Zuversicht - Mira Magén - E-Book

Zuversicht E-Book

Mira Magén

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Beschreibung

»Ich mag Mira Magén immer, aber diesen Roman von ihr liebe ich am meisten!« Mirjam Pressler Nava ist neununddreißig, als sie ihre Karriere als Interior-Designerin aufgibt, um als Kassiererin in einem Supermarkt zu arbeiten und sich in einem Seniorenwohnheim einzumieten. Ist sie verrückt? Nein. Nava hat ihren Mann und ihren kleinen Sohn durch einen Unfall verloren. Und mit aller Kraft, die ihr geblieben ist, will sie sich jeder Zukunft verweigern. Doch so sehr sie sich abschließt, sie zieht Menschen magisch an: Ein krisengebeutelter Kollege schüttet ihr sein Herz aus, die Alten, ihre neuen Nachbarn, wollen ihre Freundschaft, und da sind Männer, die sie verehren und schließlich – zu ihrer Überraschung – ihre Begierde wiederwecken. Den Schlüssel zu ihrer Seele aber hat Hanan, ihr Bruder, der Tischler, der auf ungewöhnliche Weise alles daransetzt, sie zurückzuholen in den Fluss des Lebens.

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Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mira Magén

Zuversicht

Roman

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

 

Für meine geliebten Kinder

ERSTES KAPITEL

Der Himmel über Joninas Terrasse war leer, nur eine dünne Wolke, flach wie ein Taschentuch, glitt darüber, ich sagte zu ihr, schau sie an, allein im großen Blau, aber Jonina schaute nicht hoch. Sie hob die Augen nicht zum Himmel. Nicht, bevor sie mit dem fertig war, was sie auf der Erde zu erledigen hatte, denn was bringt es, wenn du nach oben schaust – kannst du dort wirklich die Zeichen des Sturms entdecken, der alles unten zerstören wird? Sie zupfte das Unkraut aus den Geranientöpfen, warf grünes Hundszahngras in den Hof, entfernte schweigend und voller Zorn trockene Blätter, lockerte die Erde um die Geranien mit ihren kräftigen Fingern und sagte, du bist noch keine neununddreißig, willst du wirklich dort hinziehen? Im Ernst? Sie hob einen erdverschmierten Finger zum Himmel und sagte, er hat dich verrückt gemacht.

Lass Gott in Ruhe, Jonina, er hat nichts damit zu tun, sagte ich.

Er hat dich fertiggemacht und soll nichts damit zu tun haben? Ich verstehe dich nicht.

Was gibt es da zu verstehen, nicht Gott, sondern ein willkürliches Aufeinanderkrachen von Metall hat mein Leben zerstört und mir drei Optionen hinterlassen, Friedhof, Irrenanstalt oder betreutes Wohnen, und ich habe die dritte Option gewählt.

Nicht Gott, wirklich nicht … Und dieses Wort willkürlich, wo hast du das her? Das sind jedenfalls nicht die einzigen Optionen, Nava, mach dich nicht zum Narren.

 

Ich hörte nicht auf ihren Rat und ging hin, um mir zumindest einmal alles anzuschauen. Zwischen zwei hohen Palmen sah ich ein großes, verschlossenes Eisentor, darüber ein Schild ›Neve Techelet, Betreutes Wohnen‹, hoch über dem Tor wehten die Wipfel der Palmen, sie schlugen im Wind gegeneinander, und darüber spannte sich der unendliche blaue Himmel. Ich sagte, Hauptsache, man sieht den Himmel.

Dann rief ich an.

Sie fragten mich, geht es um Ihre Mutter, Ihren Vater? Um beide?

Um eine Frau, die es dringend braucht.

Ist sie klar im Kopf? Wir nehmen keine dementen Menschen auf.

Sie ist klar im Kopf.

Und so brachte ich an meinem neununddreißigsten Geburtstag zwei Koffer und einen Rucksack in die Wohnung Nr. 17, und seit einem Monat bin ich hier. Aus meinem Küchenfenster sieht man einen gepflegten Garten, genau wie aus den Fenstern der anderen Wohnungen, und in der Mitte einen Teich mit Goldfischen. So weit das Auge reicht, sieht man pedantisch angelegte Rosenbeete, hohe Kiefern, Trauerweiden und blau gestrichene Holzbänke und mit rosafarbenen Platten gepflasterte Wege. Die Gebäude umgeben den Garten wie im Quadrat. Einundfünfzig Wohnungen auf drei Gebäude verteilt, der vierte Bau beherbergt das vornehme Entree, den Speisesaal, Büros, eine Arztpraxis, den Fitnessraum und eine Synagoge. Meine Wohnung ist winzig klein, aber sie hat einen Balkon zum hinteren Hof, und Gott sei Dank kam niemand auf die Idee, den Hof mit rosafarbenen Platten zu pflastern, man lässt die Erde atmen, große Pappeln spenden Schatten, das Unkraut wächst je nach Jahreszeit, und alles keimt und welkt, wie die Natur es vorgibt. Mussa, der Gärtner, macht dort seine Mittagspause, er breitet einen kleinen Teppich aus, betet zu seinem Gott und tunkt sein Fladenbrot in Tahinisoße. Eine graue Steinmauer umschließt die Anlage und beschützt elf Witwer, einunddreißig Witwen, darunter mich, und vier Ehepaare, die das Schicksal noch nicht getrennt hat. Die Mauer ist übermannshoch, hält aber nicht die Geräusche des ungeschützten Lebens draußen ab – Hundegebell, Heulen, hemmungsloses Lachen, Sirenen von Krankenwagen, und ab und zu verzweifelte menschliche Schreie.

Man kann nicht sagen, dass sie sich hier über mich freuten, zwei Tage lang wunderten sie sich, weshalb ich hier bin, fragten sich, was ich mit ihnen zu tun habe, einige beäugten mich verstohlen, andere offen, und dann kümmerten sie sich wieder um sich selbst. Und wer in der Abenddämmerung auf den Bänken über mich tratschte, war, wenn es dunkel wurde, mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt und vergaß mich. Nur Tanja sagte zu mir, ich verstehe, dass du nicht zu deinem Vergnügen hierhergekommen bist, wenn du magst, an unserem Tisch gibt es noch einen freien Platz. Sie teilte sich den Tisch mit zwei anderen Frauen, der vierte Stuhl war noch frei. Ich setzte mich zu ihr, und als sie sich Karottensaft holte, brachte sie mir auch ein Glas.

Auch die Verwaltung reagierte skeptisch auf mich. Als ich mich anmeldete, musterte mich Tuvja, der Leiter der Anlage, von Kopf bis Fuß und drückte seine Verwunderung aus, ich werde ein Dorn im Auge der alten Bewohner sein, die Menschen fühlten sich wohl unter ihresgleichen, Sie werden auffallen, sagte er, er verstehe nicht, was ich an diesem Ort zu suchen hätte, aber das sei meine Sache, ihm sei nur daran gelegen, dass es den Bewohnern gut gehe, und seiner Meinung nach werde eine derart eindeutige Erinnerung an die verlorene Jugend ihnen nicht guttun. Man solle sie nicht zu Vergleichen zwingen und Neid wecken. Hören Sie, sagte ich, haben sie denn keine Töchter? Enkelinnen? Schwiegertöchter? Gehen sie nicht manchmal auf die Straße? Sehen sie keine jungen Frauen? Doch, sie gehen hinaus, sagte er, aber ihre Bezugspersonen sind die Bewohner des Heims, und hier leben eben ältere Menschen, und man vermischt sich nicht. Ich sagte, er solle nicht auf das Äußere achten, in vieler Hinsicht sei ich schon alt, das Leben habe mir ein Bein gestellt, und wie … Also wirklich, in diesem Monat sind drei Leute gestorben, Sie haben drei freie Wohneinheiten, das weiß ich … Nach vielem Hin und Her unterschrieben wir den Vertrag, in dem stand, dass er jederzeit das Recht habe, meine Mitgliedschaft binnen Monatsfrist zu kündigen, sollten sich wegen des Altersunterschieds zwischen mir und den anderen Bewohnern Schwierigkeiten ergeben.

 

Mittags klopfte es leise an meine Wohnungstür. Ich öffnete sie einen Spaltbreit, Jecheskel aus der Wohnung Nr. 19 lehnte am Türstock und fragte, bitte, darf ich eintreten? Ich machte die Tür weit auf, er schob sein mageres Gerippe herein, stocherte mit seinem Stock in dem dicken Teppich und fragte, ob er sich setzen dürfe, und bevor ich ja oder nein sagen konnte, ließ er sich schon in den Sessel fallen, klemmte seinen Stock zwischen die Knie und hielt ihn mit beiden Händen, er atmete schwer, schwitzte, sank unter dem Buckel zusammen, der ihm zwischen den Schultern wuchs, schob das schlaffe Doppelkinn vor und schaute mich an. Ich stand vor ihm, die Arme ausgestreckt hielt ich mich an der schmalen Marmorplatte fest, die die Küche vom Wohnbereich trennt. Ich war barfuß, die Schuhe hatte ich abgestreift, ich hatte noch das lilafarbene Kleid an, das ich während der Arbeit trug. Das Gesicht des alten Mannes sah aus, als hätte man ein Grillgitter daraufgelegt, um die Falten einzuritzen, der Schweiß rann ihm durch die senkrechten Kerben, das Neonlicht oberhalb des Spülbeckens fiel ihm in die Augen und ließ sie blasser aussehen. Die schwarze Kipa, die er trug, rutschte ihm übers Ohr, er löste die rechte Hand vom Stock, rückte die Kipa in die Mitte und legte die Hand wieder auf den Knauf, als wäre er ein rettender Anker.

Möchten Sie etwas trinken? Mit der Frage, weshalb er zu mir gekommen war, hielt ich mich zurück. Ich hoffte nur, er würde bald wieder normal atmen und zu sich kommen, dann um eine Zitrone oder Zucker bitten, aufstehen und gehen.

Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich, Frau Nava? Er atmete noch immer schwer, und seine Unterlippe zitterte, aber er wartete nicht ab, bis seine Atmung sich beruhigt hatte, und sagte, ich bin schon seit dreißig Jahren Witwer, und ich spüre, wie soll ich es sagen, dass das Ende naht. Das ist in Ordnung, ich mache Gott keine Vorwürfe, er will es so. Er hat für mich auch die dreißig Jahre ohne meine Frau gewollt, aber wie gesagt, ich beschwere mich nicht, der Herr gibt und der Herr nimmt, nicht nur von mir, von allen. Nachdem sie gestorben war, gab es einige Versuche da und dort, man hat mich mal mit dieser, mal mit jener Frau bekannt gemacht, aber das hat nicht geklappt, das war nicht das Richtige. Letztlich bin ich schon dreißig Jahre lang allein.

Auch meine Mutter war dreißig Jahre lang allein, hätten Sie sie kennengelernt, wäre es vielleicht anders gekommen … Nichts wäre anders gekommen. Meine Mutter hätte keinen anderen Mann in die Schuhe meines Vaters gelassen, auch wenn man ihr ein Messer an den Hals gehalten hätte. In ihrem ganzen Witwendasein zehrte sie von der zerbrochenen Leere, die er hinterlassen hatte, sie kratzte in den Scherben, und ihr Hauptinteresse am Leben war der Tod. Sie kaufte Blumen, um zu sehen, wie sie welkten, abonnierte eine Tageszeitung, um regelmäßig die Todesanzeigen zu studieren, und wenn sie im Garten eine Rosenknospe sah, sagte sie, was hat sie von ihrer Schönheit, in zwei Tagen ist sie welk.

Und, hat sie jemanden gefunden? Ist sie verheiratet? Seine Stimme war flach, desinteressiert und ungeduldig.

Sie ist gestorben. Sie hat niemanden gefunden.

Nun, was soll man schon über Vergangenes reden, was war, das war. Ich, Frau Nava, bin wegen aktueller Dinge gekommen, und ich will nicht lange drum herumreden und Ihnen direkt sagen, weshalb ich hier bin. In meinem ganzen Leben hatte ich keine andere Frau als meine eigene, ich bin ein gottesfürchtiger Jude, ich bin nie zu einer fremden Frau gegangen, nie habe ich für den Trieb Geld bezahlt … Na ja, Sie verstehen schon. Seit dem Tod meiner Frau, seligen Angedenkens, seit dreißig Jahren habe ich keinen Frauenkörper gesehen, meiner Meinung nach das Schönste, das Gott, gelobt sei er, erschaffen hat, und jetzt, da meine Tage gezählt sind, sagte ich mir, ich möchte ihn sehen, bevor ich sterbe, und soweit ich weiß, sind Sie ledig, und ich bringe Sie nicht in Sünde, deshalb dachte ich, ich gehe zu Ihnen und bitte Sie, zeig mir deine Gestalt. Glauben Sie mir, Frau Nava, nicht wegen des Triebs bin ich gekommen, sondern wegen des Herrn, wie sind Deine Werke so groß und viel.

Kein Problem, sagte ich. Ich ließ die Marmorplatte los, trat zu ihm, und in Höhe des Sessels ging ich in die Knie. Ich drehte mich mit dem Rücken zu ihm, öffnen Sie für mich den Reißverschluss, bat ich ihn, sein Stock fiel auf den Teppich, seine Finger tasteten vorsichtig über meinen Nacken, suchten nach der kleinen Metallzunge, die sich einen Moment lang verweigerte und dann nach unten glitt und am Ende des Reißverschlusses stoppte. Noch immer mit dem Rücken zu ihm schob ich mir das Kleid vom Körper, stand auf, und der lilafarbene seidige Stoff fiel über meine Oberschenkel zu Boden. Der spitzenbesetzte Slip aus meiner guten Zeit glitt nach unten, dann landete mein Büstenhalter auf dem Boden, wie ein toter Vogel. Ich trat einen Schritt zurück und drehte mich zu Jecheskel um, nackt und gelassen.

Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel, murmelte er, seine Hand bedeckte den Mund, die geschwollenen Augenlider, seine Augen schlossen sich, gingen wieder auf. Mussas Schaufel sammelte draußen die trockenen Efeublätter, die Sonne schien, die Bougainvillea blühte, und Jecheskel betrachtete die Werke seines Herrn und staunte, seine Halsschlagadern waren gespannt und er war ehrfürchtig, als wäre er Zeuge der Offenbarung Gottes am Berg Sinai. Er wischte die Träne nicht weg, die ihm über die Wange lief, auch nicht die beiden Tränen danach, und ich störte ihn nicht in seiner Versunkenheit und bot ihm auch kein Papiertaschentuch an, ich stand vor ihm, nackt, geduldig und gleichmütig, als würde ich vollständig bekleidet an der Haltestelle auf den Bus warten; ich betrachtete das lilafarbene Kleid, das wie eine seidige Pfütze aussah, und das Licht, das sich in ihm sammelte, und bewegte mich nicht, bis er sagte, Sie mögen gesund sein, und er schloss die Augen und weinte, putzte sich die Nase und sprach mit heiserer Stimme, gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, Du regierst die Welt. Dies alles ist Bestandteil Deiner Welt.

Amen, antwortete ich, und er bückte sich, um seinen Stock aufzuheben, mit der einen Hand hielt er sich an der Sessellehne fest, mit der anderen ergriff er den Stock, müde und langsam erhob er die Last seiner Jahrzehnte und stand auf, bedankte sich mit dem Rücken zu mir, hinkte zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloss sie hinter sich. Das Aufschlagen seines Stocks hallte auf den Platten, und statt in der Wohnung Nr. 19 zu verschwinden, hörte ich ihn nach rechts, Richtung Synagoge gehen. Ich sammelte die Kleidungsstücke vom Boden, wechselte das Kleid gegen ein T-Shirt und eine weite Stoffhose, zeige mir deine Gestalt, hatte er gesagt, und für mich war das einfach und normal wie Zähneputzen, als würde ich mich täglich vor alten Menschen ausziehen, ich hatte mich ausgezogen, ich hatte mich angezogen, ich hatte dabei nichts gewonnen und nichts verloren. Jecheskel hingegen war überwältigt von dem, was er in den letzten dreißig Jahren versäumt hatte, und wie erwartet war Gott der Einzige, der etwas davon hatte und aus der Situation einen Segen gewann. Irgendwie funktioniert es am Ende immer so, Menschen werden von Metallkisten zerquetscht, ihr Fleisch mischt sich mit Blech und verbranntem Gummi, und wenn man ihre Überreste beerdigt, sagt man, der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt, man erhebt und heiligt seinen großen Namen, und wenn der leere Schuh eines Kindes auf der Straße gefunden wird, bedeckt man das Gesicht und sagt, großer Gott, man reguliert für eine Minute seine Atmung, und aus dem Mund bricht das leere Mantra heraus, großer Gott.

Am frühen Abend saßen Jecheskel und Elieser Sarchi, sein Nachbar aus der Wohnung Nr. 20, auf einer Bank im Garten und betrachteten den letzten Sonnenstrahl im Fischteich, vielleicht war der Strahl eine Metapher für sie, aber vielleicht starrten sie auch nur die Goldfische an und das Licht, das sich in den goldenen Schuppen spiegelte. Ich habe keine Ahnung, ob Jecheskel es seinem Nachbarn erzählte, und wenn er es tat, wird auch er morgen sagen, zeig mir deine Gestalt, bevor ich sterbe, er wird an meine Tür klopfen und ich werde mich gern ausziehen und ihm meine Verpackung zeigen. Was ist schon dabei. Auf meinem Weg nach draußen ging ich an ihnen vorbei, Jecheskel saß still und in sich gekehrt da und schaute auf das Wasser, und Elieser schaute von den Fischen hoch und sagte, wie geht es Ihnen, Mejdele, auf der anderen Seite des Teichs saßen Sehava, Naomi und Tanja, sie unterhielten sich leise, und das Licht der untergehenden Sonne färbte ihre Haare rosa. Jemand spielte in der Lobby Klavier, das Ehepaar Dorfmann ging auf den Wegen spazieren, und die Stille lag schwer auf den rosafarbenen Platten. Neben der Trauerweide entfernte Lea Dorfmann ein Blatt von der Jacke ihres Mannes und hakte sich wieder bei ihm ein. Sie sagte, besuchen Sie uns doch mal, und ich ging an ihnen vorbei und sagte, ja, ich werde vorbeikommen. Auch gestern, auf dem Weg zur Arbeit, war ich an ihnen vorbeigegangen, und Pinchas Dorfmann hatte gefragt, wohin ich so schnell ginge, und sie zog ihn sofort am Ärmel und sagte, lass sie, das geht uns nichts an, siehst du nicht, dass sie es eilig hat?

Ich ging zu meiner Schicht im Supermarkt, die Anstellung, die ich mir ausgesucht hatte, nachdem mein Leben zerbrochen war, ein Job als Kassiererin an der Kasse drei. Ich trage dort einen roten Kittel mit dem Logo vom Supertiv, sitze auf einem Drehstuhl und frage, haben Sie eine Kundenkarte? Ich bewege Käse, Brot und Wurst auf dem Laufband, scanne sie vor einem roten elektronischen Auge, tippe ein, frage, etwas vom Sonderangebot? Wollen Sie anschreiben lassen? Damit beginnt und endet meine Unterhaltung mit den Menschen, die an meiner Kasse stehen und meinen grauen Haaransatz und meine knochigen Finger sehen. Vor dem großen Erdbeben hatte ich meine eigene Firma, ich hatte Kunden, ich hatte zwei Angestellte, ich hatte einen guten Ruf. Ich war Innenarchitektin, ich gestaltete den Menschen ihre Wohnräume, ich bewegte Wände, damit sie es geräumig hatten, ich schuf Öffnungen, damit Licht in ihr Leben drang, ich nutzte Tricks und optische Täuschungen, um die Diskrepanz zwischen ihren Träumen und der Quadratmeterzahl, die sie sich leisten konnten, zu verringern. Rechts von mir sitzt Ola und bewegt ebenfalls die Produkte auf dem Kassenband, links sitzt Sigal, beider Fingernägel sind gepflegt, auf jedem Nagel kleben kleine, blitzende Strassaufkleber. Ola hat einen kleinen Spiegel auf der Tastatur stehen, den Kittel knöpft sie erst ab dem dritten Knopf von oben zu, und sie scherzt mit den Jungen, die die Waren für die Lieferung einpacken, sie ist geschieden, mit einem kleinen Sohn und großen Erwartungen. An weiteren Kassen sitzen Rivka, Rita und Natalie, und an der Expresskasse sitzt Rosina und dirigiert den Verkehr mit einer von Zigaretten und Schreien heiser gewordenen Kehle, der Nächste, wer ist der Nächste, nicht träumen. Sie terrorisiert die Kassiererinnen und die Kunden, sie hat die Erfahrung von fünf Jahrzehnten auf der Welt und weiß schon, dass man das Leben antreiben muss, und ihre Nerven sind bei jedem Aufschub gereizt, als wüsste sie, wohin sie rennen sollte und weshalb. Außer dem stellvertretenden Direktor darf niemand auf ihrem Stuhl sitzen, nur er darf sie bei der Zigaretten-, Kaffee-, und Toilettenpause vertreten.

Du schweigst zu viel, du bist hier nicht die Einzige, die Probleme im Leben hat, hatte sie am Dienstag zu mir gesagt. Glaub ja nicht, dass deine Probleme aus Gold sind, Ärger ist Ärger, und es gibt niemanden ohne Ärger. Ola sagte, nimm’s dir nicht zu Herzen, Rosina hat ein großes Mundwerk, aber ihr haben wir zu verdanken, dass wir neue Uniformen bekommen haben, vor diesen roten Kitteln hatten wir hässliche braune, wie bei den Nazis. Rosina mit dem Mundwerk, dem der Wechsel von den braunen Kitteln zu den roten zu verdanken ist, wollte alles wissen und sofort, sie konnte sich kaum zwei Tage beherrschen und fragte am dritten Tag, hast du einen Mann? Kinder?

Habe ich nicht.

Hast du nicht? Dann rechne hier mit nichts, das ist nicht der richtige Ort für dich, hier hast du keine Chance, jemanden zu finden, sagte sie abschließend, drehte sich auf ihrem Drehstuhl und zeigte mir ihr halbes Gesicht, ein Mann, der etwas taugt, wird dich hier nicht wahrnehmen, er wird mit einer Kassiererin im Supermarkt nichts anfangen, ich habe dich schon durchschaut, du gehörst zu den Gebildeten, diesen Intelligenten. Willst du meinen Rat hören? Entweder du vergisst den Supermarkt oder du schraubst deine Erwartungen runter.

Ich suche nichts, sagte ich und scannte ein Brötchen und eine Tüte Schoko für den Arbeiter ein, der Ola anstarrte, und dann kam eine Gruppe von Gymnasiasten an Rosinas Kasse, und auf dem schwarzen Band bewegte sich eine Reihe von Brötchen, Coladosen und Kaugummis, und Rosina schimpfte und wurde laut, vorwärts, der Nächste, nun, Kind, was träumst du, schlafen kannst du zu Hause … Ola wischte mit einem feuchten Tuch das dunkle Band ab, wo wohnst du?, fragte sie und trocknete das Band mit einem Blatt Küchenrolle. Am Stadtrand, vorübergehend, sagte ich und dachte, wenn sie darauf besteht, werde ich eine Adresse erfinden, die Straße des glänzenden Blaus oder den Platz des schwarzen Goldes, es ist nicht zu befürchten, dass die Alten von Neve Techelet mich verraten werden, dieser Supertiv ist für sie zu weit, dafür haben sie nicht genug Kraft. Die zuckerfreie Schokolade kaufen sie in einem kleinen Laden, der zu Fuß erreichbar ist. Zum Glück stellte eine ältere Kundin ihre Waren auf Olas Band, und Ola ließ mich in Ruhe und zeigte dem roten elektronischen Auge Nudeln und Perlgraupen. Die Kundin sagte zu ihr, Sie sind wie ein Filmstar, ich wünsche Ihnen so viel Glück, wie Sie Schönheit haben, und Ola lachte, hoffentlich, die ganze Summe? Die Frau bezahlte, packte ihre Einkäufe ein, drehte sich um und schob ihren Einkaufswagen nach draußen, und Ola warf einen Blick in den Spiegel auf der Tastatur, schob eine blonde Locke hinters Ohr und sagte, Rita, hörst du, kann sein, dass ich im Urlaub mit dem Kind für eine Woche eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer mache, Griechenland und so. Sie betrachtete die Alleen der Produkte, als erstreckte sich hinter den Regalen mit Keksen und Toilettenpapier der blaue Horizont am Meer, Rita, warst du schon mal auf einer Kreuzfahrt? Rita lachte, eine Kreuzfahrt? Woher soll ich das Geld dafür nehmen? Mein Mann wird mir nie im Leben Geld dafür geben, nur wenn er denkt, dass das Schiff sinken könnte, und du? Sie wandte sich an Rivka. Ich? Ich habe sieben Kinder, die ich unter die Haube bringen muss, meine Süße, wir können uns höchstens zwei Nächte in Tiberias leisten, zum Grab von Rabbi Bar Jochai und dem Grab von Rabbi Baal Hanes, ein bisschen See Genezareth, und dann wieder ab nach Hause. Auch Sigal war nie auf einer Kreuzfahrt gewesen, woher sollen wir Äthiopier Geld für eine Kreuzfahrt haben? Sie hob die Hand und wischte die Frage über die Kasse, uns reicht vorläufig der Strand von Ashkelon, wir sind froh, dass wir hier angekommen sind, sollen wir jetzt woanders hingehen? Ola war damit nicht einverstanden, das ist kein Widerspruch, wenn ich eine Kreuzfahrt mache, heißt das doch nicht, dass ich woanders hingehe. Wofür reiße ich mir hier den Arsch auf, für das Grab von Bar Jochai? Gräber, Bar Jochai und dieser Kram, das sagt den Kindern nichts, Moment mal, Nava, die dunklen Zucchini kannst du mit dem Code der hellen eintippen. Mein Scanner wollte das dicke grüne Gemüse, das ich ihm zeigte, nicht annehmen und piepte, und Ola beugte sich über mich, nun, hat er den Code angenommen? Und was ist mir dir, fragte sie mich, warst du schon auf einer Kreuzfahrt? Nein? Du musst zugeben, dass eine Woche Kreuzfahrt keine so große Sache ist, echt, wie oft kann ich mit ihm in den Zoo gehen? Zum Kinder-Musical? Er weiß schon auswendig, wie viele Streifen die Zebras haben, er kennt die Namen von allen Sängerinnen, er sagt mir, Mama, hier ist Yael Bar Zohar, hier ist Miri Mesika, wart’s ab, Nava, wenn du ein eigenes Kind hast, wirst du schon merken, wie schwer es ist, ihm gute Unterhaltung zu bieten.

Ich hatte eins.

Und der See Genezareth, wie oft kann man schon hinfahren … Moment, was hast du gesagt, du hattest ein Kind? Ihre Augenlider hoben sich und ihre blauen Augen waren so groß wie das Meer, auf dem ihr Kreuzfahrtschiff fahren wird.

Ich hatte eins.

Und?

Und.

Rita und Sigal waren mit Kunden beschäftigt, ihre Augen ruhten auf den Gurken und den Salatköpfen, die auf dem schwarzen Band aus Gummi fuhren. Rivka versteckte ihr Gesicht hinter den Händen und sagte, der Herr gibt und der Herr nimmt, der Name des Herrn sei gelobt. Ola stand auf und fragte mich, ob ich Kaffee haben wolle, und Rosina hörte es und sagte von ihrem Heiligensitz aus, was soll man da sagen, das ist kein Problem aus Gold, das ist ein Problem aus Platin.

Die Schubladen der Kassen wurden geöffnet und geschlossen, Zwiebeln und Knoblauch fuhren auf dem Band, rutschten auf der Edelstahlfläche, wurden in Plastiktüten verpackt und in Küchen getragen und kamen dort unters Messer. Alles ist eingescannt, bewegt sich fort, alles ist im Voraus bekannt, man muss sich um nichts Gedanken machen, man kann auf das Flimmern des elektronischen Scanners starren, die Geldstücke zählen, sie je nach Wert in Häufchen sortieren, eine Säule von zehn Agorot, von fünfzig Agorot, von einem Schekel, man kann das Band und die Edelstahlfläche wischen und blank polieren, bis die Fingernägel abgenutzt sind, die Seifen und Rasierklingen im Sonderangebot gerade rücken, und das Gehirn kann entspannt dösen, Gehirn, gib Ruhe, weine nicht, das nützt nichts, niemand achtet auf etwas, die Handlungen hier sind reine Routine, werden zwischen dem Drehstuhl und der Kasse gemessen und gezählt, schlaf, Gehirn, ruhe sanft, die Artikel werden sich weiterhin zählen, wiegen und bewegen lassen, es gibt nichts Neues unter dem Neonlicht und es wird nichts Neues geben, geh in Rente, Gehirn, das Wichtigste hast du schon hinter dir. Die Artikel bewegen sich langsam, die Tasten der Kasse klackern und die Euphorie ist fast greifbar, aber Ola stört und bietet ein Pfefferminzbonbon an, sie zieht den langen Hals zwischen die Schultern und stammelt, wie ist es gekommen, dass … dass …

Verkehrsunfall, mein Sohn und sein Vater, auf einen Schlag.

Was, beide?

Gott behüte. Rivka schaute zur Decke, die voller Rohre ist, meine Güte, Gott soll uns davor bewahren.

Es gibt keinen mehr, den man bewahren kann, du dumme Kuh, er hat nicht auf sie aufgepasst, als es notwendig war, wen soll er denn jetzt bewahren? Rosina war ein Nervenbündel. Sie hackte mit dem Kuli auf die Kasse, steckte eine nicht angezündete Zigarette in den Mund, ging hinaus, um zu rauchen, und die Kassiererinnen verstummten, und auch die Worte, sollen wir den Einkauf liefern? Etwas vom Sonderangebot? Anschreiben?, wurden leise gesagt, als wäre der Kassenbereich eine Synagoge und man müsste die Stimme senken, um Respekt zu zeigen.

Abends um acht Uhr schlossen wir die Kassen und gingen in das Lager für die Putz- und Waschmittel, um die roten Kittel aufzuhängen. Ola sagte, entschuldige, dass ich dich mit der Kreuzfahrt belästigt habe, ich bin so blöd …

Es ist nichts passiert, sagte ich, nahm meine Tasche und ging hinaus. Draußen ein Mai-Abend wie aus dem Bilderbuch, der süße Duft des Geißblatts hing in der Luft, stieg durch die Nase in die Dachkammer des Gehirns und schüttete dort einige Neuronen aus, und ausgerechnet dort, auf der Betonrampe vor dem Supermarkt, zog Boas die Hände aus seinen tiefen Taschen, er kam und umarmte mich von hinten, und der Atem seiner heißen Lippen auf meinem Hals mischte sich mit dem Duft des Geißblatts … und – das Telefon klingelte in meiner Tasche, die Hände, die mich hielten, zogen sich zurück, der Atem verschwand, und lärmend schloss sich die Dachkammertür. Mein Bruder Chanan war am anderen Ende der Leitung, kommst du vielleicht zum Abendessen? Chanan versuchte, seine Stimme normal klingen zu lassen, er wollte so tun, als wäre die Welt noch in Ordnung. Ich komme, sagte ich und stieg in den Bus, der in seine Siedlung fuhr.

Ich schob das Holztörchen auf, das mein Bruder in seiner Tischlerei gezimmert hatte, ging an den Holzpfählen vorbei, die den Gehweg säumten, auch sie stammten von ihm, und klopfte an die Eingangstür, die seine leimzerfressenen Finger gesägt und gehobelt hatten. Vorsichtig küsste er mich auf die Wange, als wäre ich eine Torarolle oder sonst etwas, hallo Nava, er tat so, als hätte das Erdbeben der Stärke neun, das mich geschüttelt hatte, die Fröhlichkeit der Begrüßungsrufe nicht gestört. Der rote Lastwagen meines Hillel stand auf dem Fußboden, mit Legosteinen beladen, die der kleine Nutznießer der Spielzeuge, Hillels Cousin Gadi, geerbt hatte. Auf dem Fahrersitz saß ein pelziger Bär, und der kleine Gadi schob den Lastwagen und bat mich, mach Platz, Tante Nava, damit du nicht wie Hillel unters Auto kommst. Mein Bruder trat zwischen uns, damit er schwieg, und fragte, auf was hast du Lust, Spiegelei oder Rührei? Mit Zwiebel oder ohne? Jonina, meine Schwägerin, sagte, wie schön, dass du mit uns isst, bei deinen Alten wirst du um diese Uhrzeit nicht mal einen Zahnstocher bekommen, sie essen mit den Vögeln und gehen mit den Hühnern schlafen.

Als sie erfahren hatte, dass ich Witwe und eine verwaiste Mutter geworden war, hatte Jonina eine strategische Entscheidung getroffen, sie wollte nicht auf Zehenspitzen gehen, wollte keine Glacéhandschuhe tragen. Sie würde die Sanftheit meines Bruders ausgleichen und sich gnadenlos jeden Ausdruck des Mitgefühls verbieten. Sie sagte, dass die Idee mit dem betreuten Wohnen himmelschreiend und erbärmlich sei, und als ich mich im Neve Techelet angemeldet hatte, gab sie mir eine Tüte mit einer Zahnprothese, in Geschenkpapier verpackt, und schrieb dazu, »bei Nacht in lauwarmem Wasser einweichen«. Hör zu, Nava, sagte sie, ich bin nicht bereit, das, was dir passiert ist, wieder und wieder durchzukauen, aber wenn du dich umbringen willst – Chanan hat eine Pistole im Schlafzimmer, die Kugeln liegen unter den Boxershorts, warum ein Seniorenheim, dort wird es langsam passieren, dort wird man dir in die Seele kriechen, bevor man sie dir herausreißt, willst du sterben? Ich kenne einige Methoden, die bequemer und billiger sind. Und sag jetzt bloß nicht, dass ich leicht reden habe, weil ich Chanan und die Kinder habe und bei mir alles in Butter ist. Das ist es eben nicht, ich habe zwanzig Kilo Übergewicht, ich leide unter chronischer Verstopfung, ich habe Löcher in vier Zähnen, Chanan schnarcht nachts, wir zahlen eine dicke Hypothek ab, ein Polizist hat mich erwischt, als ich beim Fahren mit dem Handy telefonierte, Gadi hat die Kindergärtnerin verflucht und Noga ist pathologisch schüchtern, sie ist in der dritten Klasse und hat noch nicht ein einziges Mal den Finger gehoben, noch nicht mal, wenn sie Pipi muss, ihre Lehrerin sagt, dass sie eine psychische Blockade hat, und eines Tages wird alles mit großem Getöse aus ihr herausbrechen, um es kurz zu machen, auch mein Leben ist nicht gerade ein Karibikurlaub, weißt du, jeder schleppt sein Päckchen, das stimmt schon, deines ist ein Schwergewicht, ich sage nicht, dass es nicht so ist, aber warum willst du dir noch mehr aufbürden, warum willst du dir mit Gewalt das Rückgrat brechen? Warum ein Seniorenheim? Warum Kassiererin im Supermarkt? Willst du um jeden Preis Scheiße fressen? Geh in einen Kuhstall, da gibt es die zur Genüge.

Mein Bruder hörte zu und schwieg, er verlässt sich auf Jonina, denkt nicht nach, wenn sie etwas sagt, er ist sicher, dass sie Expertin ist, wenn es um eine Schocktherapie geht. Er hat einmal zu mir gesagt, nimm’s nicht so schwer, sie hat ein großes Mundwerk, aber du weißt ja, bei ihr ist alles groß, auch das Herz.

Nun, mit Zwiebeln oder ohne?, rief Jonina aus der Küche, und ihre Stimme mischte sich in die Dämpfe, die aus der Bratpfanne aufstiegen. Noga kam ins Wohnzimmer, zwei schwarze Zöpfe hingen über ihrer schmalen Brust, sie begrüßte mich leise und starrte mich an, wie sie eine Katze mit drei Beinen angestarrt hätte. Auch später, als sie sich über den Tisch lehnte, um ein bisschen Rührei zu nehmen, ließ sie mich nicht aus den Augen. Gadi sagte, wie schön es für Hillel und seinen Vater im Himmel sei, sie könnten die Flugzeuge anfassen. Noga starrte ihn daraufhin mit ihren pechschwarzen Augen an und zischte, du Dummkopf. Ihr Skelett ist schmal wie das ihres Vaters, während das Skelett ihres kleinen Bruders aus den Genen der Mutter gemacht ist: breite Schultern, große Hände und ein kurzer Hals. Mein Hillel gehörte zu den Dünnen. Ich senkte meinen Blick tief in das Rührei, das Verlangen, eine kindliche Schulter zu berühren, war schneidend wie ein Brotmesser. Jonina erkundigte sich, wie es mit der Sozialversicherung stehe, ob sie schon etwas bezahlt hätten, Chanan stellte Tahinisoße, Humus und Salat vor mich hin, dann machte er zwischen Tahini und den Salatschüsseln Platz für Oliven und Brot, er verfolgte jeden meiner Bisse, als wären sie Medikamente, die ich einnehmen müsste. Jonina fragte, was machen deine Freunde im geriatrischen Institut, gibt es dort hübsche Männer? Nein, im Ernst, passiert dort was, machen sie sich gegenseitig an, Sex, irgendetwas? Nimm vom Salat, ich habe geröstete Pinienkerne dazugegeben, die Männer dort sind bestimmt ganz wild auf dich, mit oder ohne Katheter, diese Angelegenheit kommt bei ihnen nie zur Ruhe.

Gadi fragte, was ein Katheter sei, und leckte das Tahini auf, das von der Kelle tropfte, also, Mama, was ist ein Katheter?

Das ist eine Art Traktor.

Dann kauft mir einen.

Klar, machen wir, Jonina schmierte Schokomus auf eine Brotscheibe und häufte einen Berg Salat auf ihren Teller.

Tante Nava, warum wohnst du bei den Alten, du bist doch noch nicht alt. Noga hatte Mut gefasst und schaute mich mit ihren schwarzen Augen an.

Weil es dort einen Teich mit echten Goldfischen gibt, antwortete ich, ihre schmetterlingsgleichen Augenlider senkten sich, man konnte nirgends hinfliegen, die Erwachsenen sind alle Lügner, ohne Ausnahme, sogar Tanten, die vom Leben bestraft und geschlagen wurden, lügen. Bis zum Ende der Mahlzeit gab sie kein Wort mehr von sich. Die kleinen Füße ihres Bruders schlugen gegen die Stuhlbeine, dann kauft mir den Traktheter, morgen. Mein Bruder Chanan fragte, ob es mir recht wäre, wenn sie mich am Schabbat besuchen würden? Jonina stellte die Teller zusammen, mit der Zunge pulte sie Essensreste zwischen den Zähnen heraus, schob ein Petersilienblatt durch den Mund und sagte, am Samstag ist es dort bestimmt voll, alle, die ihre Eltern dort abgeladen haben, kommen am Samstag zu Besuch, um ihr schlechtes Gewissen sauberzuwaschen, bringen Äpfel und Kekse mit, betütern Papa und Mama ein bisschen und gehen nach einer Stunde zufrieden nach Hause, klappern auf dem Weg zum Auto mit dem Schlüsselbund und pfeifen das Lied vom kleinen, bescheidenen Zimmer … Bei den Arabern wirst du so etwas nicht finden, sie behalten ihre alten Fatmas und Ahmeds im Haus bis zu ihrem Tod, Hand aufs Herz, in dieser Angelegenheit sind wir ein Stück Dreck, andererseits … die Argumente für die andere Seite verteilte sie auf dem Weg in die Küche, sie räumte Porzellan- und Plastikgeschirr ins Spülbecken, kochte Kaffee, goss ein, rührte und rief, ja, wir kommen zu dir am Samstag, ich sterbe vor Neugier, wie dieses Neve Techelet aussieht … Mein Bruder Chanan schwieg und war in sich gekehrt, als wäre er versunken in den Anblick des zerquetschen Blechs, des umgedrehten Schuhs am Straßenrand und des roten Playmobilsoldaten in der kleinen Faust.

Kommt, warum nicht … sagte ich auf dem Weg zur Tür, und Nogas Augen registrierten jede meiner Bewegungen. Mein Bruder begleitete mich schweigend zur Bushaltestelle, ein Tischlerschweigen, das er von den gefällten Baumstämmen gelernt hat. Die Unterhaltung mit Menschen fällt ihm schwer, er scheut vor abgenutzten Wörtern zurück und achtet darauf, keine falschen oder leeren Wörter zu gebrauchen, und nach diesem gründlichen Sortieren war alles, war übrig blieb, pass auf dich auf, Nava. Der Bus kam, und mein Bruder Chanan ging nicht weg, er beobachtete mich beim Einsteigen und Bezahlen und war noch immer da, als ich im dunklen Bus verschwand, und vielleicht sogar noch danach.

Alex, der Nachtwächter von Neve Techelet, saß am Empfang, und vor sich auf dem Bildschirm sah er die ganze schlafende Anlage, er schaute von dem Buch hoch, das er gerade las, und lächelte, alle schlafen schon, gut, dass Ihre Schuhe keine Absätze haben, die auf dem Gehweg Tak-tak machen … entschuldigen Sie, ich meine es nur gut mit Ihnen, das ist kein Ort für eine junge Frau wie Sie. Hier bekommen Sie Depressionen, das ist nicht gut für Sie, Sie haben noch genug Zeit, viele Jahre, entschuldigen Sie, ja? Möchten Sie einen Tee oder Kaffee trinken? Ich habe gerade Wasser gekocht …

Was Sie tun, Alex, ist auch nichts für Sie, Sie können doch viel mehr als den Nachtwächter für alte Leute zu spielen, aber wenn Sie hier sind, haben Sie vermutlich keine andere Wahl.

Frau Nava, es gibt mehrere Gründe, weshalb ich hier bin, ich bin Diplom-Ingenieur, aber ich bin schon sechsundfünfzig Jahre alt und niemand will mich mehr beschäftigen … schauen Sie, er bückte sich zum Bildschirm und machte mir Platz, damit ich sehen konnte, dass man auf dem Bildschirm den dunklen Garten und eine grau-schwarze Gestalt sah, die in einen hellen, langen Stoff gehüllt war, sie ging zwischen den Trauerweiden spazieren, blieb stehen, bückte sich, richtete sich wieder auf, wandelte weiter unter den Bäumen herum.

Das ist Zipka von der Wohnung Nr. 27, ich erkannte sie an ihrem Kopf, der immer nach links geneigt war, und dem großen Abstand zwischen ihren krummen Beinen. Lassen Sie sie, gehen Sie nicht zu ihr, Alex, wenn sie um diese Zeit hinausgeht, dann braucht sie etwas von der Nacht, und Alex, der schon aufstand, setzte sich wieder hin und sagte, das stimmt, in der Nacht kann man in Ruhe seinen Gedanken nachhängen, ohne das Durcheinander des Tages.

Ich durchquerte den Garten mit schnellen, vorsichtigen Schritten, Zipka stand am Fischteich und betrachtete das Wasser, auf dem eine runde Mondscheibe schwamm, ein Bettlaken umhüllte sie wie ein Gebetsmantel, das Ufergras rauschte, das Veilchenbeet spiegelte ein bläuliches Licht wider, die Laternen schwankten, ließen blasse Lichtstrahlen tanzen, warfen abwechselnd Licht und Schatten auf Zipka. Sie schaute auf, und der Mond beleuchtete den zusammengepressten, bitteren Mund. Sie wollte mit Gott allein sein, mit sich selbst, mit den Fischen, sie wollte Sterne, Mond und das Unendliche, sie floh vor den gestylten Wänden der Endstation, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand sie in ihrem Alleinsein beobachtete. Ich machte mich klein und ging schneller, aber sie hatte mich bemerkt und breitete mit einer heftigen Bewegung die Arme aus, sammelte die Flügel des Gebetsmantels, verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich demonstrativ von mir ab. Ich schlich in meine Wohnung und konnte es nicht lassen, mich ans Fenster zum Garten zu stellen und sie zu beobachten, breitbeinig stand sie da, mit dem Gesicht zum Wasser, still, und ihr schütteres Haar bewegte sich sacht im Wind. Gegen Mitternacht hob sie die Arme, schaute hinauf zum Himmel und sang oder betete leise, ihr Bettlakenumhang zitterte, und plötzlich sanken ihre Arme herab, mit schwankenden Schritten lief sie über den Weg zu ihrer Wohnung. Gehüllt in ihr Laken sah sie aus wie eine wandelnde Tote in ihrem Leichentuch.

Ich bin nicht so verrückt, wie Sie denken, das war meine Hochzeitsnacht, vor sechzig Jahren, sagte sie am Tag darauf verärgert zu mir, als wir beim Mittagessen in der Warteschlange für den Salat standen, aufgebracht nahm sie sich vom Rote-Bete-Salat, drehte mir ihren breiten Rücken zu und ging zu ihrem Tisch. Tuvja, der Direktor, stand am Eingang zum Speisesaal, aufrecht und mit gerecktem Hals, der vornehme Leuchter warf sein Licht auf den Herrn aller Taten, er prüfte die Gerichte, musterte die Tische, das Salatbüffet, er rügte die Kellnerin wegen eines Blumenkohlröschens auf dem Fußboden, sein Blick wanderte von einem Tisch zum anderen, und am Ende schaute er mich an und machte mir ein Zeichen, dass ich mich nach dem Essen bei ihm melden solle.

Sie kommen spät in der Nacht zurück und ihre Absätze machen Lärm, sagte er, die Bewohner dieses Hauses gehen früh schlafen, ich bitte Sie, Rücksicht zu nehmen. Sein Ton wies darauf hin, dass er früher Offizier oder Polizist gewesen war und daran gewöhnt, dass die Menschen kuschten, wenn sie seine Stimme hörten.

Zipka, oder?

Das spielt keine Rolle, von wem, diese Einrichtung hat einen bestimmten Charakter, und ich bitte Sie, ihn zu wahren. Übrigens, einige der Heimbewohner haben mich gefragt, ob Sie nicht wegen eines psychiatrischen Leidens oder einer unheilbaren Krankheit hier sind. Sie wissen nicht, was sie mit Ihnen anfangen sollen.

Nur damit Sie es wissen, es war die sechzigste Hochzeitsnacht von Zipka, wenn Sie für sie eine Blume oder einen Kuchen hätten, würde sie sich bestimmt freuen.

Wir feiern hier nur Geburtstage. Hochzeitstage sind eine sehr persönliche Angelegenheit. Nicht jeder möchte daran erinnert werden.

Ich stand vor ihm, gleichgültig und reglos, er starrte mich mit kalten, prüfenden Augen an, wollte herausfinden, ob ich verdächtige Mikroorganismen unter der Haut in seine ehrenhafte Einrichtung einschleppen könnte, er versuchte eine Zelle zu orten, die mein Hirn verlassen und mich zu einem psychiatrischen Fall gemacht haben könnte. Wäre er nicht so stramm gewesen, hätte er eine Schulter hängen oder ein Taschentuch aus der Tasche fallen lassen. Hätte er sich geräuspert oder einen Schluckauf bekommen oder gegähnt, hätte ich ihm erklärt, warum Neve Techelet genau das Richtige für mich war, aber er war starr wir ein nordkoreanischer Soldat beim Appell; lange Jahre der Administration und Macht machen etwas mit dem Menschen, sie straffen sein Skelett, versteinern die Wangennerven, gut, ich habe übertrieben, es ist nicht bei allen so, da war zum Beispiel der Polizist, der mich auf der Straße gestützt und meinen Kopf abgewendet hat, damit ich es nicht sehen musste, und der, obwohl ihn die silbernen Rangabzeichen auf seiner Schulter als hohen Offizier auswiesen, mich vorsichtig mit Wasser übergoss, und als ich dem Zusammenbrechen nahe war, legte er einen väterlichen Arm um mich und sagte, nehmt sie zur Seite, gebt ihr etwas zu trinken. Kurz, es gibt solche und solche, wie man so sagt.

Ein reizender Mann, dieser Direktor, sagte Jonina, als sie am Schabbat ins Neve Techelet kamen. Macht er dich nicht an? Mit all diesen Großmüttern sind deine Aktien bestimmt im Himmel, wart’s ab, er wird dir noch den Hof machen, er spielt den Harten, aber das sind immer die geilsten Männer, höre, was Jonina dir sagt. Ein ganzer Himmel steckt zwischen ihren Daumen und Zeigefingern. Ist er verheiratet? Was, du willst doch nicht sagen, dass du das nicht weißt? Gut, entschuldige, Jonina kann Wissenslücken nicht ertragen. Sie ließ uns stehen, ging in sein Büro und sagte zu ihm, ich möchte Ihnen sagen, dass diese Einrichtung sehr schön ist, eine echte Erholungsstätte, bestimmt kommen Ihre Frau und Ihre Kinder her, um in dem Park ihren Spaß zu haben … Er sagte, seine Kinder seien schon groß, sie spielten nicht mehr in Parks. Sie gab nicht auf, dann kommt doch sicher Ihre Frau, um sich hier auszuruhen. Das ist kein Freizeitpark, sagte er, es ist eine Wohnanlage. Jonina ließ nicht locker. Sie griff aus einer anderen Richtung an, bestimmt haben Sie die Anlage gemeinsam gestaltet, man merkt, dass hier eine Frau am Werk war. Alles wurde professionell und mit einem Architekten gemacht, sagte er. Wie, Sie sind auch samstags hier, wird Ihre Frau da nicht böse? Ich bin hier, wenn man mich braucht … Niedergeschlagen kam sie zurück zu der Bank, auf der wir am Teich saßen, und sagte, er ist aus hartem Holz, härter als die Baumstämme in Chanans Werkstatt, ich habe aber gesehen, dass er einen Goldring am rechten kleinen Finger trägt, good news. Joninas rotes Kleid spiegelte sich im Teich wie eine große Blutlache, und das weiße Hemd Chanans glich einer weißen Federwolke, und die Fische waren rot und weiß.

Schön ist es hier, aber es ist die Schönheit eines Friedhofes, entschied sie und inspizierte erhobenen Hauptes die Umgebung.

Friedhof ist der Ort, an dem Hillel und sein Vater in den Himmel gestiegen sind, sagte Gadi und kletterte von hinten auf seine Mutter, er hielt sich an der Banklehne fest und legte sein Kinn auf ihre Schulter. Seine Schwester, die in der Klasse nicht einmal wegen Pipi die Hand hob, starrte mit großen Augen ins Wasser und rührte mit einem Schilfrohr darin herum, und mein Bruder Chanan schwieg. Er betrachtete die Leute, die an uns vorbeigingen, hoffte unter ihnen potentielle Adoptiveltern für mich zu finden, oder wenigstens eine Großmutter, die mich adoptiert und auf mich aufpasst, damit ich esse, trinke und, wenn nötig, meine Pillen schlucke.

Was soll ich euch sagen, dieser Ort ist deprimierend, sagte Jonina, und drehte ihren Kopf aufrecht und angespannt in alle Richtungen. Nur ein Masochist kommt freiwillig hierher, der Kontrast zwischen diesen grandiosen Blumen, den gestutzten Rosen, dem geschleckten Rasen und dem Babyrosa der Platten und diesen alten Ruinen, die hier spazieren gehen, schreit zum Himmel.

Mama! Noga hörte auf, mit dem Schilfrohr im Wasser zu zeichnen. Sie sind alt, sie sind keine Ruinen, zischte sie und ließ den Stängel fallen, der im Wasser davontrieb.

Vielen Dank, Frau Erziehungsministerin. Jonina streckte das Bein und rieb die Spitze ihres Schuhs an Nogas magerem Hintern, das Mädchen entzog sich dem Schuh und maulte, Mama, hör auf. Jonina zog das Bein zurück, war plötzlich betrübt und sagte, du hast recht, ich habe ein ekelhaftes Mundwerk, es reicht, ich muss was dagegen tun.

ZWEITES KAPITEL

Drei Tage nach ihrer sechzigsten Hochzeitsnacht verließ Zipka ihre Wohnung und hatte einen neuen Scheitel, ein heller Strich zog sich durch das schüttere Haar, und eine fettige Creme klebte die Strähnen zusammen und hinderte sie daran, rechts und links herabzuhängen. Drei Tage lang hatte sie an der Formulierung einer Petition gearbeitet, und mit Hilfe des Sekretariats fünfzig Kopien ausgedruckt, mittags ging sie von Tisch zu Tisch und legte jedem Bewohner und jeder Bewohnerin ein Blatt rechts neben den Suppenteller. Mich übersprang sie. »Wir, die Bewohner von Neve Techelet, die wir mit unserem Geld dafür bezahlen, um mit Gleichaltrigen zu leben, protestieren gegen die Belegung der Wohnung Nr. 17 durch eine junge Frau. Wir betrachten das als Verletzung unserer Lebensqualität und verlangen, dass die Wohnanlage ihren ursprünglichen Charakter zurückbekommt, nämlich ein Wohnort für das dritte Lebensalter zu sein. Unterschrieben …« Die Bewohner beendeten ihre Mahlzeit, verließen den Speisesaal einzeln oder paarweise, in den Händen Zipkas Blätter voller Suppenflecke und Saftspritzer, die letzte Zeile war leer, sie konnten ihre Namen eintragen oder sie leer lassen. Zipka und ich waren die letzten im Speisesaal. Sie hatte sich wegen ihrer Petition verspätet, jetzt nagte sie aggressiv an einer Hühnerkeule herum, wie eine, die Bescheid weiß und auf das Bevorstehende vorbereitet ist, und ich blieb sitzen, damit die Bewohner, die einzeln oder paarweise vorbeigingen, sich, von meiner Anwesenheit befreit, wegen meiner Sache austauschen konnten, bis sie wieder in ihren Wohnungen verschwanden. Das goldene Fett des Huhns glänzte jetzt auf Zipkas Fingern, sie schob die gebratenen Fleischstücke in den Mund, verschlang sie mit großer Lust, so wie man in einer Kampfpause sein Essen verschlingt. Ich aß mein Apfelmus, und zwischendurch schaute ich verstohlen zu der Frau hinüber, deren Knie so weit voneinander entfernt waren, dass eine Herde Schafe hätte hindurchlaufen können. Die Zeit, der tyrannische, unumstrittene Diktator des Kosmos, hatte längst die Konturen ihrer Rundungen ausradiert, da waren nur noch rechteckige, schwere Fleischmassen, die kleinen Rubinohrringe, die ihr jemand einmal geschenkt oder die sie selbst gekauft hatte, wackelten in den welken Ohrläppchen, aber Schmuck interessierte sie schon seit Langem nicht mehr. Und was die Rundungen betraf, in ihrem Alter erwartet man nicht mehr so viel vom Körper, nur noch Stabilität, und in der Zwischenzeit erfreut man sich an der Stabilität von allem, was regelmäßig stattfindet, dienstags Smadar, die Frisörin, mittwochs Irene, die Fußpflegerin, sonntags Ofra, die Gymnastiklehrerin, montags Ruth, die Leiterin des Malkurses … und Aviva vom Stickkurs … und Nurit, die Sozialarbeiterin… Vier Jahre war sie schon hier und kannte die Routine der Wohnanlage bei Tag und bei Nacht auswendig. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sich auf die Tabletten verlassen konnte, die die Bewohner des Altenheims in tiefen Schlaf versetzten, sodass sie in den späten Nachtstunden in ihren Betten lagen und der Park dann verlassen war und niemand dabei zusah, wie sie ihre Hochzeit zelebrierte, nur der Himmel war Zeuge. Und plötzlich war es nicht nur der Himmel. Nur Gott und sie wissen, dass ich mich nicht in ihr Ritual einmischte, als sie sich von den Fesseln des alten Körpers befreite und in einer Séance den Mann traf, der sie vor sechzig Jahren geheiratet hatte, und sie wieder jung, schlank und begehrt war, oder gerade dann, als sie sich mit ihren Lakenflügeln erhob, um mit ihm eine alte Rechnung zu begleichen. Was ist mit dir, Zipka, in deinem Alter musst du doch wissen, dass es im Leben Überraschungen gibt, dass sich Dinge in einer Minute ändern, was heißt da Minute, innerhalb von einer Sekunde. Nun stand sie auf, schob den Stuhl zurück, ließ einen abgenagten Knochen auf dem Teller liegen, stocherte mit einem Zahnstocher zwischen ihren Zähnen, verbarg viele Liter Luft zwischen ihren Beinen und ging an mir vorbei nach draußen.

Nachmittags um vier Uhr ging ich, was ich sonst nicht tat, zum Tee in die vornehme Halle, und das Klappern der Teelöffel in den feinen Porzellantassen verstummte, als ich eintrat, die eleganten Gabeln landeten auf den Kuchentellern, neben den gelben Torten und Hefekuchen, die Stille breitete sich aus wie eine Welle und schwappte von einem grünen Sessel zum anderen, verschluckte das Gemurmel, bis es ganz still wurde. Jecheskels Stock fiel lärmend zu Boden und blieb liegen, einige senkten die Blicke, andere schauten mich überrascht an. Wer hätte gedacht, dass ich, die ein vorübergehender Schatten in Neve Techelet sein wollte, zur Sensation geworden war? Zipka drehte den Kopf zum Fenster und zeigte mir ein verbissenes und ärgerliches Profil. Auch ohne dass man es mir sagte, wusste ich, dass sie über mich geredet hatten, dass sie darüber diskutiert hatten, was sie sich vom Leben an ihrer letzten Station wünschten, und darüber, ob sie Zipkas Verbannungspapier unterschreiben sollten oder nicht.

Liebe Freunde, sagte ich laut, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir eine Minute zuhören würden, wirklich nicht länger als eine Minute, ich stand zwischen dem Kuchentisch und dem Kaffeetisch, und Marjuma, die Küchenhilfe, die mit dem Anrichten der Kuchen beschäftigt war, ließ die Tabletts ruhen, strich ihre weiße Schürze glatt und war dann auch still, genau wie alle anderen.

Ich bin neununddreißig Jahre alt, sagte ich, ich bin nach Ihnen geboren, und wie Sie sehen, ist meine Haut noch straff, aber innerlich, in der Seele, glauben Sie mir, bin ich Ihnen ähnlicher, als Sie denken. Sie fragen sich, worin ich Ihnen ähnlich bin? Darin, dass ich die meiste Zeit meines Lebens schon hinter mir habe. Und übrigens, ich machte ihnen ein Zeichen, dass sie einen Moment warten sollten, bückte mich, zog meine Schuhe aus, hielt in jeder Hand einen Schuh, hob die Hände, zeigte ihnen die Sohlen und sagte, zur Information aller Besorgten, wie Sie sehen, sind die Sohlen flach und aus Gummi, Sie können mich unmöglich hören, wenn ich weggehe und zurückkomme. Ich ließ die Schuhe fallen, zog sie an und sagte, ich danke Ihnen für das Zuhören. Die kurzen Worte, die ich vor ihnen stehend von mir gab, wirkten wie ein Vortrag, und die Fortsetzung war entsprechend, die höfliche Stille blieb, und der knochige Finger Ruths, der neuesten Witwe von Neve Techelet, ging hoch.

Darf man fragen, was das heißt, wenn Sie sagen, dass Sie das meiste schon hinter sich haben? Sie schaute mich an, mit neugierigen Augen in einem vogelartigen, vertrockneten Gesicht mit spitzer Nase und einem spitzen Kinn.

Haben Sie eine unheilbare Krankheit, brach es aus Dorfmann heraus, er reckte einen dicken, blassen Finger und hob seine Stimme um einige Dezibel, sodass sie auch für Schwerhörige laut war. Seine Frau zog seinen Finger schnell wieder nach unten und stieß ihm den Ellenbogen in die Seite, Takt, Pinchas, etwas Takt …

Was für ein Takt, Leah, an was für einen Takt denkst du, das hier ist kein Hospiz, er schüttelte den Kopf und wurde rot, das ist kein Ort für einen Kranken, dem nicht mehr viel Zeit bleibt, wer nicht mehr viel Zeit hat, soll woanders hingehen … Sie legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel, psst, Pinchas, sei still …

Ich habe keine unheilbare Krankheit, erklärte ich den gesamten Bewohnern von Neve Techelet, und Jecheskel, der Einzige, der bezeugen konnte, dass mein Körper unversehrt war und keinerlei Zeichen einer Krankheit aufwies, bückte sich zu seinem Stock und hob ihn auf, ließ die Spitze über den Fußboden gleiten und verfolgte seine Bewegungen. Die Bewohner rutschten in ihren Sesseln, einige griffen wieder nach ihren Tortengabeln, und innerhalb weniger Sekunden war es mit der Ruhe vorbei, aber nicht allzu lange, denn Zipka wandte sich vom Fenster ab, stellte sich vor ihren Sessel und hob eine Hand, um das Publikum zum Schweigen zu bringen. Die Gabeln hörten auf zu klappern, alle schauten sie an. Und sie, die seit der Störung ihrer Hochzeitsnacht zur Jeanne d’Arc von Neve Techelet geworden war, schaute mich durchdringend an, wartete ab, um mehr Ruhe zu gewinnen, und sagte laut und hart, junge Dame, schämen Sie sich nicht, das Leben zu verachten? Das Leben hat Ihnen etwas weggenommen, na und? Ist das das Ende der Welt? Es gibt hier Menschen, die in Lagern waren, Menschen, die 1948 gekämpft haben, wem in diesem Land wurde nicht etwas weggenommen? Wem? Und niemand macht daraus eine große Sache. Was soll das, haben Sie einen Vertrag mit Gott, dass er Sie in Ruhe lässt? Hören Sie gut zu, Schätzchen, wir sind in diese betreute Wohnanlage gezogen, weil wir das Leben lieben und den Rest, der uns verbleibt, gut verbringen wollen. Wir möchten hier keine Trauermiene sehen. Ein junger Mensch, der betreutes Wohnen wählt, ist ein Provokateur oder nicht ganz dicht, und dafür haben wir nicht so viel Geld bezahlt. Und wenn wir schon davon reden, es geht mich zwar nichts an, aber man muss sich doch wundern, woher eine junge Frau so viel Geld für diese Anlage hat, es gibt hier Menschen, die ihre Wohnungen und ihre Renten verkauft haben … Zipka redete und redete, ich hörte mit halbem Ohr zu und betrachtete das Lagerfeuer, das der Sonnenuntergang vor dem großen, sauber geputzten Fenster abbrannte, ich betrachtete die orangefarbenen Reflexe in den Falten der Gardinen und hörte die harten Worte, die an mich gerichtet waren, nicht mehr, weil mir Noga, die Tochter meines Bruders, in den Sinn kam, die Repräsentantin der vom Winde verwehten Blätter und der dünnen Skelette. Wäre mein Hillel acht Jahre alt geworden, wäre er ebenso dünn. Auch er hätte protestiert, dass die Alten keine menschlichen Ruinen sind, auch er hätte in der Klasse nicht den Finger gehoben, noch nicht mal, wenn er Pipi musste … Das rote Licht im Fenster wurde dunkler, violett, und Zipka sprach noch immer, jetzt sagte sie, dass es nicht die Sohlen seien und nicht die Schuhe, es sei das Alter und das saure Gesicht, und die Petition sei nicht gegen mich gerichtet, sondern diene dem Prinzip, den Geist des Ortes zu bewahren, das sagte sie, den Geist der Ortes, damit man hier nicht irgendwelche junge Menschen aufnahm, die schlecht gelaunt und mit seelischen Problemen beladen seien. Das dient dem Wohl aller Mitglieder, sagte sie, sie schaute sich um und wurde lauter, ich bitte euch, die Petition zu unterschreiben. Sie ließ sich in den Sessel fallen, und ich verließ den Raum, und auf einmal wimmelte es hinter meinem Rücken wie in einem Bienenkorb, den man öffnet, ich ging in die Wohnung Nr. 17, die ich bezahlt hatte und die mir nach Fug und Recht zustand, ging zu dem kleinen hinteren Balkon und übte, an nichts zu denken, ich wiederholte die Übungen des leeren Kopfes und sagte laut, hier sind die Pappeln, hier ist der Wind, hier sind die Erde und der Himmel, hier sind die Pappeln, hier ist der Wind, hier die Erde, der Himmel … sechzig Jahre war sie mit demselben Mann verheiratet, vielleicht war das der Grund für den großen Abstand zwischen ihren Beinen, wer sechzig Jahre verheiratet ist, muss sich einen Platz erobern, muss seinen Stand festigen, und vielleicht ist dieser Abstand das Ergebnis vom Kampf der Beine, während ein Bein Abstand nahm und fliehen wollte, beharrte das andere Bein darauf, zu bleiben. Hätten Boas und ich es sechzig Jahre miteinander ausgehalten? Das ist nicht sicher, eher nicht. Wir liebten uns zu sehr, um sechzig Jahre diese Flamme zu nähren, es war alles oder nichts, wir liebten uns bis in den Himmel, und wenn so etwas zu Ende geht, stürzt es wie ein Meteorit zu Boden und zerschellt. Und wenn wir aus irgendeinem Grund die Zähne zusammengebissen und weitergemacht hätten, dann hätte ich nach all den Jahren auch solch einen Abstand zwischen den Beinen bekommen. Es klappte nicht so gut mit der Übung des leeren Kopfs, also rief ich meinen Bruder Chanan an, Jonina nahm ab. Ich erzählte ihr von der Front, die in Neve Techelet gegen mich eröffnet wurde, und sie freute sich, gute Nachrichten, hoffentlich werden die meisten unterschreiben und dafür sorgen, dass du dort rausfliegst, Nava, diese Petition wird erreichen, was dein Verstand nicht geschafft hat. Das wird dir guttun. Ich fragte, ob Noga zu Hause sei. Sie sagte, ja, sie ist zu Hause, möchtest du mit ihr sprechen? Die Wahrheit war, dass ich ihr nichts zu sagen hatte, aber ich hatte Sehnsucht danach, ihre Stimme zu hören, also fragte ich, wie geht es dir, Noga?

In Ordnung, sagte sie, und ich hörte das feine Rascheln ihrer Atmung und wie sie schnell Speichel schluckte.

Im Fischteich wurde gelaicht, es wird viele neue kleine Fische geben, magst du kommen und sie dir anschauen?

Gut, wann?

Morgen. Ich habe Morgenschicht im Supermarkt, um vier Uhr bin ich fertig.

Sie sagte, gut, und gab das Telefon ihrer Mutter und erinnerte sich, oh, eigentlich nicht, Mama, sag ihr, dass ich morgen Ballett habe.

Wenn nicht morgen, dann wird es wahrscheinlich nicht mehr klappen, sagte Jonina, man hat vor, Tante Nava von dort zu verjagen, so Gott will.

Dann gehe ich morgen nicht zum Ballett.

Natürlich gehst du. Was ist, hast du in deinem Leben noch nie Goldfische gesehen? In jeder Zoohandlung gibt es ein Aquarium mit Goldfischen.

 

Sie kam nicht, um die Goldfische zu sehen oder weil man mich rausgeschmissen hatte, denn das taten sie nicht. Die meisten hatten zwar unterschrieben, aber Tuvja, der stramme Direktor von Neve Techelet, lehnte die Petition kurzerhand ab. Während des Mittagessens, zwischen Suppe und Hauptgericht, bat er die Speisenden um Aufmerksamkeit und sagte, das hier sei kein Kibbuz und nicht die Bewohner würden entscheiden, wer angenommen und wer abgewiesen werde. Die Direktion sei zwar verpflichtet, für das Wohlergehen der Bewohner zu sorgen, aber vorläufig sehe er keinen berechtigten Grund, mich nicht hier wohnen zu lassen. Zipka, die diesen Kampf verloren hatte, stand auf, schob ihren Stuhl geräuschvoll zurück und sagte, Herr Tuvja, wir bezahlen hier ein Vermögen, es kann nicht sein, dass man auf unsere Meinung pfeift. Ihr geschwollenes Gesicht war rot, und die Röte breitete sich aus bis zu der kahlen Stelle in ihrem Haar, das Blut stieg ihr zu Kopf, und was dort keinen Platz fand, sammelte sich in den Schlagadern und ließ sie anschwellen. Es war still im Saal, auch diejenigen, die gegen meine Abweisung waren, sagten nichts, das Duell zwischen Jeanne d’Arc und dem Colonel war die beste Show der Stadt. Trotzdem, Herr Tuvja, mit unserem guten Geld, sagte sie laut.

Tuvja stand zwischen der Speisekammer für Salate und der Küchentür, er spannte seine Brust, die sowieso schon gespannt war, und sagte, wir halten niemanden hier fest, der das Gefühl hat, keine Gegenleistung für sein Geld zu bekommen,

Es geht nicht um Gegenleistung, Herr Tuvja, sondern um eine Verschlechterung der Bedingungen! Das Blut, das sich geduldig in den Adern an ihrem Hals gesammelt hatte, schoss ihr jetzt in den Kopf, sodass sie lila anlief. Esterika, die rechts von ihr saß, flehte sie an, genug, Zipka, hör auf, du kriegst noch einen Schlaganfall, wenn du nicht aufhörst, sie packte Zipka am Handgelenk, aber Zipka schüttelte sie ab und sagte, dann bekomme ich eben einen Schlaganfall. Vierzig Jahre habe ich in der Gewerkschaft gearbeitet und alle wussten, dass Zipka Prinzipien hat, was Gerechtigkeit betrifft, und niemand hat sich mit mir angelegt. Sie trank einen Schluck von dem Wasser, das ihr Esterika reichte, wischte sich nicht den Mund ab und sagte, achtunddreißig Heimbewohner haben unterschrieben, Herr Tuvja, wenn alle aufstehen und gehen, haben Sie ein Problem, und als sie das Wort Problem sagte, wie in anderen kritischen Momenten der Geschichte, geschah etwas Nebensächliches, das das Drama zerstörte und eine Wende herbeiführte. Irgendwer hatte Tuvjas Telefonnummer gewählt, die Armeehymne kam aus dem Handy und wurde immer lauter, er brachte das Handy zum Schweigen, ging zur Seite, führte mit wem auch immer ein kurzes Gespräch und bot Zipkas Blutüberschüssen die Gelegenheit, sich aus ihrem Kopf zu entfernen.

Danach ging ich in sein Büro und sagte, dass ich bereit sei, das Heim zu verlassen, wenn ihm damit geholfen wäre. Ein Schmetterling schlug ans Fenster, verlor das Bewusstsein und kam wieder zu sich, bis Tuvja vom Bildschirm aufschaute, er sah mich an und sagte, das kommt überhaupt nicht infrage. Es gibt hier Regeln, morgen wird irgendein Moische aufstehen und sagen, dass er hier keine Menschen haben will, die unter siebzig Kilo wiegen. Das ist endlos. Er schaute mich höchstens drei Sekunden lang an, warf einen Blick auf seine Uhr, widmete sich wieder dem Bildschirm und arbeitete weiter. Ich bedankte mich nicht, und er erwartete es auch nicht, denn er hatte nichts getan, was außer der Reihe war, bei ihm gibt es keine Ausnahmen, er handelt regelkonform, sonst nichts. Gelassen verließ ich das Büro. Ich bin nach Neve Techelet gekommen, um mit Menschen zu leben, die das meiste hinter sich haben, wenn man mich hier nicht haben will, werde ich eben woanders hingehen, es fehlt doch nicht an solchen Heimen. Das Alter ist ein florierendes Geschäft geworden, und in den meisten Heimen sorgt Geld für alles, und Geld habe ich, die Versicherung trennt sich von einer nicht unbeträchtlichen Summe, wenn Mann und Kind gleichzeitig bei einem Unfall sterben, das Geld reicht mir, auch wenn ich sehr alt werde und gezwungen bin, Jahrzehnte in einem Heim wie diesem zu verbringen, zumal ich meine Wohnung in der Blumenstraße 22