Zwei Katzen und das Weihnachtsglück - Angela Lautenschläger - E-Book
Beschreibung

Katzenzauber unterm Weihnachtsbaum Stefan Schuster glaubt kurz vor Weihnachten, das große Los gezogen zu haben. Doch als sein Onkel stirbt, erbt er dessen Kater Bruno und sonst nichts. Die ganze Erbschaft soll Elisabeth erhalten, die Tochter der Lebensgefährtin des Onkels. Stefan schafft es, das Testament verschwinden zu lassen. Dann trifft er Lisa und verliebt sich. Bis er erfährt, dass ausgerechnet Lisa jene Erbin ist, die er ausgetrickst hat. Unheil naht. Zum Glück hat auch Lisa eine Katze. Daisy und Bruno beschließen, pünktlich vor Heiligabend die Sache mit den Zweibeinern ins Lot zu bringen. Eine märchenhafte Lovestory mit zwei Katzen

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:180


Informationen zum Buch

Katzenzauber unterm Weihnachtsbaum

Stefan Schuster glaubt kurz vor Weihnachten, das große Los gezogen zu haben. Doch als sein Onkel stirbt, erbt er dessen Kater Bruno und sonst nichts. Die ganze Erbschaft soll Elisabeth erhalten, die Tochter der Lebensgefährtin des Onkels. Stefan schafft es, das Testament verschwinden zu lassen. Dann trifft er Lisa und verliebt sich. Bis er erfährt, dass ausgerechnet Lisa jene Erbin ist, die er ausgetrickst hat. Unheil naht. Zum Glück hat auch Lisa eine Katze. Daisy und Bruno beschließen, pünktlich vor Heiligabend die Sache mit den Zweibeinern ins Lot zu bringen.

Eine märchenhafte Lovestory mit zwei Katzen

Angela Lautenschläger

Zwei Katzenund dasWeihnachtsglück

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

16. Dezember

17. Dezember

18. Dezember

19. Dezember

20. Dezember

21. Dezember

22. Dezember

23. Dezember

Heiligabend

Epilog

Über Angela Lautenschläger

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

16.Dezember

Es hatte geschneit. Der kalte Lufthauch, der durch die Fensterritze zog, konnte Bruno nicht viel anhaben. Sein grauer Pelz war mit einer Fettschicht unterfüttert, und beides zusammen wärmte ihn gut. Außerdem hatte sein Mensch den Heizkörper unterhalb des Fensterbretts ganz aufgedreht, und die aufsteigende warme Luft machte ihn schön müde. Dass er nicht richtig schlief, war seiner Schwanzspitze anzusehen, die leicht hin und her schwang. Bruno war etwas unruhig. Seit sein Mensch Paul sich plötzlich an die Brust gefasst hatte, umgefallen war und kein Wort mehr gesprochen hatte, war nichts mehr wie früher. Aber die neueste Entwicklung beunruhigte ihn noch mehr. Heute waren diese Leute hier eingefallen, die sein Mensch, wenn sie unter sich gewesen waren – und sie waren eigentlich immer unter sich gewesen – das Pack genannt hatte. Im Moment waren sie im Obergeschoss, wo er ihre Schritte hören konnte. Seine Ohren drehten sich zur Tür, als er sie die Treppe herunterkommen hörte.

Bruno öffnete ein Auge.

»Das ist doch ein Fass ohne Boden!«, rief die Frau, die als Erste das Zimmer betrat. Soweit Bruno erinnerte, war sie das Kind von Pauls Bruder. »Die Heizungsanlage, die Elektrik!« Sie warf die Arme in die Luft. »Und die Fenster!« Sie ging auf den jungen Mann zu, der ratlos im Raum stand. »Sag du doch auch mal was, Stefan! Du bist doch vom Fach.«

Der junge Mann hob ratlos die Schultern.

»Typisch.« Sybille äffte ihn nach. »Das ist alles, was du dazu zu sagen hast.«

Es kam noch ein dickerer Mann herein, der mit dem Finger gegen den Sekretär schnippte, an dem Paul Schuster immer gern gesessen hatte. »Das ist auch alles Plunder.«

»Mann, ist das heiß hier.« Die Frau kam Bruno unangenehm nahe. »Kein Wunder, die Heizung ist voll aufgedreht. Da wird die Straße gleich mitgeheizt.« Zu Brunos Verärgerung drehte sie die Heizung aus und öffnete das Fenster neben ihm. »Ich lass mal frische Luft rein.« Sie ging zu der Schrankwand hinüber und riss die erste Schublade auf. »Na, immerhin Silberbesteck.«

»Ist heute auch nichts mehr wert«, brummte der Dicke.

»Osterdeko, alte Tischdecken. Hier gibt’s nur Schrott«, beklagte sich Sybille.

Der Dicke öffnete die Klappe des Sekretärs und wühlte in den Papieren. Irgendwie hatte Bruno das Gefühl, dass es Paul überhaupt nicht recht wäre, was dieses Pack hier trieb. Sybille hob Kissen hoch und sah unter die Kommode. Der Dicke nahm einen Kalender in die Hand und klappte ihn auf. Ein Blatt Papier fiel heraus und segelte durch die Luft, ehe es vor Stefans Füßen auf den Boden sank. Er bückte sich, um es aufzuheben, aber bevor er einen Blick darauf werfen konnte, riss Sybille es ihm aus der Hand. Sie las es und wurde weiß wie die Wand.

»Was ist?« Die Stimme des Dicken klang drohend.

Bruno öffnete auch das zweite Auge.

»Das glaube ich jetzt nicht! Jetzt geht es ja wohl los!« Sybille gab dem Dicken das Papier. Der wurde schlagartig knallrot im Gesicht.

Bruno hob den Kopf.

»Was ist denn?«, fragte Stefan.

»Was los ist? Dein bekloppter Onkel hat alles dieser Dings vermacht!«

»Wem?«, fragte Stefan arglos.

»Na, dieser Dings. Ist doch auch egal. Weißt du, was das heißt? Das alles hier soll jemand kriegen, der nicht mal mit Paul verwandt war.«

»Das kann er doch nicht machen«, stieß der Dicke hervor.

Sybille bekam schmale Augen. »Nein, das kann er nicht machen. Vielleicht hat er es ja auch gar nicht getan.«

»Wie?« Auf dem Gesicht des Dicken zeigte sich ein hässliches Grinsen. »Du meinst …«

Sybille hob eine Augenbraue.

»Das könnt ihr nicht machen«, rief Stefan, der endlich verstanden hatte.

Schlagartig veränderte sich etwas im Raum. Brunos Fell zuckte, als habe ihm eine kalte Hand darüber gestrichen. Eine Weile sahen sich die Menschen still an. Als es an der Tür läutete, zuckten alle zusammen.

»Verdammt, wer ist das denn?« Der Dicke legte das Papier auf die Schreibfläche des Sekretärs, und sie gingen hinaus, um nachzusehen. Wie immer, wenn die Haustür geöffnet wurde, ging ein Luftzug durch den Raum, diesmal verstärkt durch das geöffnete Fenster. Die Luftzirkulation hob das Blatt von der Tischfläche an. Wieder segelte es durch die Luft, aber diesmal nicht elegant schwebend. Es kam ins Trudeln und landete neben der Kommode. Bruno erhob sich, streckte erst seine Vorder-, dann seine Hinterläufe, anschließend machte er einen Katzenbuckel, sprang von der Fensterbank und legte sich auf den Boden neben die Kommode. Sein massiger Körper verbarg das offenbar so wichtige Schriftstück und schützte so Paul Schusters Letzten Willen. Die drei kehrten erst zurück, als er sich bequem eingerichtet hatte.

»Herrje, jetzt müssen wir uns auch noch um dieses Katzenvieh kümmern.«

»Na, immerhin hat die Nachbarin den Kater schon in den letzten Tagen gefüttert, und wenn sie jetzt in den Urlaub fährt …«, wandte Stefan ein.

»Dann pack das Vieh ein. Wir bringen es ins Tierheim.«

»Wir könn…«

»Wo ist das Testament?«

»Was?« Sybille wandte sich ihrem älteren Bruder zu. »Das hast du doch eben auf den Tisch gelegt.«

»Richtig, und da ist es nicht mehr.« Der Dicke sah von Sybille zu Stefan. Der hob die Arme. »Ja, ich hab’s bestimmt nicht. Ich war mit euch im Flur draußen.«

»Ach, und das soll wohl heißen, dass ich es habe, oder wie?« Sybilles Stimme klang schrill.

»Immerhin hast du vorgeschlagen, es zu zerreißen.«

Sybille verschränkte die Arme. »Vorgeschlagen ja, aber keine Gelegenheit gehabt.« Sie warf Stefan einen bösen Blick zu. »Und es gab ja einen Anständigen hier im Raum, der das verhindern wollte.«

Der Dicke sah auf seine Armbanduhr. »Ich hab jetzt keine Zeit mehr, um mich mit euch zu streiten. Ich schlage vor, wir treffen uns morgen Vormittag wieder hier. Und dann liegt das Testament hier auf dem Tisch.« Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte und verließ den Raum.

»Richtig.« Sybille folgte ihm.

»Und die Katze?«, rief Stefan den beiden hinterher.

»Darum wolltest du dich doch kümmern«, rief Sybille Stefan zu.

Der stand eine Weile mit hängenden Schultern im Raum. Dann ging er in den Keller und kehrte mit dem Katzenkorb zurück. Ungeschickt hob er Bruno an. Der hing etwas unbequem in seinem Griff, als Stefan innehielt. Er ließ den Kater mit einer Hand los und griff nach dem Testament. Es kam Bruno so vor, als wäre ein Lächeln über das Gesicht des jungen Mannes gehuscht.

Endlich schien ihr Traum in Erfüllung zu gehen: Lisa hatte genug gespart, die Bank gab ihr auch noch etwas dazu, und heute hatte der Vermieter angerufen und ihr den Zuschlag gegeben. Sie konnte jetzt ihr Café mit Blick auf den See eröffnen! In ihrem Kopf schwirrten die Gedanken und Ideen durcheinander. Sie würde es mit Korbstühlen möblieren und Palmen aufstellen. Oder nein, besser Holzstühle mit Armlehnen und schlichten Tischen. Vielleicht aber auch ein Sammelsurium aus alten gepolsterten Stühlen und zweisitzigen Sofas. Und Cupcakes und Möhrenkuchen würde es geben, und bestimmt gab es auch ein Rezept für irgendetwas Veganes. Bei ihr sollte sich jeder wohl fühlen. Und jetzt wollte sie als Erstes Nina anrufen und ihr alles erzählen, dann konnten sie gemeinsam Pläne schmieden.

Als sie ihr Smartphone aus der Manteltasche zog, läutete es. »Nina! Das ist Gedankenübertragung, ich wollte dich auch grade anrufen. – Nein, du zuerst.«

Sie konnte ihre Freundin kaum verstehen, so sehr schluchzte sie. Lisa gelang es nicht, sie zu beruhigen.

»Mein Vater ist tot«, schluchzte Nina schließlich.

»Das tut mir so leid, Nina. Ich verstehe gar nicht. Was ist denn passiert?«

»Er ist einfach umgefallen. Sie denken, dass es ein Herzinfarkt war.«

»Und was ist jetzt mit deiner Mutter?«

»Können wir uns sehen?«, bat Nina.

Wenig später saßen sie sich in einem kleinen Lokal gegenüber. Nina sah schrecklich aus. »Du musst mir helfen«, sagte sie.

»Ich tue, was ich kann.«

Nina atmete tief durch und rieb sich die Augen. »Mama kann nicht alleine bleiben. Ihre Demenz ist so weit fortgeschritten, dass sie nicht alleine wohnen kann. Papa hat alles gemacht. Er hat sie gepflegt, den Haushalt erledigt und auf sie aufgepasst, damit sie nicht wegläuft. Ich werde sie jetzt zu uns holen. Aber ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Wir haben doch gar keinen Platz. Wir werden das Dach ausbauen müssen, damit die Kinder da einziehen können, und Mama kommt dann in eines der Kinderzimmer.« Sie schniefte. »Und das alles jetzt, wo Klaus arbeitslos ist. Lisa, wir können uns das gar nicht leisten.«

Es dauerte nicht sehr lange, bis Lisa ihrer Freundin ihr Erspartes anbot, um den notwendigen Umbau vorzunehmen.

»Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll«, schluchzte Nina und legte Lisa die Hand auf den Unterarm. »Darf ich dich trotzdem noch um etwas bitten?«

Lisa nickte.

»Du musst Daisy nehmen.«

»Deine Katze?«

»Sie ist krank, Lisa. Sie braucht besondere Aufmerksamkeit und vor allem zweimal am Tag eine Spritze.« Nina sah erschöpft aus. »Das schaffe ich nicht auch noch.«

So schnell konnte ein Traum zerplatzen. Eben noch hatte Lisa sich als Café-Besitzerin gesehen, und jetzt war sie Katzenbesitzerin, die weiter einem Traum nachhängen würde.

17.Dezember

Am nächsten Morgen brachte Nina ihr die Katze. Sie hatte es eilig, weil sie weiter zu ihrer Mutter wollte. Deshalb stellte sie nur den Katzenkorb, das Katzenklo, Futter und einige andere Utensilien ab.

Lisa atmete tief ein, ehe sie die beiden Hebel des Korbes löste und die kleine Gittertür öffnete. Sie trat einen Schritt zurück und wartete ab. Aber es passierte nichts. Sie kniete sich neben den Korb und warf vorsichtig einen Blick hinein. Bei ihren Besuchen bei Nina hatte sie die Katze schon gesehen. Das cremefarbene Knäuel, das sich im hinteren Teil des Korbs in die Ecke gequetscht hatte, hatte keine Ähnlichkeit mit dem selbstbewussten Wesen, das sie dort kennengelernt hatte. Vermutlich war es das Beste, das verängstigte Tier erst einmal in Ruhe zu lassen. Lisa ging an ihren Schreibtisch, der im Schlafzimmer unter dem Fenster stand.

Daisy war nicht sehr erbaut von den jüngsten Entwicklungen. In ihrem Zuhause hatte in den letzten Tagen ein chaotisches Tohuwabohu geherrscht, mehr noch als ohnehin schon durch die Kinder. Ihre Menschin hatte ständig geheult und sie ziemlich vernachlässigt. Das einzig Positive war gewesen, dass sie ein paar Mal vergessen hatte, sie zu pieksen. Nun gipfelte das ganze Ungemach offenbar darin, dass sie auch noch aus ihrem Zuhause hinausgeflogen war. Irgendwann hatte Daisy keine Lust mehr, sich in ihrem Korb zu verstecken. Und natürlich trieb sie auch eine gewisse Neugier hinaus. Geduckt und langgestreckt setzte sie eine Pfote auf den weichen Flurteppich. Sie ging zur Wand hinüber und drückte sich daran entlang in den nächsten Raum. Dort stand ein riesiger grüner Baum, daneben Kästen mit bunten Kugeln und – wie Daisy entzückt feststellte – langen silbernen Fäden. Sie streckte die Pfote aus und ließ einige Fäden durch ihre Krallen gleiten. Auch so etwas, was in ihrem bisherigen Zuhause in diesem Jahr fehlte. Jedes Jahr wurde so ein Baum aufgestellt und mit buntem Zeugs behängt. Und es standen brennende Kerzen herum so wie hier. Eigentlich ganz gemütlich und warm. Daisy hielt inne. Und es gab noch etwas, was wie zu Hause war. Die Frau nebenan weinte. Daisy ging hinüber in den anderen Raum und warf einen Blick auf die Frau, die in den Papieren auf dem Tisch herumwühlte und leise vor sich hin schluchzte.

Katzen lieben Veränderungen nicht besonders, und was das anbetraf, war Bruno eine typische Katze. Nachdem vor fünf Jahren Pauls Lebensgefährtin Ruth gestorben war, war Bruno in Pauls Leben getreten, weil so ein Mann allein schlecht zurechtkam. Er und sein Mensch hatten es sich so bequem wie möglich gemacht. In seinem umgerechnet elfeinhalb Menschenjahre währenden Katzenleben hatte Bruno sich an einen gemütlichen Lebensstil gewöhnt, angepasst an seine Bedürfnisse. Und die waren bei Paul eigentlich befriedigt gewesen. Nur sehr selten war es erforderlich gewesen, Paul morgens durch intensives Lecken der Nase darauf aufmerksam zu machen, dass sein Napf leer war. Meist hatten Paul und Bruno sich gemeinsam in der Küche eingefunden, wo Paul Brunos Napf befüllt hatte, während der Kühlschrank leise vor sich hin gebrummt hatte. Paul hatte auch oft vor sich hin gebrummt oder leise mit sich selbst gesprochen. Eine angenehme Geräuschkulisse, in die Bruno gern mit einem behaglichen Schnurren eingestiegen war. Anschließend hatte Paul mit einer letzten Tasse Kaffee im Wohnzimmer Zeitung gelesen, während Bruno seinen Platz auf der Fensterbank eingenommen hatte. Dabei war er entweder so müde geworden, dass ihm die Augen zufielen, oder draußen hatte etwas seine Aufmerksamkeit erregt, ein Schmetterling, einer seiner Kumpels aus den Nachbargärten oder ein Sonnenstrahl, der auf ein besonders lauschiges Plätzchen schien. Am Abend hatte Paul meist auf dem Sofa gesessen, in den Kasten, aus dem Bilder und Musik kommen, geguckt, und gemeinsam hatten sie der Nachtruhe entgegengedämmert.

Manchmal hatte Bruno seinen Platz auf der Fensterbank verlassen, war zu Paul aufs Sofa gesprungen, hatte sich an dessen Oberschenkel geschmiegt und sich intensiv von Pauls rauen Händen Bauch- und Nackenfell kraulen lassen. In der Rückschau betrachtet optimale Katzenbedingungen. Damit konnte dieser Typ, mit dem er plötzlich zusammenhauste, wirklich nicht mithalten. Mal abgesehen davon, dass der offenbar in einer riesigen Lagerhalle oben im Himmel zu wohnen schien, hatte der nicht mal einen vernünftigen Garten. Nur dieses dreieckige gepflasterte Nichts, was der Mensch als Dachterrasse bezeichnet hatte. Es gab auch keine Fensterbank, auf der man es sich hätte bequem machen können. Nur rundherum Fenster von der Decke bis zum Boden. Nirgends gab es Teppiche, überall rutschte man auf dem glatten Boden aus. Bruno war geradezu empört über die jüngsten Entwicklungen. So etwas machte man nicht mit einer alteingesessenen Katze. Es war ausgesprochen schwierig, in dieser unwirtlichen Umgebung ein heimeliges Plätzchen zum Nachdenken zu finden. Aber nach einigem Suchen fand Bruno selbst in dieser kargen Behausung ein gemütliches Fleckchen.

Stefan fand Bruno in dem Haufen schmutziger Wäsche vor der Waschmaschine im Bad.

»Oh, Mann«, sagte er, als er zum Klo ging. »Jetzt guckt mir schon eine Katze beim Pinkeln zu.«

Schlimmer als dieses konnte ein Jahr nicht zu Ende gehen. Gleich zu Jahresbeginn hatte Sabine ihn verlassen, dann war das Architekturbüro, in dem er angestellt gewesen war, pleite gegangen und er arbeitslos geworden und jetzt noch diese Sache mit der Erbschaft. Er umrundete die Katze und ging zum Waschbecken. Genau genommen war es keine Erbschaft, auch wenn er das Geld im Moment ausgesprochen gut gebrauchen konnte. Bald würde er die Raten für das Loft nicht mehr bezahlen können. Dann wäre er auch noch obdachlos. Stefan trocknete sich die Hände und ging in die Küche. Nur das Bad war ein abgeschlossener Raum. Alle anderen Bereiche waren im Loft durch Raumteiler oder Schränke voneinander abgetrennt. Die Küche bestand aus einem großen Küchenblock mit elektrischen Geräten, Schränken an der Wand und einem Tresen, der die Küche vom Wohnbereich abtrennte. Er hatte sich am Vortag ein bisschen Salami und Schinken vom Delikatessenladen gegönnt. Einfach, um nicht das Gefühl von drohender Armut zu haben. Er war sich sicher gewesen, dass er beides auf dem Teller auf der Arbeitsplatte angerichtet hatte. Aber der Teller war leer. Sein Blick wanderte zum Katzennapf. Der war auch leer. Verflucht! Er hatte vergessen, die Katze zu füttern. Er musste sich das aufschreiben, damit so was nicht noch mal passierte. Mit einer Tasse Espresso ging er zu dem Schreibtisch hinüber, der am Südfenster stand. Er nahm ein Blatt Papier und schrieb Katze füttern darauf. Den Zettel pinnte er an die Kühlschranktür. Anschließend trank er noch einen Schluck Espresso. Auf dem Schreibtisch lagen lauter geordnete Stapel. Formulare, die er für sein ehemaliges Arbeitsverhältnis ausfüllen musste, Teile des Konzepts für seine geplante Selbständigkeit und Entwürfe für seinen ersten Auftrag als selbständiger Architekt. Sein Blick fiel auf das Testament, das er in eine Plastikhülle gesteckt hatte. Er nahm es in die Hand und sank auf seinen Drehstuhl. Onkel Paul. Stefan hatte den Bruder seines Vaters als Kind recht gern gehabt, vielleicht weil er einfach ein bisschen anders gewesen war als die anderen und sich nicht an den vorgeschriebenen Lebensweg Heirat, Kinder, Hausbau gehalten hatte. Seine Freundinnen hatte er häufiger gewechselt, bis Ruth zu ihm gezogen war. Stefan war damals noch klein gewesen, und seine Eltern und Paul hatten sich noch verstanden. Bei ihren Besuchen hatte er auch Ruths Tochter Elisabeth kennengelernt, die etwas jünger als er gewesen war. Dann hatte sein Vater sich mit Paul zerstritten, und von einem Tag auf den anderen war ihm und seinen Geschwistern der Kontakt zu Paul untersagt gewesen. Seine Eltern hatten einfach nicht mehr über Paul gesprochen, und Stefan hatte bis heute keine Ahnung, worüber sich die Brüder eigentlich gestritten hatten. Offenbar hatte Paul Elisabeth als seine Tochter betrachtet. Meine Alleinerbin soll Elisabeth sein, die Tochter meiner verstorbenen Lebensgefährtin Ruth, stand dort.

Stefan bemerkte aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Der dicke graue Kater hatte sich zu seinen Füßen gesetzt und sah zu ihm auf. Irgendetwas hatte diese Katze an sich. Schon als er sich in Pauls Haus mit seinem mächtigen Körper auf das Testament gelegt hatte, hatte Stefan so eine Ahnung gehabt, und jetzt, wo er es las, war der Kater wieder zur Stelle. Stefan blickte in die unergründlichen grünen Katzenaugen.

»Weißt du mehr als ich, oder hast du einfach nur Hunger?« Er tätschelte der Katze den Kopf.

Er hatte sich aus Katzen bislang nichts gemacht und wusste auch nichts über sie. Stefan klappte seinen Laptop auf und ging ins Internet. Die Eingabe des Wortes Katze in die Suchmaschine ergab 32900000 Einträge.

»Gibt offenbar viel über euch zu lernen.« Erneut tätschelte er Bruno den Kopf. »Aber jetzt muss ich erst mal los.«

Seine Geschwister waren schon da. Sybilles SUV stand in der schneebedeckten Einfahrt direkt am Haus, Peters Mercedes dahinter. Sybille war natürlich als Erste gekommen. Die Haustür stand offen, daneben gefüllte Mülltüten und Kartons. Stirnrunzelnd trat er ein.

Er fand Sybille in der Küche. »Was macht ihr hier?«

»Endlich bist du da! Müssen wir alles alleine machen?« Sybille sah ihn empört an.

»Was müsst ihr alleine machen?«

Sie hatte alle Küchenschränke aufgerissen und das Geschirr auf dem Küchentisch gestapelt. Eine Blechdose landete in einer Mülltüte. »Wenn du endlich heiraten würdest, hätten wir die Munition für den Polterabend schon zusammen.« Sybille trug Plastikhandschuhe, ihr Haar war ungeordnet.

Stefan breitete die Arme aus. »Ihr könnt das nicht machen, Sybille. Es gehört euch nicht.«

Seine Schwester stemmte die Hände in die Hüften. »Ach nein? Wer sagt das?«

»Das Testament.«

Sybille kam dichter an ihn heran. »Das Testament ist weg.«

»Das äh …« Verdammt! Da hatte er sich ja in eine saublöde Situation gebracht. Aber wenn er ihr jetzt sagte, dass das Testament bei ihm zu Hause auf dem Tisch lag, würde sie nicht aufhören, ihn zu bedrängen. Und er musste erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, was er damit anstellen sollte.

Peter kam mit schweren Schritten die Kellertreppe hoch, die Ärmel seines blauen Oberhemdes hochgekrempelt, die Anzughose schmutzig. Seine Frau Margret würde schimpfen. »Da unten ist nur Plunder.« Er ließ sich erschöpft auf einen Küchenstuhl fallen. »Hör auf«, sagte er zu Sybille. »Da muss eine professionelle Entrümpelungsfirma ran.«

»Wir sollten vielleicht nicht allzu viel verändern, solange nicht klar ist, wem das alles jetzt gehört«, wandte Stefan ein. Er hatte sich gegen den alten Küchenschrank gelehnt und seine Worte eher an Peter gerichtet. Vielleicht war der einsichtiger als seine Schwester.

»In der heutigen Zeit wäre es nicht sinnvoll, das Grundstück zu verkaufen. Das Geld, das wir dafür kriegen, ist sowieso im null Komma nichts flöten«, überging Peter Stefans Einwand. »Du könntest doch eine Bauvoranfrage machen. Wenn man hier ein Mehrfamilienhaus hinstellen kann, gründen wir eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts und teilen uns die Mieteinnahmen.«

Stefan war viel zu perplex, um auf diesen Vorschlag zu antworten, Sybille sah ihren älteren Bruder interessiert an. »He, du hast dir ja richtig Gedanken gemacht.«

»Warum macht ihr das?«, fragte Stefan empört. »Ihr habt doch alles.«

Peter machte eine wegwerfende Handbewegung. »Du hast doch keine Ahnung.« Er kniff die Augen zusammen. »Du wolltest doch heute das Testament wieder zurücklegen. Hast du das getan?«

»Eben«, entgegnete Stefan. »Solange das Testament nicht wieder da ist, können wir hier nicht anfangen, alles zu verteilen.«

Sybille knotete die Mülltüte zu. »Michael hat gefragt, worüber wir uns eigentlich aufregen. Wenn dieses verdammte Testament weg ist, ist es doch umso besser für uns. Wir sind Pauls einzige Angehörige und erben alles.« Sie stellte die Tüte in die Ecke. »Bringt mal morgen eure Geburtsurkunden mit. Die Urkunden unseres Vaters habe ich zu Hause, noch von seiner Beerdigung. Damit gehe ich dann zum Gericht und beantrage den Erbschein, und dann gehört alles uns.« Sie rollte eine weitere Mülltüte von der Rolle ab. »Also, ich finde Peters Idee ziemlich gut. Stefan, du kannst dich doch mal mit dem Grundstück hier befassen und dir Gedanken darüber machen, was man hier bauen kann.«