Zwanzig und vier Geschichten - Tanja Metternich - E-Book

Zwanzig und vier Geschichten E-Book

Tanja Metternich

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Beschreibung

Ein schöner Tag. Welche Gefühle oder Erinnerungen lösen diese Worte in einem Menschen aus? Welche Fantasien entstehen beim Klang dieser Worte? Macht die individuelle Sozialisation eines Menschen hierbei einen Unterschied? Diesen Fragen ist das Autorenpaar Tanja Metternich und Ratbil Ahang nachgegangen. Die Schreibpartner haben zu zahlreichen Stichworten vielfältige Kurzgeschichten geschrieben und vierundzwanzig Geschichten für dieses Buch ausgewählt. Das Buch möchte erheitern, nachdenklich stimmen und auch dazu anregen, sich selbst einmal zu fragen: Welche Gedanken lösen die Titel dieser Geschichten in mir aus?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Hafez

Inhalt

Warum dieses Buch?

Ein schöner Tag

Ratbil Ahang

Ein schöner Tag

Tanja Metternich

Dumm gelaufen

Tanja Metternich

Dumm gelaufen

Ratbil Ahang

Erwachen

Tanja Metternich

Erwachen

Ratbil Ahang

Eine unerwartete Begegnung

Tanja Metternich

Eine unerwartete Begegnung

Ratbil Ahang

Sein Leibgericht

Ratbil Ahang

Sein Leibgericht

Tanja Metternich

Waldspaziergang

Tanja Metternich

Waldspaziergang

Ratbil Ahang

Ein neues Hemd

Ratbil Ahang

Kein neues Hemd

Tanja Metternich

Alles auf eine Karte setzen

Ratbil Ahang

Alles auf eine Karte setzen

Tanja Metternich

Die Hütte

Ratbil Ahang

Die Hütte

Tanja Metternich

Der Ball

Ratbil Ahang

Der Ball

Tanja Metternich

Kleines Mädchen

Tanja Metternich

Kabirs Gerechtigkeit

Ratbil Ahang

Wahrheiten

Tanja Metternich

„Muslime verlieben sich nicht“

Ratbil Ahang

Warum dieses Buch?

Eva Metternich

Ratbil Ahang und Tanja Metternich. Ein Autorenpaar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Ratbil Ahang, geboren 1974 im weit entfernten Kabul in Afghanistan, wuchs auf in einem Land, das nach einer kurzen Phase der Demokratie im festen Griff einer neuen Diktatur kaum Luft zum Atmen bekam. Kurz nach seiner Einschulung marschierte die Rote Armee ein. Seine Kindheit verbrachte er einerseits in einem von Krieg und Gewaltherrschaft zerstörten Land, andererseits aber wurde er in der humanistischen Tradition der Sufi-Weltanschauung erzogen.

Die Sufi-Philosophie ist die mystische Seite des Islams und plädiert dafür, dass die Liebe zu Menschen und Natur die Grundlage des Lebens sein sollte. In der Schule lernte Ratbil die klassischen persischen Dichter und Denker kennen und Zuhause, durch die große Bibliothek seiner Eltern, machte er vor allem die Bekanntschaft mit russischen und französischen Schriftstellern. Die Literatur war für ihn der beste Zufluchtsort vor dem furchtbaren Kriegsalltag.

Seine Eltern schickten ihn Anfang 1989 nach Deutschland, wohin schon zuvor ein Teil der Familie geflüchtet war.

In Viersen/Mönchengladbach besuchte er die Schule und in Köln studierte er Politik und Is-lamwissenschaften. Ratbil Ahang arbeitete rund 20 Jahre als Journalist, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Zurzeit ist er als Dozent tätig.

Auf der anderen Seite Tanja Metternich, verheiratete Weber. Sie ist geboren und aufgewachsen in Kerpen-Horrem, einem kleinen Vorort von Köln in Nordrhein-Westfalen. Ihre Familie erzog sie in der christlich-rheinischen Tradition. Sie feierte früh Karneval, musste sich in der Schule mit Goethe, Schiller oder Hermann Hesse herumschlagen und zumindest an Weihnachten in die Kirche gehen. Die meiste Zeit ihrer Kindheit verbrachte sie draußen, bis die Schule richtig losging und sie ihre Liebe am Lesen und Geschichtenausdenken entdeckte.

Ihr Traum war es immer, eines Tages einen Roman zu schreiben. Auf Anraten vieler machte sie nach ihrem Abitur aber dennoch eine Ausbildung zur Bankkauffrau und zog 1998 mit ihrem damaligen Lebensgefährten in die Nähe von Stuttgart. Neben der Arbeit und der Erziehung von ihren drei Töchtern blieb sie der Literatur als Leserin und Verfasserin von eigenen Texten treu. Mittlerweile hat sie in einem Pflegeheim in der Nähe eine Ausbildung zur Altenpflegerin abgeschlossen. Sie sagt: „An welchem Ort finden sich mehr Geschichten?“

Als die beiden Autoren sich 2014 kennenlernten, stellten sie schnell fest, dass beide seit Jahren Geschichten schreiben und die Literatur Teil ihres Lebens geworden ist. Wie kam es nun, dass zwei so unterschiedliche Menschen aus völlig verschiedenen Welten eine Schreibpartnerschaft und darüber hinaus eine tiefe Freundschaft entwickeln konnten? Nun, Ratbil Ahang und Tanja Metternich stellten sich im Laufe der Zeit gegenseitig die Frage, was simple Worte in uns auslösen. Was verbinden wir zum Beispiel mit den Begriffen wie Berg oder Hütte oder Leibgericht? Sie fragten sich weiterhin, welche Geschichten Menschen, die unterschiedlich sozialisiert worden sind, beim Klang von bestimmten Ausdrücken einfallen?

Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, haben die beiden Schreibpartner entschieden, ein Experiment zu starten. Die zielführende Methode sah vor, dass sie sich gegenseitig ein Wort oder einen Satz vorgeben und schauen, was dies in ihnen auslöst. Also, welche Geschichten durch die vorgegebenen Nomen, Verben oder Adjektive hervorgebracht werden. Das heißt: Wenn der eine Schreibpartner dem anderen den Begriff Hütte vorgeschlagen hatte, so mussten beide zum selben Thema eine Geschichte schreiben.

Das Ergebnis dieses Experimentes sind viele höchst unterschiedliche Geschichten, von denen 24 nun zur Veröffentlichung ausgesucht worden sind. Zum jetzigen Zeitpunkt können die beiden Schreibpartner auf die eingangs gestellten Fragen nun eine klare Antwort geben: Wir alle tragen zum Teil sehr unterschiedliche Geschichten in und mit uns. Diese Geschichten sind uns von unseren Erfahrungen im jeweiligen Kulturkreis erzählt worden und warten darauf, wiedergegeben zu werden.

Das vorliegende Buch „Ein schöner Tag: 20 und 4 Geschichten“ möchte erheitern, nachdenklich stimmen – und vielleicht auch dazu anregen, sich selbst einmal zu fragen: Welche Gedanken lösen die Titel dieser Geschichten in mir aus?

Ein schöner Tag

Ratbil Ahang

Alle im Saal weinten – egal ob alt, jung, Mann oder Frau. Es war kein schöner Tag für diese Exilanten-Gruppe in Hamburg. Alle sahen tieftraurig aus. Die jungen Männer wirkten zusätzlich noch ausgesprochen irritiert. Sie hatten ihre Väter noch nie oder nur äußerst selten weinen sehen. „Ein Mann weint nicht“, mit diesem Slogan waren sie erzogen worden.

Doch nun mussten sie feststellen, dass ihre Väter, die ausnahmslos Kinder des Krieges waren, herzzerreißender heulen konnten als ihre Mütter. Aber vielleicht musste es auch so sein, dachten die jungen Männer, denn nicht jeden Tag bekam man derart schockierende Nachrichten.

Es hieß, dass die Stadt Malakan, die Heimatstadt der Menschen im Saal, von gegnerischen Truppen erobert worden war. Anfangs konnten diese Meldungen nicht bestätigt werden. Zudem hatte man gelernt, mit Nachrichten, die man aus der umkämpften Heimat erhielt, vorsichtig umzugehen. Sie wurden oft verfälscht. Die verschiedenen Volksstämme, die in ihrem Geburtsland gegeneinander kämpften, verbreiteten jeweils eigene Informationen. Aber jetzt bestand kein Zweifel mehr. Seit drei Tagen wurden ihre schlimmsten Befürchtungen übertroffen.

Die Nachrichtenlage war eindeutig, auch ausländische Medien berichteten über die Massaker in Malakan.

Zwar kannte keiner die Einzelheiten, doch es wurde berichtet, dass am frühen Donnerstagmorgen rund 5000 bewaffnete Männer in die Stadt eingedrungen waren. Gegen Abend waren die Magazine ihrer Kalaschnikows leer von Kugeln und die Stadt von lebenden Menschen. Nur Säuglinge und kleinere Kinder hatten die Krieger verschont. Sie hatten strikte Order, keine Munition zu verschwenden. Die Kinder würden ohne ihre Eltern sowieso verhungern, hieß es in der besagten Order.

Die aktuellsten Informationen aus der Stadt legten nahe, dass die Angreifer sich in ihre Stellungen in den Bergen zurückgezogen hatten. Malakan solle wieder unter Kontrolle der eigenen Stammes-Truppen sein. Ob Überlebende gefunden wurden, wie es den Säuglingen und Kleinkindern ging, wusste man nicht. Einige Exilanten waren, allen Gefahren zum Trotz, aus Hamburg nach Malakan aufgebrochen, um ihren Toten die letzte Ehre zu erweisen. Im Saal hoffte man, von ihnen bald Näheres über die Situation in ihrem Heimatort zu erfahren.

In dem großen Saal, wo sonst Hochzeits- und Trauerfeiern der Exilgemeinde begangen wurden, hatten die Veranstalter eine provisorische Bühne aufgebaut. Wie bei allen politischen Veranstaltungen standen dort allerlei Aktivisten, Dichter und Schriftsteller und heizten die Stimmung an. Auch ihren Reden und Gedichten war es zu verdanken, dass kein Auge im Saal trocken blieb. Alle hatten das Gefühl, nie wieder glücklich sein zu können. Sie dachten nur an eines: Rache. Jeder sollte seinen Teil dazu beitragen, jede Familie Geld und waffenfähige Männer zur Verfügung stellen.

Ein neuer Redner trat auf die Bühne. Er wirkte aufgeregter als alle anderen und lächelte freudig, als er die Trauernden um Aufmerksamkeit bat. „Liebe Freunde, liebe Freunde“, rief er wie jemand, der es kaum erwarten konnte, die schönste Nachricht des Jahres zu verkünden, „unsere Freunde sind vor Ort angekommen. Ich habe eben über Handy mit ihnen gesprochen. Unseren Leuten, unseren Verwandten geht es gut ...“ Was hatte er gesagt?

Ein ohrenbetäubendes Gemurmel erfüllte plötzlich den Saal. Keiner weinte mehr. Ein jeder wollte verstehen, was er gerade gehört hatte. „Was soll das heißen?“, riefen die einen. „Hast du deinen Verstand verloren?“, schrien die anderen. Der Redner hatte es nicht leicht, die Gemüter zu beruhigen. Er gestikulierte wild und flehte die versammelte Menge an, ihn ausreden zu lassen. „Lasst es mich doch erklären, lasst es mich doch bitte erklären“, bat er immer wieder die aufgebrachte Menschen.

Langsam kehrte ein wenig Ruhe ein. Der Redner setzte seine Ansprache fort. „Also: Unsere Leute sind vor Ort. Der Stadt geht es gut und auch unseren Verwandten. Nicht die Stadt Malakan wurde zerstört, sondern die Stadt Nalakan. Es waren unsere Truppen, die die Stadt Nalakan heldenhaft erobert haben. Alles andere stimmt, man hat nur die Namen der beiden Städte verwechselt …“

Jubel. Ein Jubel der unbändigsten Freude brach aus. Jeder schrie aus voller Kehle, jeder umarmte jeden. „Was für ein schöner Tag!“, riefen die Aktivisten, Dichter und Schriftsteller pausenlos von der Bühne aus. „Diesen schönen Tag, diesen Sieg werden wir jedes Jahr feiern.“

Und irgendwo, in einer anderen Stadt, in einem anderen Saal, tanzten und lachten die Menschen nicht mehr. Sie alle weinten, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau. Ihr schöner Tag war vorbei.

Ein schöner Tag

Tanja Metternich

Auf dem Weg nach Hause ließ er seine Hand über die hohen Gräser streifen. Sie kitzelten nur ganz leicht ihre Innenseite. Alles erschien ihm auf einmal anders. War er plötzlich erwachsener geworden? Ihm war warm. Schön warm. Okay, es war Sommer. Lediglich seine Ohren brannten. So hatte er sich noch nie gefühlt. Das war toll! Großartig!

Heute Morgen war das noch ganz anders gewesen. Er hatte eine Strafarbeit aufbekommen und das für etwas, wofür er überhaupt nichts konnte. Es war Tobi, der wieder nicht aufhören konnte, ihn während des Unterrichtes zu ärgern. Er hatte ihn getriezt, ständig in die Seite gezwickt, seinen Radiergummi mit einem Bleistift bearbeitet, dass er jetzt aussah wie ein Stückchen Käse. So ein Blödmann! Immer machte er ihm alles kaputt! Tobi hatte ihm so lange zugesetzt, bis er schließlich völlig genervt aufschrie: „Lass mich endlich in Ruhe, du Arsch!“ Gleichzeitig fegte er dessen Mäppchen und Bücher vom Tisch.

Tobi hatte ganz schön verdutzt geguckt, und er sich über sich selbst gewundert. Frau Zwicker, seine sowieso doofe Lehrerin, die an der Tafel stand, fuhr herum und warf das Stück Kreide, das sie gerade in der Hand hielt, nach ihm. Es traf nicht ihn, aber mit lautem Peng seine Tischplatte. Er erschrak so sehr, dass er von seinem Stuhl aufsprang. Sie eilte zu ihm und baute sich drohend vor ihm auf: „Falk Esser! Du kommst nach dem Unterricht sofort zu mir!“ Das dämliche Grinsen auf Tobis Gesicht entging ihm nicht.

Falk setzte sich schnell wieder und machte sich auf seinem Stuhl so klein er konnte. Er war wütend und fühlte sich ungerecht behandelt. „Und du hebst diese Sachen augenblicklich auf!“ Erstaunt blickte er zu ihr auf: „Was?“

„Du hast mich schon verstanden, Falk. Aufheben! Jetzt gleich!“ Sie stand vor ihm mit vor der Brust verschränkten Armen und deutete nur mit den Augen in die entsprechende Richtung. Das war der Hammer! Sie stellte ihn doch glatt vor der ganzen Klasse bloß. Das war so gemein! Um ihn herum war es mucksmäuschenstill geworden. Alle beobachteten ihn. Er spürte, wie Hitze in seine Ohren stieg, doch er gehorchte.

Frau Zwicker setzte ihren Unterricht fort. Während Falk sein Zeug mit hochrotem Gesicht einsammelte, um es zurück auf den Tisch zu legen, kickte Tobi mehrmals mit seinen Fingern Stifte zurück. Falks Gesicht brannte. So ein Mistkäfer! Beim ungefähr zehnten Stift nahm Falk eines der Bücher und knallte es wütend und mit voller Wucht vor Tobis Nase auf den Tisch.

Der Rest war klar: Frau Zwicker stürmte erneut auf ihn zu, schnappte sein Handgelenk, gab der Klasse Anweisungen zur Stillarbeit und schleppte ihn zum Rektor.

Das Übliche. Gespräch. Predigt. Vater angerufen. Info wegen Nachsitzen. Nachsitzen im viel zu heißen Klassenzimmer. Es war nach Süden ausgerichtet, unerträglich heiß und stickig. Der Geruch pubertierender Kinder der letzten Unterrichtsstunde mehr als deutlich.

Doch er war nicht allein. Melanie, das Mädchen mit den langen, hellbraunen Haaren und den großen, grünen Augen aus der Nachbarklasse, war auch da.

Das Mädchen, von dem Tobi behauptete, dass es auf ihn stehe. Er wusste nicht, was sie wohl angestellt haben mochte.

Konnte sie überhaupt etwas anstellen? Sie sah gar nicht so aus. Sie lachte viel mit ihren Freundinnen in der Pause, saß aber auch gern mal abseits unter dem großen Baum am Rand des Pausengeländes.

Leider konnte er sie nicht fragen. Die doofe Zwicker saß hinter ihrem Pult und passte gut auf die beiden auf, während sie versuchten, ihre Strafarbeiten zu erledigen. Ihm war es viel zu warm, als dass er sich konzentrieren konnte. Er spürte, wie sein T-Shirt durch den Schweiß an seinem Rücken klebte. Melanie saß zwei Tische neben ihm am geöffneten Fenster.

Trotz des Luftzugs, der ihre Haare bewegte, hatte sie Schweißperlen auf der Stirn und ihrer schönen Nase.

Sie saß leicht vornübergebeugt und schrieb konzentriert an ihrer Arbeit. „Falk?“ Ertappt zuckte er zusammen. „Willst du fertigwerden oder morgen noch einmal länger bleiben?“, fragte Frau Zwicker mit hochgezogener Augenbraue.

Schon wieder wurde er rot, wandte sich jedoch seiner Aufgabe zu. Blöde Alte!

Nach einer Stunde, die sich anfühlte wie fünf, durften sie endlich gehen.

Seite an Seite verließen sie schweigend nebeneinanderher schlendernd das Schulgebäude. Das Hinaustreten fühlte sich an, als beträten sie einen vorgeheizten Backofen. Beide stöhnten gleichzeitig auf und blieben stehen, als wären sie vor eine Wand getreten. Die schwere Holztür des Schulgebäudes fiel hinter ihnen mit einem lauten Rumms ins Schloss.

„Puh“, entfuhr es ihnen gleichzeitig. Sie sahen sich an und fingen an zu lachen. Obwohl es hier draußen alles andere als kühl war, war Falk froh, dem heißen Klassenzimmer und der Zwicker entkommen zu sein.

Gelöst und ohne nachzudenken, als würde er seinen Kumpel Max auffordern, fragte er: „Wollen wir zusammen Eis essen gehen? Ich lad´ dich ein.“

Für einen kurzen Augenblick verschwand ihr Lächeln. Wurde sie etwa gerade rot? Hatte er etwas Falsches gesagt? Oh Gott! Wie hatte er so blöd sein können? Als ob sie Lust hätte, mit ihm ein Eis zu essen.

„Tschuldigung“, stammelte er zerknirscht und blickte auf seine Füße, „ich dachte nur …“.

„Gern, warum nicht?“ Er sah sie an. Ihre Augen schienen zu funkeln und sie lächelte wieder. Sie sah so hübsch aus!

Bis zur Weggabelung am Rande des Dorfes hatten sie ihr Eis vollständig verdrückt. Er hätte eigentlich noch ein zweites essen können. Den ganzen Weg mit ihr Eis schleckend und herumalbernd noch einmal gehen wollen. Er fühlte sich so im Rausch mit ihr, dass er genau das zu ihr sagte. Kaum war es raus, biss er sich auf die Zunge.

Das konnte doch nicht wahr sein, er war doch sonst nicht so! Sie lächelte ihn lediglich wieder mit diesem besonderen Lächeln an.

„Warum nicht?“, meinte sie schlicht, beugte sich vor, und küsste ihn sacht auf seine linke Wange, „bis morgen also.“

Er nahm nur noch ihre Augen und ihre Lippen wahr, fühlte sich wie elektrisiert. Sie hatte nach Erdbeereis gerochen. Ein Krümel klebte an ihrem Kinn. Sie drehte sich einfach weg und ging.

Er selbst blieb, wo er war und sah ihr hinterher. Ihre Haare wippten bei jedem ihrer Schritte. Erst als sie sich abermals zu ihm umdrehte und winkte, erwachte er aus seiner Erstarrung.

Seine Hand wanderte zu ihrem Kuss, dem Kribbeln auf seiner Wange, dass er bis in den Magen spürte. Ganz leicht und zart und unglaublich heftig. Er winkte ihr zurück. Als sie sich wieder wegdrehte, fiel ihm ein, ihr hinterher zu rufen: „Ja, bis morgen.“

Sie lachte, hob erneut die Hand und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Die Wiesen an den Seiten seines Weges wogten im leichten Sommerwind. Ihm wurde bewusst, wie gern er täglich diesen Feldweg entlangging.

Tobi kam ihm entgegen. Er hatte wieder dieses gemeine, herausfordernde Grinsen im Gesicht. „Na?“, fragte er gehässig, „wie war das Nachsitzen?“

Als sich ihre Wege trafen, zogen sich Falks Mundwinkel noch weiter nach oben: „Es war herrlich Tobi! Wir haben Eis gegessen.“

Ohne weiter auf Tobi zu achten, ging er weiter.

Das Lächeln auf Falks Lippen schien ihm auf angenehme Art und Weise unauslöschlich. Ein Lachen entfuhr ihm. Er beschleunigte seine Schritte. Das Kitzeln an seinen Handflächen wurde intensiver.

Dieses Glücksgefühl war der Wahnsinn! Er strahlte. Morgen, hatte sie gesagt. Seine Augen leuchteten, und er rannte überglücklich nach Hause.

Dumm gelaufen

Tanja Metternich