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Freundschaft überlebt selbst den Tod Das Leben zweier Literaten erzählt von einem dritten, der ihr Freund war. Um die Lücke zu füllen, die Pia Pera und Rocco Carbone durch ihren frühen Tod in seinem Leben hinterlassen haben, erzählt Emanuele Trevi von ihnen. Von Rocco, dem ewig Unzufriedenen, und von Pia, der bezauberndGartenverliebten. Im Erzählen nehmen sie wieder Gestalt an, diese vielschichtigen und liebenswerten, zerbrechlichen und brillanten Menschen, die von den Stürmen und Freuden des Schaffens, von Erfolgen und Misserfolgen mitgerissen werden und mit ihren persönlichen Dämonen kämpfen. Emanuele Trevi schreibt mit großer Zuneigung und bedingungsloser Ehrlichkeit gegen das Vergessen an und schenkt uns damit eine Reflexion über das Erwachsenwerden, das Verstehen und Missverstehen, das Trauern – und eine einzigartige Ode an die Freundschaft.
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Emanuele Trevi
Emanuele Trevi
Erzählung
Aus dem Italienischenvon Christiane Burkhardt und Janine Malz
Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.
Die Übersetzung dieses Buches kam dank einer Förderung des Italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit zustande.
Die Arbeit der Übersetzerinnen am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Was das Glücklichsein betrifft,
so ist das ein furchtbar schwieriges und
aufreibendes Unterfangen.
So als würde man eine kostbare Pagode
aus mundgeblasenem Glas auf dem Kopf
balancieren, verziert mit Glöckchen und zarten
Flämmchen;
so als müsste man die tausend obskuren und
anstrengenden Bewegungen des Tages
Stunde um Stunde ausführen,
ohne dass auch nur eine Flamme erlischt
oder auch nur ein Glöckchen einen schiefen Ton
von sich gibt.
Cristina Campo
(in einem Brief an Gianfranco Draghi,
Februar 1959)
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
LITERATURVERZEICHNIS
Er war einer von diesen Menschen, die dazu bestimmt sind, ihrem Namen im Lauf der Zeit immer ähnlicher zu werden. Ein unerklärliches Phänomen, aber gar nicht mal so selten. Rocco Carbone klingt tatsächlich nach einem geologischen Gutachten. Und viele Facetten seines wahrhaftig nicht einfachen Charakters sprachen deutlich für eine Sturheit, eine Härte aus dem Reich der Mineralien. Vorausgesetzt wir besinnen uns wie die alten Alchemisten darauf, dass es in der Natur nichts Psychischeres gibt als Steine und Metalle. Ein Eindruck, der durch seine kantige Physiognomie und seine markanten Züge eher noch verstärkt wurde. Sein dichter, kompakter, massiver Haarschopf wirkte fast so, als wäre er modelliert und aufgemalt wie der von Marionetten. In den fünfundzwanzig Jahren, die ich ihn bis zu seinem Tod mit sechsundvierzig erlebt habe, ist er für mich im Grunde unverändert geblieben – ganz so, als hätte das Leben, dieses unerbittliche und gleichgültige Los, keinerlei sichtbare Spuren bei ihm hinterlassen. Der ausdauernde Läufer mit den muskulösen Armen hatte schon als junger Mann einen schwarzen Gürtel in Judo. Er liebte es, diese edle Kampfkunst in ebenso spontanen wie gefährlichen Darbietungen vorzuführen. Und es war wirklich unmöglich, ihn auch nur um einen Millimeter zu verrücken, wenn er die Füße wie bei seinem einstigen Tatamimatten-Training fest in den Boden stemmte. Erst in den letzten Jahren legte er durch das Lithium, das er einnahm, etwas an Gewicht zu, aber ohne dass er deswegen weniger kompakt und kämpferisch gewirkt hätte. Seine Kleidung war stets mehr als nur schlicht. Schon harmlose Pullover-Rauten waren ihm unangenehm, wie er mir einmal gestand. So wie man einen Horror vacui haben kann, haben manche Leute eine krankhafte Angst vor allen Verzierungen. In seiner letzten Wohnung in Rom, in Monteverde Vecchio in einem modernen Mehrfamilienhaus in der Via Lorenzo Valla, gab es nicht ein einziges Bild, rein gar nichts schmückte die weißen Wände. Die Einrichtung beschränkte sich auf das Nötigste. Er mochte dunkles Holz und Lederpolster – alles, was den Charakter eines Raums, eines Menschen unaufdringlich und schnörkellos ausdrückt. Ich erinnere mich an einen Vormittag im Sommer 1995, als wir uns in Paris vor dem Musée d’Orsay trafen. Erst wenige Wochen zuvor war der französische Staat in den Besitz von Courbets Der Ursprung der Welt gelangt. Der letzte Privatbesitzer dieses Gemäldes mit abenteuerlicher Provenienz war Jacques Lacan, der angeblich seinen Spaß daran gehabt haben soll, seine Gäste (oder seine Patienten?) mit einer Art Enthüllungsritual zu unterhalten. Er entfernte die Abdeckung, die das Gemälde vor lästigen empörten oder lüsternen Blicken schützte, und da war er, der Ursprung aller Dinge bzw. die Pforte ins Leben: Der feuchte, halboffene, von Schamhaar bedeckte Spalt zwischen zwei wohlgeformten, gespreizten Schenkeln ist mit einer solchen Könnerschaft und Hingabe gemalt, dass er fast schon seinen leicht süßlichen, berauschenden Duft einer überreifen Frucht zu verströmen scheint. Bei der offiziellen Übergabe des Meisterwerks an das Musée d’Orsay verrenkte sich der arme französische Kulturminister, ein Katholik und ehemaliger Bürgermeister von Lourdes, der notgedrungen an der Zeremonie teilnehmen musste, wie ein Schlangenmensch, um ja nicht von den Fernsehkameras mit dieser Möse verewigt zu werden, die trotz ihres künstlerischen Etiketts durchaus in der Lage war, sündige Gedanken hervorzurufen. Zwischen den riesigen Werken, die die Wände des Courbet-Saals im Erdgeschoss des Museums bedecken, nimmt sich Der Ursprung mit seiner Kantenlänge von rund fünfzig Zentimetern direkt mickrig aus: derselbe Effekt wie bei Andrea Mantegnas Beweinung Christi in der Pinacoteca di Brera – auch so ein malerisches Meisterwerk, bei dem das Sakrale die winzigen Dimensionen sprengt. Rocco war außer sich vor Begeisterung. Mit dabei war auch Pia Pera, unsere geliebte Pia, die wie immer, wenn wir drei zusammen waren, einen nicht unerheblichen Teil ihrer Energie darauf verwandte, zu verhindern, dass Rocco und ich aus den üblichen völlig unwichtigen Gründen in Streit gerieten. Aber an diesen Vormittag habe ich eine besonders schöne Erinnerung, das Leben schien noch vielversprechende Geheimnisse bereitzuhalten und es war, als hätte der Meister soeben extra für uns mit einem letzten Pinselstrich sein Glanzstück vollendet. Wie gesagt, Rocco war am begeistertsten. Noch Jahre später sprach er darüber wie von einem ästhetischen Erweckungserlebnis, wie von einem wichtigen Meilenstein unserer Freundschaft. Die erotische Intensität dieses Bildes, seine philosophischen und naturalistischen Anspielungen interessierten ihn jedoch kein bisschen. Wenn überhaupt, war es das Nichtvorhandensein jeglicher Zeichenhaftigkeit, das ihn faszinierte: die eindeutige Einheit von Dargestelltem und darstellerischen Mitteln. Mit anderen Worten, das, was man als Courbets höchste Freiheit bezeichnen kann, die nicht darin besteht, eine offene Möse so zu malen, wie sie nun mal aussieht, nämlich in all ihrer Fleischlichkeit, sondern darin, dies ohne jede rhetorische Verbrämung zu tun. Natürlich kann man sagen, dass diese Eindeutigkeit, diese Freiheit ihrerseits Kunst und somit Utopien sind: Rocco, alles andere als dumm, wusste das ganz genau, dennoch hatte er das dringende Bedürfnis, sich der Essenz, der Klarheit, der Konzentration, der größtmöglichen Übereinstimmung zwischen Darstellung und Dargestelltem anzunähern. Aus meiner Sicht hatte er ein fast schon verzweifeltes Bedürfnis nach konkreten Wortbedeutungen ohne jede Mehrdeutigkeit und nach den moralischen Implikationen dieser Konkretheit («Wie meinst du das?» – «Wieso sagst du das?» – «Wieso lachst du?»). Wer ihn kannte, wusste, dass da noch etwas viel Tiefgehenderes, Notwendigeres und Zwingenderes dahintersteckte als bestimmte künstlerische oder literarische Vorlieben. Die Furien, die ihn, seit er auf der Welt war, mal mehr, mal weniger verfolgten, jubelten bei Manierismen, Komplikationen, uneindeutigen Zeichen und ihren Bedeutungen. Hartnäckig versuchte er, zu vereinfachen, zu entschlacken. Wenn es die menschliche Anatomie zuließe, hätte er sich liebend gern sogar noch die Knochen und Nerven mit einer eisernen Drahtbürste blankgeschrubbt.
Geboren wurde er im Februar 1962 in Reggio Calabria, ausgerechnet in der schwierigen astrologischen Übergangsphase Wassermann und Fische. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er jedoch in Cosoleto, einem kleinen Dorf im Aspromonte mit einem harten, stolzen, verschlossenen Menschenschlag, der dazu neigt, Leben wie Tod mit heftiger Verbitterung zu begegnen. Die dortige Grundschullehrerin war seine Mutter, die ihn im Unterricht stets genauso behandelte wie die anderen Kinder, wenn nicht gar strenger – worunter er verständlicherweise litt. Sein Vater war lange Bürgermeister dieses kleinen Dorfes im Schatten der Berge, umgeben von uralten Wäldern und reißenden Bächen, die seit Jahrtausenden den Fels zerklüften. Über seinen Vater erzählte Rocco oft eine lang zurückliegende, befremdliche Anekdote. Im Sommer 1970 schaute dieser mit Rocco und dessen jüngerem Bruder Sandro (zusammen mit der Schwester waren es drei Kinder) das berühmte (und überschätzte) Halbfinale Italien gegen Deutschland bei der Fußball-WM in Mexiko. Ja genau, das, was mit 4:3 für uns ausging, mit fünf Toren in der Verlängerung und dem alles entscheidenden, beherzten Schuss von Gianni Rivera. Doch als die reguläre Spielzeit vorbei war und das Beste erst noch kommen sollte, ertrug der Vater die Anspannung nicht länger, so Rocco. Er machte den Fernseher aus und zwang sich sowie beide Söhne ins Bett zu gehen. Roccos Anekdoten waren alle so, Fragmente eines absurden Theaters, die er ausgrub, ohne es sich nehmen zu lassen, sie x-mal zu wiederholen – ganz so, als würden sie dadurch veredelt, bekämen eine prophetische Bedeutung oder groteske Schönheit. Und zwar solange, bis sich diese Erzählungen bei denjenigen, die sie zu hören bekamen, unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hatten.
Als ich Rocco im Winter 1983 kennenlernte, war er erst seit Kurzem in Rom. Er hatte sich für Literaturwissenschaften eingeschrieben und eine Art Stipendium für die Teilnahme an einem Dramaturgie-Seminar bei Eduardo De Filippo bekommen. Zwischen dem großen Schauspieler, der inzwischen am Ende seines Lebens angelangt war, und dem blutigen Anfänger herrschte eine spontane, unwiderrufliche Abneigung. Entgegen jeder Logik und ganz so, als hätten sie die Rollen und das damit einhergehende Urteilsvermögen getauscht, fand Rocco den altehrwürdigen Eduardo «arrogant». Damals wohnte er in einem Priesterkolleg bei den warmherzigen und toleranten Silvestrinern, die viele «von außerhalb» aufnahmen (und sie im Grunde machen ließen, was sie wollten), und zwar in einem uralten, baufälligen und labyrinthischen Gebäude in der Via Santo Stefano del Cacco, ungefähr auf halbem Weg zwischen Piazza della Pigna und Piazza della Minerva. Das war und ist bis heute einer dieser Orte in Rom, die von der Zeit überwuchert werden wie von einem Schimmelpilz: von etwas, das man mit Händen greifen kann und das einen ganz besonderen Geruch verströmt. Um Patrick Leigh Fermor zu zitieren, einen Schriftsteller, den Rocco sehr verehrt hat: «wunderbar verwirrend und labyrinthisch, wie mit Spinnweben überzogen». Links vom Eingang des Priesterkollegs befindet sich die Fassade der kleinen Kirche Santo Stefano Protomartire, eine der ältesten der Stadt, erbaut auf den Überresten eines Isis-Tempels. Hier sind seit jeher ägyptische Kulte und Bildnisse beheimatet: Auch der seltsame «Cacco», dem die Straße ihren Namen verdankt, ist von macaco oder macacco abgeleitet, wie eine zu Ehren des Gottes Thot errichtete Statue im Volksmund hieß. Dieser gilt als Erfinder der Schrift sowie als Schutzheiliger der Schreiber und wird mal mit einem Pavian-, mal mit einem Ibis-Kopf dargestellt. Auch wenn man sich in dieser Gegend nicht besonders gut auskennt, gibt es zu Anfang der kleinen Straße einen unverwechselbaren Anhaltspunkt: einen großen, in einer Sandale steckenden Marmorfuß, das Relikt einer gigantischen Statue von irgendeinem Kaiser, das eins zu eins einem Gemälde von De Chirico entsprungen sein könnte. Um zu Roccos Zimmer zu gelangen, musste man zuerst eine Art dunkle Wendeltreppe überwinden. Niemand kontrollierte, wer hier ein und aus ging. Neben den Silvestrinern und ihren jungen Gästen sollen in diesem in die Jahre gekommenen Gebäude unzählige Gespenster gehaust haben – keine, die Böses im Schilde führten, sondern höchstens die üblichen Streiche römischer Geister spielten. Roccos Zimmer, penibel aufgeräumt und im Ansatz schon so wie all seine späteren Wohnungen, bot einen spektakulären Blick auf das Häusermeer im Bauch von Rom. Die Kuppel des Pantheon und der Glockenturm von Sant’Ivo alla Sapienza standen sich gegenüber wie Raumschiffe zweier miteinander verfeindeter Planeten, bereit zum ultimativen Angriff. In diesem Teil des Zentrums, der vom riesigen Koloss des Collegio Romano dominiert wird, herrscht selbst an Sommerabenden, wenn Horden von Rumtreibern die Straßen erobern, eine uralte Stille, auch die Schatten wirken beständiger als anderswo – ganz so, als wären sie von der Feuchtigkeit unterirdischer Flüsse und Seen gesättigt. Ciccio Ingravallo, genannt Don Ciccio, der Held aus Carlo Emilio Gaddas Die grässliche Bescherung in der Via Merulana, hat genau da gearbeitet, auf dem Polizeikommissariat, das sich noch heute dort befindet und von der Rückseite des Palazzo Altieri überragt wird wie von einer hohen steilen Klippe. Romanfantasien und Realitätsaspekte können in gewissen Vierteln alter Städte miteinander verschwimmen und einander bedingen. Immer wenn ich Gaddas Meisterwerk lese, stelle ich mir Rocco als Ciccio Ingravallo vor – eine keineswegs willkürliche Assoziation. Er selbst hat sich in seinen frühen Romjahren, in denen er sich erst noch einleben musste, ganz unter dem Eindruck der Stadt vollkommen mit diesem literarischen Vorbild identifiziert. Schon ab der ersten Seite erkannte er sich in diesem «ärmlichen und hartnäckigen» (so Gadda) Kommissar wieder, aus einem glanzlosen Süditalien stammend, das so gar nichts Sonniges, geschweige denn Dionysisches hatte: ein trister sozialer und kultureller Hintergrund, von dem man nicht viel mehr mitnehmen konnte als Anstand und Würde sowie ein pessimistisches, desillusioniertes Menschenbild. Und da es ihn ausgerechnet dorthin verschlagen hatte, in die Via Santo Stefano del Cacco, wurde Gaddas Roman für Rocco zu mehr als nur einem bewunderten und gründlich erforschten Kunstwerk, sondern zu einer Art Trostschrift, zu einer Anleitung zum Widerstand gegen den hinterhältigen Druck, den Rom mit seiner offen zur Schau gestellten, angeblichen Unbeschwertheit auf Fremde ausübt. Ständig zitierte er ihn, entdeckte immer neue Details am mimetischen Genie Gadda: Die Verballhornung des Namens Ingravallo durch eine Nebenfigur zu «Ingarballo»* entzückte ihn. Von mittlerer Statur, die Haare dicht und gekraust, gekleidet, «wie eben das magere Beamtengehalt sich zu kleiden verstattete», war Ciccio Ingravallo die bescheidene, überzeugende Verkörperung einer durchaus glaubhaften Philosophie, die bekanntlich auf einer radikalen Reform des Ursachenbegriffs beruht. Denn auch wenn jedes Ereignis eine vordergründige oder «scheinbare» Ursache hat, muss man – vorausgesetzt man will ein wenig Licht in die finsteren Abgründe der Welt bringen – lernen, auch alle anderen miteinzubeziehen, die zum jeweiligen Ereignis hinführen («genau wie die sechzehn Winde der Windrose sich zur zyklonischen Depression einer Windhose verdichten»). Eine unter Umständen recht nützliche Schlussfolgerungsmethode für einen Polizisten und Krimihelden. Ich hingegen brauche nur den Begriff «Verbrechen» durch den Begriff «Schwermut» zu ersetzen, damit sich die Silhouette meines Freundes, das Trenchcoat-Revers gegen den Nachtwind hochgeschlagen und eine rasch verglühende Zigarette zwischen den Lippen, perfekt mit der von Gaddas Helden deckt und mit ihr verschwimmt.
Die Schwermut. Und ihre schrecklichen, miteinander verknäuelten gaddianischen Mitursachen. Von Roccos Leben zu erzählen, heißt unweigerlich auch von seiner Schwermut zu erzählen und zuzugeben, dass sie zu dem Päckchen gehört, das zu tragen den im Zeichen des Saturn Geborenen vorherbestimmt ist. Aber wie soll man das, worunter Rocco litt, beschreiben? Wollte man es genau benennen, müsste man letztlich einen neuen Begriff erfinden, so etwas wie «Rocchitis» oder «Rocchiasis». Aber wozu? Je näher man einem Menschen kommt, desto mehr erinnert er an ein impressionistisches Gemälde oder an eine Mauer, bei der im Lauf der Zeit und aufgrund der Witterung der Putz abgeplatzt ist: Irgendwann ist da nur noch ein Wirrwarr aus bedeutungslosen Flecken, Klumpen, unergründlichen Spuren. Entfernt man sich hingegen, ähnelt derselbe Mensch nach und nach unzähligen anderen. Das Einzige, worauf es bei solchen literarischen Porträts ankommt, ist, die richtige Distanz zu finden, sprich einen unverwechselbaren Stil. Soweit Rocco sich erinnern konnte, war nicht einmal seine Kindheit völlig vor dieser heimlichen Gefährtin verschont geblieben, von dieser alles vereitelnden Finsternis, dieser schrecklichen und sinnlosen Blutsaugerin Schwermut. Deutlicher zum Vorschein kam sie allerdings erst ein wenig später, in seiner Gymnasialzeit. Die Carbones wohnten in der Via Tripepi, einer großen Hauptstraße in Reggio Calabria mit ihrem süditalienischen Dekor aus schmiedeeisernen Balkonen und Oleanderbäumchen. Sein enormes, fast schon erstaunliches Talent zur Freundschaft zeigte sich bereits sehr früh und führte zu seinen ersten wichtigen Bindungen. Er war ein ausgezeichneter Schüler, las gerne, spielte recht gut klassische Gitarre mit diesen kräftigen Fingern, die wie dafür gemacht zu sein schienen, die Akkorde zu greifen, und besuchte den einzigen Filmclub der Stadt. Aber diese Konstellation aus positiven oder zumindest normalen Faktoren war um eine Art schwarzes Loch angeordnet, das in der Lage war, jegliche Lebensenergie zu verschlucken und sie in einen bedrückenden, lähmenden, verzweifelten Lebensüberdruss zu verwandeln, sodass ihm die
