2,99 €
Ted Myers, Ranger im Rocky Mountain National Park, steht mit beiden Füßen fest im Leben, bis ihm ein tragischer Unfall seine Frau und damit jeglichen Halt nimmt. Seines Lebensmittelpunkts beraubt gibt er sich selbst auf. In der Einsamkeit der Berge sucht Ted nach dem Sinn seiner Existenz – bis ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Fremder auftaucht und ihm zeigt, dass Weglaufen keine Option ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
07/2023
Zurück ins Leben – Hand in Hand
© by Nadine Neu
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2023 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Lektorat: Martina Volnhals, Matthias Schlicke
Korrektorat: Rudolf Strohmeyer
Buchsatz: Paul Lung
Autorenfoto: Michaela Lebkücher
Coverbild ›Man flucht viel mehr, wenn man tot ist‹
© 2019 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Hurentochter‹
© 2019 by Creativ Work Design, Homburg
ISBN 978-3-96741-213-0
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Printed in Germany
Nadine Neu
Zurück ins Leben
Hand in Hand
Roman
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
Epilog
Danke
Die Autorin
Hybrid Verlag …
Für Niklas und Piri,
zwei meiner besten Freunde
1
Das Funkgerät knackte und zerriss die friedliche Stille des Nachmittags. Ted zuckte zusammen. Bedauernd ließ er seinen Blick ein letztes Mal über die teils noch schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains gleiten. Seufzend, aber ohne zu zögern, stieß er sich von der Ladeklappe seines Pickups ab. Durch das offene Autofenster angelte er nach dem Walkie-Talkie auf dem Beifahrersitz. Nach einem kurzen Rauschen ertönte die Stimme von Steven van Loon: »Basis an Ranger Patrol 8. Bitte kommen.« Die Stimme seines Chefs klang drängend.
Schnell drückte Ted die Sprechtaste. »Hier Ranger Patrol 8.«
»Ted, wo steckst du?«
»Am Fall River Visitor Center. Wollte mich gleich auf den Heimweg machen.«
»Daraus wird nichts. Notfall. Fahr sofort zu den Sheep Lakes! Da legt sich gerade so ein irrer Tourist mit einem Elch an.«
»Ist niemand näher dran als ich?«, fragte Ted, während er bereits die Tür aufriss und ins Auto sprang.
»Doch, eine der Freiwilligen, aber sie wird nicht mit ihm fertig. Also, mit dem Typ, meine ich.«
»Bin schon unterwegs, Chef. Ende.«
Während er den Motor startete, ließ er das Funkgerät auf den Beifahrersitz fallen. Mit Vollgas bog er auf den Highway ein und die durchdrehenden Reifen wirbelten Steine durch die Luft. Die Sheep Lakes lagen nicht weit vom Visitor Center entfernt, aber einige Minuten würde er schon brauchen. Er durfte keine Zeit verlieren.
Einen flüchtigen Moment dachte er daran, Susan anzurufen und ihr Bescheid zu geben, dass er später kommen würde. Doch die schmale, kurvenreiche Straße, über die er in viel zu hohem Tempo jagte, forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Das Grün, Grau und Braun der vorbeifliegenden Landschaft nahm er kaum wahr. Seine volle Konzentration galt dem Asphaltband mit dem gelben Streifen unter den Reifen seines Pickups.
Als er in die Parkbucht an den Sheep Lakes einbog, stürmte eine junge Frau in Ranger-Uniform auf ihn zu und fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Er sprang aus dem Auto.
»Schnell, da hinunter!« Sichtlich erleichtert deutete sie in Richtung des kleinsten der drei Seen, dessen nördliches Ufer vom Parkplatz aus zu sehen war. »Dieser Idiot ließ sich einfach nicht aufhalten. Er hat mit dem Fernglas ein Elchkalb am Ufer entdeckt und ist sofort mit seiner Kamera los. Ich hab versucht, ihm zu erklären, wie unberechenbar und gefährlich Elchkühe sind, aber …«
»Schon gut. Ich kümmere mich drum«, unterbrach Ted ihren Redefluss sanft, aber bestimmt. Beruhigend legte er ihr eine Hand auf die Schulter. »Bleib du hier und pass auf, dass nicht noch mehr Leute da runter kommen!«
»Okay.« Die junge Frau wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und blieb hinter ihm zurück.
Ted lief die Böschung hinunter, schnell, aber ohne zu rennen. Keinesfalls durfte er auf die Mutter des Elchkalbs bedrohlich wirken. Bisher blieb sie seinen suchenden Blicken verborgen. Wahrscheinlich hielt sie sich in dem Wäldchen links vom See auf, wo sich selbst ein so gewaltiges Tier im dichten Unterholz unsichtbar machen konnte. Im Schilf entdeckte er einen kleinen, untersetzten Mann, dessen viel zu enges T-Shirt einen Großteil seines gewaltigen Kugelbauchs freigab. Er baute sich mit einem riesigen Fotostativ vor einem am Ufer liegenden Elchkalb auf und machte sich an seiner Kamera zu schaffen. Sein Umfeld beachtete er nicht im Mindesten. Er tappte sogar mit einem Fuß ins seichte Ufergewässer, so erpicht war er offenbar darauf, die beste Perspektive auf den kleinen Elch zu ergattern. Das Kalb kauerte in dem Versuch, sich unsichtbar zu machen, bewegungslos im Gras, die Beine untergeschlagen, das Köpfchen leicht von dem Mann abgewandt. Noch zeigte sich die Mutter nicht, aber Ted wusste, dass sich die Kühe nie weit von ihren Jungen entfernten.
Noch ungefähr zwanzig Schritte trennten Ted von dem Fotografen. Plötzlich nahm er links neben ihm eine Bewegung wahr. Ein großer, dunkler Schatten löste sich aus dem Unterholz. Die Elchkuh! Sie machte sich auf den Weg, ihren Nachwuchs zu verteidigen, und hielt direkt auf den Mann im Schilf zu. Sich der drohenden Gefahr nicht bewusst, schraubte der arglos an seiner Kamera herum. Er arbeitete so konzentriert, dass er weder den herannahenden Elch noch Ted bemerkte.
Nun zählte jede Sekunde. Ohne einen einzigen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden, in die er sich selbst begab, sprintete Ted los, riss den Mann an den Schultern herum und zog ihn mit sich, fort von dem Kalb. Die Elchkuh beschleunigte und nahm die Verfolgung auf. Zum Umdrehen fand Ted keine Zeit, doch er hörte, wie das langbeinige Tier Stück für Stück aufholte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als alles auf eine Karte zu setzen. Er stieß den neben ihm her stolpernden Mann hinter einen Baum, dessen Stamm für diesen Zweck geradezu lächerlich dünn erschien, und presste sich eine Sekunde später auch selbst dahinter. Es funktionierte. Durch das Hindernis gestoppt oder lediglich irritiert durch das plötzliche Anhalten der beiden Männer, bremste die wütende Elchmutter ab und kam zum Stehen, kaum eine Armlänge von ihnen entfernt. Für ein Weibchen war sie von beeindruckender Größe und mit ihrem witternd erhobenen Kopf überragte sie selbst Ted um einiges. Er fixierte das Tier mit dem Blick. Aus kleinen Augen mit langen Wimpern starrte es zurück. Deutlich erkannte er die sich blähenden Nüstern.
»Nicht bewegen«, flüsterte er, trotz seines keuchenden Atems um einen ruhigen Tonfall bemüht. Der Fremde schien ohnehin viel zu erschrocken, um sich zu rühren oder auch nur etwas zu erwidern. Stocksteif stand er zwischen Ted und dem Baumstamm. Die Elchkuh scharrte unruhig mit den Hufen und sah zurück zu ihrem Kalb, das scheinbar unbeeindruckt von der ganzen Aufregung an der gleichen Stelle kauerte wie zuvor. Ted wandte den Blick nicht von der Mutter ab, während er beruhigende Worte murmelte. Nach einigen endlos scheinenden Sekunden kam die Elchkuh offenbar zu dem Schluss, dass die Gefahr gebannt war. Langsam drehte sie sich um und stolzierte zurück zu ihrem Jungen, das unbeholfen aufstand und sich an ihre Beine drückte. Gemeinsam trotteten sie auf das Wäldchen zu. Das Kleine beeilte sich, mit seiner Mutter Schritt zu halten, und stakste hinter ihr her. Sobald sie im Gebüsch verschwunden waren, hörte man kaum mehr ein Geräusch. Der Wald verschluckte die Tiere, als wären sie nie da gewesen.
»Danke«, stammelte der Fremde und schaute etwas bleich um die Nase zu seinem Retter auf.
»Sie haben Glück gehabt, dass ich rechtzeitig gekommen bin. Das nächste Mal hören Sie auf die Anweisungen des Parkpersonals.« Teds Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Er half dem jetzt ziemlich kleinlauten Mann, seine Kameraausrüstung aufzusammeln. Während sie nebeneinander zurück zum Parkplatz liefen, bemühte sich Ted, seinen Zorn über die Unvernunft des Mannes zu unterdrücken, und erklärte in professionellem Tonfall, was es über Elche zu wissen gab.
»Park Ranger ist mehr als nur ein Job für Sie, oder?«, fragte der Fotograf, sichtbar beeindruckt.
»Ich bin in den Rockies aufgewachsen und die Natur mit all ihren Bewohnern liegt mir von Kindesbeinen an sehr am Herzen.«
Grinsend strich er über sein graubraunes Hemd mit dem Abzeichen des Nationalparks und erinnerte sich daran, wie er mit sechs Jahren das erste Mal einem echten Ranger begegnet war. Seitdem stand sein Berufswunsch fest, und das nicht nur wegen der tollen Uniform.
Über die Schulter warf er einen kurzen Blick zurück. Die Seen lagen eingebettet in ein Meer wogender Gräser in dem langgestreckten Tal, umrahmt von gewaltigen Bergen. Das weiche Licht der Nachmittagssonne verwischte die Konturen und brachte die Landschaft zum Leuchten. Wie meist erfüllte ihn die stille Kraft der Natur mit Ruhe.
Er geleitete den Mann sicher zu seinem Fahrzeug zurück, dann meldete er sich über Funk bei Steven.
»Ist alles klar gegangen, Ted?«
»Ja, sind alle unversehrt.«
»Der Tourist auch oder nur die Elche?« Stevens Grinsen war nicht zu überhören.
»Der Tourist natürlich auch.«
»Gute Arbeit, mein Junge! Mach dich jetzt auf den Heimweg. Grüß Susan von mir.«
Beim Klang ihres Namens flutete Vorfreude Teds Innerstes wie das weiche Licht der tief stehenden Sonne die Berggipfel um ihn herum.
»Mach ich, Chef. Ende.«
Wenig später ließ Ted seinen braunen Pickup auf das rechte der drei gedrungenen Holzhäuschen zurollen, die den östlichen Ein- und Ausgang des Rocky-Mountain-Nationalparks markierten. Der alte Charly, der dort Dienst tat, öffnete das Schiebefenster.
»Hi, Ranger! Schluss für heute?«
Obwohl Ted es nun wirklich eilig hatte, nach Hause zu kommen, nahm er sich wie jeden Tag Zeit für einen kleinen Plausch.
»Ach, Schluss hat man in dem Job doch nie wirklich.«
»Gab’s was Besonderes?«
»Nur den üblichen Wahnsinn mit den Touristen. Manche Leute machen sich so wenig Gedanken über die Natur und ihre Geschöpfe, dass ich mir vorkomme, als versuchte ich Kleinkindern höhere Mathematik beizubringen.«
Charly ließ sein raues Lachen hören.
»Aber jetzt muss ich dringend los, bin schon viel zu spät dran. Jen feiert heute ihren Geburtstag.«
»Na, dann gratulier deinem Schwesterchen mal von mir. Komm gut nach Hause, Ted.«
Auf der Heimfahrt nach Shepherd’s Creek ließen Ted die Gedanken an das, was heute im Park vorgefallen war, nicht los. Solche Vorkommnisse stellten leider keine Seltenheit dar. Trotzdem liebte er seine Arbeit, auch wenn seine Arbeitszeiten im Nationalpark keinen so festen Regeln folgten wie bei einem Bürojob. Aber dass er ausgerechnet heuteaufgehalten worden war, ärgerte ihn. Für Jens Party heute Abend gab es sicherlich noch viel vorzubereiten und er kam zu spät. Leider ließ sich das nun nicht mehr ändern. Er beschleunigte den Wagen. Dann würde er eben jetzt für zwei arbeiten.
Er fuhr mit offenem Fenster, ließ sich den Wind um die Ohren wehen und atmete den frischen, würzigen Duft seiner Heimat tief ein. Die erhoffte Wirkung blieb aus. Er fühlte sich unruhig, aufgewühlt und rastlos. Mit einer Hand massierte er seine verspannten Nackenmuskeln.
Knorrige Wacholdersträuche, hochgewachsene Colorado-Tannen und bizarr geformte Murraykiefern säumten den Highway zu beiden Seiten und hoben sich wie ein Kaleidoskop aus wechselnden Grüntönen vom tiefblauen Himmel ab. Das von einem gelben Streifen geteilte graue Band des Asphalts passte sich dem Grau der Felsen an und zwischen den Bäumen blitzten leuchtende Akzente auf: Wildblumen in so bunten Farbmischungen, wie sie nur die Natur hervorzubringen vermochte.
Auf dem letzten Wegstück eskortierte der Shepherd River die Straße. Ab und an blitzte das glasklare Wasser in der Sonne auf. Obwohl Ted die Heimfahrt sonst genoss und sich jeden Tag aufs Neue an der landschaftlichen Schönheit seiner Heimat erfreute, war er heute erleichtert, als die ersten Häuser von Shepherd’s Creek auftauchten. Wie immer überkam ihn das angenehme Gefühl, nach Hause zu kommen. Nicht nur zurück in seinen Wohnort, sondern wirklich nach Hause.
Das beschauliche 1000-Seelen-Örtchen lag 10 Meilen nordöstlich des Nationalparks in einem Talkessel. Von der höher gelegenen Zufahrtsstraße konnte er es komplett überblicken, obwohl die Häuser wie hingewürfelt weit auseinanderlagen. Sein ganzes Leben hatte er hier verbracht und es fiele ihm nicht im Traum ein, irgendwo anders hinzuziehen. Vor sechs Jahren hatte er sich auf einem Hügel am Ortsrand mit seinen eigenen Händen ein Holzhaus gebaut, eine knappe Meile von seinem Elternhaus entfernt.
Er setzte den Blinker und bog vom Highway ab. Am Sägewerk seines ältesten Bruders Ron linste er im Vorbeifahren in den weitläufigen Hof, in der Hoffnung, seinen Neffen oder seine Nichte zu sehen. Leider zeigte sich niemand und Ted beschleunigte wieder.
Entlang der Hauptstraße hoben die Menschen, an denen er vorbeikam, grüßend die Hand, und er winkte lächelnd zurück. Hier kannte jeder jeden. Kurz vor der Abzweigung, die zu seinem Haus führte, erhob sich ein weißhaariger Mann von der Treppe vor seiner Haustür, humpelte auf die Straße und bedeutete Ted anzuhalten. Der alte Jacob, ein Freund seines Vaters, schien eigens auf ihn gewartet zu haben. Ausgerechnet heute! Ted seufzte und hielt an. Der Alte trat an das geöffnete Autofenster.
»Hi Jacob, was liegt an?«
»N’Abend, Ted. Tschuldige, dass ich dich aufhalte, aber ich wollt dich vielleicht um ’nen Gefallen bitten.«
Ted lächelte ihn an. »Kein Problem. Schieß los!«
»Na ja, weißt du, mein Dach scheint irgendwo eine undichte Stelle zu haben und jetzt regnet’s mir in die Küche. Alles nich so schlimm, ich kann ja ’nen Eimer drunter stellen. Das mach ich jetzt schon ’ne ganze Weile so, aber ich dacht, du könntest … also, nur vielleicht und falls du mal Zeit hast …«
»Klar, Jacob. Das mach ich, ich schau’s mir an. Nächste Woche, okay?«
Der alte Mann entspannte sichtbar seine hochgezogenen Schultern. Er strahlte Ted an und entblößte dabei eine Reihe entsetzlich schiefer Zähne. »Bist’n guter Junge. Das sag ich deinem Dad auch immer. Jonathan, sag ich, dein Ted is’n feiner Kerl, das sag ich immer zu ihm.«
»Schon gut, Jacob. Ich komm die Tage vorbei und dann sehen wir nach deinem Dach. Heute bin ich spät dran.«
»’türlich, Ted, es muss ja nich sofort sein. Soll trocken bleiben die nächsten Tage. Und wenn nich: ich hab genug Eimer und Töpfe«. Er kicherte über seinen eigenen Witz und Myriaden von Fältchen überzogen sein Gesicht.
»Okay, bis dann. Mach’s gut, Jacob.«
»Grüß deinen Dad von mir«, rief der Alte ihm nach.
Ted ließ seinen Pickup anrollen und sah im Rückspiegel, wie ihm Jacob nachwinkte. Kurz überlegte er, zurückzufahren und sich sofort um das Dach zu kümmern. Doch es war Sommer und länger anhaltender Regen weit und breit nicht in Sicht. Er riss seinen Blick vom Spiegel los und wandte ihn entschlossen auf die Straße vor sich. Seine Familie brauchte ihn jetzt dringender.
Kurz darauf kam er an die Brücke, die zum Haus seiner Eltern führte, und drückte automatisch auf die Hupe. Das tat er immer, wenn er hier entlangfuhr. Hupte er nicht mindestens einmal am Tag, erhielt er unweigerlich einen besorgten Anruf seiner Mutter. Wenn er ehrlich war, mochte er aber auch die Vorstellung, wie seine Mom beim Wäscheaufhängen oder was sie sonst so tat, innehielt und lächelte, sobald die Hupe erklang.
2
Susan strich sich die Haare aus der Stirn und sah auf ihre Armbanduhr. Wo Ted nur blieb? Er müsste längst da sein. Die großräumige Küche ihrer Schwiegermutter duftete nach allerlei Süßem, aber auch deftige Gerüche mischten sich darunter. Überall standen Schüsseln und Töpfe, dazwischen fertige Kuchen und andere Leckerbissen. Es gab kaum noch ein freies Plätzchen. Doireann wirbelte mit geröteten Wangen mal hierhin, mal dorthin, und Susan bemühte sich nach Kräften, all ihre Anweisungen auszuführen.
»Aaron, nimm sofort deine schmutzigen Griffel aus der Schüssel!« Doireann warf ein Geschirrtuch nach Teds bestem Freund.
»Aber Doirie, ich kann doch nichts dafür!«, jammerte Aaron. »Dein Teig zieht mich an wie das Licht die Motten. Niemand auf der ganzen Welt kann deinen Kuchen das Wasser reichen, nicht mal deinem Teig. Meine Finger haben sich selbständig gemacht und mich einfach hinter sich hergezogen. Ich konnte mich überhaupt nicht wehren!«
»Aaron Stanford, du bist das verfressenste Subjekt, das mir je untergekommen ist. Mach und verschwinde aus meiner Küche, sonst wirst du erfahren, wie sich dieser Teig in deinen viel zu langen Haaren anfühlt.«
Teds Mutter schickte sich an, mit ihren mehlbestäubten Händen Aarons blonden Lockenkopf zu zerzausen, wobei sie sich ordentlich recken musste. Er wich ihr lachend aus und flüchtete durch die Küchentür. Mit einem energischen Fußtritt beförderte Doireann die Tür hinter ihm ins Schloss und stemmte die Hände in die Hüften. »Dieser Junge ist die reinste Landplage!« Ihr Tonfall und ein breites Grinsen in dem sommersprossigen Gesicht straften ihre Worte jedoch Lügen.
Aarons Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der damals Fünfjährige hatte wie durch ein Wunder auf dem Rücksitz überlebt und kaum mehr abbekommen als einen Kratzer. Seitdem lebte er bei seinen Großeltern, die den Campingplatz in Shepherd’s Creek betrieben.
»Du liebst ihn doch genauso wie deine eigenen Kinder. Kannst es ruhig zugeben.« Susan sah ihre Schwiegermutter von der Seite an.
»Was bleibt mir anderes übrig?« Doireann rang theatralisch die Hände. »Du weißt ja, wie beharrlich und überzeugend Ted sein kann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. So war er auch schon mit fünf.« Sie kicherte. »Und Ted hatte sich damals eben vorgenommen, sich um den neuen Jungen im Ort zu kümmern. Er hat so lange gebohrt, bis ich nachgab und wir Aaron bei seinen Großeltern besuchten. Tja, und seit diesem Tag sind die beiden unzertrennlich.«
»Ich stell mir das toll vor. Nicht jeder hat das Glück, so eine Freundschaft zu erleben.« Susan seufzte.
Erneut flog die Küchentür auf. »Grandma, kriegen wir was Süßes?« Sich gegenseitig schubsend drängten sich Mary und Phil, die Sprösslinge von Teds Bruder Ron, um ihre Großmutter.
»Oh, ihr kleinen Quälgeister! Ihr habt mir hier gerade noch gefehlt! Ist meine Küche vielleicht ein Kiosk? Und wie wär’s mit einem bitte?«
»Bitte, bitte«, bettelten die Zwei im Chor.
»Nehmt euch ein Bonbon aus dem Glas und dann raus hier.« Voller Zuneigung sah Doireann ihren Enkelkindern nach, die jubelnd davon stürmten, die Händchen überladen mit Süßigkeiten.
»Manchmal frag ich mich, wie ich das aushalte. Hier geht es zu wie in einem Irrenhaus!«
»Du hast eine wundervolle Familie.« Trotz ihrer Sorge um Ted lächelte Susan.
Während sie Salatgurken schnitt, sah sie immer wieder zum Fenster hinaus. Das entging ihrer Schwiegermutter nicht. »Du machst dir Sorgen um Ted, stimmt’s?«
»Ja, er wollte heute extra früher Feierabend machen. Es kommt ja schon mal vor, dass das nicht klappt, aber sonst ruft er wenigstens an.« Susan griff nach der nächsten Gurke.
Doireann hörte auf, in ihrer Schüssel zu rühren. »Mir ist er in den letzten Tagen manchmal unruhig vorgekommen. Zerstreut, irgendwie. So, als ob er mit den Gedanken immer schon bei der nächsten Aufgabe wäre.«
Wenn Doireann das auch aufgefallen war, hatte Susan es sich also doch nicht nur eingebildet. Vielleicht war es wieder soweit und das solide Bollwerk, das Ted nicht nur für sie, sondern für so viele Menschen in seiner Umgebung bildete, begann zu bröckeln.
»Dass er sich nicht mal meldet! Und ans Handy geht er auch nicht.«
Doireann sah mit gerunzelter Stirn herüber. »Das ist wirklich ungewöhnlich. Das passt nicht zu unserem Mr. Zuverlässig. Denkst du, er wird wieder …«
»Redet ihr etwa von meinem Lieblingsbruder?« Ron betrat die Küche und bahnte sich einen Weg durch die überall herumstehenden Küchenutensilien.
»Hi, Ron.« Susan streckte ihre schmutzigen Hände von sich, während ihr Schwager einen Arm um ihre Taille legte und ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Bei den meisten anderen Menschen wäre ihr das unangenehm gewesen, bei Ron störte es sie nicht.
»Du sollst nicht immer Lieblingsbruder sagen. Ich mag das nicht. Das weißt du genau«, meldete sich Doireann zu Wort.
»Genau deswegen sag ich es ja, liebste Mom.« Ron lachte und zwinkerte Susan zu. »Aber keine Angst, es ist mir natürlich bewusst, dass ich einen zweiten Bruder habe. Wie heißt er noch gleich?«
»Ron, hör mit diesem Geschwätz auf! Ich warne dich.« Seine Mutter hob ruckartig den Kochlöffel.
Susan nahm die Streiterei um den nach Rons Meinung völlig aus der Art geschlagenen Dan nicht ernst. Sie kannte diese Dialoge zwischen Doireann und ihrem ältesten Sohn inzwischen zur Genüge. Dan hatte im Gegensatz zu Ron und Ted Shepherd’s Creek vor vielen Jahren den Rücken gekehrt und lebte in Denver, wo er bei einem Zeitungsverlag arbeitete.
»Aber jetzt mal zurück zu Mr. Zuverlässig. Wo steckt Ted eigentlich?« Ron wandte sich Susan zu. »Er wollte doch beim Aufbau helfen.«
Automatisch spähte sie wieder aus dem Fenster. »Wenn ich das nur wüsste …«
»Weit kann er jedenfalls nicht sein« ließ sich Jenny vernehmen, die einen ganzen Turm leerer Schüsseln auf ihren Armen balancierte und sich einen Weg durch die Küche bahnte. »Ich hab ihn eben unten an der Brücke hupen gehört.«
Vor Erleichterung schüttete Susan die Gurken so schwungvoll in eine Schüssel, dass um ein Haar alles heruntergefallen wäre.
Zum unübersehbaren Missfallen ihrer Mutter stellte Jenny die leeren Schüsseln mangels freier Ablageflächen kurzerhand auf dem Boden ab.
»Jennifer Myers! Du denkst wohl, nur weil du jetzt Tiermedizin studierst und in einer unordentlichen Studentenbude haust, könntest du Chaos in meiner Küche verbreiten.« Doireann hob mahnend den Zeigefinger und schnaubte.
Jenny ignorierte die Worte ihrer Mutter und verkündete: »Ted hat versprochen, mir zu helfen, also macht er das auch. Er kommt bestimmt gleich.«
Wie so oft war Susan gerührt vom offensichtlich bedingungslosen Vertrauen Jennys in den jüngsten ihrer drei Brüder. Sie stand da, die Arme in die Hüfte gestemmt, wie ein Kind, das sein über Alles geliebtes Stofftier verteidigt, nicht wie die junge Frau, die heute ihren 23. Geburtstag feierte. Susan wartete beinahe darauf, dass Jenny mit dem Fuß aufstampfte, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Dabei sah sie ihrer Mutter dermaßen ähnlich, dass Susan ein Grinsen übers Gesicht huschte.
»Da kommt er ja, der heilige Ted«, flachste Ron und deutete zum Fenster hinaus.
Susan riss ein Geschirrhandtuch vom Haken und trocknete sich die Hände. Um ein Haar wäre sie über Jennys Schüsseln gestolpert, so hastig verließ sie die Küche.
***
Ted stellte sein Auto vorm Haus seiner Eltern ab. Als er ausstieg, kam Tye, der struppige Mischlingshund seines Vaters, herangeprescht und begrüßte ihn bellend. Sein schwarz-weiß gefleckter Körper zuckte und wackelte hin und her. Ted kraulte ihm flüchtig den Kopf, doch schon fing sich sein Blick in dem Susans, die ihm entgegengelaufen kam.
Sie kannten sich seit fünf Jahren, drei davon waren sie verheiratet, aber sein Herz setzte immer noch für einen Schlag aus, wenn er sie sah.
Er nahm sie in die Arme, hob sie hoch und küsste sie zur Begrüßung auf die Stirn. Behutsam stellte er sie vor sich ab und lächelte zu ihr hinunter.
»Ich konnte dich nicht erreichen und …«, begann sie, gleichzeitig sagte Ted: »Tut mir so leid, ich hätte anrufen sollen, aber …«
Gemeinsam brachen sie in Gelächter aus. In diesem Moment war er einfach nur froh, bei ihr zu sein. Erneut setzten sie zeitgleich an zu reden.
»Du zuerst«, forderte ihn Susan lächelnd auf.
»Okay. Ich muss dir unbedingt erzählen, was heute bei uns los war. Da war dieser Typ mit seiner Kamera und der Elch …« Die Worte sprudelten aus ihm heraus, wie so oft in ihrer Gegenwart. Sicherlich gab es Dringenderes zu tun, aber diesen Augenblick mit seiner Frau wollte er sich nicht nehmen lassen. Er klappte die Rückwand der Ladefläche herunter, fasste Susan um die Hüfte und hob sie auf den Pickup. Mit einem Sprung setzte er sich neben sie. Ihre Beine baumelten in der Luft und es gab keinen Ort auf der Welt, an dem Ted in diesem Moment lieber gewesen wäre.
»Was war denn mit dem Elch?« Susan lehnte sich an seine Schulter. Glück floss durch seinen Körper wie ein lebhafter Bergbach und alle Anspannung fiel von ihm ab.
»Mit dem Elch war gar nichts, der hat sich verhalten, wie es Elche eben so tun. Aber der Tourist! Mann, das hätte wirklich schief gehen können.«
»Ted, kannst du bitte von vorne anfangen?«
Er hörte ihr Lächeln, auch wenn er es nicht sah, und er begann, sich das Erlebte von der Seele zu reden. Sie unterbrach ihn kein einziges Mal, sondern hörte ihm nur aufmerksam zu, wie immer.
»Du hast ihm das Leben gerettet«, stellte sie fest, als er geendet hatte.
»Ach, das Leben gerettet vielleicht nicht gerade, aber …«
Weiter kam er nicht, denn vom Haus her tönte Aarons Stimme: »He Kumpel, den Lebensretter kannst du wann anders wieder spielen. Die ersten Gäste kommen bald. Würdest du jetzt bitte so gnädig sein und endlich deinen Arsch bewegen? Oder sollen Ron und ich etwa die ganze Arbeit alleine machen? Hier wartet sinnvolle Beschäftigung auf deine stählernen Muskeln, Kumpel, also schwing die Hufe.«
Aarons unnachahmliche Art, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, suchte ihresgleichen, doch sie hatte ihn schon oft davor bewahrt, sich allzu lange das Gehirn zu zermartern.
Ted seufzte theatralisch, nahm Susan grinsend an die Hand und zog sie hinter Aaron her in den Garten.
Garten war eigentlich nicht das passende Wort für das weitläufige Gelände. Auf der Rückseite seines Elternhauses erstreckte sich eine Wiese bis hin zum Waldrand, auf der etliche hohe Bäume standen, deren breite Kronen im Sommer wohltuenden Schatten spendeten. An einigen davon hingen noch die Schaukeln ihrer Kindheit und in einer ausladenden Kastanie erkannte man oben zwischen den Ästen die Überreste des Baumhauses, in dem er und seine Geschwister früher viel Zeit verbracht hatten. Der Garten glich üblicherweise eher einer Wildnis, doch heute sah es hier ganz verändert aus. Es war nicht zu übersehen, was die anderen hier schon geleistet hatten. Sofort überkam Ted ein schlechtes Gewissen, weil er erst jetzt auftauchte. In die hohe, von bunten Blumen durchsetzte Wiese waren geschwungene Gänge gemäht, die die Freiflächen unter den Bäumen miteinander verbanden. Dadurch wirkte die Wildnis gezähmter, aufgeräumter, und durch die Girlanden und Lichterketten in den Ästen wie verzaubert. Fast erwartete Ted, hinter den Büschen winzige Elfen auftauchen zu sehen, wie er sie aus Kinderbüchern kannte.
Stattdessen stürzte seine Schwester wenig elfenhaft, dafür umso stürmischer auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. »Ich wusste, dass du kommst!«
»Jen! Alles Gute zum Geburtstag!« Ted wirbelte sie herum und zerzauste ihre Locken, als wäre sie immer noch das kleine Mädchen, das sich weigerte, die Haare wachsen zu lassen, weil seine Brüder sie schließlich auch kurz trugen. Mittlerweile war Jenny zu einer attraktiven, jungen Frau herangewachsen. Eine gewaltige Lockenpracht umrahmte ihr schmales Gesicht. Diese wilde Mähne, um die sie die meisten ihrer Freundinnen beneideten und die viele Männer veranlasste, sich nach ihr umzudrehen, verdankte sie Ted.
»Wenn du dir die Haare wachsen lässt«, hatte er zu der damals Sechsjährigen gesagt, »dann mach ich das auch.«
Das hatte das Mädchen überzeugt und seitdem trugen beide ihre Haare lang.
»Sorry für die Verspätung.« Ted stellte seine Schwester wieder auf die Füße.
»Jetzt bist du ja da.« Sie strahlte ihn an und fragte nicht mal, wo er gesteckt hatte.
Dankbarkeit erfüllte ihn. »Wo hast du mich eingeteilt?«
Jen deutete grinsend über ihre Schulter auf die zahlreichen Tische und Bänke, die in einem Winkel des Gartens aufeinem Stapel lagen. »Die müssen alle noch aufgestellt werden.«
»Sagt mal, kommt der sagenhafte Dan eigentlich auch?«, wollte Aaron wissen.
»Keine Ahnung, interessiert das jemanden?«, stellte Ted eine Gegenfrage und zog eine Grimasse.
»Ted! Aaron!« Offenbar hatte Mom ihr Gespräch durch das offene Küchenfenster gehört. »Natürlich wird euer Bruder auch da sein. Äh, dein Bruder, Ted, meine ich natürlich«, verbesserte sie sich rasch. »Und überhaupt, habt ihr nichts Besseres zu tun, als hier herumzustehen und zu quatschen?«
Jenny hakte sich bei Susan unter. »Komm, Mom kriegt einen Kollaps, wenn wir nicht gleich in der Küche erscheinen«, flötete Jenny laut. Hinter dem Fenster ertönte ein lautes Schnauben. Alle lachten und Ted stellte fest, wie sehr er sich auf die große Party freute. Doch bis dahin gab es noch einiges zu erledigen. Er krempelte die Ärmel seines Ranger-Hemdes hoch und machte sich an die Arbeit.
3
Die Dämmerung setzte ein und die bunten Lichterketten und Lampions streuten ihr geheimnisvolles Licht in die Blätter der Bäume. Bald bevölkerten weit über 200 Leute Haus und Garten. Überall hörte man Stimmengewirr und Lachen, Kinder wuselten zwischen den Erwachsenen herum und leise Musik schwebte durch die Luft.
Susan fühlte sich inmitten großer Menschenansammlungen nie besonders wohl. Doch Teds Arm, der sanft und warm auf ihrem Rücken lag, gab ihr ein Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit. Manche Gäste kannte sie, da sie aus Shepherd’s Creek stammten. Die meisten jedoch waren ihr fremd. Irgendwann gab sie es auf, sich all die Namen der Menschen merken zu wollen, die Ted ihr vorstellte, und hielt sich mehr im Hintergrund.
»Was denkst du, wie viele Fenster ich für meinen Anbau bestellen sollte?« Ein Nachbar, den Susan flüchtig kannte, diskutierte mit Ted gerade sein neustes Bauprojekt. »Ob dein Dad sie wohl mit seinem Truck zu mir fahren würde?«
»Bestimmt, das kläre ich für dich. Wenn es bei den Abmessungen bleibt, die du mir aufgeschrieben hast, sollten …« Weiter kam Ted mit seiner Antwort nicht. Eine Frau mittleren Alters in einem eng anliegenden Minikleid schob sich dazwischen. »Ted, wie gut dass ich dich treffe! Hast du eine Idee, bei wem wir uns am besten nach einem neuen Pferd umschauen könnten? Olivia ist für ihr Pony doch ein wenig groß geworden.« Sie deutete auf ein Mädchen, das zwar nicht besonders groß war, für sein Alter jedoch eindeutig ein paar Pfund zu viel auf die Waage brachte.
Wieso waren eigentlich alle so überzeugt davon, dass ein Kerl von 28 Jahren über alles Bescheid wusste? Allein beim Gedanken an die Verantwortung, die das mit sich brachte, schwindelte Susan.
Ted bemühte sich, beiden gerecht zu werden, dem Nachbarn und der Frau mit ihrer Tochter. Doch schon steuerte Jenny auf ihn zu, drei ihrer Freundinnen im Schlepptau. »Mädels, darf ich euch meinen Bruder vorstellen?« Mit großer Geste wies sie auf Ted und hakte sich bei ihm unter. »Ted, das sind meine Kommilitoninnen aus Fort Collins, von denen ich dir schon erzählt habe. Ich hab ihnen gesagt, dass sie Shepherd’s Creek auf keinen Fall wieder verlassen können, bevor sie mein Bruderherz kennengelernt haben.«
Die bewundernden Blicke der jungen Frauen in Richtung Ted versetzten Susan einen kleinen Stich.
»Na, bei so viel Nachwuchs muss sich die Tiermedizin ja keine Sorgen machen.« Ted lachte und griff nach ihrer Hand. »Dann stürzt euch mal ins Partygetümmel, ihr vier. Genau das werden meine Frau und ich jetzt auch tun. Ich sterbe vor Hunger.« Zielstrebig hielt er auf das Büffet zu und zog Susan hinter sich her. Doch weit kamen sie nicht.
»He Ranger, du wolltest uns noch sagen, wo wir im Hinterland des Nationalparks zelten dürfen. Brauchen wir da eine spezielle Erlaubnis?« Zwei sportlich wirkende Jugendliche verwickelten Ted in ein Gespräch über die Wanderwege im Nationalpark. Bereitwillig gab er ihnen Auskunft.
Susan schwirrte der Kopf. Ihr war heiß und sie fühlte sich erschöpft vom langen Stehen. Sie entschuldigte sich bei Ted und den jungen Leuten und steuerte auf den nächstgelegenen Baum zu. Ein wenig abseits vom größten Trubel lehnte sie sich an den Stamm und genoss den Wind, der spielerisch den Stoff ihres Kleides um ihre Knie flattern ließ. Sie beobachtete das bunte Treiben um sie herum. Am Buffet machten sich die Gäste über die Berge an Köstlichkeiten her. Überall standen oder saßen Grüppchen, die sich lebhaft unterhielten. Überhaupt ging hier alles sehr ungezwungen zu. Das gehörte zu Shepherd’s Creek.
Hände, die ihr von hinten beide Augen zuhielten, rissen Susan jäh aus ihren Gedanken. Um ein Haar hätte sie vor Schreck aufgeschrien.
»Ganz allein, schöne Frau?«, sagte die zu den Händen gehörende Stimme.
»Aaron! Was fällt dir ein, mich so zu erschrecken?«, antwortete sie gespielt verärgert. Er nannte sie häufig schöne Frau, was ihr im Grunde genommen unangenehm war, aber ihm konnte sie einfach nicht böse sein. Aaron war eben Aaron. Teds bester Freund benahm sich häufig wie ein Kind im Körper eines Mannes.
Er strahlte sie aus seinen blauen Augen mit einem dermaßen spitzbübischen Gesichtsausdruck an, dass sie es nicht schaffte, ernst zu bleiben. Aaron stemmte die Arme in die Seite. »Warum verkümmerst du hier, anstatt dich ins Getümmel zu stürzen? Hier steigt die Party des Jahres und du stehst hier herum! Alles okay bei dir?«
»Keine Sorge, alles bestens. Ich habe nur einen winzigen Moment Ruhe genossen.« Sie legte eine bedeutungsschwere Pause ein. »Bis du aufgetaucht bist.«
Aarons Lächeln weitete sich zu einem ausgewachsenen Grinsen aus. Stumm wartete er, bis sie weitersprach.
»Ich habe in den letzten Stunden mit so vielen Leuten geredet wie sonst im ganzen Monat nicht. Mein Mund ist ganz trocken.«
»Dann sollten wir dir schnellstens einen Drink besorgen. Ron mixt den besten Caipirinha, den du je getrunken hast.« Er hakte sie unter.
»Für mich nur Orangensaft«, erinnerte Susan zaghaft, während sie neben ihm auf das Haus zulief.
»Oh ja, natürlich! Wie konnte ich das vergessen? Dann holen wir dir eben den besten Orangensaft, den du je getrunken hast! Wenn sich mein Kumpel Ted schon nicht um seine bezaubernde Frau kümmert, muss ihn Aaron Stanford eben würdig vertreten.« Er vollführte eine komische Verbeugung vor Susan.
»Da bin ich ja in den besten Händen«. Sie lachte. »Ich freue mich für Ted, dass er heute all die Leute mal wieder trifft.«
Aaron nickte. »Manchmal frage ich mich, ob es hier im Umkreis von 500 Meilen irgendjemanden gibt, der ihn nicht kennt.«
Ted gesellte sich zu den beiden und schlug seinem Freund locker die Faust auf den Oberarm. »Du bist ja nur neidisch, weil die Leute dich höchstens im Umkreis von 499 Meilen kennen.«
»Wieso sollte ich auf einen Hornochsen wie dich neidisch sein?«, konterte Aaron und boxte zurück. »Obwohl, wenn ich mir deine Frau hier so anschaue …«
»Na warte!« Ted ließ spielerisch die Muskeln seiner Oberarme spielen, hob die Fäuste und gab vor, sich auf den Blondschopf zu stürzen.
Erleichtert registrierte Susan, wie in diesem Augenblick Dan auf sie zusteuerte. Sie war die ewigen Kabbeleien der beiden Freunde gewöhnt, aber manchmal vergaßen die zwei völlig, wie alt sie waren, und das Ganze artete in eine regelrechte Rauferei aus.
Dan hakte die Daumen in die Hosenträger, die sich über seinen Bauch spannten. Er war ein gutes Stück kleiner als seine Brüder und hatte das rote Haar seiner Mutter geerbt, das trotz seiner erst 33 Jahre schon recht schütter wirkte.
Die Augen hinter seiner extravaganten roten Brille verengten sich zu Schlitzen, als er lächelte. »Hallo, Susan. Schön, dich zu sehen. Wie geht’s dir?«
»Gut, danke.«
Mit einem Seitenblick auf Ted und Aaron fügte er spöttisch hinzu: »Ah, die siamesischen Zwillinge!«
Er wandte sich wieder an Susan. »Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, in diesem Provinznest zu leben, aber nach all dem Großstadtrummel tut es echt gut, hier zu sein.«
»Oh welche Ehre! Dan, der weltmännische Typ aus der Großstadt besucht uns Hinterwäldler! Sprichst du überhaupt noch unsere Sprache?«, feixte Aaron.
»Hi, Dan«, begrüßte Ted seinen Bruder, richtete seine Worte jedoch im gleichen Atemzug an Aaron. »Für den Fall, dass er uns Provinzler nicht versteht, hat er bestimmt ein Nachschlagewerk dabei.« Die beiden Freunde grinsten wie zwei Schulkinder, die einen Streich aushecken. »Oder wagst du dich mittlerweile sogar ohne Lektüre aus dem Haus, du alter Bücherwurm?«
Susan schüttelte den Kopf. Die beiden Kindsköpfe konnten es nicht lassen, Dan bei jeder Gelegenheit aufzuziehen.
Plötzlich erloschen die Lichterketten und die Musik erstarb. Die Gespräche rings umher verstummten und für einen Moment war es gespenstisch still. Kurz darauf erklang vereinzeltes Gelächter und Gejohle.
»Huch, was ist denn jetzt passiert?«, fragte Susan.
»Da ist irgendwo eine Sicherung rausgeflogen«, vermutete Aaron.
»Ted? Ted, wo bist du?« Das war unverkennbar Jenny, die da lauthals nach ihrem Bruder rief.
»Hier!«, ließ sich Teds tiefe Stimme vernehmen.
»Ted, tu doch was! Bitte mach, dass der Strom wieder geht!« Jennys Tonlage klang nach einem quengelnden Kleinkind, dessen Eis auf den Boden gefallen war.
»Bin ich etwa dein einziger Bruder hier?«, fragte Ted, halb ernsthaft, halb im Spaß.
»Nein, aber der einzige, der was kann«, behauptete Jenny im Brustton der Überzeugung.
»Na, dann komm, Schwesterchen. Lass uns nachschauen, wo das Problem liegt.«
Susan hörte das nachsichtige Lächeln in Teds Gesicht an seiner Stimme, auch wenn sie es nicht sah. Für seine kleine Schwester würde er jederzeit alles stehen und liegen lassen und das wusste Jenny genau. Die Stimmen der beiden entfernten sich in Richtung Haus.
»Ich seh besser mal an der Bar nach dem Rechten. Nicht, dass es dort noch Scherben gibt und sich jemand verletzt.« Auch Aaron verschwand im Dunkeln.
»Hier scheint immer noch alles beim Alten zu sein«, sagte Dan leise. Susan erkannte nur seine Silhouette und war sich nicht sicher, ob er zu ihr oder zu sich selbst sprach. »Jenny führt sich nach wie vor auf wie das Nesthäkchen, Aaron gehört mehr dazu als ich und Ted ist für alle der Held, ob er will oder nicht.« Er räusperte sich. »Genug davon. Erzähl, wie hast du dich eingelebt, Susan? Wie lange wohnst du jetzt schon hier? Zwei Jahre?«
»Fast drei.«
»Wie die Zeit vergeht. Vermisst du in dieser Wildnis nicht manchmal die Zivilisation? Du kommst doch von der Ostküste, oder?«
»Ja, geboren bin ich in Ohio, aber als mein Vater pensioniert wurde, haben meine Eltern ein Haus in Oceansville gekauft. Da war ich 14.«
»Wo liegt Oceansville?«
»In Connecticut, direkt an der Küste. Vorher sind wir wegen Dads Job beim Militär spätestens alle zwei Jahre woanders hingezogen.«
»Da bist du wenigstens rumgekommen.«
»Schon, aber ich hab eben nirgends richtig dazu gehört. Aber in Shepherd’s Creek gefällt’s mir. Hier hab ich mich nie wie eine Fremde gefühlt. Nur das Meer vermisse ich manchmal.«
Rückblickend erschien ihr alles wie eine Fügung des Schicksals. Anfangs hatte sie sich dagegen gesträubt, dass ihre Mutter sie zum Studium nach Boulder, Colorado, geschickt hatte, nur weil dort ihre Tante Sally lebte, die auf sie aufpassen konnte. Doch dann war in Boulder etwas passiert, das ihr wie ein Wunder vorkam: Sie lernte Ted kennen und sie verliebten sich ineinander. Ohne zu zögern war sie ihm zu dem paradiesischen Fleckchen Erde in den Rocky Mountains gefolgt, um sich mit ihm eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Dass sich ein Mann wie Ted für jemanden wie sie interessierte, erschien ihr bis heute wie ein Traum, aus dem sie jeden Moment erwachen konnte.
Doch diese Gedanken behielt sie wie immer für sich und so wechselte sie das Thema: »Wie läuft es beim Verlag?«
Das Licht ging wieder an und der aufbrandende Jubel verschluckte Dans Antwort.
Der Stromausfall hatte der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch getan, ganz im Gegenteil. Jenny kletterte eine Strickleiter hinauf, die an einem Baum in der Mitte des Gartens hing. »Alle mal herhören!«, rief sie in einer Lautstärke, die man einer derart zierlichen Person gar nicht zugetraut hätte.
Susan kam nicht umhin, die junge Frau zu bewundern. Sie sah großartig aus, wie sie da in der Leiter hing, halb Wildfang mit zerzauster, blonder Mähne, halb elegante Dame in dem schmal geschnittenen, blauen Kleid. Susan dachte an das Mädchen, das unter all den Jungs aufgewachsen war und sich von Kindesbeinen an behaupten musste. Man hörte Selbstsicherheit in Jennys Stimme. Es war das gleiche Selbstbewusstsein, die gleiche natürliche Autorität, die auch Ted besaß.
Sobald sie der Aufmerksamkeit ihrer Gäste gewiss war, fuhr Jenny fort: »Jetzt darf getanzt werden. Es spielen für euch … und für mich«, fügte sie mit einem bezaubernden Lächeln hinzu, »… die weltberühmten Blackhawk Cowboys aus der Metropole Shepherd’s Creek, Colorado!«
Die Umstehenden klatschten in die Hände, einige stießen Jubelrufe aus und von der niedrigen Holzbühne im hinteren Teil des Gartens ertönten die Klänge einer E-Gitarre, untermalt vom harten, hämmernden Takt eines Schlagzeuges.
Kaum erklang die Musik, umschlangen Teds Arme Susan von hinten. »Sie haben mir den ersten Tanz versprochen, Mrs. Myers. Darf ich bitten?«, flüsterte er in ihr Ohr. Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er nach ihrer Hand und zog sie mit sich auf die improvisierte Tanzfläche aus Holzbrettern, wo sich schon andere Tänzer eingefunden hatten. Susan kam es vor wie im Märchen, unter dem sanften Lichtschein der Laternen mit Ted zu tanzen und ihm inmitten all der Menschen so nahe zu sein. Sie ließ los und schwebte, fern der Welt, an einen magischen Ort. Über ihr funkelten der Mond und die Sterne. Ted drehte sie langsam im Kreis. Die bunten Lichter der Lampions tauchten in stetem Wechsel in ihrem Blickfeld auf und verschwanden wieder. Die Luft streichelte warm ihr Gesicht und roch nach Sommer, Glück und Zukunft.
Vor dem dritten Lied erschien Jenny und forderte ihren Geburtstagstanz mit ihrem Lieblingsbruder. Ted zuckte die Schultern, gab Susan einen Kuss und wirbelte mit seiner Schwester über das Parkett, dass ihre blonden Locken flogen.
In der nächsten Stunde brachte die Band die Stimmung zum Kochen. Susan tanzte mit Ron, Aaron und sogar mit Dan, bis sie völlig außer Atem war. Sie setzte sich am Rand der Tanzfläche auf den Boden. Eine Weile beobachtete sie die Tänzer, unter die sich mittlerweile auch Doireann und Jonathan gemischt hatten. Sie streifte ihre Schuhe ab, ließ sich zurück ins weiche Gras sinken und betrachtete den weiten Sternenhimmel Colorados, während die Musik durch ihren Körper strömte.
4
Am nächsten Tag erwachte Ted trotz der langen Nacht schon früh. Sofort jagten tausend Gedanken in seinem Kopf herum. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Leise schlich er sich nach unten, um Susan nicht zu wecken. Sie konnte ein oder zwei weitere Stunden Ruhe sicher gut gebrauchen. Mit einer Tasse Kaffee setzte er sich auf die Holzstufen vor seinem Haus. Vor dem Schuppen lag ein ganzer Berg Holz, das gehackt werden musste. Dem Pickup würde eine Dusche mit dem Gartenschlauch nicht schaden. Und im Schuppen lagen irgendwo in einer Ecke sicher noch ein paar Ziegel, mit denen sich das Dach vom alten Jacob ausbessern ließe. Antriebslos und rastlos zugleich saß Ted einfach nur da. Er strich sich die Haare aus der Stirn, straffte die Schultern und stand auf, nur, um sich im gleichen Moment zurück auf die Stufe sinken zu lassen. Scheppernd stellte er die leere Tasse neben sich. Gerne hätte er seine Unruhe auf das Koffein geschoben. Doch er wusste genau, dass es daran nicht lag. Resigniert griff er zum Telefon, rief Steven an und nahm sich Montag und Dienstag frei. Sein Chef kannte ihn gut genug, um nicht nach dem Grund für seinen plötzlichen Urlaub zu fragen.
Um die Mittagszeit spazierten Ted und Susan Hand in Hand hinunter zu seinem Elternhaus, um beim Aufräumen zu helfen und die Reste zu verputzen. Sie nahmen den Pfad durch das Wäldchen, am Bach entlang. Die durch das lichte Blätterdach gefilterten Sonnenstrahlen erfüllten den Halbschatten mit angenehmer Wärme, Vögel zwitscherten um die Wette und eine leichte Brise ließ die Blätter in den Bäumen sanft rascheln.
Ted sog die würzige, klare Luft tief in seine Lungen. Er hatte das Fest mit dem Trubel und den ganzen Leuten genossen, doch wie schon so oft in den letzten Tagen ertappte er sich dabei, wie er sich nach Ruhe sehnte.
Es war nur ein kurzer Fußmarsch bis zu seinen Eltern und Susan und Ted ließen sich Zeit. Sie genossen diesen Augenblick zu zweit, auch wenn keiner von ihnen es aussprach. Schweigend schlenderten sie nebeneinander her. Ted kaute auf einem Grashalm herum. Er bemerkte, wie Susan ihm ab und zu einen verstohlenen Seitenblick zuwarf. Irgendetwas ging ihr durch den Kopf. Von sich aus würde sie nicht mit der Sprache herausrücken. Sie war in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend, stets darauf bedacht, niemandem zu nahe zu treten, auch ihm nicht.
Kurz vor der Brücke, die auf das Grundstück seiner Eltern führte, setzte er sich auf einen Baumstamm und zog Susan neben sich. Er sah ihr in die Augen. Das Smaragdgrün faszinierte ihn noch genauso wie bei ihrem allerersten Zusammentreffen. Der Farbton änderte sich mit ihrer Laune. Wenn sie fröhlich war, blitzten ihre Augen hellgrün, war sie besorgt, färbten sie sich zunehmend dunkel. Im Moment fiel es ihm schwer, ihre Stimmung an der Augenfarbe abzulesen, da das Sonnenlicht direkt hinein schien. Die helle Farbe passte nicht zu ihrer ernsten Miene.
»Nun sag schon! Was ist los?« Er sah sie fragend an und strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Mit mir ist gar nichts los.« Susan klang weder genervt noch vorwurfsvoll, doch ihm entging nicht, dass sie das mir besonders betont hatte.
»Aber dich beschäftigt doch etwas, oder?«, versuchte er es erneut.
»Ja, du beschäftigst mich, Ted Myers«, sagte sie schlicht, als wäre das Erklärung genug.
Er bemühte sich nicht einmal, einen überraschten Gesichtsausdruck zu machen oder gar vorzugeben, er wisse nicht, was sie meinte. Stattdessen schwieg er und beobachtete eine blau-schimmernde Libelle, die um sie herumschwirrte. Für zwei, drei Sekunden ließ sie sich auf Susans Bein nieder, um gleich darauf davon zu schweben.
Susan musste seine unbeständige, schwankende Stimmung der letzten Tage längst gespürt haben, vielleicht schon bevor er selbst erkannte hatte, dass ihm langsam aber sicher wieder alles über den Kopf wuchs und er kurz davor stand, eine seiner Auszeiten zu nehmen.
In der Kindheit hatte sein Vater ihn mehrmals im Jahr zu Angelausflügen mitgenommen. Ein, zwei Tage verbrachten sie oben in den Bergen, am Woozle Lake, wo sie angelten, am Lagerfeuer saßen und im Zelt oder unter freiem Himmel schliefen. Nur er und sein Dad. Ted hatte diese Ausflüge geliebt. Als Kind waren sie ihm wie aufregende Abenteuer vorgekommen, als Erwachsenem bedeuteten sie ihm ein Stück Freiheit. Sie entrückten ihm den Alltag, entbanden ihn für kurze Zeit von allen Pflichten. Kaum dem Teenageralter entwachsen, verbrachte er ab und zu ein paar Tage alleine am Woozle Lake, wenn sein Vater einen gemeinsamen Ausflug absagen musste. Als Fernfahrer steckte er oft irgendwo weit weg mit seinem Truck fest.
Mit der Zeit zog es Ted immer häufiger allein in die Berge. Er merkte, wie er aus dem Alleinsein neue Kraft schöpfte. Diese Auszeiten halfen ihm, den Kopf frei zu bekommen und sich seinen Aufgaben mit frischem Elan zu stellen. Er liebte seine Familie, seine Freunde, seine Arbeit, sein Leben. Für ihn war es perfekt, mit all seinen Nuancen. Und doch überkam ihn hin und wieder ein Drang, all dem für kurze Zeit zu entfliehen, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.
Die Libelle kam zurück und landete erneut auf Susans Bein, als spüre sie ebenso wie Ted die Ruhe und stille Kraft, die von seiner Frau ausgingen. Susan beachtete das Insekt nicht, sondern sah Ted weiterhin unverwandt an. Sein eigener Blick verlor sich kurz in der Ferne, glitt über die schroffen Berggipfel, die hinter den Bäumen hervorlugten, und kehrte zurück zu dem leuchtenden Grün ihrer Augen.
»Mit mir ist alles okay, wie immer.« Er bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. Weder seine Worte noch seine Mimik überzeugten sie auch nur im Geringsten, das sah er ihr an. Er umfasste ihre schmalen Hände mit seinen. Das gab ihm das Gefühl, sie zu beschützen.
»Du siehst müde aus, vielleicht solltest du …«, begann Susan, doch Ted fiel ihr ins Wort.
»He, wer hat hier die breiteren Schultern? Du oder ich? Ich kann schon ein bisschen was aushalten.« In dem Versuch, diesen Moment der Zweisamkeit nicht zu zerstören, setzte er ein Grinsen auf.
Sie sah weiter skeptisch drein. Er zog sie hoch und küsste sie auf die Nasenspitze. Die Arme um ihre Taille gelegt, drehte er sich mit ihr im Kreis. »Es war wundervoll, gestern Abend mit Ihnen zu tanzen, Mrs. Myers.«
Zu seiner Erleichterung akzeptierte sie bereitwillig den Themenwechsel.
»Da stimme ich Ihnen zu, Mr. Myers. Und jetzt hab ich Hunger – für zwei«, sagte sie, verschmitzt lächelnd.
»Dann sollten wir schnell nachsehen, ob sich in Moms Küche noch ein paar Reste von gestern finden lassen«, antwortete er, bemüht, seiner Stimme einen fröhlichen, sorglosen Klang zu geben.
Am Abend tauchte die Dämmerung das grüne Dach ihres Holzhauses in schimmerndes, beinahe unwirkliches Licht. Ted sehnte sich nach Susans Nähe. Sie empfand entweder genauso oder sie las seine Gedanken. Statt sich wie sonst üblich nach dem Abendessen auf die Terrasse zu setzen, stiegen sie in stillschweigender Übereinkunft die Treppe hinauf und kuschelten sich im Bett eng aneinander.
Er lag auf dem Rücken, Susan ruhte in seinem Arm, den Kopf auf seine Schulter gebettet. Ihre samtigen Haare kitzelten ihn am Kinn und er sog tief ihren Duft ein.
Von Glück erfüllt betrachtete er das mächtige Gebirge vor dem Fenster. Das Schlafzimmer war in eine Dachgaube integriert mit einer Glasfront über die gesamte Breite, die einem das Gefühl gab, der atemberaubenden Szenerie der Rocky Mountains ganz nahe zu sein. An klaren Tagen mit guter Fernsicht erkannte man in der Ferne sogar den Longs Peak. Ted kannte sich in diesem Teil der Rockies aus wie in seiner Westentasche.
»Hab ich dir schon erzählt, wie Aaron und ich oben auf dem Pagoda Mountain - das ist der Berg mit den gezackten Spitzen ganz da hinten – mal dieses riesige Vogelnest entdeckt haben?«
»Wohl an die tausend Mal«, antwortete Susan. Ihre Lippen verzogen sich zu einem bezaubernden Lächeln.
»Nerve ich dich mit meinen Geschichten?«
»Nein, natürlich nicht. Ich weiß doch, wie sehr du die Berge und alle ihre Bewohner liebst.« Sie küsste seinen Hals.
Susan war auch naturverbunden, doch auf eine andere Art und Weise als er. Seine eigene Liebe zur Natur hatte etwas Ursprüngliches, Robustes an sich. Er fühlte sich oft wie ein Teil davon. Susan hingegen betrachtete die Schönheit der Landschaft wie eine Zuschauerin, die Zeuge eines grandiosen Schauspieles ist. Die schroffe Wildheit des Hochgebirges erfüllte sie mit Respekt. Sie freute sich zwar wie ein kleines Kind über das Auftauchen eines Erdhörnchens, Bibers oder Dickhornschafs, doch die wilderen, größeren Tiere jagten ihr Angst ein.
Es war das Meer, das Susan liebte, und doch hatte sie Teds Heimat in den Bergen ohne zu zögern auch zu ihrer gemacht. Sie formte aus dem ohnehin recht gemütlichen Holzhaus ein richtiges Zuhause. Ihr Gespür dafür, mit wenigen Mitteln jeden Raum in etwas Besonderes zu verwandeln, und ihre fantasievoll gefertigten Möbel und Lampen machten Teds Haus zu ihrer beider Heim. Seiner zierlichen Frau sah kaum jemand auf Anhieb ihr handwerkliches Geschick an, doch es war verblüffend, was ihre schmalen Hände herzustellen vermochten.
Er ließ seine Finger durch ihr Haar gleiten und drehte sich zur Seite, um sie besser anschauen zu können. Auf den Ellbogen gelehnt, stützte er seinen Kopf in der Handfläche ab. Seine freie Hand legte er sacht auf ihren Bauch und sah ihr in die Augen. »Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sehr ich dich liebe?
