Zurückbleiben, bitte! - Alexandra Sonnental - E-Book

Zurückbleiben, bitte! E-Book

Alexandra Sonnental

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Beschreibung

Eine Frau, eine Nacht, eine Stadt und viele skurrile Begegnungen: Alexandra zieht an einem Samstagabend des Jahres 2015 allein durch Berlin. Sucht sie nach Abenteuer oder nach der großen Liebe? Sie lässt sich durch das Nachtleben der Hauptstadt treiben, macht flüchtige Bekanntschaften mit Männern, Kunst und den verlorenen Existenzen der Metropole. In einem bizarren Club begegnet ihr schließlich Boris, der nicht nur ihren Körper berührt. Das Happy End einer langen Nacht? "Zurückbleiben, bitte!" ist das Roman-Debüt der Berliner Autorin Alexandra Sonnental, die 2015 mit dem Lyrik- und Prosaband "Das ist Berlin, Baby!" auf der literarischen Bildfläche erschien.

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Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alexandra Sonnental

Zurückbleiben, bitte!

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zurückbleiben, bitte!

17:35 Uhr

17:50 Uhr

18:00 Uhr

18:05 Uhr

18:20 Uhr

19:15 Uhr

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20:10 Uhr

20:17 Uhr

20:40 Uhr

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22:43 Uhr

23:29 Uhr

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1:33 Uhr

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3:18 Uhr

3:52 Uhr

4:47 Uhr

5:35 Uhr

Impressum neobooks

Zurückbleiben, bitte!

Ein Roman von Alexandra Sonnental

“So wie man Berlin betritt, ist es mit Schick und Eleganz vorbei.” (Theodor Fontane)

17:35 Uhr

“Coole Idee”, denkt sie über das Event. Alexandra hat sich unter die Literaten und Musiker beim Salon für kreative Singles am Südwestkorso gemischt. Sie will die Leute aber nur still beobachten. Die Nacht ist schließlich noch jung. Früh beginnt ihr Abend in diesem hohen Altbau-Musikzimmer mit Stuck an der Decke. Ein bisschen zu zeitig für Berliner Verhältnisse. Vielleicht hat die Gastgeberin Anna hinterher noch ein Date. Dass sie geschieden ist, selbständig und natürlich Single, wusste Alexandra schon fünf Minuten nach der Begrüßung. Weniger mitteilsam verhält sich die damenhafte, perfekt geschminkte Brünette im kleinen Schwarzen. Sie schielt schon die ganze Zeit auf den Schriftsteller, der sich als Miguel Schneider vorgestellt hat. Er ist wirklich eine Augenweide! Alexandra schätzt ihn auf Anfang 40. Groß, schlank, braune Haare und blaue Augen, in denen man baden möchte. Das Gegenteil von dem depressiven Finnen zu Alexandras Linken. Wie eine Statue aus Stein sitzt er neben ihr auf dem Stuhl und starrt aus betrübten dunklen Augen auf das Bild an der Wand neben dem Klavier.

Abstrakte Formen in Schwarzweiß und Grau-Schattierungen. Wellen-Bewegungen, die von geraden Strichen durchkreuzt werden. Alle sind älter als Alexandra außer vielleicht die Brünette. Sie könnte alles zwischen 20 und 40 sein. Anna hat schon sämtlichen Gästen ihr Alter verraten – 50. Künstlerische Schwarzweiß-Fotos an der Wand deuten an, dass sie mit 25 ausgesehen haben muss wie Marilyn Monroe. Sie wirkt trotz einiger Falten im Gesicht immer noch jugendlich. Eine sympathische Blonde, hinter deren Natürlichkeit eine Menge Verzweiflung und Trauer mitschwingen. Alexandras feine Antennen haben es an der Wohnungstür sofort geortet. Nun tritt Anna nach vorn. Sie lächelt lieb, erwartungsvoll und ein bisschen unsicher.

“Herzlich willkommen beim musikalisch-literarischen Salon für kreative Singles. Ich freue mich, dass ihr alle da seid. Den Anfang macht heute Emma mit einer Arie von Tschaikowsky. Emma, vielleicht magst du uns vorher ein paar Worte dazu sagen.”

Die Brünette geht elanvoll nach vorne. Nein, sie schreitet und sendet ein unergründliches Mona Lisa-Lächeln ins Publikum. Sie hat ein gewisses Charisma.

“Schönen guten Abend, alle zusammen. Ich singe Paulines Arie aus der Oper Pique Dame auf Russisch. Pauline erinnert sich traurig an viel zu kurze Momente des Glück und der Liebe. Am Ende sieht sie nur noch ein Los, das für sie bestimmt ist: das Grab. Da ich leider keinen Pianisten habe, müsst Ihr Euch jetzt mit Klavierbegleitung aus der Konserve begnügen.”

Emma drückt auf den Play-Button am CD-Player zu ihrer Rechten. Leise Arpeggien ertönen aus den Boxen. Die Sängerin reguliert die Lautstärke selbst. Diese Frau stünde jetzt am liebsten auf einer viel größeren Bühne, glaubt Alexandra, lauscht und lässt ihre Augen durch die Runde schweifen. Zwar versteht sie Emmas Worte nicht, aber sie hört jahrhundertealte Trauer. Trauer um verlorene Lieben und Freuden. Kein gekünsteltes Gefühl wie bei vielen Sopranistinnen üblich. Die meisten weiblichen Opernstimmen berühren nur ihre Fußnägel, um sie mit ihrem schrillen Gekreische umzuklappen. Jetzt ist ihr zum Weinen zumute. Aus den Augenwinkeln sieht sie die Gastgeberin, über deren Wangen Tränen kullern. Alexandra merkt, dass Emma vor ihrem Auftritt keine Zeit hatte, sich einzusingen. Bei zwei oder drei Tönen reißt ihr die Luft ab. Es passt zu dem Gefühl der tiefen Traurigkeit, das aus ihrem grell rot bemalten Mund strömt. Für eine Sekunde hat sie Augenkontakt mit Emma, dann schaut die Sängerin in Miguels Richtung.

Der Schreiberling erwidert Emmas Blick nicht. Er liest sich den Klappentext seines Romans Wiedersehen in New York durch. Alexandra würde solch einen Leckerbissen auch nicht von der Bettkante stoßen. Auf einen selbstverliebten Künstler verzichtet sie gerne. Es gibt einfach keine anständigen Männer in Berlin, es sei denn, sie sind schwul! Sie zieht von einem Event zum nächsten und weiß immer schon vorher: entweder Schwuchteln, Hipster oder Idioten.

Die Salonbesucher haben einen Schimmer von Erwartung in den Augen. Ein Raum voller Künstler-Singles. Sobald sie sich gegenseitig mit ihrem Oeuvre beweihräuchert haben, verschwinden sie wieder irgendwo im Häusermeer. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Jetzt applaudieren sie noch für Emma, die es offensichtlich genießt beklatscht zu werden. Alexandra reißt sich zusammen, nicht zu flennen. Es war ja nur eine Arie, kein kurzes Liebesglück, das sie selbst erlitten hat. Nicht in den letzten Wochen und Monaten und hoffentlich auch nicht all zu bald.

17:50 Uhr

“Ich hatte mit Barbara die halbe Welt bereist. Jeden Freitag aßen wir Pasta mit Pesto bei unserem Lieblings-Italiener 'Giovanni'. Abends wiegte ich sie mit meinen Geschichten in den Schlaf und morgens hielt ich sie lange in den Armen, bevor wir uns wieder den Tagesroutinen widmeten. Man konnte behaupten, dass wir eine glückliche Ehe führten, wären die Erinnerungen an Pia im Laufe der Jahre verblasst. Pias Briefe aus schöneren Zeiten hielt ich in einem Aktenkoffer im Büro unter Verschluss. Wenn die Arbeit mich stresste, öffnete ich ihn und ließ mich für ein paar Minuten von ihren Zärtlichkeiten auf dem Papier streicheln. Pia war meine einzig wahre Liebe gewesen. Eine Liebe, die man im Leben nur einmal geschenkt bekommt. In mir brannte der Wunsch, meine Seelenpartnerin wiederzusehen. Koste es, was es wolle!”

“Entweder ist er vom anderen Ufer oder die Schmonzette autobiografisch. Keine Chance für Emma und Anna”, denkt Alexandra. Die beiden strahlen ihn an, als zögen sie sich gerade zum hunderttausendsten Mal Die Dornenvögel rein. Pater Ralph und Meggie auf der einsamen Südsee-Insel … Er taucht am Strand auf, sie erwartet ihn nicht und sträubt sich. Gegen ihr Verlangen kann sie sich aber nicht wehren. Ausgehungert fallen sie im Sand übereinander her und vögeln sich tagelang die Seele aus dem Leib. Alexandra liebt solche Schnulzen. In der urbanen Wüste, in der sie vor ungefähr neun Jahren gestrandet ist, sorgen sie für schöne Fantasien inniger Zärtlichkeit. Vor ein paar Jahren lief eine Soap namens Verliebt in Berlin in der Glotze. Der Titel ist ein Widerspruch in sich selbst, findet sie. Wahre Liebe gibt es in dieser Stadt nur unter Männern. Miguel hat eine weiche, einschmeichelnde Stimme.

“Seit geraumer Zeit war ich mit Pia bei Facebook befreundet. Sie lebte jetzt im US-Bundesstaat New York, war verheiratet und hatte zwei Kinder im Alter von 13 und 16 Jahren.”

Solch eine Geschichte kann echt nur einem Mann einfallen. Eine Frau ginge derartigen Komplikationen mit vergebenen Typen von vornherein aus dem Weg, frei nach dem Motto “Auch andere Mütter haben schöne Söhne.” Vielleicht hat Alexandra noch nicht tief genug geliebt, um sich richtig in Miguels Geschichte einfühlen zu können. Ihre Liebhaber standen immer irgendwann auf der Bildfläche und blieben nach ihrem Abgang als heißkalte Erinnerungen im Kopf und in ihren Texten.

“Ich war zu einer Lesung ans Goethe-Institut in New York eingeladen worden. Barbara tolerierte, dass ich nach all meinen Mühen endlich im Ausland als Aushängeschild für neue deutsche Literatur gehandelt wurde. Sie fuhr mich mit ihrem Golf Coupé zum Flughafen Tegel und küsste mich zum Abschied auf den Mund. Bei jedem Kuss von ihr stellte ich mir Pia vor, selbst vor dem Traualtar und in der Hochzeitsnacht hatte ich nur an sie gedacht. Am Ende dieser Reise würde ich ihr von Angesicht zu Angesicht meine nie erloschene Liebe gestehen, schwor ich mir am Gate. Ich war mir diesen Schritt selbst schuldig.”

Alexandra entdeckt einen breiten Silberring an Miguels Mittelfinger und die Stimme in ihrem Gehirn kommentiert wortlos seine Zeilen: “Du Groschenroman-Autor!”

18:00 Uhr

Jukka hat eine Klammer im Gaumen. Eine abgeschlossene Tür, einen Knoten oder was auch immer ihn hemmt, aus voller Kehle seine Gefühle nach draußen zu singen. Ein leises Lüftchen knallt kraftlos an die Wand vor dem Klavier, dessen Klang seine eingekerkerten Stimmbänder übertönt. Er singt auf Finnisch.

“Nuku hyvin”, kramt Alexandra aus ihrem Gedankenfundus hervor. Das heißt auf Deutsch “Schlaf gut”. Jukka tut ihr leid. Bestimmt wollte er bei diesem Salon eine Frau kennenlernen, aber er ist ein wandelndes Gefängnis. Ein Mann über 50, den irgendwann das Leben so mies enttäuscht haben muss, dass er sich jetzt verschanzt wie im tiefsten Kellerverließ. Nicht einmal sein Mut, hier vor Publikum Musik zu machen, reißt seine Mauern nieder. “Wie mag er sich fühlen, wenn dieses Event zu Ende ist?”, rätselt Alexandra in Gedanken. “Wird er zu Hause den anderen die Schuld an seiner Misere geben?”

Ihre Freundin Lily war mit einem manisch-depressiven Finnen zusammen. Jukkas Trauermiene kommt ihr schrecklich bekannt vor. Lilys Ex kann nicht loslassen. Seit anderthalb Jahren sind sie getrennt und er schreibt ihr immer noch Postkarten auf Finnisch …

18:05 Uhr

Anna improvisiert. Ihre Finger entlocken dem Klavier nicht gerade perfekte, aber entspannende Töne. Alexandra schließt die Augen und steht auf der Terrasse vor ihrem imaginären Haus am See. Ihre Augen gleiten über die glitzernde Wasseroberfläche, während die Sonnenstrahlen ihr Gesicht küssen. Ihr Geliebter steht hinter ihr, legt die Hände auf ihre Schultern und beginnt sanft, ihren Nacken zu massieren. Eine wohlige Wärme fließt bis in ihre Fingerspitzen. Bald geht die Sonne unter – die beste Zeit, den Tag bei einem Fläschchen Rotwein ausklingen zu lassen.

Ein dissonanter Schlussakkord holt Alexandra zurück in Annas Musikzimmer. Das Haus stürzt so schnell ein wie ihr Geliebter und die Terrasse im See versinken. Sie applaudiert mit den anderen und freut sich plötzlich tierisch auf den Sommer.

“Danke. Vielen Dank! Ohne mein persönliches Unglück hätte ich wohl nie zur Musik gefunden. Es trat in Form von Joe in mein Leben. Joe beraubte mich meiner Ideen und meiner Ersparnisse. Er hatte einflussreiche Freunde im Roten Rathaus und ging ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen. Was mir blieb, ist dieses Lied.”

Annas Finger tanzen wieder über die Tasten. “Karin war eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern. Sie fand keinen Job mehr in diesem Land und machte sich selbständig”, erzählt sie im Sprechgesang. “In einer großen deutschen Stadt gab es ein Grundstück, das sollte bebaut werden. Auf der Messe in München traf Karin den Joe. Er hatte Freunde, einen Koffer voll Geld mit viel Platz für Ideen ...”

Alexandra lauscht der angenehmen Sprechstimme. “Anklänge von Brecht”, denkt sie.

“Joe, you are a bastard and you should go to jail!”, singt Anna schrill und schief. “Bastards are so lucky. Your friends were lucky, too.”

Annas Gesang überschlägt sich in einem Wust an Emotionen. Sie beschleunigt ihr Klavierspiel und spricht die nächste Strophe: “Auf dem Grundstück wuchsen Häuser aus Joes Millionen und Karins Visionen. Von ihren Investitionen sah sie nie einen Cent. Joe ging saufen mit Senator Müller, denn Karin war ja nur eine Frau.”

Miguel weidet sich an Anna. Seine himmelblauen Augen kleben an ihren Lippen und sie klagt an: “Joe, you are a bastard and you should go to jail ...”

Alexandra wünscht sich für Anna, dass sie am Ende des Abends mit Miguel anbandeln kann. Sie befürchtet jedoch, dass Pia realer ist als Anna es sich gerade erhofft ...

18:20 Uhr

Emma hat der Runde ein dickes Kuchenpaket spendiert: Waldbeerentorte, Käsekuchen, Mandarinenschnitten und Schokokirsch. Daneben wartet ein runder Käse mit Früchten auf Esser mit verkorksten Geschmacksnerven. Alexandra greift nach einer Ladung Paprika-Chips, stopft sie sich in den Mund und spült die Dickmacher mit Prosecco runter. Der lange Tisch, an dem nun Networking, Dating oder was auch immer betrieben werden soll, steht in einem geräumigen Zimmer mit blank poliertem Dielenboden. Annas Ex muss nach der Scheidung mindestens die Hälfte der Möbel eingesackt haben. Nur ein beiges Ledersofa, ein gläserner Couchtisch und ein weißes Regal sind ihr geblieben. Der Stereoanlage fehlen die Boxen, an der hellgelben Wand über der Sitzecke hängen selbst gemalte Bilder von Anna. Abstrakte Kohlezeichnungen mit schwungvollen Linien. Daneben ein zweigeteiltes Gesicht. Die linke Hälfte weint und zieht die Mundwinkel nach unten, die rechte lächelt.

“Ich finde es bewundernswert, wie viel du als Künstlerin auf die Beine stellst”, sagt Miguel zu Anna. “Du schreibst, du machst Musik, du malst und bist dabei immer ganz du selbst.”

Anna strahlt radioaktiv übers ganze Gesicht, das sich nach dem Lob rosig färbt. “Ich bin auch noch Unternehmerin und Mutter! Freut mich, dass es dir so gut gefallen hat.”