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Wie wurde ich, wer ich heute bin? Am 12. Mai 1997 werden in einer Kleinstadt zwei identische Mädchen geboren. Trotz ihrer Wesensgleichheit sind sie nicht miteinander verwandt und wachsen in unterschiedlichen Umgebungen auf. Während eine von Liebe und Fürsorge umgeben ist, muss die andere sich in einem instabilen Umfeld behaupten. Sarah Graefes farbenreiche Sprachmelodie gibt der Fantasie Nahrung, um tief in die Welt der beiden Mädchen einzutauchen. Ihr Debüt-Roman lädt dazu ein, sich an die eigene Kindheit und Jugend zu erinnern und darüber nachzudenken, wie diese Erfahrungen uns geprägt haben. Dadurch stellt sich die grundlegende Frage, die wohl jeden Menschen im Laufe seines Lebens beschäftigt: Was ist Teil meiner Identität? Was wurde mir von meiner Umgebung aufgedrängt? Und wie wurde ich zu dem Menschen, der ich heute bin?
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Sarah Graefe
Zwei Wege
Ich bin Sarah.
Die Vokabel »Langeweile« hatte in meinem Leben nie Platz. Weil die Schule mir immer eine lästige Pflicht war, bedeutete meine Freizeitgestaltung eine befreiende Selbstverwirklichung in meiner Kindheit und Jugend. Ich machte Musik – geigend, singend, Klavier spielend. Schließlich erwählte ich mein Hobby zum Beruf und studierte an der Dresdner Musikhochschule.
Als Geigerin und Sängerin auf einer Bühne zu stehen und Menschen mit meiner Musik zu berühren, gibt mir Kraft, macht mich glücklich. Zugleich erfüllt mich das Unterrichten kleiner und großer Lernbegeisterter. Ich habe das Bedürfnis, etwas weiterzugeben – nicht nur künstlerisch, sondern vor allem menschlich. Das führte mich auch zu meiner Leidenschaft des Schreibens zurück. Mit der Veröffentlichung meines ersten Romans »Zwei Wege« erfülle ich mir einen lebenslangen Traum.
© 2023 Sarah Graefe
Umschlaggestaltung © 2023 Valentina Schuster
Lektorat und BuchsatzHOFMEISTER STAUDER. BüchermacherPhillip Hailperin & Katharina Hellriegel-Stauder
Autorinnenfoto© Simon Chmel
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin überepubli – ein Service der Neopubli GmbHKöpenicker Str. 154 a · 10997 Berlin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgt im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: www.sarahskammer.de Sarah Graefe · Sebnitzer Straße 37 · 01099 Dresden
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter https://dnb.dnb.de abrufbar.
Der Nährboden kindlichen Gedeihens setzt sich aus seiner unmittelbaren Umgebung zusammen. Die Prägungen der Eltern geben den Anstrich einer subjektiven Wirklichkeit, in welcher das Kind Wurzeln schlägt und langsam zu sprießen beginnt.
An jenem Donnerstag türmten sich Wolkenungeheuer in bedrohlichem Grau am Himmel und die matten Strahlen der Sonne hatten Mühe, den neuen Tag aufzuwecken. Zwei Tage und Nächte andauernden Landregens hatte Wiesen und Gärten aufgeschwemmt, dass ein erdig-feuchter Geruch die Luft erfüllte. Nebelschwaden erschufen am Fluss schemenhafte Wesen, die langsam das Ufer hinaufkrochen; und in den Wohngegenden erloschen Straße für Straße die Laternenreihen, die vereinzelten Nachteulen den Heimweg gewiesen hatten. Der Morgen wirkte zauberhaft still, glitzernd und zugleich erschöpft. Entkräftet durch eine schlaflose, schreiende Nacht. Das Kind war geboren.
In zwei nahe beieinanderliegenden Zimmern des städtischen Krankenhauses von Labrum hatten Natalie und Bella je eine Tochter zur Welt gebracht: Ariane. Ein dunkelhaariges, ernstes Mädchen mit wachen Augen und kräftiger Konstitution. Ein und dasselbe Kind. Zweimal. Genau dieselbe Mundform, dieselbe kleine Falte am Kinn, dieselbe DNA. Als seien sie Zwillinge – und waren dennoch nicht miteinander verwandt.
Dieser wundersame Tatbestand blieb gänzlich unbemerkt. Vielleicht, weil die frisch gebackenen Familien in einer Blase ihres Daseins schwebten und nicht durch die Gänge tigerten, um nach einer Doppelgängerin ihres Sprösslings Ausschau zu halten. Vielleicht aber auch, weil es eine geburtenarme Woche war und bei der Betreuung der werdenden Mütter keine Personalüberschneidung entstand.
Natalies ganzer Körper fühlte sich an, als wäre sie im Hochleistungstempo geradewegs den Mount Everest hochgerannt. Jede Bewegung kostete sie unendliche Anstrengung und doch fühlte sie jetzt von all dem Geburtsschmerz nichts mehr. Sie sah in ihre Arme, wo ein Wunder seine Ankunft auf Erden untersuchte. Mit kritischer Miene schnaufte die kleine Ariane, während sich ihre Lippen zu einem spitzen Gähnen formten. Das Ächzen ihres zerbrechlichen Stimmchens versetzte die Eltern in einen hingebungsvollen Bann. Natalie steckte sacht ihren Zeigefinger in die winzige Faust ihres Kindes und fühlte die zarte, warme Haut. Johann stützte sich mit beiden Unterarmen auf der Bettkante ab und wäre am liebsten mit unter die Decke geschlüpft, um der weiblichen Einheit zwischen Mutter und Tochter so nah wie möglich zu sein. Vorsichtig streckte er die Hand aus und streichelte der Kleinen über den schorfigen Kopf. Dabei kroch sein Gesicht so dicht an sie heran, bis er den Babyduft tief in sich aufsog.
»Ariane«, flüsterte er.
Der Name hatte sie blitzartig erreicht. Natalie war gerade wieder schwanger geworden, als sie in einem Radiobeitrag von einer Künstlerin hörten, die sich Ariane Soyalis nannte. Der ihr Werk porträtierende Report war ihnen sofort wieder entfallen, aber der Name hatte Natalies und Johanns Geschmack einstimmig gekitzelt. Ab sofort sprachen sie nicht mehr von dem Baby, sondern immer von Ariane.
Später interessierten sie sich aufgrund der einschlägigen Namensfindung erneut für Ariane Soyalis’ Schaffen und fuhren zu einer eindrucksvollen Ausstellung nach Leipzig. Die Künstlerin malte klassisch auf Leinwand. Doch anstatt pastelltönige Idyllen wiederzugeben, setzte sie sich in schrillen Farben mit gesellschaftsreflektierenden und politischen Themen auseinander. Natalie und Johann badeten sich zufrieden in ihrer künstlerischen Zustimmung.
Ein friedlicher Schleier legte sich jetzt schützend über die Dreieinigkeit der Familie, während die zarte Morgensonne das Dickicht der Äste durchbrach und der Farbenglitzer Arianes dunkle Augen zum Funkeln brachte.
Eine energische, deshalb aber nicht weniger liebevolle Hebamme hatte Bella geholfen, Ariane zu waschen und zu windeln. Dann schlug sie vor, Bella könne sich erst mal hinlegen und ausruhen, das Kind liege doch hier im Bettchen gleich neben ihr und die beiden seien in guten Händen. Ihr kleiner, rundlicher Körper wippte in der etwas zu engen weißen Hose von einem Bein aufs andere und sie lächelte Bella aufmunternd zu. Sie versicherte, nach einer Weile wieder vorbeizuschauen und nach dem Rechten zu sehen. Dann verschwand sie aus dem Zimmer und zog geräuschlos die Tür ins Schloss.
Bella setzte sich auf die Bettkante und schaute nervös zum Kinderbettchen hinüber. Sie spürte, wie die Muskeln in ihren Unterarmen nicht stillhalten wollten, zuckend durchfuhr es ihren Körper und ließ sie beim besten Willen nicht zur Ruhe kommen, dabei hatte sie schon vor einer halben Stunde eine derartige Müdigkeit übermannt, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken zu fassen vermochte. Sie holte tief Luft, drückte sich in den Stand und wurde beim Aufrichten des Rückens von einem stechenden Schmerz im Unterleib durchbohrt. Kurz hielt sie inne, um den Krampf mit geschlossenen Augen zu verscheuchen. Zittrigen Schrittes wankte sie zum Kinderbett und stützte sich erneut Kraft suchend ab.
Da lag es, dieses kleine Wesen, das vor knapp anderthalb Stunden aus ihrem Leib gekrochen war. Ein gesundes, ein mutig aussehendes Kind. Bella stand auf einer Schwelle zwischen hell und dunkel, ihre Emotionen konnten sich nicht entscheiden, ob sie vor Glück in Freudentränen ausbrechen sollte oder vor lauter hereinstürzender Überforderung schreien.
Ariane ruderte mit den Armen und ihr Mund verzog sich zu einem quakenden Mäulchen, aus dem lauter werdende Rufe der Unzufriedenheit quollen. Bella streckte die Arme aus, um das quengelnde Bündel auf den Arm zu nehmen. Während sie sich vorbeugte, spürte sie erneut den ziehenden Unterleib.
So muss sich auch die ausgenommene Gans am letzten Weihnachten gefühlt haben, dachte sie angeekelt und hievte ungeschickt das Kind über ihre Schulter. Köpfchen stützen, hat die Dicke gesagt, wiederholte sie die Instruktionen der Hebamme.
Vielleicht wäre es ratsam gewesen, ein paar Seiten aus jenen Babybüchern zu lesen, die sie von ihrer besten Freundin Tamara geliehen bekommen hatte. Aber solange das Würmchen nicht auf der Welt war, hatte Bella keinen Grund darin gesehen, ihrer verfrühten Mutterschaft zu viel unnötige Aufmerksamkeit zu widmen. Der immer ausufernder werdende Bauch hatte sie ohnehin täglich daran erinnert. Und jetzt war da plötzlich dieses kleine Menschlein und sie war eine Mama. Noch konnte Bella den Zusammenhang zwischen sich und diesem greinenden Baby nicht begreifen. Ihr entfuhr ein verzweifelter Seufzer. Schunkelnd lief sie am Fenster auf und ab, um Ariane endlich zu beruhigen. Dabei blickte sie in den verschlafenen Morgen, der sich aus dem nebligen Flussufer schälte, und versuchte, ihren Ist-Zustand in einen klaren Kontext zu setzen. Sechseinhalb Monate lang hatte sie Gelegenheit gehabt, sich auf das Bevorstehende einzurichten, um alle Vorkehrungen zu treffen. Aber Weitsicht hatte noch nie zu Bellas Stärken gehört, sie war eher der Typ, der Verpflichtungen auf die lange Bank schob, bis sie hinten herunterfielen. Deshalb schlug die Verantwortung auch jetzt wie ein Meteorit in ihre kleine Welt ein und richtete eine unkontrollierbare Verwüstung an.
Die glückliche Erschöpfung bettete Natalie gegen 6:00 Uhr endlich in sanften Schlaf. Johann schlich sich auf den Gang zu einer der Nachtschwestern, die am Stationsempfang Papierberge in Ordnung brachte. Wieder einmal stellte er fest, dass er pflegenden Berufsgruppen größte Hochachtung entgegenbrachte. Diese weißen Engel, die bei Tag und Nacht schier unsichtbar im Krankenhaus umher eilten, um für das Wohl aller Hilfebedürftigen zu sorgen. Sie hielten den Laden zusammen, mit ihren tausend Handgriffen und Hilfestellungen. Johann bewunderte diese emsige Akribie.
Ob er einen kurzen Anruf tätigen dürfe, fragte er flüsternd über den Empfangstisch hinweg. Die Krankenschwester blickte erschrocken auf, als hätte er sie aus tiefer Konzentration gerissen.
»Ja, natürlich, Sie sind doch der Vater aus der 408«, es klang beinahe so, als wäre dieser Tatbestand eine ultimative Begründung für jegliche Sonderwünsche. Johann strahlte bejahend. Mit schnellen Bewegungen hob sie den Apparat von der Schreibfläche auf die Theke, beantwortete sein überdimensionales Glück mit einem sachten Lächeln und bewies ihm mit einer Handbewegung, er könne mit dem Telefonat beginnen. Da beugte sie sich auch schon wieder über Diagramme und Blutwerte.
Beeindruckend, diese gebündelte Fokussierung auf wesentliche Arbeit, dachte Johann.
Die Krankenschwester erschien ihm freundlich, zeigte jedoch eindeutig, dass sie im Rahmen ihrer beruflichen Auslastung klare Strukturen und Prioritäten zu setzen hatte. Unnötige Zeit mit in freudestrahlender Versonnenheit wabernden Vätern musste nicht länger als nötig ausgeweitet werden. Johann spürte förmlich, wie ihr und sein Zeitempfinden in unterschiedlichen Geschwindigkeiten tickten. Während er den Eindruck hatte, jede Sekunde sickere in Zeitlupe an ihm vorüber, strukturierte sie bereits die Patientenabfolge der anbrechenden zwei Stunden in ihrem Kopf.
Johann wählte die heimische Festnetznummer und lehnte sich rücklings an die Theke. Er musste eine Weile warten, bis sich am Ende der Leitung eine verschlafene Stimme meldete: »Wer stört?«
»Marianne?«
»Herrgott, Johann, bist du das? Entschuldige, ich bin völlig schlaftrunken. Ist das Baby da?«
»Marianne, wir haben eine Tochter. Ariane ist da«, verkündete er.
Er hörte den bebenden Atem seiner Schwiegermutter durchs Telefon.
»Oh, Johann, ich freue mich so sehr. Mein Herz schlägt ganz schnell. Ist alles gut gegangen? Wie geht es Natalie?«
»Die Geburt ist ohne Komplikationen verlaufen. Natalie schläft. Sie ist natürlich ganz schön erledigt, aber es geht ihr gut. Und mir auch. Ich schwebe.«
Johann spürte, wie seine Lider einen feuchten Film der Bewegtheit von seinen Augen wischten.
»Wenn ich mit Jasper gefrühstückt habe, kommen wir sofort ins Krankenhaus. Der Kleine wollte vor Aufregung gar nicht einschlafen, ich musste mich mit in seinem Zimmer einquartieren, sonst wäre er nie zur Ruhe gekommen.«
»Vielen Dank, Marianne, dass du gleich zur Stelle warst, um auf Jasper aufzupassen. Leg dich noch mal hin, es ist ja quasi noch mitten in der Nacht. Macht alles ohne Eile. Wir sehen uns dann später.«
Johann drehte sich um und beobachtete wieder die Zettelwirtschaft des weißen Engels.
»Na, wenn ich denn jetzt noch mal einschlafen kann …«, zweifelte Marianne. »Danke für deinen Anruf, Johann. Bis nachher also.«
Johann ließ den Hörer aufs Telefon sinken und schob es der Krankenschwester ein Stück entgegen: »Vielen Dank!«
Für die wenigen Meter zurück zum Zimmer ließ er sich Zeit. Er lauschte der Stille. Das Krankenhaus erwachte langsam aus seinem scheinbaren Ruhezustand während der Nacht. Von da und dort war leises Piepen, ein Husten oder ein weinendes Baby zu hören, all dies füllte das Haus mit Aktivität, mit Krankheit und Genesung, mit Leben und mit Tod.
Johann drückte leise die Zimmertür auf und trat ein. Überall roch es nach Desinfektionsmittel und Medikamenten. Ein latenter, trockener Gestank, der vor gefühlten tausend Jahren auch den Medizinschrank seiner Mutter erfüllt hatte und der ihm immer noch die Kehle verengte. Der Anblick seiner schlafenden schönen Frau vertrieb jede Erinnerung an bittere Hustensäfte und sperrig zu schluckende Tabletten aus Johanns Gedächtnis. Natalie war anzusehen, dass die letzte Nacht jegliche Kraftreserven ihres Körpers ausgequetscht hatte. Ihr Haar lag wüst und strähnig auf dem Kopfkissen und ihr Gesicht wirkte ein bisschen aufgedunsen. Trotzdem hatte Johann das Gefühl, sie noch nie als so reinlich schön empfunden zu haben. Er empfand eine innige Verbundenheit zu Natalie, als erfülle ihn aufrichtige Dankbarkeit dafür, dass sie Anstrengung und Schmerz auf sich genommen hatte, um ihm eine Tochter zu schenken.
Während der Geburt hatte er nahezu verschreckt neben der Szenerie gestanden, hatte seine Frau keuchen und schreien sehen und war überfordert gewesen, sich auch nur ansatzweise vorzustellen, was wohl in ihr vorging. Er hatte sich wie ein eingeschüchterter Schuljunge gefühlt, hatte Mut und Kraft aufbringen wollen, um sich konstruktiv einzubringen und war doch zu nicht mehr in der Lage gewesen, als eine sich verkrampfende Hand streichelnd zu halten. Zu jeglicher weiterer Hilfeleistung war er unqualifiziert und so stand er im Weg.
Im Kinderbettchen wachte Ariane auf und wackelte begrüßend mit ihren Fäustchen. Als sich Johann über sie beugte, breitete sich auf seinem Gesicht unwillkürlich ein breites Lächeln aus. Mit der linken Hand tastete er blind nach einer Stuhllehne, die er zu sich heranzog. Er setzte sich. Ariane quietschte vergnügt. »Na, du kleine Maus, gefällt es dir auf der Welt?«
Sie ruderte kreisend mit den Armen und streckte sich in Richtung Fenster.
»Willst du deinen ersten Tag begrüßen?«
Johann stand auf und hob vorsichtig das Fliegengewicht aus dem Kinderbettchen. Jeder Grund war ihm recht, seine Tochter an sich nehmen zu können. Er bettete sie auf seinen rechten Arm und bestaunte mit ihr den aufklarenden Morgenhimmel. Das Licht schien die Wolkendecke zu fluten und sie in Tausende Flocken zu reißen, die sich schnell in alle Richtungen verflüchtigten. Dahinter trat ein blauer, klarer Morgen zutage.
»Die Mensa hat noch nicht auf. Tote Hose überall«, Bellas jüngere Halbschwester Dina kam ins Zimmer gepoltert.
»Ja, hast du vielleicht auch mal auf die Uhr geschaut? Die Patienten schlafen. Hat ja schließlich nicht jeder heute Nacht ein Baby gekriegt«, raunte Patty.
Sie war eine resolute Frau mit sonorer Raucherstimme und fordernden dunklen Augen, und doch lag in ihrem Blick immer etwas Melancholisches, das ihr Wesen in eine schattige Unergründlichkeit tauchte. In unbeobachteten Momenten hingen ihre Mundwinkel herunter und sie hatte etwas von einem geschlagenen Hund, der keine Kraft mehr hat, sich zu wehren.
»Sorry, Mama.« Dina zügelte ihre Lautstärke und beugte sich zu Bella.
»Am Automaten gab es nur Süßkram, ich hab dir ein Corny mitgebracht.«
Bella nahm mit spitzen Fingern das geöffnete Alupapier entgegen und biss vorsichtig von dem Müsliriegel ab, während sich Ariane auf ihrer Schulter ein bisschen beruhigt hatte.
»Oh hey, jetzt schreit sie schon gar nicht mehr so nervig. Ich glaube, sie mag dich«, grinste Dina.
»Wär’ ja auch blöd sonst, ich bin immerhin die Mama«, Bella hörte sich selbst reden und verspürte einen Anflug von Stolz, dass sie diese Feststellung bereits über ihre Lippen brachte.
»Mein Gott, Kind, gib das Würmchen doch mal her, du kannst ja gar nicht richtig kauen.« Patty schaltete sich ein und streckte bereits die Arme aus, um ihr Enkelkind entgegenzunehmen. »Und du legst dich ins Bett, damit du überhaupt mal runterkommst, Bella. Läufst hier die ganze Zeit hin und her, bist auf hundertachtzig, da kann das ja nichts werden mit dem Schlafen.«
Bella war froh über die Anweisung und schlüpfte langsam unter die Decke ihres Bettes. In den Armen ihrer Großmutter gluckste Ariane zufrieden und ließ schläfrig die Augenlider sinken. Jetzt legte sich die Müdigkeit auch über Bella. Im Beisein ihrer eigenen Mutter fühlte sie sich plötzlich beschützt und konnte jegliche Anspannung fallen lassen. Die Kissen empfingen sie weich und sie schloss sofort die Augen, um in einen traumlosen Tiefschlaf zu fallen.
Als ihre Periode vor einem dreiviertel Jahr zum ersten Mal ausgefallen war, hatte es Bella nicht einmal bemerkt. Diese unangenehme monatliche Blutung war ihr zuwider, sie ekelte sich regelrecht davor und fühlte sich unhygienisch, wenn sie einsetzte. Unregelmäßigkeiten in ihrem Zyklus waren ihr deshalb vielmehr willkommen, als dass sie ihnen unnötige Bedeutung beimaß. Auch wenn sie allen Grund dazu gehabt hätte. Sie kam erst auf den Gedanken, schwanger sein zu können, als ihre Freundin Tamara die unübersehbaren Hinweise auf den Tisch legte. Die sich häufende Übelkeit am Morgen ließ sich längst nicht mehr durch die bierreichen Zusammenkünfte im Park begründen und auch das Spannungsgefühl in der Brust wies plötzlich eine erschreckende Logik auf. Tamara hatte selbst vor anderthalb Jahren einen kleinen Marius in die Welt gesetzt und warf Bella deshalb allwissende Blicke zu.
»Ich weiß genau, was jetzt in dir vorgeht, Bell«, meinte sie und stellte ihrer Freundin statt des heiß geliebten Bananenweizens eine dampfende Tasse Kräutertee hin.
»Falls du nicht abtreiben willst, wird das jetzt Programm.«
Bella fühlte sich Lichtjahre entfernt von jeglicher Entscheidungsfähigkeit. Die Offenlegung der alles erklärenden Tatsachen hatte sie in einen Schockzustand versetzt, der vor allem ihr Denken einzufrieren schien.
»Abtreiben? Was? Oh Gott, keine Ahnung, ich … Vielleicht stimmt es ja auch gar nicht und ich hab nur was Falsches gegessen …«
Obwohl sie Tamara anschaute, bohrte sich ihr Blick in ein unbestimmtes Nichts. Tamara legte den Kopf schief und musterte Bella erwartungsvoll.
»Du musst es deiner Mutter erzählen.«
Zwanzig Minuten später wankte Bella zerstreut nach Hause und starrte noch stundenlang mit weit aufgerissenen Augen an die Zimmerdecke über ihrem Bett, bevor die Hilflosigkeit sie in den Schlaf lockte. Am Morgen blieb sie so lang wie möglich im Bett liegen. Mühlradartig quälte sie die Frage, wie sie ihrer Mutter die unerwartete Kunde unterbreiten mochte. Eine Achterbahn unzähliger Szenarien rauschten durch ihren Kopf.
Erst gegen elf Uhr schälte Bella sich aus den Federn. Patty stand mit dem Rücken zur Küchentür an der Spüle und machte den Abwasch. Aus dem Radio plärrte Dudelmusik und vom Hof her drang Handwerkerlärm durchs angekippte Fenster, kalte Luft zog herein. Auf dem Tisch klemmte eine brennende Zigarette im Aschenbecher, die zarte Qualmfäden verströmte. Plötzlich registrierte Bella, wie sehr sie der rauchige Geruch in der Wohnung störte und sie ertappte sich, wie sie schützend eine Hand auf ihren Bauch legte.
»Na, auch schon wach, du Siebenschläfer?«, krächzte Patty.
Bella getraute sich kaum, die Lippen zu einem Laut zu öffnen. Sie wusste, sobald sie am Tisch säße und nach der ersten Tasse Kaffee greifen würde, wäre ihr jeglicher Mut genommen. Sie gab sich selbst einen inneren Schubs.
»Mama, ich bin schwanger …, also wahrscheinlich.«
Schlagartig trat Stille ein. Die Handwerker draußen unterbrachen ihr Werkeln, als hätte sie die frohe Botschaft jäh eingefroren. Bella nahm vor lauter Gespanntheit auf die Reaktion ihrer Mutter nicht einmal mehr das Radio wahr, sie fokussierte sich nur auf Pattys hochgezogene Schultern, die sich in Zeitlupe zu ihr umdrehten. Patty ließ den Teller zurück ins Waschbecken sinken und wandte sich zu ihrer Tochter. Ein undeutbarer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, irgendetwas zwischen Fassungslosigkeit und Vorahnung. Ihre Hände hingen reglos vor ihrem Bauch und das herabtropfende Spülwasser formte eine kleine Pfütze auf dem Laminat.
Der Kinderwunsch hatte zu Beginn ihrer Beziehung als eine sich nie ausgleichende Waage dargestellt. Schon während des Studiums war Johann der Meinung gewesen, als karriereorientierter Notar und Rechtsanwalt, der er einmal sein würde, gebe es in seinem Leben keinen Raum für zeitaufwendige Erziehungsaufgaben. In der wenigen Freizeit, die sich ihm im straffen Arbeitsalltag bieten würde, wollte er mit Natalie die Welt bereisen. Er fand es bewundernswert, wie junge Eltern im näheren Bekanntenkreis Familie und Beruf unter einen Hut brachten, und wenn er es sich genau überlegte, fand er Kinder auch gar nicht so schlecht. Sie waren irgendwie drollig mit ihrer Unbeholfenheit und ihren unüberlegt unsinnigen Einfällen. Doch in Gegenwart dieser kleinen Menschen befiel Johann ein lähmendes Ungeschick. Er konnte nichts mit ihnen anfangen, fühlte sich hilflos, den längst vergessenen Spielkameraden in sich selbst zu erwecken und gerade deshalb überkam ihn schreckliche Langeweile.
Anfänglich war Natalie geschockt über Johanns drastische Ablehnung dieses Themas. Sie hatte sich immer Kinder gewünscht und wollte ihre Vorstellung von sich als Mutter unter keinen Umständen aus ihrem Lebensplan streichen. Als sie zwei Jahre mit Johann verheiratet war, eröffnete Natalie ihre eigene gynäkologische Praxis und entwickelte selbst einen ungebremst wachsenden, beruflichen Ehrgeiz. In dieser Zeit ließ sich Johann gelegentlich dazu breitschlagen, die Kinder seiner Schwester Saskia ein paar Stunden zu hüten, während diese, nach langer Elternzeit, in kleinen Schritten wieder ins Berufsleben einstieg. Johanns zeitliche Kapazitäten waren rar, doch seine Schwester wusste ihn mit unerschwinglichen Konzertkarten, die sie für ihn und Natalie aus geheimen Quellen hervorzauberte, zu bezirzen. Johanns anfänglicher Widerstand gegenüber den Kindern wich mit den Monaten einer aufkeimenden Sympathie. Öfter kam er mit einem süßen Lächeln auf den Lippen nach Hause und erzählte Natalie von den ulkigen Kommentaren der Kinder, von ihrer beeindruckenden Fantasie und ihrem unersättlichen Tatendrang. Saskias berufliche Verpflichtungen kamen ins Rollen und mittlerweile stellte sich Johann bereitwillig zur Verfügung, die lieben Kleinen unter seine Fittiche zu nehmen. Natalie beäugte diese Entwicklungen mit großem Erstaunen. Das Kinderthema hatte sich in ihrem Miteinander zu einem Minenfeld entwickelt, entweder konnte man es auf dem Wege realistischer Erwägungen unbeschadet passieren oder man trat durch eine ungeschickte Bemerkung eine plötzliche Explosion los. Es gab Augenblicke, in denen sie sich einig waren, Kinder in die Welt zu setzen. Aber wer würde die Hauptverantwortung tragen und bereit sein, sich beruflich zurückzunehmen?
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten sich Natalie und Johann in ihren wirtschaftlichen Bahnen eingefunden, das Leben lief gut geplant vor sich hin. Natalie bekam täglich die glückliche Schönheit werdender Mütter in ihrer Praxis vor Augen geführt und so leidenschaftlich und gewissenhaft sie ihre Patientinnen auch betreute, bezog sie die Familiengeschichten niemals auf sich selbst. Nach sechs Jahren Ehe schlug die plötzliche Schwangerschaft umso überraschender in ihr Leben ein. Dank ihres gynäkologischen Wissens erkannte sie die ersten Anzeichen schnell und zu ihrem größten Erstaunen fühlte Natalie sofort ein Strahlen in ihrem Herzen. Johanns entstandene Kinderliebe löste auch in ihm eine sofortige Freude über eigenen Nachwuchs aus.
Die Freude über die Geburt seiner kleinen Schwester war grenzenlos. Als Natalie mit der kleinen Ariane nach vier Tagen endlich wieder aus dem Krankenhaus zurückkam, war Jasper nicht mehr von der Wiege im Wohnzimmer wegzukriegen. Er zerrte sich einen Stuhl heran, von dem aus er sich kopfüber in die Wiege lehnte und mit begeisterten Jauchzern jedes Wippen und Zappeln des Babys kommentierte. Natalie musste immer ein Auge auf ihn haben, damit seine Klettereien keinen Sturz zufolge hätten. Aber Jasper ließ sich nur schwer in seiner Begeisterung zügeln, immer wollte er bei Ariane sein, sie streicheln oder ihr vorlesen. Dann saß er mit ausgestreckten Beinchen auf dem Teppich, hielt ein reichlich illustriertes Buch in seinen kleinen Händen und beschrieb in aufgebracht bewegter Stimmlage die bunten Geschehnisse.
Johann ging wieder täglich ins Büro, hielt die Arbeitszeiten aber so knapp wie möglich, um schnell zurück bei den Kindern zu sein. Besah man sich jetzt die Einstellung zu seiner Vaterrolle im Vergleich von vor zehn Jahren, erhielt man den Eindruck eines gänzlich gewandelten Menschen. Jasper und ihn verband vom ersten Tag an eine innige Vater-Sohn-Freundschaft. Johann fühlte sich Jasper auf besondere Weise verbunden und gab sich herzzerreißende Mühe, ihn in einer schönen und friedvollen Welt aufwachsen zu lassen.
Natalie fühlte sich durch Arianes Geburt noch immer ein wenig benommen, doch sie konnte sich Zeit lassen, wieder zu Kräften zu kommen. Ihre eigene Gynäkologin hatte sich als fachkundige Vertretung für die Praxis zur Verfügung gestellt. Obwohl es Natalie schwerfiel, ihr Kompetenzfeld einer anderen Ärztin zu überlassen, genoss sie jetzt das Muttersein uneingeschränkt. In dem geräumigen Einfamilienhaus der Valentins herrschte eine liebevolle, herzliche Atmosphäre. Alle wirkten ausgeglichen und diese entspannte Grundhaltung schien sich auch auf Ariane auszuwirken. Die Kleine war mit einem weitestgehend ruhigen Schlaf gesegnet, der den Eltern nächtliche Erholung gewährte.
Sie hielt wieder in ihrem Kinderzimmer Einzug. Die Boygroup- und Gilmore-Girls-Plakate klebten noch an Ort und Stelle, die Bravo überhäufte den Schreibtisch und unter dem Fenster türmten sich Limoflaschen zu einem kleinen Haufen. Alles wirkte unverändert vertraut und doch hatte sich ihr ganzes Leben gewandelt. Patty hatte im Badezimmer einen provisorischen Wickeltisch auf der Waschmaschine montiert und eine Packung Windeln, Babypuder sowie Kaufmanns Haut- und Kindercreme bereitgelegt. Das war also Bellas Willkommen: eine Verantwortung, von der sie nicht den Hauch einer Ahnung zu haben glaubte. Eine Party mit Bananenweizen, ihrem liebsten Erfrischungsgetränk, und Erdnussflips wäre ihr nach mehrtägigem Wegsein lieber gewesen. Sie schaute auf Arianes munteres Gesicht in ihren Armen, presste die Lippen aufeinander und ließ tiefe Atemzüge durch ihre aufgeblähten Nasenflügel rauschen.
»Wir packen das schon zusammen!«, sagte sie zu Ariane und hoffte dabei, sich selbst ein bisschen Mut zuzusprechen.
Dina half ihr, ein Schränkchen mit den nötigsten Babykleidern zu füllen, und sie bugsierten die alte Wiege aus dem Keller in ihre Wohnung im fünften Stock. Als sie sich unter der Last des hölzernen Schaukelbettes das Treppenhaus hochkämpften, trat Bella der Schweiß aus den Poren und ihr Bauch begann zu brennen wie Feuer. Dieses Möbel war bereits durch zahlreiche Kindergenerationen ihrer Familie gewandert. Auch sie und Dina hatten aus ihr heraus einer bewölkten Zukunft entgegengeblickt.
Als Bella abends im Bett lag und der Mond silbernes Licht durch das Fenster schickte, versprach sie sich selbst, ihrer Tochter eine Perspektive im Leben schenken zu wollen. Es war ihre Pflicht, Ariane eine bestmögliche Entwicklungsgrundlage zu geben, damit diese in knapp zwanzig Jahren keine Ausbildung hinschmiss, um ein ungewolltes Kind auf die Welt zu pressen. Bella fühlte sich mutig. Auch wenn sie keine Vorstellung davon hatte, mit welchen Mitteln sie ihre hochgesteckten Ziele in Wirklichkeit verwandeln sollte. Sie richtete sich auf und lugte in die Wiege am Fenster, in der Ariane endlich ruhigen Schlaf gefunden hatte. Bella lächelte, sie fühlte eine beruhigende Wärme in ihrer Brust und sie wusste in der Tiefe ihres Inneren, dass sie ihr Kind liebte.
Jasper quengelte. Er wolle, dass Ariane bei ihm im Zimmer schliefe. Als einzig Alleinschlafender der Familie sah er sich benachteiligt. Johann hätte sich breitschlagen lassen, Arianes Bettchen neben Jaspers zu montieren. Sein Zimmer lag direkt neben dem elterlichen Schlafzimmer und mithilfe eines Babyphons wäre Natalie bei jedem Weinen aufgesprungen und in weniger als einer halben Minute bei ihrem Neugeborenen gewesen. Aber sie mochte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Ariane nicht neben ihr lag. Es hätte ihr das Gefühl vermittelt, die Kontrolle gar zu sehr von sich zu schieben. Dabei musste sie sich eingestehen, dass sie es genoss, nachts nichts weiter als Johanns Arm um ihren Körper und seinen Atem am Hals zu spüren. So konnte sie entspannen und zu erholsamem Schlaf finden. Erstaunlich, in ihrem Beruf als Gynäkologin brachte sie ihren Patientinnen professionelle Gelassenheit entgegen, verbreitete keine Panik und wusste bei jedem Vorkommnis genau, was zu tun war. Selbst verwandelte sie sich nun erneut in eine unruhig besorgte Mutter. Es war nicht anders gewesen, als sie mit dem nur wenige Tage alten Jasper daheim Einzug gehalten hatte. Plötzlich erschienen ihr die Ängste der werdenden Mütter in ihrer Praxis nachvollziehbar. Ariane aber schlief seelenruhig, sie wachte wenige Male auf, dann stillte Natalie sie kurz, bis sie wieder einschlief und wie eine reife Frucht von ihrer Brust abfiel.
Aus alter Gewohnheit kam Jasper gegen Morgen manchmal zu ihnen herübergetippelt, seinen Plüschhasen Georg unterm Arm und sich die Augen reibend. Er kroch vom Fußende her unter die riesige Bettdecke, quetschte sich zwischen Mama und Papa und ließ sich, kaum hatte er seinen Platz ergattert, mit einem laut seufzenden Ausatmen in die Kissen plumpsen. Dann schnarchte er leise, alle Viere von sich gestreckt, genüsslich weiter. Natalie liebte es, das winzige Gesicht ihres Sohnes zu beobachten. Wenn er zu träumen schien, zuckten manchmal seine Augenlider oder die Nase und er spitzte seine Lippen, als wolle er gleich etwas sagen. Auch er war ein guter Schläfer. Meistens erwachte Jasper zwischen acht und neun Uhr. Dann setzte er sich aufrecht hin und wirkte in dem überdimensionierten Ehebett wie ein kleiner Krümel, seine flusigen Haare standen wie elektrisierte Antennen von seinem Kinderkopf ab und er strahlte vergnügt dem Tag entgegen.
»Mama, wo ist Rine?«, oft waren dies seine ersten Worte am Morgen.
»Sie ist schon munter und sitzt mit Papa unten in der Küche. Ich bin mir sicher, dass sie schon ein leckeres Frühstück für dich gezaubert haben.«
Natalie zwinkerte Jasper zu.
»Gezaubert? Aber Mama, der Papa kann doch gar nicht zaubern.«
»Wieso glaubst du, dass er nicht zaubern kann?«
»Na, hast du mal hingeschaut? Sieht er vielleicht aus wie der Zwackelmann, mit Zauberhut und Mantel?«
Natalie war immer wieder erstaunt, wie überdurchschnittlich gut sich Jasper mit seinen reichlich dreieinhalb Jahren auszudrücken wusste, wobei er seine Schwester trotzdem unbelehrbar Rine zu nennen pflegte. Vielleicht war seine Redegewandtheit seiner unstillbaren Gier nach Büchern zu verdanken. Wenn er niemanden fand, der ihm vorlas, wälzte er Bilderbücher und erzählte sich selbst abenteuerliche Geschichten. Johann hatte ihm außerdem gezeigt, wie der Kassettenrekorder zu bedienen war. Seither drangen aus seinem Kinderzimmer regelmäßig Hörspiele, während er im Wust einer ausgekippten Kiste voller Buntstifte auf dem Fußboden hockte und emsig malte. Jasper machte es Natalie und Johann in ihrer Elternrolle leicht. Er war ein umgänglicher Junge, der sich ausnahmslos gut und lange selbst beschäftigen konnte und seit der Geburt seiner kleinen Schwester nur noch freudestrahlend anzutreffen war. Jegliche Befürchtungen, Jasper könnte durch die Existenz eines Geschwisters in Eifersucht verfallen, verpufften wie eine Seifenblase.
An Wochentagen war Johann oft schon auf dem Weg zur Arbeit, wenn Jasper sich aus den Federn schälte. Natalie saß dann bereits in der Küche und hielt einen gequollenen Haferbrei mit geriebenem Apfel für ihren kleinen Mäkelknaben bereit. Jaspers unersättliches Interesse am bunten Leben hielt ihn immerzu von der Nahrungsaufnahme ab. Er hatte verstanden, dass es für sein Wohlsein notwendig war, gelegentlich etwas zu sich zu nehmen. Jedoch beschränkte er sich immerzu auf das Allernötigste, beschwerte sich nicht, brachte dem Essen allerdings auch keine besondere Hingabe entgegen. Natalie hielt eine Tasse dampfenden Fencheltee in den Händen und blickte versonnen zu ihrer fröhlich zappelnden Ariane hinüber, die auf einem Fell im Wohnzimmer lag. Die Wohnküche war geräumig, vom Garten her lichtdurchflutet und in schlichte, helle Möbel gekleidet. Natalie und Johann waren sich immer einig über ihren Einrichtungsstil gewesen. Sie mochten es, wenn alles seine Ordnung hatte, keine ungenutzten Gegenstände herumlagen; und Kunst- oder Dekorationsgegenstände sollten durch die allumfassende Schlichtheit ihren nötigen Geltungsraum bekommen. Dass es mit Jaspers Heranwachsen seinen Anfang nahm, dass sich hier und da häufiger das Spielzeug stapelte, bedurfte einer gewissen Gewöhnungsphase. Die Fronten wurden geklärt, man kam aufeinander zu, indem sich Jasper mit Engelszungen dazu erziehen ließ, seinen Unrat nach dem Spielen wieder in dem dafür vorgesehenen Schränkchen unterzubringen und die Eltern wiederum ihren Ordnungsanspruch auf ein realistisches Maß herunterschraubten.
Im Freundeskreis der Valentins gab es verhältnismäßig wenige Kinder. Im Studium hatten ein paar frühe Vögel Nachwuchs produziert und damit ihre Lebensform entsprechend umkrempeln müssen, weshalb sich die meisten Kontakte mit der Zeit verloren hatten. Anderen war ein steiler Karriereanstieg wichtig gewesen und für Kinder kein Platz im Lebensplan, so wie es sich ja auch bei Natalie und Johann vorerst abgezeichnet hatte. Natalies Mutter Marianne war sicher nicht die einzige älter werdende Dame gewesen, die dieser Prioritätensetzung mit Bedauern zugesehen hatte. Mit Jaspers Geburt war sie schlagartig aufgeblüht und hatte in ihrer Rolle als Großmutter eine neue Bestimmung gefunden. Vor Arianes Geburt verbrachte Jasper mehrere Nachmittage in der Woche bei seiner Oma. Sie spielten, machten Ausflüge und Marianne konnte voller Hingabe aufwendige bayrische Dampfnudeln und Quarkkrapfen für ihren Enkel zubereiten, auch wenn dieser dann nur einen Bruchteil davon vertilgte. Und Natalie und Johann waren in ihrer Geschäftigkeit ungestört und litten nicht unter dem einst befürchteten Gefühl, ihrer Persönlichkeitsentfaltung einen Abbruch zu tun.
Bellas Traumfäden hatten sich allmählich in klare Bilder verwandelt, als Ariane in quäkendes Geschrei ausbrach und ihre Mutter ruckartig aus dem Schlaf riss. Bella sah sich benommen um, rieb sich die Augen und schob die Füße aus dem Bett. Sie erhob sich von der Matratze und wankte zur Wiege, in der sich Ariane strampelnd von ihrem Unwohlsein zu befreien versuchte. Sie schnappte nach Luft, verschluckte sich und krähte sofort weiter. Bella starrte einige Augenblicke lang auf das lärmende Etwas, das sich wahrhaftig dazu erdreistete, sie, kaum hatte sie die Augen zu einem gefühlten Sekundenschlaf geschlossen, mit Lärmen ihrer Nachtruhe zu berauben.
»Warum?«, seufzte Bella. »Warum kannst du nicht einfach schlafen, durchschlafen, wie jeder andere normale Mensch auch …«
Sie hob Ariane aus ihrer Wiege und lief, sich in den Knien wiegend, im Zimmer auf und ab. Sacht presste sie das Baby an ihre Brust und brummte leise eine Radiomelodie in die Dunkelheit. Es fühlte sich endlos an, bis Ariane zur Ruhe kam und nur noch vereinzelte Quietschgeräusche von sich gab. In Bella machte sich sofort Erleichterung breit und sie stellte sich ans Fenster, durch das der runde, klare Mond sein weißgraues Licht warf. Er schien die ganze Nacht zu erleuchten, selbst der begrünte Vorplatz der Hochhauswohnsiedlung war in jeder Einzelheit zu erkennen. Eine Katze trippelte über die Wiese, als sei sie in Eile, um zu ihrer nächtlichen Katzenversammlung zu kommen. Auf der großen Wäschespinne warteten vergessene Laken.
Bella liebte die Nacht. Die Dunkelheit hielt vieles im Verborgenen und eröffnete umso größere Überraschungen. Wenn die Luft sich im Sommer abkühlte und wie ein zarter Film über die Haut legte, überkam Bella ein kitzelndes Glücksgefühl. Sie mochte es, Gerüche und Geräusche stärker wahrzunehmen. Berührungen konnten sie in der Nacht wie ein Blitz durchfahren, weil sie sie buchstäblich nicht kommen sah. Ein kühles Bananenweizen am Flussufer, während über ihr der sternenklare Himmel prangte, stellte das Ultimatum jugendlichen Daseins dar. In einer jener Nächte war auch Ariane unverhofft entstanden. Der September hatte einen kupferfarbenen Altweibersommer beschert und stellte eine ideale Einladung für abendliche Zusammenkünfte der Clique dar. Der Treffpunkt lag hinter zwei dichten Weiden direkt am Flussufer. Die Bäume ließen die Blätter bis zur Erde hängen und verbargen so jede Ungezogenheit vor unerwünschten Beobachtern. Bella lungerte mit ihren Freunden auf Decken herum, das Bier trieb zur Kühlung hinter ein paar zum Damm aufgetürmten Steinen, sie lachten und hörten Musik, es war der hingebungsvolle Genuss des Augenblicks. Janis trug an diesem Abend ein enges T-Shirt mit V-Ausschnitt, wie aufgemalt brachte es seinen jugendlich trainierten Körper zur Geltung. Er hockte sich zu Bella auf die Decke und erkundigte sich über allerlei, er erwies sich als regelrecht redselig. Bella war ein Mädchen, das sich sonst ungern in die Karten schauen ließ. Bei diesem Zusammenkommen jedoch verlor sie jede beherrschende Fassade und zerfloss in Janis’ verlockender Freundlichkeit. Sie wurden bald des zu warm werdenden Bananenweizens überdrüssig und schleiften sich die Decke in ein entlegeneres Eckchen, ein paar Meter entfernt von der Lagerstatt, wo die anderen tranken und feierten. In dem Moment schwebte Bella in den siebten Himmel ihrer Empfindsamkeit und gab sich hin. Als sie ein paar Stunden später allein in ihr heimisches Bett kroch, war der Höhenflug bereits abgeflaut und die zärtliche Romanze fühlte sich an wie ein flüchtiges Zusammenkommen, das im Nachhinein nicht weiter von Bedeutung sein würde.
Während ihr Bauch wuchs, dachte Bella gelegentlich an die Begebenheit im September zurück. Wäre es ihre Pflicht gewesen, Janis zu sagen, dass es seine Saat war, die in ihr aufging? Sie traute sich nicht. In der Berufsschule sah man ihr verstohlen hinterher, aber niemand fragte nach der Vaterschaft und Janis selbst kam nie auf die Idee, diese Wahrheit in Erwägung zu ziehen. Es mochte sein, dass alle Welt dieses junge Gör namens Bella als einfach zu habende Schnalle abstempelten – dieser Ruf war ihr schon oft vorausgeeilt – oder aber es interessierte schlicht und einfach niemanden. Schwangere Mädchen gab es alle Nasen lang und was sollte man sich darüber das Maul zerreißen? Trotzdem, manchmal fühlte Bella sich in eine Schublade gesteckt, als stünde auf ihrer Stirn: Ich konnte nicht richtig aufpassen.
Patty hingegen verlor niemals auch nur ein Wort eines spöttischen Kommentars. Sie hatte über die Schwangerschaft nicht vor Freude in die Hände geklatscht, da sie wusste, wie schwer es sein konnte, ein Kind großzuziehen, und so griff sie ihrer Tochter mit allen Mitteln, die sie aufbringen konnte, unter die Arme. Bella schöpfte aus der sich intensivierenden Mutter-Tochter-Beziehung eine stärkende Kraft, die ihr half, der uferlos scheinenden Aufgabe des Mutterseins mutiger entgegenzublicken.
Dina war seit eh und je der Spaßvogel der Familie. Ein leichtfüßiges Wesen, das mit unbeschwerter Fröhlichkeit durchs Leben ging. Sie konnte ihrer Schwester die Tragik der Lage durch Optimismus und Scherze versüßen und stellte dadurch einen elementaren Stützpfeiler in Bellas Leben dar. Umso schmerzlicher war es, als Dina im vergangenen Februar auf Janis traf. Früher hatte jede der beiden Schwestern ihr unbeobachtetes Auftreten in einem isolierten Freundeskreis genossen, was damals auch eine Frage des Altersunterschieds gewesen war. Mittlerweile hatte auch Dina frauliche Züge angenommen, die ihr ein Gefühl von Erwachsensein vermittelten. Die Trennlinie der Bekanntheitskreise begann zu verschwimmen. Janis und Dina begegneten sich bei irgendeiner schmuddeligen Homeparty und sie waren sofort Feuer und Flamme füreinander. Als Dina später beteuerte, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei ihrem neuen Schwarm um den Janis handelte, konnte Bella nur den Kopf schütteln.
»Jetzt kann ich die Gefühle nicht mehr zurückschrauben«, sagte Dina mit hochgezogenen Augenbrauen. »Unsere Begegnung hat sich absolut schicksalshaft angefühlt.«
In ihrer Stimme lag etwas Altkluges, als müsse sie ihr Rollenbild durch pseudo-gereiftes Geschwafel neu definieren. Bella wurde von einem Brechreiz überwältigt, der nicht im Mindesten mit ihrer Schwangerschaft zu tun hatte.
»Sorry, Schwesterherz, aber du hast dich nach eurem kleinen Techtelmechtel ja nun auch nicht gerade ins Zeug gelegt, dass aus euch noch was hätte werden können«, legte Dina weiter Holz ins Feuer.
In diesem Augenblick konnte Bella ihre Schwester nur hassen. Hinter ihrem Mund baute sich eine geballte Front aus Wut und Ekel auf.
»Du Dreckstück. Du bist echt das Allerletzte, Dina. Ich dachte immer, zwischen uns als Schwestern würde so was wie ein Ehrenkodex sein oder wie das heißt, aber nee, du kannst nicht mal von dem Vater von meinem Baby die Finger lassen. Du nimmst echt alles mit, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Soll ich deinem tollen Janis mal erzählen, für wen du alles im Dezember geschwärmt hast? Vielleicht von diesem Verbrecher-Heini, der jetzt wegen schwerer Körperverletzung im Kahn gelandet ist? Das wäre doch mal eine spannende Geschichte … Mann, nicht mal ich habe mich dermaßen rumgetrieben, als ich so alt war wie du …«
Dina stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und verzog keine Miene. In all den Jahren hatte es zwischen ihnen unzählige haarsträubende Auseinandersetzungen gegeben, aber das hier übertraf jegliche Messlatte des Unverzeihlichen. Die Gemeinheiten ihrer walrossartig aufgeblähten, großen Schwester konnten der lebensfrohen Dina nichts anhaben. Im Rausche ihrer Verliebtheit war sie gewissermaßen unantastbar, sie fühlte sich wunderschön und begehrt. Sie konnte mit ihrer sportlichen Figur und ihrem golden wallenden Haar jeden rumkriegen, das war ein Kinderspiel. Ihre kugelrunde Schwester hingegen würde noch etliche Workouts einlegen müssen, um wieder in Form zu kommen. Endlich war Dina nicht mehr das kleine, unbedeutende Schwesterchen. Sie begriff, dass sie ihren eigenen Weg hatte. Endlich war sie überlegen, endlich konnte sie zeigen, was sie aus sich zu machen gedachte.
Das traute Familienglück schipperte gemütlich vor sich hin und so verstrichen Wochen und Monate. Ariane entwickelte sich zu einem liebevoll umsorgten Kind, das sich gern auf ein Schläfchen in Papas Armen einließ oder wonnevoll auf ihrem Fell im Wohnzimmer lag und dem tänzelnden Treiben der Plüschtiere zusah, die Jasper wie in einem Puppentheater über ihrem Gesicht schwenkte. Natalie fühlte sich wieder kraftvoll. Während der letzten Monate hatte sie viel Zeit in Ruhe verbringen können. Die pflegeleichten Kinder hatten ihr keine übermäßigen Anstrengungen abverlangt und mit der Zeit keimte in ihr neuer Tatendrang. Sie vereinbarte mit ihrer gynäkologischen Vertretung einen Arbeitsplan, durch den sie dreimal wöchentlich ein paar Vormittagsstunden in der Praxis eingeteilt war. Es erfüllte sie, wieder Arbeitsluft zu schnuppern und ihren Patientinnen ein lebendes Vorbild zu sein, dass man sich auch als Mutter in die Beschaffung des familiären Lebensunterhalts einbringen konnte. Dass Jasper und Ariane nicht unbedingt das Maß der Dinge darstellten, vergaß Natalie dabei gern. Während der Arbeit erlangte sie schnell ihren alten Ehrgeiz und ihre manchmal etwas zu forsche Konsequenz zurück. Zwar pflegte sie einen korrekten Umgang mit den angestellten Schwestern, hielt es in der momentanen Situation aber für wichtig, eindeutig klarzustellen, wer die Chefin des Ladens war. Dementsprechend demonstrativ kehrte sie gelegentlich die gebildete Ärztin heraus, selbst wenn sie von ihren Mitarbeiterinnen allemal respektiert wurde und sie ihr den raschen beruflichen Wiedereinstieg hoch anrechneten.
Marianne strahlte über beide Ohren, wenn sie Natalie an jenen Morgen die Haustürklinke in die Hand gab und sich dann liebevoll auf die Kinder stürzen konnte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte Natalie auch sofort wieder Vollzeit in der Praxis einsteigen können.
Johann brachte seinen Beruf thematisch niemals mit nach Hause. Er tat, was ein Jurist eben zu tun hatte, doch verschwanden die Einzelheiten seines Arbeitsalltags konsequent in seinen Schreibtischschubläden, bevor er sein Jackett überzog und mit dem tannengrünen Ford Mustang zurück zu seiner Familie brauste. Das Auto war sein ganzer Stolz. Er hatte es verhältnismäßig günstig von einem entfernten Bekannten ergattert und damit einen jahrelangen Traum in Wirklichkeit verwandelt. Johanns Onkel hatte ihn in jungen Jahren gelegentlich in die Garage entführt und mit ihm an Vergasern und Bremsschläuchen herummontiert. Die einschlägigen technischen Prägungen waren tief in Johanns Gedächtnis verwurzelt und als er zum Studieren nach Leipzig ging, stellten Automagazine und Schraubarbeiten mit seinem damaligen Busenfreund Maik eine willkommene Abwechslung zu zermürbenden Prüfungsvorbereitungen dar. So brachte es Johann zu einer gewissen Fertigkeit, mit der er sich heute in größer werdenden Abständen unter den Ford Mustang legte, wenn mal ein Lager zu klappern begann oder die Bremsklötzer zu wechseln waren. Natalie amüsierte sich, wenn er nach seinen ausgiebigen Reparaturarbeiten in der Hauseinfahrt ölverschmiert in die Küche kam und ihr neckisch am Hals knabberte. Sein technisch-handwerkliches Hobby schien ihr im krassen Gegensatz zu seinem sonst so streng geordneten Leben zu stehen und irgendwie passte es nicht zu ihm. Für Johann war es Ausbruch aus dem Alltagstrott und bot ihm die Möglichkeit, sich gehenzulassen. Niemand beobachtete oder bewertete ihn während des Werkelns am Auto und er schöpfte Kraft daraus. Energie für eine nächste Woche, für einen nächsten Monat, in dem ihm wieder wichtig sein würde, dass die Wiese im Garten nicht zu hoch wuchs und Jasper seine Bücher ordnungsgemäß im Schränkchen neben dem Fernseher verstaute.
Die Freundschaft zu Maik stellte in Johanns Lebenslauf eine für sich schwebende Blase dar. Sie waren sich vor Jahren in einer Bar begegnet, während eines Ausflugs durchs Leipziger Nachtleben. Johann war umringt von Jura-Studierenden und als er am Tresen mit Maik bekannt wurde, ging er selbstverständlich davon aus, dass Maik einer der anderen Erstsemestler war, die ihm bisher noch nicht über den Weg gelaufen waren. Er musste deshalb sein Erstaunen verstecken, als Maik ihm erzählte, dass er als Tischler in einem Holzbetrieb arbeitete und gelegentlich in einer nah gelegenen Autowerkstatt aushalf, wenn Personalbedarf bestand. Maiks Welt stellte für Johann das Eintauchen in einen fremden Ozean dar. Er fühlte sich wie elektrisiert und verbrachte von da an nahezu jedes Wochenende in einer Laube am Stadtrand mit ihm. Wo andere Gemüse und Rosenbüsche pflanzten, türmten sich bei Maik die Ersatzteile und stellten ein Bastelparadies für zu groß geratene Jungs dar. Maik zeigte Johann, wie man einen Zylinderkopf wechselte, dass man Metallteile über Nacht in Cola legen musste, um sie richtig zu reinigen und wie man die Funktionsweise der Magnetspule zu prüfen hatte, wenn der Wagen nicht anspringen wollte. Johann sog jedes Detail wie ein Schwamm in sich auf und nebenbei sei erwähnt, dass er die Cola-Büchsen von da an auf jeder Party unberührt ließ. Zum großen Erstaunen seiner Studienkollegen, die hinter vorgehaltener Hand munkelten, Johann habe sich eine Wochenendliebschaft zugelegt.
