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Im Amazonas-Regenwald verknüpft sich das Schicksal eines Indiodorfes untrennbar mit dem des jungen deutschen Geologen Martin. Nach dem Bruch mit Vera sieht er in einem beruflichen Südamerikaaufenthalt die Chance, sein Leben neu zu ordnen. Doch dort begegnet er schon bald Menschen, die ihn in den Bann ziehen: die Quimarù, ein indigenes Volk im Regenwald, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Yulia, die Tochter des Dorfvorstehers fasziniert ihn ganz besonders. Martin taucht ein in die magische Welt der Indigenen und gewinnt durch sie eine neue Sicht auf das Leben. Yulia und Martin nehmen den Kampf gegen den Staudamm auf, der die Lebensgrundlage der Quimarù bedroht. Doch sie und ihre Mitstreiter haben es mit einem mächtigen Gegner zu tun, der vor Gewalt nicht zurückschreckt ...
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort. Dort sollten wir uns treffen.
Persisches Sprichwort
Südamerika
Erwachen
Die Parkbank
Wiedersehen
Martins Recherchen
Offenbarung
Yulia
Bachstraße
Metamorphose I
Klage
Bei den Quimarù
Vera
Widerstand
Stumme Schreie
Schuld
Metamorphose II
Das Fest
So nah, so fern
Ein befreiendes Gefühl breitete sich in mir aus. Und ich zögerte keinen Augenblick, als mir mein Chef das Angebot machte, die nächsten drei Monate in Südamerika zu arbeiten. Erst einmal nur weg von hier! Je weiter, umso besser! Hinter mir lassen, was geschehen war und Neues erfahren. Die letzten Wochen waren voll von Tagen der Trauer, der Wut und der Verzweiflung. Nun sah ich eine Chance, all dem zu entkommen! Mit der räumlichen Distanz würde ich auch emotional Abstand gewinnen.
Nachdem mich Vera verlassen hatte, grub ich mich immer tiefer in die Arbeit ein, um von meinen Gedanken und Gefühlen loszukommen. Doch am Abend, zuhause, spürte ich die Einsamkeit und schlief nur schlecht ein. Dabei war ich meist hundemüde nach Arbeitszeiten von zehn, zwölf Stunden am Tag. Ich versuchte mit Alkohol das Gefühl der Leere zu betäuben. Es half nicht. Zwar schlief ich dann besser ein, doch am nächsten Tag befand ich mich in einem umso erbärmlicheren Zustand.
Um eine neue Beziehung zu beginnen, fehlten mir der Mut und die Energie. Ich versuchte es lieber mit Bekanntem und verabredete mich mit meiner Kollegin Monika zum Abendessen. Schon immer an fand ich sie anziehend, mit ihrem Lachen verbreitete sie gute Stimmung im Büro und sie war immer für einen Spaß zu haben. Meine Laune heiterte sich sofort auf, als ihr dunkelbrauner Lockenschopf aus der Haustür kam und sie mich mit ihrem hübschen Mädchengesicht anstrahlte. Monika war ein Kopf kleiner als ich, nicht superschlank, doch sie hatte eine attraktive Figur. Es wurde der erste Abend seit langem, an dem ich mich richtig gut fühlte. Von da an unternahmen wir häufiger etwas zusammen: ein gemeinsames Abendessen, ein Kinobesuch oder wir verabredeten uns in einer Bar auf einen Drink. Doch sobald ich wieder alleine war, kamen die Traurigkeit und der Schmerz zurück. An zwei oder drei unserer gemeinsamen Abende landeten wir bei mir zuhause im Bett. Es handelte sich um nichts anderes als Sex zwischen zwei einsamen Menschen, die mit sich selbst nicht im Reinen waren und die sich damit nur von ihrer augenblicklichen Misere ablenkten. Zusammenkommen würden sie auf diese Art und Weise niemals. Es stellte sich nämlich heraus, dass Monika in einer ähnlichen Situation war wie ich. Dass sie von ihrem festen Freund, wie sie ihn nannte, vor einigen Wochen verlassen worden war.
Erst nach einiger Zeit mit ihr wurde mir bewusst, dass ich nur ein Ablenkungsmanöver betrieb, das mich nicht weiterbrachte in der Verarbeitung meines Schmerzes. Ich fühlte mich durch Vera verraten und erniedrigt und dieses Gefühl wühlte weiter tief in mir.
So kam das Angebot meines Chefs genau zum richtigen Zeitpunkt. Er sprach mich eines Morgens im Büro an:
„Martin, hast du mal Lust auf was ganz Anderes?“
„Wie? Was meinst du?“
„Ja oder nein?“
„Prinzipiell, ja… Was ist los?“
„Dir sagt doch Tres Aguas etwas, oder?“
„Sicher, ich habe daran mitgearbeitet.“
„Und jetzt halte dich fest: Wir haben das Projekt gewonnen. Vier Mitanbieter haben wir aus dem Feld geschlagen!“
„Das ist ja super! Gratulation, Christian.“
„Danke, das Kompliment gebe ich zurück. Ihr habt tolle Arbeit geleistet. Jetzt werden wir sehr bald ein Team von vier Spezialisten auf den Weg schicken. Was hieltest du davon, wenn du einer von den vieren wärst?“
„Ist das dein Ernst? Das würde mich riesig freuen! Und ich sähe es als einen großen Vertrauensbeweis.“
„Das ist es auch. Du hast dir das verdient, beziehungsweise erarbeitet, Martin. Allerdings: In zwei Wochen geht es schon los, das muss dir klar sein.“
„Auf so eine Chance habe ich schon lange gewartet, Christian. Ich bin in zwei Wochen startklar, keine Frage!“
Ich musste nicht erst überlegen, ob ich zusagen sollte. Im gleichen Augenblick, als ich das Angebot bekam, spürte ich große Freude und Erleichterung. Spontan entstand eine Aufbruchsstimmung in mir. Bilder, die ich von Südamerika schon einmal gesehen hatte, flogen an meinem inneren Auge vorbei. Noch nie hatte ich mich so schnell und ohne lange nachzudenken für etwas entschieden wie eben.
In den nächsten Tagen beschäftigte ich mich im Büro mit den Unterlagen zum Projekt. Für zuhause hatte ich mir Literatur und einen Reiseführer besorgt, womit ich mich auf das Land und die Menschen dort vorbereitete. Ein wenig Zeit würde neben der Arbeit hoffentlich für private Unternehmungen bleiben. Und diese Chance wollte ich unbedingt nutzen.
Ich traf alle Vorkehrungen, die für einen längeren Auslandsaufenthalt zu treffen waren. Andreas, meinen Studienfreund bat ich, ab und zu nach meiner Wohnung zu sehen und den Briefkasten zu leeren. So kurzfristig wie die Sache auf mich zukam, hatte ich keinen Untermieter gefunden, der in der Zeit meine Wohnung hätte nutzen und beaufsichtigen können. Und der außerdem mein Budget etwas aufgebessert hätte.
Nach zwei Wochen war ich wie versprochen startbereit und fuhr morgens mit der S-Bahn zum Flughafen. Monika war traurig über meine Abreise, sie hatte sich inzwischen Hoffnungen gemacht, dass aus unserem Verhältnis eine richtige Beziehung werden könnte. Ich tröstete sie, dass ich ja nur ein paar Wochen weg sei und hoffte, sie damit zu beruhigen. Ich sagte ihr nicht, dass ich für mich selbst schon eine andere Entscheidung getroffen hatte. Nach dieser Reise sollte alles anders sein, mir stand ein Neuanfang bevor und ein Paar würden wir keinesfalls werden. Dieser Gedanke hatte sich schon fest in mir verankert.
Mit mir reisten Peter, ein Vermessungstechniker, der dem Büro schon seit vielen Jahren angehörte, Stephan, ein etwas älterer Kollege, auch er Vermessungsingenieur und Hans – genannt Johnny – ein junger Kollege, der für die Kartographie und Dokumentation zuständig war. Unser Flug ging am 15. September 1993 von Frankfurt via Madrid nach Caracas. Am folgenden Tag würden wir nach Colcha weiterfliegen, eine kolumbianische Provinzhauptstadt und unser Einsatzort. Zirka zwanzig Ingenieure und Wissenschaftler nahmen dort in einem Camp ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe war es, die Bauarbeiten an „Tres Aguas" vorzubereiten, einem gewaltigen Wasserkraftwerk, das die zukünftige Stromversorgung mehrerer grenznaher Regionen des Landes absichern sollte. Den Auftrag hatte sich ein britisch-französischdeutsches Konsortium gesichert, das Projekt wurde zu einem Großteil von der Weltbank finanziert. Unser Anteil bestand aus den Vermessungsarbeiten und dem geologischen Gutachten. Zwölf Wochen waren für diesen Einsatz veranschlagt. Zwölf Wochen, die für mich genau zum richtigen Zeitpunkt kamen. Ich wollte Abstand gewinnen, Neues sehen, Altes vergessen um – so hoffte ich – danach mit frischer Energie nach Deutschland zurückzukehren. Zeit genug jedenfalls, um mit mir selbst wieder ins Reine kommen.
Zuletzt hatten die Kollegen häufiger ironische oder zotige Bemerkungen gemacht, mein Verhältnis zu Monika war im Büro nicht verborgen geblieben. Peter rief mir als Begrüßung am Flughafen zu: „Na, Martin, kommst du alleine? Hatte Monika denn keine Zeit?“
„Lass gut sein, Peter. In den nächsten Monaten müssen vor allem wir miteinander klarkommen. Keine Zeit für Frauengeschichten.“
„Schade eigentlich!“, warf Johnny ein. „Es soll tolle Señoritas geben in Kolumbien.“
Wir begaben uns zum Check-in. Mit einer Viertelstunde Verspätung hob das Flugzeug ab und ich ließ Europa für eine Weile hinter mir – so glaubte ich.
Nach sechzehn Stunden Flug landeten wir pünktlich in Caracas und wurden wie vereinbart von einem Boy erwartet. Er hielt eine Tafel hoch, die unsere vier Namen zeigte – beziehungsweise das, was von ihnen übriggeblieben war. Gerade noch genug, um sie zu entziffern.
Zwei Taxen brachten uns in die Stadt: alte, klapprige Ford Thunderbirds, die Polsterung schon stark zerschlissen, es roch darin nach einer Mischung aus Essen, Tabak und Alkohol. Die beiden Wagen schaukelten ihre Passagiere in das Zentrum, als ob sie eine Überfahrt in stürmischer See machten. Sie hielten vor dem Hotel Central Palace, das von außen ein nur mittelprächtiges Bild abgab. Dieser Eindruck bestätigte sich, als wir die Zimmer in Augenschein nahmen. Nach einigem Hin und Her entschieden wir, dass es für eine Nacht o.k. sei.
„Mehr Komfort wird uns die Containersiedlung in Colcha auch nicht bieten“, bemerkte Stephan.
„Gerade deswegen hätten wir ja heute nochmal Luxus verdient“, erwiderte Johnny.
„Dann ist die Enttäuschung umso größer. Besser wir gewöhnen uns schon heute an südamerikanische Verhältnisse.“
Stephan hatte einige Erfahrung mit Reisen in fremde Länder. Er war seit gut zwanzig Jahren in seinem Beruf und viel unterwegs gewesen. Einiges davon erfuhren wir auf dem Flug, auf dem sich Stephan als ein ausgezeichneter Erzähler entpuppte und uns bei ein paar Bieren aus der Dose mit alten Geschichten aus seinem Berufsleben die Zeit verkürzte.
Meine erste Nacht in Südamerika war furchtbar, ich hatte wenig und schlecht geschlafen. Den anderen dreien ging es kaum besser. Wir hatten nach dem Abendessen noch kräftig gezecht, die Luft in Caracas war warm und stickig, die Stadt roch fremd. Alles um uns herum war neu und gewöhnungsbedürftig. Die Fenster des Central Palace taugten kaum, den Straßenlärm fern zu halten. Mit dicken Schädeln saßen wir vier beim Frühstück, das überwiegend aus Kaffee bestand. Wir schwiegen oder klagten über unseren Zustand, für den wir doch selbst verantwortlich waren. Gegen Mittag würde uns eine kleine Linienmaschine an unseren Bestimmungsort bringen, nach Colcha, am Rio Blanco auf der kolumbianischen Seite der Grenze gelegen. Dort, wo in fünf Jahren ein Wasserkraftwerk fertiggestellt sein sollte, das die Provinz und das Land kostengünstig mit Strom versorgte. Unser Einsatz stand ganz am Anfang dieses Projektes, wir waren sozusagen seine Pioniere.
Die Taxen – dieselben wie am Vortag – brachten uns zurück, aus der Stadt hinaus, zum Flughafen. Die Schaukelei war heute noch weniger zu ertragen und wir waren heilfroh, als wir endlich das Abfertigungsgebäude wiedersahen. Von Caracas hatten wir kaum etwas wahrgenommen.
Nach knapp zwei Stunden Flugzeit erreichten wir Colcha. Dort wurden wir von einem Kleinbus mit der Aufschrift „TAC“ abgeholt. Das Kürzel stand für „Tres Aguas Consortium“, so nannte sich die Arbeitsgemeinschaft aus den drei britischen, deutschen und französischen Firmen. Die Baustelle lag wenige Kilometer außerhalb der Stadt, auf der dem Flughafen entgegengesetzten Seite. Während wir Colcha durchquerten, gewannen wir einen ersten Eindruck wo wir unsere nächste Zeit verbringen würden. Er war ernüchternd und hatte so gar nichts mit den Postkarten- und Prospektfotos gemein, die ich zuhause in meiner ersten Euphorie vor Augen hatte. Staubige Straßen, nur die Hauptstraßen waren asphaltiert, die Stadt bestand aus einem Gewirr von heruntergekommenen Häuserzeilen, dazwischen Geschäfte, Straßenhändler, Restaurants und Kneipen. Viele der Häuser waren weiß gestrichen, doch der Putz blätterte schon lange und an vielen Stellen. Dieses Weiß hatte seine beste Zeit hinter sich, es war vergilbt, ergraut, verschmutzt – kein freundlicher Anblick mehr. Die meisten der Gebäude waren einfache, zwei- oder dreistöckige, quaderförmige Klötze, teils mit Glas-, teils mit Betonfassaden. Darin waren Geschäfte, Banken oder internationale Ketten untergebracht. Viel bunte Reklame hing an den Fassaden und Dächern, allgegenwärtige Marken verkündend: Coca-Cola, Shell, Nescafé, Panasonic, Wrigley’s,… Nur wenige Gebäude ragten aus dieser Masse hervor: holzverkleidete Fronten, weiße Veranden, mit Säulen und Schnitzwerk verzierte Fassaden huschten an meinen Augen vorbei als ein vergänglicher Eindruck der kolonialen Geschichte der Stadt.
Unser Bus kam nur langsam voran, denn die Straßen waren voller Autos und Motorräder, die sich an neuralgischen Punkten mit den Fußgängern mischten, sodass sich ein scheinbar unauflösbares Gewirr aus den verschiedenen Verkehrsteilnehmern bildete. Doch wie von Geisterhand gelenkt funktionierte der Verkehr trotzdem. Durch Hupen und Schreien unterstützt, bewegte sich die Masse in ihrem chaotischen Zustand in die verschiedenen, angepeilten Richtungen.
Nach einer knappen Stunde Fahrt über eine Piste, die eher einem Bachlauf als einer Straße glich, tauchte endlich unser Ziel vor uns auf. Wir waren froh, dass das Rütteln und Schütteln des Busses gleich ein Ende finden würde. Am Fuß einer sanft ansteigenden, grün und braun gefleckten Hügellandschaft war das Containerdorf aufgebaut. Dahinter wuchsen in der Ferne Berge in die Höhe, die von einem dichten Wald überzogen waren. Aus unserer Perspektive sah er aus wie modelliert. Ich sah eine grünfarbene, wolkenartig geformte Decke, deren Sättigung variierte. Ich hatte mir gar nicht vorstellen können, dass so viele Grüntöne existierten: gelbgrün, giftgrün, blaugrün, dunkelgrün, oliv, satt oder hell scheinend, blass oder strahlend, eine unbeschreibliche Vielfalt! Die Oberfläche bildete das Relief des ansteigenden Untergrundes nach und hatte darüber noch seine eigene, wolkige Feinstruktur.
Das Camp im Vordergrund hob sich von dieser Kulisse scharf ab. Es bestand aus zusammen gebauten verzinkten Blechkästen, zwei bis vier Container jeweils übereinander gestapelt in zwei Reihen, dazwischen bildete sich ein länglicher Innenhof. Das Ganze umgeben von einem vielleicht drei Meter hohen Metallzaun, oben mit zwei Reihen Stacheldraht versehen. Am Tor ein gelb-schwarzes Schild mit der Aufschrift „Securitad Personal“. Ein Wachdienst regelte den Zugang zum Camp. Der Uniformierte hielt eine Maschinenpistole in der rechten Hand. Der Fahrer und er grüßten sich, tauschten ein paar Worte und wir wurden durchgewinkt.
„Welcome in Tres Aguas Base, guys. This is your private resort”, versuchte der Fahrer mit uns zu scherzen. Er fügte etwas hinzu, was weniger scherzhaft klang: „High security here, you know, because of the guerilla in Columbia“.
Die Gruppierung der Container in zwei Reihen hatte einen Sinn. Eine Reihe bildete die Wohn- und Schlafcontainer – jeweils einer pro Person – und die zweite Reihe waren die Arbeits- und Bürocontainer. Der Fahrer wies uns unsere Unterkünfte zu und wir deponierten dort erst einmal unser Gepäck. Mein Zuhause für die nächsten drei Monate war ein schmuckloses Blechgehäuse mit Tür und Fenster, darin ein Bett, ein Schrank und ein Tisch mit Stuhl. Stephan hatte leider Recht behalten mit seiner Prognose zu unserer Wohnsituation! Mein künftiger, täglicher Arbeitsweg würde aus dem Überqueren des Innenhofes zwischen den Wohn- und Bürocontainern bestehen. Hinter dem Camp lag ein weites, gerodetes Feld, auf dem das Containerdorf im Laufe des Baufortschritts weiter wachsen würde, wenn nämlich hunderte von Bauarbeitern hier Quartier bezögen.
Als wir ankamen, lebten im Camp schon ein Dutzend Ingenieure und Techniker aus England und Frankreich. Das Team bestand ausschließlich aus Männern, keine einzige Frau war darunter. Wir verständigten uns hauptsächlich auf Englisch, wenige von uns sprachen auch Spanisch, so wie ich. Nach der Arbeit vertrieben wir uns die Zeit, indem wir in Grüppchen zusammensaßen, Bier tranken, Karten spielten, Witze erzählten oder Sportsendungen sahen – anfangs entsprachen die Gruppen den Nationalitäten, doch nach und nach mischten sie sich. Kauderwelsch wurde zu unserer Sprache. Ab und zu traf man sich auch in der Stadt, um der Lagermentalität zu entkommen. Wir vertrieben uns die Zeit in den Bars und Restaurants und wir Gringos waren bei den Besitzern gerne gesehen, sie machten mit uns ein gutes Geschäft. Wieder andere gingen ins Casino, manche suchten die Abwechslung im einzigen Bordell der Stadt. Ich stellte mich auf eine Zeit ohne neue Frauenbekanntschaften ein, war ich doch immer noch damit beschäftigt, meine Enttäuschung über Vera zu verarbeiten. Die fremde und völlig neue Umgebung half mir dabei. Und auch, dass ich alleine lebte.
In meiner freien Zeiten an den Wochenenden erkundete ich die Stadt oder das Umland, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich besuchte die Märkte und sah mich dort um oder ich nahm ein Taxi, um die nähere Umgebung zu erforschen. Eines dieser klapprigen Taxis setzte mich vor dem einzigen Museum der Stadt ab. Weit und breit war kein Besucher zu sehen. Ich fragte den Fahrer, ob es denn geöffnet sei und er bestätigte mit heftigem Kopfnicken. „Sí, sí, securo!“ Nicht immer konnte man sich darauf verlassen, dass die genannten Öffnungszeiten auch eingehalten wurden und Auskünfte waren ebenso wenig sicher. „Gracias, muchas gracias, señor, muy amable!“ Er bedankte sich mit übertriebener Höflichkeit, als ich noch ein sattes Trinkgeld zum Fahrpreis gab. Wahrscheinlich war es viel zu viel, mir jedenfalls erschien der Tarif wie ein Spottpreis. Das Museum war in einem flachen Ziegelbau untergebracht, ich hielt es eher für ein Industriegebäude denn für einen Ort der Kultur. Doch schon beim Betreten strömte mir ein alter, modriger Geruch entgegen, der zäh in der Nase hängen blieb und mein Bild korrigierte.
Das Museum war hauptsächlich ein Dokumentationszentrum und ich sein einziger Besucher. Wenige Exponate von Tieren, Kleidung und Werkzeugen wurden gezeigt, dafür viel Information, Fotos, bunte Schautafeln, Karten und alte Schriften. So lernte ich ein wenig von heimischer Flora und Fauna kennen, doch vor allem die Geschichte von Colcha. Die Stadt war erst zu Zeiten des Kautschukbooms in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden und erlebte damals eine kurze Blüte, in der sie rasch wuchs. Als der Kautschuk verstärkt aus Südostasien auf den Weltmarkt kam, verlor der südamerikanische Rohstoff schnell an Wert und die Grundbesitzer verlegten ihre Geschäfte auf Kaffee und Kakao. So behielt Colcha seine Wirtschaftskraft und stieg im zwanzigsten Jahrhundert zur Provinzhauptstadt auf. Wir waren nun hier, um einen weiteren Beitrag zu leisten, die Zukunft der Stadt abzusichern. So würde vielleicht auch unsere Arbeit in die Geschichte der Stadt eingehen und eines Tages hier dokumentiert zu finden sein.
Am Ende der vierten Woche war ich alleine auf dem Hauptmarkt in Colcha unterwegs, der immer samstags auf der Plaza Mayor stattfand – der einzige Termin, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte. Obwohl schon stark gealtert, boten die Fassaden der Häuserzeilen rund um den rechteckigen Platz noch immer einen Eindruck von der kolonialen Vergangenheit Colchas und machten die Plaza Mayor zum sehenswertesten Ort in der Stadt. Vor den Arkaden standen zerzauste Palmen in zwei Reihen, davor und dazwischen hatten die Händler ihre bunten Stände aufgebaut. Sie verwandelten das triste grau-gelbe Weiß der Häuser in ein Farbenmeer. Doch nicht der Platz als solcher zog mich an, sondern das Treiben der Händler und Käufer vor dieser Kulisse war ein Schauspiel, ein exotisches Theaterstück, das ich mir nicht entgehen ließ. Neben Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln gab es billigen Ramsch zu kaufen, buntes Plastikspielzeug, Kleidung und Schmuck aber auch Amulette, Knochen, Pulver, Wurzelsud und weitere obskure Heilmittel. Schreiber saßen an Tischchen vor alten Schreibmaschinen, ihre Kunden standen davor und ließen Korrespondenz erstellen. Wahrsager und Schamanen versuchten, potentielle Kunden zu einer Sitzung zu überreden. „Señor, mira: suerte, salud!“ Ich ging freundlich lächelnd weiter. Lokale Produkte wurden angeboten, aus Schilf Geflochtenes, aus Baumwolle oder Wolle Gewebtes aber auch westliche Waren wie Cola, Budweiser und hot-dogs standen zum Verkauf. Ein Wochenmarkt? Ein Jahrmarkt? Eine Mischung aus beidem.
Die Menschen waren genauso verschiedenartig gekleidet, wie sich das Warenangebot präsentierte. Manche trugen die typische Kleidung der Indios, aus grober Baumwolle gewobene, beigefarbene Cushmas, andere hatten schlichte Kleidung an, wie sie überall auf der Welt zu finden war: Jeans und T-Shirt oder Hemd, dazu Sandalen. Fast alle trugen eine Kopfbedeckung, einen Schilf- oder Stoffhut, denn so nahe am Äquator wie Colcha lag, stand die Sonne um die Mittagszeit fast senkrecht über dem Marktplatz. Frauen trugen ihre Kleinkinder in Baumwolltüchern auf ihrem Rücken. Durch die wiegenden Bewegungen der Körper ihrer Mütter blickten die Kinder mit ihren kleinen, mandelförmigen Augen zufrieden umher oder sie schliefen ruhig. Über dem gesamten Markt lag ein lautmalerischer Teppich aus ständigem Reden, Scheppern und Rumoren, einzig die hellen Kinderstimmen drangen aus diesem gleichförmigen Geräusch hervor.
Mir gefiel es, durch die Reihen des Marktes zu flanieren und die Menschen und Waren zu betrachten. Diese Art von Exotik traf endlich meine Erwartung, eine andere Welt kennenzulernen. Der Markt war nicht zu vergleichen mit den Wochenmärkten, die ich aus Deutschland kannte. Hier waren er Treffpunkt, Austausch, zentraler Umschlagplatz. Hier spielte sich ein wesentlicher Teil des Lebens ab, das konnte man spüren. Wenn ich angesprochen wurde von einem Verkäufer, lehnte ich meist höflich ab, denn mein Ziel war ja nicht das Einkaufen, sondern das Betrachten. Ab und zu nahm ich doch ein paar Kleinigkeiten mit: eine Flasche Wasser, eine Tüte Nüsse, eine empanada gegen den spontanen Hunger.
Am Ende einer Zeile lag ein Stand, der von drei Indiofrauen betrieben wurde. Ihre Kleidung unterschied sich deutlich von der der anderen Verkäufer. Sie trugen ebenfalls Baumwollgewänder, aber ihre waren besonders auffällig gefärbt. Blaue und rote kunstvolle Muster aus Ornamenten und Linien machten ihre Cushmas zu einem Blickfang. Dabei fiel mir eine der drei Frauen schon von weitem auf. Sie war außergewöhnlich groß, ihr langes, schwarzes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, es wurde von dem obligatorischen Hut nur wenig bedeckt.
Als ich näher kam, wandte sie sich ihrer Nachbarin zu und blickte so genau in meine Richtung. Augenblicklich war ich gefesselt von ihrem Anblick. Selten stand ich einer so faszinierend aussehenden Frau gegenüber. Das schwarze Haar rahmte ein Gesicht ein, das vollkommen perfekt proportioniert war. Die Augen fast schwarz und mandelförmig, was ihr einen asiatischen Touch gab. Unter ihren Augen traten hohe Wangenknochen hervor. Und mit ihren geschwungenen und vollen Lippen gab sie das Bild einer natürlichen Schönheit: willensstark, anziehend, sinnlich. Ich konnte meinen Blick kaum mehr abwenden von ihr und versuchte das zu überspielen, indem ich Interesse an den Waren vorgab. Die drei verkauften hauptsächlich Lebensmittel: Obst, Gemüse, aber auch Fleischstücke und Fische, in Styroporkisten gelagert, die zur Kühlung Eis enthielten. Ich beobachtete die Schöne, betrachtete, wie sie sich bewegte, hörte ihre Stimme, als sie mit einer ihrer Kolleginnen sprach. In einer mir vollkommen fremden Sprache. Ich blickte auf ihre Hände, wie sie sorgfältig mit den Waren umgingen. Sie war in der Lage, mich in einen tranceartigen Zustand zu versetzen, alleine dadurch, dass sie mir gegenüber stand und mir ihren Anblick bot.
„Plátanos, Mangos, Nueces, …?“ rief mir die Frau neben ihr zu und holte mich zurück aus meinem Tagtraum.
„No, no quiero nada…“ erwiderte ich, realisierte aber sofort, dass das die falsche Antwort war. Natürlich sollte ich etwas kaufen, so hätte ich die Chance hier noch ein wenig zu verweilen.
„Ah doch, ein paar Bananen nehme ich gerne, vier Stück, bitte“, korrigierte ich mich auf Spanisch, „die sehen gut aus.“
Das war zwar gelogen, denn sie zeigten schon etliche schwarze Stellen, normalerweise hätte ich solche Bananen nicht gekauft. Aber so kam ich in Kontakt mit den dreien. Tatsächlich reichte mir die Schöne die vier Bananen, die in einer Kiste direkt vor ihr lagen.
„Ihr habt hier ja fast alles, was man zum Leben braucht“, versuchte ich ein Gespräch und zeigte auf das Angebot an Früchten, Gemüse, Fleisch und Fisch, das auf dem Tisch ausgebreitet war. Es gab Bananen, Mangos und braunes, knollenartiges Gemüse, das ich nicht kannte. Verschiedene Kräuter lagen in Bündeln aus, daneben dunkles Fleisch, von dem eine der drei mit langsamen, regelmäßigen Bewegungen eines Fächers aus Schilf die Fliegen vertrieb.
Ich wollte von ihr wissen, wo sie das alles anbauten. Sie antwortete mir in einem Akzent, den ich noch nie gehört hatte, dass ihr Dorf weiter oben im Regenwald läge. Dort sei das Klima viel besser als hier in der Ebene und deswegen gediehen Früchte und Gemüse besser. Das Fleisch sei von Tieren aus dem Wald und die Fische fingen sie in ihrem Fluss.
„Und wo ist euer Dorf?“ fragte ich nach.
Sie drehte sich um und wies mit der Hand in Richtung der ansteigenden Kordilleren.
„Dort oben, wo der Regenwald beginnt und dann nochmal eine Stunde zu Fuß.“
Diese Frau faszinierte mich, fast wollte ich ihr es schon gestehen, fragte sie dann aber nur: „Und von so weit bringt ihr das alles hierher? Womit?“
„Wir tragen es und haben einen Muli, der uns die schweren Lasten abnimmt.“
Das Maultier stand in einigen Metern Entfernung hinter dem Stand, geduldig wartend an einen Pflock gebunden.
„Das heißt, ihr seid jedes Mal viele Stunden unterwegs, um hierher zu kommen. Und dann denselben Weg wieder zurück. Oder übernachtet ihr hier?“
Sie mussten alle drei lachen bei dieser Frage und verneinten. Ja, sie würden die Strecke zwei Mal am Tag zurücklegen, früh am Morgen hierher, am Nachmittag zurück.
Ich wagte eine Frage, die sie mir wahrscheinlich ablehnend beantworten würden:
„Es interessiert mich, wie und wo ihr das alles erzeugt. Ich bin nämlich aus Deutschland und arbeite nur ein paar Wochen hier. Ich fände es spannend zu sehen, wie die Bauern hier leben und ihr Land bestellen.“
„Wir sind keine Bauern. Wir bewohnen den Wald. Die meisten von unserem Dorf kommen nie hierher in die Stadt. Wir leben im Regenwald, schon immer. Nur wenige Frauen wie wir kommen auf den Markt, um unsere Dinge zu verkaufen.“
„Kann ich euer Dorf denn einmal besuchen?“ fragte ich die mittlere der drei, um meine Faszination für die Schöne nicht noch deutlicher werden zu lassen.
„Wir haben selten Besucher. Aber ja, du kannst zu uns kommen. Der Weg ist leicht zu finden. Wir gehen ihn einmal in der Woche, dadurch ist er gut zu erkennen.“
Ich ließ mir den Weg beschreiben und versprach ihnen: „Ich werde kommen, garantiert! Schon in den nächsten Tagen.“
„Übrigens, ich heiße Martin“ stellte ich mich zum Abschluss noch vor, „und ihr?“
„Pilar“ antwortete die Mittlere, „Izarra“ die Rechte und „Yulia“ die Schöne.
Ich verabschiedete mich von den dreien: „Ich freue mich, euch bald wiederzusehen“ und ging meinen Weg weiter, scheinbar ziellos durch den Markt. Aus sicherer Distanz warf ich mehrmals einen Blick in Richtung der drei, sah wie sie lebhaft miteinander diskutierten und dabei immer wieder auflachten.
Ich packte etwas zu Essen und zu Trinken, Kompass und Höhenmesser in meinen Rucksack, zusammen mit der provisorischen Karte, die wir begonnen hatten von der Region zu erstellen. So machte ich mich am darauffolgenden Sonntagmorgen auf den Weg. Wie sich herausstellen sollte, waren Karte, Kompass und Höhenmesser völlig unnötig, denn die Orientierung war wirklich so einfach, wie es mir die Marktfrauen beschrieben hatten. Ich musste vom Camp zuerst Richtung Süden gehen, um den Weg zu finden, der von der Stadt am Flussufer entlang in Richtung der Berge führte. Dort passierte ich die letzten Häuser der Stadt. Kleine Hütten aus Lehm und Schilf gebaut, die Fensteröffnungen mit Stofffetzen verhangen, das Dach aus verrostetem Wellblech. Zwei spielende Kinder kamen auf mich zugelaufen als sie mich bemerkt hatten. „Señor, mira!“ riefen sie und hielten mir zwei dicke Eidechsen entgegen, die sich zuckend in ihren Händen wanden. „Buena comida“, sagte der eine und lachte. Ich wusste nicht, ob es ein Scherz war oder Eidechsen hier wirklich gegessen wurden.
Ich folgte weiter dem Schotterweg, bis das Gelände leicht anstieg. In diesem flachen, gras- und schilfbewachsen Hang verengte er sich zu einem schmalen Pfad, der sich als eine Spur rotbrauner, blanker Erde durch das Grün der Gräser wand und so nicht zu verfehlen war. Nach einer Stunde war ich knapp oberhalb der Stelle, wo der Staudamm künftig verlaufen würde. Von hier aus konnte ich weit in die wunderbare Landschaft sehen, die nicht mehr lange in dieser Schönheit existieren würde. Die Bulldozer hatten schon erste, breite Narben in die Erde gefräst, um Straßen und Wege anzulegen für die erforderlichen Vorarbeiten. Auch für meine, die der geologischen Begutachtung der Region. Hier oben würde in den nächsten Monaten eine riesige Baustelle das heutige Gelände vollkommen entstellen. Und noch weiter oben, wo der Regenwald begann, würden später Dutzende Hektar des Regenwaldes abgeholzt, um Raum für das entstehende Becken zu schaffen. Die Anhöhe, auf der ich jetzt stand, lag zwischen den zwei Bergflanken, die die seitliche Begrenzungen des Hauptdammes bilden würden. An der nördlichen Flanke erkannte ich die beiden Täler des Rio Frío und des Rio Blanco. Die Stelle, an der sich diese beiden Flüsse vereinigten, bestimmte die Lage des Staudammes. Hinter der südlichen Flanke war ich den Pfad hochgestiegen, immer nahe am Ufer des Rio Sacro, der sich aus dem Regenwald kommend, tief in die Berge eingeschnitten hatte. In diesem Tal sollte etwas weiter oben ein zweiter, kleinerer Damm errichtet werden, mit dem Zweck, das Wasser des Rio Sacro in das entstehende Staubecken umzuleiten. „Tres Aguas“, daher der Name des Projektes. Diese drei Flüsse würden hier gestoppt und aufgestaut zu einem riesigen See, ihr Wasser in Turbinen geleitet, die diese Energie in Strom umwandeln, bevor der Fluss seinen Weg in Richtung Amazonas fortsetzt. Um dieses gewaltige Projekt zu realisieren, waren wir hier.
Der Weg, begann nun steiler anzusteigen. Ich hatte bis jetzt weniger als zweihundert Höhenmeter hinter mich gebracht. Nun kam ich dem satten Grün des Regenwaldes schnell näher. Mein Weg führte an ersten größeren Bäumen vorbei, das Buschwerk dazwischen wurde dichter und dichter und ich bewegte mich auf diese grüne Wand vor mir zu. Der Beginn des Regenwaldes setzte abrupt ein, innerhalb von vielleicht dreihundert Metern war ich von offenem Gelände in den Wald eingetreten. Und nach weiteren hundert Metern vollkommen von ihm umgeben. Ich atmete seine warme, feuchte, leicht süßliche Luft ein und stellte mir vor, dass ich jetzt in der Lunge der Erde war. Ich erinnerte mich an die Wälder meiner Heimat, die eine ganz andere Stimmung verbreiteten. Kühl, licht, nach Harz und Nadelhölzern riechend. Dieser Wald hier war viel größer, imposant, Ehrfurcht einflößend. Eine Vielzahl von Tierstimmen umgaben mich, Vogelstimmen hörte ich heraus, auch wenn ich keine Vögel sah oder sie hätte bestimmen können. Die anderen Tierstimmen waren mir fremd. Eine Affenart vermutete ich. Schmetterlinge, größer und bunter als ich sie je zu Gesicht bekommen hatte, kreuzten meinen Weg. Die Bäume waren riesig, man sah ihre Kronen kaum, Busch- und Schlingwerk versperrte die freie Sicht nach oben. Die Dschungelpflanzen und Bäume wuchsen so dicht zusammen, dass es aussah, als umarmten sie sich. Die Baumarten kannte ich nicht und ich nahm mir vor, einen Naturführer zu kaufen, sodass ich mir mehr spezifisches Wissen würde aneignen können. Zu meiner rechten Seite hin stieg der Boden an, der Wald schien hier dunkel und undurchdringlich. Zur Linken kam immer noch etwas Licht durch das Unterholz, aus dem Tal des Rio Sacro. Man konnte ihn hier nicht mehr sehen oder hören, doch ich wusste, dass er dort unten verlief. Die drei Markfrauen hatten Recht, der Weg war wirklich einfach zu finden und zu gehen, er war frei von Busch und Schlingpflanzen und führte wie ein grüner Tunnel durch den Wald.
Etwas unheimlich wurde mir nun schon, alleine in diesem vollkommen fremden Wald, die Tiere in Hörweite und wer wusste schon, welch anderen Tierarten unterwegs waren, die nicht so freundlich gesinnt waren wie Vögel oder Schmetterlinge? Ich hatte mich überhaupt nicht erkundigt, ob hier gefährliche Tiere vorkamen und worauf ich zu achten hätte. Schlangen gab es mit Sicherheit, Skorpione, vielleicht auch Raubtiere? Es war leichtsinnig gewesen, alleine diesen Weg anzutreten. Ich hatte mit niemandem darüber gesprochen im Camp, sonst hätte man sicher versucht, mich davon abzuhalten. Hatte ich mich in Gefahr begeben? Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr stieg ein Gefühl der Angst in mir auf. Sollte ich besser umkehren? Noch war es weniger als eine Viertelstunde zu gehen und ich wäre wieder außerhalb des Waldes. Dann hörte ich die Worte der Frauen, dass es vom Beginn des Regenwaldes nur eine gute Stunde sei bis zu ihrem Dorf. Ich war also nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt. Wenn die Zeitangabe denn stimmte! Das hatte ich zumindest gelernt: mit solchen Auskünften vorsichtig zu sein. Beim Gedanken an die Schöne verblasste meine Angst etwas und ich entschied mich für das Weitergehen. Schließlich gingen die drei diesen Weg regelmäßig und ohne irgendwelche Bewaffnung, soweit ich gesehen hatte. Er konnte also keine wirkliche Gefahr darstellen. Der Pfad führte weiter leicht bergan, jedoch ohne Kehren, er verlief in kleinen Windungen an der Flanke des Hanges entlang, der zum Rio Sacro hin abfiel. Da schoss es mir plötzlich durch den Kopf, dass dieser Weg ja ebenfalls Opfer des Stausees werden würde. Die Indios müssten sich auf jeden Fall einen neuen Weg in die Stadt bahnen, denn wo er jetzt verlief, würde in zirka fünf Jahren nur noch Wasser sein. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, dass alle diese Baumriesen um mich herum diesem Mammutprojekt zum Opfer fallen würden. Wieder ein Stück Regenwald dem sogenannten Fortschritt geopfert. Das genaue Ausmaß müssten die Vermesser noch berechnen, für das Gebiet existierten bisher keine Karten mit Höhenangaben. Hier eine riesige Fläche für einen Stausee, dort eine Region von zig Quadratkilometern für Rinderzucht, wieder woanders eine Rodung, um Monokulturen anzubauen wie Mais, um diese Rinder zu füttern, die wiederum in Burgerketten weltweit vertilgt werden. Und so weiter. Ich war nun Teil dieser kontinuierlichen Vernichtung von Regenwald geworden. Ein Rädchen im Getriebe. Gerade war das Waldsterben in Deutschland ein beherrschendes Thema gewesen. Auch ich hatte mich an Demos beteiligt und dagegen protestiert. Wir forderten weniger Autoverkehr, weniger schmutzige, industrielle Produktion. Der saure Regen war das ätzende Wort für diese Art der Vernichtung von Lebensgrundlagen. Und nun? Schon vergessen, wofür du einmal standst, Martin? Wie schnell es gehen kann, seine Position zu ändern, unmerklich fast. An diesen Aspekt hatte ich nicht gedacht, als ich den Auftrag freudig annahm. Jetzt, hier in der konkreten Situation wurde er offensichtlich. Vielleicht gehen wir deshalb so leichtfertig mit unserer Umwelt um, weil wir uns so weit von ihr entfernt haben, weil Geld, Erfolg, Prestige einen so hohen Stellenwert eingenommen haben? Und wenn die Folgen unseres Wirtschaftens nicht vor unserer Haustür zu sehen sind, wird es nochmal einfacher, so weiter zu machen. Die Zeche zahlen dann andere. Sollte ich nun einfach umkehren, nach Hause fahren, den Job andere machen lassen? Wie oft hatte ich mit Vera darüber diskutiert, ob man sich mit der Aussage: „Dann macht es eben ein anderer“ herausreden kann. Unser Ergebnis war einhellig: Nein! Der Einzelne hat eine moralische Pflicht, sein Handeln zu bewerten. Man kann sich nicht auf die Masse berufen und sich damit entschuldigen.
Jetzt hatte es Vera sogar geschafft, mich bis in den Urwald zu verfolgen. Oder besser: Ich hatte sie mit hierher genommen. Scheinbar.
Weit vorne hellte es leicht auf. Aus der undurchdringlichen, grünen Wand vor mir kam nach und nach schwaches Licht. Nach ein paar hundert weiteren Metern hörte ich erste, helle Stimmen. Ich hatte es geschafft! Ich war kurz vor dem Dorf, in dem die Indios leben. Mein Puls stieg rasant, das Blut pochte in meinen Ohren. Der Regenwald hatte hier eine abrupte Grenze. Ich trat aus dem Wald heraus auf eine Art Lichtung. In schräg abfallendem Gelände waren Felder zu erkennen, die terrassenförmig angelegt waren. Dahinter in einem weiten Bogen der Waldrand und an diesem Rand wiederum Hütten und Bauten, aus denen das Dorf bestand.
Ich hatte Hemmungen weiterzugehen, ich fühlte mich plötzlich wie ein Eindringling. Ich gehörte nicht hierher! Was ich vor Augen hatte, war eine menschliche Oase mitten im Urwald. Ich ging ein paar Schritte zurück, in den Schatten. Die Sonne stand hoch und warm über mir, die Bäume verdunsteten Feuchtigkeit, das kühlende Grün um mich erzeugte eine behagliche Atmosphäre. Hier oben war es nicht so brütend heiß, wie unten in Colcha um die Mittagszeit, wenn man in den Arkaden keinen Sitzplatz mehr im Schatten fand.
Eine Schar von Kindern kam auf mich zugelaufen. Sie redeten durcheinander in einer Sprache, die ich nicht verstand. Die Kleinsten vielleicht drei, vier Jahre und nackt. Die Größten mochten zehn, zwölf sein. Sie trugen Lendenschurze aus geflochtenen Schnüren. Ich lächelte sie freundlich an und ab jetzt war klar, dass ich nicht mehr umdrehen konnte, auch wenn ich mich fremd fühlte. Sie umringten mich fortwährend sprechend und begleiteten mich auf meinem weiteren Weg in Richtung der Ansiedlung. Ein junger Mann kam auf mich zu, ebenfalls im Lendenschurz, mit einem freien, muskulösen Oberkörper. Er sah mir in die Augen. War sein Blick freundlich oder feindselig? Oder neugierig und fragend? Ich entschied mich für das Letztere, ich konnte es nicht deuten, ich hatte ja keinerlei Erfahrung mit Eingeborenen und wie man ihre Mimik und Gestik zu lesen hatte. Ich formulierte ein „buenos dias“, hob die rechte Hand zum Gruß und neigte Kopf und Oberkörper ein wenig. Es sollte eine Geste des Respekts und der Höflichkeit sein und ich hoffte, der Mann würde das genau so verstehen. Tatsächlich wies er mir mit einer einladenden Handbewegung den Weg Richtung Dorf und deutete ein Lächeln an. Ich folgte ihm, die Kinder tollten um uns herum, tanzend, fortwährend redend und lachend.
Auf unserem weiteren Weg schossen mir Bilder von Comics durch den Kopf, die ich in meiner Kindheit gelesen hatte. Menschenfresser lockten ihre Opfer meist freundlich an, bewirteten sie erst und am Ende landeten sie im Kochtopf. Ich musste schmunzeln, dass mir solche Episoden genau jetzt einfielen. Wie lange doch Bilder im Unterbewusstsein eingeprägt sein können und in einer scheinbar passenden Situation abgerufen werden. Tatsächlich hatte ich keinerlei Angst vor der Situation, immer mehr Menschen kamen auf uns zu, sie sahen mich neugierig an, sie erschienen mir freundlich und zugewandt, manche hoben die Hand zum Gruß.
Ich konnte kaum glauben, was ich mit eigenen Augen sah. War es nur ein Film, in dem ich mich befand? Ich war angekommen bei einem Volk von Ureinwohnern! Gespannt auf die Begegnung mit den Dorfbewohnern breitete sich in mir ein Gefühl der ehrfürchtigen Freude aus.
Der junge Mann führte mich zu einer der runden Hütten, die aus Schilf und Bambus gebaut waren und die alle so ausgerichtet waren, dass die Eingänge vom Waldrand weg wiesen. Die meisten der Hütten standen am äußersten Rand des hier wie abgeschnitten wirkenden Urwaldes. So waren sie durch die letzten Bäume geschützt vor der hoch stehenden Sonne und auch vor dem Regen, der in dieser Gegend fast täglich fiel und an manchen Tagen sintflutartig ausfallen konnte. Mein Blick schweifte über den freien, langen Platz der Ansiedlung mit wenigen weiteren Gebäuden, den dahinter beginnenden Feldern und Plantagen und am Horizont der ansteigende Bergrücken des Regenwaldes auf der anderen Seite des Rio Sacro. Ich hatte den Eindruck, in einem Paradies angekommen zu sein! In einem wahren Garten Eden!
Aus der Hütte trat ein älter wirkender Mann mit tiefen Furchen im Gesicht, seinen muskulösen Körper aufrecht haltend. Hinter ihm zwei halbwüchsige Jugendliche, ein Mädchen und ein Junge, eine Frau und – ich traute meinen Augen nicht – die Schöne, Yulia!
Ich vollzog erneut das Begrüßungsritual, das beim ersten Mal gut angekommen war. Der Alte grüßte zurück mit Worten, die ich nicht verstand. Ich blickte zu Yulia hin und sagte:
„Ich freue mich, dich wiederzusehen.“
„Willkommen in unserem Dorf“, antwortete sie. „Das hier ist meine Familie, mein Vater, meine Mutter und meine kleinen Geschwister.“
Ich deutete allen gegenüber eine kleine Verbeugung an und fand es im selben Moment bei den beiden Kindern als unpassend.
Es stellte sich heraus, dass Yulia die Einzige in der Familie war, die gut Spanisch sprach. Vater und Mutter beherrschten nur ein paar Wörter, sie redeten wie alle im Dorf in einem Indiodialekt, der auf eine Ursprache zurückging. So spielte Yulia unsere Übersetzerin, damit überhaupt ein Gespräch zwischen mir und ihrem Vater in Gang kommen konnte. Er war der Dorfvorsteher, weswegen mich der junge Mann als erstes zu ihm geführt hatte. Yulia war also seine Tochter.
Ich ließ den Vater wissen, wie einzigartig ich sein Dorf fände, erzählte ihm von meiner ersten Begegnung mit den Frauen auf dem Markt, wovon eine – wie ich jetzt wisse – seine Tochter sei. Zur Begrüßung bekam ich ein milchig-braunes Getränk, das bitter-süß schmeckte. Ich mochte es nicht, ließ es mir aus Höflichkeit aber nicht anmerken. Der Vater forderte Yulia auf, dem Gast das Dorf und die Felder und Pflanzen zu zeigen, weshalb der Fremde ja hergekommen sei.
So bekam ich die Mangobäume, die Yuccapflanzen, die Maisfelder zu sehen und was sonst noch alles angebaut wurde. Yulia wusste nicht zu jeder Pflanze den spanischen Namen und ich hätte ihn auch nicht unbedingt verstanden. So erklärte sie mir in einfachen Worten, was man daraus machte oder wie man es aß. Außerdem hatten sie ein paar Maultiere und Ziegen im Dorf, erstere als Lasttiere, die zweiten vor allem als Milchquelle. Ich erfuhr von ihr, dass die Dorfgemeinschaft sich Quimarù nannte, ein Stamm, der von den Awarak abstamme und in dieser Region schon lebe, solange sie denken könnten. Und dass es noch weitere Siedlungen gäbe, weiter oben im Wald und auf dem gegenüber liegenden Ufer des Rio Sacro.
Ich fragte sie, weshalb sie als eine der wenigen Spanisch sprach, während alle anderen nur die Stammessprache beherrschten. Sie antwortete, dass schon vor vielen Jahren, als sie noch ein Kind war, auf der anderen Seite des Flusses eine Krankenstation und Schule errichtet wurde. Von einer französischen Organisation, die sich „soleil levant“ nannte. Irgendwann seien diese Leute auf die Dörfer der Indios gestoßen und hätten versucht, ihnen zu helfen. Es seien dann zum ersten Mal ein paar der eingeborenen Kinder wie sie zur Schule gegangen. So hätte überhaupt erst der Kontakt zu den Weißen begonnen, davor bekamen sie kaum welche zu Gesicht. Und so kam es dazu, dass sie jetzt ab und zu Waren auf dem Wochenmarkt in Colcha verkauften. Bevor die Station errichtet wurde, gab es das alles nicht, sie wären immer unter sich geblieben.
Nach unserem Rundgang kamen wir zurück zur Hütte des Vaters. Ich bedankte mich herzlich für die Gastfreundschaft und versicherte ihm, welches unvergessliche Erlebnis es für mich gewesen sei, sie besuchen zu dürfen.
Lieber noch hätte ich mich bei Yulia selbst und sehr persönlich bedankt! Auf unserem Rundgang sah ich sie ständig an, war fasziniert von ihrer Art sich zu bewegen und ihrem Aussehen. Dass sie mir so geduldig und mit Händen und Füßen ihr Dorf und ihre Landwirtschaft erklärte, machte sie noch sympathischer und anziehender. Welche unglaublich schöne Frau! Und ausgerechnet hier, mitten in der Wildnis! Bei der nächsten Gelegenheit auf dem Markt würde ich eine Chance suchen, sie zu wieder zu treffen.
Inzwischen waren etwa zwei Stunden vergangen und die Wolken über dem Regenwald wurden dichter. Sie begannen sich hoch aufzutürmen – heute war ein Gewitter nicht auszuschließen. Yulias Vater warnte mich, dass ich mich beeilen müsse, es gäbe noch einen heftigen Regenguss, bevor es dunkel würde. Also verabschiedete ich mich von der Familie, bedankte mich bei Yulia für die Führung und winkte zum Abschied. Alle, die auf dem Dorfplatz waren, taten es mir gleich, ich war gerührt bei diesem Anblick. Die Kinder begleiteten mich noch eine kurze Strecke und ich bedauerte, dass ich kein Gastgeschenk dabei gehabt hatte. Andererseits sahen die Kleinen hier nicht so aus, als hätten sie darauf gewartet.
Gewohnheitsmäßig blickte ich nochmal auf meinen Kompass und den Höhenmesser, als ich aus der Ansiedlung hinausging und den Rückweg antrat. Beim Blick auf den Altimeter stockte mir der Atem! Ich las eine Höhe von eintausendeinhundertfünfzig Metern ab und auf einen Schlag wurde mir klar, dass ich eben in einem Dorf gewesen war, das verloren sein würde, sobald der Stausee sich gefüllt hätte. Colcha lag auf knapp achthundert Metern, der Staudamm begann zirka zweihundert Meter höher. Bei einer Stauhöhe von ebenfalls zweihundert Metern würde das Dorf im Stausee versinken! Ich kontrollierte es ein zweites Mal, kam aber zum selben Ergebnis. Ich war fassungslos! Was sollte ich nun tun? Sollte ich die Dorfbewohner warnen? Zurückgehen und sie informieren über das, was ich eben herausgefunden hatte? Oder wussten sie schon davon? Doch dann wären sie mir sicher nicht so freundlich begegnet – einem, der an ihrem Untergang mitarbeitet. Nein, sie konnten es noch nicht wissen! Ich überlegte und versuchte mich zu beruhigen. Der Höhenmesser konnte sich ja verstellt haben auf dem Weg hinauf. Der Luftdruck änderte sich beim Anzug eines Gewitters, was bei einem barometrischen Messgerät die Anzeige verfälschen konnte. Also würde ich auf dem Weg hinab das Ganze nochmal genau beobachten. Erst wenn die Differenz dieselbe bliebe, wäre zu überlegen, was zu tun war.
Martin fröstelte. Die Nacht hatte lau begonnen, lange noch war die Hitze des Sommers am Abend spürbar gewesen, sie verklang erst nach Anbruch der Dunkelheit. Inzwischen zeigte die Sonne ihr erstes, rötliches Licht am Horizont, doch sie schickte noch keine Wärme in den neuen Tag. Die feuchte Luft des frühen Morgens hatte sich wie ein feines Tuch aus Seide auf Haut und Kleidung gelegt. Selbst noch im Hochsommer konnte der Tag kühl beginnen, hier in Europa. Tausende, winzig kleine Tröpfchen riefen auf Gesicht und Händen ein Kältegefühl hervor, das seinen gesamten Körper erfasste, so als ob über diese Hautpartien ein eiskalter Strom in ihn hineinführe. Davon war er wach geworden. Im Halbschlaf fährt sich Martin mit der rechten Hand durch das Gesicht, will die feinen Tröpfchen wegwischen. Er verwischt sie nur und von seiner Wange löst sich ein kleines Rinnsal aus Wasser. Er rollt sich auf die Seite, drückt sein Gesicht einmal tief in den Schlafsack, um es zu trocknen.
Ein kaum spürbarer Luftzug trägt einen bekannten Geruch zu ihm her. Harziger, frischer Duft von Nadelbäumen mischt sich mit dem süßlich-würzigen Aroma von gefallenem, langsam vermodernden Laub, Astwerk und Erde. Es riecht nach Vergangenem, nach alter Zeit. Nicht das feuchte, milde Aroma eines Morgens im Amazonas-Regenwald nimmt er wahr, ein anderer Geruch lässt Assoziationen wach werden aus einer noch länger zurückliegenden Vergangenheit. Der Geruch aus den Wäldern seiner Kindheit.
Man brauchte nur zehn Minuten und wenn man rannte, war man nach fünfen am Ziel: hinter den letzten Häusern des Dorfes, in dem er aufgewachsen war, lag er. Nachdem man eine Reihe von Feldern und Wiesen durchquert hatte, begann der Wald, unendlich groß. Schon als Kind hatte er seinen besonderen Geruch geliebt und war immer wieder dorthin gegangen, um ihn einzuatmen. War er mit seinen Freunden unterwegs, spielten sie dort Indianer und Cowboy oder Räuber und Gendarm oder einfach Versteckspielen. Der Wald mit seinen Bäumen, Sträuchern und Lichtungen war ein ideales Spielfeld, der Phantasie kaum Grenzen setzend. Wie oft hatten sie sich verloren in diesen Spielen und darüber die Zeit vergessen? Hatte man als Kind überhaupt die Zeit im Kalkül? Zuhause hatte er sich dann regelmäßig die Standpauke seiner Mutter angehört.
Diesen einzigartigen Duft konnte er allerdings nur dann so richtig wahrnehmen, wenn er alleine war. Deshalb ging er auch oft ohne seine Freunde hinaus, um den Wald für sich zu entdecken: das Rascheln des Buchen- und Eichenlaubes unter den Füßen, Tannen- und Fichtenzapfen, die sich als Wurfgeschosse eigneten, solange sie noch nicht aufgesprungen waren. Die Finger klebten vom Harz der Zapfen, unter den Füßen knackten die Äste synchron zu den Schritten, die man machte. Er schlurfte durch das trockene Laub, ließ die Blätter kniehoch aufwirbeln, sodass der Waldboden noch intensiver duftete. Dann blieb er stehen – plötzlich Stille, eine fast unheimliche Stille. Nur ein paar Vogelstimmen wie von weiter Ferne oder ein Rascheln im Unterholz, wenn ein Eichhörnchen dort Nahrung suchte.
Die Warnungen der Mutter waren schnell verhallt. Er hatte noch ihre beschwörende Stimme im Ohr: „Martin, geh‘ nicht zu tief in den Wald hinein, du kannst dich darin verlaufen!“ Ein Indianer würde sich doch niemals verlaufen in seinem Wald!
Hier im Stadtpark roch es wie in den Wäldern seiner Kindheit und ebenso still war es. Er hörte in die Stille hinein, und je länger er hinhörte, umso weniger Ruhe nahm er wahr. Die Großstadt war nicht still. Zwar waren außer ein paar frühen Vogelstimmen keine klaren Geräusche herauszufiltern, doch im Hintergrund lag ein immerzu gegenwärtiges Rauschen und Brummen. Je mehr er sich darauf konzentrierte, umso deutlicher nahm er es wahr. Es wurde nicht eindeutiger durch das Hinhören, blieb undifferenziert, doch trat mehr und mehr in den Vordergrund. Die Stadt sandte dieses Brummen und Rauschen aus und zeigte so ihre Nähe an.
Ebenso wenig wie es an diesem Ort keine Stille gab, existierte auch keine vollkommene Dunkelheit. Das hatte er gestern vor dem Einschlafen deutlich wahrgenommen. So wie jetzt dieses Hintergrundgeräusch präsent war, so gab es in der Dunkelheit eine Art Hintergrundbeleuchtung. Wie der Lärm wurde auch sie von der Stadt ausgestrahlt. Vom lichtgrauen Himmel heben sich nur die größten und hellsten Sterne ab, die kleineren verschwinden vom Firmament. Nur einen Bruchteil des Sternenhimmels konnte er gestern vor dem Einschlafen beobachten. Die Milchstraße war überhaupt nicht zu entdecken, obwohl der Himmel am Abend ein wolkenloser war. Oder lag es einfach daran, dass ihm dieser Sternenhimmel nicht mehr so vertraut war, nachdem er über so viele Jahre in den der südlichen Hemisphäre geblickt hatte?
Wie spät mochte es sein? Obwohl seine Gedanken schon kreisten, hat Martin noch keine Lust, richtig wach zu werden. Er möchte noch ein wenig weiter schlafen. Er dreht sich auf die Seite und bemerkt, dass ihm nicht nur kalt ist, sondern alle Knochen schmerzen. Vor allem sein Rücken. Eine Parkbank war doch keine gute Unterlage für die Nacht und der Schlafsack eine nur unzureichende Polsterung. Vor ein paar Jahren hätte ihm das nichts ausgemacht, damals war er es gewohnt im Freien oder nur spärlich überdacht zu schlafen. Er erinnerte sich an eine ganze Reihe von Ereignissen und Gelegenheiten, in denen er Nächte unter freiem Himmel, in Zelten oder Hütten verbrachte. Wie ein oft gesehener Film zogen diese Bilder an ihm vorüber. Und mit diesem Film kam sie wieder, die Erinnerung, die er abzulegen versuchte. Nicht jetzt! Diese Erinnerungen schmerzten immer noch. Er hat lange daran gearbeitet, sie nur soweit zuzulassen wie nötig. Sie ganz zu vergessen war nicht möglich, das hatte er gelernt und akzeptiert. Aber sie so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass der Schmerz erträglich war, das war das Mindeste. Jetzt – mehr als zehn Jahre später – arbeitete er immer noch daran. Er mochte jetzt nicht in diese Gedanken eintauchen. Er wollte Ruhe, Schlaf.
Es wird ein Dahindämmern. Kurze Phasen von oberflächlichem Schlaf wechseln sich ab mit wachen Momenten, in denen die Gedanken kommen und gehen. Von selbst, unaufgefordert. Er steuert sie nicht, sie dringen in ihn, nehmen den Platz von anderen ein und werden später selbst durch neue vertrieben. So bestimmen sie den Ablauf seines Wachwerdens.
Obwohl im Freien zu übernachten für ihn keine neue Erfahrung darstellt, macht sich ein Gefühl der Unsicherheit breit. Um wieder einzuschlafen, fehlt ihm eine vertraute Umgebung. Er ist im Freien und in Freiheit. Das Freie, das ihn umgibt, ist das Unbekannte, die Freiheit, die er seit heute wieder besitzt, ist das Ungewohnte. Scheinbare Gegensätze, die ihn verunsichern.
Wie könnte er auch von gestern auf heute diesen erneuten Bruch in seinem Leben schon verstanden haben? Er hatte sich diesen Schlafplatz bewusst ausgesucht – im Freien. In einem Raum ohne Wände, ohne Türen und Schlösser. Für die erste Nacht hätte er sich auch ein einfaches Hotelzimmer oder eine Pension nehmen können. Oder er hätte Anspruch auf einen Schlafplatz in einem Männerheim anmelden können. Im Sommer bekam man dort leicht einen Platz. Aber genau das wollte er nicht, wieder eine Nacht lang in vier Wänden untergebracht zu sein – auch wenn er diesmal selbst derjenige gewesen wäre, der im Besitz der Schlüssel ist. Nein, er wollte seine Freiheit spüren. Deswegen war er jetzt hier, in diesem Park in der Stadt, auf dieser Parkbank. Und mit diesen Gedanken fühlte sich die Kühle auf einmal nicht mehr kühl und die Feuchtigkeit nicht feucht an, sondern er nahm sie als Frische wahr. Die Entscheidung, diese Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, war eine der wenigen Entscheidungen, die er in den letzten Monaten selbständig treffen durfte und getroffen hatte. Er musste niemanden fragen und niemand konnte ihn daran hindern.
Dieses Gefühl machte ihn glücklich und traurig zugleich. Ja, er konnte jetzt wieder selbst Entscheidungen treffen, aber wo stand er in seiner Selbständigkeit, wenn schon die Antwort auf eine solch unbedeutende Frage wie der nach der Übernachtung in ihm ein Glücksgefühl erzeugt? Existierten keine größeren Dinge mehr in seinem Leben, an denen er Bedeutung, Zufriedenheit, Glück messen konnte?
Erst einmal musste er seine Gedanken ordnen, zu viele waren gleichzeitig in seinem Kopf. Er musste selbst die Hoheit über seine Gedanken erlangen. Sie durften nicht kommen und gehen wie sie wollten, es lag an ihm, welche er hereinlassen und mit welchen er sich beschäftigen würde.
Wiederholt döst er kurz ein, um im nächsten Augenblick erneut zu erwachen. Dieses Hin und Her geht vielleicht über eine weitere Stunde so. Wie ein kleines Boot treibt er in seinem eigenen Meer aus Träumen, Erinnerungen und Gedanken. Manchmal hebt ihn eine Welle heraus und lässt ihn gleich danach wieder tief in dieses Meer eintauchen. Manche Gedanken überdauern diese Wellenbewegung und sind sowohl in den Wach- als auch in den Schlafphasen präsent. Andere kommen und verschwinden. Schaffen es nicht die Schwelle zwischen Wachen und Schlafen zu überschreiten.
Während dieser Stunde des Ein- und Austauchens in und aus dem Schlaf nahm er schon die ersten Menschen im Park wahr. In der Stille erkennt man die Schritte bereits von weitem und kann die Bewegung nur durch Hinhören erkennen – aus welcher Richtung sie kommen, ob sie auf einen zukommen, ob sie die Richtung wechseln, ob sie sich entfernen. So nahm er jetzt Menschen wahr, die mit gleichmäßigem Schritt näher an ihn heran kamen, vorbei- und weitergingen, bis ihre Schritte verklangen. Wahrscheinlich Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit und ins Büro. Ab und zu knirschte es gleichmäßig auf dem Weg, wenn ein Fahrrad seine Spur in den feinen Kies drückte, begleitet vom uhrenmäßigen Ticken des Hinterrades, sobald der Fahrer aufhörte zu treten. Jogger erkannte er an ihrem deutlich lauteren Laufgeräusch, an der rhythmischen, stakkatoartigen Schrittfolge.
Manchmal öffnete er seine Augen vorsichtig nur so weit, dass er einen schmalen Sehschlitz hatte, die Passanten ihn aber weiter für einen Schlafenden halten mussten. So bestätigte er sich, dass seine Phantasie übereinstimmte mit dem, was tatsächlich um ihn herum geschah, dass seine Sinne noch funktionierten.
Die Menschen zogen an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. Ein schlafender Mann auf einer Parkbank in der Großstadt ist nichts Besonderes, sondern gehört eher zum Stadtbild. Ein „Penner“ im wahren Wortsinn. Gehörte er jetzt zu dieser Spezies Mensch? War er mit dieser einen Nacht zum Penner geworden oder stand er an der Schwelle dazu?
Er greift unter die Parkbank, um sich zu versichern, dass seine Reisetasche noch da ist. Ihren Tragegurt hatte er um ein Brett der Bank geschlungen, sodass sie nicht einfach mitzunehmen wäre. Vermutlich völlig überflüssig! Wer würde schon einem Penner die Habseligkeiten wegnehmen? Niemand erwartete darin Reichtümer, die einen Diebstahl rechtfertigten. Eher wollte man sie gar nicht anfassen, weil darin Dinge und Zustände zu vermuten waren, die man nicht sehen, geschweige denn haben möchte. Außerdem ist da noch seine kleine Umhängetasche, die er auf dieselbe Art gesichert hatte. Er besaß sie schon seit zig Jahren und das sah man ihr auch an. Doch sie war nicht kaputt zu kriegen, und er wollte sie nicht eintauschen gegen eine neuere. Sie war seine Begleiterin, seitdem er seine erste Flugreise gemacht hatte. Das beige Kunstleder nannte man damals Sky-Leder – ein Name, passend zum Aufdruck „PanAm“ in einer stilisierten Erdkugel mit angedeuteten Längen- und Breitengraden. Der Aufdruck bezeugte ihr Alter, indem er für eine Fluggesellschaft warb, die schon lange nicht mehr existierte. Mit diesen beiden Taschen war er gestern hierher zu seinem Schlafplatz gezogen. Er sah damit aus wie ein Zeitreisender, aus einer vergangenen Zeit kommend und hier noch nicht angekommen, suchend, all seinen Besitz in einer einzigen Tasche hinter sich herziehend. Einundfünfzig Jahre Leben und sein Hab und Gut passte in eine Reisetasche! Welche Bilanz!
