machen? Nancy, meine Nichte.“
Im Anschluss an die etwas mühsam hervorgekramten Worte, machte Larry eine kleine, nickende Bewegung, zur eigenen Bestätigung wohl, dass er hier keinen Unsinn redete.
„Und das, Nancy", er räusperte sich nervös und blickte seine Nichte scheu von der Seite her an, „das ist Georg, mein guter alter Freund.“
Nancy tat einen winzigen Schritt auf Georg zu und reichte ihm lächelnd die Hand.
„Ich wusste gar nicht, dass du eine Nichte hast.“
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, Georg, wie überrascht ich war. Vor zwei Tagen erst rief Nancy mich an, und sie sagte, sie wolle herkommen und … Wir haben uns das letzte Mal gesehen, da war Nancy erst vier oder fünf …“.
Larry kam ins Stocken, aber Nancy fing sogleich seinen hilflosen Blick auf und nickte eifrig.
„Ja, das stimmt“, pflichtete sie ihrem Onkel bei, „aber daran erinnere ich mich auch gar nicht mehr so genau. Eigentlich haben wir uns ja erst jetzt richtig kennengelernt …“
Wie ihr Onkel, schien auch Nancy ein wenig nervös zu sein, sicher hatte sich etwas von Larrys Anspannung auf sie übertragen, und so zwang es sie plötzlich zum Lachen, und sie lachte einfach frisch drauflos. Larry und Georg mussten ebenfalls lachen, und im Anschluss entstand eine kleine Pause. Larry begann mit den Augen den Fliesenboden abzusuchen, und auch Nancy ließ den Blick im Raum umherwandern. Georg fühlte sich ein kleines bisschen überflüssig und drehte sich zu seiner Tasse Kaffee um.
Die beiden kämen hier wohl auch ganz gut ohne ihn zurecht, ging es ihm durch den Sinn. Es war noch früher Morgen, noch nicht zu spät für den Fluss. Frank hatte sicherlich schon das Angelgeschirr von der Pritsche geladen und vielleicht auch schon den ersten Köder über dem noch dunstigen Fluss ausgeworfen. Das war immer der schönste Moment, wenn die Angelschnur sich zwischen den Nebelschwaden verlor, unter denen der Fluss sich wie ein lebendiges, glucksendes Wesen verbarg.
Während Georg mechanisch den Zucker in die Tasse rieseln ließ, musterte er Larry und seine Nichte im Spiegel. Nancy hatte eben damit begonnen, einige Fläschchen und Dosen auf den Regalen zu ordnen, und Larry verfolgte aufmerksam jede einzelne ihrer grazilen Bewegungen. Sie trug ein ärmelloses nachtblaues Kleid, das mit weißen Orchideen bedruckt war. Um ihre schlanke Taille zog sich ein sehr schmales weißes Band. Dreißig! Dreißig Jahre … ja, so alt war sie wohl inzwischen … wie schnell doch die Zeit vergangen war, seit damals …
Plötzlich hörte Georg Larrys Stimme hinter sich und zuckte erschrocken zusammen. Georg sah, dass er den halben Zuckerstreuer auf den Boden entleert hatte, und spürte augenblicklich die aufwallende Glut auf seinen Wangen. Als er sich umwandte, war Nancy nirgends zu sehen. Nur Larry stand da, zwischen Kasse und Eingangstür, und musterte ihn fragend über den Rand seiner Brille hinweg. Von draußen waren Stimmen zu hören; Frauenstimmen! Durch das milchige Glas des Ladenfensters konnte er verschwommen Nancys Silhouette erahnen, und er hörte ihre helle, zwitschernde Stimme. Zu wem die andere Stimme gehörte, war schnell erraten. Der Klang von Rosannas heiserem Alt war ihm so vertraut, er hätte sie gewiss noch aus einem hundertstimmigen Chor herausgehört. Ja richtig, sie wusste natürlich, dass er hier war, er hatte ihr ja selbst von Larrys Anruf gestern Abend berichtet. Mit einem Mal überfiel ihn das beklemmende Gefühl, in der Falle zu sitzen.
Und Larry? Der Gute schien ganz und gar beseelt von seinem Wiedersehen mit seiner Nichte. Natürlich dachte er jetzt auch nicht daran, den Zucker aufzufegen. Er stand einfach nur da, starrte verzückt auf die Fliesen, auf denen die Zuckerkrümel wie Diamantsplitter glitzerten, und fuhr sich von Zeit zu Zeit mit der Hand über den feuchten Nacken. Schließlich hob er langsam den Kopf.
„Georg“, hob er an „Georg, Menschenskind. Als Nancy mich anrief, da habe ich natürlich gleich an dich denken müssen.“
Larry hob seitlich ein wenig die Arme und ließ sie wieder fallen.
„Machen wir uns doch nichts vor, Georg, wir sind alt; wir müssen die wenige Zeit, die uns noch bleibt im Leben, doch nutzen!"
Über Larrys rundes Gesicht huschte ein mildes Lächeln.
„Meinst du nicht auch, du könntest …?“
Mit drei Sprüngen war Georg an der offenen Ladentür und auch schon auf der Straße. Er stürmte los, blindlings, ohne sich auch nur flüchtig nach den beiden Frauen auf dem Gehsteig umzublicken; dabei meinte er deutlich, Rosannas erstaunten Blick in seinem Rücken zu spüren, und es sträubten sich ihm die Nackenhaare.
Zu Hause angekommen stieg er verschwitzt die Stufen zur Veranda hinauf und ließ sich leer und erschöpft auf die Bank neben der Fliegentür sinken. Er saß nur da und wartete darauf, dass sein Herzschlag ruhiger wurde. Ein Schwarm Bilder schwirrte in seinem Kopf umher, ein wildes Durcheinander von Farben und Stimmen, und es brauchte einige Zeit, das kreisende Karussell zu verlangsamen, bis es ihm gelang, die ersten Gedanken festzuhalten.
Larry traf natürlich keine Schuld. Eine völlig harmlose Begegnung – und dann so ein Chaos! Wer sollte ahnen, dass ihn das so hart treffen würde? Nach so langer Zeit.
Sein Traumbild heute Morgen und Nancys geblümtes Kleid gehörten wohl irgendwie zusammen. Während der Zucker auf den Boden gerieselt war, hatte er in einen Garten geblickt, einen Garten voll schneeweißer Orchideen; in einem wogenden weißen Blütenmeer war sie ihm erschienen. Hanna! Noch bevor er ihre Gestalt richtig erkennen konnte, verblasste sie auch schon wieder, löste sich auf – wie ein Nebelstreif im ersten Sonnenlicht.
Nüchtern betrachtet war es nur ein hinterlistiger Streich gewesen, den ihm sein Gehirn gespielt hatte. Sein Unterbewusstsein hatte offenbar eine Vorliebe für Kitsch, für blumige Gartenmotive; ein geblümtes Kleid genügte und schon ging alles drunter und drüber. Wäre er doch nur nicht weggelaufen! Er spürte erneut die Hitze in sich aufwallen.
Rosanna würde es wohl bei einer Anspielung auf seine Flucht bewenden lassen. Er hatte nicht vor, ihr etwas über seinen Tagtraum zu erzählen. Aber es wäre eine Gelegenheit, doch einmal wieder über Hanna zu sprechen.
Überhaupt – Hanna!
Unwillkürlich blickte er zum Briefkasten hinüber. Wie damals. Den letzten Brief hatte er ihr zum achtzehnten Geburtstag geschickt, danach hatte er es aufgegeben; nicht mehr geschrieben. Die Jahre, in denen Rosanna ihm immer wieder geholfen und immer wieder Mut gemacht hatte; die vielen Jahre …
Das kleine Mädchen, an das er damals geschrieben und dem er gepresste Blütenblätter in die Briefumschläge gesteckt hatte – sie war doch schließlich erwachsen geworden.
Und dann sein Entschluss, nicht mehr zu schreiben. Was folgte, war entsetzlich. Die ersten Wochen und Monate, zermürbender, schlimmer als alles zuvor, seine Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung. Er war vollkommen durcheinander gewesen, verlor im Gespräch oftmals den Faden, war zerstreut. Rosanna ahnte sicherlich, was mit ihm los war. Sie bekam es ja hautnah mit. Sie ertrug sein stummes Brüten, machte ihm keinerlei Vorwürfe, selbst wenn er ihr so manches Mal die Antwort schuldig blieb. Ja, Rosanna hatte auch gelitten. Wie sehr, das wusste nur sie allein. Sie hatte es ihm nie gesagt. Und er hatte nicht gefragt.
Im Verlauf der Jahre wurde es besser, seine Selbstprüfungen immer seltener. Der Gedanke daran, dass er eine Tochter hatte, wurde allmählich zur bloßen Fiktion. Dennoch wünschte er sich all die Jahre hindurch nichts sehnlicher, als sie einmal in die Arme schließen zu dürfen; in seinem Herzen hatte er sich nie von ihr gelöst. Genau das war ihm heute einmal mehr bewusst geworden, es war der Sinn seines Traumbilds an diesem Morgen: der Traum von seiner Tochter.
2. Kapitel
Es war einer der letzten Märztage. An den Zweigen der Platanen glänzten die schweren Tropfen des nächtlichen Regens und fielen mit lautem Knall auf die Planen der Marktstände herab. Schlammige Pfützen zwischen den Buden nötigten die Marktbesucher zu Umwegen. Der feuchte, dampfende Asphalt blendete wie ein Spiegel, und Hanna bereute sogleich, ihre Sonnenbrille nicht eingesteckt zu haben.
Ihr Blick fiel eher zufällig auf die Fahrradständer am Eingang zum Wochenmarkt. Ein Junge zog etwas unter seiner Jacke hervor, das kurz im Sonnenlicht aufblitzte. Dann ging alles sehr schnell. Das Etwas entpuppte sich als Seitenschneider, mit dem der Junge geschickt die Glieder eines Fahrradschlosses sprengte, sich in den Sattel schwang und mit kräftigen Stößen in die Pedale davonjagte.
„Unglaublich“, sprach Hanna vor sich hin.
„Wie bitte?“
„Unglaublich“, wiederholte sie, diesmal lauter, sodass die Mutter, die nun ebenfalls stehengeblieben war, sie über die Marktschreier hinweg verstehen konnte.
„Was ist unglaublich?“
„Na, wie dieser kleine Galgenstrick da eben das Fahrrad geknackt hat.“
Die Mutter blickte fragend in die Richtung, die Hanna ihr mit dem Finger wies.
„Dort, am Fahrradständer!“, brach es im lauten Stakkato aus Hanna hervor. Fast hätte sie geschrien. Sie dachte daran, weiterzugehen – ohne die Mutter. Sie einfach hier stehen lassen, sie, die nichts mitbekam, nie! Die Gott weiß wo mit ihren Gedanken war.
„Schau doch mal, die Orangen dort, Mama!“ Und ohne lange abzuwarten, schritt sie angriffslustig auf den Stand mit den leuchtenden Früchten los.
Eine eisige Windböe fuhr peitschend in die knatternden Gummiplanen der Marktstände, machte den Pfützen eine Gänsehaut und riss dann jäh, unter hellem Klingeln, eine Reihe Fahrräder um. Im nächsten Augenblick herrschte wieder Weltfrieden, der Marktplatz lag völlig ruhig und sonnig da, und Hanna fühlte sich mit einem Mal emporgehoben von einer Welle fataler Gleichgültigkeit. Glasklar sah sie alles vor sich: die Marktverkäufer, die mit ihrem heiseren Rufen nicht einfach nur ihre Früchte feilboten, sondern den schönen Tag lobten und priesen. Ihre Stimmen klangen ja bei allem Eifer überaus heiter und feierlich, wie der überschwängliche Jubel eines Geburtstagsliedes. Ihr Geburtstag! Aber diesmal verwirrte sie der Gedanke daran nicht so sehr wie in der vergangenen Nacht, als sie darüber aufgewacht war und nicht wieder hatte einschlafen können. Es war albern gewesen, sich darüber so verrückt zu machen und die halbe Nacht grübelnd und fröstelnd auf der Couch zu verbringen; nur weil sie Dreißig würde!
Die blitzend weiße Zahnreihe gehörte zu dem muskulösen Mann mit den bronzefarbenen Armen und den großen Händen, die ihr jetzt die saftige Hälfte einer Orange präsentierten. Auf ihre Bestellung hin riss der Verkäufer eine braune Papiertüte auf und fünf orange Kugeln tanzten hinein. Sie reichte ihm das Geld und wollte schon nach der Tüte greifen, als er sie noch einmal zurückzog, und unter ihren Augen eine weitere Orange durch die Luft fliegen ließ, die er geschickt mit der Tüte auffing.
„Für die schönste Kundin", rief er lauter als nötig.
Es entging ihr nicht, dass sich einige Passenten erstaunt nach ihnen umwandten, und Hanna spürte, wie sie errötete. Sie bedankte sich, und zwischen die weißen Fangzähne schob sich die lachsrote Zunge des Tigers. Hanna machte eilig einen Schritt aus dem kühlen Schirmschatten heraus.
Die Mutter stand verloren inmitten des lebhaften Treibens. In ihrer Zerstreutheit hatte sie natürlich wieder nichts mitbekommen von dem kurzen Intermezzo, und diesmal dankte Hanna es ihr. Eben machte die Mutter die Hanna so vertraute, etwas kokett wirkende Kopfbewegung. Dann stand sie wieder völlig regungslos da und blickte mit angestrengter Miene den Gang zwischen den Marktständen hinab, als gelte es, einen fernen Punkt am Horizont festzuhalten. Woran dachte die Mutter wohl gerade, was mochte in ihr vorgehen? Für den Moment erschien ihr die eigene Mutter völlig fremd.
In Gedanken versunken, hörte sie plötzlich ihren Namen hinter sich rufen. „Hanna!“ Schnell fuhr sie herum. Eine junge Frau kam strahlend auf sie zu. Hanna schrak innerlich zusammen. Kerstin! Sie war nicht darauf vorbereitet, nicht auf Kerstin, nicht darauf, ihr hier zu begegnen. Der Ort spielte eigentlich auch gar keine Rolle. Kerstin hingegen schien geradezu euphorisch, es war nicht zu übersehen, wie sehr sie sich freute, Hanna zu begegnen. Eigenartig war nur, dass Kerstin offenbar nichts, aber rein gar nichts von Hannas Zurückhaltung zu bemerken schien. Kerstin machte ein paar letzte, tänzerische Schritte auf Hanna zu. Hannas Mutter sah jetzt bestimmt auch schon zu ihnen herüber. Diese fressende, immer gleiche Ungeduld der Mutter machte Hanna jetzt rasend!
„Lust auf einen Kaffee bei mir?“ Kerstin deutete mit blassen dünnen Fingern in Richtung der Eichenallee.
„Geht leider nicht, ich bin mit meiner Mutter hier“, dabei vermied Hanna es tunlichst, sich nach ihr umzublicken.
„Schade. Telefonieren wir?“
„Ja, klar.“
Als Hanna sich noch einmal umblickte, sah sie, wie Kerstin geradewegs auf den Orangenstand zusteuerte.
Eigentlich hatte sie mit einem Vorwurf oder einer spitzen Bemerkung der Mutter gerechnet, weil sie sie hatte warten lassen; aber der Vorwurf blieb aus.
„Dann brauche ich noch Suppengrün“, gab die Mutter das nächste Etappenziel vor und schritt wie blind drauflos. Vor ihnen teilte sich der Strom der Passanten; ein junges Paar löste sich aus seiner engen Umarmung und zog lachend links und rechts an ihnen vorüber.
„Wer war denn das eben, die junge Frau, mit der du gesprochen hast?“, wollte die Mutter nun doch wissen.
„Das war Kerstin, von früher, aus der Schule.“
Hanna bemühte sich, es so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Die Mutter würde sich kaum an Kerstin erinnern; sie waren einander einmal, höchstens zweimal begegnet.
„Mit der hast du doch nie viel zu tun gehabt.“
Es gab ein Gedränge und sie fiel hinter die Mutter zurück, die unbeirrt weitersprach.
„Ich weiß noch, dass sie dir schon damals immer zu affektiert war …“
Hanna wurde weiter abgetrieben, und kurzzeitig verlor sie die Mutter aus den Augen. Während sie die Mutter einzuholen versuchte, bemühte sich Hanna es zu vermeiden, dass die Erinnerungen an die Schulzeit in ihr lebendig wurden, auf die die Mutter angespielt hatte, und die ihr schnell das Wiedersehen mit Kerstin trüben könnten.
Vor einem Gemüsestand blieb die Mutter so abrupt stehen, dass Hanna sich nur mit einem gewagten Satz in die Menge retten konnte. Sie löste sich sogleich wieder geschickt aus dem Menschenstrudel und schlängelte sich geschickt an die Seite der Mutter zurück, immer auf der Hut, nicht gleich wieder abgedrängt zu werden. Die Mutter blickte Hanna fragend an.
„Das ist alles ewig her, Mama!“
„Ist schon gut, Hanna. Wenn du meinst, dass sich die Menschen ändern, bitte. Ich habe meine Erfahrungen mit den Menschen gemacht. Ich weiß nur, dieses Mädchen hat dir damals nicht gutgetan.“
Die Mutter schien einmal wieder darauf aus, alte Wunden aufzureißen.
„Sie waren damals alle sehr hässlich zu dir.“
„Das ist Jahre her, Mama. Du kannst doch Menschen nicht ewig Sachen nachtragen. Wir waren Kinder!“
„Ist gut, Hanna. Ich möchte mich auch gar nicht mit dir darüber streiten.“
Wäre sie doch bloß einfach mit Kerstin frühstücken gegangen, ging es Hanna durch den Kopf; jetzt gab es wieder nur sie und die Mutter.
„Gib mir mal mein Portemonnaie zurück, Hanna!“
Hanna erstarrte innerlich. Sie griff nach dem Portemonnaie in ihrer Manteltasche und hielt es der Mutter hin, die es ihr wortlos aus der Hand nahm und bezahlte. Mechanisch nahm Hanna ihr den Sack mit den Kartoffeln und das Bund Suppengemüse ab und verstaute die Sachen im Korb, trat von einem Bein auf das andere, während die Mutter sich alle Zeit der Welt nahm, aufs Neue den Blick über Karotten, Kartoffeln und Sellerie schweifen ließ und umständlich das Rückgeld im Portemonnaie verstaute.
