Zwei Sommer - Jochen Ruderer - E-Book

Zwei Sommer E-Book

Jochen Ruderer

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Beschreibung

Tagelang sitzt der Rechtsanwalt Peter Boltenhagen schweigend auf einer Bank an der Nordsee. In einer Klinik versucht er zu erklären, wie es dazu kam. Was er aufschreibt ist die Geschichte seiner Sehnsucht nach dem Teenager, der er einmal war und nach den Plänen, die er hatte. Es ist die Erzählung eines vorgezeichneten Lebensweges und einer unerfüllten Liebe. Am Ende steht Peter vor der Frage, ob er Frieden mit seinem Werdegang macht und das Leben nimmt, wie es ist - oder ob es an der Zeit ist, auszubrechen und seinen Jugendplänen nachzuspüren.

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Jochen Ruderer

Zwei Sommer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

St. Peter-Ording, Sonntag 1. August 2010

Materialermüdung

St. Peter-Ording, Montag, 2. August 2010.

Universum

Abkürzungen

Wendung

Schwimmen

Freunde

Wachsen

Der Regen bleibt

St. Peter-Ording, Dienstag, 3. August 2010

Neues Land

Kapitulation

Ein Brief

St. Peter-Ording, Donnerstag, 5. August 2010

Ellis Island

Liv

Pläne

Sommer

Der Schwur

St. Peter-Ording, Montag, 9. August 2010

Verpasste Gelegenheiten

Spielen

Achsbruch

Neue Pläne

Erbe

Schluss

Neustart

Tennissocken

Vorwärts

St. Peter-Ording, Freitag, 13. August 2010

Hamburg

Richard Gere

Köln

Erstverwertung

Maja

Trotz

3 Buchstaben

Wiedersehen

Wahnsinn

Jeykab

Watte

St. Peter-Ording, Donnerstag 19. August 2010

Nachtrag: Livingston, Donnerstag 9. September 2010

Impressum neobooks

St. Peter-Ording, Sonntag 1. August 2010

Was ich an meiner Situation mag, ist die Aussicht. Und das meine ich nicht metaphorisch. Dieser Raum, in den Sie mich einquartiert haben, bemüht sich wenig, durch übermäßige Gemütlichkeit zu gefallen - ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und ein kleines Sofa. An den Wänden hängen Zeichnungen von Booten in irgendeinem kleinen Nordseehafen. Alles zweckmäßig und nüchtern – wäre da nicht dieses Fenster. Der ganze Raum wird dominiert von der riesigen Scheibe und dem, was jenseits des Rahmens liegt. Ich kann das Fenster zwar nicht öffnen, aber die Vergitterung bedeckt nur das untere Drittel. Dafür bin ich sehr dankbar. Über dem Gitter, hinter der tadellos geputzten Scheibe liegt das Meer. Wie ein riesiges Seidentuch, in einem endlosen Raum liegt es da; weit und glatt und grau.

In dieser sonderbaren Situation, in der ich mich befinde, wirkt dieser Schatz zu meinen Füßen umso kostbarer. Jetzt gerade, da ich die Sonne noch nicht sehen kann, ihr Licht aber umso stärker von schräg oben herabstrahlt, glänzt das Meer, als bestünde es aus nichts als flüssigem Gold. Der Fensterrahmen in meinem Zimmer beginnt zu glühen, als wäre er ein Flammenportal, durch das ich nur hindurch schreiten müsste, um in das Goldmeer einzutauchen. Aber keine Angst – ich habe keinerlei Absichten dieser Art. Bitte kommen Sie nicht auf die Idee, das Fenster ganz zu verrammeln. Das wäre wirklich schade – und unnötig.

Was ich Ihnen als allererstes mitteilen möchte ist: ich bin nicht verrückt. Oder schizophren oder verwirrt oder wie Sie es nennen möchten. Mir ist natürlich klar, dass ich nicht der erste Ihrer Insassen bin, der in diesem Punkt anderer Auffassung ist als Sie oder Ihre Kollegen. Wahrscheinlich hören Sie das sogar jeden Tag. Aber bei mir stimmt es. So etwas gibt es.

Ich habe zum Beispiel einen Nachbarn, also nicht den hier – zu Hause, über den alle, die ihn kennen, sagen, er habe den Verstand verloren. Er selbst sieht das völlig anders. Aber auch ich hatte zunächst keinerlei Zweifel daran, dass er vollkommen verrückt sei.

Jeder, der meinen Nachbarn kennt, nennt ihn den Hasen. Ich glaube, er selbst hat mittlerweile Gefallen an diesem Namen gefunden. Eigentlich heißt er Sinanovic, Mensur Sinanovic. Sie können das nachprüfen. Er ist ein paar Jahre jünger als ich und stammt aus Bosnien. Der Grund, warum ihn alle den Hasen nennen, liegt in seiner Fortbewegungsweise. Beim Laufen schlägt er ständig Haken. Wenn er stehen bleibt, zuckt er unvermittelt und springt plötzlich zur Seite, geht unerwartet in die Hocke und rollt sich ab. Das macht er auch beim Einkaufen oder mitten in einem Gespräch und wie dieser Mensch die Geranien auf seinem Balkon gießt, ohne dabei das gesamte Haus zu wässern, ist mir ein Rätsel. Er steht niemals wirklich still. Wie gesagt, er wirkt völlig verrückt. Und eine Unterhaltung mit ihm treibt einen fast selbst in den Wahnsinn.

Ich lernte ihn vor etwa fünf Jahren kennen, als ich mit meiner Freundin in eine Dachwohnung im Belgischen Viertel zog. Der Hase wohnte direkt unter uns und alles, was durch den Dielenboden an Rumpeln, Stoßen und Springen zu uns heraufdrang, ließ darauf schließen, dass seine Springerei selbst in der Wohnung nicht aufhörte. Aus dem Haus oder der Nachbarschaft wusste niemand irgendetwas über die Ursache der Zuckungen zu sagen. Er sei halt irre, war die einhellige Meinung, aber ansonsten harmlos. Nachdem ich ihn ein paar Wochen lang mit einer Mischung aus Faszination und Befremden beobachtet hatte, beschloss ich, ihn direkt auf seine Macke anzusprechen. „Herr Sinanovic“, sagte ich, denn ich wusste damals noch nicht, wie er zu seinem Spitznamen stand. Ich traf ihn im Hausflur, wo er sich etwas ruhiger bewegte, den Kopf jedoch ständig schräg nach oben gerichtet hielt, als erwarte er die Ankunft von irgendwas oder irgendwem direkt aus dem Himmel. Als ich die Treppe herunter kam, lief ich ihm also genau ins Blickfeld. „Herr Sinanovic“, sagte ich, „verzeihen Sie meine Neugier, aber ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen kann. Wie ist das mit ihrem Zucken? Ist das irgendeine Art Muskelerkrankung?“ Zu meiner Überraschung erstarrte er fast vollständig und musterte mich mit einem Blick, von dem ich nicht sicher war, ob er Verwirrung oder vielleicht sogar Belustigung ausdrückte. Gut drei, vier Sekunden lang stand er vollkommen still und sprach kein Wort. Dann sagte mit ruhiger und fester Stimme: „Nein. Keine Krankheit. Ich kann auch aufhören mit Hüpfen.“ Wie zum Beweis lehnte er sich scheinbar entspannt an das Treppengeländer. Er hielt das noch mal gut drei Sekunden durch, dann sprang er auf mich zu und legte verschwörerisch einen Arm um mich. „Ich mache das wegen Sicherheit. Wegen Kugeln.“ Ich muss ihn wohl ziemlich fragend angesehen haben. Jedenfalls zog unvermittelt ein breites Grinsen über sein Gesicht und er sprach zum ersten Mal jene typischen Worte: „Keine Angst, ich nicht verrückt.“ Damit klopfte er mir freundschaftlich auf die Schultern, ließ sich urplötzlich zu Boden gleiten und sprang mit einem Satz an seine Wohnungstür. Die Sekunden, bis er die Tür geöffnet hatte, bereiteten ihm zusehends Unbehagen, aber schließlich verschwand er mit einer Schraube um den Rahmen und ließ die Tür elegant zuklappen.

In diesem Moment im Treppenhaus war ich mir absolut sicher, dass dieser Mann vollkommen verrückt war. Aber später erzählte er mir seine Geschichte.

Als Kind lebte der Hase in der Nähe von Srebrenica. Sie wissen schon, das Massaker. 1995 war er zwölf Jahre alt und musste mit ansehen, wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder erschossen wurden. Er stand neben seinem 17-jährigen Bruder Mesud, als diesen die Kugeln in den Oberkörper trafen und er rückwärts in eine Grube sackte. Der Befehlshaber des Exekutionskommandos wandte sich nach der Erschießung Mensur zu. Er zeigte in Richtung eines nahe gelegenen Waldes und rief „Du. Hau ab. Lauf.“ Mensur erzählte mir, dass er sich zunächst überhaupt nicht rühren konnte, bis der Offizier ihn anbrüllte, er solle machen, dass er wegkomme. „Und da habe ich gesehen in seine Augen“, erklärte er mir. „Wenn ich laufe, er wird mich schießen in Rücken.“ Erst, als der Offizier unmittelbar vor seinen Füßen in den Boden feuerte, lief Mensur los. Er blickte noch kurz über seine Schulter, aber der Offizier schrie ihn an. „Dreh dich nicht um. Hau endlich ab!“ Aus den Augenwinkeln glaubte Mensur zu sehen, dass sich zwei Soldaten mit ihren Gewehren in seine Richtung drehten und dann begann es. „Es ist passiert – einfach von selbst“ sagte er zu mir. Nach den ersten fünf Schritten machte er einen überraschenden Sprung nach links. Im gleichen Moment meinte er zu fühlen, wie eine Kugel direkt rechts neben ihm vorbei pfiff. Sie schienen also tatsächlich auf ihn zu schießen. Allerdings hütete sich der Hase, noch einmal zurückzublicken. Er lief weiter, so schnell er irgendwie konnte. Und während er das Wäldchen vor sich fest ins Visier nahm, hüpfte er von links nach rechts, duckte sich urplötzlich, rollte sich ab, schlug Haken und rannte, rannte, rannte. Immer wieder glaubte er, Schüsse zu hören. Jedes Mal rechnete er fest damit, dass ihm ein Projektil den Rücken aufreißen und ihn in den Matsch schleudern würde. Die Angst machte ihn fast wahnsinnig. Und dann, so erzählte er es mir, hörte er von einem Moment auf den anderen auf, überhaupt zu denken. Er dachte nicht mehr darüber nach, wo er war und was er hier tat. Er vergaß, was vor einigen Minuten geschehen war und was mit ihm jeden Moment geschehen könnte. Sein Gehirn gab das letzte bisschen Kontrolle ab und seine Beine übernahmen: er sprang, krabbelte, änderte die Richtung und kam immer weiter fort. Das einzige, was er noch wahrnahm war, das Keuchen seiner Atemzüge und das schmerzhafte Pochen seines Herzens. Es raste in seiner Brust, wie eine Nähmaschine, wild entschlossen, sich nicht von einem Stück Metall auseinanderreißen zu lassen. „Herz war laut - aber Herz war ruhig“, so formulierte es der Hase mir gegenüber. „Und da, ich wusste, ich werde schaffen.“

Mensur erreichte den schützenden Wald ohne einen Kratzer. „Weil ich gelaufen bin wie Hase“, erzählte er mir voller Stolz. Seit diesem Tag hatte er nicht mehr damit aufgehört. Aber nicht, weil er nicht konnte, wie er mir versicherte – er wollte nicht. Das Hakenschlagen hatte ihm das Leben gerettet und vielleicht würde es das wieder tun. Vielleicht würde ihn sonst ein herabstürzender Blumentopf treffen oder ein Auto, das außer Kontrolle geraten war, sagte er. Ein Stein, den irgendjemand in Wut geschleudert hatte oder eben doch eine Patrone seiner Verfolger, die ihn nach all den Jahren aufgespürt hatten. „Herz schlägt immer noch“, beschloss er seine Geschichte mit einem Lächeln und der Hand auf der Brust. „Immer noch so, wie diese Tag“. Ich erwiderte sein Lächeln, um ihm zu zeigen, dass ich ihn verstand. Aber ich schien ihn nicht zu überzeugen. Wie um mich zu beruhigen, legte er die Hand auf meinen Unterarm und sagte in beschwichtigendem Ton erneut: „Ich nicht verrückt.“

Und ich eben auch nicht. Ich weiß sehr gut, dass Ihnen mein Verhalten sonderbar erscheint. So sonderbar, dass Sie mir geraten haben, erstmal hier zu bleiben. So sonderbar, wie mir das Gehüpfe des Hasen erschien, bevor er mir seine Geschichte erzählte. Also möchte ich Ihnen meine Geschichte erzählen, auch wenn ich dafür ein wenig mehr Zeit benötigen werde als der Hase. Aber lassen Sie mich diese beiden Dinge vorausschicken: Erstens, ich bin nicht verrückt. Zweitens, ich verstehe und akzeptiere, dass Sie Gründe haben, das anders zu sehen. Aber Sie irren sich.

Materialermüdung

Am Morgen des 3. November 1978 erwachte mein Vater, Herbert Josef Boltenhagen, bei bester Gesundheit und Laune. Er trank seine übliche Tasse Ostfriesentee, aß zwei Scheiben Graubrot mit Käse, küsste seine Frau und seinen neun Monate alten Sohn zärtlich auf die Stirn, verließ pünktlich um 8:30 Uhr die frisch eingerichtete Vierzimmerwohnung und kam nie wieder nach Hause. Arbeitsunfall. Dabei hatte er einen geradezu lächerlich ungefährlichen Beruf. Er war Pianist des örtlichen Konzerthauses – in Festanstellung, wie meine Mutter niemals hinzuzufügen vergaß. „Er war das jüngste Mitglied des gesamten Ensembles und das bei einem so seltenen Posten“.

Das Schlimmste, was einem Pianisten bei der Arbeit gewöhnlicherweise zustoßen kann, ist, dass ein vermeintlicher Kunstkenner, von einem schiefen Ton bis aufs Blut gereizt, sich zum Äußersten genötigt sieht und die halb aufgekaute Pausenbrezel in den Orchestergraben pfeffert. Aber mein Vater begnügte sich nicht mit dem Gewöhnlichen.

Meine Mutter erzählte immer, es geschah pünktlich zum Ende der nachmittäglichen Probe – auch dieses Detail scheint ihr wichtig. Als ob mein Vater noch im Tod ein besonderes Pflichtbewusstsein an den Tag gelegt hätte, indem er erst nach der Probe das Zeitliche segnete. Jedenfalls vernahmen die übrigen Orchestermitglieder unvermittelt einen lauten Knall. Und dort, wo Momente zuvor mein Vater seine ganze Hingabe und all das überbordende Talent seiner achtundzwanzig Lebensjahre in die Tasten eines Bösendorfer-Konzertflügels gehauen hatte, lag nun ein etwa fünfzehn Kilo schwerer Bühnenscheinwerfer. Niemand konnte wirklich verstehen, woher und wieso und warum gerade jetzt. Eine eilig angesetzte Überprüfung am Nachmittag bescheinigte dem Betreiber des Hauses, dass die Anlage ordnungsgemäß gewartet wurde und ermittelte als Ursache Materialermüdung.Bis auf die Bruchstelle, so steht es in dem Bericht, habe sich die Anlage in einwandfreiem Zustand befunden. Alles bestens also. Niemand war schuld. Ich weiß nicht, ob diese Aussage den angeblich großen Ordnungssinn meines Vaters befriedigt hätte – für seinen Schädel war sie wenig tröstlich. Er verlor den Kampf gegen die unnachgiebigen Gesetzmäßigkeiten der Physik eine knappe halbe Stunde nach dem Aufprall, als man ihn gerade auf den OP-Tisch des örtlichen Krankenhauses heben wollte.

Meine Mutter erzählte mir die Geschichte vom Tod meines Vaters schon, als ich noch sehr klein war. Wahrscheinlich ist es sogar die erste Geschichte, die ich bewusst hörte. In meinem Kopf steht sie in einer Reihe mit den anderen Erzählungen meiner Kindheit. Märchen von Kindern, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden. Geschichten von Königinnen, die nach der Geburt ihrer Tochter sterben, um schon im nächsten Satz von einer jüngeren, schöneren Frau ersetzt zu werden. Und dazu eben der Bericht von dem talentierten jungen Musiker, der so unglücklich und sinnlos zu Tode kommt. Erst mit dreizehn oder vierzehn begriff ich wirklich, dass diese Geschichte von dem Mann handelte, der mich gezeugt, monatelang freudig auf mich gewartet und mir als Baby stundenlang Lieder vorgesungen hatte. Und erst als ich mit Mitte zwanzig zum ersten Mal von der Materialermüdung las, empfand ich so etwas wie Wut und Verzweiflung über mein eigenes Unglück. Meine gesamte Kindheit hindurch jedoch blieb der Tod meines Vaters nicht mehr als eine Geschichte.

Verstehen Sie mich nicht falsch - natürlich konnte ich die Tragik eines so frühen Todes mit meinem Verstand erfassen. Die Geschichte an sich fand ich sehr traurig und es tat mir leid für die Frau und das Kind. Und natürlich wusste ich, dass ich dieses Kind war - aber es gelang mir nicht, diese Geschichte als persönlichen Schicksalsschlagzu empfinden. Es war einfach meine Geschichte. „Mein Vater wurde von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen, als ich noch ein Baby war“. Das ging mir vergleichsweise leicht über die Lippen. Oder einfacher: „Mein Vater ist schon lange tot.“ Die traurigen und mitleidigen Blicke, die ich daraufhin erntete, waren mir meist unangenehm. Ich wurde dann still und blickte zu Boden und irgendwie waren alle mit dieser Reaktion einverstanden. Ich selbst fühlte mich dabei wie ein schlechter Schauspieler, wie ein Betrüger. Den traurigen Jungen, den alle mitleidig anblickten, spielte ich nur vor, weil man es von mir erwartete. Aber es gelang mir nie, diese Trauer auch zu empfinden. Andere Väter waren Säufer oder Schläger. Mein Vater war tot. Es gab Schlimmeres.

St. Peter-Ording, Montag, 2. August 2010.

Wenn ich aus meinem Fenster blicke, in die gewaltige Weite aus Wolken und Meer, in der der Horizont heute nur als schmale hellgraue Linie auszumachen ist, dann gefällt es mir zu sagen: „Am Beginn dieser Geschichte stand der Regen.“ Diese unzähmbare, immer wiederkehrende Kraftmeierei der Natur.

Hatte es nicht auch geregnet, als Sie mich - wie soll ich sagen? - gefunden haben oder …aufgegriffen? Oder haben Sie mich sogar gerettet? Ich erinnere mich daran, dass ihr Gesicht ganz feucht war, als sie es so nah vor meins geschoben haben. Als wären Sie, wie ich, über Nacht draußen gewesen und Tau hätte sich auf Ihre Wangen gelegt. Oder wie beim ersten Gang in die Sauna - überall diese kleinen Tröpfchen. Und dazu diese überdeutliche Stimme - als sei ich vielleicht schwerhörig oder weggetreten. Oder bescheuert. „KÖN-NEN SIE MICH HÖ-REN?“ Ich habe zwar nicht reagiert, ich weiß, aber hätten Sie mir nur etwas genauer in die Augen gesehen, dann wäre Ihnen vermutlich aufgefallen, dass ich Sie sehr wohl wahrgenommen habe.

Dass ich auch dann noch keinen Ton von mir gegeben oder mich bewegt habe, als die Sanitäter mich auf diese Trage gehoben haben, liegt einzig daran, dass ich das nicht wollte. Ich war beschäftigt. Ich habe nachgedacht. Ich musste Ordnung schaffen in meinem Kopf. Und als Sie kamen, war ich noch nicht fertig.

Wenn ich Ihre Fragen so lese, könnte dieser Bericht auch sehr kurz werden. „Schildern Sie die Vorkommnisse aus Ihrer Sicht“ steht hier. „Was haben Sie gefühlt? Woran haben Sie gedacht?“ Die Vorkommnisse sahen so aus: Ich saß auf dieser Bank auf dem Deich und habe rausgeschaut aufs Meer. Ob ich tatsächlich drei Tage da gehockt habe, halte ich für unwichtig. Und wenn schon? Ist das nicht meine Sache? Was ich gefühlt habe, waren die Kälte in den frühen Morgenstunden, die Sonne am Mittag, der Wind am Abend und einen stetig wachsenden Druck in der Blasengegend. Gedacht habe ich an ziemlich viel gleichzeitig. Aber vor allem: „Liv“.

Verstehen sie mich nicht falsch. Wie ich schon gesagt habe - mir ist klar, dass es auf Außenstehende merkwürdig wirkt, wenn ein Typ mehrere Tage hintereinander auf einer Bank sitzt und nichts tut. Wenn ich ein Buch gelesen hätte - das wäre etwas anderes gewesen. Oder hätte ich die Möwen gefüttert. Wahrscheinlich hätte es schon gereicht, wenn ich eine alte Angelrute ein paar Meter vor mir in den Deich gerammt hätte. Auch wenn gar keine Schnur dran gewesen wäre und das Wasser unerreichbar weit weg - ich wette, ich wäre Ihnen dann nicht aufgefallen. Aber so ohne alles dasitzen und starren. Das ist natürlich nicht normal.

Und auch wenn ich sicher bin, trotz meines Schweigens geistig gesund zu sein, ich denke, ich brauche Ihren Rat. Eine unabhängige Meinung zu all dem. Von einem Experten. Und wenn ich jetzt versuche zu rekonstruieren, womit alles anfing, dann fällt mir die Sache mit dem Regen ein. Das liegt sechzehn Jahre zurück, aber es war wahrscheinlich das erste Mal, dass ich den Regen wirklich beachtet habe. Und mir gefällt die Vorstellung, dass es eine tiefe, ursprüngliche Kraft war, die meinem Leben einen Schubs gab und in Gang setzte, was passieren würde.

Ohne den Regen hätte ich nicht an diesem Wettbewerb teilgenommen, wäre nicht nach St.Peter gefahren, hätte niemals Liv getroffen und den Schwur und seine Folgen hätte es nie gegeben. Aber es hatte nun mal geregnet.

Universum

Im Frühjahr 1994 war ich sechzehn Jahre alt, besuchte die zehnte Klasse des altsprachlichen Gymnasiums meiner Heimatstadt, war mindestens einen Kopf kleiner als jeder meiner Klassenkameraden und gelangte mehr und mehr zu der Überzeugung, meine Existenz müsse eine Art Irrtum des Universums sein. Ich liebte Englisch und Sport - die Schwerpunktfächer meiner Schule waren Latein und Mathematik. Ich liebte Musik und hörte in jeder freien Minute Radio - meine Mutter hatte alles, was mit Musik zu tun hatte, aus unserem Leben verbannt. Vor allem aber liebte ich sämtliche Mädchen meiner Klassenstufe sowie die meisten der neunten und achten, vereinzelt auch ein paar der älteren, ohne dass mir das bisher einen einzigen Kuss, ein Händchenhalten oder auch nur eine Verabredung zum Eis essen eingebracht hatte. Ich war völlig verzweifelt über mein unspektakuläres Leben und ohne jede Idee, wie ich daran etwas ändern könnte.

Das Spektakulärste, was im Frühling 1994 in meinem Leben passieren sollte, war die Anmeldung zu einem Wettberwerb für junge Forscher. Nie im Leben wäre ich selbst auf die Idee gekommen, bei so etwas mitzumachen und wenn doch, hätte ich die Idee sofort auf einen großen Zettel geschrieben, den Zettel zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen und den Papierkorb danach mit einer Flasche Spiritus feierlich abgefackelt. Es war mein bester und einziger Freund Basti, der diese Idee hatte. Oder eigentlich war ihm die Idee von unserem Physiklehrer eingeflüstert worden und Basti war sofort uneingeschränkt begeistert. Er meinte, wir könnten damit einen wichtigen Grundstein legen. Ein erster Schritt auf einem langen, schnurgeraden Weg in die Welt von Wissenschaft und Forschung. Und als ich diese Worte unvorsichtigerweise vor meiner Mutter wiederholte, waren die beiden wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben wild entschlossen, aus mir einen Forscher zu machen.

Ich selbst war von dem Plan alles andere als begeistert. Erstens gab es nicht ein einziges naturwissenschaftliches Thema, das mich auch nur annähernd interessiert hätte und zweitens war ich nicht bereit, meine ohnehin schon geringen Chancen auf Annäherung an das andere Geschlecht durch die Teilnahme an der größtmöglichen Streberaktion diesseits des Mississippi zu ruinieren.

„Diesseits des Mississippi“, äffte Basti mich nach. „Was ist das denn für ein bekloppter Spruch? Und was ist das überhaupt für ein Argument?“

Wir standen im Wartehäuschen an der Bushaltestelle, um zum Schwimmtraining zu fahren und der Regen trommelte so laut auf das Plexiglas, dass wir kaum ein normales Gespräch führen konnten. Aber wir waren allein und so brüllten wir munter gegen das Prasseln an. „Ist überhaupt kein bekloppter Spruch. Ist von meinem Vater“, rief ich und warf Basti einen Blick an den Kopf, der gleichzeitig Wut und Verletzung ausdrücken sollte. Aber Basti grinste nur. „Daran erinnerst du dich? Na, du hast ja’n phänomenales Gedächtnis, Junge!“ Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, dass ich jetzt eigentlich richtig verletzt und noch wütender sein müsste. Stattdessen musste ich grinsen. „Weißte doch. Elefanten vergessen nix.“

Basti legte freundschaftlich den Arm um meine Schulter und im Spiegelbild des Wartehäuschens sah ich unsere verschwommene Silhouette. Basti war riesig. Er sah aus wie ein Erwachsener. Mit Haaren über der Lippe und breiten Schwimmerschultern. Darunter ich. Wie ein Kind mit viel zu großem Kopf. Die meisten Leute hielten Basti für meinen älteren Bruder, weil wir im gleichen Haus wohnten, in die selbe Klasse gingen, den selben Schwimmverein besuchten und ständig zusammen hingen. Dabei war ich fast drei Monate älter.

„Das wäre übrigens auch ein gutes Thema“, stieg Basti wieder ein.

„Was? Elefanten?“

„Na ihr Gedächtnis. Ob sie wirklich so ein gutes Gedächtnis haben.“

„Ja. Haben sie.“

„Ja. Aber warum… das wäre eine interessante Fragestellung.“

„Weil sie so alt werden.“

„Wie bitte?“

„Na die werden fast neunzig. Da müssen sie sich doch bitteschön auch an früher erinnern können. Also haben sie ein gutes Gedächtnis, weil es blöd ist, wenn die Kumpels von vor siebzig Jahren vorbeikommen und sie bieten ihnen nicht mal einen Tee an, weil sie sie gar nicht erkennen.“

„Elefanten trinken keinen Tee.“

„Du weißt was ich meine, Basti. Das kann man doch alles irgendwo nachlesen. In der Schulbibliothek stehen mindestens zehn Bücher zu dem Thema. Hunderte Forscher in der ganzen Welt arbeiten seit fünfzig Jahren an nichts anderem. Da müssen wir doch nicht auch noch ganz niedliche Fragen dazu stellen, damit alle Lehrer sich freuen und wir in Biologie ne bessere Note kriegen.“

„Ich kann in Bio gar keine bessere Note kriegen.“

Es war zwecklos. Auf alles, was ich sagte, hatte Basti eine Antwort. Und umgekehrt. Und wir kamen kein Stückchen weiter.

„Was findest du denn interessant?“, fragte Basti plötzlich.

„Nichts. Ich finde nichts von dem Forscher-Zwerge-Kram interessant.“

„Ja. Aber davon abgesehen. Wenn es jetzt was mit Schwimmen zu tun hätte?

„Hat es aber nicht. Und ich will auch gar nicht zum Schwimmen forschen. Ich will einfach schwimmen. Dabei muss ich wenigstens dein Gequatsche nicht ertragen.“

In dem Moment kam der Bus und wir stiegen ein. Auf der letzten Bank lümmelten ein paar sehr erwachsen aussehende Jungs, also zog ich Basti in einen Vierer ganz vorne. Wir mussten rückwärts fahren und saßen gegenüber einer alten Dame mit Pudel auf dem Schoß. Aber das nahm ich in Kauf, denn unsere Streberpläne wären im hinteren Teil des Busses sicher kein günstiges Thema. Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander, dann nahm Basti einen neuen Anlauf.

„Katrin Morgentaler macht auch bei dem Wettbewerb mit.“

Ich starrte Basti mit aufgerissenen Augen an. Er lächelte. Die Alte lächelte. Der Pudel lächelte. Ich blickte wütend aus dem Fenster.

„Na und?“

„Sie untersucht das Flugverhalten von Eulen. Wie sie es schaffen, so lautlos zu fliegen.“

„Weiche Federn“, erwiderte ich.

„Meine Güte. Jetzt fang nicht wieder so an. Gut. Meinetwegen steht das alles schon in irgendwelchen Büchern. Aber es geht ja nicht nur um das Ergebnis, sondern um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Um Forschung.“

Basti war lauter geworden und ich blickte beunruhigt auf die letzte Bank. Die beiden Jungs dort schenkten uns jedoch keinerlei Beachtung. Sie versuchten gerade, gemeinsam einen Song aus einem einzelnen Kopfhörer zu hören. Es schepperte bis nach vorne.

„Hör zu, Pete“, versuchte Basti es nochmal. „Es muss ja nix mit Tieren sein, wenn das nicht so dein Ding ist. Gibt es denn gar nichts, was dich interessiert?“

Ich erkannte das Scheppern, das aus dem Walkman nach vorne klang. Ben, unser Schwimmtrainer, hörte das immer in seinem Auto. Manchmal nahm er mich mit. Manchmal gab er mir auch seinen Walkman für ein paar Minuten.

„New Model Army“, sagte ich.

Mit einem Seufzer der Verzweiflung sackte Basti in seinem Sitz zusammen.

„Ausgeschlossen. Wir können keine Forschungsarbeit über New Model Army machen. Das lässt der Böttcher niemals zu und das lässt auch deine Mutter niemals zu. OK. Vergiss es.“

Dann war es wieder still. Ich blickte durch die beschlagene Scheibe nach draußen und lauschte der Musik, die von hinten kam. Man konnte den Text nicht hören, aber ich kannte ihn auswendig und sprach leise mit. …on the bus ride … that meanders… up these valleys of green and grey… Das war erstaunlich passend für eine Busfahrt durch den Regen. Vor meinen Augen schoben sich die Tropfen die Scheibe hinab, verschmolzen miteinander und rasten in mäandrierenden Rinnsalen nach unten. Ich versuchte vorauszusagen, welchen Weg der nächste Tropfen nehmen würde, aber es war unmöglich. Das Wasser schien völlig chaotische Bahnen zu nehmen. Wobei sich im unteren Teil richtige kleine Flüsse ausbildeten, die nebeneinander im Nichts verschwanden. Es faszinierte mich. Warum ging das Wasser keinen geraden Weg? Warum all die Schleifen und Bögen? Warum ließ sich die Reise des Tropfens nicht vorausberechnen? Das waren Fragen, die mich wirklich interessierten - nicht Elefanten oder Eulen. Ich drehte mich zu Basti. Er hatte die Augen geschlossen. Die Alte hatte die Augen geschlossen. Der Pudel hatte die Augen geschlossen.

„Regen“, sagte ich.

Basti seufzte ohne Aufzublicken. Ich grinste. Und damit hatten wir doch noch unser Forschungsthema gefunden.

Abkürzungen

Später behauptete Basti, er hätte schon vorher in meinen Augen gesehen, dass ich mitmachen würde. „Und zwar in dem Moment, als ich Katrin Morgentaler erwähnt habe.“ Aber das ist Unsinn. Auch meine Mutter wollte mir mein plötzliches Interesse an Wissenschaft nicht so recht abnehmen, beschloss aber, sich einfach über den Sinneswandel zu freuen und erklärte ihn sich selbst und mir als Zeichen meiner wachsenden Reife. Allerdings bedauerte sie, dass wir uns nicht für ihr Fach, Mathematik, oder wenigstens Biologie oder Chemie als Forschungsgebiet entschieden hatten. Aber als Basti ihr erklärte, dass unser Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaft quasi zur Physik gehöre und das Ganze eine astreine naturwissenschaftliche Untersuchung werde, sah sie sehr glücklich aus. Sofort bot sie Unterstützung an. Wir könnten die Uni-Bibliothek nutzen. Sie wolle mit ihrer Chefin sprechen, damit wir Forscher interviewen könnten und so weiter. Basti musste sie bremsen. „Das ist leider verboten, Frau Boltenhagen. Wir müssen wirklich alles ganz alleine erarbeiten. Nur Herr Böttcher darf uns beraten. Er ist da offiziell als Betreuer angemeldet, wissen Sie.“ Das wirkte. Vor Regeln hatte meine Mutter Respekt. Wenn es verboten war, war es verboten.

Bastis Begeisterung und der Stolz meiner Mutter verdrängten meine eigenen Zweifel für etwa zwei Wochen. Dann traten wir bei Herrn Böttcher an, um unseren Arbeitsplan für die nächsten Monate zu erfahren und aus meinen Zweifeln wurde die Gewissheit, einen Fehler begangen zu haben.

Zunächst hatte Herr Böttcher unser Thema so weit verändert, dass es kaum mehr etwas mit Regen zu tun hatte. „Regelmäßigkeiten bei der Ausbildung von Mäandern“ lautete das Thema unserer JuFo-Arbeit, wie unser Projekt ab jetzt genannt werden sollte. Böttcher schaffte es gleich zu Beginn seines Monologs, die Abkürzung dreimal in einem Satz unterzubringen. „Die JuFo-Arbeit und die Teilnahme am JuFo-Wettbewerb eröffnen euch ein ganzes Universum an Möglichkeiten und Kontakten in der JuFo-Welt.“ Ich hasste dämliche Abkürzungen und diese brachte es direkt auf Platz eins meiner Liste, noch vor O-Saft und HDGDL. Meinen Einwand, dass wir doch eigentlich über die Wege der Regentropfen forschen wollten, hatte er offenbar erwartet. Mit einem künstlichen Showmaster-Grinsen tänzelte er zur Tafel und klappte sie mit großer Geste auf. Wir starrten auf ein gezeichnetes Rechteck mit Schlangenlinie und ich rechnete fest damit, dass jeden Moment diese Musik ertönte, die im Fernsehen immer dann kommt, wenn ein Kandidat gerade seinen ganzen Einsatz verzockt hat.

„Genau das machen wir natürlich auch, mein lieber Peter“, pries Böttcher seinen vermeintlichen Hauptgewinn an. „Ein Tropfen auf einer Scheibe ist ja nichts anderes als Wasser auf einer schiefen Ebene. Zugegeben: im Fall der Fensterscheibe ist diese Ebene mehr als nur schief. Wir bauen also eine solche Ebene auf einen verstellbaren Winkel und montieren am oberen Ende einen Wasserzufluss mit Druckregulierung. So erhalten wir zwei Variablen, den Wasserdruck und den Neigungswinkel der Ebene und können in drei Monaten ausreichend Experimente durchführen, um belastbare empirische Daten über das Fließverhalten des Wassers zu erhalten.“

„Fantastisch“, platzte es aus Basti heraus.

Ich bemerkte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Nicht genug, dass ich noch nicht so genau verstanden hatte, was wir da empirisch und mit zwei Variablen eigentlich veranstalten würden, das mit den drei Monaten meinte Herr Böttcher erschreckend wörtlich. „Wenn wir in zwölf Wochen jeden Tag zwei Durchläufe von je vier Stunden machen, kommen wir auf 120 Testreihen. Mit dem einen oder anderen Durchlauf am Wochenende oder abends sollten wir genügend Daten zusammenkriegen, um Mitte Juli fertig zu sein. Bis Ende August könnt ihr dann die Arbeit schreiben. Abgabe ist am 15. September. Was sagt ihr - ist das ein Plan?“

Nach diesem Gespräch hatten Basti und ich die schlimmste Krise unserer 15-jährigen Freundschaft. Drei Monate lang irgendwelche Variablen variieren? In den Sommermonaten am Schreibtisch sitzen und eine Arbeit schreiben? Ich erklärte Basti, ich würde aussteigen. Ich meinte es ernst, aber er nahm mir das nicht mal eine Sekunde lang ab.

„Mal ernsthaft, Pete - was würde deine Mutter wohl davon halten?“ Dieser Satz machte mich so wütend, dass ich fast geschrien hätte. Blöderweise standen wir mitten auf dem Schulhof. Noch mehr als dämliche Abkürzungen hasste ich dramatische Szenen in aller Öffentlichkeit. Also würgte ich ein erbärmliches „mirdochscheißegal“ hervor, schubste Basti so fest gegen die Brust, wie ich nur konnte und rannte wortlos nach drinnen.

Der Papierkorb im Jungs-Klo bekam dann meine ganze Wut zu spüren. Idiotischerweise war es mir nämlich gar nicht scheißegal, was meine Mutter davon halten würde. Scheiß Papierkorb. Kein winziges bisschen scheißegal, denn es war verdammt nochmal meine einzige sinnvolle Aufgabe auf diesem Planeten, ihr keinen Kummer zu bereiten. Verdammter Scheiß Papierkorb. Und Basti wusste das genau. Er hatte von Anfang an geplant, meine Mutter als Druckmittel einzusetzen. Verblödeter, dämlicher Blech-Papierkorb-Arsch.

„Sag mal, geht’s noch?“ Die Tür ging auf und Katrin Morgentaler stand vor mir. Ich starrte sie an, als spräche sie Suaheli. Sie starrte mich an, als sei ich bescheuert. Für eine solche Situation hatte ich eigentlich, gemeinsam mit Basti, eine ganze Liste cooler Sprüche vorbereitet - von Immer locker bleiben, Schätzchen bis Es ist nicht das, wonach es aussieht. Stattdessen nuschelte ich: „Das ist das Jungs-Klo“ und stürmte an ihr vorbei.

Wendung

Das Problem mit mir war: ich war verdammt schlecht im Streiten. Wirklich schlecht. Meist kam es überhaupt nicht dazu, dass ich mit irgendjemandem in Konflikt geriet. Aber wenn doch, war ich drüber so erschrocken, dass ich alles dafür tat, die Wogen so schnell wie möglich zu glätten. Der Anlass war mir egal. Der Schuldige war mir egal. Ich wollte Frieden. Wenn meine Mutter mich als fernsehsüchtig beschimpfte, wenn Sie nach 19 Uhr nach Hause kam und bemerkte, dass der Fernseher noch warm war, schrie ich ihr nicht etwa entgegen, ich hätte nur MTV Europe im Hintergrund laufen lassen, weil es in diesem Irrenhaus nicht mal ein Radio gäbe. Und dabei hatte ich immerhin eine Stunde lang Wäsche zusammen gelegt. Stattdessen sagte ich einfach tut mir leid und verschwand in meinem Zimmer. Wenn sie mich einmal in drei Monaten von einem Schwimmwettkampf abholen sollte, eine ganze Stunde zu spät kam und sich kaum war die Autotür geöffnet, wortreich entschuldigte, war ich schon nicht mehr sauer, bevor ich auf dem Sitz saß. Natürlich, ich hatte sie mehrfach daran erinnert. Aber dann hatte es beim Friseur eben länger gedauert, sie hatte sich ein wenig verquatscht und dann waren da tatsächlich auch noch andere Autos auf den Straßen.

Im Grunde war mir meistens alles nicht so wichtig. Ich konnte die Beweggründe von anderen besser verstehen, als meine eigenen. Basti wollte mich unbedingt dabei haben. Er wusste, worauf ich anspringen würde. Also hat er das ausgenutzt und es hat funktioniert. Das war zwar berechnend, aber er hatte sich entschuldigt. Und ganz ehrlich - ich hatte eh nix besseres vor.

Eine Woche nach unserem Streit begannen wir mit dem ersten Experiment.

Unser Labor war ein nicht genutzter Klassenraum, dessen hintere Hälfte bis unter die Decke mit alten Holzstühlen vollgestellt war. Der Raum lag im Keller des Altbaus, unterhalb der Straßenebene, so dass kaum Licht durch die Fenster hineindrang. In der Luft hing eine undefinierbare Mischung aus schimmelndem Holz, Rattengift und toter Ratte.

Unsere Experimentierfläche war eine drei Meter lange Pressspanplatte, die Basti mit Bootslack eingepinselt und auf das Holzgerüst eines Liegestuhls geschraubt hatte. Mit Hilfe eines Schlauches am oberen Ende der Platte konnte man Wasser die Ebene runterlaufen lassen, wobei sich Mäander ausbildeten, diese typischen Schleifen.

Unsere Hypothese war: verändern wir Wasserdruck oder Neigungswinkel der Platte, verändern sich auch die Mäander.

Unser Forschungsziel war: Regeln und Gesetze für die Herausbildung der Wasserbögen zu finden.

Unsere Motivation war: in die tieferen Sphären der Wissenschaft vorzudringen und den Rätseln des Kosmos ein weiteres wertvolles Geheimnis abzutrotzen. Zumindest konnte ich genau das in Bastis Gesicht lesen, als er zum ersten Mal den Wasserhahn öffnete und zusah, wie sich ein winziges Rinnsal Wasser über unsere Platte wand, um leise strullernd in die Auffangwanne zu laufen.

Meine ganz eigene Motivation war es, Basti zu unterstützen, meine Mutter zufriedenzustellen und auf irgendeine überraschende Wendung dieser Forschungsgeschichte zu hoffen. Bisher erschien mir nämlich alles genau so, wie ich es erwartet hatte: aufgeblasen, mühselig und unendlich langweilig.

Unsere gesamte Arbeit bestand darin, Neigungswinkel und Druck einzustellen, die ganze Apparatur vier Stunden lang laufen zu lassen und in Intervallen von dreißig Minuten zu zählen, wie viele Schleifen sich ausgebildet hatten, zu messen wie breit ihre Ausdehnung war und alles sorgfältig zu notieren und zu fotografieren. Jede Messung dauerte weniger als eine Minute, so dass uns am Vormittag im Namen der Forschung erlaubt wurde kurz den Unterricht zu verlassen, um im Keller Notizen zu machen.

An den Tagen, an denen ich dafür eingeteilt war, hielt ich mich streng an den Plan, vergaß nie auch nur eine Messung und dokumentierte gewissenhaft jede kleinste Veränderung. Allein - ich verstand immer noch nicht, warum wir das alles taten. Zugegeben, den Unterricht einfach so verlassen zu dürfen, fand ich gut. Die Kehrseite davon war: die ganze Klasse wusste, warum einer von uns immer mal wieder kommentarlos den Saal verließ. Und nicht nur die Klasse. Die ganze Schule wusste es. Basti und Peter aus der 10b, der Große und der Kleine, dieses ohnehin schon merkwürdige Pärchen, waren freiwillig und anscheinend mit Begeisterung in die JuFo-Welt übergetreten. Und während Basti von unserer wachsenden Berühmtheit wenig bis nichts mitzukriegen schien, hörte ich auf den Gängen immer öfter Getuschel oder spürte spöttische Blicke in der Pause.

Trotz all dieser negativen Vorzeichen klopfte dann aber tatsächlich die überraschende Wendung an unsere Tür. Es war Montag in unserer zweiten Forschungswoche. Ich war gerade dabei, das Schachbrett aufzubauen, mit dem Basti und ich uns am Nachmittag die Wartezeit vertrieben, als die Tür aufging und Herr Böttcher mit der Wendung mitten in unser Laboratorium gelaufen kam. „Jungs, ich bringe euch heute eine Kollegin. Wir brauchen einen Raum, in dem wir einen kleinen Windkanal aufbauen können. Und ich denke, hier ist genug Platz für zwei Forschungsprojekte. Wir müssen nur schnell die Stühle auf den Hof räumen. Herr Schneider lässt sie morgen abholen.“ Er hielt kurz inne, als er unsere ungläubigen Gesichter sah. Dann wandte er sich um. „Ihr kennt doch Katrin aus der 10a, oder?“

„Klar“, antworte Basti für uns beide. Dabei grinste er mich dermaßen auffällig an, dass ich verzweifelt wünschte, statt einer nutzlosen Liste mit coolen Sprüchen, lieber eine Tarnkappe zu besitzen.

Die Begrüßung hatte ich verpatzt und danach wollte mir kein einziger brauchbarer Satz einfallen. Also schnappte ich mir wortlos die ersten beiden Stühle und fing an, sie auf den Hof zu schleppen. So konnte ich in Ruhe darüber nachdenken, was hier gerade geschah. Katrin Morgentaler sollte sich mit uns ein Labor teilen. Katrin Morgentaler war tatsächlich auch Teil der JuFo-Welt. Aber wieso? Oder besser: womit hatte ich das verdient? Katrin war das beliebteste Mädchen der ganzen Klassenstufe. Sie stand in allen Fächern auf Eins, war Klassensprecherin, Mittelstufensprecherin und Kapitänin der Volleyball-Schulmannschaft. Dazu sah sie aus wie ein Fotomodel. Lange braune Haare, riesige Rehaugen und über ihren Po oder ihre Brüste nachzudenken, geschweige denn sie in halbwegs verständlichen Worten zu beschreiben, wäre mir nur nach monatelanger Meditation in einem tibetanischen Mönchskloster möglich gewesen. Katrin Morgentaler war fester Bestandteil meiner erotischen Tag- und Nachtträume. Aber bis auf unsere Begegnung auf der Toilette hatte ich nie auch nur ein direktes Wort mit ihr gesprochen. Ich lächelte beim Stühle schleppen vor mich hin. Das würde sich jetzt ändern.

Durch Katrins Ankunft bekam der Mikrokosmos unseres Labors eine Ordnung. Bisher hatten wir zwar pflichtbewusst unsere Messungen gemacht, aber unser ganzes Dasein war mir vollkommen sinnlos erschienen. Wir waren ziellos im Raum umhergewabert - jetzt hatten wir unsere eigene kleine Sonne, um die wir kreisen konnten. Vielleicht kreiste Basti etwas aktiver und ich war eine Art Trabant, ein Mond, der an Basti dranhing. Aber auch ich bekam meine Portion Sonnenlicht ab und alles war gut. Bisher hatte ich an diesem JuFo-Projekt teilgenommen, weil meine Mutter und Basti es wollten. Jetzt wollte ich es selbst. Nicht wegen der Wassertropfen auf dieser schiefen Ebene, die wenig mit meiner Busscheibe zu tun hatte. Wegen Katrin. Die echte Welt machte endlich den ersten Schritt auf mein Fantasie-Universum zu und ich war mehr als gespannt, wie weit die beiden sich annähern würden.

Wir räumten für Katrin die hintere Saalhälfte frei, bewiesen unsere Tapferkeit an einem halb skelettierten Nagetier und schleppten für sie ein riesiges Windrad aus der Physiksammlung in den Keller. Als Lohn dafür durften wir von nun an regelmäßig ein paar Stunden mit Katrin verbringen.

Am zweiten Tag schaffte dann auch ich es, eine Art Konversation mit ihr zu führen. Basti ließ sich gerade den Windkanal erklären, als sie darüber klagte, die Lichtverhältnisse im Keller seien wirklich schlecht.

„Sind doch Nachtvögel“, sprach ich in den leeren Raum vor meinem Mund. Ich rechnete nicht mit einer Reaktion, aber die beiden drehten sich abrupt zu mir um. Basti hatte direkt wieder sein Grinsen angeknipst.

„Was?“

Katrin bedachte mich mit einem ausdruckslosen Blick, so als gälte es ein weiteres Versuchsobjekt zu beobachten.

„Na, Eulen. Eulen sind Nachtvögel. Für die ist es gut, dass es hier dunkel ist.“

„Aber ich will doch keine echten Eulen hier runter bringen.“

Ich versuchte ein Lächeln, das mir allerdings hoffnungslos über die Unterlippe entglitt.

„Ich weiß“, stammelte ich.

„Das war ein Scherz!“, sprang Basti mir bei. „Pete macht ständig solche Sprüche. Er ist wirklich witzig.“

Ich rückte meine Unterlippe zurecht und dachte sehnsüchtig an die Tarnkappe. Katrin betrachtete mich einen Moment lang still, ohne dass irgendetwas ihre Gedanken verriet. Zu meiner Verblüffung öffnete sie dann ihren Mund und schenkte mir ein großes, weißes Lächeln.

Schwimmen

Die kommenden Wochen gehörten eindeutig zu den besten meiner gesamten Schulzeit. In Mathe kam ich immer noch nicht mit, in Latein musste ich seit neustem sogar die Förderstunden besuchen und einer der Schul-Rambos hatte Spaß daran gefunden, mir ständig ein Bein zu stellen - aber das spielte alles keine Rolle. Wichtiger war: ich verbrachte regelmäßig Zeit mit Katrin Morgentaler. Sie stieg zwar nur an zwei oder drei Tagen pro Woche in unseren Keller herab, aber das genügte mir. Anfangs sprachen wir nur wenig und ausschließlich über Eulen, aber nach und nach gewöhnten wir uns aneinander. Ich hatte zwar immer noch Mühe nicht ständig auf die Wölbung ihrer Brust zu starren, aber immer öfter hielt ich ihrem Blick beim Sprechen stand. Irgendwann stellte sie mir dann tatsächlich eine Frage, die gar nichts mit Forschung oder Schule zu tun hatte.

„Basti hat erzählt, du schwimmst auch beim KSK?“

Ich nickte.

„Welche Lage?“

„Delphin.“

„Er ist sogar Jahrgangsbester“, warf Basti ein.

Katrin zog skeptisch die linke Augenbraue hoch.

„Tatsächlich? Aber Basti ist doch bestimmt nen Kopf größer als Du?“

„Du solltest ihn mal im Wasser sehen“, machte Basti weiter. „Pete hat eine unglaubliche Technik. Unser Trainer nennt ihn den Wasserfloh.“

Katrin lachte laut auf und mein stolzes Lächeln rutschte leicht erdwärts. Aber dennoch schien sie ein wenig beeindruckt.

„OK, Wasserfloh. Vielleicht musst Du mir diese Technik mal zeigen.“

Und dabei hob sie die Augenbraue gleich noch mal. Ich war völlig gebannt von der Leichtigkeit dieser Bewegung. Wie in Trance antwortete ich: „Klar. Komm gerne mal mit zum Training.“

„Ist das nicht nur für Jungs?“

An dieser Stelle wusste selbst Basti nichts mehr zu meiner Verteidigung hervorzubringen.

„Doch. Nur für Jungs. Die Mädchen trainieren eine Stunde früher.“

„Na das mein’ ich doch“, versuchte ich die Situation zu retten. „Zum Mädels-Training. Du bleibst einfach nen Moment länger und ich zeige Dir, wie es geht.“

Katrin lächelte entschuldigend. „Das würde ich wirklich gerne sehen. Aber ich kann nicht auch noch in den Schwimmverein. Ich geh schon viermal die Woche zum Volleyball - dazu jetzt noch das hier.“

Das verstand ich natürlich. Außerdem spielte Katrin ja noch Geige im Schulorchester. Und sie hatte sicher auch sonst noch einige Termine. Doch anstatt es gut sein zu lassen, hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen: „Dann gehen wir am Samstag. Da ist zwar Spaßbaden, aber wir finden schon ne Bahn.“ Und zu meiner noch größeren Überraschung war Katrin einverstanden.

Meiner Mutter war irritiert, dass ich Samstags trainieren wollte, denn eigentlich begleitete ich sie an diesem Tag immer auf den Markt. „Ich dachte wir gehen ins Café Schwonke?“, versuchte sie es. „Vera kommt auch mit den Zwillingen.“ Aber ich war unnachgiebig. Und da im Juli die Vereinsmeisterschaften anstanden und selbst meine Mutter ahnte, dass es spannenderes für einen Sechzehnjährigen gab als zwei Muttis und zwei Achtjährige, war es ausnahmsweise sie, die nachgab.

Basti kam um Punkt dreizehn Uhr. Wir waren erst um zwei verabredet und der Bus brauchte keine zehn Minuten zum Bad. Dennoch hatte er auf den frühen Treffpunkt bestanden. Dass die Verabredung für uns beide galt, hatte für keinen von uns auch nur einen Moment in Zweifel gestanden. Zu meiner Verwunderung trug er Sporthosen, T-Shirt und Laufschuhe. Verschwörerisch blinzelte er mich an.

„Bereit Katrin Morgentaler im Bikini zu sehen?“

Ich versuchte mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen.

„Vielleicht trägt sie ja auch nen Badeanzug.“

Basti schloss für einen Moment theatralisch die Augen. „Was auch immer sie trägt - heute bekommt mein Leben endlich einen Sinn.“

„Was ist mit Sandra?“, fragte ich.

„Was soll sein?“ fragte er betont gut gelaunt. „Wir gehen miteinander. Aber Katrin Morgentaler im Bikini, ist Katrin Morgentaler im Bikini. Und außerdem steht sie ja wohl eher auf Dich, Wasserfloh.“

Ich wurde rot. „Badeanzug - nicht Bikini“, stammelte ich, „ich denke, es wird Katrin Morgentaler im Badeanzug. Schließlich wollen wir schwimmen.“

Bastis gute Laune steigerte sich noch.

„Ja. Das sagtest Du bereits. Egal was sie trägt - ich hoffe, du bist vorbereitet?“ Er zwinkerte mir zu.

Ich verstand nicht.

Basti rollte theatralisch die Augen.

„Na vorbereitet. Du hast hoffentlich dafür gesorgt, dass in deiner Badehose niemand einen spontanen Zeltausflug unternimmt.“

Ich sagte gar nichts und Basti wurde noch theatralischer.

„Pete, also wirklich. Ich fass` es nicht. Das ist unprofessionell. Na los, ab mit Dir ins Bad.“

Dazu öffnete er die Badezimmertür und macht eine tiefe Verbeugung. Ich begriff zwar mittlerweile, bewegte mich aber kein Stück.

„Oh. Nein Danke. Ich kann doch nicht… während Du hier hockst“

„Ich kann so lange fernsehen. Aber beeil dich.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Vergiss es. Ich hab das schon im Griff“

Basti pfiff mit gespielter Anerkennung durch die Zähne. „OK, OK. Aber versteck dich nicht hinter meinem breiten Rücken, wenn Du nachher die Kontrolle verlierst.“ Dann zeigte er auf mein Zimmer. „Los - Sportsachen an. Schwimmsachen in den Rucksack. Wir laufen zum Bad.“

„Wir laufen zum Bad? Warum das denn?“

„Du kapierst aber auch gar nichts. Das ist auch Vorbereitung, Mann. Wir wollen doch jeden einzelnen unserer mühsam herangezüchteten Muskeln in Bestform bringen.“

Ich wollte widersprechen, denn eigentlich ging es wohl vor allem um Bastis Muskeln. Aber er hatte recht. Neben ihm sah ich zwar aus wie ein Kind, aber immerhin war ich ein Schwimmer. Und in letzter Zeit hatte ich im Spiegel immer mal wieder neue Muskeln entdeckt. Es konnte sicher nicht schaden, diese ein wenig in Form zu bringen.

In der Umkleidekabine vom Schwimmbad verordnete Basti mir dann noch eine Trainingseinheit von fünf mal zwanzig Liegestütze. Zwei Rentner lachten herzlich, als sie uns auf dem Kabinenboden japsen sahen. Als wir das Bad betraten war ich überall am Körper rot und immer noch kurzatmig, aber tatsächlich wirkte ich etwas größer als sonst. Basti lief wie Adonis vor mir her. Katrin zeigte sich jedoch in keiner Weise beeindruckt. Oder vielleicht habe ich auch nur nichts davon mitbekommen, denn ich habe kaum auf ihr Gesicht geachtet. Sie trug tatsächlich einen Bikini. Er war weiß mit schwarzen Nähten, betonte die gesunde Bräune ihrer Haut und verriet deutlich, dass ihre körperliche Entwicklung zur erwachsenen Frau mehr als abgeschlossen war. Ich konnte nicht anders, als einen Moment lang gedankenverloren zu starren und bereute sofort, nicht auf Basti gehört zu haben. Also dachte ich intensiv an exponentielle Funktionen und hoffte auf den Vertuschungseffekt meiner dunklen Badehose.

„Die Herren Forscher“, begrüßte uns Katrin mit einem koketten Blick, bei dem sie wieder die Augenbraue hochzog.

„Hallo Katrin. Wartest Du schon lange?“, hörte ich Basti sagen. Ob er ihr zur Begrüßung die Hand gab oder sie gar umarmte, sah ich gar nicht mehr. So schnell es ging, trat ich an den Beckenrand und ließ mich kommentarlos ins Schwimmerbecken fallen. Ein älterer Herr ohne Schwimmbrille konnte gerade noch ausweichen und bedachte mich mit einer kleinen Schimpftirade. Ich tauchte zurück an den Beckenrand. Katrin lachte. „Uuups. Und da kommt auch schon der Bademeister.“

Tatsächlich bewegte sich ein junger Mann in weißen Shorts und blauem Polo-Shirt auf uns zu. Aber er lächelte. Es war Ben, unser Schwimmtrainer.

„Dass ich dir noch mal die Baderegeln erklären muss, hätte ich nicht gedacht.“ Er half mir mit einer Hand aus dem Wasser, begrüßte Basti und schließlich Katrin.

„Was macht ihr hier, Jungs? Trainieren am Wochenende.“

„Klar“, lächelte ich.

„Peter wollte mir zeigen, wie man richtig Delphin schwimmt“, ergänzte Katrin mit einem Blick, den ich bisher noch nicht an ihr kannte. Ihre Stimme wurde ziemlich sanft. Sie schnurrte beinahe.

Ben setzte ein breites Grinsen auf.

„Oh. Da hast du dir unseren Spezialisten ausgesucht. Er hat wirklich eine einzigartige Technik. Los ab mit Dir. Zeig uns wie’s geht.“

Ich schlurfte brav zum Startblock und sprang ins Wasser. Beim ersten Zug war ich tatsächlich so etwas wie aufgeregt. Die vertrauten Bewegungen brachten mich aber schnell zur Ruhe. Mein Körper ging in den Schwimmmodus. Beinschlag, gleiten, Beinschlag, Arme. Ich fixierte den Beckenboden schräg vor mir und hörte auf zu denken. Bevor ich es richtig merkte, hatte ich schon gewendet und war auf dem Weg zurück. Ben war neben Katrin stehen geblieben und erklärte ihr irgendwas. Sie beobachteten mich. Ich richtete meinen Blick wieder in die Tiefe. Als ich am Beginn der Bahn ankam, war mir blöderweise noch nicht eingefallen, was ich jetzt sagen könnte. Also wendete ich und hängte zwei weitere Bahnen dran. Diesmal gab mir Basti mit einem Patsch auf die Schulter zu verstehen, dass ich aufhören sollte.

„Ich bin dran“, raunte er mir zu. Dann sprang er über mich und zog mit schnellen Kraulschlägen davon. Ich stieg aus dem Wasser.

„Bei Freistil spielt die Spannweite eine größere Rolle. Da schwimmt Basti allen weg. Aber Delphin ist neben Kraft vor allem Technik. Körperbeherrschung. Koordination.“ Ben grinste stolz zu mir rüber. Katrin lachte übers ganze Gesicht.

„Nicht schlecht, Wasserfloh“, rief sie. Sie lächelte anerkennend und ein prickelndes, warmes Etwas breitete sich überall in meinem Körper aus. Ein wenig wie Fieber, nur fühlte es sich verdammt gut an. Das war ein Anfang, eindeutig. Und besser als Eis essen. Aber da mir immer noch kein kluger Satz einfiel, stürzte ich mich einfach wieder ins Wasser.

Hinterher war ich unsicher, wie Katrin den Schwimmbadbesuch wirklich fand. Erst dachte ich, sie langweilt sich. Denn während Basti und ich alleine durchs Wasser pflügten, stand Katrin nur draußen bei Ben und hörte ihm zu. Aber dann war sie auch reingesprungen und ließ sich von mir die Arm- und Beinbewegungen beim Delphinschwimmen zeigen. Ich machte es vor und sie machte es nach. Ben kam auch noch mal dazu und korrigierte ihre Haltung von außen. Katrin brauchte ungefähr vier Versuche, dann hatte sie die Bewegung drauf. Sie forderte sofort ein Wettrennen. Ich musste schwören, ich würde Vollgas geben und gewann mit einer halben Bahn Vorsprung. Aber das schien ihr zu gefallen. Sie gab mir einen kleinen, anerkennenden Klaps auf die Schulter und lachte aus vollem Hals. „Nicht schlecht“, sagte sie wieder. „Wirklich nicht schlecht.“ Aber als ich ihr dann die Bewegung nochmal vormachen wollte, musste sie schon nach Hause. Sie war richtig erschrocken, als sie sah, wie spät es war und verschwand mit einer kurzen Verabschiedung aus Becken, Bad und meinen Wochenendplänen.

Freunde

Am folgenden Montag kam Katrin direkt auf unseren Schwimmbadbesuch zu sprechen und wie toll sie alles fand. Ich fürchtete zunächst, sie mache sich über mich lustig, aber sie sprach ganz ernsthaft davon, sich im Schwimmklub anzumelden. Ihr enger Zeitplan schien auf einmal kein Hindernis mehr zu sein. „Ich geh nur Montag und Mittwoch. Das ist der perfekte Ausgleich zum Volleyball.“ Ich war überglücklich, versuchte mir aber möglichst wenig anmerken zu lassen. Basti hingegen reagierte mit fast schon besorgniserregender Zurückhaltung. Ich beschloss, ihn zu ignorieren.

Ich sah Katrin in dieser Woche an jedem Tag irgendwo im Schulhaus. Jedes Mal grüßte sie mich zumindest oder blieb stehen, um ein paar Worte mit mir zu wechseln. Das schien irgendeine Art von Zauber in Gang zu setzen. Es begann mit Katrins Freundinnen, die ebenfalls begannen, mir zuzunicken. Dann grüßten mich ein paar von den cooleren Jungs aus der Elften. Schließlich ging sogar der Rambo, der mich zu seinem Lieblingsopfer auserkoren hatte, nur mit einem schiefen Grinsen an mir vorbei. Ohne mir das Bein zu stellen. Ohne mir ans Ohr zu schnipsen. Ohne irgendeinen Spruch. Ich war glücklich wie nie in meinem Leben und am Freitag konnte ich die Tatsachen nicht länger leugnen.

„Basti. Ich glaube, mich hat’s erwischt.“

Grinsen.

„Scheiße.“

Schweigen.

„Katrin?“

Nicken.

„Scheiße.“

Grinsen.

Wir saßen zu zweit im Forschungskeller und unsere Wasserplatte plätscherte fröhlich vor sich hin. Basti hatte mich gerade in Rekordzeit matt gesetzt, ohne dass ich wirklich viel davon mitbekommen hätte. Er fuchtelte mit meinem König wie mit einem Messer vor meiner Nase rum.

„Ich sag das nicht gern, Petey. Aber vergiss es.“

„Sie hat sich im Klub angemeldet.“

„Das ist eine andere Liga. Nicht meine und schon bestimmt nicht deine.“

„Sie hat mich an der Schulter berührt. Im Schwimmbad.“

„Sag mal hörst Du mir überhaupt zu?“

„Sie zieht die linke Augenbraue immer so hoch, wenn sie mich ansieht.“

„Scheiße.“

„Ja. Scheiße.“

Das Wochenende zog an mir vorbei, wie in einem Nebel. Ich dachte 48 Stunden lang pausenlos an Katrin. An ihren weißen Bikini. An ihre makellose Haut. An den Stups, den sie mir auf den Arm gegeben hatte. Die Bilder standen so real vor mir, dass ich glaubte, sie berühren zu können. Es fiel mir schwer, mich auf die Welt um mich herum zu konzentrieren und wusste keinen anderen Ausweg, als auf Bastis Rat zu hören. Katrins Brüste unter den weißen Stoffdreiecken - ich rannte ins Bad. Katrins Po unter Wasser - ich rannte ins Bad. Katrins Augenbraue - ich rannte ins Bad. Meine Mutter wollte mich schon zum Arzt schleppen, weil ich ständig die Toilette blockierte. Ich erzählte von Durchfall und bekam zwei Tage lang nichts, als geriebenen Apfel, Zwieback und Banane zu essen. Aber wenn das der Preis für meine Fantasien war, dann zahlte ich ihn gerne.

Am Montag kam Katrin nicht ins Labor und ich sah sie auch nicht auf dem Flur. Beim Training war sie dann aber da. Basti und ich waren gemeinsam von der Schule zum Schwimmbad gejoggt. Viertel vor fünf standen wir außer Atem, aber in Bestform, in der Halle. Katrin zog fleißig ihre Bahnen zwischen den anderen Mädels. Sie trug diesmal einen Badeanzug, aber das änderte nichts daran, dass sich ein neues erotisches Bild in mein Gehirn einbrannte, als sie aus dem Wasser stieg. Ben nahm sie zur Seite und erklärte ihr was. Dabei legte sie ihre Hand scheinbar gedankenlos auf seinen Oberarm und lachte. Dann kam sie auf uns zu.

„Hi Jungs.“ Katrin winkte, obwohl sie direkt vor uns stand. „Viel Spaß. Ich muss unter die Dusche.“ Und schon war sie weg. „Ja. Viel Spaß!“, rief ich ihr hinterher. Dann beeilte ich mich ins Wasser zu springen.

Schon bei den ersten Kraulzügen zum Aufwärmen wusste ich: Basti hatte recht. Ich starrte auf seine Zehen, die vor mir im Wasser tanzten und wusste, er hatte recht. Katrin Morgentaler war nicht in mich verliebt. Das war unmöglich. Aber vielleicht, so hoffte ich, vielleicht würde sie sich einfach meines jugendlichen Körpers bedienen wollen, um die wilde Lust einer erwachsenen Frau zu stillen. Ich starrte ein Loch in Bastis Füße. Ich hatte das Gefühl, sein Grinsen durch die Fußsohlen sehen zu können. Ich versuchte nicht an Katrins Brüste zu denken und konzentrierte mich auf die monotonen Armbewegungen. Es funktionierte nicht.

An diesem Tag brach ich das Training zum ersten und einzigen Mal vorzeitig ab. Was ich auch versuchte - ich kam einfach nicht in meinen Schwimmmodus.

Am Dienstagnachmittag traf ich meinen Schwimmtrainer Ben vor unserer Schule und bekam eine erste Ahnung, was mit Katrin wirklich los war. Am Mittwoch beim Training sah ich, wie er zärtlich über ihren Unterarm strich und am Freitag holte Ben sie aus dem Keller ab und all meine Befürchtungen hatten sich bestätigt.

„Dreiundzwanzig. Ich kapier das nicht. Ben ist dreiundzwanzig. Ist das nicht irgendwie verboten oder so?“

Basti legte tröstend seinen Arm um meine Schulter.

„Ich hab doch gesagt: eine andere Liga.“

„Aber mal im Ernst: dreiundzwanzig. Ben könnte fast ihr Vater sein. Er ist unser Trainer. Im Grunde so was wie ein Lehrer.“ Ich wollte es verhindern, aber meine Stimme bekam unwillkürlich einen weinerlichen Klang.

„Manche stehen eben auf ältere.“

„Aber dreiundzwanzig!“

„Das sind gerade mal sieben Jahre.“

„Ja eben: sieben Jahre. Das ist doch nicht normal.“

Basti klopfte mir aufmunternd auf die Schultern.

„Hey - wir haben sie im Bikini gesehen und wir werden sie wieder im Bikini sehen. Und außerdem sind wir immer noch Forscherkollegen.“

„Forscherkollegen? Ach Scheiße!“

„Ja, Pete. Scheiße.“

Das nächste Mal sah ich Katrin in der folgenden Woche in unserem Labor wieder. Sie kam in Begleitung ihrer Freundin Lisa. Schon durch die Tür hörte man die beiden laut „Baby, we keep on smiling“ singen. Basti begrüßte sie mit seinem theatralischen Blick. „Bitte. Wer hört das denn noch?“

Die Mädels gaben sich einem Kicheranfall hin und ließen sich ihre gute Laune nicht verderben.

„Entschuldigung, bitte. Aber was versteht ihr denn von Musik?“, fragte Lisa. Katrin übernahm der Einfachheit halber die Antwort.

„Nichts, meine Liebe. Aber wir wollen uns hier unten ja auch nur der Forschung widmen. Der Forschung und nichts als der Forschung.“

Wieder prusteten beide los. Basti zuckte nur mit den Schultern warf mir einen hilflosen Blick zu. Ich beugte mich mit dem Zollstock über einen unserer Wasserbögen und trug die Ausdehnung in die Liste ein. Dann setzte ich mich zurück ans Schachbrett und täuschte angestrengtes Nachdenken vor. Katrin erklärte Lisa zuerst ihren Windkanal und danach unsere Wasserplatte. Basti ließ mich alleine sitzen und zeigte ihr den genauen Aufbau. Lisa stellte ein paar Fragen, ließ dabei deutlich erkennen, dass sie all das nicht sonderlich interessierte und verabschiedete sich. Basti verließ den Raum mit ihr, um etwas zum Trinken zu holen.

Ich war mit Katrin alleine. Ich bohrte meinen Blick auf das Schachbrett und versuchte dabei aus den Augenwinkeln zu erkennen, was sie machte. Ich glaubte zu erkennen, dass sie sich mit dem Rücken an ihren Arbeitstisch lehnte. Ich konnte nicht ganz sicher sein, aber es schien, als sehe sie zu mir rüber. Mein Puls begann anzusteigen, so dass man das Pochen in meinen Schläfen wahrscheinlich sogar sehen konnte. Ich drehte meinen Kopf nur für eine winzige Millisekunde und zuckte sofort wieder zurück. Katrin sah mich direkt an.

„Peter. Ich muss mit dir reden.“

Ich schob meinen Bauern ein Feld voran und warf ihn damit sinnlos Bastis Pferd zum Fraß vor. Dann drehte ich mich zu Katrin.

„Klar. Was ist?“

Katrins Lächeln war ein wenig gequält.

„Es ist mir ein bisschen peinlich.“

Bong. Bong. Bong. Meine Schläfen puckerten dermaßen deutlich, dass ihr das einfach auffallen musste. Aber Katrin blickte zu Boden.

„Also. Du und ich…“, begann sie.

Ich sprang auf, ging zu unserer Wasserplatte und drehte den Hahn zu. Ich wusste selbst nicht genau warum. Katrin blickte mich entgeistert an.

„Ääh, das Plätschern.“, stammelte ich. „Das nervt.“

Katrin lächelte verständnisvoll.