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Die Geschichte folgt recht getreu den tatsächlichen Begebenheiten, wenn auch mit einer gewissen dichterischen Freiheit. Es werden Themen behandelt, die zur Zeit sehr aktuell sind und allgemein diskutiert werden, wie etwa die Thematik "sexueller Missbrauch", Pädophilie und Sexualität ganz allgemein. Das bewegte Leben eines Nachkriegsschicksals wird beschrieben, Internatsleben, religiöser Orden, Studium, Psychoanalyse, philosophische Überlegungen im Hinblick auf Lebensbewältigung, Willensfreiheit, Angst vor dem Tod, kirchlich-katholische Religiosität und die Abwendung von letzterer, historische Zusammenhänge, die Arbeit eines Psychotherapeuten und dessen Begegnung mit einem Strafgericht im Rentenalter sowie eine damit zusammenhängende Kritik am "Rechtsstaat" und der Justiz, verbunden mit historischen und rechtsphilosophischen Aspekten. Es geht um "Resilienz", um "Schwarze Schwäne", um "Antifragilität", um narzisstische Wut, um Traumdeutung sowie um Pädagogik und beiläufig um den Feminismus. Vor allem die Ereignisse und die Entwicklung im Zusammenhang mit einer Anzeige und einem Strafverfahren wegen "schwerem sexuellem Missbrauch" erzeugen im Verlauf des Geschehens durchgehend eine hohe Spannung, da sich trotz einer zunächst fast aussichtslosen Lage, einer Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe in 1. Instanz ohne Bewährung und einer drohenden Existenzvernichtung, verbunden mit einer ernsten depressiven Erkrankung, letztlich doch noch alles zum Guten wendet und der Protagonist die erlebte Grenzerfahrung zu seinem Vorteil und zu seiner Weiterentwicklung zu nutzen weiß.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2014
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„Vielleicht ist nichts ganz wahr – und auch das nicht.“ (Multatuli)
Ein Buch war in dieser oder anderer Form schon viel länger geplant, aber wie es so schön heißt: aller Anfang ist schwer. Man war auch lange davon überzeugt, gar keine Zeit für so etwas zu haben. Diese Ausrede konnte jetzt aber nicht mehr gelten, und es ging vielmehr darum, eine ausgeprägte Antriebslosigkeit und Lethargie zu überwinden, Begleiterscheinungen einer heftigen reaktiven und sich hinziehenden Depression. Es bestand auch die berechtigte Hoffnung, dass ein solches Unterfangen hilfreich sein könnte, um aus diesem Zustand ansatzweise wieder herauszukommen und durch Handeln und aktive, kreative Bewältigung dem Ganzen einen Sinn zu geben. Im Rahmen einer sehr wohltuenden stationären Behandlung in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie war dann auch die nötige Ruhe und Besinnlichkeit gegeben, um den Anfang zu wagen, versehen mit vielfältigen Anregungen.
Horrorkomödie wäre vielleicht die richtige Bezeichnung für den Genre, wobei dieser Begriff vor allem als Filmgenre gebräuchlich ist. Horror allein trifft es aber nicht. Zwar handelt es sich inhaltlich zumindest teilweise durchaus um Horror, um Grauen oder um mit Sartre zu sprechen um: „La nausée“ (Ekel, Übelkeit). Gedanken an eine kafkaeske Welt kommen auf, wobei es meist um eine Situation des Ausgeliefertseins geht, um das ohnmächtige Gefühl, gegen übermächtige Autoritäten und Machtstrukturen nicht anzukommen. Laut „Wikipedia“ handelt es sich speziell beim Horrorgenre um einen Prozess, in dem Menschen versuchen, mit Ängsten vor dem Tod, dem ungewissen Leben nach dem Tod, der Bestrafung, der Dunkelheit, dem Bösen, der Gewalt und der Zerstörung zurechtzukommen. Es werden die Grenzen dessen erkundet, was Menschen zu tun oder zu erleben fähig sind. Die Abgründe der menschlichen Seele werden erforscht, der Grad von Angst, Hysterie und Wahnsinn, den Menschen aushalten könnten, die finstere Seite der Seele wird beleuchtet. Der Leser wird mit seinen Ängsten, insbesondere mit der jedem Menschen innewohnenden Angst vor der Dunkelheit, dem Tod, dem Unbekannten und dem Verlust von Kontrolle konfrontiert.
Dennoch wird versucht, das Ganze auch mit einem schelmischen Blick zu beschreiben, mit trockenem Humor, Ironie und ein wenig Sarkasmus. Deshalb das Wort „Komödie“. Man könnte dabei an „Die göttliche Komödie“ von Dante denken oder an „Die menschliche Komödie“ von Balsac. Um die Hölle zu finden, braucht man gar nicht lange zu suchen: es gibt sie sowohl auf Erden als auch in uns selbst! Sartre meinte dazu: „l`enfer c`est les autres“ („Die Hölle sind die andern“). Man könnte das Ganze als „Psychothriller“ bezeichnen, wobei dieser Genre wiederum eher Filme betrifft und die humorige Komponente nicht berücksichtigt wäre. Nicht zuletzt könnte man auch an den Genre philosophischer Roman denken, obwohl der Autor kein „ausgelernter“ Philosoph ist. Das Philosophieren war ihm aber schon immer geläufig und eine liebgewonnene Beschäftigung. Als „Essay“ könnte man es ebenfalls bezeichnen, zwar nicht im strengeren Sinn, aber als literarischen „Versuch“ sozusagen, denn alles, was wir so erdichten und beschreiben, ist nicht mehr als ein Versuch, Aspekte des Lebens und der Welt, des Menschen, der eigenen Person, zu beleuchten und zu hinterfragen. Ein "erotischer" Roman ist es nicht, obwohl es auch um Erotik, um Liebe und Sexualität und entsprechende Erlebnisse geht, aber all dies ordnet sich ein in das Drama des Lebens, in dem es schöne und weniger schöne, auch hässliche Dinge gibt. Letztendlich wäre noch die Bezeichnung „Utopischer Roman“ geeignet, denn es werden Veränderungen der Gesellschaft und der Menschen angedacht, die zumindest teilweise nur als utopisch anzusehen sind, aber schon Hegel sprach bekanntlich vom „Sehnen nach besseren Zeiten“. Schlussendlich kann man es zumindest teilweise als Sachbuch ansehen, was viele wahrscheinlich verwirren und ein wenig anstrengen wird, aber es geschah mit Absicht, da es auch mal erfrischend sein kann, von den üblichen Genres abzuweichen und eben so zu schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die eher philosophischen, psychologischen, psychoanalytischen, historischen und soziologischen Ausführungen wurden kursiv gesetzt, um ein evt. Überspringen zu erleichtern, was aber nicht empfohlen wird!
Das Verbinden des Prosaischen mit dem Sachlichen hat vielleicht mit einem inneren Konflikt zwischen der Neigung zur Imagination und der zum Intellektuellen zu tun, um nicht zu sagen zum „Intellektualisieren“.
Mit Recht wäre anzumerken, dass der Autor zu einer besonderen Art von Exhibitionismus neigt, falls man davon ausgeht, es handle sich um autobiographische Erzählungen. In diesem Fall wäre es tatsächlich so, aber ein wenig davon zeichnet wohl jeden Schriftsteller aus, denn er verbindet sein Unbewusstes mit dem der Leser und stellt einiges von sich zur Schau, selbst wenn es sich um „erfundene“ Geschichten handelt. Mit dem Psychoanalytiker Theodor Reik könnte man vom „Geständniszwang“ reden, der sich im künstlerischen Schaffen äußert. Man „verrät“ demnach ungewollt etwas über sich, über das eigene Unbewusste. Gleichzeitig fließt aber immer das kollektive Unbewusste mit ein, und so „verkündet“ der Dichter auch das, was alle schon „wissen“, selbst wenn es noch nicht ins kollektive Bewusstsein vorgedrungen ist. Je tiefer seine Gedanken sind, um so stärker wird der Widerstand von außen sein, obwohl das Gedachte längst „gelebt“ wird! Federico Fellini vertrat darüber hinaus die Ansicht, dass alle Kunst in gewissem Sinne autobiografisch sei, dass wir immer irgendwie über uns selbst berichten. Und in dem Fall ist die schreibende Kunst keine „Creatio ex nihilo“, wie Rüdiger Safranski zur Kunst ganz allgemein anmerkt, sondern ein Ausdruck von gelebtem Sein, das sich zwar ebenfalls von der Nichtigkeit bedroht sieht, das aber zumindest etwas dagegensetzt und für die anderen eine Wegmarke darzustellen vermag. Sicherlich rumort in der Kunst ein Geheimnis, das sie selbst gefährdet, denn sie kann auch das Böse darstellen und ins Nichts, in die Leere führen, aber sie kann auch die Würde der Welt und des Menschen bewahren helfen. Eine „Creatio ex nihilo“ ist die Kunst insofern, als sie das Gelebte nicht nur widerspiegelt, sondern auch etwas noch nicht Dagewesenes schafft und damit von der "Mimesis" zur "Poiesis" wird. Es handelt sich um die Erschaffung einer neuen Welt, die verborgen in der alten ruht. Die drohende Nichtigkeit wird überwunden, wenn das Geschaffene seine Wirkung entfaltet und sich verselbstständigt. Durch die Kraft der Imagination wird es möglich, eine innere Wirklichkeit und Selbstsicherheit zu erzeugen, gegen alle äußeren Widrigkeiten. Auch der Protagonist dieser Geschichte, nennen wir ihn Marvin, ist von der Vernichtung bedroht, lässt sich aber nicht unterkriegen und entzieht sich dadurch dem Nichts, so dass im Verlauf des Geschehens eine Entwicklung stattfindet, die vom Rande des Abgrunds und der Finsternis hinauf in stärker abgesicherte Gefilde und ins Helle führt. Die dichterische Verarbeitung erinnert an den „dionysischen“ Lebensentwurf von Nietzsche: „Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, ...“ Für ihn bedeutete Lebenskunst die Lust am Diesseits und den Mut, sich in den Abgrund eines letztlich sinnentleerten Daseins zu stürzen. Das Rauschhafte, die entfesselten Triebkräfte, die Aufhebung der Individualität sind das Charakteristikum des „Dionysischen“. Die höchste Stufe der „Trunkenheit“ kommt etwa in Schillers Ode „An die Freude“ zum Ausdruck. Im „Apollinischen“ hingegen geht es um die innere Fantasiewelt, die Bilder des Traumhaften und ihren „schönen Schein“, um „Begrenzung und Beherrschung alles Wilden und Ungebändigten“. Die „delphische Versöhnung“ verweist allerdings auf einen darunter liegenden starken Zwiespalt und eine entsprechende Erlösungssehnsucht, wobei zu berücksichtigen ist, dass es für die Griechen dabei um eine religiöse und numinose Angelegenheit ging. Nietzsche selbst, der sich übrigens erst in seiner späten Lebensphase dem Dionysischen zuwandte, schaffte leider nicht den Spagat und wurde letztlich das Opfer einer Inflation des Unbewussten, die rein denkerisch nicht zu bewältigen war.
Der nachdenkliche Leser wird sich zudem fragen, ob Marvin zum Masochismus neige, und diese Frage wird man ehrlicherweise bejahen müssen. Paradoxerweise geht es ja dabei um einen Lustgewinn durch Leiden und Demütigung, Zustände, die von den meisten Menschen zumindest bewusst unbedingt gemieden werden. Auch die von ihrem Partner immer wieder misshandelte Frau wird versuchen, sich dagegen zu wehren und beklagt sich später bitterlich über den Täter. Unbewusst aber provoziert sie möglicherweise den andern so lange, bis er wieder zuschlägt, aufgrund von bei ihr unterschwellig vorhandenen masochistischen Tendenzen, die aber als konflikthaft erlebt werden. Es kann sich hierbei um Bestrafungswünsche handeln, aufgrund von Schuldgefühlen, oder auch um eine frühe Koppelung von Schmerz und Lust. Beim "Täter" wiederum müssen sadistische Neigungen vorhanden sein, die bei ihm Lustgefühle auslösen, wenn er den andern leiden sieht und gedemütigt, ihm unterworfen. Hier geht es um den Wunsch nach absoluter Macht und Kontrolle sowie der totalen Inbesitznahme des Selbstobjekts. Das eine kann wiederum eine Reaktionsbildung gegen das andere sein. Also der Masochismus eine Abwehr von sadistischen Impulsen und umgekehrt.
Und noch ein paar Worte zum „Narzissmus“. Meist denkt man dabei an eine Art Selbstverliebtheit, die Neigung zur Selbstbespiegelung und Eitelkeit. Psychoanalytisch gesehen sind wir aber hier schon im Bereich des gestörten Narzissmus oder des Sekundärnarzissmus. Der sogenannte Primärnarzissmus hingegen ist in seiner gesunden Ausprägung eine notwendige Grundlage des Selbst, das "narzisstische Selbst", um sich und andere lieben und annehmen zu können so wie sie sind und um Mitgefühl zu empfinden. Es wird in diesem Buch von narzisstischen Kränkungen und narzisstischen Störungen die Rede sein und von deren möglichen fatalen Auswirkungen. Die gelungene Integration des narzisstischen Anteils zeigt sich, gemäß den Forschungen von Heinz Kohut, insbesondere in schöpferischer Begabung und Aktivität, in Einfühlungsvermögen, in der Fähigkeit, die Begrenztheit des eigenen Lebens ins Auge zu fassen, wobei auch die Vergänglichkeit von Objektbesetzungen und Trennungserlebnisse miteinbezogen werden und keine Resignation und Hoffnungslosigkeit aufkommen wird, sondern eine ruhige Gewissheit und Annahme der Endlichkeit, verbunden mit einem inneren Gefühl des Triumphes, bei gleichzeitiger unverleugneter Traurigkeit, im Sinn für Humor, der eine nur dem Menschen zur Verfügung stehende Möglichkeit ist, sogar das eigene Ende zu relativieren, etwa im "Galgenhumor", und in der Weisheit, die insbesondere darin besteht, dass man die Grenzen der eigenen Kräfte und Fähigkeiten anerkennt, und die alle zuvor genannten Einstellungen und Eigenschaften der gereiften Persönlichkeit mitbeinhaltet. Die "Resilienz", von der später noch die Rede sein wird, hat auch mit diesen Dingen zu tun, also die Kraft, mit schweren Lebenskrisen umgehen zu können und sogar in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht den Mut zu verlieren. Um ein Buch zu schreiben, bedarf es nicht nur einer schöpferischen, sondern auch einer gewissen „narzisstischen Energie“, durchaus im positiven Sinn gemeint. Denn auch wenn nur wenige ein Buch lesen, bringt es doch eine gewisse Selbstbestätigung und das gute Gefühl, etwas Kreatives geleistet zu haben. Es hilft vielleicht auch, wie weiter oben schon angedeutet, bei der Bewältigung von schwierigen Lebensphasen. Sollte es dann doch dazu kommen, dass viele es lesen, möglichst noch zu Lebzeiten des Autors, dann bringt es eine zusätzliche Fremdbestätigung, aber es besteht natürlich auch die Gefahr von vernichtender Kritik und „Verriss“! Beides lässt dann entsprechende Rückschlüsse auf die Leser zu, die sich diesbezüglich äußern!
Noch ein Hinweis: Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen oder Ereignissen sind rein zufällig, könnten aber möglicherweise sogar beabsichtigt sein.
„Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet.“ (J. Wolfgang v. Goethe)
Wie fange ich an, oder wo fange ich an? Der erste Satz eines Buches ist ja immer besonders wichtig, irgendwie programmatisch, in medias res führend möglicherweise, ähnlich wie der Titel, der eher an die letzten Dinge, an das Ende rührt. Mir kommt dann in den Sinn, wie alles angefangen hat. Keine Angst: bei Adam und Eva will ich nicht ansetzen oder gar beim Urknall, der wahrscheinlich auch nicht unbedingt der absolute Beginn war, aber ich denke an die Anfänge des Lebens. Bereits vor der Geburt ist ja bei Marvin ganz Wichtiges, Entscheidendes passiert. Bei ihm ging es da schon mal um Leben und Tod! Wenn Zwillinge unterwegs sind und keiner etwas davon ahnt, dann ist eine Fehlgeburt für alle Beteiligten eher erleichternd, wenn kein Kind erwünscht war und völlig ungelegen kam. Es war ja sogar vom Vater des Kindes der Wunsch nach Abtreibung geäußert worden, aber das war dann nicht mehr nötig. Er machte sich sowieso aus dem Staube, heim in die USA, wo Frau und Kinder auf ihn warteten und seine weitere berufliche Karriere als Jurist. Die junge Deutsche, auch noch eine Vertriebene, war für ihn nur eine schöne Abwechslung während der Besatzungszeit. Immerhin hinterließ er ihr eine Stange Zigaretten, für alle Fälle. Was da genau im Mutterleib passierte, bleibt im Dunkeln, aber es könnte dramatisch gewesen sein! Konnte nur einer überleben? Ging es darum, wer der Stärkere war und sich letztlich durchsetzte, getreu nach Darwin? Auf jeden Fall kam einer durch, ob erwünscht oder nicht, gelegen oder ungelegen, und musste sich nun von Anfang an mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit er überhaupt ein Recht dazu besaß, in der Welt zu sein, als Zumutung für alle Beteiligten sozusagen. Er entpuppte sich dann aber als ein recht hübsches Kind und entwickelte auch einigen Charme, so dass sich doch etliche Anverwandte fanden, die sich seiner annahmen, insbesondere die Stiefgroßmutter, die keine eigenen Kinder und Enkelkinder hatte. Dass man dem Jungen irgendwann den Spitznamen „Biber“ gab, hatte wohl damit zu tun, dass er schon frühzeitig einen ordentlichen Schwanz vorzuweisen hatte, der an ebendieses Tier erinnerte. Man denke zudem an das „Bibergeil“! Sehr wahrscheinlich beschäftigte er sich auch schon damals des Öfteren mit „dem Ding an sich“, wobei hier noch keine philosophisch-erkenntnistheoretischen Überlegungen gemeint sind! Entsprechend zeigte er auch ein reges Interesse an Doktorspielen und Ähnlichem und an der damit verbundenen Erforschung von nackten Tatsachen. Kinder in der Nachbarschaft gab es zur Genüge, und so kam es auch irgendwann zu einer Art Tanzparty, bei der alle im Ringelreihen und freudig erregt, ohne etwas anzuhaben, im Kreis herumsprangen. Die Freude wurde dann allerdings jäh unterbrochen, als eine Tante unerwartet den Raum betrat. Sie zeigte sich bestürzt, ging aber gleich wieder raus, wie um zu zeigen, dass es so schlimm ja nicht sei und sie nicht stören wollte beim lustvollen Spiel. Erst kürzlich entdeckte ich ein Bild von Lucas Cranach dem Älteren mit dem Titel „Das Goldene Zeitalter“, um 1530 entstanden, auf dem eine ähnliche Szene zu sehen ist, allerdings mit erwachsenen Teilnehmern. Es handelt sich um eine mythologische Thematik, denn schon bei den alten Griechen und in anderen Kulturen hatte man angenommen, dass es in der Menschheitsgeschichte eine solche paradiesische Zeit gegeben habe, die irgendwann zu Ende ging, bei den Griechen mit der Verbannung des Kronos ins Elysion, auf die „Insel der Seligen“. Symbolisch bedeutet sie das in jedem Leben erfahrene „verlorene Paradies“, das in unserem Fall tatsächlich in ähnlicher Weise dargestellt wurde wie beim Meister der frühen Neuzeit. Natürlich ist ebenfalls an eine dionysische Inszenierung zu denken, und bezüglich der „Circumambulatio“ könnte es sich in Anlehnung an C. G. Jung sogar um die symbolische Konzentration auf die Mitte der Persönlichkeit handeln. Der Kreis bildet einen magischen Schutzraum, den "Temenos", der den unkontrollierten Einbruch des Unbewussten verhindern soll. In den „Johannesakten“ („Acta Joannis“), einer bedeutenden apokryphen Schrift, ist die Rede von einem mystischen Reigen, den Christus mit seinen Jüngern vor der Kreuzigung veranstaltete, wobei jene in einem Kreis um ihn herum tanzten, während er das „Preislied“ sang. C. G. Jung deutet diesen Vorgang als ein Mandala und somit als Symbol der Ganzheit des Selbst. Mythologisch hat der Tanz eine große Bedeutung und war etwa Bestandteil des eleusinischen Kultes. Passend hierzu das Gemälde „Pan im Kinderreigen“ von Arnold Böcklin aus dem Jahr 1898, das auch als „Kinderbacchanal“ bezeichnet wird. Zu sehen ist die mächtige, dunkle Gestalt des Hirtengottes Pan, mit menschlichem Oberkörper und Bocksbeinen, der sitzend auf einer Querflöte bläst, während um ihn herum im Reigen nackte kleine Kinder tanzen, die sich an den Händen angefasst halten. Zwischen den hellen Körpern der Kinder und dem dunkelfarbigen Pan (nur die Bocksbeine sind weiß) besteht ein starker farblicher Kontrast, der den Hirtengott fast bedrohlich erscheinen lässt. Wird hier zusätzlich die dunkle Seite der Sexualität angedeutet? Ein besonderes Erlebnis blieb zudem im Gedächtnis, auch weil es mit besonders intensiven und angenehmen Gefühlen verbunden war. Marvin durfte bei der Nachbarin schlafen, neben deren Tochter, einem gleichaltrigen Mädchen, das ihm als überaus hübsch und anziehend in Erinnerung blieb. Es passierte nicht sehr viel, aber es stellte sich sogleich ein sehr wohliges Gefühl ein, verbunden mit einer aufkommenden Erregung, die vermutlich nach dem Einschlafen zu sehr schönen Träumen Anlass gab.
So verbrachte Marvin eine recht unbeschwerte Zeit, in einer von mächtigen und sagenumwobenen Bergen, Schluchten und Seen geprägten Natur, wo er auch frühzeitig das Deuten von Zufallsformen ausprobieren konnte. Da gab es insbesondere eine ganze Familie, mit Watzmann und Watzfrau und den Kindern. Passend dazu gibt es die Legende vom grausamen König Watzmann. Dieser soll mit seiner Jagdmeute eine Hirtenfamilie getötet haben. Gott versteinerte den Schreckensherrscher, seine Frau und seine sieben Kinder darauf hin zum Bergmassiv des Watzmanns. Ihr Blut floss in die Becken zweier Seen am Fuß des Berges. Weiter weg war eine liegende Frau zu erkennen, genannt „die schlafende Hexe“. Die Sage erzählt von einer Kräuterhexe, die erst vielen Menschen half. Da sie sehr hässlich war und in einer seltsamen Umgebung hauste, wurde sie aber verachtet. Das machte sie mit der Zeit sehr böse. Als der heilige Martinus sie besänftigen wollte, versuchte die Hexe, ihn zu töten. Zur Strafe verwandelte er sie in Stein. So muss sie nun warten bis zum Jüngsten Gericht!
Durch die märchenhafte Umgebung und entsprechende Geschichten wurde demnach frühzeitig die Fantasie angeregt, auch was liebe und böse Mütter, Frauen, sowie grausame Väter, Männer anbelangte, sowie andere schreckliche Dinge, was man bei der besagten Idylle nicht vergessen darf. So kam es auch schon damals zu atemberaubenden und haarsträubenden Zwischenfällen. Nur im letzten Moment konnte die in größter Sorge herbeieilende Großmutter verhindern, dass der Junge sich mit einem aufgespannten Schirm in einen Abgrund hinunterstürzte. Andere Kinder hatten sie gerufen, nachdem sie von dem Vorhaben erfuhren. Es handelte sich offenbar um eine Verwechslung zwischen Fallschirm und Regenschirm! War alles nur eine dramaturgische Inszenierung, um auf eine vorhandene Not aufmerksam zu machen? Oder war es schon ein Versuch, vorzeitig dem Anfang ein Ende folgen zu lassen? Einige schöne aber auch viele weniger schöne Dinge wären ihm entgangen bzw. erspart geblieben!
Eine wichtige Rolle spielte in den frühen Jahren der „Thron“. Eine gewisse Machtausübung und Beherrschung war von diesem „Sitzplatz“ aus schon gewährleistet. Unvergessen blieb der erhabene Augenblick, als bei der Kinderärztin etliche Erwachsene erwartungsvoll auf den in ihrer Mitte thronenden Jungen blickten und vergeblich hofften, ein sich von hinten abzeichnendes Ergebnis in Augenschein nehmen zu können. Viel später erst konnten diese Dinge in Anlehnung an Sigmund Freud als analer Protest, anales Zurückhalten und der Versuch, irgendwie die Kontrolle zu behalten, eingeordnet werden. Besser wurde es erst, als in einer Kinderklinik der Arzt mit einem Plastikhandschuh bewehrt und vorherigem Eincremen die Ursache des Übels zu ergründen versuchte. Es wurde dies übrigens in keinster Weise als Vergewaltigung erlebt, sondern erstaunlicherweise als eine wohlige Erfahrung! Auf einen Einlauf wurde zum Glück verzichtet und der innere Besitz somit eben nicht mit Gewalt herausgeholt. Eine Spieltherapie trug dann im übrigen dazu bei, dass sich die Verspannung löste. Als dann alles wieder im Fluss war, kam es zu einer Episode, die zum Ausdruck brachte, dass nun nicht mehr Zurückhaltung angezeigt war, sondern vielmehr Freigiebigkeit.
Der Junge hatte einen Lieblingsplatz unter einem Schreibtisch, wo er sich mit dem „Thron“ in einer Art Versteck sicher fühlte und wo er zudem von hinten zugreifend in einer Schublade kramen konnte, die vorne verschlossen war. Es traten da regelrechte Schätze zutage: Gold, Silber und Juwelen. Erst sah er sich nur alles an, spielte damit und tat es wieder zurück an seinen Platz. Irgendwann kam er aber auf die Idee, einiges mit in den Kindergarten zu nehmen und die Preziosen seinen Freunden zu zeigen und an sie zu verteilen. Das Erstaunen der jeweiligen Eltern zu Hause war groß, und bald kamen die ersten Anrufe, ob da denn alles mit rechten Dingen zugehe. Die Großeltern versuchten, die Schmuckstücke wiederzubekommen, was zumindest teilweise auch gelang. Der Junge erhielt natürlich eine gehörige Strafpredigt, schon aus erzieherischen Gründen. Denn es ging ja darum, zwischen Mein und Dein unterscheiden zu lernen, wobei es hier natürlich nicht bereits um die kantianische Philosophie („Metaphysik der Sitten“) ging, sondern um einfachste ethisch-moralische Grundregeln. Ein Traum im reiferen Erwachsenenalter verwies auf die tiefere Bedeutung des "Schatzes". Im Zuge der Beschäftigung mit C. G. Jungs Archetypen und der Alchemie träumte Marvin von einem Familienerbe und einem Schreibtisch mit einer Schublade, in der Schmuck enthalten war. Eine Perlenkette wurde verschenkt an den anwesenden Helfer, und später war zu erfahren, dass auch noch "sehr wertvolle" Diamanten in dieser Schublade waren, die möglicherweise von jemandem entwendet wurden. Der Bezug zur Kindheitsepisode und zum "Lapis philosophorum", dem "Stein der Weisen", ist offensichtlich. Symbolisch geht es um das Selbst und dessen Zentrum, sowie um die zu erstrebende Ganzheit und Individuation. Die „schwer erreichbare Kostbarkeit“ symbolisiert das Unbewusste. Die Uhren verwiesen frühzeitig auf die verrinnende Zeit, und der Urgroßvater hatte schon vorher mit seiner goldenen Taschenuhr das Interesse geweckt, nicht nur für das Gold, sondern auch für das „Ticktack“, mit dem der Klang am Ohr und damit auch die Uhr bezeichnet wurden. Die „Rigorosa“-Uhr ging als Familienerbstück später in den Besitz von Marvin über. Da sie nicht mehr tickte, legte er großen Wert darauf, sie reparieren zu lassen und scheute diesbezüglich keine Kosten.
Beinahe hätte sich der gesamte weitere Ablauf der Ereignisse auf grundlegende Weise verändert. Schon vor der Einschulung war fest geplant, dass Mutter und Sohn in die USA auswandern. Mutter hatte eine Stelle als Au-pair-Mädchen gefunden in einer Familie, mit der bereits vorab ein reger Briefverkehr stattfand. Leider (oder glücklicherweise?) wurde dieser Plan aber durch eine plötzliche Veränderung der Ausreisebestimmungen vereitelt.
Schon frühzeitig wurde das Interesse an Büchern geweckt, und einige davon hinterließen einen prägenden Einfluss, wie etwa die Bildergeschichten von Wilhelm Busch. Vor allem „Fipps der Affe“ regte nachhaltig die Fantasie an und führte dazu, dass ein Stoffaffe den Namen Fipps erhielt und fortan das Lieblingsstofftier war, das überall hin mitgenommen wurde. Der Affe in den Geschichten zeigt sich nicht gerade zimperlich und sogar recht grausam gegenüber seinen „Opfern“. Anfangs ist aber er selbst das Opfer, soll sogar vom „schwarzen Mann“ gefressen werden und handelt sozusagen aus Notwehr, lernt sich zu wehren. Später zeigt er sich ganz fürsorglich beim Wiegen von Elise und rettet dieser sogar heldenhaft das Leben bei einem Hausbrand. Dennoch bleibt er umtriebig und immer zu Streichen aufgelegt, erfährt später auch noch die Rache derer, denen er übel mitgespielt hatte und wird erschossen. Tiefenpsychologisch gesehen eröffnet sich hier natürlich ein weites Feld, und man kann darüber spekulieren, warum gerade diese Geschichte eine derartige Faszination ausübte. In gewissem Sinn wird ja hier die Entwicklung eines Jungen dargestellt, mit den Gefahren, die einem von Erwachsenen drohen. Es gibt orale Themen, Kastrationssymbole, Triebhaftigkeit und das Ausleben von aggressiven und sadistischen Impulsen, aber auch Reifungsprozesse. Der Affe ist uns Menschen ja sehr ähnlich. Im indischen Kulturkreis hat der Affe symbolisch mit Sexualität zu tun. Die Mischung macht’s! Es handelt sich wohl auf tieferer Ebene um eine Schattenfigur, ähnlich dem „Trickster“, der auch anfangs zu grausamen Streichen aufgelegt ist und später anfängt, Nützliches und Sinnvolles zu tun und gar zu einem „Heilbringer“ wird. Von Wilhelm Busch stammt bekanntlich auch die Geschichte „Max und Moritz“, von der später noch die Rede sein wird.
Ein Erinnerungsfoto vom 1. Schultag mit großer Tüte vermittelte später den Eindruck, dass hier durch reichlich süßes Beiwerk und Zuwendung ein recht angenehmer Start in den Ernst des Lebens und der Leistungsgesellschaft gelang. Der vom Namen her leicht zu merkende Oberlehrer Schul erwies sich als eine wohltuend väterliche Person, und es hieß später, er habe den Jungen in sein Herz geschlossen, was umgekehrt wohl ebenso war. Jedenfalls begann das Lernen und Üben dadurch einigermaßen erfreulich, auch wenn es zu Hause bei den Schularbeiten des Öfteren kleine Dramen gab, bei denen der Kochlöffel zum Einsatz kam. Es wurde gar damit gedroht, dass der Großvater mit „dem Eisernen“ käme, wobei nie ganz klar wurde, was genau damit gemeint war. Immerhin regte es die Fantasie an, hinterließ aber wohl keine nennenswerten traumatischen Spuren, da im Großen und Ganzen das Verhältnis mit den Großeltern herzlich war. Natürlich war zunächst Mutter „die Liebe“ und Großmutter „die Böse“, aber erstere kam ja nur selten vorbei und nahm dann die wechselseitigen Beschwerden entgegen. Diese Oma besetzte schon die Rolle einer Art Ersatzmutter, und sie war viel herzlicher und gefühlvoller, was grollende Ausbrüche von Ärger und einen tanzenden Kochlöffel nicht ausschloss. Sie war gläubig und lehrte Marvin abends zu beten, was sicher ein schützendes Ritual darstellte, wie auch die Vorstellung von einem besonderen Schutzengel, als ständigem unsichtbaren Begleiter, als Seelenführer und Aufpasser. Der Junge war empfänglich für Religiöses, und so erwies sich das Kommen des Nikolauses, in Begleitung eines Krampusses, als äußerst beeindruckend. Auf einem damals gemachten Foto sieht man die in naiver Ehrfurcht und Frömmigkeit gefalteten Hände, aber auch einen angstvollen, nach oben blickenden Gesichtsausdruck.
Es war schon von väterlichen Personen die Rede, welche aber nur bedingt den eigentlichen Vater ersetzen konnten. Fragte man den Jungen nach seinem Vater, dann erklärte er, dieser sei im Krieg gefallen, was problemlos durchging, da viele Kinder damals in dieser Lage waren. Der Vater hatte ja tatsächlich mit dem Krieg zu tun, wenn auch nicht auf diese Weise. Der Junge dachte öfters voller Angst an den Krieg und dass er später vielleicht als Soldat in einen solchen ziehen müsste und dabei umkommen könnte. Dass es auch Kriege anderer Art im Leben geben kann, unblutige aber dennoch nicht weniger grausame, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ahnte es aber vielleicht.
Etwa im Alter von 8 Jahren ging dann die vergleichsweise paradiesische Zeit im Schutz der Großeltern und der majestätischen Berge zu Ende, und ein erster Bruch erschütterte nachhaltig das Leben unseres Helden. Es sollte nicht der letzte sein!
Chronologisch vorzugehen wäre langweilig, und deshalb machen wir jetzt einen Sprung in die Gegenwart. Inzwischen ist aus dem Jungen ein älterer Herr mit grau melierten Haaren geworden, der sogar schon im Rentenalter ist, aber nicht gewillt, schon zum alten Eisen zu gehören oder gar bereits von der Bühne abzutreten.
Er ist ein bisher erfolgreicher niedergelassener Psychotherapeut, der schon vielen jungen aber auch älteren Menschen geholfen hat und der auch in seinem Privatleben immer bemüht war, anderen zu helfen und mit anderen zu teilen, ohne deshalb gleich in eine Art Helfersyndrom abzudriften und nur noch an die andern zu denken. Nach dem Motto „Geben ist seliger als Nehmen“ kann man aber ganz gut leben, wobei Geben auch bedeuten kann, dass man sich selbst etwas gönnt. Die Gefahr beim Helfen und Geben bestand natürlich, gelegentlich auch ein wenig ausgenutzt zu werden, aber es war ihm fremd, Buchhaltung zu führen diesbezüglich, wie ihm Buchhaltung auch in finanziellen Dingen zwar nicht fremd aber doch eher lästig war, was dazu führte, dass chronisch rote Zahlen auf den Kontoauszügen auftauchten und ein deutlicheres Plus sogar zu einem leichten Erschrecken und zu Handlungsbedarf führte. Das lag aber auch daran, dass er mit Geld gerne spekulierte und dabei nicht nur risikoarme Varianten wählte, was wiederum nicht immer nur Gewinne brachte, zu seinem Leidwesen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: es geht nicht darum, Marvin als Unschuldsengel oder Heiligen darzustellen, obwohl er in früheren Zeiten sich bemüht hatte, diese Ziele zu erreichen, worauf noch Bezug genommen werden soll. Man kann ihn aber als echten „Humanisten“ bezeichnen, was bedeutet, dass Glück und Wohlergehen des Menschen als sehr wichtige Ziele angesehen werden, und dass die Würde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben zu respektieren sind. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können, und die Gesellschaft soll die Würde und Freiheit des Einzelnen gewährleisten. Dazu gehören auch Güte, Freundlichkeit und Mitgefühl für die Schwächen der Mitmenschen, Toleranz, Gewaltfreiheit, Selbstbestimmung und Gewissensfreiheit. Deshalb weigerte er sich auch seit langem, von Moralaposteln oder von Konklaven gewählten Päpsten aufgestellte Vorschriften und Verbote zu befolgen, was aber, wie schon erwähnt, nicht immer so gewesen war. Humanismus ist hier durchaus in einem kritischen Sinn zu verstehen, etwa im Hinblick auf in unserer Gesellschaft trotz Demokratie und Rechtsstaat immer noch in mannigfacher Weise vorhandene Unterwerfungs- und Disziplinierungsmechanismen, die auch von sog. Humanisten oft nicht weiter hinterfragt werden. Michel Foucault hat gezeigt, dass man Humanität auch als Diskurs, als eine strategische Installation und ein gigantisches Ablenkungsmanöver ansehen kann. Etwa indem man die käufliche Liebe als etwas Verwerfliches bezeichnet, die allgemeine Käuflichkeit in unserem Gesellschaftssystem aber nicht (Volkmar Sigusch, „Sexualitäten“ 2013). Es soll auch keine humanistische Selbstüberschätzung, sondern eher eine skeptische Einstellung zur Geltung kommen. Stark geprägt von der Psychoanalyse war es Marvin immer ein besonderes Anliegen, die unbewussten Prozesse zu würdigen und zu erforschen, nicht nur bei den anderen, sondern insbesondere bei ihm selbst. Dies im Sinne einer Weiterentwicklung hin zur Ganzheit des Selbst und zum Erkennen der eigenen Schattenseiten. Der „säkulare Humanismus“ kann in Anlehnung an Ronald Dworkin („Religion ohne Gott“, 2014) als eine Spielart der Religion angesehen werden. Es geht um die Beachtung von unveräußerlichen Werten, ohne die keine Gesellschaft lebensfähig wäre, etwa der Würde des Menschen, und es geht um dessen geistige Dimension, die ihn aus der Natur heraushebt. Von Unsterblichkeit kann seiner Meinung nach nur insofern die Rede sein, als wir uns bemühen sollen, ein im moralischen Sinn „gutes“ Leben zu führen. Mit dem Theologen Friedrich Schleyermacher kann man schließlich sagen, dass eine Religion ohne Gott besser sein kann als eine andere mit Gott. Vielleicht reicht es aus, zu hoffen und zu lieben, ohne zu glauben!?
Seit knapp zwei Jahren ist Marvin nun ganz offiziell Vater geworden eines allerdings inzwischen schon 29 Jahre alten Sohnes namens Christian. Diese Besonderheit erklärt sich so, dass es sich nicht um einen leiblichen Sohn handelt, sondern um einen Ziehsohn, den er nun adoptiert hat, nach sorgfältiger amtlicher Prüfung seines Leumunds, seines Gesundheitszustandes und seiner Geschäftsfähigkeit. Beteiligt waren, neben den Hauptpersonen, ein Notar, das Betreuungsgericht (vormals Vormundschaftsgericht) und der Amtsarzt, von dem später noch die Rede sein wird.
Schon zuvor war Christian, nach Beendigung seiner Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation, als Praxishelfer die rechte Hand seines Ziehvaters geworden, und es hatte sich für beide eine sehr erfreuliche, angenehme und nützliche Zusammenarbeit ergeben. Die bereits länger bestehende sehr gute und herzliche Beziehung zwischen den beiden vertiefte sich dadurch und bekam eine ganz neue Qualität und Intensität. Es gab die berechtigte Hoffnung, dass dieser recht glückhafte Zustand noch möglichst lange bestehen bleiben könnte, aber wie der Leser gleich vermuten wird: es kam anders! Oder, um es mit den Worten von John Lennon auszudrücken: „Leben ist das, was dir passiert, wenn du gerade ganz andere Pläne hast.“ Ein hierzu passender jüdischer Witz lautet: „Wie kann man Gott zum Lachen bringen? Indem man ihm seine Pläne mitteilt!“ In einem Lied von Jean Ferrat heißt es: "Am Ende meiner Tage, was werde ich herausgefunden haben? Leben ist ein Ort, an dem ich schlecht geträumt habe!" ("Ferrat chante Aragon")
Im Tierreich gibt es Beutejagd, Revierkämpfe, Rivalitäten werden ausgetragen, wobei das Phänomen zu beobachten ist, dass ein unterlegenes Tier dem Sieger den Hals hinhält oder sich auf den Rücken legt als Zeichen der Unterwerfung oder als eine Art Friedensofferte, wobei dies allerdings nur bei primär Vertrauten der Fall zu sein scheint. Das dominante Tier lässt dann vom Kämpfen ab. Auch bei Tieren gibt es Grausamkeiten: die Hauskatze spielt mit der Maus, bevor sie getötet wird, um sie dann als Jagdtrophäe abzulegen. Als sadistische Perversion kann man dies aber dennoch nicht bezeichnen, da es instinktgesteuert abläuft und weil das Katzenfutter einfach besser schmeckt als die Maus. Außerdem ist das Ganze vermutlich Bestandteil der Erziehung, wobei die Jungen möglicherweise spielerisch lernen, ihre Beute zu fangen. Von Löwenmännchen ist zu hören, dass sie andere Jungen beseitigen, die nicht die eigenen Gene tragen, Tupajas fressen wie der Titan Kronos sogar ihre eigenen Jungen bei Stress, Spinnenweibchen töten die Männchen nach der Begattung und bescheren ihnen eine Art Liebestod. Befinden sich zwei Tupajamännchen in einem kleineren Gehege, so kommt es entweder sofort zum Kampf, der Unterlegene verfällt in einen katatonen Zustand und stirbt später an Nierenversagen durch Stress und hohe Ausschüttung von Cortisol (Vagus-Tod). Oder es findet eine Art Selbstaufgabe statt, bei totaler Hoffnungslosigkeit. Eine andere Variante ist die Unterwerfung ohne Kampf. Im ersten Fall spricht man von submissivem, im zweiten von subdominantem Verhalten (Norbert Bischof "Rätsel Ödipus" 1985), wobei hier nur sympathikotonisch reagiert wird. Bei Rhesusaffen, uns Menschen schon näher verwandt, kommt es zwischen Gruppenmitgliedern immer wieder zum Streit. Entweder geht es um Futter, um ein Weibchen, um ein Kind, oder scheinbar auch aus purer Bösartigkeit. Ein Tier, das sich bedroht oder benachteiligt fühlt, lässt seine Wut an einem anderen aus. Harmlos ist das alles keineswegs!
Aber kommen wir zu den Menschen! Die Geschichte strotzt nur so von Gemeinheiten, Brutalität, Terror, Folter, Despotismus, Willkürherrschaft, Menschenverachtung, Diskriminierung, Verfolgung, Deportation, Ausrottung. Die Majestäten haben es uns vorgemacht: denken wir nur an den preußischen „Soldatenkönig“, der erst seinen eigenen Sohn, den späteren Friedrich II. wegen Fahnenflucht hinrichten lassen wollte, ihn letztlich aber nur einsperren ließ, um dann des Sohnes liebsten Freund und Helfer vor seinen Augen köpfen zu lassen. Selbst an der Macht begann Friedrich der Große den 7-jährigen Krieg,den man auch als den 1. Weltkrieg ansehen könnte, und entging nur mit viel Glück einem Fiasko. Sein Vabanquespiel nach dem Motto "Alles oder nichts" inspirierte später auch Hitler, der allerdings glückloser endete, Gott sei Dank! Aus dem Frauenfeind wurde schließlich sogar ein verbitterter Menschenfeind, der nur noch ein Herz für seine Windhunde hatte.
Ähnliches geschah zwischen Zar Peter dem Großen und seinem Sohn, dem Zarewitsch Alexei, wobei dessen Leben tragisch endete. Da der potentielle Nachfolger nicht seinen Erwartungen entsprach, setzte er ihn unter Druck und drohte mit Enterbung. Da Alexei um sein Leben bangte, ergriff er mit seiner Geliebten die Flucht nach Wien und anschließend nach Neapel. Später gelang es dem Zaren, mit falschen Versprechungen den Sohn zurückzuholen und ließ ihm den Prozess machen wegen Hochverrats. Alexei wurde zum Tode verurteilt, starb aber vor der Hinrichtung an den Folgen der Folter!
Heinrich VIII. ließ seine zweite Frau Anne Boleyn, deretwegen er die Trennung vom Papst in Rom riskiert hatte, wegen angeblichem Ehebruch und Hochverrat köpfen. Vermutlich nur, weil sie ihm keinen männlichen Thronerben bescherte. Oder war es auch die Strafe dafür, dass sie ihn dazu brachte, sich mit dem „Stellvertreter Jesu Christi auf Erden“ zu entzweien? Das Volk hatte die Frau nicht gemocht und sie als Hure angesehen. Am Ende hatten aber wenigstens die Kammerfrauen Mitleid mit ihr. Sie selbst zeigte Größe oder auch beißende Ironie, indem sie vor der Hinrichtung ihren Ehemann als gütigen Herrn lobte. Der Wechsel von inbrünstiger Liebe zu tödlichem Hass beim König wird hier überdeutlich! Auch zwei weitere Frauen Heinrichs endeten auf dem Schafott. Sein zwanghaftes Bestreben nach einem männlichen Thronfolger wurde zwar erfüllt, aber ironischerweise kam später die Tochter von Anne Boleyn als Elisabeth I. Tudor als Königin von England zur Macht. Da die „bastardische Jungfrau“ (Sloterdijk) ehelos blieb, keine Kinder hatte und männliche Züge aufwies, gab es Gerüchte, die wahre Elisabeth sei als Kind verstorben und gegen einen Jungen ausgetauscht worden. Historiker sehen dies aber mit Skepsis und meinen, man habe damals eben eine solche Frau als irgendwie nicht normal angesehen. Heinrich selbst zeigte im Alter zunehmend Züge von Paranoia, wurde zum noch unberechenbareren, blutigen Gewaltherrscher und starb letztlich an Fettsucht und vermutlich Diabetes. In Hass hatte sich auch die Freundschaft mit dem Philosophen Thomas Morus ("Utopia") verwandelt, weil dieser dem Papst die Treue hielt, was ihn den Kopf kostete, genauso wie Thomas Cromwell, der die Intrige gegen Anne Boleyn eingefädelt hatte. Zuletzt gab es eine Theorie, wonach Heinrich aufgrund eines Lanzenstiches am Kopf eine Hirnverletzung erlitten habe und sich dadurch sein Charakter zum Negativen veränderte. Zufall war, dass ausgerechnet Heinrich VIII durch seine Landreform im Zuge der Enteignung von klösterlichem Landbesitz den Grundstein für die Entwicklung des Kapitalismus legte. (Ulrike Herrmann: „Der Sieg des Kapitals." 2013)
Oder gehen wir noch etwas weiter zurück: vom römischen Kaiser Tiberius wird berichtet, er habe sich Lustknaben oder besser gesagt Sexsklaven gehalten, die ihn beim Baden oral verwöhnen mussten. Er nannte sie seine „Fischli“. Wurde er eines der Kinder überdrüssig, dann ließ er es bei lebendigem Leib von einem Felsen hinunterwerfen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen! Hitler, Stalin, Mao und andere wollen wir gar nicht erst bemühen!
Natürlich muss man aufpassen und nicht alles, was berichtet wird, für bare Münze nehmen. Der Historiker Martin Zimmermann hat in seinem Buch „Gewalt. Die dunkle Seite der Antike“ (2013) gezeigt, dass viele Geschichten der damaligen Zeit heutigen Horrorfilmen ähneln und nicht alles wortwörtlich zu nehmen ist.Den Mächtigen dieser Erde habe man immer unterstellt, dass sie Leute abschlachten und Sex hätten ohne Ende, auch wenn dies im Einzelfall so gar nicht stimmte. Insbesondere die Geschichten über Nero müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Er war beim Volk angesehen, aber nicht bei den Patriziern, zu denen auch Tacitus gehörte. Bei den Christen war er natürlich gar nicht beliebt, da er sie als Sündenböcke nach dem Großbrand (64 n. Chr.) in Rom verfolgte.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: bisher war zwar nur von Männern die Rede, aber das liegt daran, dass in der Vergangenheit vor allem patriarchalische Verhältnisse vorherrschten. Von Feministinnen wird oft darauf hingewiesen, dass fast nur Männer Tyrannen waren und dass dies eben daran liege, dass sie aggressiver seien und ein stärkeres Bedürfnis nach Machtausübung hätten. Dass Frauen ebenso grausam sein können, zeigt die Chronik weiblicher Tyrannenherrschaft, wie sie Helmut Werner in seinem Buch „Tyranninnen. Grausame Frauen der Weltgeschichte“ beschrieben hat. Es gab zahlreiche grausame Herrscherinnen, welche die regierenden Männer ihrer Zeit das Fürchten lehrten und durch ihre Blutrünstigkeit und Machtbesessenheit Geschichte schrieben. Von den Amazonen über die mächtigsten Frauen Roms, Livia, Messalina und Agrippina, Englands "Bloody Mary", (womit aber nicht der Cocktail gemeint ist, sondern die Vorgängerin von Elisabeth I. Tudor, Königin Mary I. Tudor, so benanntwegen ihrer grausamen Protestantenverfolgung im 16. Jahrhundert), bis zur ungarischen „Blutgräfin“ Elisabeth Bathory, bei der bis heute nicht sicher ist, ob ihre Verurteilung als Serienmörderin gerechtfertigt war oder ob es sich um eine politische Intrige handelte, kann man das Handeln von Frauen nachvollziehen, die ihre Ziele nur mit Grausamkeit und Unmenschlichkeit zu erreichen glaubten. Auch Katharina die Große scheint nicht so ohne gewesen zu sein. Sie war eine sehr erfolgreiche Zarin, gebildet und auf der Höhe ihrer Zeit, Reformerin im Sinne der Aufklärung, aber wenn es sich um die Sicherstellung ihrer Macht handelte, ging sie über Leichen und zeigte sich erbarmungslos. Die Französische Revolution bereitete ihr Alpträume, und sie ließ die Werke von Voltaire, mit dem sie lange geliebäugelt hatte, verbieten. Auch die Geliebten von Herrschern wussten ihren Einfluss zu nutzen, so bei Sultan Süleyman I. und bei Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia). Es sind bei den Frauen ohnehin weniger die historischen Persönlichkeiten, die sich durch Boshaftigkeit und Niedertracht auszeichneten, sondern vielmehr alle möglichen Frauen, zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsschichten. Die Art und Weise mag anders sein, vielleicht mit mehr Hinterlist und Intrigen. Bei Mord und Selbstmord gehen Frauen ebenfalls anders vor als Männer, wie man weiß. Aus dem alten Ägypten wurden uns schriftliche Zeugnisse überliefert, die von weiblicher Gier und Grausamkeit handeln. Eine Frau ließ zunächst ihren Ehegatten beseitigen, um an sein Vermögen zu gelangen, und um mit ihrem Geliebten ungestört zusammenleben zu können. Dann verstieß sie ihre Zwillingstöchter und brachte sie um ihr Erbe. Die beiden wurden später durch ein günstigeres Geschick auserwählt, um am Apis-Kult, der Bestattung des heiligen Stiers teilzunehmen, und erhielten einen Schuldschein, der ihnen ein unbeschwertes Leben ermöglicht hätte. Leider vertrauten sie aber ihrem Halbbruder, der ihr Geld und den Schuldschein wiederum der Mutter zukommen ließ. Auch ein Bittschreiben an den Pharao blieb vergeblich. Eine Zeitgenossin kann man hier noch anführen, und zwar die US-Kokain-Königin Giselda Blanco, auch Schwarze Witwe genannt, da mehrere ihrer Partner von ihr getötet wurden. Berüchtigt war sie auch, da sie Feinde zerstückelte und anschließend in einem Karton irgendwo abstellte. Medea lässt grüßen, wobei im Mythos der Opfercharakter die ausschlaggebende Rolle spielte, sowie Tod und Wiedergeburt. Sie genoss den Ruf, grausamer zu sein als männliche Paten. Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt wurde sie nach Kolumbien abgeschoben und im Jahr 2012 erschossen. Aufgewachsen in einem Slum hatte sie schon im Alter von elf Jahren den ersten Menschen getötet. Von der alkoholkranken Mutter war sie misshandelt worden, floh von zu Hause und schlug sich zunächst als Prostituierte durch.
Inzwischen haben wir, zumindest bei uns, einigermaßen demokratische Verhältnisse und den sogenannten Rechtsstaat, der mit solchen Auswüchsen zum Glück Schluss gemacht hat. Die Grausamkeit der Menschen ist damit aber keineswegs beseitigt! Sie findet neue Mittel und Wege, um sich Bahn zu schaffen, oft auch mit ganz legalen Mitteln. Machtausübung und Unterwerfung finden immer und überall noch statt, wenn auch meist in subtilerer Weise. Marvin kann ein Lied davon singen, hat er doch schon einiges in dieser Hinsicht in seinem bisherigen Leben leidvoll erfahren und erdulden müssen. Man kann aber immer noch eins drauflegen, und so wie in vielen Horrorfilmen ist es auch nach dem vermeintlichen Ende des Horrors nicht vorbei: zu früh gefreut! Das Monster lebt! Und so kam es an einem sonnigen Frühlingstag, es war Pfingsten, dass sprichwörtlich wie aus heiterem Himmel das Unheil kam und seinen Lauf nahm. Es traf ein mit einer Email, in der nichts Gutes stand. Es wurde mit Anzeige gedroht: Marvin habe mit dem Sohn Moritz vor Jahren statt Therapie schlimme Dinge gemacht, ihn gar mehrmals vergewaltigt und mit dem Tode bedroht! Das war knüppeldick, im wahrsten Sinne des Wortes!
„Gefährlich ist's den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.“
Friedrich Schiller „Das Lied von der Glocke“
Schwang hier die Rachegöttin Tisiphone ihre Fackel des Wahnsinns und entleerte den Krug mit Gift, wie es der Künstler Bernard Picart in einem Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert darstellte? Aber ein Mord war ja nicht begangen worden oder möglicherweise doch, ein „Seelenmord“ (dieser Begriff stammt übrigens von Goebbels!)? Vielleicht handelte es sich um Megaira, mit ihrem „neidischen Zorn“ oder um Alekto, die bei ihrer Jagd „Unaufhörliche“, oder gar um die „Ur-Kore“ Nemesis, die zürnende und richtende Rachegöttin, wobei es sich hier nicht um einen Mädchenraub, sondern höchstens um einen „Jungenraub“ handelte? Sozialneid ist bekanntlich eine der wichtigsten Ursachen von Gewalt und eine der größten Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. An die in der Unterwelt im Nebel und in der lichtlosen Finsternis des Erebos hausende Erinys sah Marvin sich auf jeden Fall erinnert, sowie an Orestes, auf der Flucht vor den rasenden Furien, sowie an Orpheus, der letztendlich von den rachsüchtigen thrakischen Frauen zerrissen wurde! Oder an die Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“: "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, Tod und Verzweiflung flammet um mich her!“
Statt gleich mit einem guten Anwalt zu kontern und seinerseits mit Strafanzeige wegen übler Nachrede zu drohen, wurde leider zunächst einmal versucht, die Sache gütlich zu regeln, ein persönliches Gespräch zu suchen und die völlig aufgebrachte Frau ein wenig zu beschwichtigen, was sich als ein großer Fehler erweisen sollte. Sie lehnte ein Treffen ab, ebenso wie Gespräche mit einer guten Freundin und Kollegin oder mit Christian. Nur einige Mails gingen hin und her, wobei von ihrer Seite fast nur niederschmetternder, "abgrundtiefer" Hass und völlige Entwertung ("Wenn ich jemanden abgrundtief verabscheue, dann habe ich jetzt ein Bild von diesem widerlichsten aller Tiere!!!!!") zum Ausdruck kamen. Die ausstrahlende emotionale Kälte und Härte waren körperlich zu spüren. Den Ausdruck fand Marvin in etwas abgewandelter Form in der Bannbulle des Papstes Alexander VI. (Borgia) gegen Girolamo Savonarola wieder, zumindest in der von Dimitri Mereschkowski vorgetragenen Version in seinem Buch „Leonardo da Vinci“. Dort nennt der Papst den widerspenstigen Mönch „das verabscheuungswürdigste Insekt“, lat. „nequissimum omnipedum“. Angesichts eines solchen Verhaltens muss man als Fachmann sogleich an eine schwere narzisstische Störung denken, wobei immer die Entwertung als primitiver Abwehrmechanismus gebraucht wird, um den eigenen Selbstwert aufrechtzuerhalten oder zu erhöhen. Nachzulesen bei Otto F. Kernberg und insbesondere bei Heinz Kohut, der sich speziell zur "narzisstischen Wut" geäußert hat: "Der narzisstisch Gekränkte aber kann nicht ruhen, bis er den unscharf wahrgenommenen Beleidiger ausgelöscht hat, der wagte, ihm entgegenzutreten, nicht mit ihm übereinzustimmen oder ihn zu überstrahlen." Entwertung bedeutet also eine unverhältnismäßig negative Bewertung eines Objektes oder einer Objektrepräsentanz zum Zweck der Erhöhung oder Stabilisierung des eigenen Selbstbildes. In diesem Zusammenhang verweist Kohut zudem auf das Rachethema und dessen literarische Verarbeitung in den Werken des Heinrich von Kleist "Michael Kohlhaas", wo von "schäumender Wut" die Rede ist, von der "Hölle unbefriedigter Rache" und vom zunehmenden Größenwahn des Gekränkten, dessen Frau und er selbst letztlich umkommen, und Herman Melvilles "Moby Dick": Kapitän Ahab verfolgt so lange seinen "Intimfeind", den großen Wal, bis er selbst und sein Schiff untergehen. Auch in Kleists "Penthesilea" gehtes um rasende Wut, die im Kampf gegen den eigentlich geliebten Achilles letztlich zu dessen Zerfleischung und Vernichtung führt, wobei es die Herrscherin der Amazonen erst gar nicht glauben will, dass Sie für diese Tat verantwortlich ist und sich schließlich selbst richtet, um dem Geliebten in den Tod zu folgen. Alles passierte wie in einem Traum, aus dem sie erwacht und zunächst bei anderen die Schuld sucht. Der Sage nach war es allerdings Achill, der Penthesilea im Kampfe mit dem Schwerte erschlug, sich in sie verliebte, als er ihr den Helm abnahm und seine Tat bedauerte. Der Autor Navid Kermani (2012) meint, dass es sich bei Kleists Penthesilea auch um die Inszenierung einer archaischen Form von Liebe handelt, um Besitzergreifung, Machtausübung, um ein Sich-einverleiben-Wollen des anderen bis hin zum kannibalischen Akt. "Sie will ihn mehr als nur mit Leib und Leben besitzen, sie will ihn ganz und gar in sich aufnehmen..." Die Abspaltung der Penthesilea geht auch noch weiter, da sie nicht nur das eigene Handeln verleugnet, sondern auch noch von zwei Tätern ausgeht: einer, der Achill ermordete und ein anderer, der ihn verschlang. Dem einen will sie vergeben, aber dem anderen nicht, da sie in ihm einen Nebenbuhler sieht, der Achill geliebt haben muss. Kermani sieht sogar einen Bezug zum Abendmahl: "Nehmt, das ist mein Leib! Das ist mein Blut!" Kleist vergleiche Achill mit Christus: "Ach, diese blutgen Rosen! Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt!"
Kohut spricht von der möglichen Ausbildung einer "chronischen narzisstischen Wut", die er als die Entwicklung eines "der bösartigsten Übel des menschlichen Seelenlebens" ansieht, als eine die ganze Persönlichkeit durchdringende Haltung. Diese kann dann zu wohlorganisierten Feldzügen führen, die als Ausdruck einer endlosen Rachsucht mit endloser Leidenschaft in Gang gehalten werden. Es geht um Machtausübung (Omnipotenz) und Gewalt, um absolute Kontrolle und Beherrschung des Selbstobjektes. Von Konfuzius stammt der Ausspruch: „Bevor du dich auf eine Reise der Vergeltung begibst, hebe zwei Gräber aus.“ Die TV- Serie „Revenge“ (2011) stellte diese Worte an den Beginn und zeigt, wie Unrecht mit immer wieder neuem Unrecht begegnet wird und ein Kreislauf der Zerstörung in Gang kommt, wenn es nicht um Vergebung, sondern um Vergeltung geht. In diesem Zusammenhang soll daran erinnert werden, dass es in der Geschichte immer wieder dazu kam, dass bestimmte Menschen oder Gruppen entwertet oder gar entmenschlicht wurden, und wohin das führte! Von „abgrundtiefem Hass“ war auch die Rede in Radiokommentaren anlässlich der Juden-Pogrome vom 09. November 1938. Narzisstisch gestörte Machthaber haben Völker und fast die ganze Welt ins Chaos gestürzt, mit unendlich viel Leid und Zerstörung! Kennzeichnend für narzisstisch Gestörte ist insbesondere das völlig fehlende Einfühlungsvermögen oder Mitgefühl, insbesondere gegenüber der Person, gegen die sich die Wut richtet, ohne Rücksicht auf die Folgen und mögliche Kolalateralschäden. Sie können nicht das geringsteVerständnis für ihre Gegner aufbringen! Fehlende Empathie einer Mutter gegenüber den Bedürfnissen eines Kindes kann bei diesem ebenfalls zu einer narzisstischen Störung führen! Es wird berichtet, dass bei manchen Soziopathen zwar ein stark ausgeprägtes Gespür vorhanden zu sein scheint für das, was in anderen vorgeht, aber es handelt sich hierbei nicht um Mitgefühl oder gar Mitleid, und diese Fähigkeit wird ausschließlich zum eigenen Vorteil genutzt. Man muss also mit Paul Ekman (2011) wohl unterscheiden zwischen einer rein „kognitiven“ und einer „emotionalen“ Empathie. Bei ersterer erkennt man, was der andere fühlt, bei letzterer fühlt man, was der andere fühlt. Die Untersuchungen des französischen Hirnforschers Christian Keysers bez. der Spiegelneuronen legen wiederum nahe, dass manche Menschen die Fähigkeit haben, Empathie beliebig an- und auszuschalten. Bei „Psychopathen“ sei sie in der Regel ausgeschaltet, aber sie können sich sehr gut in andere einfühlen, wenn es darum geht, sie für ihre Zwecke zu manipulieren und zu nutzen. Die Angehörigen bestimmter Berufsgruppen sollen demnach ebenfalls gelernt haben, das Mitgefühl zeitweilig auszuschalten, etwa Zahnärzte, sinnvollerweise. Tania Singer, eine Empathieforscherin in Zürich, hat festgestellt, dass Alexithyme, also Menschen mit „Gefühlsblindheit“, erst lernen müssen, die eigenen Gefühle zu spüren und zu erkennen, bevor sie dies bei anderen können. Zum Thema Wut sind noch ganz andere Überlegungen möglich. Mircea Eliade erwähnt in seinem Buch „Kosmos und Geschichte. DerMythos der ewigen Wiederkehr.“ (1949) die in mittelalterlich skandinavischen Quellen benannten „berserkir“, die „wilden Krieger“, die das Urbild des „furor“, der rauschhaften, „heiligen Wut“ verkörpern, und weist darauf hin, dass jeder Konflikt, jedes Duell und jeder Krieg keinesfalls rationalistisch zu erfassen seien, sondern dass immer die rituelle Bedeutung und die damit verbundene Belebung eines Archetypus berücksichtigt werden müsse. Der Krieger ahmt einen "Heros" nach und versucht, sich diesem Vorbild so weit wie möglich anzunähern. Durch jede Wiederholung einer archetypischen Handlung wird die „profane Zeit“ aufgehoben, und der Handelnde wird Teilhaber der mythischen Zeit. Es handelt sich um die Suche nach dem wirklichen und wahren Sein und um die Angst, in die Bedeutungslosigkeit einer profanen Existenz zu versinken. In der modernen Existenzphilosophie begegnen wir dieser Polarität in den Begriffen vom „Sein“ und vom „Nichts“. Auch heute noch scheinen die Menschen ein starkes Bedürfnis zu haben, eine solche Aufhebung des Profanen und der Zeit zu erreichen. Der kosmogonisch-heroische Mythos dient dazu, die Geschichte mit ihren Niederlagen und Demütigungen besser zu ertragen. Es mag befremdlich klingen, den Krieg in Verbindung mit „heiliger Wut“ verstehen zu wollen, aber C. G. Jung hat darauf hingewiesen, dass auch die Geschehnisse im „Dritten Reich“ als Belebung eines Archetypus zu verstehen sind, und die Terminologie der Nazigrößen war voll von Anspielungen auf religiöse und mythologische Themen. Man denke nur an den Ausspruch von Goebbels: „Die Soldaten ... werden in diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst.“ Gerade dieser Umstand verleiht ja dem Ganzen seine Gefährlichkeit, durch das „Ergriffensein“ der Menschen, durch das Numinose dieser Vorgänge, das zu einer willenlosen Ergebenheit führt. Außerdem ist beim „Heiligen“ immer auch die kompensatorische Gegenposition des „Unheiligen“ im Unbewussten präsent. In diesem Zusammenhang sei erinnert an die von Papst Urban II. ausgerufenen Kreuzzüge und an den „Heiligen Krieg“ („Dschihad“) im Islam, der gerade wieder eine so große Bedeutung erlangt hat. Schon Heraklit hatte gesagt: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Aus den inneren Konflikten und Polaritäten und deren Spannung entsteht psychische Energie, "der lebendige Ausgleich zwischen Gegensätzen" (C. G. Jung). Erich Neumann wies in seinem Buch „Die Große Mutter“ (1974) darauf hin, dass der Krieg ursprünglich mit den Opferungsritualen und dem furchtbaren Aspekt des „Großen Weiblichen“ zu tun hat. Die Blutschale symbolisiert Tötung und Zerstückelung, und die Opferung stellt eine notwendige Durchgangsphase dar, hin zu Wiedergeburt, Wandlung und neuer Fruchtbarkeit. In unserem Fall geht es zwar ebenfalls um eine Art Krieg und zweifellos um einen Konflikt, aber es wird noch ein weiterer Archetypus belebt, und zwar der des Sündenbocks und dessen Austreibung. Es handelt sich hierbei um einen zyklisch wiederkehrenden rituellen Vorgang der Reinigung, wobei dem Sündenbock, einem Tier oder einem Menschen, symbolisch alle Belastungen, Sünden und Übel der Gemeinschaft aufgeladen werden, bevor er verjagt wird. Es soll dadurch die mythische, vormalige, die "reine" Zeit wiederhergestellt und dem Chaos ein Ende gesetzt werden. Einem ähnlichen archaischen Phänomen begegnen wir u. a. in der Hexen- und Judenverfolgung, wie auch in der aktuellen Hatz auf Pädophile. Der Sündenbock entlastet die Gemeinschaft, und dieser Umstand wird auch in der systemischen Familientherapie berücksichtigt, denn der „Indexpatient“, der „designierte Kranke“, wird als derjenige herausgestellt, der eine wichtige Funktion in der Familie übernommen hat, indem er die Homöostase des Systems gewährleistet.
Selbst die Hinweise, dass sich bei dem Jungen schwere Schuldgefühle wegen der möglichen Konsequenzen seines Handeln einstellen könnten und sogar die Gefahr eines Suizids bestünde, wurden mit Unverständnis abgetan. Das alles ging jedenfalls voll daneben, und die Einlassungen des Beschuldigten wurden perfiderweise später auch noch als eine Art Schuldeingeständnis gewertet! Der Super-GAU! Das klare Denken war stark eingeschränkt, Panik und Angst sind keine guten Ratgeber. Auch die Erinnerung an Michael Jackson, der in ähnlichen Fällen auch mal mit einer Abfindung und außergerichtlichen Einigung das Schlimmste abwenden konnte, halfen nicht, im Gegenteil! Und so kam nach einer Phase bedrohlichen Schweigens die schriftliche Vorladung zur polizeilichen Vernehmung, und die bisher schlimmste Zeit im Leben von Marvin ging in die nächste Runde. Von k.o. zwar noch keine Rede und auch noch nicht von einer Niederlage nach Punkten, aber doch gleich erheblich angeschlagen und in den Seilen hängend begab er sich zunächst zu einem angesehenen Strafverteidiger und dann zu einem fähigen Psychotherapeuten, den ihm eine gute Freundin in dankenswerter Weise anempfohlen hatte. Eine nun sich einstellende massive Depression und starke Ängste verlangten dringend nach Behandlung. Mit Gesprächen und geeigneter Arznei wurde versucht, einem weiteren Abgleiten entgegenzuwirken. In diesen Tagen hätte sogar die Nachricht von einem auf die Erde zurasenden Meteoriten oder einem Gammablitz nur ein müdes Lächeln und heitere Schicksalsergebenheit ausgelöst. Auch der für das Jahr 2012 angekündigte Weltuntergang verlor seinen Schrecken. Nur die oben erwähnten Hilfen und vor allem auch die Gespräche mit dem Sohn, der über alles Bescheid wusste und den er voll an seiner Seite stehend erlebte, verhinderten Schlimmeres! Langsam stellte sich sogar der Appetit wieder ein, der zunächst abhanden gekommen war. An Schlaf war erst nicht mehr zu denken, und es half nur eine kleine Pille, abends eingenommen. Das Ganze war eine Art „Schwarzer Schwan“ (Nassim Nicholas Taleb, 2008 und 2013), ein schwer voraussagbares, irreguläres Ereignis mit gravierenden Folgen. Ursprünglich war es Karl Popper, der das Beispiel mit den Schwänen benutzte, um zu zeigen, dass man stets auch mit ganz unwahrscheinlichen und unvorhergesehenen Dingen rechnen muss. Wenn man immer nur weiße Schwäne gesehen hat, heißt das noch lange nicht, dass man nicht irgendwann einem schwarzen Schwan begegnet. Leider leben wir in einer Welt der „Schwarzen Schwäne“ und müssen uns darauf einstellen. Es kommt dann darauf an, ob das betroffene „System“, in unserem Fall die Psyche, robust ist, fragil oder „antifragil“, wobei „Antifragilität“ am besten ist, denn sie bedeutet, dass esaufgrund eines Schocks zwar zu schweren Erschütterungen kommt, dass diese aber zu Veränderungen und sogar Verbesserungen führen. Ein fragiles System dagegen bricht schnell zusammen.
Wie Marvin abgesehen von wenigen abgesagten Terminen, in der Lage war, weiterzuarbeiten, ist kaum nachvollziehbar, aber es blieb praktisch keine andere Wahl! Die letzten Energiereserven mussten mobilisiert werden, und es kam zu dem erstaunlichen Phänomen, dass die therapeutische Arbeit sogar besser war als je zuvor! In akuter Not und existenzieller Bedrohung konnte Marvin sich noch besser einfühlen in andere und die richtigen, das tiefste Innere berührenden Worte finden. Sicher merkten viele Patienten, dass etwas sich verändert hatte und machten sich Gedanken. Einige sagten auch etwas, zeigten sich in Sorge. Was gar nicht mehr ging, waren die Gutachten. Es fehlte absolut die nötige innere Ruhe und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, und zudem hatte Marvin sie schon vorher nur ungern angefertigt!
Mit dem Psychotherapeuten, der sich als echter „Glückstreffer“ erwies, einmal wegen seiner wohltuenden und feinfühligen Persönlichkeit, wegen seiner langen Erfahrung und nicht zuletzt wegen seines sowohl medizinischen als auch altphilologisch-philosophisch-humanistischen Backgrounds, konnte alles besprochen werden und in Bezug gesetzt werden zur Vorgeschichte und zu Hinweisen aus dem Unbewussten.
Nachdem der Anwalt Akteneinsicht bekommen hatte, wurde beschlossen, die Aussage zu verweigern, so dass „die hochnotpeinliche Befragung“ bei der Kripo vermieden werden konnte. Zwar wird bei uns ja nicht mehr gefoltert, aber dafür gibt es andere, subtilere Methoden, seelische Folter sozusagen, wobei man natürlich einwenden kann, dass reale oder mutmaßliche Rechtsbrecher auch nicht unbedingt mit Samthandschuhen angefasst werden sollten. Nach dieser Devise handelte ja auch der Polizeichef, der einen Entführer und Kindermörder unter Druck setzte und bedrohte, um möglicherweise das Kind noch zu retten, und viele gaben ihm recht!
Schon anlässlich der polizeilichen Vorladung hätte sich aber bereits die Frage der Verhandlungsfähigkeit gestellt, da Marvin in manchen Dingen gar nicht besonders heldenhaft ist und schon fast sein ganzes Leben lang sich mit Ängsten und Panikanfällen herumschlagen musste, wobei es insbesondere um die Angst ging, vorgeführt und bloßgestellt zu werden, sich zu blamieren oder peinlich aufzufallen. Auch die vierjährige Analyse hatte daran nichts grundsätzlich geändert, außer dass er nun wusste, woher die Ängste kommen und wie man mit ihnen umzugehen hat, etwa indem man bestimmte Situationen wenn möglich einfach meidet und nicht unbedingt einem inneren oder äußeren Zwange folgend den Helden spielen muss. Viele Situationen lösten auch weniger oder gar keine Angst mehr aus, zum Glück. Es war jedenfalls besser als ein Zustand, in dem Ängste und depressive Gefühle etwas Unheimliches an sich haben und den Eindruck eines totalen Ausgeliefertseins vermitteln, aus dem es kein Entrinnen gibt. Panikanfälle lassen oft auch an eine körperlich lebensbedrohliche Situation denken, meist das Herz betreffend, und entsprechend dann die Todesangst! Das Herz hat in dieser Geschichte eine besondere Bedeutung, da Marvin vor einigen Jahren einen ersten Herzinfarkt erlitten hatte und deshalb nicht ohne Grund in Sorge war!
Es folgte als nächstes die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Auf eine aussagepsychologische Prüfung der Glaubhaftigkeit des Belastungszeugen war verzichtet worden. Gab es eine Art Vorverurteilung? Auch das Gericht folgte ziemlich schnell der Argumentation und nahm die Anklage an, verbunden mit einer Vorladung zur Hauptverhandlung, die kurz vor Weihnachten (Hohoho!) im Briefkasten lag. Handelte es sich um die Vorwegnahme des „Jüngsten Gerichts“, um alle Schuld des Lebens? Es ist schwer zu beschreiben, was im Inneren vor sich ging, als der „gelbe Umschlag“ aufgemacht wurde. Zwar keine Todesangst, aber doch so ähnlich? Kalte Schauer, die über den Rücken laufen, die Beine, die keinen Halt mehr bieten, der Hals, der sich zuschnürt, ein sehr flaues Gefühl im Magen, aufkommende Übelkeit („la nausée“!), ein Gefühl der Ohnmacht, der Hoffnungslosigkeit, um es kurz zu fassen: der blanke Horror, der pure Stress! Überhaupt war der Briefkasten längst zu einer „Büchse der Pandora“ geworden, die meist unheilvolle Nachrichten enthielt und deshalb immer seltener und nur mit Vorsicht geöffnet und entleert wurde.
Auch andere Dinge machten Angst: war der Mann, der da vorbei läuft, ein Polizeibeamter, der ihn ganz unauffällig überwachen soll? Und was war mit dem Auto hinter seinem? Wurden Telefongespräche mitgeschnitten, oder war sogar eine Wanze in der Wohnung installiert worden? Sind die Nachbarn befragt worden? Wer weiß schon Bescheid? Wechselt der Kollege die Straßenseite, um die Begegnung mit ihm zu meiden? Ist der hübsche blonde Junge, der da vorbeirollert, möglicherweise ein Lockvogel, der Marvin in Versuchung führen soll?
Immerhin kam noch ein möglicherweise rettender Gedanke: Wäre es nicht sinnvoll, den früheren Lebensgefährten der Mutter zu kontaktieren? Man hatte ihn noch als Freund im sozialen Netzwerk und informierte ihn über die bedrohliche Lage. Die Antwort kam prompt und signalisierte Wohlwollen sowie die Bereitschaft zu helfen. Ein Treffen wurde vereinbart, und der Retter in der Not zeigte sich bereit, über seinen Anwalt Zugang zu den eigenen Verfahrensakten zu gewähren und als Zeuge der Verteidigung zur Verfügung zu stehen. Auch er war mehrmals von seiner Ex angezeigt worden, wegen Beleidigung und Körperverletzung, und sie hatte ihren Sohn instrumentalisiert, um die eigene Aussage zu bestätigen, was den Polizeibeamten aber aufgefallen war. "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant", dichtete Hoffmann von Fallersleben, und auch die Geschichte von Judas mit den dreißig Silberlingen lehrt uns, dass solche Menschen sich nicht unbedingt beliebt machen und meist auch nicht wirklich glücklich werden. In einem Buch von Karol Sauerland über das Thema Denunziation in der Geschichte und in der Gegenwart wird ausgeführt, dass es oft gar nicht primär ums Geld geht und auch nicht um Ideologie und Politik, sondern um Neid und Missgunst, Nachbarschaftsstreit und Partnerkonflikte.
