10,99 €
Hört auf die Kinder! Kofi und Lille sind die besten Freunde der Welt und zusammen sind sie eine Bande. Eigentlich haben sie für die Erwachsenen jetzt gar keine Zeit, denn sie müssen dringend ein Geheimversteck finden. Aber weil die Großen ihr Zeug nicht allein geregelt bekommen und sich richtig in die Haare kriegen, müssen Kofi und Lille sich kümmern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 119
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die beste Bande der Welt
Kofi und Lille sind die besten Freunde der Welt und zusammen sind sie eine Bande. Eigentlich haben sie für die Erwachsenen jetzt gar keine Zeit, denn sie müssen dringend ein Geheimversteck finden. Aber weil die Großen ihr Zeug nicht allein geregelt bekommen und sich richtig in die Haare kriegen, als Gemüsehändler Dorukan den Baum vor seinem Laden fällen lassen möchte, müssen Kofi und Lille sich kümmern ... Zusammen mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft zeigen sie den Erwachsenen, wie man gemeinsam Probleme anpackt und Lösungen findet.
Kofi und Lille zeigen den Großen, wie das mit der Demokratie geht.
Von Jasmin Schaudinn ist bei dtv außerdem lieferbar:
Päckchensommer
Jasmin Schaudinn
Mit Illustrationen von Martina Schachenhuber
Ich bin Kofi und wenn ich groß bin, werde ich Chef.
Chefs verdienen richtig viel Geld und dürfen immer bestimmen, sagt meine Oma Nana. Und bestimmen kann ich richtig gut.
Eigentlich bin ich schon ziemlich groß. Ich bin auch stark und mutig, und ich weiß schon sehr viel. Ist ja klar, ich bin doch längst acht. Also fast. Und ich gehe schon seit Ewigkeiten in die Schule.
Nach der Schule bin ich meistens bei meiner Oma. Nana wohnt in der ersten Etage und Mama, Papa und ich in der zweiten. Aber meistens haben Mama und Papa gar keine Zeit zu wohnen, weil sie immer arbeiten müssen.
Und ich wohne eigentlich in der ganzen Straße, könnte man sagen. Ich bin ja ständig in der Schule, die ist auf der anderen Straßenseite. Und auf dem Spielplatz. Da wohne ich ganze Nachmittage lang, meistens auf dem Kletterturm mit der Rutsche.
Hinter unserem Haus ist ein Hof, der gehört allen zusammen. Allen aus den Häusern Nummer 70 und 72. Und Dorukan, dem Chef vom Gemüseladen. Der stellt hier seine Kisten ab. Außerdem gibt es noch einen Grill und so Holzsessel. Die hat mal einer selber gebaut.
Der Hof gehört natürlich auch dazu, also kann man sagen, hier wohne ich irgendwie auch. Vor allem in dem Busch an der Seite, dem nicht piksigen, denn da kann man sich prima verstecken.
Meistens wohne ich hier überall zusammen mit Lille.
Lille ist noch in der Kita, aber sie ist trotzdem meine Freundin, schon immer. Lille und ich kennen uns, seit sie null Jahre alt war und ich zwei. Damals sind Lilles Eltern nebenan eingezogen. Irgendwann haben unsere Mamas sich auf der Straße getroffen, und weil ich die ganze Zeit laufen wollte und gar nicht in den Kinderwagen und Lille gar nicht im Tragetuch sein wollte, sondern viel lieber im Kinderwagen, hat sie meinen bekommen. Mama hat erzählt, dass ich von da an Lille durch die Gegend schieben wollte. Und weil unsere Mamas sich richtig gut verstanden haben und ich ein guter Schieber war, sind wir ständig auf den Schulhof gegangen und ich durfte loslegen. Dabei kam ich kaum an den Griff, sagt Lilles Mama Marika immer, wenn sie davon erzählt.
Mein Papa sagt, mit Lille und mir das war wie mit zwei Magneten. Sssssst, sind wir zusammengeflutscht. Ich wollte immer sein, wo Lille ist, und Lille wollte da sein, wo ich war. Lille konnte als sechstes Wort »Ofi« sagen und damit meinte sie natürlich mich.
Meine Nana sagt, ich bin Lilles großer Bruder und muss auf sie aufpassen. Ich bin ja in echt gar kein Bruder und weiß nicht genau, wie sich das anfühlt, aber ich glaube, das könnte passen. Lille sagt allerdings, sie braucht auf gar keinen Fall noch jemanden, der auf sie aufpasst, das macht sie schön selbst. Heimlich passe ich manchmal trotzdem auf Lille auf und einmal habe ich sie sogar gerettet, aber das erzähle ich ein anderes Mal.
Lille wohnt jedenfalls nebenan. Erst kommt das Mehrfamilienhaus mit Nanas Wohnung und unserer Wohnung, danach der Gemüseladen mit noch mehr Wohnungen darüber, daneben ein großer Baum und dann, im zweiten Reihenhaus, wohnt Lille. Lille hat ein Haus für sich ganz allein. Also, nicht ganz für sich allein natürlich, sondern zusammen mit ihren Eltern. Sie sagt, sie findet das riesig unfair, dass sie nicht wie ich in einem großen Haus mit ganz vielen Wohnungen und Hunden und Menschen wohnen darf. Das kann ich natürlich verstehen, bei mir im Haus ist ja viel mehr los, und deshalb machen wir das so, dass wir nachmittags einfach zusammen überall wohnen. Dann muss sie nur nachts zum Schlafen und manchmal zwischendurch allein im Haus wohnen. Das kann man schaffen.
Gerade kann ich sehen, wie Dorukan den Sonnenschutz fürs Gemüse auskurbelt. Das ist prima, denn dann dauert es nicht mehr lange, bis Lille kommt. Ich warte wie immer an der Grenze auf sie. Ich kann schon ihren Papa mit dem Lastenfahrrad sehen. Ihr Papa heißt Jonne, der ist nett. Ich glaube, manchmal würde er am liebsten bei uns mitspielen.
Lille sitzt vorne in der Kiste und winkt. Sie hüpft vor ihrem Gartentor raus, zeigt auf mich, drückt ihrem Papa den Helm in die Hand und rennt los. Jonne winkt mir mit dem Helm zu.
»Hej Kofi! Guck mal, hab ich selbst gemacht«, strahlt Lille und zieht ihr T-Shirt glatt, damit ich besser sehen kann, was vorne drauf ist. Ich blinzele.
»Was ist denn das?«
»Erkennst du das etwa nicht?!«, fragt sie und stemmt die Hände in die Seiten.
Sie hat vorne irgendwas draufgemalt.
»Hm. Ein Mädchen mit einem dicken Rucksack?«, rate ich. Sie verdreht die Augen.
»Mensch Kofi! Das ist Shari Schmetterling!«
Das hätte ich mir natürlich denken können. Lille redet ständig von diesem Schmetterlingsmädchen. Die kann irgendwie fliegen und zaubern und Lille findet sie super. Jeden Abend hört sie Geschichten von ihr, singt so ein peinliches Schmetterlingslied und will immer, dass wir so was spielen. Boah, auf keinen Fall! Das kann sie ja spielen, wenn sie allein in ihrem Haus ist, sage ich dann zu ihr. Ich finde Schmetterlingsmädchen komplett lahm.
»Das ist kein Rucksack, das sind Flügel, guck doch mal! Du kennst dich halt nicht so gut aus«, seufzt Lille mit ihrem komischen T-Shirt und lässt sich neben mir auf die Grenze plumpsen.
Die Grenze ist der Bürgersteig am Ende der Reihenhäuser. Lille darf genau bis hier hin und nicht weiter. Und auf der anderen Seite ist die Grenze der Schulhof.
Ich habe Jonne und Marika erklärt, dass ich ja dabei bin und aufpasse, und dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Sie haben gesagt, dass es toll ist, dass ich auf Lille aufpasse, aber weiter darf sie trotzdem nicht. Na ja, sie ist eben auch erst sechs.
»Wenn ihr weiterwollt, dann komme ich einfach mit«, hat Jonne noch gesagt. Da hätte er gar nichts dagegen, dann könnte er endlich mitmachen. Sag ich ja. Aber Lille hat mit dem Kopf geschüttelt.
»Nö, danke Papa.«
Zwischen Bordstein- und Schulhofgrenze gibt es zum Glück so viel zu Spielen, dass wir gar nicht fertig werden. Außer dem Hof und dem Spielplatz gibt’s ja noch Treppenhäuser, Keller, Büsche und Bäume, den Garagenhof, die ganzen Wohnungen und ich weiß nicht, was noch alles. Bis wir alles durchgespielt haben, brauchen wir bestimmt noch zwei Jahre oder so. Neulich haben wir tagelang mit Siggi, Marvin, Mei Ling und Emma Verstecken zwischen den Reihenhäusern gespielt. Wir haben beim Suchen jedes Mal noch bessere Verstecke gefunden. Ich finde, man muss die ganzen Ecken und Nischen nur richtig mitbenutzen, dann ist zwischen so ein paar Reihenhäusern genug Platz.
Lille und ich fangen meistens vorne an mit Spielen, direkt an der Bordsteingrenze. Meistens schaffen wir es an einem Nachmittag gar nicht bis zum anderen Ende.
»Was machen wir heute?«, fragt Lille.
»Spielplatz!«, sage ich.
»Aber vorher gehen wir zu Dorukan. Ich habe Hunger«, meint Lille.
»Und ich habe eine Idee.« Und die ist richtig gut.
Dorukan ist Gemüseverkäufer. Er hat den kleinen Laden zwischen den Reihenhäusern und den Häusern mit den vielen Wohnungen. Gerade steht er unter dem Baum neben seinem Laden und klatscht.
»Wieso klatschst du denn für den Baum?«, frage ich.
»Hallo, ihr zwei! Ich klatsche, damit die dicken Tauben wegfliegen. Die schietern hier alles voll«, erklärt er.
»Hallo Dorukan! Schau mal, hab ich selbst gemacht.« Lille zieht wieder ihr Shirt glatt und zeigt auf Shari Schmetterling.
»Schöööööön«, staunt Dorukan. »Das Mädchen hat aber große Ohren.«
»Dürfen wir bitte Rosinen?«, frage ich schnell, damit Lille jetzt nicht wieder mit Erklären loslegt. Zu spät.
»Das sind Flügel, keine Ohren!«, schimpft sie und flattert an den Gurken vorbei ins Geschäft. »Shaaaaari Schmetterling, fliegt so hoch das kleine Ding. Dreimal drehen, dann macht es PLING!«, singt sie. Beim Pling dreht sie sich und breitet dann die Arme aus.
Dorukan lacht sein kurzes Lachen, bei dem immer sein Bauch so wackelt, dann nimmt er die kleine Schaufel.
»Ach so, Entschuldigung. Ich kenne mich leider nicht so aus mit Schmetterlingsmädchen. Rosinen für die Herrschaften?«
Wir nicken und halten unsere Hände auf. Dorukan ist unser Freund. Immer, wenn wir ihn besuchen, schenkt er uns ein paar Rosinen oder einen Apfel oder eine andere Kleinigkeit. Und wenn wir einen schönen Stein finden oder so, dann bringen wir ihn Dorukan mit. Außerdem sagen wir allen Leuten, dass das Obst bei ihm am leckersten ist.
»Dorukan, soll ich dir auch ein T-Shirt malen?«, fragt Lille. »Wir machen in der Kita so ein Projekt, das heißt »Wer bin ich?«. Da muss man malen, wie man gerne sein möchte und ich möchte gerne sein wie Shari Schmetterling. Und du? Wer willst du am liebsten sein?«
»Oh, ich? Also ich bin sehr gerne einfach Dorukan«, sagt Dorukan und gibt jedem von uns ein Schäufelchen Rosinen in die Hand.
Doch mit der Antwort ist Lille nicht zufrieden. »Ich meine, wen findest du gut? Von wem bist du Fan?«, drängelt sie.
»Ich bin Fan von euch beiden«, sagt Dorukan und zwinkert uns zu. Lille lacht.
»Und, Kofi? Wer willst du sein?«, fragt er mich dann. Hm. »Also, ich werde mal Chef, das ist sicher. Und außerdem wäre ich gerne ein Monsterjäger, der nachts durch die Straßen schleicht und Monster verschleimt.« Das wäre cool. »Ich verstecke mich hinter der Mülltonne und wenn dann so ein haariges Monster mit drei Augen angestapft kommt, dann bekommt es eine Ladung Glibberschleim ab, swusch!«
Lille schüttelt sich. »Also, das wäre mir zu gruselig. Dorukan, wir müssen jetzt leider los. Kofi hat eine Idee!«
Draußen kitzelt die Sonne in den Augen, die erste Rosine klebt süß zwischen meinen Zähnen und die gute Idee kribbelt durch meinen Bauch. Lille steckt gleich zwei Rosinen auf einmal in den Mund.
»Jetzt sag schon! Was ist das für eine Idee?«, nuschelt sie und flattert neben mir her.
»Nicht hier. Die Idee ist so krass, die kann ich nicht einfach so zwischendurch sagen.«
»Och, Kofi! Ich kann aber nicht mehr warten! Siehst du nicht, wie hibbelig ich bin?« Lille zappelt ordentlich, damit ich auch gut erkennen kann, wie neugierig sie ist. Aber ich schüttele den Kopf. Nö. Top Secret.
»Ich sag’s dir oben auf dem Rutschenturm«, verspreche ich.
Vorher müssen wir noch über den Zebrastreifen. Jonne und Marika haben gesagt, wir müssen fünf Mal nach links und rechts schauen, erst wenn dann kein Auto zu sehen ist, dürfen wir gehen. Egal was ist, immer fünf Mal. Außerdem streckt Lille immer einen Arm nach vorne. Hat sie in der Kita gelernt. Mir ist das ein bisschen peinlich, ich bin ja schon fast acht, aber Lille ist da sehr genau.
Diesmal hält direkt ein Auto, um uns rüberzulassen, aber das ist Lille egal. Regel ist Regel. Lille streckt den Arm nach vorne und zählt beim Gucken. »Eins, zwei, drei, vier, fünf.« Der Autofahrer winkt, dass wir rübergehen sollen. Ich lehne mich gegen den Laternenpfahl, zucke die Achseln und winke zurück. Dann hänge ich meine Daumen in die Gürtelschlaufen. Kann man nichts machen.
Auf der anderen Seite angekommen, rase ich los Richtung Spielplatz, vorbei an der Nestschaukel und mit drei Sätzen durch den Sandkasten. »Komm!«, rufe ich und Lille flitzt hinter mir her. Natürlich bin ich viel schneller. Ich habe nämlich meine Sportskanonen-Turnschuhe an. Die sind ganz neu vom Flohmarkt und haben vorher bestimmt einem Sportprofi gehört, denn damit kann ich so schnell rennen wie der Schnellste. Wir klettern außen am Rutschenturm hoch, das habe ich Lille beigebracht, weil nur die Spielplatzbabys die Leiter nehmen, und schlängeln uns durch den Rutschenausgang in den Turm. Hier lassen wir uns auf die Holzplanken plumpsen.
»So, mein lieber Kofi-mit-der-Mütze, jetzt sag deine Idee!«, keucht Lille.
Ich hebe beide Hände und hole tief Luft.
»Wir machen eine Bande!«, sage ich und kann gleich wieder fühlen, wie wild und gut die Idee ist.
Lilles Augen werden groß. »Oh«, staunt sie, und ich kann fast sehen, wie die Idee durch ihre Ohren in ihren Kopf und ihr Herz tropft.
»Wir machen eine Bande«, flüstert sie. »Erzähl mir, wie wir das machen! Wie geht Bande?«
»Also: Du und ich, wir gründen eine Bande. So was wie ein Club oder eine ganz geheime Gruppe. Ich bin der Chef und du bist die Bande. Wir brauchen natürlich einen Bandennamen, ein Hauptquartier und geheime Dokumente. Und auf jeden Fall einen Ausweis«, erkläre ich.
Lille hat sich noch keinen Millimeter bewegt.
»Was ist ein Hauptquartier?«, flüstert sie.
»Das ist ein geheimer Platz. Da dürfen nur Leute aus der Bande hin und wir besprechen Geheimnisse und tun Sachen ins Geheimversteck und schwören was.«
»Oh«, raunt Lille. Sie blinzelt gar nicht mehr, sondern starrt mich an.
»Kofi – das ist die beste Idee der Welt!«
»Ja, oder?!«
Auf einmal fühlt es sich an, als würde der ganze Rutschenturm glitzern. Dass Lilles Augen vor Begeisterung strahlen, leuchtet durch meine Haut in mich rein. Der Wind flüstert und es riecht nach Abenteuer.
»Lille! Abendbrot!«, hören wir Marika rufen. Wir rutschen runter und machen uns auf den Nachhauseweg. Und die beste Idee der Welt ist wie in einem Schatzkistchen in uns drin.
