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Die schöne Susann ist leidenschaftlich gerne Grundschullehrerin in ihrer kleinen Hafenstadt in der Bretagne, aber mit Männern hat sie kein Glück. Als sie die neue erste Klasse übernimmt, trifft sie auf den alleinerziehenden Kitesurfer Paul, den sie zunächst für arrogant und überheblich hält. Durch Zufall kommen die Beiden sich trotzdem näher - viele dunkle Vorzeichen überschatten jedoch die leidenschaftliche Liebe, die zwischen Susann und Paul aufflammt. Da ist Marie, die eifersüchtige Ex von Paul, sowie Pauls Extremsport, der schon anderen das Leben kostete. Als ein alter drogensüchtiger Freund von Paul auf den Plan tritt, scheint ihre Beziehung endgültig verloren...
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Antje van de Telt
Zwei Herzen im Sturm
Ein Liebesroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Am Strand
Aarons erster Schultag
Open sea
Ein überraschender Sonntag
Eine Chance für Paul
Ein unerwartetes Wiedersehen
Die ersten Treffen mit Paul
Pauls Plan
Susanns Geburtstag
Ein unvergesslicher Tag
Ein alter Freund ruft an
Mikes Vorschlag
Ein fatales Gespräch mit Mike
Ein misslungenes Abendessen
Am Plage de Bay
Eine Diagnose mit Folgen
Paul kehrt nach Hause zurück
Maries Aufbruch
Eine Trauerfeier für Mike
Glück im Unglück für Susann
Weihnachtsvorbereitungen
Das schönste Weihnachtsfest
Impressum neobooks
Für M. und R.
Paul hatte starke Schultern, das fiel jedem und vor allem jeder auf, die ihn an diesem warmen Wochenende am Strand point de vue in der Nähe von Guidel dabei beobachtete, wie er als Kitesurfer sowohl die Gesetzmäßigkeiten des Wassers als auch die der Luft außer Kraft zu setzen schien. Er zog sich an dem Henkel seines Drachens hoch, stemmte dabei das Surfbrett in die Höhe und schon erfasste ihn die Termik der Atlantikwinde und trieb ihn hoch in die Luft, in der er scheinbar endlos akrobatische Figuren ausführte, bevor er wieder sanft auf dem Wasser landete, der Drachenschirm über ihm wild flatternd. Susann und ihre Freundin Kathleen beobachteten das Spektakel aus weiter Entfernung, ohne dabei von den kitesurfenden Männern wahrgenommen zu werden. Susann verdrehte die Augen und warf ihr hübsches langes blondes lockiges Haar über die Schulter zurück. „Ich hasse solche angeberischen Männer“, sagte sie zu Kathleen und Kathleen kicherte: „Ja, das kann ich gut verstehen. Das sind wirklich Idioten.“
Paul war mittlerweile aus dem Meer wieder hervorgestiegen, Wassertropfen liefen an seinem gestählten und sommerlich gebräunten Körper herunter, ebenso hätten es Schweißtropfen sein können. Doch Paul hatte noch nicht genug. Er entledigte sich ungeduldig seiner Kitesurf-Ausrüstung und forderte dann seinen besten Freund Thomas, der mit ihm an den Strand gekommen war, zu einer Runde Joggen im Sand auf.
„Komm, sei kein Faulpelz!“, zog er ihn auf und Thomas stürzte ihm hinterher, den Sand unter seinen bloßen Füßen aufwirbelnd. So liefen sie Runde um Runde am glitzernden Meer entlang, auf dem andere Kitesurfer und vereinzelte Schwimmer als bunte Punkte im Wasser zu sehen waren. Die Drachenschirme schwebten tänzerisch spielend über der ruhigen See, deren Wellen rhythmisch gegen den Strand schlugen. Paul und Thomas zogen viele Blicke auf sich, als sie schweigend nebeneinander herliefen: der blonde Thomas mit seinen kristallklaren blauen Augen und der rassigere Paul, dessen dunkel gelockte Haare nun in der heißen Augustsonne schon wieder trocken wurden und wild in alle Richtungen aufsprangen. Seine Augenfarbe glich im Ton und in der Farbe schmackhaften Mandeln – sie konnten zart und temperamentvoll blicken, ein Blick, der Frauenherzen in jeder Situation zum Schmelzen brachte. Gerade aber schauten sie eher konzentriert, Schritt um Schritt den Sand vor den Füßen fixierend, immer auf ein Ziel – ihre Handtücher in der Nähe der Strandbar.
Paul war immer schon ein ehrgeiziger Mann gewesen, der daran glaubte, dass das, was er erreichen wollte, durch seine Willenskraft zu erreichen war. Und erreichen wollte Paul vieles in seinem Leben: nach einem 1,0er Abschluss an der berühmten ENA hatte er auf eine Karriere im Dienste des französischen Staates verzichtet, um seine professionelle Kitesurfer-Karriere weiter voranzutreiben. Nach einem Jahr hatte er bereits sämtliche wichtige französische Wettbewerbe gewonnen und konzentrierte sich nun auf seine internationale Karriere. Längst konnte er sehr gut von Sponsorengeldern leben. Er wohnte in einer charmanten Maisonette, ganz in der Nähe des Strandes, mit einer Terrasse mit Blick auf das Meer. Das Meer war sein eigentlicher bester Freund, auch seine Geliebte, obwohl es Paul an Frauen nie zu mangeln schien: aber das Meer war es, dass er auf seiner Terrasse besang, wenn er abends bei Sonnenuntergang mit einem Glas Wein und seiner Gitarre den Tag ausklingen ließ.
Sein Freund Thomas war da von ganz anderer Art. Einige Jahre jünger als Paul befand er sich noch mitten in seinem Studium der Politikwissenschaften und Philosophie. Das Kitesurfen war für ihn ebenso wie das Fußballspielen eine willkommene Abwechslung zum Universitätsalltag, aber Thomas war deutlich nachdenklicher als Paul, und verträumter.
Auch an diesem Tag zog Paul alle Blicke der Frauen auf sich, als er sich schließlich neben Thomas in einen weißen Liegestuhl fallen ließ, sich mit einem mitgebrachten Handtuch die stählernen Muskeln trockenrieb und schließlich bei der herumlaufenden Kellnerin der Strandbar einen alkoholfreien Drink bestellte. Die Kellnerin brachte ihm den orangegelben Cocktail mit einem flirtenden Lächeln. Sie war jung und schön, doch Paul beachtete sie nicht weiter. Er schaute hin zum Horizont, zu den bunten Punkten der Menschen und den weiter in der Ferne vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffen. Er dachte kurz darüber nach, wie sich die Menschen auf diesen Luxusdampfern wohl fühlen mussten, unter der warmen französischen Sonne, dass sie wohl glücklich sein würden in ihrem Urlaub, aber beneiden tat er sie nicht. Für ihn fühlten sich alle 365 Tage im Jahr wie immerwährende Sommerferien an. Im Winter, wenn es kälter wurde, zog er vom stürmischen Atlantik in die milderen Gebiete Südfrankreichs in sein Ferienhaus nach St. Tropez, und er nutzte die Wettbewerbspause, um im hauseigenen Pool zu schwimmen und abends regalweise Bücher zu lesen, die Klassiker, von Shakespeare bis Dante. Obwohl Paul einer eher körperlichen Betätigung nachging, so war er doch gebildet und belesen. In der heißen Mittagssonne fiel es ihm aber schwer einen klaren Gedanken zu fassen, deshalb legte er die mitgebrachte Zeitung wieder beiseite und machte ein paar Liegestützen im Sand. Der Sand fühlte sich warm und angenehm an, wie er so unter seinen Handflächen hinwegrieselte; es war wie die Massage einer schönen Frau. Seine Schulterblätter zeichneten sich scharf auf seinem Rücken ab, sein Bizeps trat bei jedem Auf und Ab der Bewegungen empor. Die Kellnerin versuchte seinen Blick zu fangen und kam sogleich herbeigeeilt, als er sich wieder in die Liege zurückfallen ließ.
„Kann ich dir noch etwas bringen?“, säuselte sie. Paul verneinte, freundlich aber bestimmt. „Wenn du willst, kannst du gerne auch mal im Seaside vorbeikommen. Da bediene ich abends immer.“
Paul zwinkerte ihr zu, aber es war ein mechanisches Zwinkern. Sie ging trotzdem beglückt zurück zu ihrem Stand, ihre Hüften ließ sie dabei locker schwingen, ihr Minirock reichte kaum zum Ansatz ihrer Schenkel, darunter blitzte ein pinkfarbener Bikini. Susann und Kathleen hatten die Szene von weitem beobachtet.
„Ich würde mich ja nie an so einen Typen ranmachen!“, sagte Susann, „da macht man sich ja höchstens lächerlich. Der Kerl hat doch bestimmt zehn Frauen am Start.“
„Wahrscheinlich schon in einer Nacht!“ Kathleen und Susann lachten.
„Hängt dieser Typ hier eigentlich immer herum? Ich sehe ihn fast ständig, wenn ich hierherkomme“, fragte Susann.
„Oh ja, er ist hier wirklich von morgens bis abends. Aber ich kenne ihn, ich habe erst vor kurzem einen Bericht in der Zeitung über ihn gelesen.“
„Also ist er bekannt?“, wunderte sich Susann.
Kathleen nickte stürmisch; ihr kurzes braunes Haar fiel ihr dabei neckisch über die Augen und sie strich es mit der Hand zurück.
„Ja, er scheint eine kleine Berühmtheit zu sein. Ist wohl professioneller Kitesurfer und hat einen Haufen Preise gewonnen.“
„Also wirklich so ein hirnloser Typ!“, ereiferte sich Susann und zog sich ein T-Shirt über ihren hellblauen Bikini, weil ein leichter Wind aufgekommen war, der sie frösteln ließ.
„Nein, gar nicht. Er hat auf der ENA studiert, Ökonomie, und hat sogar einen Doktortitel. Und das, obwohl er noch so jung ist! Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich im Verein für Obdachlose. Zudem ist er Vater eines kleinen Jungen, aber mit der Frau scheint er wohl nicht mehr zusammen zu sein.“
„Na, das kann ich mir vorstellen! Wie ihn die ganzen Frauen angaffen – ich bleibe dabei, Kathleen: Ich würde nie mit so einem Typen zusammensein wollen.“
„So ein Mann wäre wohl auch gänzlich unerreichbar für uns beide“, seufzte Kathleen und schaute mit schmachtendem Blick auf Paul, der sich mittlerweile auf der Liege ausgebreitet, genießerisch die Augen geschlossen hatte und die Sonne auf sein Gesicht scheinen ließ, „reich, gut aussehend und begehrt. Und wir beide sind ja nicht gerade besonders wohlhabend! Ich mit meinem Blumenladen, du als Lehrerin, Susann... obwohl...so schön wie du bist, würde er dich bestimmt haben wollen, würde er dich sehen.“
„Ach Quatsch, Kathleen, so schön bin ich gar nicht!“ Susann strich sich verlegen ihre blonden Haare glatt, mit denen der Wind spielte, „du bist auch wunderschön!“
„Nein, Susann, das ist einfach nichts im Vergleich damit, wie dir die Männer hinterherschauen. Sie trauen sich nur nicht dich anzusprechen!“
„Ach...“ Susann hatte keine Lust dieses Thema zu vertiefen. Kathleen war eine lustige Person mit Wuschelhaaren und Knopfaugen, sie mochte es nicht zu merken, wie sich Kathleen immer unattraktiv in Gegenwart von Susann empfand. Susann wusste, dass sie gut aussah, aber sie gab nichts auf die Männer, die sie wegen ihres Aussehens ansprachen. Ein Mann musste sie zum Lachen bringen, er musste zu seinem Wort stehen und stolz und unabhängig sein – nicht wie diese aufgeblasenen Muskelprotze, wie sie hier am Strand zu finden waren! Susann schnaubte verächtlich und begann dann, auch ihre Hosen anzuziehen.
„Was machst du?“, fragte Kathleen.
„Ich muss langsam los, ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen für das neue Schuljahr.“
„Du bist immer so fleißig und aufopferungsvoll für deine Schüler, Susann! Ich bewundere das wirklich aufrichtig.“
„Ach, es ist mein Job. Du machst deinen Job ja auch gut, Kathleen. Du liebst deine Blumen und ich kenne niemanden, der sich besser mit ihnen auskennt oder schönere Gestecke macht. Bleibst du noch eine Weile am Strand?“
„Ja“, antwortete Kathleen mit Blick auf die beiden Männer am Kiosk, „ich glaube, ich will noch ein wenig entspannen.“
Susann packte ihre Sachen ein, warf sich das Handtuch über die Schultern und lief leichtfüßig über den Strand zum Steg zurück, der zum Autoparkplatz führte. Dort hatte sie ihren kleinen verbeulten Peugeot abgestellt. Susann hätte sich gerne ein neues Auto gekauft, allerdings war das Lehrerinnengehalt alles andere als üppig, daher hatte sie beschlossen eisern zu sparen, um sich zumindest im nächsten Jahr einen gebrauchten besseren Kleinwagen leisten zu können.
Der Steg führte sehr nah am Kiosk und den dort liegenden Männern vorbei. Susann konnte nicht umhin, einen kurzen Blick auf diesen bekannten Kitesurfer zu werfen, von dem Kathleen vorhin so geschwärmt hatte. Er schien tief zu schlafen, seine Augenlider waren geschlossen, der Blick entspannt. Seine braune Haut glitzerte im Sonnenlicht, seine vollen Lippen waren leicht geöffnet, dahinter schimmerten blendend weiße Zähne. Er hatte definierte und sehr wohlgeformte Schläfen und ein markantes Kinn, sein Atem ging gleichmäßig. Er sieht wirklich sehr gut aus, dachte Susann, und verlangsamte ihren Schritt, aber als sie sah, dass sein Freund sich bewegte, sich reckte und die Augen aufschlug, stürmte sie schnell an den Männern vorbei Richtung Auto. Thomas hatte sie dennoch bemerkt.
„Hey, Paul, wach auf!“, flüsterte er und stupste ihn leicht in die Seite, „du hast gerade die schönste Frau, die ich je gesehen habe, verschlafen! Und sie ist fast an deiner Liege stehengeblieben!“
„Was erzählst du da?“ Paul gähnte und rieb sich die Augen, „Wer war das?“
„Ja, wo ist sie?“
Susann war schon über den Steg und die Dünen gelaufen und spurlos verschwunden.
„Thom, ich glaub du träumst!“, sagte Paul und wusste nicht, ob er belustigt oder angesäuert sein sollte. Er war wirklich ziemlich müde gewesen. „Außerdem – was weckst du mich für eine schöne Frau? Schöne Frauen gibt’s doch –“
„…wie Sand am Meer“, ergänzte Thomas und lachte. Sie sahen sich um. Die hübsche Kellnerin zwinkerte ihnen wieder zu, während sie Gläser polierte, weiter hinten am Strand spielten ein paar Frauen Volleyball, eine Joggerin lief in kurzer Hose und mit einer sportlichen Cap dicht an ihnen vorbei.
„Nein, aber echt, Paul, die war was Besonderes. Dieser Blick…“
„Was ist mit dem Blick?“
„Ich weiß nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Wie ein Meer. Dunkel und gleichzeitig an der Oberfläche hell. Geheimnisvoll und verlockend und dabei auch spielerisch. Ich labere Unsinn, ich weiß schon. Aber eine gute Oberweite hatte sie auch.“ Paul lachte.
„Ich glaube, du hast was getrunken. Keine Ahnung, aber seit dieser Sache mit Marie habe ich echt keinen Bock mehr auf Frauen. Nichts Ernstes. Die da –“ er zeigte aufs Meer, „ist meine eigentliche Geliebte. Und mein bester Freund, außer dir, natürlich, Thom, ist der Kick. Dieser Kick da raus zu fahren und übers Meer zu springen. Höher und höher. Es gibt einfach nichts Besseres, Thom. Wirklich, du bist jung, aber das muss ich dir sagen: Spiel mit den Frauen. Hab deinen Spaß. Ein paar gute Nächte, alles in Ordnung. Aber verliebe dich bloß nicht, das ist es nicht wert. Am Ende will sie dann noch, dass du irgendeinen langweiligen Bürojob aufnimmst, für die Sicherheit. Die Sicherheit!“ Paul lachte kurz auf, „Frauen geht es immer nur um die Sicherheit. Sie wollen dich einfangen und bändigen. Aber mich, Thom, mich können und konnten sie einfach nicht bändigen, das ist der Grund, warum ich nie bei einer geblieben bin.“
Thom hörte ihm nachdenklich zu. Über sein Gesicht hatte sich ein Schatten gelegt.
„Ich glaube, du irrst, Paul“, sagte er schließlich, „mag sein, dass ich jung bin, aber auch ich habe schon meine Erfahrungen mit den Frauen gemacht. Und ich würde glaube ich alles für eine wirklich große Liebe geben.“
„Alles?“, fragte Paul verschmitzt lächelnd, zwei Grübchen zeigten sich in seinem gut rasierten Gesicht, „auch deinen Sport? Ich weiß, Kitesurfen ist eher so ein Hobby für dich, aber was ist mit dem Fußball? Haben sie dich nicht neulich für die Unimannschaft auserwählt?“
Thomas stützte sich nach hinten ab. Sein Blick hatte sich während des Gesprächs am Horizont verloren, doch als er wieder zu Paul schaute, lag eine Klarheit in seinen Augen, die Paul zuvor nie an ihm wahrgenommen hatte. Mit fester Stimme antwortete er:
„Beim Fußball kann man sich verletzen, Paul. Die Karriere kann da ganz schnell vorbei sein, wie auch deine Sportlerkarriere ganz schnell vorbei sein kann. Aber eine große Liebe – die kann nie zu Ende gehen.“
„Du bist ein Romantiker, Thom!“, sagte Paul und schlug Thomas fest auf die Schultern, „romantisch und jung. Das war ich früher auch, als ich Marie kennenlernte. Und was bleibt mir jetzt von dieser ganzen Liebe? Sie wollte mich einengen, wollte, dass ich zuhause bleibe. Vor allem, nachdem Aaron geboren war...“
„Aber Aaron, den bereust du nicht?“
„Nein, natürlich nicht! Wie könnte ich ihn bereuen? Welcher Mann träumt nicht von einem kleinen Jungen, mit dem er basteln kann, mit dem er Fußballspielen oder ihm Surfen beibringen kann...“
Paul schaute auf die Wellen. Der Wind war merklich stärker geworden, die zuständigen Rettungsschwimmer waren gerade dabei eine neue Fahne aufzuziehen, die erhöhte Gefahr anzeigte. Mütter beeilten sich ihre kleinen Kinder aus dem Wasser zu bringen.
„Irgendwann werde ich Aaron da mit hinausnehmen. Aber noch ist er ein klein bisschen zu jung.“
„Wie alt ist er jetzt?“
„Sechs ist er geworden. Morgen bringt ihn Marie und dann werde ich ihn übermorgen zur Einschulung bringen.“
„Und er wird jetzt wirklich das Jahr bei dir wohnen?“
„Ja. Marie hat nun mal dieses Projekt in New York angeboten bekommen und es ist eine wunderbare Aufstiegschance für sie. Sie will Aaron da nicht mitnehmen, ein Jahr ein kompletter Szenenwechsel, dazu eine neue Sprache – das wäre zu viel für ihn, meint sie und ich stimme ihr da zu. Außerdem freue ich mich auf das Jahr mit ihm. Es wird ihm auch gut tun, mal mehr mit seinem Vater zu machen als immer nur an den Wochenenden.“
„Wie du meinst.“ Thomas streckte sich. „Aber ich glaube, du stellst dir das alles zu einfach vor.“
„Wir werden sehen“, antwortete Paul und sein Blick verlor sich wieder am Horizont, dort wo Himmel und Meer sich vermischten wie in der Farbpalette eines besonders begabten Malers.
Die Sonne war gerade über dem Meer aufgegangen und verlor sich in einem leichten morgendlichen Dunst von einigen Schleierwolken, die am Himmel entlang zogen. Ein prächtiges Farbspiel tauchte das Meer in ein geheimnisvolles Licht und ließ es verlockend glitzern. An einem solchen Morgen würde Paul normalerweise gleich nach dem Aufwachen an den Strand herunterfahren und, noch bevor andere Urlauber kamen, auf den Wellen reiten, zwischen Himmel und Wasser, dort, wo er sich am wohlsten fühlte, seine Sprünge üben. Es kribbelte in seinen Fingern unter der heißen Kaffeetasse, aber er bezwang sein Verlangen. Er musste Aaron aufwecken, er musste ihn zu seinem ersten Schultag bringen, kurz: er musste ein guter Daddy sein.
Gestern hatte Marie Aaron bei Paul abgegeben. Auch wenn Marie der Abschied merklich schwer von Aaron fiel, war die Unterhaltung zwischen ihr und Paul kurz und einsilbig ausgefallen. Marie war immer noch wütend auf Paul, dass er sie damals verlassen hatte und beschränkte die Unterhaltung mit ihm immer aufs Nötigste, wenn sie Aaron bei ihm ablieferte.
Marie sah fantastisch aus, die Geburt eines Kindes hatte keine Spuren an ihrem wohlgeformten Körper hinterlassen. Nur ihr Blick, der war seltsam hart geworden – es konnte jedoch auch daran liegen, dass Marie sich die eigentlich blonden Haaren schwarz gefärbt hatte, was sie blasser erschienen lies. Auch schminkte sie sich zu stark, wie Paul fand – es gab einen harten Kontrast zwischen ihrem puppenhaften Gesicht und den mausgrauen Kostümen, die sie aufgrund ihrer Arbeit als Managerin in einem international agierenden Unternehmen immer öfter trug. Fast gestresst hatte sie Aaron auf die Stirn geküsst, ihm „sei ein braver Junge“, zugeflüstert und dann Paul an die Hand gegeben, bevor sie mit ihrem silbrigen und sportlich geschnittenem BMW abgefahren war, wie immer zu schnell. Aaron schien allerdings das Neue seiner Lage nicht ganz zu begreifen – er verbrachte gerne die Tage bei seinem Daddy, allerdings war es für ihn immer Urlaub gewesen und nie hatte er in den Kinderhort gemusst. Daher war seine Verwunderung deutlich zu spüren, als Paul ihn sanft an der Schulter anfasste, um ihn aus seinen Jungenträumen zu wecken.
„Aaron komm, du musst aufstehen“, sagte er mit weicher Stimme, „hast du vergessen, dass heute dein erster Schultag ist?“
Es war ihm nicht leicht gefallen, den Sohn aus seinen Träumen zu reißen – auch er war als Kind gerne lange im Bett gelegen, obwohl er sonst schon immer den Tag gerne draußen gespielt und am Meer verbracht hatte. Das frühe Aufstehen war ihm erst mit der Zeit leichter gefallen. In diesem Verhalten erkannte er sich in Aaron wieder, der ansonsten eine interessante Mischung aus seiner Mutter und seinem Vater geworden war. Das blonde wuschelige Haar hatte er ganz klar von Marie, auch wenn sie es jetzt schwarz trug – die mandelfarbenen Augen waren dagegen Pauls. Paul konnte sich nie an der Schönheit des Jungen sattsehen, vor allem wenn dieser ruhig schlief, und er konnte nicht glauben, dass Marie und er so etwas Schönes zustande gebracht hatten. Aber sie waren auch sehr verliebt gewesen und erst schleichend, nach der Geburt von Paul, war ihr Glück gebröckelt. Für Marie war es nicht hinnehmbar gewesen, dass für Paul sein Sport das Ein und Alles war, auch wichtiger als seine Familie, wie es schien. Dabei konnte sie nicht ahnen, wie sehr Paul Aaron liebte – für ihn hätte er vielleicht sogar seinen Sport aufgegeben, allerdings war er froh, nun nicht mehr vor diese Entscheidung gestellt zu sein.
„Morgen“, murmelte Aaron verschlafen und streckte sich. Er blinzelte lange, bevor seine schönen braunen Augen neugierig in die Welt blickten, und richtete sich auf, „bekomme ich einen heißen Kakao, Daddy?“
„Alles, was du willst, mein Schatz.“ Paul ging wieder nach unten und bereitete das Frühstück für seinen Sohn vor. Dessen Kleider für den ersten Schultag – ein bunt geringeltes T-Shirt, eine blaue Strickjacke, dazu eine beige sommerliche Hose – hatte er ihm schon am Tag zuvor rausgelegt. „Brauchst du Hilfe beim Anziehen, Schatz?“, rief er nach oben, ein trotzig-kindliches „Natürlich nicht!“, antwortete ihm. Aaron war erst sechs Jahre alt, trotzdem bestand er auf seine Selbstständigkeit. Einen Moment später kam Aaron nach unten. Das T-Shirt hatte er verkehrt herum angezogen, Paul lachte und half ihm, es zu wenden. Dann bürstete er ihm kurz über die Haare, er tat es ungeschickt und Aaron jammerte ein wenig. In solchen Momenten wünschte sich Paul tatsächlich eine Frau oder zumindest eine Freundin, die diese Dinge sicherlich lieber tun würde als er. Aber so war es nun mal, wenn man Mummy und Daddy gleichzeitig sein musste. Dann servierte er Aaron den heißen Kakao, dazu Cornflakes und Milch. „Nimm einen Apfel, Aaron“, sagte er, aber Aaron schüttelte den Kopf. Paul seufzte, schnitt ihm den Apfel in mundgerechte Stücke und legte es zu dem Pausenbrot, das er für Aaron vorbereitet hatte.
Das Hupen und der Lärm der Autos ließ Susann wie öfter früh aufwachen. Sie hatte die Augusthitze nicht länger ertragen und schlief daher in der Nacht bei geöffnetem Fenster, obwohl sie an einer Hauptverkehrsstraße im Zentrum Guidels wohnte. Das Gebäude, in dem sich ihre Wohnung befand, war schön, aber äußerst renovierungsbedürftig und schnell stand Susann auf, um barfuß über die gesplitterten nackten Kacheln zu laufen, die Vorhänge zurückzuziehen und das Fenster zu schließen. Draußen tönte, trotz der frühen Uhrzeit, das alltägliche Leben der Kleinstadt.
Susann tappte weiter über den Fußboden hin zu ihrer Anrichte, auf dem neben geerbten Schmucksachen auch der große verzierte Spiegel stand, den sie ebenfalls von ihrer Großmutter geerbt hatte, nebst einem Foto der im letzten Herbst verstorbenen alten Dame. Susann hatte ihre Großmutter sehr gern gehabt, sie war nach dem tödlichen Autounfall ihrer Eltern bei ihr aufgewachsen. Die alte Dame hatte auch den klaren Blick und die Meeresaugen an ihre Enkelin weitervererbt, aber mit dem Schmuck und dem Spiegel waren das die einzigen Hinterlassenschaften gewesen. Die Großmutter hatte zeit ihres Lebens hart in einem Gemüse- und Obstladen gearbeitet – die Rente war trotzdem gering ausgefallen. Umso wichtiger war es ihr gewesen, der Enkelin eine gute Ausbildung zu ermöglichen, damit sie den Beruf ihrer Träume ergreifen konnte: Grundschullehrerin. „Danke, Granny“, flüsterte Susann wie jeden Morgen dem golden eingerahmten Bild zu und berührte die verblichene Fotografie sanft mit ihren Fingern. Dann galt es sich zu beeilen: Heute würde Susann ihre neue Klasse bekommen, 20 ABC-Schützen, und sie wollte trotz des allmorgendlichen Staus überpünktlich in der école elementaire de Guidel auftauchen. Sie zog sich ihr weißes leicht durchscheinendes Spitzennachthemd über den Kopf und lief zum Bad, um sich kurz kalt abzubrausen. Die Geräusche von der Straße drangen bis in die Dusche und sie machte das Radio an, um sich von dem morgendlichen Lärm abzulenken und noch kurz entspannen zu können.
Wieder zurück im Schlafzimmer wählte sie aus einem alten Eichenholzschrank ein bunt geblümtes Kleid für den Tag aus, ihr Lieblingskleid. Sie wollte für ihre jungen Schüler freundlich aussehen, vertrauenserweckend. „Manchmal kommt es mir vor, als würdest du dich nur für deine Schüler schön machen wollen und für niemanden sonst“, hatte Kathleen Susann manchmal geneckt.
Damit hatte Kathleen nicht ganz unrecht; Susann war extrem wählerisch mit ihren Dates, nur selten rang sie sich dazu durch, einen Mann zu treffen und dann waren diese Treffen fast immer ein Reinfall. Susann war nun 27 Jahre alt und stand in der Blüte ihrer Schönheit; wenn sie früher mit ihrer Großmutter Kaffeetrinken gegangen war, in einem der zahllosen Kaffees an der Promenade Guidels, dann hatte die alte Dame mit einem weinenden und einem lachenden Auge Susanns Schönheit bewundert:
„Du bist so schön, Kind, und hast immer noch keinen Mann! Es ist wirklich eine Schande.“
Susann kamen die Tränen, wenn sie an diese Klage ihrer geliebten Granny dachte – zu gerne hätte sie ihr ihren letzten Wunsch erfüllt und noch zu deren Lebzeit geheiratet! Aber dafür war es nun zu spät. Susann berührte noch einmal zum Abschied das Bild der Großmutter, ehe sie ihre braune Ledertasche über die Schultern schwang, in die rosa Ballerinas schlüpfte und die Tür mit einem so lauten Krachen hinter sich zuwarf, dass die alte Madame Sagnet, ihre Nachbarin, die gerade die Treppen putzte, erschrocken zusammenzuckte. Susann entschuldigte sich höflich, wünschte noch einen schönen Tag und lief leichtfüßig die Treppe herunter, vorbei an der immer noch verdutzten Madame Sagnet, die den Putzlumpen weiterhin in der Hand hielt.
„Ihnen auch einen schönen Tag, Mademoiselle Dumont“, krächzte sie etwas heiser hinterher und lächelte angesichts des schönen Anblicks, aber Susann hörte schon nicht mehr.
„Hast du alles?“, fragte Paul Aaron und wuschelte ihm kurz durch die Haare, ehe ihm einfiel, dass er damit Aaarons so schwer kämmbaren Schopf wieder durcheinanderbrachte.
„Ja, ich glaube schon.“
„Pausenbrot?“
„Ist eingepackt.“
„Na, dann fahren wir.“
Paul rangierte seinen chromfarbenen Landrover sachte aus der Garage und bedeutete Aaron zur Feier des Tages vorne einzusteigen. Normalerweise hätte er ihn auf den Rücksitz verfrachtet, aber dies war ein besonderer Tag für Aaron und Paul fand, dass er dafür angemessen belohnt sein sollte. Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen. Paul musste ihm zwar helfen, die schwere Tür des Landrovers aufzustemmen, aber dann krabbelte der Junge begeistert die großen Stufen alleine hoch und ließ sich glücklich in den Ledersitz sinken.
„Boah, ist das hier alles weit oben!“, staunte Aaron, während Paul ihm beim Anschnallen half. Dann fuhren sie schnell den Schotterweg, der zu Pauls Maisonette führte, herab; Paul nahm dabei extra schnittig die Kurven, so dass Aaron vor Vergnügen quietschte. Einmal in der Stadt angekommen, drosselte Paul das Tempo; es war der allmorgendliche Stau, Stress und Hektik herrschte und die Autos standen fast oder kamen nur im Schritttempo voran. Passanten hasteten mit Einkaufstüten oder Aktentaschen beladen durch die Lücken zwischen den Wagen.
„Putain“, fluchte Paul, „die müssen wirklich mal diese Umgehungsstraße bauen.“ Aaron sah ihn mit großen Augen an.
„Mummy hat gesagt, dass man nicht fluchen soll.“
„Soll man auch nicht, Aaron“, versuchte sich Paul vor seinem Sohn zu verteidigen, „aber guck dir doch mal diesen Drecksstau da an! Da kann man doch nicht anders, das ist doch scheiße!“
Als Paul bemerkte, wie viel er allein in den letzten zwei Sätzen geflucht hatte, schwieg er erst erschrocken und begann dann, schallend zu lachen. Aaron lachte mit und Paul konnte nicht umhin, ihm noch einmal durchs Haar zu wuscheln, so dass seine ordentliche Frisur jetzt endgültig dahin war. „Mach das bloß nicht wie dein Daddy!“
„Mach ich nicht, Putain!“
„Und vor allem nicht in der Schule! Vor der Lehrerin, hörst du?“
Aaron schüttelte den Kopf und grinste dabei.
Auch Susann war mittlerweile bei ihrem Peugeot angekommen und rangierte nun geschickt aus der viel zu kleinen Parklücke heraus. Monsieur Dechard, ein schnauzbärtiger Kioskverkäufer, bei dem sie manchmal die Zeitung holte, schloss gerade seinen nahegelegenen Kiosk auf.
„Bonjour, Mademoiselle Dumont!“, rief er ihr fröhlich zu und winkte heftig. Susann winkte über das geöffnete Autofenster freundlich zurück, ehe sie sich in den Verkehr der Stadt einreihte.
Sie war in diesem kleinen Ort aufgewachsen und kannte viele Leute noch aus ihrer Kindheit. Monsieur Dechard zum Beispiel hatte ihr als Kind immer gratis Süßigkeiten aus seinem Kiosk zugesteckt, wenn sie der Großmutter etwas von ihm besorgt hatte. Alle hatten das schöne blond gelockte Kind geliebt, weil es so lieb war und immer höflich grüßte. Außerdem hatten sie von seiner schweren Kindheit und dem tragischen Autounfall der Eltern gewusst.
