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Geschichten, die das Leben schrieb, die jedem passieren könnten, romantisch, satirisch auf den Punkt gebracht. Nicht unbedingt nur von Frau zu Frau geschrieben, sondern auch für Männer lesenswert, da sie einiges über sich selbst erfahren können!
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Margret Datz
Zwei Minuten vor der Zeit
Geschichten, die das Leben schrieb
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Prinzessin
Bekenntnisse eines Sport-Muffels
Die Axt im Haus...
Essigwein
Vom Mäuschen, das auszog, die Liebe zu suchen
Sitzen bleiben
Deutsches "Feder"vieh
Anleitung, wie Sie für Ihren Mann wieder zum selbstverständlichen Gebrauchsgegenstand werden
Hilflose Frauen
Der Komödie x-ter Teil
Was bleibt
Maria und Josef in Masuren
Kruttinna
Aus einer Rede an Absolventen der Hochschule - Fachrichtung Lehramt
Das Geschenk
In Zukunft, sprach der Rechtsstaat
Deutsche Viren
"Ost-westlicher Diwan"
Jahrgang 1946
Das Ding
Großvater
Das ist alles ganz harmlos
Das Mädchen Wunderschön
Impressum neobooks
Steffen, der Pfleger, führte sie zum Chefarztzimmer und setzte sie neben mich auf die Bank. Sie trug, wie fast täglich, das schwarze Kleid mit den goldenen Pailletten, das am weiten Halsausschnitt ihr knochiges Schlüsselbein freigab. Aus dem bronzefarbenen, faltigen Gesicht leuchtete ein grell geschminkter Mund, das lackschwarze, künstlich gewellte Haar war nur von einzelnen Silberfäden durchzogen. Klein, schmal, in sich zusammengesunken saß sie da. Schwieg. Schaute auf ihren Rock, durch den sich ihre mageren Beine abzeichneten, die knochigen, braunen Hände im Schoß gefaltet. Dann straffte sich ihr Oberkörper, dünne, klauenartige Finger mit langen, tiefrot lackierten Nägeln bohrten sich in meinen Arm. Ich dachte an meine Großmutter, die sich auf die gleiche Art Gehör verschafft hatte. Breite Armreifen von zweifelhaftem Gold, zu leicht und zu glänzend, um echt zu sein, klirrten bei der Bewegung gegeneinander. Sie beugte sich verschwörerisch zu mir hin und flüsterte:
Die denken hier alle,ich sei eine Zigeunerin. Aber das stimmt nicht. Ich bin eine richtige Deutsche, genau wie du!
Sie duzte mich, als seien wir seit Jahren bekannt,dabei hatte ich seit meinem Eintreffen in der Klinik noch keine drei Worte mit ihr gesprochen. Jetzt begann sie, hektisch in ihrer Handtasche zu kramen, zerrte ihre Habseligkeiten hervor und warf sie achtlos in den Schoß: eine abgeschabte Geldbörse, ein zerknülltes Taschentuch, Kamm, Lippenstift, Puderdose und Papiere, jede Menge Papiere, zerknittert und mit Eselsohren versehen, versanken in der Grube ihres Rockes.
Ich hab' einen Ausweis, er muss hier drin sein!
Während sie weiterwühlte, erschienen an ihrem Halsausschnitt kleine, rote Flecken, breiteten sich aus bis hinauf ins Gesicht und vermischten sich mit dem Rouge auf den Wangen. Die rasierten und mit schwarzem Stift nachgemalten Brauen über den tiefdunklen Augen zogen sich angestrengt zusammen, in der Puderschicht hatten sich feine Risse gebildet: ein Altfrauengesicht, das einmal schön gewesen sein muss, jetzt aber lächerlich wirkte und wie eine erstarrte Clownmaske. ,,Prinzessin", so wurde sie hier höhnisch genannt, und schon kurz nach meiner Ankunft im Kurheim hatte man mir von ihr erzählt, so dass ich sie, als sie mir zum erstenmal begegnet war, sofort erkannt hatte: ein verrückter, kleiner, ein wenig zerrupfter Paradiesvogel, auffällig gekleidet, weder dem Alter noch dem Anlass gemäß (als Alternative zum Paillettenkleid trug sie eine durchsichtige weiße Bluse zum schwarzen, langen Rock, der um ihre mageren Beine flatterte, damit war ihr Vorrat an Garderobe offensichtlich erschöpft), auffällig geschminkt und mit ebenso auffälligem Benehmen. Sie mischte sich in jedes Gespräch, schloss sich unaufgefordert Spaziergängern an und redete auf sie ein, ging zu jedem Tanzabend und warf sich den anwesenden Herren an den Hals, die sie lachend über die Tanzfläche zerrten und sich über sie lustig machten. Und sie glaubte sich umschwärmt!
Auch die Damen amüsierten sich gerne auf ihre Kosten, schnitten sie aber und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Mal schien sie lebenslustig und überaktiv, mal irrte sie verwirrt durch die langen Flure und suchte ihr Zimmer, oder sie beschuldigte ihre Nachbarin des Diebstahls. Sie war lästig und anstrengend, und ihr Verhalten oft sehr peinlich. Sie tat mir leid, aber auch ich hatte bisher ihre Gegenwart nicht gerade gesucht.
Während sie an den Papieren riss, redete sie ununterbrochen: Ich bin keine Zigeunerin, das kannst du mir glauben, mein Ausweis muss doch hier drin sein! Siehst du, mein Sparbuch ist auch weg! Das hat meine Nichte geklaut. Ich hab das Konto gleich sperren lassen, aber das Geld war natürlich schon weg. Und jetzt krieg' ich nichts mehr! Muss nach Eisenach, haben sie gesagt. Wie komm' ich bloß nach Eisenach? Meine Haushälterin hat mich ja hergefahren und das Auto mit zurückgenommen.
Mein Gewissen regte sich: Ich hatte meinen Wagen dabei, und es wäre ein Leichtes gewesen, sie die 40 Kilometer dorthin zu fahren. Sie hatte offensichtlich kein Geld für den Bus, der dreimal am Tag verkehrte. Aber ich war zur Kur hier, war schwer krank gewesen und hatte Erholung dringend nötig. Sollte ich mich freiwillig einen ganzen Nachmittag lang mit diesem anstrengenden Wesen belasten? Außerdem wusste ich von einer Schwester, dass eine Sozialarbeiterin sie hergebracht hatte. Ihre Geschichte stimmte nicht ganz, vielleicht würde sie auch mich anschließend des Diebstahls bezichtigen. Man wusste nie genau, was man ihr glauben konnte, Realität und Phantasie, Klarheit und Verwirrung wechselten sich ab, manchmal lebte sie im Heute, manchmal in der Vergangenheit.
Angst schwang jetzt in ihrer Stimme mit: Man muss ja so aufpassen, dass man nicht bestohlen wird. Du kannst keinem trauen. Wie in Ravensbrück. Dort musstest du deine Sachen auch immer im Auge behalten, sonst kamen sie einfach weg, einfach so!
Sie schnippte verärgert mit den Fingern.
Selbst das Brot haben sie dir dort geklaut. Ich war fünf Jahre in Ravensbrück, bis 45, aber ich bin keine Zigeunerin, das kannst du mir glauben. Ich war krank, davon ist meine Haut so dunkel geworden. Früher war ich ganz hell, genau wie du. Ich bin eine richtige Deutsche, ich kann's dir beweisen. Irgendwo muss doch mein Ausweis stecken! Er war ganz bestimmt hier drin.
Sie warf ihre Habseligkeiten zurück in die Tasche und begann erneut mit der Suche, zerrte hektisch Stück für Stück wieder heraus.
Lassen Sie, sagte ich beschwichtigend, das geht schon in Ordnung, ich glaube Ihnen das doch!
Wirklich, ich bin keine Zigeunerin! In Ravensbrück war ich wegen meinem Vater. Der ist von den Nazis umgebracht worden. Mein Bruder auch, auch meine Mutter und meine Schwester. Ich hab' Glück gehabt, weiß nicht warum. Ich hab's überlebt.
Jetzt faltete sie mit zitternden Fingern jedes einzelne Papier auseinander, legte es auf ihren Schoß und strich es mit kurzen, fahrigen Bewegungen glatt. Steffen, der bisher unbeweglich am Fenster gestanden und hinausgeschaut hatte, wandte sich mir zu:
Ich muss wieder nach oben. Könnten Sie darauf achten, dass sie hier bleibt? Sie vergisst nämlich, dass sie einen Termin hat. Gestern ist sie einfach weggerannt, und wir mussten sie überall suchen.
Kommen Sie, sagte ich, nahm ihr die Papiere aus der Hand und steckte sie zurück in die Handtasche. Ich weiß ja, dass Sie keine Zigeunerin sind. Das sieht man doch, Zigeuner haben glattes Haar und Sie haben Locken!
Sie sah mich dankbar lächelnd an, und ihr grell geschminktes, knochiges Gesicht wirkte plötzlich weich und glücklich. Die Tür zum Chefarztzimmer ging auf, und sie wurde hereingerufen. Sie drehte sich noch einmal um und flüsterte verschwörerisch:
Ich bin wirklich keine Zigeunerin, du hast recht!
Ich griff zu meinem Buch, das neben mir auf der Bank lag, und fühlte ein Blatt, das ihr vom Schoß gerutscht sein musste.
Ailina C., geb. 1921 in Belgrad,
z.Zt. wohnhaft in Eisenach
Der von Ihnen beantragte Sanatoriumsaufenthalt wurde bewilligt.
Die Kosten übernimmt der Verein der Opfer des Naziregimes. Die
Einweisung erfolgt durch das für Sie zuständige Sozialamt der
Stadt Eisenach.
ZENTRALRAT DER SINTI UND ROMA, Heidelberg, März 1994
spORT war für mich immer ein Ort unaussprechlicher Qualen! Schon als Kleinkind war mir jede Art mutwillig erzeugter Bewegung suspekt, und lange Zeit befürchtete man, irgendeine geheimnisvolle Krankheit hemme meine Muskulatur. Im Winter saß ich mit Wonne stundenlang auf einer Decke in der warmen Stube, spielte mit einer prallgefüllten Knopfkiste, die einen schier unerschöpflichen Vorrat an Knöpfen verschiedener Farben, Formen und Größen barg, legte bunte Gärten, Häuser und Städte, erträumte mir Freundinnen und Geschichten, die ich mit ihnen erlebte, und legte mir eine Welt zurecht, in der ich die tolldreistesten Abenteuer sitzend bestehen konnte. Im Sommer genügte mir für diese Aktivität ein schattiges Plätzchen im Hof, von dem aus ich meine imaginären Scharen dirigierte. Ich redete dabei mit verschiedenen Stimmen, und wer mich nicht sah, musste den Eindruck gewinnen, ich sei von Menschenmassen umgeben. Zwar hatte ich schon mit neun Monaten laufen gelernt, war aber nicht sehr oft in der Laune, diese Kunst auch anzuwenden. „Mit dem Kind stimmt etwas nicht!“, mutmaßte die Verwandtschaft so lange, bis meine Mutter mich zum Arzt schleppte und sich attestieren ließ, dass mit mir sehr wohl alles stimme, bis auf eine im zweiten Lebensjahr entwickelte Faulheit der unteren Extremitäten. Überaus aktiv dagegen seien meine Phantasie und mein Mundwerk!
Von nun an wurde ich aus gesundheitlichen Gründen (das Kind braucht frische Luft und Bewegung!) regelmäßig ins Freie geschickt. Im Winter musste ich mich mit einem Schlitten bewaffnet auf den Weg zum Hügel am Sportplatz machen, der zwar um die Ecke in Sichtweite des Hauses lag, mir aber meilenweit entfernt schien, so dass ich, wenn ich dann endlich am unteren Ende der sanft ansteigenden Rodelbahn angelangt war, mit nassen Füßen und frierend schon die Lust am Aufstieg verloren hatte, geschweige denn, irgendwelche Begierden verspürt hätte, den schwindelerregenden Höhenunterschied von zwei Metern auf dem Schlitten in die Tiefe rasend zu überwinden, wobei außerdem noch die Gefahr bestand, von wilden Zehnjährigen mutwillig gerammt zu werden, mein Gefährt zu verlieren und auf dem Hosenboden durch die weiße, feuchte Pracht schliddern zu müssen. Nein, das war nicht mein Fall, und mir fehlte jegliches Verständnis für die johlende und vor Freude kreischende Meute, die in immer schnelleren Manövern den Hügel bezwang. Ich zog den feigen Rückzug vor und verschwand mit meinem Schlitten im Schuppen hinter dem Haus, wo ich mit meinen imaginären Freundinnen in eine Decke gehüllt die Kaninchen bekämpfen und die Katze zum Tiger machen konnte.
Lieber von der sicheren Brücke aus sah ich auch den Schlittschuhläufern zu, die über den zugefrorenen Bach glitten, die Beine streckten oder hockend dahinsausten, sich verrenkten, übereinander purzelten und gegen die Böschung krachten, sich aber nie zu verletzen schienen, sondern lachend wieder aufstanden, während ich dort oben aus sicherer Entfernung bei ihrem bloßen Anblick Todesqualen erlitt. Im Sommer, wenn der Bach sich zum reißenden Strom von zwanzig Zentimetern Untiefe verwandelt hatte und alle anderen sich jauchzend mit dem kühlenden Nass bespritzten, zog ich es vor, am Ufer in Blätter gehülltes Schlammeis gegen Steine als Währung zu verkaufen, die ich sehr genau abzurechnen wusste. Wasser war eben nicht mein Element, weder in gefrorenen noch in flüssigem Zustand!
Die sportlichen Aktivitäten in der Grundschule waren erträglich, denn in Ermangelung einer Turnhalle konnten sie nur im Sommer bei gutem Wetter stattfinden und beschränkten sich auf Grund des schmalen Etats der Dorfschule, in dem Turngeräte und andere Folterwerkzeuge nicht vorgesehen waren, auf Kreisspiele und den einen oder anderen Reigentanz. Damit ließ es sich recht gut leben, weshalb in den Zeugnissen dieser Jahre hinter dem Fach „Leibesübungen“ auch noch ein moderates Befriedigend glänzte.
Schlimmer wurde es dann im Gymnasium. Die „Leibesübungen“ waren offiziell dem „Sport“ gewichen, es gab die Folterkammer Turnhalle und eine Sportlehrerin, die sich laufend neue Torturen für uns ausdachte. Es begann schon damit, dass man sich in Sportkleidung werfen musste, an sich schon lästig genug, aber es handelte sich auch noch um extravagante Pumphosen in Schwarz, die Beine mit Gummizug abgeschlossen, und ebenso extravagante weiße Pullis, deren Ärmel den Oberarm halb bedecken mussten. Anschließend hieß es, sich der Größe nach aufzustellen, und während der gesamten Leidenszeit kam ich über den vierten Platz in der Reihe nicht hinaus. Das wäre ja gerade noch angegangen, wenn dann nicht noch schwereres Geschütz aufgefahren worden wäre: Kästen, die zu überspringen waren, an denen meine Knie aber regelmäßig hängen blieben, Barren, über die man elegant schwingen sollte, für mich und meine drei Vorgängerinnen in der Reihe zu hoch waren, so dass unsere Kniekehlen sich darin verfingen und wir wie kranke Fledermäuse hin und her pendelten. Die Böcke waren bockig genug, sich uns in den Weg zu stellen, Flugrollen endeten unsanft ohne Flug auf dem Genick, der Schwebebalken in schwindelnder Höhe von dreißig Zentimetern über dem Erdboden glich einem Hochseil, das meinem Gleichgewichtssinn sehr abträglich war, und das Reck habe ich vorsichtshalber erst gar nicht berührt. Kiloschwere Medizinbälle bedrohten mein Leben, wenn sie in rasender Geschwindigkeit auf mich zurollten, den prallen Bällen beim Völkerballspiel entging ich nur, indem ich mich hinter den Kameradinnen versteckte, da ich sie weder fangen, noch ihnen schnell genug hätte ausweichen können. Überhaupt erschien es mir völlig geistlos, hinter einem Ball her zu rennen oder sich von einem solchen erschlagen zu lassen. Im Sommer wurde die Marter schier unerträglich, wenn Leichtathletik angesagt war, und ich habe nie verstanden, warum man „Leicht“ nennt. Beim Werfen traf mein Ball mit tödlicher Sicherheit die Wand hinter mir, ich übersprang regelmäßig das Sprungbrett und spürte das scheußliche Knirschen des Sandes schon zwischen meinen Zehen, wenn ich noch gar nicht in der Grube gelandet war. Beim Laufen ging mir auf halber Strecke die Puste aus, weil ich wie ein aufgescheuchtes Karnickel im Zickzack lief. Eine Urkunde habe ich nie errungen! Nur einmal muss ich versehentlich in Höchstform gewesen sein, als ich bei einem Sprung in die Grube die Einsfünfzigmarke knapp übertraf!
Die Qual nahm erst ein Ende, als ein sehr kluger Arzt nach langem Suchen endlich eine Wirbelsäulenverkrümmung bei mir entdeckte und mir jeglichen Leistungssport verbot. Ich hatte zwar nie Beschwerden gehabt, wollte aber vorsichtshalber dem befreienden Urteil des Mediziners vertrauen und fürderhin gänzlich auf sportliche Aktivitäten verzichten, was meinem Drang nach körperlicher Ruhe sehr entgegen kam. Da Sport in allen Formen für mich eine Leistung gewesen wäre, legte ich den Begriff Leistungssport sehr großzügig aus und betrachtete fortan mit leidgeprüfter Miene von der sicheren Bank aus die sich mit Bällen und allerlei Sportgerät abmühenden Freundinnen, ab und zu zum Rücken greifend, um so meinem Gebrechen Ausdruck zu verleihen, dankbar des eifrigen Arztes gedenkend, der sich um den Erhalt meiner Wirbelsäule so verdient gemacht hatte, nicht ahnend, dass mich die gerechte Strafe eines Tages ereilen würde!
Die Strafe war schrecklich und lebenslang! Zunächst traf mich in den ersten Dienstjahren als Lehrer das Schicksal, dank meiner Jugend von jedem neuen Dienstherren vorzugsweise im Sportunterricht eingesetzt zu werden, in späteren Jahren war diese Maßnahme das Privileg meiner schlanken und vordergründig sportlichen Gestalt. Da musste ich nun mit blutendem Herzen auf staatliches Geheiß die armen Schüler nach meiner Pfeife tanzen lassen und mit fassungslosem Staunen feststellen, dass sie begeistert sprangen, sobald mein Pfiff ertönte. Je höher ich den Barren schraubte, desto mehr stieg ich in ihrer Achtung, und je schneller ich sie durch die Halle trieb, desto anhänglicher waren sie. Von meinem Beobachtungsposten am Rande des Spielfelds aus sah ich sie hüpfen, jagen, klettern, laufen, pritschen, robben, schwingen, springen, werfen und schwitzen, und je mehr sie schwitzten, desto fröhlicher und ausgelassener wurden sie, während ich vor Mitleid fast vergehen wollte. Was blieb mir angesichts all dieser Fröhlichkeit anderes übrig, als mein Mitleid tapfer zu verbergen? Mit der Zeit gelang es mir sogar, meine Gesichtszüge so zu beherrschen, dass mich niemand mehr fragte, ob ich Schmerzen hätte.
