Zwei Seiten einer Geschichte - Inga Jerks - E-Book

Zwei Seiten einer Geschichte E-Book

Inga Jerks

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Beschreibung

Insa ist selbstständige Journalistin, verheiratet und mit sich und der Welt im Einklang. Der lebensfrohe Immobilienmakler Lutz-Peter ist ebenfalls verheiratet und Vater eines Teenagers. Als der Zufall beide zusammenführt, sind sie nur Freunde und eigentlich hätte es so bleiben können. Doch eines Tages verlieben sie sich ineinander. Aus einem anfänglichen Flirt entwickeln sich bald tiefe Gefühle. Die langjährigen Partnerschaften rücken mehr und mehr in den Hintergrund und werden mit anderen, prüfenden Augen gesehen. Insa und Lutz erleben eine Liebe durch alle Höhen und Tiefen. Gefühle stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte, die wechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten erzählt wird. Sie ist geprägt von romantischen Geheimtreffen und privaten Briefen in Form von E-Mails, die den Leser in ihren Bann ziehen.

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Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zwei Seiten einer Geschichte

TitelWidmungProlog | REINE GLÜCKSSACHEKapitel 1 | DIE WELT DER INSA L.Kapitel 2 | DIE WELT DES LUTZ B.Kapitel 3 | EIN FLIRT MIT EINEM SYMPATISCHEN MANN?Kapitel 4 | DER RITT AUF DEM SCHMETTERLINGKapitel 5 | TRÄUME MIT OFFENEN AUGENKapitel 6 | FLUGZEUGE MIT SCHMETTERLINGSFLÜGELNKapitel 7 | HIMMEL UND ERDE UND HIMMEL AUF ERDENKapitel 8 | UND DAS LEBEN GEHT GANZ UNAUFFÄLLIG WEITERKapitel 9 | ZEIT PLÄTSCHERT DAHINKapitel 10 | TARZAN UND JANE IN DER GROSSEN STADTKapitel 11 | VON POLITIKERN UND ANDEREN GROSSEN TIERENKapitel 12 | ZUHAUS' IN FREMDEN BETTENKapitel 13 | WIE EIN BLATT IM HERBSTWINDKapitel 14 | EIN ENDE UND EIN ANFANGKapitel 15 | DANKE AN DAS SCHICKSALEpilog | DIE BOTSCHAFTÜber die AutorinImpressum

Titel

INGA JERKS

ZWEI SEITEN EINER GESCHICHTE

Roman

Widmung

Für Insa und Lutz

und für alle, die an die Macht

der Liebe und des Schicksals glauben.

Prolog | REINE GLÜCKSSACHE

Kaum etwas ist wohl so facettenreich, wie die Definition des Begriffs "Glück". Oft verwenden wir ihn, wenn der Zufall uns beim Spiel bevorzugt und unser Name auf dem gerade gezogenen Los zu lesen ist. Dann zeichnen wir die römischen Schicksalsgöttin Fortuna verantwortlich für unseren Segen. "Glückspilz", werden wir dann gerufen oder "Sonntagskind" und wir sind "Hans im Glück". Ach ja, wem die Sonne im Spiel lacht, der hat ja dann automatisch Pech in der Liebe, oder? – Nein, danke! 

"Fein 'raus" sind auch jene, die reich sind oder es irgendwann sein werden – jedenfalls oberflächlich betrachtet. Geld beruhigt, aber so rundum zufrieden machen kann es nicht. Kaufen kann man Glück bekanntlich auch nicht, also bleibt auch hier nur die Hoffnung, dass das Schicksal es gut meint. Wahrlich glücklich schätzen dürfen sich hingegen jene, die gesund sind, vorzugsweise ein Leben lang. Und wer bei einem bösen Unfall mit dem Schrecken davonkommt, erst recht. Der sollte dann zur Geburtstagsparty einladen, auch wenn Juli ist und er üblicherweise im November feiert. 

Apropos Ehrentag: Warum wünscht man sich eigentlich viel Glück zum Geburtstag? Genaugenommen hat man doch selbst gar nichts dazugetan, dass man an diesem Tag einst das Licht der Welt erblickte. Ist es also der fromme Wunsch, der Jubilar möge auch noch sein nächstes Wiegenfest erleben? Oder alternativ, ist man gerade an diesem Tag besonders gefährdet und anfällig für alle Unwägbarkeiten des Lebens? Denkbar wäre allerdings auch der wenig schmeichelhafte Hintergedanke, der Geehrte solle seinen Geburtstag mit Anstand und Würde überstehen, ohne sich des Alterns bewusst zu sein. Die letzte Variante ist dann wohl mit Abstand die Sinnvollste: Das Glück möge dir an deinem speziellen Tag erst recht holt sein! 

Das Glück dieser Erde liegt für Viele auf dem Rücken der edlen Pferde, das wusste bereits der persische Dichter Hafis im 14. Jahrhundert. Und wohl dem, der von solch einem grazilen Geschöpf durch die Welt getragen wird und mehr noch, es wahrhaftig als seinen Freund bezeichnen darf. Auch eine kalte Hundenase oder die Samtpfoten der Stubentiger, vermögen uns im höchsten Maße zu erfreuen. Dürfen wir uns doch ihrer Loyalität stets versichert sein. Tiere sind eben die besseren Menschen, wie es heißt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Hafis nicht der einzige Lyriker war, der sich mit dem Thema Glück auseinandersetzte. "Man muss sein Glück teilen, um es zu multiplizieren", glaubte beispielsweise die österreichische Novellistin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach. Ihr deutscher Kollege Theodor Fontane war sicher, dass "glücklich machen das höchste Glück ist". Ein anderer war der Überzeugung, dass es nicht von ungefähr kommt, wenn einer immer Glück hat. 

Spätestens hier zeichnet sich jedoch ab, dass das, was wir als unser Heil betrachten mögen, reine Auslegungssache und eine Frage der individuellen Beurteilung ist. Und eventuell wagt sich der zu weit aus dem Fenster, der behauptet, das wahre Glück sei allein die Liebe. Aber vielleicht sollten wir die Chance nutzen und uns ein wenig mit hinauslehnen. Wer weiß, unter Umständen erfahren wir dabei etwas Neues? Dann würden wir zunächst einen Baum mit vielen Verzweigungen sehen und es wird uns bewusst, dass es auch hier wieder mehrere Blickwinkel gibt. 

Das Glück frisch verliebt zu sein, ist schier unbeschreiblich. Insbesondere dann, wenn das Objekt der Zuneigung die eigenen Gefühle im gleichen Maße erwidert. Der Emotionstaumel, in dem sich ein verliebter Mensch befindet, bringt ihn dazu, zuweilen völlig irrational zu handeln und auf seine Umgebung wie ein Außerirdischer zu wirken, der nur noch ein einziges Thema kennt. Dabei wird die/der Angebetete selten objektiv gesehen und ist oft ein reinweißer Engel mit durchsichtigem Flügelwerk und feenhaftem Lächeln. 

Die gereifte Liebe ist das beständige Glück, das nicht täglich nach Bestätigung sucht und auch mal 24 Stunden lang ohne die drei berühmten kleinen Worte auskommen kann. Es verspricht Sicherheit, Geborgenheit und Belastbarkeit. Es ist also nicht die Zeitschrift, die wir uns einmal in der Woche am Kiosk kaufen, sondern wir haben uns ein Abo geleistet. Das Magazin landet allwöchentlich in unseren Briefkasten und die Gebühren werden eingezogen. Aber das ist kein Problem, denn das Konto ist gedeckt, solange regelmäßig Gefühle eingezahlt werden. 

Doch ist diese gerade zitierte und gerühmte Sicherheit zuweilen trügerisch, denn Sicherheit bedeutet auch Gewohnheit und Gewohnheit ist gleich Langeweile und eine glückliche Langeweile hat der Globus noch nicht gesehen. Also geht das Glück dahin und nimmt obendrein noch die Liebe mit. Woraus wir schlussfolgern können: Glück kann man nicht festhalten! Es ist gewissermaßen ein Darlehen, das wir eines Tages zurückzahlen oder weitergeben müssen. Aber es ist wirklich nur oberflächlich betrachtet ein Kredit, denn wenn man Glück nicht festhalten kann, können wir darüber auch nicht frei verfügen und es wahllos in die Welt hinaus verleihen. Und um die Verwirrung komplett zu machen, wer sich dennoch Glück ausborgt, der kann böse abstürzen. 

Aber wollen wir deshalb darauf verzichten? – Nein, sicher nicht! Also warten wir brav ab, bis das Schicksal von ganz allein zuschlägt und uns auswählt, anstelle selbst Hand anzulegen. Überlassen wir es doch Amor, uns mit seinen Glückspfeilen zu treffen. In einem solchen Fall ist allerdings Flexibilität gefragt, denn meist trifft uns das Geschoss, wenn wir es am allerwenigsten erwarten. Und noch etwas stellen manche von uns zuweilen fest: Glück in Form von Liebe fragt nicht nach einem Ehering oder ob der Getroffene gerade frei ist! 

Nun aber genug der philosophischen Betrachtungen und hinein in eine Erzählung, die ebenfalls vom Glück handelt und die sich so oder ähnlich überall auf der Welt abspielen könnte. Es ist die Story von Insa und Lutz – für die beiden jedoch alles andere als eine Allerweltsgeschichte ...

Kapitel 1 | DIE WELT DER INSA L.

Geschafft, dachte Insa Leman, als der letzte Reiter unter dem Applaus des Publikums das Viereck verließ. Sie spürte, wie der große schlanke Mann neben ihr seinen Arm um ihre Schultern legte und sie freundschaftlich an sich drückte. Sebastian beugte sich zu ihr hinunter und raunte in Insas Ohr: "Haben wir das nicht fein hingekriegt?" Das war natürlich keine Frage, sondern mehr eine Feststellung. Die junge Frau hob den Kopf und strahlte ihn an. Sie konnte nur nicken, denn im Grunde war sie viel zu ergriffen und eine verbale Erwiderung wäre ihr wohlmöglich in der Kehle steckengeblieben. 

Der Moderator sprach noch einige abschließende Worte, bedankte sich bei den Teilnehmern und den Zuschauern und wünschte allen eine gute Heimreise. Das war's – eine dreitägige Veranstaltung ging ihrem Ende zu und Insa konnte beruhigt die Heimreise nach Harb antreten. Wie immer, wenn eine Arbeit beendet war, fiel alle Last von der 37-Jährigen ab und sie konnte sich über die gelungene Show freuen. So war es auch jetzt, als sie an der Seite von Sebastian zum nahe gelegenen Restaurant ging, wo sie in Ruhe noch einen Kaffee trinken wollten. Für Insa war es immer etwas Besonderes, mit Sebastian Thaler zu arbeiten. Auch wenn ihr Auftrag eigentlich nur die Arbeit mit den Medien umfassen sollte, so wurde doch spätestens vor Ort immer sehr viel mehr daraus, sodass sie selbst im Grunde zum Veranstalterteam gehörte. Insa musste bei diesem Gedanken still in sich hinein lächeln. Sebastian entging das Grinsen seiner Pressesprecherin jedoch nicht. 

"Was amüsiert Dich denn so", kam auch gleich die neugierige Frage des jungenhaften Mittvierzigers. "Ach", lachte Insa. "Ich musste nur gerade daran denken, dass ich dieses Mal ja wirklich nur für das TV und die Reporter zuständig sein wollte und jetzt habe ich wieder die Hälfte mitorganisiert." Auch Sebastian lachte, drückte die Frau, die mehr als einen Kopf kleiner war, erneut an sich und meinte gewinnend: "Tu' doch nicht so, als hättest Du das nicht selbst so gewollt." Insa schaute schräg zu ihm auf und verzog spitzbübisch das Gesicht. "Ha, warte Du mal ab, bis Du meine Rechnung bekommst, dann vergeht Dir das Lachen ganz schnell wieder." 

Inzwischen hatten sie das Lokal erreicht und es war angenehm kühl im Gastraum nach den sommerlichen Temperaturen, die draußen im Dressurviereck geherrscht hatten. Sie nahmen Platz und bestellen bei der Kellnerin Kaffee. "Also, vor Deinen Rechnungen habe ich noch nie Angst gehabt", nahm Sebastian das Gespräch wieder auf, während er die Speisenkarte studierte. "Du bist immer so sozial, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme und am liebsten noch 'was drauflegen möchte, aber dann bekomme ich ja Ärger und am Ende arbeitest Du nicht mehr für mich." Er klappte die Karte zu und hatte sich für ein Stückchen Apfelkuchen mit Sahne entschieden. "Was ist mir Dir", fragte er aufmunternd und hielt ihr die Karte hin. "Nein danke", lehnte Insa ab, sie hatte keinen Hunger, nahm ihm dennoch die Karte aus der Hand und legte sie auf den Tisch zurück. 

"Und, was machst Du in den nächsten Tagen", wollte Sebastian wissen. Insa brauchte nicht zu überlegen. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, streckte die Beine nach vorne und verschränkte die Hände hinter den Kopf. Dann schloss sie die Augen und setzte einen entspannten Gesichtsausdruck auf. "Relaxen", beantwortete sie die Frage ihres Gegenübers mit einem Wort. "Ich denke, das habe ich mir verdient. Außerdem habe ich noch etwas Arbeit vor mir, zwei Reportagen warten auf ihre Fertigstellung." Sie öffnete die Augen und schaute Sebastian an, der gerade seinen Kuchen von der Kellnerin in Empfang nahm und der jungen blonden Frau ein dankendes Lächeln schenkte, worauf diese ein wenig unbeholfen den Teller abstellte. Insa grinste in sich hinein. 'Dieser große Junge kann es einfach nicht lassen', dachte sie. "Wie sehen Deine Pläne aus", fragte sie dann zurück. 

Sebastian ließ zwei Stückchen Zucker in seinen Kaffee plumpsen und rührte bedächtig um. "Carola und ich machen zwei Wochen Urlaub in Spanien. Schließlich haben wir seit einem dreiviertel Jahr kein freies Wochenende gehabt und da ist Entspannen dringend nötig." Er zeigte mit dem Kaffeelöffel auf Insa und meinte: "So ein Urlaub würden Dir und Deinem Mann auch mal ganz guttun!" 

"Tja", seufzte Insa. "Ist im Augenblick leider nicht 'drin, Günther arbeitet an einem wichtigen Projekt und kann gerade keinen Urlaub bekommen. Aber das ist schon in Ordnung, wirklich." Sebastian nickte und widmete sich seinem Kuchen, während Insa einen Schluck von ihrem Kaffee trank und ihn über den Rand ihrer Tasse anschaute. Sie stellte fest, dass er immer noch wie ein kleiner Junge aussah, mit seinen wirren lockigen Haaren, den langen Armen und Beinen. Gut 1,90 Meter maß Sebastian und war damit eigentlich viel zu groß für einen Reiter. Außerdem sah er unverschämt gut aus. 

Seine aktive Laufbahn hatte der Dressurreiter allerdings bereits beendet, widmete sich seiner eigenen Pferdezucht und -ausbildung, sowie dem Organisieren solcher Reitveranstaltungen wie heute. Seine Kurse für die er durch ganz Europa reiste, waren stets ausgebucht. Es gab unzählige Schüler, die von Reitmeister Sebastian Thaler ausgebildet werden wollten. Er lebte mit seiner Frau Carola, einem runden Dutzend bildschöner Friesenhengste und -Stuten, sowie einer ganzen Heerschar von Bediensteten in Seebruck, direkt am Chiemsee in einem schönen alten Bauernhaus. 

"Wann fährst Du heim", durchbrach Sebastian ihre Gedanken, der seinen Apfelkuchen gerade aufgegessen hatte. "Gleich, wenn ich meinen Kaffee ausgetrunken habe", erwiderte Insa mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. Ihre Sachen hatte die Frau mit den langen rotbraunen Haaren bereits zusammengepackt. "Von Kirchheim bis Frankfurt und nach Harb brauche ich gut drei Stunden und ich habe Günther versprochen, dass wir gemeinsam zu Abend essen." Sebastian nickte. "Ich werde mich auch gleich auf den Heimweg machen. Darf ich Dich anrufen, wenn ich wieder mal was für Dich habe?" Sein Lächeln war gewinnend und egal ob Männlein oder Weiblein, dem konnte keiner widerstehen – auch eine Kellnerin nicht. Insa lächelte zurück. "Klar, wie immer!" 

Fünfzehn Minuten später saß Insa bereits in ihrem Auto und steuerte den dunkelgrünen Peugeot 508 Kombi vom Parkplatz auf die Landstraße und von dort auf die Autobahn in Richtung Norden. Sie atmete tief durch und freute sich darüber, dass der Job getan war, dass sie bald wieder zu Hause sein würde und auf das Abendessen mit ihrem Mann. Mal sehen, wohin Günther sie ausführen würde.

***

Als Insa am Montagmorgen die Jalousien ihrer Schlafzimmerfenster hochzog, sah sie den wolkenlosen blauen Himmel. Es versprach ein schöner warmer Julitag zu werden. Beim Verlassen des Zimmers verharrte Insa kurz vor dem großen Wandspiegel. Ihre glatten kastanienbraunen Haare reichten der schlanken Frau bis über die Schultern. Nach dem Schlafen waren sie wirr und unordentlich. Insa war 1,66 Meter groß und hatte ein schmales Gesicht. Sie selbst hielt sich nicht für eine Schönheit, sondern eher durchschnittlich, aber durchaus nicht hässlich. Ihr Blick aus graugrünen Augen war klar und direkt. Insa freute sich, dass sie ihre gute Figur aus der Jungmädchenzeit hatte bewahren können. Noch etwas verschlafen zwinkerte sie ihrem Spiegelbild zu und ging hinaus. Eine Treppe tiefer betrat sie zunächst das Arbeitszimmer. "Guten Morgen, aufwachen und arbeiten", rief sie ihrem Computer fröhlich zu und schaltete ihn mit nur einem geübten Griff ein. Dann verließ sie den Raum wieder, um sich in der Küche erst einmal einen Kaffee zu machen. Ohne Kaffee am Morgen lief gar nichts – eigentlich auch über den Rest des Tages nicht. 

Wenige Minuten später saß Insa in ihrem Pyjama mit einem Becher duftendend-heißem, gesüßtem Kaffees im Wohnzimmer und schaute in den Garten hinaus, der noch in den langen Schatten des Morgens lag. Sie dachte an den gestrigen Abend mit Günther zurück, der um diese Zeit schon in seinem Büro in Frankfurt saß. Viel schneller als gerechnet hatte sie am Vorabend die 280 Kilometer nach Hause zurückgelegt. Günther erwartete sie bereits und begrüßte sie stürmisch, wollte wissen ob es ihr gut gehe und sie eine angenehme Fahrt hatte. Gemeinsam hatten sie erst ein Glas Rotwein getrunken, der schon im Wohnzimmer bereitstand. Während Insa dann unter die Dusche ging und sich umzog, trug Günther ihren Koffer ins Obergeschoss. Dann brachen beide ins Restaurant auf, Günther hatte einen Tisch bei ihrem Lieblingsitaliener bestellt. 

'Es war ein schöner Abend', fand Insa rückblickend, während sie einen Schluck Kaffee trank und gedankenversunken durch die großen Fenster nach draußen schaute. Sie und Günther waren nun schon seit 15 Jahren verheiratet. Ein gutes Jahr davor hatten sie sich in einem Hanauer Club kennen gelernt. Günther war Insa auf Anhieb sympathisch gewesen und sie verliebte sich sofort in den intelligenten und ehrgeizigen Mann mit den rehbraunen Augen. Er war damals noch Azubi in dem Architektenbüro in dem er auch heute noch als leitender Angestellter mit eigener Abteilung arbeitete. 

Zu der Zeit jobbte Insa in der Gärtnerei, in Hanau, wo sie auch geboren war. Einige Jahre später schloss der Gartenbaubetrieb, weil der Besitzer gestorben war. Insa nahm es zum Anlass endlich umzusatteln und das zu tun, was sie schon immer machen wollte: schreiben. Die zwei Jahre des journalistischen Studiums – zum Teil in Abendschulen und Fernkursen – waren anstrengend, doch nie langweilig gewesen. Noch vor ihrem Abschluss wusste Insa jedoch, dass sie freiberuflich arbeiten und selbstständig sein wollte. Keine leichte Aufgabe für ein Greenhorn, auf diese Art Fuß zu fassen. Und am Anfang war es auch schwer, doch schließlich kamen die Aufträge und es wurden mehr und mehr, bis Insa einen festen Kundenstamm zusammen hatte. 

Im Laufe der Jahre verlagerte sich ihr Aufgabengebiet auch in andere Zweige. Durch Zufall lernte sie Sebastian Thaler kennen, der für seine Veranstaltungen eine Pressebetreuerin suchte und sie in Insa fand. Inzwischen übernahm sie auch die Koordination der Medien bei anderen Anlässen. Als drittes Standbein kam, neben klassischer Berichterstattung, vor gut einem Jahr auch noch das Entwerfen und Betexten von Internetseiten dazu. Woran Insa wirklich mit Begeisterung arbeitete. Natürlich hatte sie auch eine Webseite über sich selbst und die unterschiedlichen Bereiche ihres Berufes in den unendlichen Weiten des World Wide Web veröffentlicht. 

Vor knapp zwei Jahren waren Günther und sie von Hanau nach Harb gezogen. Das kleine beschauliche 730-Seelennest nordöstlich von Frankfurt war genau jene Idylle, die sich Insa für ihre Arbeit wünschte. Sie hatten ein altes, gerade saniertes Bauernhaus auf dem Lande und inmitten von weiten Wiesen und Feldern gekauft, wo man abends einen wundervollen Sonnenuntergang erleben konnte. Hier wünschten sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht. Für eigene Kinder hatten sich Insa und Günther bislang noch nicht die Zeit genommen und im Grunde waren sie sich selbst genug und viel zu sehr auf ihre Karrieren fixiert. 

Günther arbeitete fünf Tage in der Woche als anerkannter Architekt in einem mittelständischen Büro im Herzen von Frankfurt. Der Diplom-Ingenieur hatte sich auf statische Berechnungen spezialisiert und sich einen guten Namen nicht nur bei Wagner & Sohn gemacht. In seinem Job ging der 38-Jährige voll auf und auch, wenn er manchmal über den Stress stöhnte, so wollte er es doch gar nicht anders haben. Bei dem Gedanken musste Insa schmunzeln. Sie war glücklich und zufrieden mit ihrem Leben und dachte, dass es immer so weitergehen könnte, was sollte sie auch mehr wollen. Sie liebte Günther und er liebte sie. Klar, es gab auch schon mal Unstimmigkeiten, doch überwiegend herrschte Harmonie in ihrer Beziehung. 

Insa trank den letzten Schluck aus ihrem Becher, seufzte kurz und erhob sich nur widerwillig von der Couch. Widerstrebend löste sie den Blick von einem bunten Schmetterling, der draußen im Garten auf der Suche nach schönen Blumen war. Sie trat hinaus in den Flur und verharrte dort unschlüssig. Eigentlich hatte sie noch keine Lust, sich anzuziehen. Also ging sie zunächst in ihr Arbeitszimmer und setzte sich an den PC, es tat gut, auch mal ein wenig faul zu sein. 'Mal sehen, wer wieder etwas von mir möchte', sagte sich Insa und rief ihre E-Mails ab. Eigentlich könnten es nur private Nachrichten sein, denn schließlich war gerade ein Wochenende gewesen. 

Sie fand eine Nachricht von Sebastian vor, der sich nochmals für die gute Zusammenarbeit bedankte und meinte, dass sie nur schnell ihre Rechnung schicken und es ja nicht vergessen sollte. Insa lachte und nahm sich vor, später am Tag diese Sache gleich zu erledigen, mit einem passenden Kommentar für ihren Freund und Auftraggeber. Bis auf eine weitere E-Mail war der Rest nur Werbung, den Insa gleich löschen konnte. Bei der anderen Nachricht handelte es sich offensichtlich um eine Rückmeldung auf ihre eigene Internetseite, das konnte sie dem Betreff entnehmen. Also, entschloss sich Insa, diese Mail zu öffnen und zu lesen:

Guten Tag Frau Leman!

Mein Name ist Lutz-Peter Bach (eigentlich ist es überflüssig, dies hier zu schreiben, denn mein Name steht ja bereits unten). Durch Zufall bin ich auf Ihre Webseite gestoßen und möchte Ihnen ein großes Kompliment zur Gestaltung machen. Es ist ein sehr ansprechendes Design, informativ und gut aufgebaut.

Ich hätte da aber auch noch ein Anliegen. Ein guter Freund von mir inszeniert im Herbst nächsten Jahres ein Theaterstück mit einer Jugendgruppe. "Zuhaus' in fremden Betten" heißt es, dessen Geschichte Sie vielleicht kennen? Der Erlös geht an eine neue Krebshilfe-Stiftung.

Ich habe die Organisation dieser Vorführung – genauer gesagt sind es vier Vorführungen an vier aufeinander folgenden Sonntagen – übernommen. Das gesamte Projekt muss mit einem Minibudget auskommen und ich bin derzeit auf der Suche nach einer Agentur, die die notwendige Pressearbeit ehrenamtlich, also nur gegen Vergütung anfallender Kosten übernehmen könnte.

So habe ich mich gefragt, ob das vielleicht eine Aufgabe für Sie wäre und ob Sie interessiert sind. Die Aufführungen finden im Stadttheater in Hanau statt. Und Harb ist ja gar nicht so weit entfernt. Wie Sie sehen, habe ich mich auf Ihrer Homepage umgesehen und auch Ihre Anschrift gefunden.

Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören. Gerne lasse ich Ihnen auch weitere Einzelheiten zukommen. Bitte lassen Sie sich alles gut durch den Kopf gehen, es hat keine Eile, wir haben noch Zeit – aber bitte sagen Sie nicht nein!

Gerne würde ich noch unverschämter Weise nachfragen, wie sich eigentlich Ihr Nachname ausspricht, englisch, deutsch, französisch …?

Mit freundlichen Grüßen

Lutz-Peter Bach

Insa schmunzelte zum wiederholten Mal an diesem Morgen. Das Wort »ehrenamtlich« bedeutete natürlich, dass sie wie ein Tier schuften und keinen müden Euro dafür sehen würde. Darüber hinaus schien das ein etwas größeres Projekt zu sein. Normalerweise hätte Insa rundweg abgelehnt, doch sie war heute in guter Stimmung und würde es sich erst noch überlegen und auch mit Günther darüber sprechen. Und schließlich hatte der Absender dieser Mail sie ja auch gebeten, nicht nein zu sagen. "Dieser Mensch scheint sehr von sich und seiner Sache überzeugt zu sein", sagte Insa laut zu sich selbst. 

Sie beschloss, sich nun doch endlich anzuziehen, verließ den Computer zunächst und ging wieder ins Obergeschoss hinauf. Wahrhaftig, an »Zuhaus' in fremden Betten« erinnerte sich Insa noch gut. Als Teenager war sie einmal mit der Schulklasse in Berlin gewesen und genau dieses Theaterstück hatte auf dem Programm gestanden. Soweit sie sich erinnerte, ging es darin um zwei Familien, die sich gar nicht kannten und ihre Wohnungen für die Dauer der Ferien tauschten.

Eine Zeitlang dachte sie noch an die gut formulierte Nachricht und dass der Verfasser es gut angestellt hatte, indem er erst einmal etwas Nettes über ihre Webseite sagte. 'Gar nicht so dumm', kommentierte Insa im Stillen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, dass eben diese E-Mail ihr Leben total verändern und auf den Kopf stellen sollte.

*~*~*~*~*~*~*

Kapitel 2 | DIE WELT DES LUTZ B.

An diesem Montagmorgen stand Lutz-Peter Bach in seinem Büro vor dem Schreibtisch und starrte missmutig auf die Akten hinab, die in zwei großen Stapeln auf der Tischplatte lagen und seine Arbeit für die nächsten Tage darstellten. Er hob den Blick zum Fenster und sah wie die Sonne auch zu dieser frühen Stunde bereits ihre hellen Strahlen durch die Scheibe in das Zimmer schickte und es mit ihrem weichen Licht erfüllte. Lutz ging um den Schreibtisch herum, stellte sich an das Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Draußen tat sich nur wenig, hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, eine Frau trug ihre Einkäufe nach Hause. Sicher würde es nicht mehr lange dauern und die ersten Kinder kämen zum Spielen nach draußen, doch jetzt in den Schulferien waren alle ein wenig später 'dran. 

'Nur ich nicht', dachte der große Mann am Fenster und schaute auf seine Armbanduhr, die ihm zwanzig nach acht anzeigte. Der umlaufende Sekundenzeiger wollte nicht stillstehen und mahnte ihn, sich loszureißen und mit seiner Arbeit zu beginnen. Noch einmal schaute Lutz nach draußen und seine Augen folgten einem grüngelben Schmetterling, der vor seinem Fenster hin und her flatterte und schließlich seinem Blickfeld entschwand. Ein kleiner Seufzer entrang sich seiner Kehle, dann drehte sich Lutz um und ging zu seinem Schreibtisch zurück, um auf dem Sessel Platz zu nehmen. Der Computer lief bereits und Lutz wollte gerade den ersten Aktendeckel aufnehmen als das Klingeln des Telefons sein Handeln unterbrach. 'Das geht ja schon früh los', dachte er. 

Das Blinken der kleinen gelben Lampe verriet dem Immobilienmakler, dass es sich um ein internes Gespräch handelte, vermutlich hatte seine Sekretärin ein Anliegen. Er nahm den Hörer auf und meldete sich mit einem knappen "Ja?". In der Tat war es seine Assistentin, die ein Gespräch für ihn in der Warteschleife hatte. "Herr Thomas von der Firma Elkhoff für Sie, kann ich durchstellen?" Lutz holte tief Luft. "Aber ja, Stefanie, immer her damit", antwortete er und nahm das Gespräch an. 

'Wenn alles so einfach wäre, wie die Probleme des Herrn Thomas ...' dachte Lutz und legte nach nur drei Minuten den Hörer wieder in die Mulde des Telefons. Er machte sich noch eine Notiz und legte den Zettel in einen separaten Drahtkorb, der auf dem Schreibtisch stand. Dann wandte sich der 42-Jährige endlich seiner Akte zu. 

Seit achtzehneinhalb Jahren arbeitete Lutz-Peter nun schon als Makler im Wohn- und Geschäftsbereich. Davon war er bereits zwölf Jahre für das Immobilen-Center Offenbach tätig. Es war das größte Maklerbüro im Großraum Frankfurt mit 23 Mitarbeitern, wobei die Assistenten noch gar nicht mitgerechnet waren. Vor sechs Jahren war er in den Vorstand des Unternehmens berufen worden, besaß ein ansehnliches Gehalt, von dem man sich schon mal was leisten konnte und die mit seiner Position verbundenen Freiheiten. Der Kundenstamm der Firma reichte weit über die Grenzen von Frankfurt hinaus, es gab etliche Mandanten in Europa und Übersee. Seine Kollegen schätzten seine Kompetenz und sein Pflichtbewusstsein. Und – Lutz liebte seinen Job und ging darin auf.

Seine Frau Kerstin, von ihm liebevoll »Kerri« genannt und er kannten sich schon seit der Jugendzeit und würden in diesem Jahr ihren 18. Hochzeitstag feiern. Der 15-jährige Sohn Manuel ging noch zur Schule, war aber ein ganz patenter Kerl, der sich zur Zufriedenheit seiner Eltern entwickelte – na ja, meistens – und vielfache Interessen zeigte. Drei Jahre nach Manuels Geburt sollte eigentlich noch eine Julia folgen, doch eine Fehlgeburt in der 18. Schwangerschaftswoche bereitete dem Familienglück ein jähes Ende. Besonders für Kerri war dies eine schlimme Zeit, erinnerte sich Lutz und auch Manuel bekam trotz seines zarten Alters schon mit, dass »Mumi« und »Paps« traurig waren. Doch beide überwanden ihren Schmerz, indem sie sich in die Arbeit stürzten. Kerri bekam eine Anstellung in einer Kindertagesstätte in Offenbach, wo sie auch heute noch arbeitete. Der kleine Manuel fuhr damals immer mit seiner Mutter mit. Die Frage nach einem weiteren Kind stellte sich später nicht und war auch heute kein Thema mehr für Lutz-Peter und Kerri. 

Familie Bach wohnte am Stadtrand von Offenbach in einer netten Doppelhaus-Siedlung. Vor neun Jahren hatten sie sich hier ihren Traum vom eigenen Heim verwirklicht. Das Haus war großzügig geschnitten und bot jedem Familienmitglied seinen Freiraum. Manuel bekam das größte Zimmer und für Lutz blieb auch noch ein genügend großer Raum übrig, damit er sich einen Arbeitsbereich einrichten konnte – sein »Refugium« , wie er es selbst gerne nannte. Oft brachte er sich Arbeit aus der Firma mit nach Hause, die er dann am Wochenende erledigte, sehr zum Missfallen von Kerri. 

Lutz-Peter ertappte sich dabei, wie er Luftlöcher in die Wand starrte. Wie immer, wenn er nachdenklich war, fuhr er sich mit dem linken Zeigefinger über den Nasenrücken bis hinauf zur Stirn und wieder zurück. "Verdammt, Lutz, lass' das sein, sonst bekommst Du irgendwann noch einen wilden Höcker auf Deinem Riechkolben", schalt er sich selbst. 

Wieder machte sich das Telefon bemerkbar und dieses Mal kam der Anruf von außerhalb. Er nahm den Hörer ab. "Bach", sagte er in die Muschel und lauschte dann gespannt, wer sich melden würde. "Guten Tag Lutz, hast Du einige Minuten Zeit für mich oder rufe ich ungelegen an?" Lutz' Gesicht erhellte sich, als er die Stimme seines Freundes erkannte. "Björn, altes Haus, nein, ich habe Zeit, wie geht es Dir und was treibt Dich in mein Ohr?" Björn Felix war ein Jugendfreund von Lutz und beide Männer hatten manchen Streich zusammen ausgeheckt. Dann hatte Björn geheiratet und seine Frau hatte wenig Verständnis für solche Männerfreundschaften gezeigt, sodass sich die beiden Freunde ein wenig aus den Augen verloren, doch stets Kontakt gehalten hatten. Vor zwei Wochen hatte Björn Lutz dann angerufen, um ihm von seiner neuen Jugendtheater-gruppe zu erzählen, die im kommenden Jahr »Zuhaus' in fremden Betten« aufführen würde. 

"Eigentlich habe ich nichts Besonders", erklärte Björn nun. "Ich wollte nur mal nachfragen, ob Du inzwischen Mitarbeiter für mein Theaterprojekt hast." Lutz hob die Augenbrauen und antwortete: "Also, ich bin dabei und habe Kontakt zu einer Medientante aufgenommen, aber von ihr noch keine Antwort erhalten. Am Wochenende habe ich ihr eine E-Mail geschickt, aber ich bin skeptisch, dass wir jemanden Qualifiziertes finden, der bereit ist, für taube Nüsse zu arbeiten – dieser Job ist schließlich keine Kleinigkeit." Lutz machte eine kleine Pause. "Aber wir haben ja noch etwas Zeit", meinte er "und ich werde es weiter versuchen, ist versprochen. Ich habe aber auch noch keinen Grafiker gefunden und den werden wir leider auch noch brauchen, denn meine Computerkenntnisse reichen bedauerlicherweise nicht aus, um Broschüren und Werbeposter zu entwerfen." 

"Ja, da hast Du sicher recht", gab Björn zu, "aber ich bin mir sicher, wenn es einer schafft, Leute zu motivieren, dann bis Du das." Lutz lachte. "Danke für die Blumen, was trinkst Du?" Beide Männer lachten. "Wie sieht es denn mit Dir aus, hast Du Dein Ensemble inzwischen zusammen?" Vom anderen Ende der Leitung war ein Pusten zu hören. "Ja, die Hauptrollen sind besetzt, für einige Nebenrollen suche ich noch freiwillige Darsteller. Momentan vervielfältige ich gerade die Textblätter, damit wir bald mal mit den ersten Proben beginnen können. Bis nächsten Herbst muss jeder Piepser bei den Jungs und Mädels sitzen." 

"Da möchte ich nicht in Deiner Haut stecken, aber wir werden das Kind schon schaukeln und unsere beiden Parts mit Bravour meistern. Du wirst sehen, Björn, diese Sache wird ein voller Erfolg", meinte Lutz euphorisch. "Dein Wort in Gottes Ohren – und in denen von Deiner Mediendame natürlich auch", gab Björn zurück. Die beiden Freunde versprachen noch, in Verbindung zu bleiben und verabschiedeten sich. 

"Jetzt habe ich aber weiß Gott genug getrödelt" schalt sich Lutz, nachdem er den Telefonhörer aufgelegt hatte. Kurz entschlossen, nahm er ihn jedoch sofort wieder zur Hand und erklärte Stefanie Bauhaus, dass er in den nächsten drei Stunden nur noch in dringenden Fällen gestört werden wollte und vertiefte sich wieder in seine Arbeit.

***

Lutz hatte gute Laune. Nach seiner anfänglichen Unlust am heutigen Morgen hatte er doch noch sehr produktiv gearbeitet und entsprechend viel weggeschafft. Gegen 17:40 Uhr befand er sich nunmehr auf dem kurzen Heimweg. Augenblicke später lenkte er sein Saab Cabrio hinunter in die Doppelgarage wo bereits der VW-Passat stand, mit dem seine Frau für gewöhnlich unterwegs war. "Verdammt", fluchte Lutz, als er sah, dass das Treckingrad seines Sohnes wieder einmal im Weg stand. Immer noch schimpfend zog er die Handbremse seines Wagens an und stieg erst einmal aus, um das Rad an die Seite zu setzen. Schließlich parkte er das Auto und verschloss die Garage. 

Drüben im Haus angekommen, erhob Lutz seine ohnehin kräftige Stimme: "Manuel, wenn Du Dein Fahrrad das nächste Mal nicht vernünftig abstellst, dann fahre ich einfach 'drüber und Du bekommst kein neues!" Nach einer kurzen Pause kam eine gedämpfte Rückmeldung aus dem Obergeschoss: "Sorry, Paps, passiert nicht wieder – versprochen!" Lutz verdrehte die Augen, dieses »versprochen« kannte er nur zu gut, genauso sicher war da ein Sechser im Lotto. 

"Was willst Du eigentlich, der Junge kommt doch genau nach seinem Vater", kam eine Stimme aus dem Wohnzimmer. "Der ist nämlich ebenso zerstreut – hallo Liebster, hattest Du einen guten Tag?" Kerri trat auf ihn zu und begrüßte ihren Mann mit einem zarten Kuss auf die Lippen. Lutz nahm seine Frau in die Arme und grinste. "Kerri-Schatz, was gibt's denn zu essen", fragte er neckend, wohlwissend, dass er seine Frau mit einer solchen Frage immer ärgern konnte. Üblicherweise war das Abendessen um diese Uhrzeit noch nicht fertig. Doch der heutige Abend bildete eine Ausnahme und Kerris Antwort kam prompt und nicht ohne eine gewisse Genugtuung: "Es gibt ein Brathähnchen und wir können in fünf Minuten essen." 'Ups, reingefallen', dachte Lutz, aber er wusste, wann er verloren hatte. "In Ordnung, Du hast gewonnen", machte er dann und gab der Frau mit den kinnlangen dunkelblonden Haaren noch einen Kuss auf die Wange. Kerri trug einen modischen Haarschnitt, der ihren leicht herben Gesichtszügen einen weichen Akzent verlieh. Und gerade strahlten ihre saphirblauen Augen Lutz triumphierend an. 

Gegen 22:30 Uhr saß Lutz in seinem Arbeitszimmer und hatte seinen PC hochgefahren. Kerri saß oben im Bett und las ein Buch – ihre Lieblingsbeschäftigung. 'Sicher wieder irgendeine Arztliebesschnulze', ging es Lutz flüchtig durch den Kopf, als er sich vor seinen Computer setzte. Manuel schlief um diese Zeit bereits. 'Kein Elan mehr, die heutige Jugend', monierte Lutz in Gedanken. In seinem Alter wäre er zu dieser Zeit noch nicht im Bett gewesen. Dann startete er das E-Mailprogramm, um seine Nachrichten abzurufen. 

"Oh, das könnte interessant sein", meinte Lutz zu sich selbst, als er eine Mail von Insa Leman entdeckte, die er für sein Theaterprojekt um ihre Mithilfe gebeten hatte. Immerhin hatte sie ihm geantwortet und er war neugierig darauf, was sie ihm schrieb.

Sehr geehrter Herr Bach!

Herzlichen Dank für Ihre E-Mail und die freundlichen Anmerkungen zu meiner Webseite. Ich danke Ihnen ebenso für das in mich gesetzte Vertrauen, bezüglich Ihres Projektes "Zuhaus' in fremden Betten". Dieses Bühnenstück ist mir in der Tat vertraut, sah ich es doch vor Jahren einmal in Berlin in einem kleinen Theater.

Üblicherweise übernehme ich solche Arbeiten allerdings nur gegen ein angemessenes Honorar, da eine solche Medienarbeit, wie sie für ein derartiges Projekt ansteht, sehr aufwendig sein dürfte.

Nun handelt es sich hierbei um eine Sache für einen guten Zweck und daher möchte ich nicht von vorneherein ablehnen und mir die Angelegenheit einige Tage durch den Kopf gehen lassen. Ich bin sicher, dass Sie hierfür Verständnis haben und Sie meinten ja, ist es nicht so eilig.

Sicherlich werde ich mich in den nächsten Tagen nochmals bei Ihnen melden, wünsche Ihnen bis dahin viel Erfolg bei der weiteren Planung.

Mit freundlichen Grüßen

Insa Leman

Na ja, sie hatte nicht gleich abgelehnt, ging es Lutz durch den Kopf und er formulierte rasch einige Zeilen, in denen er ihr für ihre Antwort dankte und meinte, dass sie sich ruhig so lange Zeit lassen sollte, wie sie brauchte. Lutz beantworte noch einige andere private Mails, dann schaltete er seinen PC aus und ging hinauf ins Schlafzimmer. Kerri war über ihrem spannenden Buch eingeschlafen und träumte bereits mit einem Lächeln auf den Lippen. Er nahm ihr das Buch aus der Hand, achtete darauf, das Lesezeichen, das auf dem Nachttisch lag, an der richtigen Stelle einzuschieben und legte das Buch zugeschlagen neben das Bett. Dann berührte er kurz mit seinem Mund ihre Stirn und ging ebenfalls zu Bett.

***

In den folgenden zwei Wochen hatte Lutz sehr viel Arbeit und auch etliche Außentermine. Von Insa Leman hörte er in dieser Zeit nichts. An einem Dienstag kam er gerade einmal wieder von der Besichtigung eines Wohnhauses im Frankfurter Süden in sein Büro zurück. Als Nächstes würde das Exposé dazu folgen. Er hatte sich schon an seinen Schreibtisch gesetzt und sich über die Tastatur seines Computers gebeugt, als es an seiner Tür klopfte. 

"Ja, bitte ... herein", rief Lutz, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Marianne Hoppe, eine Arbeitskollegin, die gerade erst seit sechs Monaten oder so in der Firma war, steckte den Kopf zur Tür herein. "Hallo Herr Bach", sagte sie mit einer leisen, fast kindlichen Stimme, "haben Sie mal einen Moment für mich?" Lutz besann sich seiner guten Kinderstube und erhob sich von seinem Sessel. "Frau Hoppe, nett Sie zu sehen, kommen Sie doch herein", er gab ihr die Hand und bot ihr einen Stuhl vor seinem Schreibtisch an, wartete bis sie saß, dann setzte er sich ebenfalls. "Wie geht es Ihnen und was führt Sie zu mir", fragte er aufmunternd. "Danke gut", lächelte die Kollegin. "Ich habe vor einigen Tagen Ihren Aushang am schwarzen Brett gesehen, Sie suchen einen Grafiker, für ein wohltätiges Projekt, nicht wahr?" Lutz nickte und fragte: "Kennen Sie jemanden?" Die Frau reichte ihm einen Zettel über den Schreibtisch. "Das ist eine Freundin von mir", erklärte sie dann. "Sie ist Grafikerin bei einer kleinen Firma in Hanau und könnte Ihnen vielleicht helfen. Meine Bekannte ist noch nicht allzu lange in dem Job tätig, aber ganz gut und wenn es nicht zu viel von ihrer Freizeit in Anspruch nehmen wird, dann könnte sie einige zusätzliche Aufgaben übernehmen." 

Lutz studierte den Zettel, auf dem der Name »Marion Wielke« und eine Telefonnummer aus Nidderau handschriftlich notiert waren. "Danke, da werde ich gleich heute Abend mal anrufen", Lutz schenkte Marianne Hoppe ein charmantes Lächeln und begleitete seine Kollegin noch zur Tür. Als er zu seinem Schreibtisch zurückging, dachte er noch daran, wie der Zufall doch manchmal zu Hilfe eilen konnte. Schließlich kennt immer einer, einen, der einen kennt. Zufrieden grinste Lutz in sich hinein und verstaute den Zettel in seiner Aktentasche. "Und nun bitte das Exposé", motivierte er sich selbst und vertiefte sich in die Unterlagen.

Am Abend telefonierte er mit der Grafikerin und siehe da, die Dame mit der wohlklingenden Stimme war bereit für das Theaterprojekt ehrenamtlich zu arbeiten, alles Weitere wollte man später besprechen. 'Jetzt fehlt nur noch die Zusage von dieser Frau Leman', dachte Lutz optimistisch. Diese kam dann aber erst zum Ende der Woche als E-Mail in sein Postfach geflattert. Lutz öffnete sie am Freitag, kurz vor Mitternacht:

Guten Tag Herr Bach!

Wie versprochen melde ich mich bei Ihnen wieder (mit einigen Tagen Verspätung – Entschuldigung!), um auf Ihre Anfrage bezüglich des Theaterprojektes zu antworten.

Ich habe mich dazu entschlossen, Ihnen und Ihrem Projekt zu helfen und honorarfrei zu arbeiten. Die anfallenden Materialkosten müsste ich dann aber mit Ihnen abrechnen? Ich weiß zwar noch nicht allzu viele Einzelheiten über diese Sache, aber sie interessiert mich nicht zuletzt auch aus sentimentalen Gründen, die meine Vergangenheit betreffen (ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich das Stück als Teenager sah). Etwas für einen guten Zweck und noch dazu für eine neue Organisation zu tun, reizt mich überdies sehr. So wie jeder einmal im Leben einen Baum pflanzen sollte, denke ich, hat jeder auch die Aufgabe, mal etwas Gutes zu tun.

Und in diesem Sinne lassen Sie uns tatkräftig ans Werk gehen! Ich bin sicher, dass Sie mich in den nächsten Tagen noch über weiteren Einzelheiten informieren werden?

Mein Nachname spricht sich übrigens deutsch aus, also quasi wie Lehmann, nur dass wir auf die überflüssigen Buchstaben verzichten. Das spart Zeit beim Unterschreiben.

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende für Sie!

Insa Leman

"Bingo, hast'e nich' gesehen", entfuhr es Lutz lautstark. "Und poetisch ist sie auch noch." Also, wenn das kein gutes Omen war. Er hatte es geschafft, innerhalb einer Woche zwei Mitarbeiter zu mobilisieren, die er noch nicht einmal kannte. Momentan fühlte er sich, als ob er Bäume ausreißen könnte. Aber nein, diese Insa hatte ja was vom Pflanzen geschrieben und nicht vom Ausreißen. Gleich morgen wollte er Björn anrufen und ihm die frohe Botschaft mitteilen.

Zunächst einmal sendete er aber Insa Leman eine Antwort. Er dankte ihr für ihre Bereitschaft zu helfen, für die nett formulierte Mail und versprach, ihr in den nächsten Tagen Näheres zu dem geplanten Projekt zusammenzustellen und ihr zukommen zu lassen. 

Lutz lehnte sich entspannt in seinem Schreibtischsessel zurück. Die Rückenlehne federte bequem nach hinten und wie von selbst schwebten seine Beine in einer einzigen fließenden Bewegung hoch in die Luft und landeten zielsicher, bereits übereinandergeschlagen, auf der rechten hinteren Schreibtischkante. Lutz fuhr sich mit beiden Händen durch sein kurzes lockiges, schwarzes Haar und dachte nach.

Er freute sich auf dieses Projekt, war es doch schon lange her, dass er mal etwas nur für sich tat. Sein Herz hing an dieser Sache, das wurde ihm gerade bewusst. Zwar füllte ihn sein Job aus, doch sein Privatleben eher weniger. Manuel ging mit seinen 15 Jahren schon oft eigene Wege und fand es cool mit seinen Freunden herumzuhängen, die Eltern rückten so langsam in den Hintergrund. Und Kerri – ja, er liebte sie, aber sie lebte irgendwie in ihrer eigenen (Roman-) Welt und manchmal war es so, dass er gar nicht an sie herankam. Das war seit der Fehlgeburt so, die sie wahrscheinlich bis heute nicht gänzlich verwunden hatte. 

Lutz schloss die Augen und legte die Hände in seinen Nacken. Nun würde er sich in das Theaterprojekt einbringen und er freute sich darauf, seine beiden Mitstreiterinnen kennenzulernen. Er musste beiden unbedingt das »Du« anbieten, damit diese lästige Siezerei aufhörte. Schließlich würden sie zukünftig viel Zeit miteinander verbringen. 

Vor seinen geschlossenen Lidern sah er einen bunten Schmetterling auf und ab tanzen und ihm war noch im Halbschlaf bewusst, dass dieses schöne Insekt sicher nicht zu seinen Gedanken gehörte, sondern ihm anzeigte, dass er sich bereits im Land der Träume befand. Augenblicke später war er fest eingeschlafen.

*~*~*~*~*~*~*

Kapitel 3 | EIN FLIRT MIT EINEM SYMPATISCHEN MANN?

Insa zog ihre Strickjacke fester um die Schultern, als sie aus der Haustür hinaustrat und die gut fünf Meter bis zum Briefkasten lief. Von Norden her wehte ein kühler Wind und obwohl es Insa noch gar nicht danach zumute war, schien es endgültig Herbst zu werden. Es war Ende September und eigentlich gab es keinen Grund, sich zu beklagen. Denn es war ein traumhafter Sommer gewesen mit reichlich schönem, sonnigen und warmen Wetter. Auch die Bauern hier in Harb zeigten entspannte Gesichter und schienen mit ihrer Ernte zufrieden zu sein. Insa mochte den Winter und die kühlere Jahreszeit nicht. Wärme brachte Geborgenheit und Wohlbefinden und Insa liebte die Sonne. 

Jetzt nahm sie rasch die Post aus dem Briefkasten und beeilte sich, ins Haus zurückzukommen. Außerdem sah es nach Regen aus. An der Fußmatte streifte sie automatisch ihre Schuhsohlen ab und schloss die Tür hinter sich. Dann marschierte sie schnurstracks ins Arbeitszimmer, um die Post zu öffnen. Etwas Wichtiges war nicht dabei, wohl aber ein Brief mit dem Absender von Sebastian Thaler. In dem Umschlag war ein Scheck mit ihrem Honorar für die Veranstaltung in Kirchheim. Zwar hatte Insa wie versprochen sofort ihre Rechnung nach Seebruck geschickt, doch hatte es noch mehrere Wochen gedauert, bis Sebastian diese ausgeglichen hatte. Insa schmunzelte, denn so war es eigentlich immer. Ihr lieber Freund hatte den Kopf immer so voll mit anderen Dingen, dass er darüber schon mal seine Post und die Rechnungen vergaß. Aber Insa war ihm deswegen nicht böse, denn letztendlich vergaß er sie nie. Und außerdem waren er und Carola ja noch in Urlaub gewesen. Insa steckte sich den Scheck in die Handtasche und würde ihn am Nachmittag ihrer Bank einreichen. Eigentlich war Sebastian der einzige ihrer Kunden, der noch Schecks ausstellte. Alle anderen nutzten moderne Überweisungsmethoden. 

Mit Herbstbeginn wurden auch die Openair-Veranstaltungen weniger und für Insa begann eine sittsamere Zeit in der sie mehr zu Hause war und von ihrem Schreibtisch aus arbeitete. Am kommenden Samstag würde sie zwar noch nach Braunschweig, zu einer Fohlenschau fahren, aber das konnte sie innerhalb eines Tages abhandeln und wäre am späten Abend wieder zu Hause.

Ein Blick in Insas digitalen Terminplaner verriet der Journalistin, dass dies tatsächlich bis auf Weiteres der letzte Außentermin war. Sie freute sich auf ein wenig mehr Freizeit, obwohl sie bereits ahnte, dass das Theaterprojekt sie mehr und mehr vereinnahmen und ganz gut beschäftigen würde. Noch hatte sich keine Gelegenheit für Insa ergeben, ihre beiden Mitstreiter real kennen zu lernen, doch hatte sich zwischen ihr und Lutz-Peter ein reger E-Mailkontakt entwickelt. 

Insa scrollte weiter im Kalender und sah, dass sie in der kommenden Woche noch einen Besprechungstermin in einer Redaktion in Offenbach hatte. Wenn sie sich recht erinnerte, dann wohnte und arbeitete Lutz-Peter doch in dieser Stadt. Vielleicht würde sich eine Gelegenheit zu einem Treffen ergeben. Da Insa sich aber nicht so ganz sicher war, suchte sie in ihrem PC nach einer älteren E-Mail von ihm, um herauszufinden, ob es tatsächlich Offenbach war. Es dauerte nicht lange und sie glaubte gefunden zu haben, wonach sie suchte:

Hallo Frau Leman!

Ich hatte Ihnen ja angedroht ;-), dass ich Ihnen nochmals einige Informationen über "unser" Theaterprojekt zusammenstellen wollte.

Also, ursprünglich war das mal eine Idee meines langjährigen Freundes Björn Felix, den Sie sicher auch bald einmal kennen lernen werden. Er ist ehrenamtlicher Leiter eines Jugendförderungsprojektes, das sich insbesondere für sozial schwache Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren einsetzt. Die Mädchen und Jungen werden von der Straße geholt und ihnen wird ein umfassendes Freizeitangebot gestellt, das Sport, Gesellschaftsspiele, Kino- und Zoobesuche, sowie auch Theaterspiele umfasst. Finanziert wird das Ganze durch eine städtische Initiative und private Spenden, aber das Budget ist minimal. Natürlich besteht für die Jugendlichen kein Zwang an der Teilnahme. Ihnen wird eben nach der Schule noch was geboten und bevor sie dann 'rumhängen, kommen sie lieber ins Jugendzentrum. Das steht übrigens auch in Hanau und ist eine alte Lagerhalle, die mal abgerissen werden sollte, doch die Jugendlichen haben sie in Eigeninitiative wiederhergerichtet. Da werden Erinnerungen an "Krempoli" wach, nicht wahr? :-)

Aber zurück zu Björn Felix! Der ist im wirklichen Leben Tierarzt und eben nur nebenbei für die Kids tätig. Er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, einigen schauspielerisch begabten Jungen und Mädchen ein Theaterstück beizubringen. Das soll eben "Zuhaus' in fremden Betten" sein – keine Ahnung, was es mit diesem Stück auf sich hat und warum er gerade das ausgesucht hatte!

Geld verdienen darf die Truppe jedoch nicht mit der Aufführung, doch sie dürfen den Erlös einer wohltätigen Einrichtung spenden. Björn hat einen Freund, den ich allerdings nicht kenne und der einen Kinderkrebshilfe-Fond gegründet hat und dringend finanzielle Unterstützung zum Aufbau benötigt.

Neben Ihnen und meiner Wenigkeit gehört übrigens noch eine weitere Dame zu unserer kleinen Organisation. Es ist Marion Wielke, sie ist Grafikerin und wird für uns die Druckstücke entwerfen. Sie hat auch die Möglichkeit, diese zu sehr günstigen Preisen in der Druckerei anfertigen zu lassen, in der sie arbeitet.

Wir drei sollten uns bald einmal zu einem ersten Gespräch treffen, damit wir uns "beschnuppern" können und vielleicht im Groben schon die Aufgabengebiete abstecken, damit wir genau wissen, was jeder beitragen kann und will. Das alles ist ja eine freiwillige Sache und jeder sollte nur so viel tun, wie er selbst auch verantworten kann. Ich denke, das ist auch ganz in Ihrem Sinne?

Das soll's erst mal von mir gewesen sein, sonst wird's wohl zu viel. In den nächsten Tagen kommt dann noch etwas mehr.

Beste Grüße und auf bald!

Lutz-Peter Bach

'Ich weiß etwas, was Sie nicht wissen, werter Herr Bach', dachte Insa. Vor zwei Wochen hatte sie nämlich in einer stillen Stunde ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass der Berliner Hans Borgelt 1976 den Roman »Zuhaus' in fremden Betten« geschrieben hatte, woraus später ein Theaterstück und sogar ein Film entstand. Und es war Insa schon klar, warum dieser Björn Felix es für seine Jugendgruppe ausgewählt hatte. Schließlich ging es darin ja auch um vier Teenager, die die Hauptrollen spielten. Einige Erwachsene spielten dort auch mit, nämlich die Eltern dieser Teenager. Vermutlich würden diese aber in der Felix-Inszenierung ebenfalls von Jugendlichen dargestellt werden. 

Tja, nur leider enthielt diese Mail auch nicht die Information, nach der Insa gesucht hatte und so öffnete sie eine weitere Nachricht von Lutz-Peter:

Hallo Insa!

Ich bitte direkt um Entschuldigung für die formlose Anrede, möchte dafür gerne nachträglich um Erlaubnis bitten und auch darum, dass wir in Zukunft auf das förmliche "Sie" verzichten und zum freundschaftlichen "Du" übergehen, was die weitere Zusammenarbeit sicher erleichtern wird. Sollte das nicht in Deinem Sinne sein, bitte ich um eine schnelle Nachricht und ich werde das ohne Wenn und Aber akzeptieren!

Ich hatte Dir ja schon angedroht, dass ich mich nochmals melden würde. Da ich bereits vieles von Dir durch die Webseite weiß, möchte ich so fair sein und mal ein wenig von mir erzählen.

Von Beruf bin ich Immobilienmakler und arbeite in Offenbach. Ich bin verheiratet (mit Kerri, 42), habe einen Sohn (Manuel, 15) und lebe mit meiner Familie (ohne Hund oder Katze!) ebenfalls in Offenbach. Wir wohnen dort sehr gerne und genießen die nette und unkomplizierte Nachbarschaft. Ich bin 42 Jahre alt, zuweilen ein Träumer und ein großer Fan alter amerikanischer schwarzweiß Filme. Du weißt schon, Keaton, Chaplin usw. :-)

Ansonsten liebe ich, was das Leben so zu bieten hat und bin überzeugt davon, dass es noch so manche Überraschung für mich in petto hat, lasse aber alles auf mich zukommen.

Ich denke, dass Du Dir nun schon mal ein ungefähres Bild von mir machen kannst, alles Weitere wird dann sicherlich im Laufe der Zeit nachkommen.

Herzliche Grüße und einen guten Start in die Woche wünscht

Lutz

Ah, also doch Offenbach, Insa freute sich über ihr gutes Gedächtnis. Natürlich hatte sie nichts gegen die vertrauliche Anrede von Lutz einzuwenden gehabt und fand es in Anbetracht des gemeinsamen Projektes sogar förderlich. Das hatte sie ihm im August auch gleich zurückgeschrieben. Inzwischen, nach weiterem E-Mailkontakt, war es bereits zur lieben Gewohnheit geworden. Außerdem schien Lutz sehr sympathisch zu sein. 

Jetzt schrieb sie ihm eine kurze Nachricht, wonach sie in der kommenden Woche, am Mittwoch in Offenbach sein würde und ob Lutz nicht vielleicht einige Minuten Zeit für einen Kaffee hätte, sodass man sich kurz kennen lernen könnte. Auf eine Antwort brauchte Insa auch nicht lange zu warten. Lutz meinte, dass er an diesem Tag im Büro wäre und sie sollte doch einfach kurz durchrufen, wann sie in der Nähe wäre, er würde sich dann 30 Minuten oder so freinehmen. Seine Büro-Telefonnummer hatte er auch noch angefügt.

Insa tippte den Termin gleich unter den anderen für Mittwoch in die Kalenderfunktion ihres Smartphones. Dann schaute sie auf und glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Ein zitronengelber Schmetterling mit braunen Flecken flatterte direkt vor ihren Augen durch den Raum, zackte unsicher hin und her und ließ sich dann zielsicher auf dem Bildschirm ihres Computers nieder. "Ja wo kommst Du denn jetzt noch her", entfuhr es Insa und betrachtete mit leuchtenden Augen das schön gezeichnete Insekt. "Dann will ich Dir mal helfen", murmelte sie, "denn, obwohl Du sehr schön an meinem PC aussiehst, gehörst Du in die Freiheit." Vorsichtig umschloss sie mit beiden Händen den Schmetterling und ging langsam in Richtung Haustür. Die Flügel des Falters kitzelten ihre Handflächen und Insa musste lachen. "Ja, ja", sagte sie zu dem Insekt, "gleich bist Du wieder frei". Mit dem Ellbogen drückte sie die Klinke der Tür hinunter und schob sie mit dem Fuß weiter auf. Dann öffnete sie die Hände. Der Schmetterling klappte probeweise seine Flügel auf und zu, dann schwebte er elegant davon.

***

Insa saß in ihrem Peugeot und suchte die Kampstraße in Offenbach. Ihr Termin in der Lokalredaktion war schnell erledigt gewesen und positiv verlaufen, sie hatte einen neuen Auftrag für eine Webseite in der Tasche. In zwei Wochen, wenn der Redaktionsleiter aus seinem Urlaub zurückgekehrt war, würde sie nochmals nach Offenbach fahren, um mit ihm weitere Einzelheiten zu besprechen. 

Nun war es später Vormittag und über die Freisprecheinrichtung ihres Mobiltelefons wählte sie die Rufnummer von Lutz' Büro an, das eigentlich hier ganz in der Nähe sein musste, wenn sie sich nicht verfahren hatte. Flüchtig dachte Insa noch darüber nach, dass sie noch nie mit Lutz telefoniert hatte. Es tutete zweimal in der Leitung, dann meldete sich eine männliche Stimme mit "Bach". Insa holte Luft und sagte laut ins Mikrophon: "Hallo Lutz, hier ist Insa – weißt Du noch, dass wir uns heute treffen wollten?" Der Lautsprecher übertrug ein amüsiertes Lachen in Insas Auto. "Aber selbstverständlich weiß ich das noch", hörte Insa eine selbstbewusste Stimme. "Bist Du schon in der Nähe", fragte Lutz dann.

Insa schaute sich ein wenig verzweifelt um und erblickte in diesem Moment das Straßenschild, nach dem sie Ausschau gehalten hatte. "Ja, ich stehe quasi vor dem Gebäude und muss nur noch einen Parkplatz finden. Soll ich zu Dir 'rauf kommen oder kommst Du hinaus", wollte sie wissen. "Wie wäre es, wenn Du 'rauf kommst, ich würde Dir hier gerne kurz was zeigen und dann können wir in ein gemütliches Bistro in der Nebenstraße gehen, wenn Du magst", lautete die Antwort. 

Insa hatte eine Parklücke gefunden und lenkte ihren Wagen hinein. "Hört sich gut an, dann bin ich gleich bei Dir. Was hast Du gesagt, welches Stockwerk und welches Zimmer?" Die Antwort kam prompt: "Zweite Etage, Zimmer 23 und mein Name ist Bach", setzte Lutz trocken dahinter. Insa grinste ihr Telefon frech an, als ob sie in dem Display Lutz' Abbild sehen könnte und konterte sofort: "Bach – wie der Kabarettist?" Am anderen Ende war ein ersticktes Lachen zu hören. "Du hättest mich ja auch netterweise mit Johann Sebastian, dem Komponisten vergleichen können", schmollte Lutz. Jetzt lachte Insa. "Okay, dann bis gleich, Johann!" Damit legte sie auf und stieg aus dem Auto.

Insa stellte fest, dass sie unmittelbar vor dem Eingang des Bürogebäudes geparkt hatte, sie legte die wenigen Schritte bis zur Tür zurück und stieß diese schwungvoll auf. Drinnen suchte sie gar nicht erst lange, sondern ging sofort auf den Aufzug zu und drückte auf den Knopf. Augenblicklich schwangen die beiden Flügel der Kabine auf und Insa trat hinein. Sie drückte die »2« und die Türen schlossen sich wieder. 

Wenige Augenblicke später stand Insa vor der Tür mit der Nummer 23. Auf dem kleinen Messingschildchen darunter stand Lutz-Peter Bach geschrieben. Sie klopfte an, wartete kurz und drückte dann die Klinke hinunter. Insa betrat das Vorzimmer und eine Dame mit kurzen dunkelbraunen Haaren und kleinem Gesicht schaute ihr erwartungsvoll entgegen. "Guten Tag, mein Name ist Insa Leman, Herr Bach erwartet mich", sagte Insa freundlich. Lutz' Assistentin lächelte und wies auf eine Tür rechts von ihrem Schreibtisch: "Ja, ich weiß Bescheid, gehen sie doch direkt durch." Insa bedankte sich und klopfte wiederum. Bevor sie jedoch irgendetwas tun konnte, wurde die Tür bereits von innen aufgezogen. Insa schwankte ein wenig, fing sich dann aber schnell wieder und betrat das Büro. 

"Insa, freut mich, Dich kennen zu lernen", Lutz begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln und hielt ihr seine Hand entgegen. Insa erwiderte sein Lächeln, ergriff seine Hand und meinte: "Ja, ich freue mich auch, guten Tag Lutz." Der Immobilienmakler bat seinen Gast hinein, schloss die Tür und bot ihr den linken Stuhl vor seinem Schreibtisch an. Lutz ging zu seinem Arbeitsplatz zurück, setzte sich Insa gegenüber und öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als das Telefon läutete. Bedauernd blickte er zu Insa hinüber. "Tut mir leid, ich mache es kurz." Insa winkte ab. "Kein Problem, schließlich arbeitest Du hier." 

Lutz telefonierte und das gab Insa die Möglichkeit, ihr Gegenüber ein wenig genauer zu betrachten. Als er vor ihr stand, war ihr sofort seine Größe aufgefallen, er war vielleicht 1,83 oder 1,85, schätzte Insa. Er hatte pechschwarzes Haar mit einigen wenigen silbernen Fäden. Es war kurz geschnitten, doch das konnte die natürlichen Locken nicht davon abhalten, hier und da eigene Wege zu gehen. Lutz trug einen ebenso schwarzen Oberlippenbart, der nunmehr bei jedem Wort auf und ab tanzte. Seine Augen hatten ein kräftiges dunkelbraun und seine Gesichtszüge waren nicht ganz so hart, wie seine tiefe Stimme vermuten ließ.

Lutz trug eine schwarze Stoffhose, ein weißes Oberhemd mit dezent bunter Krawatte. Sein grau-kariertes Sakko war ordentlich auf einem Bügel an der Garderobe neben der Tür aufgehängt, eine helle Jacke hing am Haken. Insa fragte sich gerade, warum sie eigentlich so nervös war, als Lutz sein Telefonat beendete. "Verzeihung", entschuldigte er sich nochmals. "Der Anrufer hat ein schlechtes Timing." Insa machte eine wegwerfende Handbewegung. "Hey, wenn ich hier schon während Deiner Arbeitszeit auftauche, muss ich doch damit rechnen, oder?" Lutz drehte seinen linken Arm, schaute auf seine Uhr und schüttelte dann den Kopf. "Eigentlich habe ich seit 3 Minuten und 12 Sekunden Mittagspause, aber das nehme ich natürlich nicht so genau", erklärte Lutz. "Eigentlich lege ich meine Mittagspause immer so, wie es arbeitsmäßig am besten passt, daher ist es sehr unregelmäßig. Ursprünglich hatten wir mal feste Zeiten, aber darauf achtet hier eigentlich niemand mehr." 

Lutz schaute Insa an und verunsicherte sie damit ein wenig. Sie überwand jedoch den Impuls den Blick zu senken, hielt dem seinen Stand und fragte schließlich lächelnd: "Und was wolltest Du mir zeigen?" Wenn Lutz enttäuscht war, dass sein Versuch sie in Verlegenheit zu bringen misslungen war, dann ließ er es sich nicht anmerken. "Ja, richtig", machte er und drehte den Bildschirm seines Computers so, dass Insa auch etwas sehen konnte. "Ich habe gestern eine interessante Webseite gesehen, die ich Dir zeigen wollte", erklärte er dann und tippte auf seiner Tastatur herum. 

Insa beugte sich vor um besser sehen zu können und die Homepage eines Theaterensembles wurde sichtbar, in der sich die Truppe vorstellte und auch die Stücke, die sie in diversen Städten vortrugen. Die Seite war einfach, aber informativ gestaltet. "Ich glaube, so etwas brauchen wir auch", bemerkte Lutz mit einem raschen Seitenblick auf Insa. "Ich weiß, dass Du Webseiten erstellst, wäre es zu viel verlangt, wenn Du etwas ganz Einfaches auch für unser Projekt bauen würdest?" Sein treuherziger und gewinnender Blick erinnerte Insa unweigerlich an Sebastian, der auch immer so einen Gesichtsausdruck aufsetzte, wenn er etwas von ihr wollte. Den »bettelnden Hundeblick« nannte Insa das immer und fast hätte sie laut aufgelacht, als sie realisierte, dass Lutz diesen ebenso perfekt beherrschte, wie ihr Freund. Sie beschränkte sich jedoch darauf, vielsagend zu schmunzeln. "Ich denke schon, dass das geht. Du hast recht, wir brauchen eine eigene Webseite, ich kümmere mich darum", versprach sie. 

"Fein", freute sich Lutz. "Nachdem das geklärt ist, könnten wir ja jetzt ins Bistro gehen, ich habe nämlich Hunger." Damit erhob Lutz sich aus seinem Sessel und auch Insa stand auf. Lutz nahm seine Jacke vom Haken und zog sie über. Höflich öffnete er Insa die Bürotür und hielt sie ihr anschließend auf. "Danke", sagte Insa und ging voraus. "Stefanie, ich mache jetzt Mittagspause und bin spätestens um halb zwei wieder zurück", erklärte Lutz seiner Sekretärin draußen im Vorzimmer. Dann verließ er gemeinsam mit Insa das Büro und sie fuhren im Fahrstuhl nach unten.

"Es ist nicht weit, wir könnten zu Fuß gehen, wenn es Dir recht ist", wandte sich Lutz auf der Straße an Insa. Sie stimmte zu und gemeinsam legten sie die fünf Minuten bis zu dem Bistro zurück. Dort angekommen wählten sie einen Tisch am Fenster. Es war ein gemütliches Lokal mit vielen alten Werbeplakaten, die aus den 1950er und '60er Jahren stammten. "Was möchtest Du trinken", fragte Lutz, nachdem sie Platz genommen hatten. "Ich denke, ich nehme einen Orangensaft", erwiderte Insa und Lutz bestellte auch einen für sich bei der Kellnerin.

"Kommst Du oft hierher", wollte Insa wissen. Lutz wandte seinen Blick von der alten Pernod-Reklame, die über Insas Kopf hing zu ihr zurück und meinte. "Ja, so ein bis zweimal in der Woche. Unser Büro bekommt hier Prozente. Aber wenn ich jeden Mittag hier essen würde, bekäme ich mein Gewicht gar nicht mehr unter Kontrolle. Daher werde ich mir heute auch nur einen Salat gestatten." Letzteres sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Ja, es stimmte, Insa war aufgefallen, dass Lutz nicht der Schlankste war. Aber bei seiner Körpergröße fiel das nicht sonderlich ins Auge. 

"Das mit dem Salat hört sich gut an, ich glaube, das ist auch etwas für mich", sagte Insa dann und nahm Lutz die Speisenkarte aus der Hand, die er ihr spontan anreichte. "Danke, sehr aufmerksam", bemerkte sie und schlug die Karte auf. Schnell hatte sie sich entschieden und stellte später beim Bestellen fest, das Lutz den gleichen Salat ausgesucht hatte.

Sie trank einen Schluck aus ihrem Glas und Lutz tat es ihr gleich. "Ich finde, wir sollten mal einen Termin für ein Treffen zu dritt ausmachen. Vielleicht kann ich Björn auch dazu bitten, aber bei ihm ist das immer so eine Sache mit den Terminen, er hat kaum Zeit." Lutz stellte sein Glas wieder ab und beobachtete, wie Insa ihr Smartphone aus der Tasche zog und die Kalenderapp startete. "Dann lass' uns doch gleich mal einen Termin ausmachen, hattest Du schon etwas mit Marion besprochen", fragte Insa erwartungsvoll. Lutz schüttelte den Kopf. "Nein, nicht direkt, ich habe zwar einige Male mit ihr telefoniert, aber sie meinte, dass sie abends eigentlich immer Zeit hätte, sie ist Single musst Du wissen."

"Aha", machte Insa. "Was hältst Du davon, wenn wir einen Termin ausmachen und noch einen Ersatztag, wenn der erste Marion nicht passen sollte?" Lutz nickte. "Gute Idee", bestätigte er, "ich habe zwar jetzt meinen Terminplaner nicht dabei, aber ohnehin die meisten Einträge im Kopf. Also, schlag einfach was vor."

Schnell hatten sie sich auf einen Termin in der kommenden Woche geeinigt und auch noch eine Ausweichmöglichkeit gefunden. "Fragt sich nur noch wo", meinte Insa dann. Lutz wollte gerade etwas erwidern, als die Salate und das Brot gebracht wurden. Nachdem die Kellnerin wieder gegangen war, fragte Lutz, ob sie das »Café Emerald« in Hanau kennen würde. "Ja", erklärte Insa ohne zu überlegen. "Schließlich bin ich in Hanau geboren, aber ob Du es glaubst oder nicht, ich war noch nie da 'drin." Lutz schaute sie amüsiert an, während er einige Salatblätter auf seine Gabel spießte, sie in die Joghurtsoße tunkte und anschließend genüsslich in seinem Mund verschwinden ließ. Er wartete einige Augenblicke, während auch Insa ihre Mahlzeit begann und fuhr dann fort: "Ist nett dort. Abends bedient dort fast immer ein schwarzer Kellner. »Sam« heißt der und stammt aus Alabama/USA. Na ja, eigentlich ist er schon hier geboren, aber seine Eltern wanderten Ende der '50er nach Deutschland aus." Lutz machte eine kleine Pause und trank noch einen Schluck von seinem Saft. "Witzig ist allerdings, dass Sam einen amerikanischen Slang hat, den er sich irgendwann mal angewöhnt haben muss. Ich vermute allerdings, dass er auch hochdeutsch reden kann, aber sicher denkt er, dass er so mehr Trinkgeld bekommt." Lutz grinste verschmitzt und aß weiter. 

"Man hat ja auch gewisse Vorstellungen", bemerkte Insa zwischen zwei Bissen. "Stell' Dir beispielsweise mal einen Japaner mit einem bayerischen Akzent vor, da käme man sich als Deutscher doch auf den Arm genommen vor, oder nicht?" Lutz lachte herzhaft bei dieser Vorstellung. "Ja", erwidert er dann erheitert. "Da hast Du sicher recht, aus dieser Perspektive hatte ich es noch gar nicht betrachtet." 

Lutz hatte seinen Salat aufgegessen und Insa beobachtete, wie er nach einem Stück Brot angelte, um damit die leckere Salatsoße aufzutunken. "Aber um auf das Café zurückzukommen, es liegt eigentlich recht zentral zwischen unseren drei Wohnorten", erklärte er, während er ein mit Joghurt getränktes Stück Brot in seinen Mund schob. "Marion wohnt ja in Nidderau", fügte er noch an. 

Insa hatte ihre Mahlzeit ebenfalls beendet und nickte. "Ja, genau ich erinnere mich. Ich glaube auch, dass es ganz gut ist, wenn wir uns dort treffen und auf Sam bin ich schon sehr gespannt." Die Kellnerin kam und räumte das Geschirr ab. Insa bestellte noch einen Kaffee, Lutz einen weiteren Orangensaft.

Den Rest der Mittagspause unterhielten sie sich angeregt, über das gemeinsame Projekt, seine Arbeit, ihre Arbeit und die Zeit verging wie im Fluge. Insa genoss es, sich mit Lutz zu unterhalten, der ein wortgewandter und humorvoller Gesprächspartner war. Schon jetzt ahnte sie, dass sie gut zusammenarbeiten würden. 

Lutz schaute auf seine Armbanduhr, die ihm 13:25 Uhr anzeigte. "Tut mir leid", sagte er dann, "aber ich fürchte, ich muss zurück ins Büro, die Arbeit ruft." Sie bezahlten und verließen das Bistro. An ihrem Wagen angekommen, reichte Lutz Insa die Hand. "Danke, es war ein schöner kurzweiliger Mittag", erklärte er und lächelte sie freundlich an. "Ja, ein nettes Gespräch", bestätigte Insa und drückte seine Hand zum Abschied. "Wir bleiben in Verbindung, bis bald", meinte Lutz, während Insa in den Peugeot stieg. "Ja, alles klar", antwortete sie. "Einen schönen Tag noch!" Lutz winkte ihr nochmals zu, bevor er im Haus verschwand.

Insa steckte den Schlüssel ins Zündschloss und wollte gerade den Wagen anlassen, als sie den kleinen rot-schwarzen Schmetterling bemerkte, der auf dem linken Scheibenwischer saß und seine Flügel in die Spätsommersonne reckte. "Seltsam", murmelte Insa. Warum sah sie nur in letzter Zeit so viele Schmetterlinge oder waren sie ihr bisher nur nicht aufgefallen?

***

Zwei Tage später erhielt Insa von Lutz eine weitere E-Mail mit dem Betreff »Termin nächste Woche«:

Hallo Insa!

Wie es zu erwarten war, kann mein Freund Björn leider in der nächsten Woche nicht an unserem gemeinsamen Treffen mit Marion teilnehmen. Ich habe aber gerade mit Marion telefoniert und ihr wäre der Donnerstag lieber. Das wäre dann unser Aus-weichtermin. Das Café Emerald kennt sie auch und sie versprach mir, gegen 19:00 Uhr dort zu sein. Wirst Du das auch schaffen?

Übrigens, nochmals danke für Deinen Besuch in Offenbach am Mittwoch. Ich habe mich sehr gerne mit Dir unterhalten und auch das Gefühl, dass es eine gute Zusammenarbeit werden wird und ich hoffe, es geht Dir auch so. Ich glaube, dass auch Marion sehr gut in unsere kleine Truppe passt und dann haben wir schon mal die "halbe Miete".

Also, dann sehen wir uns am Donnerstag in Hanau und wenn es bis dahin etwas Neues gibt, melde ich mich sicherlich wieder.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und bitte grüße Deinen Mann unbekannter Weise von mir!

Lutz

Also, Donnerstag – ja, das passte, schließlich hatte sie diesen Termin ja auch vorgeschlagen. Heute beim Abendessen wollte sie Günther sagen, dass sie an diesem Abend nicht zu Hause sein würde. Insa dachte auch gerne an das Gespräch im Bistro zurück. Grundsätzlich glaubte sie zwar an das Gute in jedem Menschen, doch dauerte es normalerweise schon ein wenig länger, bis sie mit einem Fremden warm wurde. Bei Lutz war das etwas anderes, irgendwie stimmte zwischen ihnen die Chemie und Insa entnahm Lutz' Worten in seiner Mail, dass er dies auch festgestellt hatte. Nun freute sich Insa darauf, in der nächsten Woche auch Marion kennen zu lernen und hoffte sehr, dass sie alle sich gut verstehen würden. Und wer weiß, vielleicht würde sich daraus ja auch eine Freundschaft entwickeln, die über die Abwicklung des gemeinsamen Projektes hinausging. 

Ein Blick auf die Uhr verriet Insa, dass es höchste Zeit war, sich um das Abendessen zu kümmern. Eine knappe Stunde noch, dann würde Günther nach Hause kommen. Und wie sie ihren Ehemann kannte, würde der eine große Portion Hunger mitbringen. Also begab sie sich in die Küche und warf einen Blick in die Schränke. Insa entschied sich für Chilibohnen mit Hackfleisch und Reis, legte sich die entsprechenden Zutaten zurecht und machte sich ans Werk.