11,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 19,99 €
Voller Vorfreude bricht die Familie Stevens an die englische Südküste auf, mit sorgsam gepacktem Koffer und diesem wunderbar freien Gefühl im Bauch, wenn der Urlaub beginnt. Die geliebte Pension ist ein wenig in die Jahre gekommen, aber irgendetwas sagt Mr Stevens, dass diese Ferien die schönsten werden, die sie je hatten. Und so lassen sie sich verführen: vom Geflatter des Drachens und Cricket im warmen Sand, von einem behaglichen Glas Port und der erleuchteten Promenade am Abend. Und jeden Tag wieder lockt das Meer, das so sehr glitzert, dass man es vor Glück kaum fassen kann. Die Familie Stevens besitzt die Fähigkeit, das Dunklere, das jeder in sich trägt, zu verwandeln und die verborgene Größe des Selbstverständlichen zu genießen. Sie nimmt uns mit in einen unvergesslichen Sommer.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2023
Endlich ist der lang ersehnte Sommerurlaub da: Die Familie Stevens lässt sich verführen vom Geflatter des Drachens und Cricket im warmen Sand, vom unfassbar glitzernden Meer und von der erleuchteten Promenade am Abend. Gemeinsam genießen sie die verborgene Größe des Selbstverständlichen und nehmen uns mit in einen unvergesslichen Sommer.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
R. C. Sherriff (1896–1975) war Schriftsteller, Drehbuchautor und Versicherungsbeamter. Nach seinem Dienst im Ersten Weltkrieg studierte er in Oxford. Seine Romane, Theaterstücke und Filmskripte, in denen er auch seine Erfahrungen an der Front verarbeitete, wurden mehrfach ausgezeichnet.
Zur Webseite von R. C. Sherriff.
Karl-Heinz Ott (*1957) ist Schriftsteller, Dramaturg, Übersetzer und Herausgeber. Er studierte Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und dem Joseph-Breitbach-Preis. Er lebt in Baden.
Zur Webseite von Karl-Heinz Ott.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
R. C. Sherriff
Zwei Wochen am Meer
Roman
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Karl-Heinz Ott
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
Die Originalausgabe erschien 1931 im Verlag Victor Gollancz, London
Lektorat: Patricia Reimann
Originaltitel: The Fortnight in September
© by R. C. Sherriff 1931
© by Unionsverlag, Zürich 2023
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Eugene Boudin, Deauville (1893); Steve Vidler (Alamy Stock Foto)
Umschlaggestaltung: Peter Löffelholz
ISBN 978-3-293-31146-6
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 25.05.2023, 11:42h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
ZWEI WOCHEN AM MEER
1 – Wenn an regnerischen Tagen die Wolken bei Westwind …2 – Und nun«, erklärte Mr Stevens, während er seinen …3 – Der Garten zeigte sich in der Dämmerung von …4 – Mr Stevens lag schon eine Weile wach im …5 – Mary hoffte, dass keiner der Nachbarn sah …6 – Mr Stevens, Dick und Ernie liefen voraus …7 – Der Zug nahm an Fahrt auf, und schon …8 – Clapham Junction ist überhaupt kein Problem, sofern man …9 – Auch Mrs Stevens schlug nun ihre Zeitschrift auf …10 – Weil Mr Stevens wusste, dass seine Frau schnarchte …11 – Seine langjährige Erfahrung mit den Fahrten nach Bognor …12 – Selbst wenn man mit verbundenen Augen im Bahnhof …13 – Wir hatten einen furchtbar kalten Juni, gleich nach …14 – Mr und Mrs Stevens hatten das große Doppelzimmer …15 – Ernie schlief beim Abendessen immer wieder ein …16 – Am Sonntagmorgen sahen in Bognor nur zwei Fischer …17 – Leute, die alles gern im Voraus planen …18 – Es wäre übertrieben zu behaupten, die andern hätten …19 – Ihr werdet’s kaum glauben«, sagte Mr Stevens …20 – Als in den frühen Tagen des Kinos noch …21 – Am Sonntagmorgen war die bedrückende Stimmung, die Mr …22 – Die andern waren bereits vom Schwimmen zurück …23 – Im Laufe des Nachmittags geschah nochmals etwas Unvorhersehbares …24 – Mit dem kalten Abendessen war man recht schnell …25 – Sie gingen Richtung Promenade, wo die Luft besser …26 – Der zweite und damit letzte Montag der Ferien …27 – Immer wieder drehten sich Leute nach dem Wagen …28 – Zum Bühneneingang kam man durch einen schmalen …29 – Hätte jemand aus der Familie Mrs Stevens überraschend …30 – Da die Sache mit dem zusätzlichen Tag genau …31 – Mary wusste, dass Pat unten an der Straße …32 – Also, auf Wiedersehen, Rosie. Auf Wiedersehen, Joe …33 – Es war genau eins, als Mr Stevens einen … – Die leisen Dramen schöner gemeinsamer TageWiederentdeckungWirklichkeit und inneres AugeNach Hollywood und zurückDank des ÜbersetzersMehr über dieses Buch
Über R. C. Sherriff
Über Karl-Heinz Ott
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Zum Thema England
Zum Thema Meer
Zum Thema Natur
Wenn an regnerischen Tagen die Wolken bei Westwind dahintrieben, zeigten sich drüben, über dem Bahndamm, zur Gartenseite hin die ersten Schönwetterboten. Immer, wenn Mrs Stevens sich nach einem helleren Himmel sehnte, schaute sie zur Seitentür hinaus um die Ecke, in der Hoffnung, am Horizont hinterm Damm würde sich ein Lichtstreif zeigen.
Dieser nach rechts und links sich ins Endlose erstreckende Damm teilte für Mrs Stevens die Welt. Auf ihrer Seite lag Dulwich, ihr Zuhause: lange, freundliche Straßen, und hier und da ein Haus, in dem sie die Leute kannte. Auch ragte auf ihrer Seite, eine halbe Meile weiter, über den Dächern der Kristallpalast auf, der während herbstlicher Sonnenuntergänge immer wieder golden zu ihnen herüberfunkelte. Dahinter lag das freie Land – Bäume mit grüner Heide. Dorthin waren sie mit Dick und Mary, als sie noch kleiner waren, regelmäßig zum Picknicken gegangen.
Drüben, über dem Bahndamm, lag die andere Hälfte von Mrs Stevens’ Welt – jene Hälfte, die sie kaum kannte: Herne Hill, Camberwell und die Lichter von London, die bei bedecktem Himmel an Schwefelkerzen in dunklen, frei gewordenen Krankenzimmern erinnerten und in klaren Nächten immer ein bisschen den tiefblauen Sternenhimmel verwischten.
Am Ende der Corunna Road führte ein asphaltierter Fußweg unterm Damm hindurch auf die andere Seite. In diesen anderen Teil der Welt drang Mrs Stevens nur selten vor. Ihre Einkäufe erledigte sie in Dulwich, hier kannte man sie. An schönen Samstagnachmittagen zog es sie immer in die südliche Ecke Richtung Bromley zu den Wiesen und Feldern hinaus.
Obwohl sie schon seit ihrer Hochzeit vor zwanzig Jahren in der Corunna Road 22 wohnte, besaß Mrs Stevens keine wirkliche Vorstellung von dem, was gleich hinter ihrem Garten begann – drüben, jenseits des Bahndamms.
Manchmal, wenn sie alle im Zug vorbeifuhren, versuchte sie, es herauszukriegen. Weil der Zug aber immer voll war, konnte sie nicht einfach von Fenster zu Fenster rennen, um einen Blick auf beide Seiten zu erhaschen, wenn ihr Haus auftauchte. Und deshalb gelang es ihr nie, das Mysterium der anderen Seite zu ergründen. Allerdings fiel ihr jedes Mal etwas auf, was sie mit Stolz erfüllte. Während der Zug nämlich über den Damm ratterte, zogen an ihren Augen dreißig Gärten vorbei: jene dreißig von der Corunna Road mit den geraden Hausnummern. Kein einziger sah so herrlich aus wie der Garten der Nummer 22, mit seinem kurz geschorenen Rasen, den akkurat eingefassten Beeten und seinem Flieder. Nur bei der Nr. 22 lagen keine kaputten Ziegelsteine oder alte Putzkübel auf dem Dach des Geräteschuppens herum.
Heute, an diesem nassen Septembernachmittag, sah ihr Garten allerdings trüb und traurig aus. Schon in der Früh hatte es angefangen zu regnen; als sie kurz nach elf aus der Metzgerei kam, goss es in Strömen; und jetzt, um fünf, füllte ein leiser, lustloser Regen die Löcher auf den Gehsteigen. Sie war bedrückt und alles andere als glücklich. Seit je verbrachte die ganze Familie den Abend, bevor es in die Ferien ging, gemeinsam daheim, und immer herrschte eine festliche Stimmung. Weil es, als Dick und Mary noch klein waren, dabei fast so schön war wie an Heiligabend, hatten sie oft das Gefühl, der Höhepunkt der Ferien sei bereits erreicht, obwohl man daheimsaß und das Meer noch sechzig Meilen entfernt war.
Dennoch lockte an diesen Abenden immer das Meer. Wenn Mr Stevens nach dem Essen durch den Garten schlenderte, konnte er fast schon das Salz in der Luft riechen. An diesen Abenden vor der Abreise ging Mr Stevens meist länger als sonst im Garten auf und ab. Der Büroalltag lag hinter ihm, der Deckel seines Schreibtischs blieb vierzehn herrliche Tage lang zugeklappt, er konnte sich dem Gefühl hingeben, die Ferien hätten schon jetzt begonnen. Auf dem kleinen Rasen weitete sich im Dämmerlicht seine Brust, und er hielt seine Nase schnuppernd in die frische Luft. Danach ging er in sein Schlafzimmer und legte sich die Kleider zurecht, die er am Meer tragen würde: seine graue Flanellhose, die Sportjacke, die festen braunen Schuhe und die weiche Schirmmütze aus Tweed – auch wenn er sie nur selten aufsetzte. Zwei Wochen lang durfte sein schütteres braunes Haar nun unter der Sonne im Wind wehen.
Mrs Stevens schaute noch mal hinaus. Würde doch bloß dieser Regen aufhören! Es wäre kein guter Ferienanfang, wenn er ihnen diesen ersten Abend stahl; einen Abend, der auch deshalb so schön war, weil er gleichsam stibitzt wurde, denn offiziell gehörte er noch gar nicht zum Urlaub.
Außerdem gab es an diesem Abend immer etwas Besonderes zu essen. Dieses Jahr war es Siedfleisch, womit man auch noch gut die Sandwiches für die Zugfahrt belegen konnte. Zudem stand dann kein großer Abwasch an, dadurch blieb Zeit fürs Packen. Und danach gab es Apfeltaschen, Mr Stevens’ Lieblingsnachtisch.
Es war jetzt kurz nach fünf. In einer Stunde würden alle sich auf den Weg nach Hause begeben. Als Erster Mr Stevens (er verließ das Büro an diesem speziellen Abend immer äußerst pünktlich), dann Dick und als Letzte Mary. Gegen sieben würden sie alle hier sein. Was aber, wenn es die ganzen zwei Wochen regnete? Einmal war es so gewesen, vor Jahren. Nie wird sie den Abend vergessen, als sie vom Bahnhof in der Dämmerung die Corunna Road hinaufgestapft waren, durch endlosen Regen; Dick mit dem Eimer, den er fast nie benutzt hatte, und seinem kleinen tropfnassen Spaten.
Diesmal würde es nicht so sein; es durfte einfach nicht sein. Sie betete, es möge aufklaren. Was dann auch tatsächlich erhört wurde. Als sie nämlich durch die Küchentür um die Ecke spähte, fing es bereits an, heller zu werden. Der Kiesweg glitzerte, die Pfützen füllten sich kaum noch, und drüben, über dem Damm, drang ein winziger Streifen Blau durch die schweren Wolken.
Auf dem Weg zurück in die Küche fühlte sie sich schon ein bisschen erleichtert. Alles würde gut werden.
Hätte man Mrs Stevens gefragt, warum sie das alles so glücklich machte, hätte sie es unmöglich erklären können. Sie hätte sich nicht getraut zu sagen: »Weil dann auch die andern glücklich sind«; es hätte zu edelmütig geklungen und zu albern. Hätte man sie gefragt: »Genießen Sie Ihren Urlaub?«, wäre sie dieser Frage ausgewichen. Allerdings stellte sie auch keiner. Keiner hatte das je von ihr wissen wollen. Die Familie ging davon aus, dass es schlicht so war, während ihre Bekannten sich mit der Frage begnügten: »War’s schön?«, worauf sie seit zwanzig Jahren »Wunderbar« antwortete.
Schon immer waren sie nach Bognor gefahren, von Anfang an, seit ihren Flitterwochen, wo ihre blassen Augen zum ersten Mal das Meer erblickt hatten. Ihr Vater hatte eine Schwester, die auf einer Farm lebte, und weil er nichts hielt von Ferien, schickte er seine Kinder jedes Jahr zu ihr, so lange, bis seine Tochter ihren Mann kennengelernt und geheiratet hatte.
Seit Mrs Stevens denken konnte, hatte sie Angst vor dem Meer – und noch heute war es so. Am meisten fürchtete sie sich, wenn es totenstill dalag. Etwas in ihr erschauderte vor dieser riesigen glatten, glibberigen Fläche, die sich zu einem Nichts weitete, das sie schwindeln machte. In ihren Flitterwochen hatten sie bei Mr und Mrs Huggett ein Zimmer in der St. Matthew’s Road gemietet, in einem Haus, das den Namen »Seaview« trug, weil man vom Toilettenfenster die Spitze eines Laternenmasts am Ufer erkennen konnte.
Sie hatten auf eine Anzeige geantwortet und mussten feststellen, dass Mr und Mrs Huggett ein seltsam ungleiches Paar waren. Mr Huggett war korpulent und jovial. Er war Kammerdiener eines Mannes gewesen, der ihm ein bisschen Geld hinterlassen hatte, mit dem er das »Seaview« erwarb. Er war umgänglich, ein bisschen bevormundend und trank. Mrs Huggett war dünn und peinlich darauf bedacht, einem in jeder Hinsicht gefällig zu sein. Die beiden hatten ein kleines, pummeliges, krummbeiniges, rothaariges Dienstmädchen mit Namen Molly, das ihnen in all den Jahren treu geblieben war.
Weil das Haus sich in einem tadellosen Zustand befand und alles blitzsauber war, hatten die Stevensens sich im nächsten Jahr wieder dort eingemietet – was nun schon seit zwanzig Jahren so ging, immer im September, bei Regen, Hitze, Kälte oder Sonne.
Oft hatten sie überlegt, ob man nicht auch einmal woanders hingehen könnte, nach Brighton, Bexhill oder vielleicht sogar Lowestoft. Doch Bognor blieb am Ende immer der Sieger. Die Verbindung war mit jedem Jahr enger geworden, alles dort war einem vertraut: die Räume, die ihnen zur Verfügung standen, der Tintenfleck auf der Tischdecke im Speisezimmer, den Dick als kleiner Junge hinterlassen hatte; das kleine Kunstwerk aus Muscheln, das Mary auf einen Karton geklebt und am Ende der Ferien Mrs Huggett geschenkt hatte, und das jedes Mal im Speisezimmer auf dem Kaminsims prangte, wenn sie wiederkamen. Auf dem Treppenabsatz stand die ausgestopfte Seebarbe, der sie den Namen Mister Richards gegeben hatten, weil sie aussah wie ein früherer Milchmann in Dulwich – samt vieler anderer kleiner Dinge, die sie mit Bognor verbanden und von denen man sich nur schwer hätte trennen können.
Allerdings hatte das »Seaview« sich im Laufe der Jahre verändert, zwar nur langsam, aber unaufhaltsam. Mr Huggett, der früher aussah wie eine dralle Pflaume, war immer mehr zusammengeschrumpft. Seine hochroten Wangen verloren ihre Farbe, übrig blieb ein Netz winziger violetter Äderchen. In einem September hatten die Stevensens feststellen müssen, dass seine Finger ganz dünn geworden waren, an ihren Knöcheln die Haut nur noch schlaff herabhing und seine Hand zitterte, als er die Quittung unterschrieb.
In den Jahren danach kam Mrs Huggett immer einmal abends, wenn die Kinder im Bett lagen, zu ihnen ins Speisezimmer und erzählte im Flüsterton und mit ständigen bangen Blicken zur Tür, was für einen entsetzlichen Winter ihr Mann wieder hinter sich hatte. Er musste die ganze Zeit liegen, mit Bronchitis und anderen Beschwerden, bei denen man oft nicht einmal wusste, was es war, und was auch Mrs Huggett nur schwer beschreiben konnte.
Jedes Jahr wurden ihre Berichte länger und schlimmer, bis die Stevensens eines Tages an Ostern einen schwarz umrandeten Brief erhielten. Er kam von Mrs Huggett, mit der Nachricht, ihr Mann sei am vergangenen Dienstagabend um zehn Uhr verstorben.
Im September danach trafen sie Mrs Huggett in Schwarz an. Sie erzählte ihnen, wie wild die Nacht gewesen war, als ihr Mann starb; wie das Meer gebrüllt habe und Schneeflocken auf der Straße herumgewirbelt seien. Obwohl sie behauptete, der Tod sei für ihn eine Erlösung gewesen, hatte sie seit diesem Tag Trauer getragen.
Gegen Ende war Mr Huggett im Haushalt keine große Hilfe mehr gewesen. Seine einzige wirkliche Arbeit – das Auswechseln der Glühbirnen – hatte er schon vor Jahren aufgeben müssen, weil ihm beim Hinaufschauen schwindlig wurde. Was freilich nichts daran änderte, dass der Partner ihrer Landlady nun dahingegangen und sie in diesem langen Winter erstmals allein war.
In den Jahren danach hatten die Stevensens noch nicht wirklich bemerkt, wie sehr mit dem »Seaview« etwas nicht mehr stimmte. Mrs Huggett tat wie immer alles, um es ihnen in jeder Hinsicht so recht zu machen wie nur möglich. Und obwohl auch Molly den ganzen Tag auf den Beinen zu sein schien, war irgendetwas anders. Jedes Jahr eine andere Kleinigkeit. Schon seit ein paar Jahren hing der Stöpsel von der Badewanne nicht mehr an seiner Kette; man hatte ihn auch nie wieder drangemacht, er lag bloß noch in der Wanne herum. Auch die Bettwäsche wurde von Jahr zu Jahr spröder und fadenscheiniger, und zwar so sehr, dass Mr Stevens eines Nachts sein Laken mit einem spitzen Zehennagel aufschlitzte, von unten bis zur Mitte, was jede Nacht, wenn er sich zudeckte, schlimmer wurde, wie immer er es auch anstellte.
Die Stevensens beschwerten sich nie und wiesen nie auf solche Dinge hin. Ihre jahrelange Verbundenheit mit dem »Seaview«, ihre Angst, Mrs Huggett wehzutun, und vielleicht auch ein wenig ihr Mitleid ließen sie über dergleichen hinwegsehen. Im Übrigen waren sie ohnehin den ganzen Tag draußen an der frischen Luft.
Für Mrs Stevens war das »Seaview« noch das Geringste, was sie in diesen zwei Wochen bekümmerte und bedrückte. Sie verachtete sich dafür, dass sie all das nicht so genießen konnte wie die andern. Sie litt darunter, dass sie so tat, als würde auch sie sich dort wohlfühlen, was aber alles andere als der Wahrheit entsprach und glattweg gelogen war. Als Dick mit ungefähr vierzehn einmal im Sand buddelte – mit hochgekrempelten Hosen und braun gebrannten Beinen –, kam er plötzlich auf sie zugerannt und rief: »Es ist so toll, Mum!«, worauf auch sie »Toll« sagte und lächelte, sich aber hasste für diese Lüge.
Nur die Flitterwochen waren schön gewesen. Aber mit den Kindern sollten ihr diese vierzehn Tage zur Last werden – wenn nicht gar zum Albtraum. Daheim gehörten die Kinder ganz ihr. Sie liebten sie und kamen mit allem zu ihr. In Bognor entfernten sie sich irgendwie von ihr und wurden anders. Planschte sie im Wasser, fingen sie an zu kichern. Es sehe komisch aus, sagten sie. Daheim lachten sie nie über sie.
In jüngeren Jahren hatte sie noch versucht, mit ihnen am Strand Cricket zu spielen, doch sie war nicht gemacht für solche kräftigen Bälle und konnte sich, um sie zu stoppen, nicht geschwind genug bücken. Wenn dann alle lachten, zog sie sich meist schnell in ihren Liegestuhl zurück und versteckte sich hinter einer Zeitschrift, nur dass dann die Sonne so heftig auf sie herabbrannte, dass sie Kopfweh bekam.
Am schlimmsten aber war die Fahrt dorthin. Auch wenn mit zunehmendem Alter der Kinder alles leichter zu werden schien, konnte sie ihre Angst vor Clapham Junction, wo man umsteigen musste, nie überwinden.
Das Geratter der Gepäckträger, die falschen Bahnsteige, das schrille Quietschen der Züge, ihr plötzlich verschwundener Mann, der einmal nach dem Fahrkartenkauf einen verkehrten Ausgang nahm, das alles war für sie die Hölle: die schweißtreibende Hölle von Clapham Junction, mit Teufeln, die Schirmmützen trugen.
Bedeutete Clapham Junction den Gipfel panischer Angst, so erforderte die Fahrt im Zug ein Höchstmaß an Geduld. Jedes Mal, wenn sie wegfuhren, waren die Waggons am ersten Samstag im September überfüllt. Einmal fiel sogar jemand in Ohnmacht und rief mit ersterbender Stimme, man solle das Fenster herunterlassen. Ein andermal hatte vor ein paar Jahren eine Dame wenige Sitze weiter eine Art Anfall bekommen und mit ihren Absätzen unter entsetzlichem Gestöhn auf den Boden getrommelt. Vor Schreck war Mrs Stevens zu Stein erstarrt. Dieser Vorfall verfolgt sie in ihren Träumen bis heute. Seither glaubt sie, die Gesichter der Mitreisenden schon beim Einsteigen in den Zug ganz genau studieren zu müssen, in der hoffnungslosen Hoffnung, alle würden einen gesunden Eindruck machen. Sah jemand bleich aus und irgendwie nicht stabil, versuchte sie, sich an einen Platz zu setzen, von dem aus man diese Person nicht sehen konnte. Aber auch dafür verachtete sie sich.
Eine Sorge jedoch war sie immerhin los, seit die Kinder größer waren. Mary war nämlich als Kind im Zug immer schlecht geworden, und zwar mit schöner Regelmäßigkeit gleich in der Kurve hinter Dorking. Mal hatte Mrs Stevens es mit Nahrungsentzug zu verhindern versucht, mal mit scharfen Pfefferminzbonbons, immer jedoch ohne Erfolg. Schließlich hatte sie von ihrer Nachbarin, Mrs Jack, bei deren kleiner Ada es genauso war, den Tipp bekommen, auf Bahnfahrten immer zwei oder drei Papiertüten in der Tasche zu haben, die man dann ganz schnell hervorziehen, mühelos hinhalten und problemlos zum Fenster hinauswerfen konnte. Mrs Jack hatte darin eine derartige Geschicklichkeit entwickelt, dass sie sich sogar damit brüstete, das Ganze erledigt zu haben, noch bevor ihre verblüfften Mitreisenden überhaupt mitbekamen, was passiert war.
Trotzdem hasste Mrs Stevens diese Fahrten. Sie war auch noch nie eine Leserin gewesen. Es gelang ihr einfach nicht, sich in einem Buch zu verlieren oder in einer Zeitschrift. Während der Fahrt musste sie immer zwanghaft auf das Gepäcknetz starren und auf diese seltsame rote Schnur, von der man nicht wusste, wozu sie gut war.
Doch jetzt, während sie das Abendessen herrichtete, den Deckel vom Topf nahm und das siedende Rindfleisch aufspießte, machte nicht nur die unverhoffte Abendsonne sie glücklich, sondern auch der Gedanke, dass die Ferien den andern so viel Freude bereiteten. Sie freute sich so sehr auf ihr Kommen, als könnte sie die Abreise morgen früh kaum erwarten, obwohl es ihr widerstrebte, das Haus ausgerechnet in dem Augenblick zu verlassen, wo man einen Abend lang eine Ahnung davon bekam, was Freiheit bedeutete.
Dass sie in diesem Jahr nicht ganz so widerwillig in die Ferien aufbrach wie sonst, hatte einen bestimmten Grund. Dick und Mary waren inzwischen so gut wie erwachsen. Dick war siebzehn und Mary fast zwanzig. Ein-, zweimal hatte Dick letztes Jahr vage etwas von einem Campingurlaub mit Freunden angedeutet und Mary von den lustigen Tagen erzählt, die ein paar Mädchen aus ihrem Geschäft auf einer Farm verbracht hatten.
Inzwischen gingen Dick und Mary abends auch öfter aus. Wie zum Beispiel am Donnerstag zum Tanz in die St. John’s Hall und dergleichen mehr. Nachdem es daheim seit einiger Zeit nicht mehr ganz so war wie früher, konnten die Ferien sie wieder zusammenschweißen, schließlich ging dort nicht jeder seiner eigenen Wege. Letztes Jahr war Dick noch zur Schule gegangen, jetzt ging er bereits arbeiten. Allzu glücklich schien er mit seiner Arbeit allerdings nicht. Die Ferien würden ihm guttun und ihm vielleicht einen Ausgleich verschaffen. Nur Ernie, der Dritte und Jüngste, ging noch zur Schule; er war erst zehn. Auch wenn es ihm nicht bewusst war, so hatte er in den letzten beiden Jahren mit seiner Fröhlichkeit und Herumtollerei am meisten dazu beigetragen, dass Ferienstimmung aufkam.
Zum Glück hatten sich die Andeutungen von wegen getrennter Ferien in Luft aufgelöst; jedenfalls war an dem Tag, als man die Zimmer buchen musste, von solchen Sachen keine Rede mehr. Seit er angefangen hatte zu arbeiten, schien Dick sich mehr denn je auf Bognor zu freuen – was Mrs Stevens ein wenig sonderbar vorkam.
Der Regen hatte jetzt aufgehört, die Sonne schien. Mrs Stevens zog das Tischtuch aus der Küchenschublade und ging damit ins Esszimmer.
Ernie, der unbedingt draußen sein wollte, spielte mit einem Tennisball, den er gegen die Wand schlug.
»Du kriegst nasse Füße«, rief Mrs Stevens.
»Es ist trocken«, schrie Ernie.
Um sechs Uhr hallten die Glocken der St. John’s Church durch die Straße. Die andern würden nun bald zu Hause sein. Zum Glück hatten sie alle zur gleichen Zeit Urlaub bekommen. Man konnte nur hoffen, dass es die zwei nächsten Wochen schön bleiben und alle ihren Spaß haben würden, so wie bisher immer.
Und nun«, erklärte Mr Stevens, während er seinen Stuhl heranzog, »die Marschordnung.«
Das Abendessen war vorbei. Mrs Stevens und Mary waren mit dem Abräumen fertig. Der Abwasch konnte noch warten.
Der Begriff »Marschordnung« gehörte in diesem Haus zu den Witzworten. Genau genommen hörte sich allerdings nur dieses Wort witzig an, die Sache selbst war durchaus ernst. Es gab eine Menge zu tun, bevor man das Haus für zwei Wochen verlassen konnte; nur wenn alle zusammen die vielen anstehenden Dinge methodisch erledigten, konnte man fahren, ohne noch in letzter Minute in eine heillose Hetze zu geraten.
Mr Stevens zog ein Blatt Papier hervor, eng beschrieben, mit einem Stift. Es handelte sich um das Resultat jahrelang angehäufter, immer wieder durchdachter Erfahrungen, die sich ihren vielen Ferien verdankten und zu einer derart ausgefeilten Planung geführt hatten, dass es perfekter nicht mehr ging. Gelegentlich lieh man dieses Papier sogar Freunden aus.
Mr Stevens zündete nochmals seine Pfeife an, wischte den Rest Tabakasche vom Tisch und räusperte sich. Da es inzwischen nicht mehr allzu häufig vorkam, dass alle so vollzählig um den Tisch saßen, nutzte er die Gunst der Stunde.
Dick saß seinem Vater gegenüber, die Arme nach vorne geschoben, das Kinn in die Hände gestützt. Mrs Stevens ließ nach einem letzten schnellen Blick durchs Zimmer den Öl- und Essigständer im Schrank verschwinden, nahm im Kaminsessel Platz und starrte geistesabwesend auf den Fächer hinunter, der auf dem leeren Rost lag. Ihre Hände fingerten an ihrem Blusenausschnitt herum und huschten schließlich zu den Knien hinab, als könnten sie nicht einfach auf Befehl zur Ruhe kommen, vor allem nicht auf einen so plötzlichen.
Das Abendessen war bestens verlaufen. Anfangs schienen alle noch ein bisschen zu sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen, als fürchteten sie, dass die Lust auf einen solchen Abend im nächsten Jahr nicht mehr so groß sein könnte. Als sie sich aber allmählich warm geredet hatten, war auf magische Weise die gute alte Stimmung der früheren Aufbruchsabende zurückgekehrt.
Fragen waren über den Tisch geflogen, die auf Gegenfragen stießen: Würde Uncle Sam mit seiner Minstrel-Show wohl auch wieder da sein? Uncle Sam musste langsam uralt sein, obwohl er seit mindestens fünfzehn Jahren immer gleich aussah. Würden die gleichen Clowns da sein? Durfte man den Feldweg, der über die Kleewiese zum Meer führte, nicht mehr benutzen, weil dort, wie es hieß, gebaut wurde? Würde die echte Militärkapelle wieder auftreten? Sie riss einen tausendmal mehr mit als die andere.
Wenn Mr Stevens hin und wieder schwieg, dann deshalb, weil er weit weg war; er lief mit seinem Stock und seiner Pfeife über die Hügel, mit offenem Hemd und ohne Hut in praller Sonne und im Wind.
Draußen war der Abend wunderbar klar. Der Bahndamm versank allmählich im aufkommenden Dunkel. Dahinter ging die Sonne unter, durch die Fenster des kleinen Esszimmers fiel ein matter Goldschimmer, den vorbeifahrende Züge hin und wieder verdeckten, wobei selbst dann noch ein paar Strahlen zwischen den Waggons hindurchblitzten.
Doch das Abendessen war nun vorbei, es lag Arbeit vor ihnen.
Ernie, der gegessen hatte, bis er nicht mehr konnte, lag auf dem Sofa und rieb Puss’ Fell gegen den Strich, um zu sehen, wie die daraus aufsteigenden Stäubchen müde im verblassenden Licht tänzelten.
Mary kam aus der Küche zurück und lehnte sich an den Kaminsims. Alle waren bereit für die Marschordnung, jeder mit einem Stift in der Hand, um sich die Aufgaben zu notieren, die ihm wie gewohnt zufielen.
»Alle fertig?«, fragte Mr Stevens mit einem Blick über den Brillenrand. Er räusperte sich nochmals und fing an:
»Nr. 1. Werkzeugschuppen. Einfetten von Spaten, Gabel und Kelle. Abschließen. Schlüssel an den Küchenhaken hängen.«
Mr Stevens hakte diesen Punkt ordnungsgemäß ab.
»Das hätten wir. Erledige ich selbst heute Abend.«
»Nr. 2. Joe. Joe zu Mrs Haykin bringen – zudem Badewanne, Körner und zwei Muschelschalen.«
Über seine Brille schaute Mr Stevens streng zu seiner Tochter hinüber: »Machst du das, Mary?«
Die Aufgabe, Joe, den Kanarienvogel, nach nebenan zu Mrs Haykin zu bringen, war seit je unbeliebt. In Mr Stevens’ Stimme schwang ein Hauch Sorge mit, denn es war darüber letztes Jahr beinahe zum Streit gekommen.
Es bedeutete nämlich, dass man sich bei Mrs Haykin nicht nur bedanken, sondern auch ein paar Minuten bei ihr bleiben und sich mit ihr unterhalten musste. Mrs Haykin war zwar freundlich, aber eine ziemlich einfältige, launische alte Dame, die Dutzende Male beteuerte, sie kümmere sich wirklich sehr gern um Joe, es mache ihr wirklich überhaupt nichts, er sei ja so ein kleiner Schatz und singe schon morgens so wunderbar, dass es sie ganz glücklich mache – und traurig zugleich.
Es war alles andere als einfach, sich bei Mrs Haykin zu bedanken und wieder von ihr loszukommen. Auch fühlte man sich ziemlich unwohl und egoistisch, zumal Mrs Haykin selbst noch nie Ferien gemacht hatte.
Sie lebte allein. Früher, erzählten die Nachbarn, habe sie einen Mann, drei Söhne und eine Tochter gehabt, es sei dort zugegangen wie in einem Taubenschlag. Doch das war lange her, zu Zeiten, als die Stevensens noch nicht hier wohnten.
Sie verließ das Haus nur ein einziges Mal am Tag. Manchmal bekam man dann kurz eine kleine, vorbeihuschende Gestalt mit ein paar unordentlichen Haarsträhnen zu sehen, die auch gleich wieder weg war. Nie hatte man sie kommen, nie sie gehen sehen. Wenn die Stevensens ihr gelegentlich einen Besuch abstatteten, war sie vor Freude ganz aufgeregt und redete ganz schnell. Weil man bei ihr das Lachen vom Weinen zuweilen kaum unterscheiden konnte, wurden die Abstände zwischen diesen Besuchen immer größer. Inzwischen ging man nur noch zu ihr hinüber, wenn Mrs Haykin auf den Kanarienvogel aufpassen sollte – was solche Besuche mitnichten einfacher machte.
Mr Stevens’ Stift kreiste über dem Papier hin und her.
»Machst du’s, Mary?«
Marys Gesicht versteinerte. Sie sah blass und müde aus, sie hatte einen langen, anstrengenden Tag hinter sich. Den ganzen Morgen hatte sie fieberhaft gearbeitet, um nachmittags noch genügend Zeit zum Aufräumen zu haben. Doch dann war nach dem Mittagessen etwas Ärgerliches, vollkommen Unvorhersehbares passiert. Eine Kundin kam hereingerannt, die ein paar Änderungen an einem Kleid haben wollte, das sie am Abend zu tragen wünschte, womit Mary am Nachmittag ganze zwei Stunden zubringen musste, die Augen unablässig auf dieses hässliche Kleid geheftet, in dem Wissen, dass keine einzige Änderung an der Unförmigkeit ihrer Besitzerin etwas besser machen würde.
Auch wenn Mary in Madam Lupont’s kleinem Laden in der King’s Road gelegentlich selbst Kunden bedienen durfte, verbrachte sie die meiste Zeit in dem trostlosen Schneidereizimmer dahinter, dessen kahles Fenster auf die Wellblechwand einer Werkstatt zeigte. Sonne kam dort nie herein, selbst nicht, wenn der Himmel weißlich grell schimmerte und ihr dabei die Augen wehtaten. Sie war wirklich müde heute Abend. Warum sollte ausgerechnet sie Joe zu Mrs Haykin hinüberbringen und ihr zuhören müssen? Warum konnte es nicht …
Sie schaute zu ihrer Mutter hinüber, die mit ihren auf den Knien ruhenden Händen in den Kamin starrte. Sie bemerkte, dass einer ihrer Finger mit einem kleinen, groben Leintuch verbunden war. Sie musste sich geschnitten haben – und niemand hatte es bemerkt. Mary warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne war schon fast hinter dem Bahndamm verschwunden, der Himmel wolkenlos, in einer Woche würden ihre Arme schon ganz braun sein. Sie gab sich einen Ruck. Sie schaute ihren Vater an und lächelte.
»Gut, ich übernehme Joe.«
Mit einem Seufzer der Erleichterung hakte Mr Stevens auch diesen Punkt ab.
»Danke, Mary.«
»Nr. 3. Puss. Waschküchenfenster einen Spalt offen lassen. Mrs Bullevant bitten, jeden zweiten Tag Milch hinzustellen. Am Montag und Donnerstag Bücklinge.«
Stumm schaute Mr Stevens seine Frau an. Erschrocken blickte Mrs Stevens auf.
»Nein, i-i-ich habe Mrs Bullevant heute nicht angetroffen. Sie war nicht da. Ich dachte, wir könnten es ihr sagen, wenn wir ihr morgen früh den Schlüssel bringen.«
Mr Stevens’ Brauen hoben sich ein wenig.
»Ist das nicht zu riskant?«, sagte er. »Angenommen, es gibt etwas, worüber sie reden möchte. Irgendwelche Kleinigkeiten. Viel Zeit haben wir nicht.«
Kurz glitt Mrs Stevens’ Blick zu ihrem Mann hinüber und sofort wieder zurück zum Rost.
»Gut …, ich …, ich geh gleich.«
»Jetzt ist’s zu spät. Wir müssen’s riskieren.«
Mrs Bullevant wohnte direkt gegenüber. Ihr Mann war ein pensionierter Polizist. Ein ideales Paar, um dort den Schlüssel zu hinterlegen. Jedes Jahr wurde ausgemacht, dass Mr oder Mrs Bullevant einmal am Tag nach dem Rechten sah, etwaige Briefe mit drei Halfpenny-Marken nachsandte und nach Puss schaute. Dafür bekamen die Bullevants die Bohnen und den Rhabarber, die man ernten musste, während die Stevensens weg waren.
Seit sie mit den Bullevants dieses Arrangement getroffen hatten, fühlten die Stevensens sich unendlich viel wohler. Dass deren Haus direkt gegenüberlag und dort auch noch ein pensionierter Polizist wohnte, gab ihnen ein Gefühl absoluter Sicherheit.
Bevor die Bullevants hier waren, hatte Mrs Jack diese Aufgaben übernommen. Allerdings waren den Stevensens unschöne Geschichten zu Ohren gekommen: dass Mrs Jack die Bücklinge selbst gegessen und Puss nur die Haut übrig gelassen hatte. Vielleicht handelte es sich bloß um böswilligen Klatsch, da sie es aber von mehreren Seiten gehört hatten, waren die Stevensens froh, dass die Bullevants in die Nr. 23 gegenüber eingezogen waren.
»Vergiss das nicht«, mahnte Mr Stevens, als er diesen Punkt nach einigem Zögern abhakte. »Und erinnere sie an das Waschküchenfenster.«
Er wandte sich wieder seinem Papier zu.
»Nr. 4. Alle Lieferanten abbestellen. Außer alle zwei Tage den viertel Liter vom Milchmann.«
Erleichtert blickte Mrs Stevens auf.
»Ja, das habe ich gemacht heute Morgen.«
»Hast du Johnsons gesagt, sie sollen Family Gardening für uns aufheben?«
»Ja.«
Die Zeitung wurde selbstverständlich ausgesetzt, das Wochenmagazin Family Gardening dagegen nicht. Weil Mr Stevens es gerne aufhob und binden ließ, wurden den Stevensens die zurückgelegten Nummern bei ihrer Rückkehr nachgeliefert.
»Nr. 5. Gas. Abdrehen neben dem Zähler.«
»Genau«, sagte Dick.
»Sofort morgen früh, gleich nach dem Frühstück.«
»Genau«, wiederholte Dick.
Mr Stevens hakte auch diesen Punkt ab.
»Nr. 6. Silber einschließen.« (Mit Silber waren die silberne Schale mit dem Tintenfass gemeint, die Mr Stevens vom Fußballverein zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte, und die Platinpokale, die Dick in der Schule beim Wettlauf gewonnen hatte.)
»Geht in Ordnung«, sagte Mr Stevens, »fällt in meinen Bereich.«
Es folgten noch ein paar kleinere Aufgaben, die wie alles andere sorgsam erledigt gehörten. Der Stöpsel musste aus dem Badewannenabfluss gezogen werden, weil der Wasserhahn tropfte; verderbliche Lebensmittel mussten weggeworfen werden; den Teppich musste man von den Terrassentüren wegklappen, weil dort manchmal Regen eindrang. Für all das war einer von ihnen zuständig.
»Als Letztes«, sagte Mr Stevens, »Allgemeine Hinweise. Ruislip holt das Gepäck um 9 Uhr 15 ab. Es muss um neun fertig dastehen. Erspart eine Menge Hetze und Ärger.
Der Zug fährt in Dulwich ab um 9 Uhr 35. Was bedeutet, dass wir spätestens um 9 Uhr 20 losmüssen, wenn wir noch die Schlüssel abliefern wollen.
Ankunft in Clapham Junction 10 Uhr 02. Gleis 2. Fernzug fährt um 10 Uhr 16. Gleis 8.«
Mrs Stevens’ Herz flatterte ein wenig. Von zwei zu acht – das las sich so beiläufig von einem Blatt Papier ab. Wie einfach sich das anhörte! Zwei zu acht – ausgerechnet in Clapham Junction – bei diesen vielen Gleisen!
»Sollten wir nicht«, murmelte sie, »den früheren Zug nehmen. Dann hätten wir zehn Minuten mehr in Junction.«
Mr Stevens setzte eine erstaunte Miene auf; es ärgerte ihn ein wenig, dass man seinen genauestens ausgearbeiteten Plan infrage zu stellen gedachte. Als sei seine Frau reichlich schwer von Begriff, sagte er absichtlich langsam:
»Aber wir haben doch vierzehn Minuten.«
»Ja, aber …«
»Klar, wir haben Zeit, Mum!«, warf Dick ein.
Mrs Stevens’ Blicke kehrten zu dem Fächer auf dem Rost zurück. »Na gut …, ist in Ordnung. Wenn ihr meint, wir hätten genug Zeit.«
Sie wunderte sich, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte. Sie wusste, dass es nichts nützte. Sie wusste, dass ihr Mann und die Kinder es aufregend fanden, wenn alles ein bisschen knapp war.
Die Sitzung wurde für beendet erklärt. Mr Stevens faltete sein Papier zusammen und erhob sich.
»Ich denke, das war’s«, sagte er.
Ein jeder ging ans Werk. Mrs Stevens und Mary verzogen sich in die Küche, um den restlichen Abwasch zu machen. Dick ging in sein Schlafzimmer, um zu packen. Ernie lag halb schlafend auf der Couch; hinter sich in der Ecke, griffbereit für morgen, sein Eimer und Spaten.
Obwohl es immer dunkler wurde im Zimmer, machte Mr Stevens kein Licht an. Mit dem Rücken zum Kamin und weit gespreizten Beinen stand er auf dem Vorleger und blickte auf die Fenster hinüber, durch die ein letzter Abglanz der Sonne drang.
Dann verließ er ziemlich nachdenklich den Raum, ging durch den Flur zur Haustür und von dort über den Seitenausgang hinaus in den Garten.
Er hätte auch direkt durch die Terrassentür in den Garten gehen können, nahm jedoch diesen Weg, weil ihm sonst vielleicht Ernie oder Puss nachgelaufen wären, er aber allein sein und das letzte Dämmerlicht an diesem herrlichsten aller Abende im Jahr genießen wollte.
Der Garten zeigte sich in der Dämmerung von seiner schönsten Seite. Die scharfen Umrisse der Dinge ringsum wurden jetzt weicher und sanfter. In diesem Licht hätte man den Bahndamm hinter dem Zaun für eine grüne Kanalböschung halten können und die Telegrafenmasten für schlanke Pappeln auf einem von Gräsern überwucherten Treidelpfad.
Der Garten in der Corunna Road 22 war nicht groß. So wie auch bei den Nachbarn war er sechzig Fuß breit und vom Zaun bei der Bahnlinie bis zum Eingangstor hundertachtzig Fuß lang. In der Dämmerung jedoch konnte man den Eindruck gewinnen, dass es von dem einen Ende des Zauns zum andern ein ziemliches Stück war und es sich gar nicht um einen Zaun handelte, sondern um ein von rötlichem Weinlaub und Efeu umranktes Gemäuer – so wie Mr Stevens es um den Garten herum gern gehabt hätte.
Er blieb auf dem Rasen stehen, zündete wieder seine Pfeife an und drückte das Streichholz behutsam ins Gras, mit dem Kopf voran. Es roch kühl und frisch nach feuchtem Torf. Über den Gleisen drüben sah man immer noch ein schwaches Leuchten, während direkt über ihm der Himmel schon dunkel war und die Sterne zum Vorschein kamen.
Vom Bahndamm her hörte man ein fernes Rat-tat-a-tat, Rat-tat-a-tat über die Gleise rauschen, das einen näher kommenden Zug ankündigte.
Das Geräusch wurde immer lauter und fegte schließlich wie verrückt über ihn hinweg – bevor es erstarb. Eine Zeitungsseite wirbelte hinter dem Zug her und glitt geschmeidig zu Boden, zuletzt sah man nur noch ein dunkles Etwas vor dem Hintergrund der verlöschenden Sonne.
Bei diesem Getöse und Geratter legte Mr Stevens’ Stirn sich in Falten, die wieder verschwanden, als die Stille zurückkehrte. Einen Moment glaubte er, hell erleuchtete, überfüllte Waggons vor sich zu sehen. Das Signal klappte hoch, danach war alles wieder still. Mit der Rückkehr der Stille schien es nochmals eine Spur dunkler geworden zu sein.
Mr Stevens nahm seine Pfeife aus dem Mund und sog tief die Nachtluft ein. Kühle, frische Luft. Eine solche Luft würde er nun zwei Wochen lang den ganzen Tag atmen. Schon jetzt fühlte er sich besser. Die muffige Büroluft entwich allmählich aus seinen Lungen, seine Beine begannen, Kraft zu sammeln für die anstehende Bergwanderung.
Mr Stevens war kein sonderlich sentimentaler Mensch, jedenfalls nicht mehr als wahrscheinlich die meisten Leute. Allerdings hatte er sich wie von allein angewöhnt, das tägliche Einerlei dadurch erträglicher zu machen, dass er im Kalender alles rot anstrich, was in irgendeiner Weise herausragte.
Er machte das, ohne sich viel dabei zu denken, schließlich wäre er der Letzte gewesen, der sein Leben als eintönig empfunden hätte. Vielleicht sollte man richtigerweise sagen, dass er die Gabe besaß, gleichsam Anlässe zu schaffen, bei denen man immer wieder das Zusammengehörigkeitsgefühl festigen konnte.
Diese besonderen Tage besaßen etwas geradezu Rituelles: Sie bestanden aus Ritualen, welche die Familie nicht nur gefühlsmäßig zusammenschmiedeten, sondern auch ganz praktisch.
Heiligabend, Pfingstmontag, den Bank-Feiertag im August und die Familiengeburtstage markierte er mit einem dicken, knallroten Stift; Silvester und den Abend vor der Abreise dagegen mit einem dunkleren, dünneren: Erstere, weil sie erschlafften Hoffnungen neue Nahrung geben sollten; Letztere, weil sie Gefühle zum Klingen brachten, bei denen Mr Stevens gar nicht genau wissen wollte, was dabei alles mitschwang und mitspielte.
In den Ferien wird der Mensch zu dem, der er hätte werden und der er hätte sein können, wären die Dinge ein wenig anders gekommen. In den Ferien sind alle Menschen gleich: Alle dürfen dann Luftschlösser bauen, ohne sich um die Kosten oder einen Architekten kümmern zu müssen. Träume, die aus einem derart feinen Stoff gewoben sind, muss man sorgsam hegen und von der gröberen Sphäre des Alltags abschirmen.
Er schritt langsam den Kiesweg entlang, die eine Hand an der im Mund steckenden Pfeife, die andere in der Tasche. Er kam am Flieder vorbei, der keinerlei Ähnlichkeit mehr hatte mit dem hüfthohen Setzling, den er im Frühling vor zehn Jahren gepflanzt hatte. Rechts am Zaun waren die Blumen mit den gedeckteren Farben von der aufkommenden Nacht kaum mehr zu unterscheiden, bloß die helleren verschenkten noch ein schwaches Leuchten: die Nachtkerzen und Tabakstauden mit ihrem zarten, kaum wahrnehmbaren Duft.
Weiter unten rechts in der Ecke blühten die Astern dieses Jahr besonders üppig. Am unteren Zaun gegenüber dem Bahndamm wuchsen die Stangenbohnen und davor der Rhabarber, der diesmal nicht so gut kam. Daneben der Mangold und ein Karree mit Petersilie.
Er dachte an die Stunden, die er seit dem letztjährigen Abend vor der Abreise im Garten verbracht hatte: Geschwind dahingehende Herbstabende, wo er gegen die nahende Nacht anarbeitete; trübe Wintertage, an denen das vom flackernden Schein des Kamins erhellte Esszimmer zum Tee rief; frühlingsfrische Samstagnachmittage, wo fast überall in den Gärten der Corunna Road Köpfe auftauchten; Sommertage, an denen er hemdsärmelig herumlag und sich nur rührte, um seine Liege in den Schatten des Flieders zu ziehen. Auch noch anderes war geschehen seit diesem letztjährigen Abend. Dick war von der Schule abgegangen und hatte angefangen zu arbeiten; sie hatten den Milchmann gewechselt; Ernie hatte die Windpocken bekommen. Seltsam, wie viel passieren konnte, ohne dass sich nach außen etwas änderte am Bild der Corunna Road.
Wieder zündete er seine Pfeife an und schlenderte weiter, bis er vor dem eigentlichen Wahrzeichen des Gartens stand, dem knorzigen alten Apfelbaum, der linker Hand Wache hielt.
Von solch krummen, dürren, ein bisschen gespenstisch wirkenden Apfelbäumen standen in den Gärten der Corunna Road bloß noch ein oder zwei weitere. Mittlerweile gaben sie fast nichts mehr her. Die meisten Leute hatten sie gefällt und neue, junge gepflanzt. Mr Stevens jedoch hatte den seinen stehen lassen.
Er besaß einen ausgeprägten Sinn fürs Überlieferte und eine Ehrfurcht vor Dingen, die im Laufe der Jahre an Kraft gewonnen hatten und an Würde. Vor langer Zeit musste hier eine große Obstwiese gewesen sein, denn auch Mrs Blaney hatte einen solchen Baum im Garten, in der Nr. 5, auf der anderen Straßenseite. Im Garten von Mr Shepherd, in der Nr. 18, war dagegen nur noch ein ausgehöhlter Stumpf übrig, in dem ein mit Erde gefüllter Geranientopf steckte.
Vom Zug aus hatte er in den Gärten auf der anderen Dammseite hier und da die gleichen alten Apfelbäume entdeckt, was bedeutete, dass diese Obstwiese schon vor der Eisenbahn existiert haben musste. Von je hundert dieser alten Bäume hatte kaum einer überlebt. Überall sah man den verkümmerten, wie mit Kalk getünchten Stämmen an, dass sie schon lange keine Pflege mehr erfahren hatten. Jene wenigen übriggebliebenen, die einst zu dieser herrlich großen Wiese gehört hatten, standen jetzt verloren in Ecken, die ihnen der Bauherr, als er hier vor dreißig Jahren fast alles roden ließ, gnädigerweise gelassen hatte.
Mr Stevens blickte hinauf zu den dürren schwarzen Ästen. Ein Windhauch streifte ihn, der Flieder wachte auf und schüttelte sich, während der Apfelbaum zu alt und müde schien, um auch nur ein wenig mit den Blättern zu rascheln.
Er streckte seine Hand zu ihm aus und strich über den verwitterten Stamm. Fast wünschte er sich, eine fremde Macht würde ihm befehlen, diesen Baum fällen zu lassen, damit er erwidern könnte: »Oh, Holzfäller, verschone diesen Baum«, so wie der Mann auf dem Gemälde in Marys Zimmer.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er diesen Baum verstand und dieser Baum ihn; und dass er dankbar war für das Verständnis, das er für sein Alleinsein aufbrachte. Immer wieder versuchte er, sich vorzustellen, wie es hier aussah, als es noch keine Eisenbahn gegeben hatte und noch keine Häuser.
Heute Abend jedoch hatte er keine Zeit, in Vergangenes abzutauchen. Morgen würde er um diese Zeit die Promenade hinabschlendern bei angenehmer Musik, Meeresgeruch in der Nase und zwei Wochen Freiheit, die vor ihm lagen und die niemand ihm nehmen konnte.
Rasch wandte er sich vom Apfelbaum ab; er ließ ihn alleine vor sich hinträumen. Aus Marys Zimmer drang ein Lichtstrahl, ihr Kopf wanderte immer wieder hinter der heruntergelassenen Jalousie hin und her. Der Abwasch war offensichtlich erledigt; sie machte ihr Gepäck fertig.
Wie herrlich das alles doch war! Wieder fuhr die ganze Familie gemeinsam weg, nach diesen vagen, beiläufig hingeworfenen Andeutungen von Dick und Mary über getrennte Ferien mit Freunden. Gottlob hatte sich das zerschlagen!
Und morgen früh, was für ein Spaß und was für ein Gedrängel! Mr Stevens ließ alle Haltung fahren und tanzte auf dem Rasen eine Runde Walzer, hielt jedoch plötzlich inne und schaute besorgt zur Terrassentür hinüber, ob Ernie ihn womöglich gesehen hatte.
Für einen kurzen Moment, in dem er innerlich jauchzte, traten ihm die Sonne und der Strand vor Augen, mit den vielen kreischenden, im Meer herumhüpfenden Leuten und den leuchtenden Klippen und Dünen, die in sanfte Hügel übergingen – und er verspürte auch das herrliche Hungergefühl, welches dabei immer aufkam.
Großartig, dass man so etwas schon genießen konnte, bevor es überhaupt angefangen hatte! Seine Kassenbücher und Tintenfässer waren vergessen; seine Stifte hatte er mit einem Gummiband umwickelt und in seinem Schreibtisch versenkt. Alles, was vor ihm lag, atmete Frische und Freiheit, ein Riesenspaß wartete auf sie.
Leise vor sich hin pfeifend machte er kehrt und ging durch den Garten zurück zum Geräteschuppen neben dem Kücheneingang. Besser, er hätte diese Sache noch vor Einbruch der Dunkelheit erledigt. Er zündete ein Streichholz an und ging nochmals die säuberlich an der Wand aufgereihten Gartengeräte durch. Um Zeit zu sparen, hatte er sie am Abend zuvor gereinigt und eingefettet.
Alles war bestens. Er ging wieder hinaus und verriegelte die Tür. Jedes Jahr, wenn er vor der Abreise den Geräteschuppen abschloss, gab ihm das einen seltsamen Stich ins Herz. Es war, als stieße er alte Freunde von sich weg wegen einer neuen Zufallsbekanntschaft, die ihm den Kopf verdreht hatte mit ihrem betörenden Charme; einer Zufallsbekanntschaft, die auch ihn in zwei Wochen von sich stoßen würde, in gleicher Weise, während seine alten Freunde in bewährter Treue auf ihn warten würden. Fast hätte er die Tür ein zweites Mal aufgeschlossen, um nochmals einen Blick hineinzuwerfen und ihnen zuzurufen, dass alles gut sei und er wiederkomme. Doch er unterdrückte diesen albernen Impuls und ging durch die vergitterte Seitentür den gleichen Weg zurück, den er gekommen war, und von dort durch den Vordereingang in den Flur.
Überall im Haus brannten jetzt die Lichter, was man bei diesem besonderen Anlass durchgehen lassen konnte. Dick kam ihm im Treppenhaus mit den zusammengeschnallten Wanderstöcken und Schirmen entgegen, es war eine seiner Aufgaben in der Marschordnung.
Ernie wurde zu Bett geschickt; seinen Spaten und seine Schaufel hatte er fest unter dem Arm; jetzt, wo die Ferien angefangen hatten, durfte er diese beiden nicht mehr aus den Augen lassen.
»Dick!«, rief Mary übers Geländer. »Komm und hilf mir mit dieser Tasche!«
Mrs Stevens werkelte noch in der Küche. Als Mr Stevens kurz zu ihr hineinschaute, um den Schlüssel für den Geräteschuppen an den Haken zu hängen, sah er, wie für die Sandwiches morgen früh schon das Siedfleisch, ein Brotlaib, Senf und die Butterdose bereitstanden, daneben die Thermoskanne.
Dann verschwand er im Esszimmer und stellte sich wieder mit dem Rücken vor den Kamin. Auf dem Fenstersims lag sein Rucksack, in dem das Fernrohr, die Karte von Bognor und Umgebung und sein Tagebuch steckten. Er musste lächeln und drückte die Daumen in seine Westentasche. Es tat ihm gut zu wissen, dass er ein vorbildlich organisierter Mensch war, der die Dinge im Griff hatte. Was für eine fabelhafte Idee, das mit der Marschordnung! Dadurch gab es keine atemlose Hetzerei mehr und keine furchtbare Unruhe, kein »Wo ist der Fotoapparat?« oder »Hat jemand die Kleiderbürste eingepackt?«. Stattdessen nur zielgerichtetes Tun: ein jeder mit Aufgaben, bei denen man sich nicht gegenseitig in die Quere kam.
»Dad!«, rief Mary von der Treppe herab.
»Ja?«
»Komm doch kurz rauf!«
»Was ist?«
»Frag nicht! Komm einfach!«
Mr Stevens ging die Treppe hinauf und folgte Mary in Dicks Zimmer, von dem man die ganze Corunna Road überblicken konnte. Sie führte ihren Vater zum Fenster und zog den Vorhang zurück.
»Schau!«, sagte sie.
Ein voller, strahlender Mond war aufgegangen. Er stand über dem Kristallpalast, fast in dessen Mitte. Während die Türme in Dunkelheit gehüllt waren, funkelten auf der mondbeschienenen Kuppel Tausende von eisig weißen Lichtpünktchen. Die nassen Schieferdächer auf der anderen Straßenseite schimmerten schwächer, während sich die dahinter aufragenden Bäume tiefschwarz vom stahlblauen Himmel abzeichneten.
Selten hatte sich Mr Stevens ein so wundervoller Anblick dargeboten.
»Herrlich, oder?«, sagte Mary. »Dieser Mond zu Ferienbeginn.«
»Ein gutes Omen«, flüsterte Mr Stevens.
Dick, der es schon gesehen hatte, war am Bett drüben mit seinen Sachen beschäftigt. Er hatte sich die graue Flanellhose und das blaue Jackett angezogen, die er morgen früh tragen wollte; gerade legte er sorgfältig seine Bürokleidung zusammen: den blauen Anzug, der am rechten Ärmel, wo er am Schreibtisch scheuerte, schon ziemlich stark zu glänzen anfing.
Mr Stevens lag schon eine Weile wach im Bett und richtete seinen Blick auf den Lichtspalt, der durch die Vorhänge drang.
Diese Helligkeit ließ nur Bestes erhoffen. Allerdings wusste er auch, wie trügerisch so ein kleiner Lichteinfall sein konnte. Wie oft schon hatte es am Morgen geregnet, obwohl der Himmel recht hell durch die Vorhänge schien; zog man sie dann jedoch zurück, musste man zu seinem Erstaunen auf ein unerfreuliches Geniesel hinausblicken.
Er lauschte. Das Ausbleiben von jeder Art Tröpfeln ließ ihn weiter hoffen. Alles wäre so viel besser, wenn es draußen schön wäre.
Andererseits wäre es natürlich besser, es würde am Reisetag regnen und nicht, wenn sie schon dort waren, schließlich verbrachte man den ersten Tag ohnehin größtenteils auf Bahnhöfen und im Zug. Trotzdem wäre es viel schöner, gleich bei klarem Wetter loszufahren und vom Zug aus auf ein sonnendurchflutetes Land zu schauen.
Ein leichter Wind, der die Vorhänge ins Zimmer bauschte, ließ seine Zuversicht zur Gewissheit werden: Nicht der geringste Regen prasselte gegen die Scheiben.
Er stand auf, zog die Vorhänge zurück und musste lächeln. Er konnte sich nicht entsinnen, je einen so perfekten Aufbruchsmorgen erlebt zu haben. Letztes Jahr hatte ein böiger, unruhiger Wind geweht mit schweren, sich jagenden Wolken, doch dieser Morgen war wunderbar friedlich: über dem Rasen ein leichter Dunst, der Himmel strahlend blau. Die frühe, zwischen den Häusern durchkommende Morgensonne schien auf die Blätter des Apfelbaums und ließ sie zart schimmern.
Was für ein Tag für die Reise!
Er schlüpfte wieder ins Bett und verschränkte die Hände hinterm Kopf, um durchs offene Fenster den Himmel besser sehen zu können. Obwohl die Sonne morgens leider nicht in sein Zimmer kam, schlief er lieber nach hinten hinaus. Die Züge störten ihn weniger als die unerwarteten, nicht vorhersehbaren Geräusche auf der Straßenseite, wo oft spätnachts noch Leute lachend und schwatzend nach Hause liefen.
Während er so dalag, fuhr ein Zug vorbei. Gerade noch konnte er sein Dach sehen. Arme Teufel, auf dem Weg nach London, und das zu dieser Morgenstunde!
Er streckte sich, bis seine Zehen zum Bett hinausschauten, dann zog er ein Bein an und tastete seine Wade ab. Ziemlich hart, wenn man bedachte, wie wenig sie im Einsatz war. Doch in ein paar Tagen würde sie hart sein wie Stahl – nach einem Marsch über die Dünen!
Es war erst Viertel vor sieben; es würde völlig reichen, wenn er erst in einer halben Stunde aufstand. Genüsslich drehte er sich zur Seite, um noch ein bisschen zu dösen; eigentlich war er aber schon viel zu wach und viel zu aufgeregt, um noch mal schlafen zu können. Er blieb einfach liegen und dachte nach.
Plötzlich hatte er eine Idee. Er sprang aus dem Bett und schlüpfte in seine Schlappen und seinen Morgenmantel. Vorsichtig machte er die Tür auf und schlich die Treppe hinab in die Küche, wo er den Kessel aufsetzte. Er würde allen eine Tasse Tee servieren. Eine famose Idee – ein famoser Anfang für diesen Tag! Bevor der Kessel kochte, horchte er gebannt, ob sich irgendwo bereits etwas rührte oder gar ein anderer auf dieselbe Idee käme. Still und leise würde er sich in jedes Zimmer stehlen und einen nach dem andern wecken. Er würde den Reisetag mit einer dampfenden Tasse Tee beginnen lassen. An jedem Fenster würde er die Jalousien hochziehen und sagen: »Schau«, während die Sonne hereinströmte.
Bis das Wasser kochte, übte er im Esszimmer schon einmal die Sache mit den Vorhängen. Dabei fiel ihm noch etwas ein. Geräuschlos wie eine Katze schlich er die Treppe hoch und setzte sich sein Gebiss ein. Er wollte lächeln, wenn er sie alle überraschte.
Ein paar Minuten später ging er wieder hinauf, diesmal mit einem Tablett in Händen. An der Treppe oben stellte er das Tablett ab, öffnete sachte die Tür zum Zimmer seiner Frau und näherte sich ihr auf Zehenspitzen. Vom Licht draußen merkte man dort noch nicht viel. Zum Glück waren die Vorhänge zu. Seine Frau hatte das alte Doppelbett mit den Messingknöpfen an den vier Eckpfosten. Es gehörte zu den Dingen, die sie sich als Erstes nach der Hochzeit angeschafft hatten. Weil sich inzwischen aber die Federn verzogen hatten, versank Mrs Stevens tief darin. Zuerst konnte er von ihr nur die kleine rosa Nachthaube sehen, als er sie aber sanft rüttelte, warf sie die Decke zur Seite und drehte sich mit einem leisen Schnarcher auf den Rücken. Einen Moment irrten ihre Augen ziellos umher, dann blieben sie an ihm hängen und wurden ganz groß vor Schreck. Sie schoss hoch wie ein aufgescheuchtes Kaninchen und schlüpfte langsam aus dem Bett.
»Um Gottes willen! Ich wusste nicht, wie spät es ist!«
Er lächelte und hob die Hand.
»Alles in Ordnung, keine Sorge, ist noch nicht mal sieben.«
Sie war mehr als nur erleichtert. Wie schrecklich, hätte sie – ausgerechnet an diesem Tag der Tage – verschlafen und zu spät gefrühstückt und alle andern ungeduldig werden lassen und gegen sich aufgebracht. Während sie auf die Ellbogen gestützt dasaß, geriet langsam die Teetasse in ihren Blick.
Formvollendet stellte Mr Stevens sie auf ihren kleinen runden Nachttisch. »Dachte, du hättest vielleicht gern einen Tee«, sagte er.
Mrs Stevens war sprachlos, sie konnte nur verlegen kichern und stammeln: »Oh, aber Ernest … wirklich …!«
Es fehlten ihr die Worte, um auszudrücken, was sie empfand. Wie lange hatte Ernest ihr keine Tasse Tee mehr gebracht! Seit vielen Jahren nicht mehr.
Er war zum Fenster hinübergegangen. Schwungvoll zog er die Vorhänge zurück und riss die Arme hoch, als hätte er einen Trick vollführt. Mit einem Schlag lag das Zimmer in hellem Licht.
»Was für ein Morgen!«, sagte er.
Mrs Stevens gab sich alle Mühe, die Augen offen zu halten, obwohl es sie blendete. Nach einer kurzen Weile sagte sie mit einem leichten Seufzer »Wie schön!« und beugte sich zu der Teetasse hinüber, die ihr weitaus mehr imponierte als der strahlende Morgen.
»Das ist wirklich lieb von dir, Ernest, wirklich …«
Gemächlich schlenderte er zur Tür. »Brauchst dich nicht zu beeilen. Noch eine halbe Stunde, falls du magst. Frühstück um acht reicht vollauf, sofern alle gepackt haben.« Er ging hinaus. Mrs Stevens richtete sich auf und nippte verwundert an ihrem Tee. Er war sehr heiß und ziemlich schwach. Ein bisschen war in die Untertasse geschwappt, doch na ja …, verrückt, dass Ernest an so etwas dachte!
Dick war schon wach, als sein Vater mit dem Tee hereinkam. Die Vorhänge hatte er bereits selbst zurückgezogen, und er lag fast genauso da wie sein Vater vor dem Aufstehen: die Hände hinterm Kopf, den Blick durchs Fenster zum Himmel gerichtet. Ernie schlief immer noch tief in seinem kleinen Bett in der Ecke, was man ihm gerne gönnte. Er bekam als Einziger keinen Tee.
Mary döste noch. Weil ihr Schlafzimmer zur Seite hinausging, zum Haus Nr. 24, bekam sie morgens wenig Licht und wurde nie von der Sonne geweckt.
»Wie das, Dad!«, rief sie, als sie sich aufsetzte und die Teetasse erblickte.
»Wie kamst du bloß auf diese Idee!«
Höchst zufrieden mit den Reaktionen, die er hervorgerufen hatte, ging Mr Stevens nun zurück in sein eigenes Zimmer. Dort zündete er im Bad den Gasboiler an und rasierte sich. Er hörte, wie der Zeitungsjunge durch den Vorgarten kam, die Zeitung auf die Treppe warf und wieder ging. Er sah, wie der Briefträger am Tor stehen blieb, ein paar Briefe durchsah und weiterstapfte. Schade, dass er nicht hereinkommen musste. Eigentlich wäre es schön gewesen, heute Morgen einen Brief zu bekommen: einen unverhofften, erfreulichen Brief von einem alten, fast vergessenen Freund, den er im Zug nochmals hervorziehen und lesen könnte, womit er jemanden, der ihm gegenübersaß, hätte beeindrucken können. Doch was spielte es für eine Rolle? Genügten nicht dieser Tag selbst und diese Sonne? Genügten nicht der Spaß als solcher und die ganze Aufregung?
Zügig wischte er den Schaum ab und ging zurück in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden. Er zog seine Flanellhose an und sein Crickethemd – wunderbar leichte Sachen, kein steifer Kragen heute Morgen. Während der Zugfahrt würde er natürlich noch eine Krawatte tragen, am Meer dagegen mit offenem Kragen herumlaufen.
Dann zog er seine Norfolkjacke an und seine festen braunen Wanderschuhe und ging pfeifend die Treppe hinab. Herrlich, wie diese festen Schuhe klopften.
