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Nach ihrer desaströsen Geburtstagsfeier im Kreise der Familie beschließt Miriam, der Vernunft abzuschwören und nur noch auf ihr Herz zu hören. Und dieses schlägt seit einiger Zeit für einen sehr attraktiven, aber plötzlich verschwundenen Italiener. Miriam macht sich auf den Weg, ihm seinen Eiswagen nach Italien zurückzubringen. Die Reise wird ein Abenteuer, gelinde gesagt - auch, weil sich ihre Mutter und ihre Schwester völlig ungeplant anschließen. Doch am Ende der Reise wartet schon das Happy End ...
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Prolog
DER AUFBRUCH
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ZWEI MONATE VORHER
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UNTERWEGS NACH ITALIEN
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Epilog
Über das Buch
Nach ihrer desaströsen Geburtstagsfeier im Kreise der Familie beschließt Miriam, der Vernunft abzuschwören und nur noch auf ihr Herz zu hören. Und dieses schlägt seit einiger Zeit für einen sehr attraktiven, aber plötzlich überstürzt abgereisten Italiener. Miriam macht sich auf den Weg, ihm seinen Eiswagen nach Italien zurückzubringen. Die Reise wird ein Abenteuer, gelinde gesagt – auch, weil sich ihre Mutter und ihre Schwester völlig ungeplant anschließen.
Wunderbarer Sommerroman über die Liebe, das Leben und die liebe Not mit der Familie
Über die Autorin
Frida Matthes arbeitete viele Jahre für Funk und Fernsehen. Nach hunderten Reportagen über Fabergé-Eier, essbare Algen, Hundeernährungsberatung, Kinderfußball, Höhlenkäse und andere seltsame Phänomene fühlte sie sich gut gerüstet für die fiktive Welt des Schreibens. Mittlerweile hat sie unter verschiedenen Pseudonymen etliche Romane, Jugend- und Sachbücher veröffentlicht – und dabei Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste erobert. Frida Matthes lebt mit ihrer Familie in Köln.
FRIDA MATTHES
Zwei Sorten Glück
ROMAN
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, KölnEinband-/Umschlagmotive: © Shutterstock: JPstock | Irtsya | windesign; © GettyImages: Peter Zelei ImagesUmschlaggestaltung: FAVORITBUERO, MüncheneBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-0348-2
luebbe.delesejury.de
Glück ist wie Eiscreme. Man muss es genießen, solange es da ist.
Meine Mutter sagt immer, mit vorausschauendem Denken kann man fast jede Katastrophe vermeiden. Vorausschauendes Denken ist das A und O des Lebens. Es sorgt dafür, dass man auf die Toilette geht, bevor man in den Bus steigt, und verhindert, dass man sich mittags einen Teller Bohnen reinstopft, wenn man abends in einem hautengen Schlauchkleid zu einer Opernpremiere geht.
Das ist einleuchtend, oder? Vorausschauendes Denken ist ein elementarer Bestandteil der Vernunft, und Vernunft ist der entscheidende Faktor – was mich betrifft, nicht nur für meine Arbeit als Notarfachangestellte, sondern auch für die Erziehung meines fünfzehnjährigen Sohnes und überhaupt für ein sorgenfreies Leben. Ich fand die Ratschläge meiner Mutter immer sehr hilfreich. Bis ich feststellte, dass sie überhaupt nichts taugen.
Mein ganzes Leben lang bin ich ein Kopfmensch gewesen, der über alle wichtigen Entscheidungen gründlich nachgedacht und jedes Für und Wider abgewägt hat, bevor ich einen Entschluss fasste. Doch wie sich herausgestellt hat, waren sämtliche meiner wunderbar durchdachten Entscheidungen falsch gewesen. Ich hatte Simon geheiratet. Und auch sonst kein Glück bei den Männern.
Und nach dem Chaos in der Kanzlei und dem unsäglichen Verhalten meiner Familie auf meiner Geburtstagsfeier und dem Desaster mit Dr. Eduard Kaperski habe ich mich kurzerhand entschlossen, jegliche Vernunft über Bord zu werfen und diesen klapprigen Eiswagen nach Italien zu fahren, um ihn seinem attraktiven Besitzer zurückzubringen. Lorenzo. Der meine Knie zum Schmelzen bringt und meinen Verstand umnebelt und der unter mysteriösen Umständen verschwunden ist, nachdem er mich geküsst hat. Natürlich weiß ich, dass es verrückt klingt, einfach ins Blaue zu fahren und auf die Liebe zu hoffen.
Aber mal ehrlich – ist es wirklich verrückt, auf sein Herz zu hören? Oder ist das nicht doch das Vernünftigste, was man tun kann?
Wo die Vernunft endet,fangen die Träume an.
Wer immer darauf wartet, dass andere mitkommen, verpasst das Leben.
Sich von der Vernunft zu verabschieden ist so befreiend, wie eine Diät zu beenden. Man hat auf einmal so viele Möglichkeiten! Selbst als vierundvierzigjährige geschiedene Alleinerziehende darf man auf einmal alles. Johannisbeerenkuchen mit Sahne zum Frühstück essen, Gelb zu Grün anziehen und sich die Haare selbst schneiden. Gut, vielleicht hätte ich es nicht unbedingt gestern Abend nach der Flasche Wein machen und eventuell auch nicht die Nagelschere benutzen sollen, aber jetzt ist es passiert. Ich wollte schon immer eine Ponyfrisur haben. Ist mir egal, dass es mir nicht steht. Immerhin sehe ich jetzt so kreativ aus, wie ich mich fühle.
Abgesehen davon ist der Unterschied zwischen richtig und falsch ja doch nur eine Fessel, die einem das eigene Gewissen aufzwängt oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung oder seine schrullige Familie. In meinem Kopf herrscht so eine Klarheit. Detox Your Brain – der neue Trend. Entschlacke deine Gedanken, schon fällt aller Stress von dir ab.
Als ich zum Beispiel an der Liste für meinen Sohn Basti und meinen Vater gearbeitet habe, auf der ich das notiert habe, was sie wissen und worauf sie achten müssen, wenn ich weg bin, habe ich bei Punkt 8 (Klopapierrollen nachlegen, sobald die Ersatzrolle angebrochen wurde) gestoppt, den Zettel zerknüllt und weggeschmissen. Sollen sie doch selbst sehen, wie das ist, wenn man auf dem Klo sitzt und kein Papier mehr da ist. To-do-Listen, Pflichtbewusstsein, bleierne Bürde des vorausschauenden Denkens – einfach weg damit! Freie Gedanken für eine freie Frau! Hab die Darf-man-, Soll-man-, Muss-man-Ketten gesprengt. Fühle mich so schöpferisch! Und ideenreich! Was vielleicht auch an diesem irrsinnigen Haarschnitt liegt, Modell »Aktionskünstlerin«. Ich könnte mich mit Silberfarbe überschütten und mit einem Meerschweinchen und einem roten Luftballon auf eine Verkehrsinsel stellen, und es wäre ein Live-Event.
Okay. Vielleicht sollten die Gedanken doch nicht allzu ungehindert strömen. Der Grat zwischen Freisein und Überschnappen ist schmaler, als man denkt. Andererseits muss ich in dieser Situation darauf gefasst sein, dass jede Menge Weisheiten aus mir raussprudeln. Deswegen habe ich beschlossen, alles genau zu dokumentieren. Die Erkenntnisse einer Reisenden. Wertvoll für die Nachwelt. Und für mich! Damit ich meine Wiedergeburt als neuer Mensch später noch mal nachverfolgen kann. Am Steuer eines Fahrzeugs zu sitzen ist ja fast so, wie sich in die Zelle eines Schweigeklosters zurückzuziehen, was schon so mancher getan hat, der danach sein Leben komplett umgekrempelt hat.
Ich nehme diese Aufgabe nun voller Wagemut an und stürze mich in das Abenteuer, den Eiswagen nach Montecchio, Umbrien, Italien zu fahren. Okay. Ich gebe zu, dass ich nicht völlig planlos aufbreche. Ich habe die Eisdielen in Montecchio im Internet recherchiert und dort die GELATERIA FANTASTICA, die GELATERIA TRADIZIONALE und die GELATERIA ANGELO gefunden. Voller Übermut habe ich gestern dort angerufen, bis mir klar wurde, dass ich kein Italienisch kann. Aber die Frau, mit der ich gesprochen habe, wusste, wovon ich sprach.
Sie rief direkt: »Lorenzo. Aaaah! Lorenzo!«
»Lorenzo Italia oder Germania?«
»Si, si, Lorenzo, Italia«, und dann folgte noch irgendwas, das ich nicht verstanden habe.
Aber wenn ich jetzt wieder anfange, alles komplett zu hinterfragen, kann ich gleich zu Hause bleiben und mich auf mein Sofa setzen, das mein Vater seit seinem Einzug in Beschlag genommen hat, und mit ihm irgendwelche Dokus über den Zweiten Weltkrieg gucken. Und das will ich nicht. Ich will Lorenzo finden, und dafür muss ich fast tausenddreihundert Kilometer zwischen mich und meine Familie bringen.
Ich habe also gepackt und bin bereit – bereit für meine Reise nach Italien.
Ich schleiche mich aus der Wohnung und gehe die Treppe runter. Vor Eduards Tür verharre ich kurz. Der Mann macht ja morgens früh immer Gymnastik, um sich bei seiner Stützmuskulatur einzuschleimen. Dieser Scharlatan, der mich so blamiert hat wie noch nie jemand in meinem ganzen Leben. Ich überlege kurz, ob ich das »Dr.« auf dem Klingelschild übermalen soll, aber ganz neu anzufangen bedeutet auch, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen und den Groll hinter sich zu lassen. Außerdem habe ich keine Hand frei.
Meine Schritte hallen von den Wänden wider, ich erreiche das Erdgeschoss.
Obwohl mir der Hausflur vertraut ist, kommt mir alles auf einmal so surreal vor. Ich bin mit dem Auto ohne Begleitung nie weiter als bis Frankfurt gefahren. In meinem Kopf summt und brummt es vor lauter Begeisterung darüber, dass ich allein losziehe. So mutig!
Ich durchquere die Hofeinfahrt. Da steht er. Der Eiswagen. GELATO ITALIANO. Ein wohliger Schauer fährt mir über den Rücken, als ich an die Minuten mit Lorenzo dem Eismann im Inneren des Wagens denke − zwischen den Regalen und den blinkenden Bottichen voller Eiscreme. Es ist doch so: Wo die Vernunft endet, fängt das Träumen an. Und warum sollte ich nicht von dem Eismann träumen? Davon, dass er sich unsterblich in mich verliebt hat? Dass er zwar aussieht wie ein Filmstar, aber dennoch verrückt nach mir ist? Und dass wir beide eine wundervolle gemeinsame Zukunft haben können, voller gelati, amore und Sette Peccati? Das ist die Eissorte, die er für mich kreiert hat, sie trägt den vielversprechenden Namen »Sieben Sünden«! Wer bestimmt denn, dass ich mich mit Männern wie Eduard oder Simon begnügen muss? Die Liebe kennt keine Grenzen. Ich bin richtig gerührt, so sehr glaube ich in dem Moment daran, dass meine Zukunft golden und wundervoll werden wird.
Vielleicht sollte ich meine Gedanken gar nicht für mich behalten, sondern gleich unters Volk bringen. Bloggen. Von unterwegs ins World Wide Web senden. Eiscreme und Wahrheit. Die Nomaden-Bloggerin. Na ja, gut. Ich sollte erst mal losfahren, dann kann ich immer noch überlegen, was ich unterwegs alles mache.
Ich steige also in den Wagen. Nehme bewusst den Geruch der vanillefarbenen Ledersitze wahr, die mich mit einem sanften Knirschen willkommen heißen. Stopfe meine Tasche und den Reiseproviant in den Fußraum der Beifahrerseite. Butterbrote, Bonbons, Müsliriegel, eine Flasche Wasser – und zur Bestätigung meiner Emanzipation von sinnlosen Regeln, eine Tüte Chips. Einfach so, weil ich Lust darauf habe! Schon läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich reiße die Tüte auf, schaufle mir eine Handvoll in den Mund, fantastisch. Morgens um sieben Uhr Chips am Steuer eines Eiswagens essen – die Unvernunft gefällt mir immer besser.
Gerade habe ich die Wangen bis zum Anschlag voll und bin wahnsinnig glücklich, da klopft es an die Seitenscheibe. Ich zucke zusammen, verschlucke mich und dann gleich noch mal, als ich sehe, wer da neben dem Auto steht: meine Mutter. Sie starrt von der Chipstüte zu dem Pony, den ich mir in einem Anfall von promillebedingtem Aktionismus geschnitten habe. An ihrem Blick kann ich sehen, was sie denkt: Was zur Hölle macht dieser Mensch mit der schrägen Frisur da?
Das würde ich mich auch fragen, wenn es mir nicht völlig egal wäre. Aber viel wichtiger ist die Frage: Was macht sie hier? Ich meine, sie wollte nie wieder mit mir reden. Und ich nicht mit ihr. Wir sind fertig miteinander.
Demonstrativ greife ich in die Chipstüte und stopfe mir den Mund voll. Essen ist allemal besser als reden.
»Miriam, du fährst also tatsächlich nach Italien«, sagt meine Mutter durch die Scheibe. Woher weiß sie das denn? »Ich habe mit meinem Lieblingsenkel telefoniert gestern Abend«, antwortet sie unaufgefordert.
Na toll, denke ich ärgerlich. Sonst die Verschlossenheit in Person, und jetzt posaunt mein Sohn überall meine Abenteuerpläne aus.
»Ich dachte, du willst nicht mehr mit mir reden«, sage ich.
»Will ich ja auch nicht, aber ich muss. Ich bin schließlich deine Mutter.«
Für einen Moment erwacht der Gedanke, dass sie eingesehen hat, wie unmöglich sie sich auf meiner Geburtstagsfeier vorgestern benommen hat.
»Und was willst du dann hier? Dich entschuldigen?«
»Wofür sollte ich mich entschuldigen?«, fragt sie zurück.
Wofür?Wirklich???
Während ich doch wieder anfange, mich zu ärgern, sehe ich, wie sie um das Auto herumgeht. Fassungslos schaue ich zu, wie sie die Beifahrertür aufmacht und einsteigt. Tausend Fragen liegen mir auf der Zunge, aber ich muss erst mal meinen Proviant retten, auf den sie fast mit ihren Ballerinas getreten wäre.
»Hey! Pass auf, da sind wertvolle Sachen drin!«
Ich hechte in den Fußraum.
»Dann ist das ja wohl kaum der richtige Platz dafür«, weist mich meine Mutter zurecht. Sie nimmt meine Tasche und den Proviantbeutel und hievt beides auf den mittleren Sitz, quetscht ihre eigene Tasche – warum hat sie Gepäck dabei? – zu ihren Füßen und schnallt sich an. »Na, dann los!«
»A… aber«, stammle ich. »Wie jetzt? Was willst du hier?«
»Ich fahre mit, ist doch klar. Du kannst das nicht allein.«
Ich schnappe empört nach Luft, aber sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Bei einer solch langen Fahrt ist eine Beifahrerin zwingend vorgeschrieben«, sagt sie.
»Bist du jetzt in der Fernfahrergewerkschaft, oder was?«
»Das ist gesunder Menschenverstand, mein Kind. Mehr nicht.«
Da sitzt sie seelenruhig in ihrer weinroten Tunika, auf ihrem Busen ruht die violette Lesebrille an der Kette, die grauen Haare sind frisch getönt, auberginefarben. Sie sieht aus wie eine Museumsdirektorin, die bei einem Cappuccino den neuesten Museumskatalog studiert. Aber statt sich um ihr Kulturprogramm zu kümmern, drängt sie sich in mein persönliches Abenteuer hinein. Das ist doch wohl die Höhe!
Wie immer, wenn meine Mutter kategorisch solche Sachen sagt, bin ich überfordert. Mein Hirn, das eben noch schön entschlackt fröhlichen Unsinn fabriziert hat, meldet schon wieder Überlastung. In meinem Kopf herrscht ein riesiges Durcheinander. Als wäre ein Daunenkissen explodiert und überall schwebten weiße Federn. Man weiß gar nicht, wo man mit dem Aufräumen anfangen soll und wie man die unzähligen Fitzel wieder eingefangen bekommt.
Ich hasse es! Ich hasse es, dass ich nicht klar denken kann, sobald meine Mutter im Spiel ist. Kurz überlege ich, sie aus dem Auto zu zerren. Aber auf einen Nahkampf mit meiner Mutter bin ich trotz meiner inneren Befreiung nicht vorbereitet. Na super. Ich bin nicht mal losgefahren, da gerät das Unternehmen schon ins Stocken.
»Du kannst nicht mit. Wir … wir haben uns gestritten«, sage ich. Sie zieht nur die Nase kraus. »Und das ist viel zu anstrengend für dich«, argumentiere ich weiter.
»Ach was. Ich bin topfit. Außerdem hast du selbst gesagt, ich soll mal über den Tellerrand schauen.«
»Ja, aber über deinen!«
»Familie ist Familie. Wir haben alle denselben Tellerrand.«
»Stimmt doch gar nicht. Jeder hat seinen eigenen Tellerrand.«
»Wer sagt das?«
»Na, ich.«
»Jetzt fahr endlich los!«
»Ich … ich…«
Die Daunen trudeln in dicken Schwaden in der Luft herum, und ich kann nicht klar sehen.
»Ich solle mich nicht in meinen eigenen vier Wänden vergraben, hast du gesagt«, sagt meine Mutter. »Und jetzt gehe ich raus, und es passt dir auch nicht?«
»Aber damit hab ich gemeint, dass du irgendeine Busreise für Senioren machen sollst!«
»Das ist ein Bus, ich bin Seniorin, also ist das eine Busreise für Senioren.« Sie klappt die Sonnenblende runter und fährt sich mit der Hand durch die Haare.
Ich merke, wie ich langsam ermatte. Meiner Mutter zu widersprechen ist, wie gegen die Strömung zu schwimmen. Da fällt mir was ein.
»Wolltest du nicht mit deiner Museumstruppe nach Barcelona fliegen?«
Sie hält einen Moment inne, schürzt die Lippen und streicht sich über eine Augenbraue, dann klappt sie die Sonnenblende mit einem Knall nach oben.
»Also wirklich«, sagt meine Mutter. »Dein Vater darf zu dir kommen, wie es ihm passt, aber ich nicht? Er darf Teil deines Lebens sein, und ich nicht? Ist es das, was du mir sagen willst?« Sie sieht mich unmissverständlich an, ihre blauen Augen blitzen.
Mein Mund klappt auf, meine Hände werden feucht. Diese Vorwürfe sind so absurd, dass es lächerlich ist.
»Nein«, beeile ich mich zu erwidern. »Blödsinn! Aber das hier ist doch was anderes. Erstens hatte ich gar nicht geplant, dass Papa bei mir einzieht …«
»Was du mir übrigens verschwiegen hast«, unterbricht sie beleidigt, »wirklich, das verzeihe ich …«
»Ich wollte es dir ja sagen«, rufe ich kläglich, »es gab nur keine richtige Gelegenheit und …«
Während meine Mutter über die Ungerechtigkeit dieser Welt schwadroniert, in der ihre eigene Tochter Geheimnisse vor ihr hat und zu dem Mann hält, der sie hintergangen hat, fällt mir aus heiterem Himmel das Buch über das alte Rom ein, das ich als Kind so geliebt habe, besonders das Kapitel über das Kolosseum. Diese Gladiatoren, die um ihr Leben kämpfen mussten! Da gab es eine Gladiatorenart, den Retiarius. Er sah aus wie ein Fischer und war bis auf einen lächerlichen Lendenschurz und einen Armschutz splitternackt, weswegen man ihn auf den ersten Blick unterschätzt hat. Doch zu seiner Kampfausrüstung gehörte ein Wurfnetz. Das hat er geschickt über seinen Gegner geworfen, und sobald der sich darin verfangen hatte, hat der Retiarius den Dreizack zum tödlichen Stoß gezückt. Und hier in diesem Eiswagen fällt mir dreißig Jahre später auf, dass meine Mutter genauso kämpft. Sie wirft das Netz aus, und je mehr ich versuche, mich zu befreien, desto mehr verfange ich mich darin.
»Ach, so war das doch schon immer!«, klagt meine Mutter. »Bei deinem Vater bist du das liebe Mädchen, egal, was er Schlimmes anstellt, und bei mir bist du stets auf Protest aus.« Ihre Stimme bricht, so zeigt sie mir, wie sehr ich sie verletzt habe, dann setzt sie zum Finale an, der Dreizack blitzt tödlich auf. »Ich hatte wirklich gehofft, dass das mit dem Alter besser werden würde, aber da hab ich mich wohl getäuscht.«
Sie fasst sich an die Brust, als ob ich für eine Verengung ihrer Herzkranzgefäße verantwortlich wäre.
Zum ersten Mal unterdrücke ich den Impuls, mich zu rechtfertigen und zu beteuern, dass das nicht stimmt, da wird mir klar, dass mein einziger Ausweg aus diesem Kampf ist, einfach nicht mehr mitzumachen. Gar nicht erst anzutreten.
»Was soll’s. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Tausenddreihundert Kilometer in einem klapprigen Eiswagen ohne Klimaanlage und mit Stoßdämpfern aus den Sechzigerjahren.« Ich drehe den Zündschlüssel um, und mit einem Röcheln erwacht der Motor zum Leben. Zufrieden bemerke ich, wie es jetzt schon dröhnt. Das wird Madame-von-und-zu-Sitzheizung schon nach wenigen Kilometern zermürben, und dann wird sie freiwillig aussteigen, um mit dem Zug nach Hause zu fahren. In dem Moment fällt mir eine noch bessere Lösung ein. Ich brauche gar nicht zu warten, bis ihr die Lust vergangen ist oder eine Hämorrhoide zwickt. Ich sorge selbst dafür, dass sie bald aussteigt. Genau. Mein Abenteuer, meine Spielregeln. »Hab noch was vergessen«, sage ich und ziehe die Handbremse an, lege den Leerlauf ein, steige aus und gehe um den Wagen rum, sodass meine Mutter mich nicht sehen kann. Dann rufe ich meine Schwester Laura an. Zum Glück erwische ich sie noch, bevor sie zur Arbeit fährt – sie ist die Managerin der Orthopädiepraxis ihres Mannes Helge. Um ihr keine Gelegenheit zu geben, auf die Katastrophe meiner Geburtstagsfeier zu sprechen zu kommen, platze ich sofort raus mit dem Drama: »Mama dreht durch. Du musst sie retten!«
Ich erkläre die Sachlage in kurzen Schlagworten, wobei ich ziemlich laut reden muss, weil neben mir der Motor so tuckert.
»Was soll das denn werden, wenn’s fertig ist?«, brüllt da auf einmal mein Erdgeschossnachbar von seiner Terrassentür her quer durch den Garten. Er trägt nur Boxershorts und hat ausnahmsweise mal keine Baseballkappe auf. Sein Haar steht ihm wirr vom Kopf ab. »Hier so einen Lärm zu machen, so früh an einem Sonntagmorgen!«
Aha. Wenn den Herrn Rockmusiker etwas stört, meckert er rum. Aber wenn mich der Schuhhaufen vor seiner Wohnungstür stört, ist ihm das komplett egal.
Ich halte die Hand auf das Handy und rufe zurück: »Es ist Montag!«
»Egal«, antwortet er. Er ist erstaunlich muskulös für jemanden, der nur in seiner verdunkelten Bude hockt, aber bescheuert wie eh und je. »Mach die Karre aus oder fahr weg.«
»Essen Sie mal einen Apfel!«, rufe ich ihm hinterher.
Er macht nur eine wegwerfende Bewegung und zieht sich wieder in seine Höhle zurück, vermutlich, um bis zum Nachmittag zu schlafen.
Laura hat sich in der Zwischenzeit meine Bitte durch den Kopf gehen lassen. Und da sie nie eine Gelegenheit scheut, ihre Stellung als Mamas Liebling unter Beweis zu stellen, willigt sie ein.
»Also, bis gleich«, sage ich erleichtert ins Handy und beende das Gespräch.
Das Problem hätte sich schon mal erledigt. Ich steige wieder ein.
Meine Mutter hat in der Zwischenzeit ihre Lippen nachgezogen. »Dein Nachbar ist ja aufdringlich«, sagt sie.
»Da kenne ich noch jemanden«, erwidere ich spitz, was sie natürlich ignoriert.
»Wie kann man sich nur in so einem Aufzug draußen präsentieren? Apropos …« Sie deutet auf meine farbenfrohe Kombination aus gelbem Shirt und grüner Hose. »Bist du über Nacht farbenblind geworden?« Sie kichert.
»Es wäre äußerst reizend«, sage ich, während ich aus der Hofeinfahrt rolle, »wenn du die Meckerei vorübergehend einstellen würdest.«
»War doch nur ein Spaß.«
»Was hab ich gelacht!«
»Du bist genauso humorlos wie dein Vater.«
Ich atme tief ein und aus. Zeit für eine Weisheit aus dem Nomaden-Blog Eiscreme und Wahrheit:Um aus Bitterorangen süße Eiscreme zu machen, braucht man sehr viel Zucker.
Na ja. Was soll’s: Wenn man keinen Wert mehr auf die Meinung anderer legt, kann einen auch niemand beleidigen. Nicht mal die störrische Frau, die dich geboren hat und die du gleich an der nächsten Raststätte loswerden wirst. Wo Laura sie auflesen und nach Hause bringen wird. Nach einigen Kilometern durch den Stadtverkehr biege ich auf die Kölner Stadtautobahn ab und gebe Gas. Was in diesem antiken Eiswagen ein ziemliches Gerumpel ist.
»Du meine Güte«, entfährt es meiner Mutter. Sie klammert sich am Türgriff fest.
»Welcome on board«, sage ich. »Bitte schnallen Sie sich an. Wir erwarten Turbulenzen auf den nächsten tausend Kilometern.«
Sie erwidert nichts.
»Und wer hat jetzt also keinen Humor?«, frage ich zufrieden.
Meine Mutter schnauft und schaltet das Radio an. Es ist ebenso antik wie der Rest des Wagens. Sie dreht an dem Knopf auf der Suche nach einem Sender. Zum Glück muss ich sie nur noch wenige Minuten ertragen. Denn meine Mutter ist Kulturfaschistin. Alles außer Klassik geht gar nicht. Wenn die Moderatoren irgendwas von Moll und Adagio säuseln, nickt sie anerkennend und bekommt diesen erhabenen Gesichtsausdruck. Für populäre Musik jedweder Art hat sie nur Verachtung übrig, als ob es ein Charakterfehler wäre, sie zu mögen.
Aber ich reg mich gar nicht auf. Noch knappe zehn Kilometer bis zur Raststätte. Immerhin lässt das Symphonieorchester, das tapfer gegen das Brummen des Motors anfidelt, sie verstummen. Ich hoffe, Laura ist schon da, wenn wir ankommen. Als das Ausfahrtschild naht, ist das Orchester zu Chorgesang übergegangen, ein Kanon, der sich in immer höhere Töne schraubt und mich ziemlich nervös macht. In Erwartung der Erlösung setze ich den Blinker. Bevor meine Mutter fragen kann, was ich vorhabe, erkläre ich, dass ich tanken muss.
»Das ist doch viel zu teuer«, befindet sie. »Niemand, der bei Verstand ist, tankt auf der Autobahn. Ich frage mich, weshalb du nicht vorher …«
»Außerdem muss ich aufs Klo«, unterbreche ich sie schnell.
»Wirklich?« Sie starrt mich perplex an. »Hast du etwa Probleme mit der Blase? Ich kann dir nur sagen, das wird nicht besser. Du solltest dringend Beckenbodentraining machen. Es gibt da ein Set Vaginalkugeln …«
»Mama!«, schreie ich über den Chor hinweg, der sich zu seinem hysterischen Höhepunkt schmettert. »Das ist ja nicht zum Aushalten.« Ich schalte das Radio aus und lenke auf die Abbiegespur.
»Was für ein Glück, dass du mich dabeihast«, sagt meine Mutter verschnupft. »Diese Reisevorbereitung lässt jedenfalls sehr zu wünschen übrig.«
Langsam rolle ich an der Tankstelle vorbei zu den Parkplätzen, die so früh am Morgen ziemlich leer sind. Lauras roter Fiat ist noch nirgendwo zu sehen. Mist. Ich parke den Wagen auf einem Lkw-Stellplatz, weil der breiter ist. Natürlich hat meine Mutter auch daran was auszusetzen. Der Eiswagen sei kein Lkw, und ich würde die Brummifahrer in Nöte bringen, nur weil ich kein Auto fahren könne und so weiter und so fort.
»Ich geh aufs Klo«, ruf ich dazwischen und steige aus.
»Ich komme mit. Wenn man unterwegs ist, sollte man jede Chance zur Blasenentleerung nutzen«, doziert sie, »selbst wenn man das Gefühl hat, dass man gar nicht muss.«
Oh Gott. Wie kann einem jemand, mit dem man so eng verwandt ist, dermaßen auf die Nerven gehen? Oder ist eine große genetische Übereinstimmung gar die Ursache für Aggressionen? Vielleicht sollte ich noch Soziogenetikerin mit dem Spezialgebiet »unüberbrückbare familiäre Differenzen« werden. Um meinen Frust wenigstens in Produktivität zu verwandeln.
Am Eingang zum Klo ziehen wir zwei Wertmarken. Meine Mutter ist der Meinung, dass wir sie unbedingt nutzen sollten, um Geld zu sparen.
»Coupons löst man ein, sonst wäre man schön doof«, sagt sie, als wir wieder rauskommen, und nimmt meinen Gutschein an sich.
Ich halte sie nicht davon ab, irgendwas zu kaufen, das selbst mit zweimal fünfzig Cent Rabatt noch komplett überteuert ist. Während sie sich im Shop umguckt, gehe ich nach draußen und rufe noch mal Laura an.
»Bin gleich da«, schnauft sie ins Handy und beendet das Gespräch.
Immerhin, das läuft.
Meine Mutter kommt zurück und schwenkt triumphierend eine Tageszeitung. »Ha!«, ruft sie, und es folgt eine langwierige Begründung, warum sie sich für einen Presseartikel entschieden hat – der ja Einheitspreise hat und demnach die größtmögliche Ausnutzung des Rabatts ist.
»Gratulation«, sage ich. »Und viel Spaß beim Lesen.«
»Ein bisschen Anerkennung wäre schon angebracht.« Sie rümpft erneut die Nase und öffnet die Beifahrertür. Weil ich keine Anstalten mache einzusteigen, fragt sie: »Was ist? Warten wir auf irgendwas Besonderes?«
Ich tue so, als ob ich Nachrichten auf meinem Handy lesen müsste. Ich will die Diskussion auf den Moment verschieben, wenn Laura da ist. Meine Schwester hat wenigstens direkt eingesehen, dass es eine Schnapsidee von unserer Mutter ist, mit mir nach Italien zu fahren, und das Beste, wenn sie sie wieder nach Hause bringt. Und das wird Laura ihr gleich erklären. Wenn sie eins gut kann, dann bestimmen, was gemacht wird. Da ist sie ganz in ihrem Element. Und in diesem Fall ist das mal eine gute Sache, denn ich kann’s nicht erwarten, endlich allein zu sein. In meinem Kopf türmen sich nämlich schon wieder allerhand Gedanken, die ich lieber nicht hätte, und ich sehne mich nach Brain-Detox in meiner Schweigeklosterfahrerkabine.
Der Fiat saust um die Ecke. Laura ist natürlich viel zu schnell unterwegs. An ihr ist wirklich eine Rennfahrerin verloren gegangen. Sie verlangsamt auch nicht an der Bodenschwelle, wo der Zebrastreifen ist, es holpert ordentlich. Meine Schwester bremst erst scharf, als sie einen Parkplatz anvisiert. Mit einem Ruck kommt der Wagen zum Stehen. Das Anziehen der Handbremse ist weit hörbar. Laura steigt aus.
»Hi Laura«, rufe ich. »Danke, dass du so schnell gekommen bist.«
Meine Mutter kneift misstrauisch die Augen zusammen. »Was wird das denn, wenn es fertig ist?«
»Laura ist gekommen, um dich abzu…« An der Stelle komme ich ins Trudeln, weil Laura ihren Kofferraum öffnet, eine Reisetasche rausholt, ihn zuknallt und das Auto abschließt. »… um dich abzuholen«, beende ich meinen Satz mit meiner ganzen Überzeugungskraft.
»Nein«, sagt Laura fröhlich. »Ich hab’s mir anders überlegt. Ich komme auch mit!«
Kaum hat man den Eisbecher verputzt, taucht er an den Hüften wieder auf.
Die anschließende Diskussion lässt sich darauf verkürzen, dass niemand auf das hört, was ich sage, während meine Mutter und Laura sich einig sind, dass ich auf keinen Fall allein fahren kann und sie mir also einen Gefallen tun und dass im Übrigen alles ein großer Spaß wird.
»Was ist denn aus dem Versprechen geworden, dass ihr nie mehr mit mir redet?«, frage ich entgeistert.
»Ach«, sagt Laura. »Du weißt doch, dass das nur leere Drohungen sind. Familie ist Familie.«
»Für mich war das keine leere Drohung. Sondern eine, die man ernst nehmen darf.«
Die beiden schauen mich einfach nur amüsiert an, als wäre ich eine Sprechpuppe. »Außerdem hast du selbst gesagt, dass es eine Schnapsidee ist, wenn Mama mitkommt«, versuche ich es ein letztes Mal.
»Ja, mit dir allein«, entgegnet Laura ungerührt. »Wenn ich dabei bin, ist das doch was ganz anderes. Also, wer fährt als Erstes? Soll ich?« Schon macht sie Anstalten, sich ans Steuer zu drängen, was ich gerade noch verhindern kann, indem ich mich ihr in den Weg werfe. Laura mustert mich einen Moment, die grün-gelbe Kleiderkombi und die Nagelscherenfrisur, und ihre Augen blitzen amüsiert auf. »Wie heißt das Zirkusunternehmen eigentlich, dem du dich angeschlossen hast?«
»Haha.« Der doofe Spruch und ihr Bestreben, ans Steuer zu kommen, treiben mich dazu, einzusteigen und mich auf meinen Platz zu setzen, den Fahrersitz. Dabei versuche ich nachzudenken, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme, was erheblich erschwert wird durch meine beiden Anverwandten, die sich auf die zweisitzige Beifahrerbank quetschen und jetzt Zirkusnamen erfinden, um mich zu necken. Erst halten sie sich mit Eissorten ran, von Zirkus Vanillini über Limonelli zu Stracciatellini, bis sie sich in Wortschöpfungen wie »Zirkus Einen in der Krone« verlieren, gepaart mit Bemerkungen wie »Der Clown ist aber mies drauf«, die natürlich auf mich gemünzt sind, weil ich keine Miene verziehe.
Es ist wirklich nicht zu glauben. Ich hab in meinem Leben schon so oft geschworen, nicht mehr mit ihnen zu reden. Das erste Mal bei der Aurora-Attacke. Ich war sieben, als Laura meine Lieblingspuppe Aurora mit der Geflügelschere ausgeweidet hat, weil sie gedacht hat, ich hätte ein Loch in ihren roten Pulli gemacht. (Habe ich auch, aber das war ein Unfall, weil ich neben der Wäscheleine mit einem Laternenstab fechten geübt habe, und noch lange kein Grund, meine Puppe zu zerlegen.) Jedenfalls wollte ich nie wieder ein Wort mit Laura reden, aber dann sagten unsere Eltern, wir dürften nur gemeinsam auf die Kirmes gehen, wo es dieses fliegende Karussell gab, und schon brach ich meinen Schwur.
Als ich fünfzehn war und furchtbar in den Nachbarsjungen Tobi Stein verknallt, gab es das nächste Drama. Meine Mutter hat mich blamiert, indem sie Frau Zenker aus Haus 11 bei einem Glas Weißweinschorle von meiner Schwärmerei erzählte, die es brühwarm Frau Stein berichtete, die es Tobi nicht verheimlichte, der mich daraufhin mied, als hätte ich die Krätze. Ein paar Wochen später sah ich dann, wie Laura Tobi geküsst hat, im Garten, vor meinem Fenster. Jetzt war Tobi in Laura verknallt. Er ist ihr hinterhergedackelt, obwohl sie ihn danach wie Luft behandelt hat. Und ich hab in mein Kissen geheult und erneut geschworen, nie wieder ein Wort mit Laura und meiner Mutter zu sprechen, was wiederum nicht lange gehalten hat.
Hätte ich doch damals schon mit meiner Familie Schluss gemacht! Dann hätte ich mir auch die Brautrede von meiner Mutter erspart. Ich will nicht näher darauf eingehen. Aber die Begriffe »Sorgenkind«, »Männerpech«, »verzweifelt«, und vor allem das Wort »Moppelchen« haben in einer Hochzeitsrede wirklich nichts zu suchen, selbst wenn man dabei noch so freundlich guckt. Grausame Sippschaft!
Und jetzt attackieren sie mich wieder im Doppelpack und nennen es Humor. Was mich seltsamerweise am meisten stört, ist, dass Laura sich mal wieder dazwischengedrängt hat, weil sie es nicht ertragen kann, dass ich mit unserer Mutter was allein mache. Ich spüre die Nadelstiche der Eifersucht. Was besonders bescheuert ist, weil ich ja auch meine Mutter nicht dabeihaben will. Und da sieht man es mal wieder: Familie macht alles kompliziert. Da denkt man erst, alles ist ganz klar, und man weiß, was man will, und wenn deine engsten Verwandten auftauchen, ist alles wieder wie früher. Man tut Dinge, die man nicht tun will, und sagt nicht, was man sagen will. Familie – die dunkle Seite der Macht.
Der Lkw-Parkplatz füllt sich. »Fahr los«, kommandiert Laura, nachdem sie endlich ihren Witzevorrat geplündert hat. »Wir helfen dir. Dass du nicht wieder reinfällst auf so einen Blender wie diesen …«
»Wenn einer diesen Namen auch nur ausspricht, fahre ich den Wagen gegen einen Brückenpfeiler«, kreische ich. »Damit das klar ist!«
»Schon gut, schon gut«, sagt Laura beruhigend. »Jetzt fahr endlich.«
Einer der Brummis hupt mich an. Also gebe ich auf und starte den Wagen. Genau tausendzweihundertvierundsiebzig Kilometer bis Montecchio. Schon ist wieder eine Unternehmung in meinem Leben von »Ich freu mich drauf« zu »Wann ist es endlich vorbei?« geworden.
Und was soll aus dem Wiedersehen mit Lorenzo werden? Bisher hatte ich mir das so vorgestellt, dass es eine dieser Ich-seh-dich-und-laufe-dir-in-die-Arme-Szenen wird, bei der er mir gesteht, dass ich in seinen Augen die schönste Frau der Welt bin, und man die Rosenblätter vom Himmel rieseln sieht. Aber Romantik wird wohl kaum aufkommen, wenn das maliziöse Damenduo danebensteht und seine Kommentare abgibt.
Als ob sie Gedanken lesen könnte, fragt Laura: »Jetzt sag mal ehrlich. Wieso fährst du überhaupt dahin?«
»Weil ich Abstand von euch haben wollte«, sage ich.
Natürlich interessiert das niemanden.
»Sag bloß, du hast dich in den Eismann verliebt?«, bohrt Laura weiter.
»Nein, natürlich nicht«, erwidere ich schnell, obwohl ich eigentlich: Ja, und wie!, schreien müsste. Er bringt mein Herz zum Singen und meine Haut zum Kribbeln. »Ich hab mit Lorenzos Familie telefoniert.« Glaube ich wenigstens. »Und jetzt bringe ich den Wagen zurück. Lorenzo ist auch da.«
»Ach ja? Und dann gibt es ein herzzerreißendes Wiedersehen?«
»Nein. Mit Sicherheit nicht.« Aber ich hoffe es doch, füge ich stumm hinzu.
»Mir machst du nichts vor, Schwesterherz«, sagt Laura. Ihr Handy klingelt, sie weist den Anrufer ab.
»Musst du nicht in die Praxis?«, brumme ich.
»Nein«, sagt Laura nur, wobei ihre Stimme schrill klingt und schnippisch im Nachhall ist.
»Und was ist mit Helge?« Sie antwortet nicht, sondern starrt nur biestig aus dem Fenster. Aha, denke ich überrascht. Sieh mal an. Bei Mister und Mistress Superglücklich ist also Stress angesagt. »Was sagt er dazu, dass du einfach so ein paar Tage wegfährst?«, bohre ich nach. »Du sagst doch immer, ohne dich würde die Praxis nicht laufen. Kommt Helge denn allein klar?«
»Nun lass sie doch mal«, mischt meine Mutter sich ein.
»Genau«, sagt Laura und fängt an, auf ihrem Handy rumzutippen.
Ein paarmal gehen Nachrichten hin und her. Dann ist eine Weile nur das Brummen des Motors zu hören. Als ihr Handy wieder klingelt, sehe ich aus den Augenwinkeln, dass sie es mit einem zufriedenen Lächeln ignoriert, das sie sich immer gestattet, wenn sie Oberwasser hat.
»Meinst du nicht, ihr solltet besser drüber reden?«, frage ich, natürlich rein konstruktiv.
»Ha!«, ruft sie. »Das sagt die Richtige. Die kein bisschen mit uns über Papa geredet hat. Die gemeinsam mit ihm einen Komplott ausgeheckt hat, ohne Mama und mir auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen.«
»Das war doch kein Komplott! Ich musste Papa aufnehmen, er hätte sonst auf der Straße gestanden.«
»Das hat der Mann sich ja wohl selbst eingebrockt«, befindet meine Mutter.
»Du hättest uns wenigstens Bescheid geben können«, sagt Laura.
»Ja, das stimmt«, gebe ich zu. »Aber das ist nicht so einfach, wenn man nicht weiß, wie andere darauf reagieren. Und ich hatte gehofft, dass … wenn ihr euch seht und direkt gegenübersteht, na ja, dass ihr euch dann wieder vertragt.«
»Tja. Falsch gehofft«, sagt Laura.
»Das Leben ist nun mal kein Tortenbüfett, von dem man sich die besten Stücke aussuchen kann«, sagt meine Mutter.
Was sie damit meint, erklärt sie nicht. Wir sind noch keine Stunde unterwegs, und ich fühle mich schon erschöpft. Vor allem, weil Laura nicht lockerlässt, sich darüber auszulassen, dass ich heimlich auf die Seite meines Vater gewechselt hätte und dass das Hochverrat sei.
»Ich kann das nicht mehr hören«, rufe ich irgendwann genervt, »man muss sich doch mal weiterentwickeln.«
»Prinzipien sind Prinzipien.«
»Wut ist aber kein Prinzip!«
»Mädchen, nun streitet euch doch nicht«, sagt meine Mutter auf einmal, als wäre sie die heilige Madonna, die nicht dauernd Öl ins Feuer gießt. »Wir fahren schließlich nach Italien! Hach, ich freu mich so drauf, das Meer zu sehen.«
»Äh … Wir fahren nicht ans Meer«, korrigiere ich.
»Was ist das denn wieder für ein Quatsch?«, fragt Laura, »natürlich fahren wir ans Meer. In Italien ist doch überall Meer.«
»Nicht im Landesinneren«, knurre ich. »Und Montecchio liegt im Landesinneren, genauer gesagt in Umbrien.«
»Dann machen wir einen Umweg«, bestimmt Laura. »Ich hab extra meinen Badeanzug eingepackt.«
Gerade will ich ihr sagen, dass ich hier die Reiseleitung habe und dass sie, wenn ihr das nicht passt, gern aussteigen kann, da ruft meine Mutter: »Genau! Ich will auch ans Meer. Es noch ein letztes Mal sehen.«
Der Satz wabert unheilvoll durch die Fahrerkabine wie ein Geist aus der schrecklichen Zukunft. Mir wird kalt. Hat sie eine Diagnose bekommen, von der wir nichts wissen? Hat sie nur noch wenige Wochen zu leben? Diesmal bin es wenigstens nicht nur ich, die mit den kryptischen Bemerkungen unserer Mutter Probleme hat. Laura wirft entsetzt den Kopf rum und starrt sie an. Ich kann förmlich hören, wie sie die genetische Wahrscheinlichkeit berechnet, nach der sie auch an der tödlichen Krankheit leidet, die unsere Mutter bald ins Grab bringen wird.
»Was soll das heißen, Mama?«, frage ich.
»Das heißt, was es heißt«, sagt sie kurz angebunden und nestelt an ihrer Brillenkette rum.
Laura und ich werfen uns einen Blick zu, und Laura blafft: »Mama, jetzt rück raus mit der Sprache. Wenn einer sagt, ich will ein letztes Mal das Meer sehen, dann heißt das, dass er danach stirbt.«
»Heißt es gar nicht.«
»Doch.«
»Nein.«
»Also, hast du keine … also, warst du nicht beim … und er hat dir gesagt, dass …«
Laura stammelt ziemlich rum, weswegen ich jetzt mal das Heft in die Hand nehme: »Laura will wissen, ob du Krebs hast, Mama.«
»Was? Nein! Wie kommt sie denn auf die Idee?«
»Wie wohl?«, murmele ich.
»Und auch keine andere Diagnose?« Laura hat sich wieder im Griff und fragt die Liste der tödlichen Krankheiten ab, von Aneurysma bis Gehirntumor, das Schreckenskabinett der Laura Oppenstedt. Meine Mutter verneint alles. »Gut«, sagt Laura und befiehlt abschließend: »Du kommst nicht auf die Idee zu sterben, Mama, nur damit das klar ist.«
Meine Mutter nickt folgsam, und ich atme auf. Dann wäre das also auch geklärt.
Endlich kehrt Stille ein. Also, abgesehen von dem Dröhnen des Motors. Von meinem morgendlichen Überschwang ist nichts mehr übrig. Doch ich habe keine Lust, den winzigen Rest meiner guten Stimmung mit Grübeln über Dinge, die ich jetzt gerade nicht ändern kann, zu verplempern. Beschäftige ich mich lieber mit Leuten, die ihr Leben auch kein bisschen im Griff haben, die sich aber überhaupt keinen Kopf darum machen. Meinen Sohn Basti und meinen Vater meine ich natürlich. Hab noch gar nichts von ihnen gehört. Keine Notanrufe, keine Panikattacken. Dabei haben wir schon nach zehn Uhr. Bin gespannt, ob Basti zur Schule gegangen ist. Besonders nach dem, was er mir gestern eröffnet hat, und unserem anschließenden Streit.
Wer Eis machen will, braucht Geduld und eine Kühltruhe.
Zwei Stunden später müssen wir wirklich tanken, danach halten wir noch am Parkplatz für den üblichen Pipi/Kaffee-Kram und für dringende Telefonate. Die Lage zu Hause lässt mir keine Ruhe. Es klingelt eine Ewigkeit, als ich dort anrufe, und ich will schon anfangen, mir Sorgen zu machen, ob Basti in der Schule ist, während mein Vater hilflos auf dem Badezimmerboden rumliegt, da geht er ans Telefon. Er ist erstaunlich gut gelaunt. Ich verdränge den Gedanken an die Küche, die bestimmt schon aussieht wie ein Schlachtfeld. Offenbar hat er eine Beschäftigung gefunden.
»Ich bastle an unserm Stammbaum. Pit hat mir …«
»Wer?«, frage ich.
»Pit. Aus dem Erdgeschoss. Er hat mir ein paar tolle Tipps gegeben. Ich durchforste jetzt das Internet und …«
Da ich bei einem Anruf von der Autobahnraststätte weder über die verhängnisvolle Verbindung von meinem Vater zu unserem schrägen Nachbarn noch über seine neuesten Hobbys informiert werden will, unterbreche ich ihn.
»Und wie ist Basti drauf?«
»Wer?«, fragt er zurück.
»Dein Enkel.«
»Ach so. Ja. Ich glaube gut. Er ist nicht da. Oder er schläft noch. Ich weiß nicht.«
Ich verdrehe die Augen. »Na ja. Wenn was ist, meldet euch.«
»Wusstest du, dass deine Urururgroßmutter im Deutsch-Französischen Krieg als Krankenschwester in einem Lazarett gearbeitet und die Pocken überlebt hat?«
»Nein. Wusste ich nicht. Bis dann.«
Bevor er mir noch unsere familiären Verflechtungen bis in die Zeit von Karl dem Großen aufzählen kann, lege ich auf. Ich habe schon genug lebende Verwandte um mich rum, da brauche ich nicht noch Geister der Vergangenheit. Meine Mutter kommt gerade mit drei Bechern Kaffee aus dem Shop. Laura steht immer noch am Rand des Parkplatzes und telefoniert. Normalerweise fertigt sie die Leute zack-zack ab, dieses Gespräch dagegen dauert ungewöhnlich lange. Schließlich kommt sie wieder, und es sieht verdächtig danach aus, dass sie geweint hat. Meine Mutter zieht alarmiert die Augenbrauen hoch, da sagt Laura schnell, dass ihr was ins Auge geflogen sei.
»Und, alles klar auf der Arbeit?«, frage ich, dabei meine ich natürlich, ob alles klar ist zwischen ihr und Helge.
Sie zuckt missmutig die Achseln. »Wahrscheinlich nicht«, sagt sie. »Aber Helge kriegt davon eh nichts mit, wenn es in der Praxis drunter und drüber geht.« Sie nestelt an ihrer Handyhülle rum. »Er sitzt ja immer nur im Behandlungszimmer, und obwohl er keine Ahnung davon hat, was vorne bei uns am Empfang los ist, ist er der felsenfesten Überzeugung, ich sei zu streng mit unseren Angestellten. Aber jetzt hat er ja die Gelegenheit herauszufinden, wie falsch er liegt und was dabei rauskommt, wenn man die Arzthelferinnen nicht an die Kandare nimmt.«
»Also habt ihr euch gestritten?«, fragt meine Mutter überrascht und gibt Laura ihren Kaffee.
»Nein. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit. Was aber eigentlich Miriams Schuld ist.« Sie zeigt anklagend auf mich.
»Wie bitte? Was hab ich denn damit zu tun?«
»Deinetwegen haben wir uns gestritten! Weil du uns mit Papa überrascht hast und ich plötzlich ganz doof dastand.«
»Na sicher, und ich bin auch schuld am Ozonloch und am Bienensterben und daran, dass es keine Banjos mehr gibt, die leckersten Schokoriegel aller Zeiten«, murre ich. Laura hätte bestimmt eine weitere fiese Bemerkung gemacht, aber sie verbrennt sich die Zunge am heißen Kaffee. Währenddessen erkundigt sich meine Mutter nach ihrem einzigen Enkel und wie Basti das findet, dass ihn nach dem Vater auch die Mutter verlassen hat. »Ich hab ihn doch nicht verlassen«, protestiere ich. »Außerdem ist er schon fünfzehn, und sein Opa ist ja bei ihm.«
»Du bist nicht zu Hause, sondern auf dem Weg nach Italien, und das sieht für mich doch sehr nach Verlassen aus. Der arme Junge!«
»Der arme Junge kann jederzeit seinen Vater anrufen, wenn ihm danach ist. Ich glaube allerdings, er ist sogar froh, ein paar Tage ohne Eltern zu sein. Der kommt schon klar.«
Die pädagogische Heilkraft des Alleinseins, die ihm hoffentlich die Flausen aus dem Kopf treibt, lasse ich unerwähnt.
»Ja, das wird er. Der Bursche ist pfiffig«, schwenkt meine Mutter um, »der kriegt das hin.«
Also echt! Mir sagt sie, ich würde die Fahrt nach Italien nicht ohne sie und meine Schwester auf die Reihe kriegen, aber ein Teenager allein zu Hause schafft das, weil er so pfiffig ist?
»Hab ich euch schon erzählt, dass Helge bald an der Uni als Dozent anfängt?«, wirft Laura ein. »Vielleicht ist er demnächst Professor.«
»Nur euer Vater ist arm dran, so ohne sein persönliches Hausmädchen«, sagt meine Mutter vergnügt. »Was der Mann sich verwöhnen lassen kann, das ist wirklich unglaublich. Ich hoffe nur, er nervt Basti nicht zu sehr. Der arme Junge. Allein mit Opa Kurt. Aber Basti hat sich unheimlich gemacht, findet ihr nicht? Er ist so groß und …«
»Was ist das eigentlich für ein seltsames Auto da vorne?«, unterbricht Laura sie. Ich folge ihrem Blick und sehe einen dunklen Wagen mit getönten Scheiben, der am Rande des Parkplatzes parkt, startbereit in Fahrtrichtung. Alle Türen sind geschlossen. Keiner steht daneben und vertritt sich die Beine. Vermutlich sitzen Leute drin und futtern sich durch das Raststättenbüfett. »Ich glaube, der verfolgt uns«, behauptet Laura.
»Quatsch. Wieso sollte der uns verfolgen?«
Ich sammle die leeren Becher ein und werfe sie in einen Mülleimer. Dabei behalte ich das Auto im Blick. Es ist eins dieser SUV-Gefährte, wie sie in amerikanischen Serien von FBI-Agenten gefahren werden. Laura zaubert dazu eine andere absurde Theorie aus dem Hut.
»Denk doch mal nach!«, sagt sie mit weit aufgerissenen Augen. »Die italienische Mafia ist in Deutschland weit verbreitet, weil sie hier ihr Drogengeld wäscht. Ergo ist der Eiswagen mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Geldwäscheunternehmen. Der italienische Besitzer des italienischen Eiswagens ist von zwei Männern in gut sitzenden Anzügen abgeholt worden, die wahrscheinlich zur Mafia gehörten. Ergo ist die Mafia hinter uns her.«
»Ergo … Du guckst zu viele Serien«, sage ich.
»Red nicht so von oben herab mit deiner Schwester«, korrigiert meine Mutter. »Da ist was dran, an dem, was sie sagt.«
»Und wer macht dich jetzt zum Experten?«, frage ich genervt.
»Das ist gesunder Menschenverstand.«
»Das sind Verschwörungstheorien. Der Eiswagen wurde nicht zur Geldwäsche eingesetzt. Lorenzo hat köstliches Eis verkauft!«
»Ja, und Geld gewaschen dabei«, beharrt Laura.
