Zwei Einzelzimmer, bitte! - Volker Klüpfel - E-Book

Zwei Einzelzimmer, bitte! E-Book

Volker Klüpfel

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Beschreibung

Kommissar Kluftinger reist nicht gern – seine geistigen Väter sind wegen ihm jedoch in ganz Deutschland unterwegs. Dieses Nomadenleben zwingt den beiden Allgäuern bisher ungeahnte Herausforderungen auf, denen sie sich mutig stellen: Wie verhält man sich auf einem roten Teppich, wenn einen kein Fotograf knipsen will, welche Allüren sollte man sich zulegen, um in der literarischen Welt ernst genommen zu werden? Und, allen voran, wie macht man den Veranstaltern klar, dass auch für ein Autorenduo ein Doppelzimmer keinesfalls in Frage kommt?

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage Dezember 2011

ISBN 978-3-492-95332-0 Deutschsprachige Ausgabe: © 2011 Piper Verlag GmbH, München Umschlagkonzept: semper smile, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagmotiv: Arne Schultz, München

Vorwort

(beinahe geschrieben von Roger Willemsen)

Sagt Ihnen der Begriff therapeutisches Schreiben etwas? Nicht? Na, dann wurde es ja sowieso mal Zeit, denn Sie befinden sich gerade mittendrin. Vor Ihnen liegt das Ergebnis ungezählter Therapiesitzungen. Jetzt fragen Sie sich, wie ausgerechnet Sie Teil dieses kleinen psycholiterarischen Autorenhilfsprojektes werden konnten? Dazu müssen wir etwas weiter ausholen.

Stellen Sie sich zwei Allgäuer vor, damals noch in der Blüte ihrer Jahre (es ist schon etwas länger her). Die beiden fühlen sich seltsamerweise zum Schreiben berufen und erkennen auch noch Anzeichen rudimentärer Kompetenz bei sich dazu. Sie beschließen also, da sie eh fast keine Freunde haben und meist nutzlos daheim rumsitzen, diese vermeintlichen Fähigkeiten zu nutzen und ein Buch zu schreiben. Und dann passiert das Undenkbare: Das Buch wird ein Erfolg. Ein ziemlich großer sogar. So groß, dass sie raus müssen. Aus dem Haus. Aus dem Allgäu. Ja, aus Bayern. Bis nach Norddeutschland!

Das Leben dieser beiden Allgäuer, nennen wir sie aus Datenschutzgründen einfach mal Richi und Holger, ändert sich schlagartig. Sie reisen fortan quer durch die Republik, besuchen staunend deren Metropolen, sehen mehr Menschen, als es auf Allgäuer Wiesen Kühe gibt …

Irgendwann werden die Eindrücke so überwältigend, wird das gemeinsame Reisen so beschwerlich und seelisch belastend, dass sie beginnen, nicht nur Bücher über einen grantelnden Allgäuer Kommissar zu verfassen, sondern über sich, ihr Leben als Autoren und Vortragsreisende zu schreiben. Irgendwo muss der Seelenballast ja hin. Das Ergebnis liegt nun in Ihren Händen. Wir … ich meine, Richi und Holger haben schonungslos ausgepackt, denn nur so ist wirklich ein therapeutischer Effekt zu erreichen. Sie schreiben, wie es ist zu schreiben, welchen inneren Schweinehunden man dabei begegnet, wie bissig diese sein können und mit welchen Leckerli man sie besänftigt. Sie erzählen davon, wie man sich fühlt, wenn man als Allgäuer in die Welt hinausgeworfen wird, eine Welt ohne Kühe und sattgrüne Wiesen und allabendliches Alpenglühen, und sie verraten weltexklusiv, wie sie es anstellen, selbst beim größten Promi- und Fotografenauftrieb unerkannt, unfotografiert und unwichtig zu bleiben.

Sehr oft werden Sie, liebe Hilfspsychologen, in diesen Texten dem alles beherrschenden Über-Ich der Autoren begegnen, Kommissar Kluftinger, dem die beiden so viel verdanken und mit dem sie nun ihr literarisches Leben verbringen – in guten wie in bösen Tagen. Sie werden Zeuge des allerersten persönlichen Zusammentreffens des dynamischen Duos mit ihrem Übervater und, auch das kann manchmal Teil einer zielführenden Therapie sein, ihrer unerbittlichen Rache für all die erlittene Unbill: Die beiden schicken Kommissar Kluftinger, diesen unverbesserlichen Dahoimdrumhocker (allgäuerisch für Daheimbleiber), nämlich selbst auf Reisen.

So, jetzt sind Sie im Bilde. Wir können nur an Sie appellieren: Helfen Sie diesen armen, verirrten Seelen, indem Sie diese therapeutische Textcollage lesen, loten Sie die Untiefen der Gemütslage zweier Allgäuer aus, begeben Sie sich auf die Reise durch die verschlungenen Windungen zweier Voralpengehirne. Sie bekommen auch ein Einzelzimmer, versprochen.

Allgäu, im Herbst 2011

Postskriptum: Jetzt hätten wir beinahe vergessen, es zu erklären, aber sicher hatten Sie es ohnehin gemerkt: Roger Willemsen hat dieses Vorwort nicht geschrieben. Genauso wenig wie Frank Schätzing, Claus Kleber oder Herta Müller, die übrigens alle in diesen Texten auftauchen und natürlich gar nicht gefragt wurden, ob sie es denn schreiben wollen. Bis auf Roger Willemsen.

Textsammlungen wie die vorliegende haben ja oft einen prominenten Paten. Doch wie Sie im vorliegenden Buch erfahren werden, kennen Richi und Holger keine Prominenten. Das heißt: Sie würden ja schon einige kennen, aber das sind dann doch ziemlich einseitige Bekanntschaften.

Und die Angst des Verlages vor Absagen im Stile von »Knipfel und Korb, wer soll das sein?«  oder »Wir schreiben nur was für Kafka, nicht für Kasperl!« war wohl ziemlich groß. So groß, dass man echte Prominente oder gar richtige Schriftsteller gar nicht zu fragen wagte, ob der oder jener sich ein Vorwort für das neueste Werk aus der Feder eines, das muss man sich mal vorstellen, Allgäuer Autorenduos abringen könnte. So mussten sich die beiden selbst ein Herz fassen. Und als sie endlich so weit waren, Roger Willemsen einen tränenreichen Bittbrief schrieben und dieser sogar zusagte, da hieß es vom Verlag:

Wir drucken übermorgen, keine Zeit auf Herrn Willemsen zu warten, sagt ihr ihm mal wieder ab. Ja, und so wurde das Vorwort eben nur beinahe geschrieben von Roger Willemsen.

Aber wir versprechen, das nächste Mal fragen wir gleich den Papst nicht, und den Dalai Lama auch nicht, das klingt dann vielleicht noch besser.

Damit das schon mal klar ist …

Ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben wir ja schon, dass wir unseren Kommissar Kluftinger so schamlos für unsere Zwecke (gemeint ist die Anhebung und Sicherung unseres Lebensstils) an die Öffentlichkeit zerren. Aber als uns vor einigen Jahren ein Bekannter, der aus verständlichen Gründen nicht genannt werden möchte (an dieser Stelle ganz herzlichen Dank an Richard Maier), von den unglaublichen Abenteuern dieses Mannes erzählt hat, wussten wir sofort: Das ist pures Gold!

Sicher, bei der ein oder anderen Begebenheit mag es scheinen, als komme unsere Hauptfigur nicht besonders gut weg, doch aus unserer Sicht ist das ja gaaaanz anders. Und Millionen Fans des Kommissars beweisen das: Er ist zu einer echten Identifikationsfigur geworden, zum unfreiwilligen Mahnmal gegen Modernismus und Globalisierung, gegen Anglizismen und Langhammerisierung der Welt.

Wenn man ihn gefragt hätte, ob er gerne zur Gallionsfigur einer solchen Bewegung werden würde, hätte er zwar vermutlich geantwortet: »Du bisch wohl it ganz knuschper!«

Aber wie es eben so ist mit Stilikonen – man kann es sich nicht aussuchen, man wird zu einer gemacht.

Und deswegen waren wir umso überraschter, als wir – nach vielen Jahren erfolglosen Flehens – endlich eine Audienz im Büro des Hauptkommissars bekamen. Nachfolgend das Protokoll dieses außergewöhnlichen Zusammentreffens.

Jeder fängt mal klein an: das erste Foto, das Michi und Volki als Autorenduo von sich selbst gemacht haben. Damit wäre auch die Frage geklärt, wie man sich im Allgäu Schriftsteller vorstellt.

Interview mit dem Kommissar

Von den Autoren (A) wurde das Treffen mit Spannung erwartet: Zum ersten Mal sollten sie mit Kommissar Kluftinger (K) zusammentreffen, dessen beruflichen Alltag und privates Leben sie in ihrer Romanreihe öffentlich machen. Unzählige Fragen hatten sie sich bereitgelegt und danken wollten sie dem Vorzeigepolizisten aus dem Allgäu auch. Doch dann kam alles ganz anders …

A: Grüß Gott, Herr Kommissar, es ist für uns eine große Ehre, Sie …

K: Sie sind das also?

A: Wie meinen Sie?

K: Sie sind die, die das … Zeug da immer schreiben über mich?

A: Ja, das sind wir.

K: (betrachtet sie lange) Aha. Na ja, so was hab ich mir schon gedacht. Zwei feine Bürschle seid ihr mir!

A: Wir verstehen nicht ganz …

K: Na ja, ein siebengscheiter Lehrer und so ein Journalisten-Fatzke. Sagt’s mal: Geht’s eigentlich noch? Wisst ihr, was ich mir jeden Abend anhören kann von der Erika?

A: Aber Sie sind doch jetzt berühmt … irgendwie.

K: Eben! Meine Frau liegt mir deshalb doch immer in den Ohren: Da hast du’s, jetzt wissen alle, wie unordentlich du bist – sogar von deinem Gwandsessel wissen die. Und dass du den Martin Langhammer nicht leiden kannst, ist auch rausgekommen! Überhaupt, wie du wieder aussiehst, mit deinem viel zu engen Trachtenjäckle! Ich hab dir immer gesagt, das rächt sich noch mal …

A: Aber Sie sind doch ein stattlicher Mann.

K: Aufpassen, Büble, gell! (beugt sich vor und flüstert) Sagt’s mal, in dem Film, da hat mich doch dieser große, schlaksige Knauf gespielt. Der Erika tät der schon auch gefallen, so von der Statur her.

A: … Knaup. Herbert Knaup.

K: Ja, wie auch immer, ich halt nicht viel von diesen Schauspielern. Jedenfalls: Könntet ihr mich in den Büchern nicht ein bisschen mehr wie den … also ich mein, ich hab eh ein bissle abgenommen.

A: Oh, das wär uns jetzt gar nicht aufge… äh, das heißt, doch, toll, Respekt. Ja, da ließe sich eventuell schon was machen.

K: Ja, bittschön. Und jetzt mal zum Doktor. Das ist ja unmöglich, was ihr mit dem anstellt!

A: Finden Sie, er kommt zu schlecht weg?

K: Nein, zu gut! Viel zu gut. Ihr müsstet mal sehen, wie der inzwischen in Altusried rumstolziert. Wie ein Gockel! Und wisst ihr, wie sich seine Sprechstundenhilfe inzwischen am Telefon melden muss? Nein? (verstellt seine Stimme) Hier allgemeinärztliche Praxis Dr. Martin Langhammer, bekannt aus Funk und Fernsehen, was kann ich für Sie tun?

A: Wir hatten ja keine Ahnung. Was schlagen Sie vor?

K: Mei, ich weiß auch nicht. So ein kleiner Unfall vielleicht … Nix Schlimmes, nur ein komplizierter Splitterbruch oder so. Dann wär für eine Weile Ruhe. Auch so eine kleine Privatinsolvenz könnt ich mir gut vorstellen.

A: Aber die Leser würden nur ungern auf ihn verzichten.

K: Die Leser? Die Leser sind mir doch scheißegal. Denen ist doch auch wurscht, wie ich mich mit dem Schlaumeier abplagen muss! Sollen die sich doch ihren eigenen Langhammer anschaffen, dann werden sie schon sehen, wie das ist.

A: Die meisten haben ja sowieso schon einen. Aber leider: Wir haben noch viel vor mit dem Doktor. Und mit Ihnen.

Zwei Freunde sollt ihr sein: Der Autor und sein Computer

Wie ich einmal einen schweren Ausnahmefehler beging

Von Volker Klüpfel

Ich muss Ihnen heute etwas gestehen. Ich arbeite ja nicht allein, sondern im Team. Zu zweit, also vielleicht kein richtiges Team, eher eine Notgemeinschaft. Ein Team geht eigentlich erst dann los, wenn man gegen jemanden, den man nicht mag, Koalitionen mit anderen Teammitgliedern bilden kann, um ihn rauszumobben. Das geht nicht, wenn man zu zweit ist. Auch mit Mehrheitsentscheidungen tut man sich leichter, wenn es sich nicht nur um ein Duo handelt. Die Zweiersituation ist aber eigentlich auch kein richtiges Problem – vorausgesetzt, man mag sich.

Ich aber hasse meinen Partner.

Wobei ich kaum Partner sagen kann, denn jeden Tag mutet er mir aufs Neue derart Unglaubliches zu, dass ich manchmal vermute, es sei sein eigentlicher Daseinszweck, mir das Leben zu vergällen. Von oben gesandt als eine der Sieben Plagen. Ach, was heißt da eine? Alle Sieben Plagen zusammen. Ich traue ihm alle Schlechtigkeit der Welt zu und bin ihm trotzdem ausgeliefert, weil es ohne ihn nicht geht.

Jetzt wissen Sie es. Ich verachte meinen Computer. Ja, genau, von dem rede ich, was dachten Sie denn? Und ich glaube, er weiß das auch. Denn unsere täglichen Arbeitssitzungen werden immer wieder durch lautstarke Streitigkeiten unterbrochen, die durchaus auch einmal körperliche Gewalt beinhalten können. Finden Sie übertrieben? Nur ein Beispiel:

Als ich, nennen wir ihn mal Nemesis, als ich Nemesis also heute Morgen einschalte, ploppt er eines seiner garstigen Fenster auf. Sie wissen schon: blauer Rand, graue Füllfarbe, die nur einem einzigen Zweck dienen: uns Computerbenutzer mit kryptischen Nachrichten an den Rand des Wahnsinns zu treiben – und manchmal noch einen Schritt weiter (SUWIN verursachte eine allgemeine Schutzverletzung in Modul SETUPX.DLL). Bin ich Suwin? Nennt er mich so? Aber womit sollte ich ihn verletzt haben? Ich habe ihn ja die ganze Nacht nicht angefasst. Oder war es vielleicht genau das? Erwartet er auch nachts meine tastenden Hände auf seinen handlichen Tasten?

Jedenfalls ist er sauer und ich machtlos. Der Tag ist praktisch gelaufen, wie neulich, als er mir einen schweren Ausnahmefehler vorgeworfen hat. Na, hallo, jeder macht mal Fehler, aber deshalb gleich so ausfallend zu werden? Und was kann ich dafür, wenn die Speicheradressen nicht gefunden werden? Ich hab sie nicht verlegt, aber ich darf es ausbaden.

Ja, und wenn wir dann überhaupt nicht weiterkommen, auch gutes Zureden, Streicheln oder manchmal auch etwas festeres Tätscheln nichts hilft, dann wird damit gedroht, in den abgesicherten Modus zu wechseln. All das ohne brauchbaren Hinweis auf Möglichkeiten, mein Fehlverhalten wiedergutzumachen. Ins Zwischenmenschliche übersetzt ist das so, als befinde die Lebenspartnerin: »Also, wenn du da nicht selbst draufkommst, dann gibt es zwischen uns nichts mehr zu sagen.«

Auch mit meinen (leeren, aber woher weiß er das) Drohungen laufe ich regelmäßig gegen die Wand: Wenn ich beispielsweise sage: Ich formatiere dich neu, zeigt er mir einfach sein sarkastisches Dauergrinsen (blauer Bildschirm).

Die Worte: »Ich steig um auf Apple«, beantwortet er lediglich mit einem gleichgültigen Schulterzucken (Hilfe und Support kann nicht geöffnet werden. Starten Sie Hilfe und Support, um dieses Problem zu beheben.).

Neulich dann der Tiefpunkt unserer Hassliebe – das Wort »Beziehung« scheint deplatziert: Versuch, verschachtelte Maskenereignisse auszuführen. Hä? Wie bitte? Nein, ich verlange ja gar keine Maskenereignisse. Und schon gar nicht, wenn sie verschachtelt sind. Tu einfach nur deine Arbeit, so wie ich, wenn ich nicht damit beschäftigt bin, mich mit deinem verkorksten Innenleben zu beschäftigen.

Ende der Leseprobe