Zweieinhalb Störche - Claudiu Florian - E-Book

Zweieinhalb Störche E-Book

Claudiu Florian

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Beschreibung

Eine Kindheit Mitte der siebziger Jahre. Ein Junge wächst auf bei seinen Großeltern (den beiden "Störchen") in einem kleinen, abgelegenen Ort an der "Europastraße 60". Der Großvater ist Rumäne, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener Gendarm und entschiedener Gegner "Dieser", der Macher in Bukarest; die Großmutter deutschstämmig und in der Tradition der Siebenbürger Sachsen lebend, wacht über Hof und Familie und darüber, dass der Großvater nicht zu oft in der Dorfkneipe gesehen wird. Die Eltern leben in Bukarest, wo der Vater als Theaterregisseur arbeitet. Selten haben sie Zeit, ihren einzigen Sohn zu sehen oder ihm die große und befremdliche Stadt Bukarest zu zeigen. Die beschauliche, fast unheimliche Ruhe des Dorf- und Familienlebens erfährt aufwühlende Unterbrechung durch Verwandte, mal "Ausdeutschland", mal aus der Walachei, die mit ihren Autos (mal Mercedes, mal Dacia) und wunderbaren Mitbringseln Aufsehen und Freude erregen und manchmal Sehnsucht nach einem anderen Leben hinterlassen. Diese scheinbare Idylle ist endgültig dahin, als "Diese" den Vater aus seinem Theater entlassen und den Großeltern ihr Haus wegnehmen ...

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EPUB

Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Claudiu M. Florian

ZWEIEINHALB STÖRCHE

Roman einer Kindheit in Siebenbürgen

:TRANSIT

© 2008 by : TRANSIT BuchverlagGneisenaustraße 2 | 10961 Berlinwww.transit-verlag.de

Umschlaggestaltung, unter Verwendung eines Fotos aus dem Archiv des Autors, und Layout: Gudrun Fröba

eISBN:978-3-887-47278-8

Inhalt

Impressum

MEHRERLEI

DER WEISSE MERCEDES

ALLES OLTENER

IN DER WALACHEI

FALKEN DES VATERLANDES

Glossar einiger spezifischer Begriffe im Text

Über den Autor

»Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste.«

Lorenz Jäger

MEHRERLEI

Alles ist mehrerlei. Die Menschen hier wie die Menschen woanders, die eine Sprache wie die andere, unsere Feier zu Hause wie die Feier im rotbraunen Fernseher. Es ist nicht alles eins. Es ist alles zwei. Oder drei. Oder vier.

Es ist Heiligabend, und wir sitzen zu dritt vor dem bunt geschmückten Tannenbaum und singen. Doch singen tun wir nicht zu dritt, nur sitzen, denn die Sprache hilft uns nämlich nicht allen weiter. »O, Tannenbaum …«, ertönt unser kleines Ständchen, von der Großmutter und von mir, wobei der Großvater nur dabeisitzt und leise summt. Er spricht die Sprache dieses Liedes nicht, und rein vom Hören her wird er recht wenig mitbekommen vom Duzen des Nadelbäumchens und von dessen Blühen nicht nur zur Sommerzeit. Allein der Anblick wird ihn wohl feststellen lassen, dass auch im Winter, wenn es schneit, das grüne Gewächs vor unseren Augen in vollem Schmuck auflebt.

Danach ist er es, den ich singend begleite: »O, brad frumos …«, und es ist die Großmutter, die jetzt leise summt, obwohl sie diese andere Sprache des gleichen Liedes versteht und auch spricht. Sie lässt aber den Großvater zu Lied kommen, sind sie doch so selten, die Male, wo wir gemütlich zu dritt sitzen und ich jeden von ihnen begleite. Die Sprachen des Liedes trennen uns weitaus weniger, als uns die Melodie und der Anlass desselben vereint. Ich – ich verstehe beide und weiß auch, dass sie das gleiche erzählen in den beiden Sprachen, deren sich die Großmutter und der Großvater auch sonst jeweils bedienen in all dem, was sie zu sagen haben, und die sich oft in schlichten Einzelheiten ergänzen. »O brad frumos« heißt auf Rumänisch: »O, schöner Tannenbaum«.

So wie beim Mitsingen bin ich der einzige, der mit beiden mitreden kann in der jeweiligen Sprache. Das liegt daran, dass der Großvater die Sprache der Großmutter nicht spricht und letztere in der Sprache des Großvaters nicht singt.

Denn die Großmutter und der Großvater sind selber mehrerlei.

Ebenso die paar Postkarten mit Weihnachtsgrüßen. Die eine kommt vom Nenea Suciu, hier aus dem Ort, vom Großvater ein alter Freund – die Großmutter nennt ihn Saufbruder. Ich sag Nenea zu ihm. Nenea heißt auf Rumänisch »Onkel«. Ein Onkel, der kein richtiger Onkel ist. Nur ein Bekannter. Der Nenea Suciu ist oft bei uns, kuckt jedes Mal bescheiden und traurig und immer trauriger in den leer-voll-leer-voll-leeren Weinbecher und erzählt immer wieder dieselben Geschichten aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Oft geht er vor unserem Haus auf oder ab, da er jeden Tag einmal durch den Ort spaziert, bloß um sicher zu sein, dass die Gassen alle noch richtig führen. Zu Weihnachten schreibt er dann was auf eine bunte Karte mit singenden Kindern im Schnee, in rumänischer Volkstracht, unter dem Glückwunsch »Sărbători fericite«, was soviel heißt wie »Frohe Feiern«. Die Karte kriegt dann der Ghitză, der Poschtasch, und wir finden sie etwas später im Postlädchen an unserem Haustor, Endziel aller richtig führenden Gassen.

Die anderen Postkarten sind ebenfalls bunt, mit einem dicken rotweißschwarzen Bärtigen in einem flinken Schlitten, der über der Gratulation »Frohe Weihnachten« rennt, doch die kommen nicht von hier, aus dem Ort. Daraus liest die Großmutter mir vor: »Frohe Weihnachten wünschen Georg und Familie«, – und oder »Michael und Familie«. Das sind Onkels, und zwar richtige, und ihretwegen muss der Ghitză, der Poschtasch, wohl über viele Gassen wandern, um die Karten den Weg von ihren Schreibern bis hierher finden zu lassen. Denn die beiden Onkels schreiben ihre Karten Ausdeutschland.

Wir sind hier. Doch wir sind nicht alleine – und hier ist auch nicht der einzige Ort auf der Welt. Der Himmel endet zwar in den Wäldern jenseits des Tales und hinter der Burg, und zwischen den Hügeln links und rechts in der Ferne, doch all das, was er hier bedeckt, ist auch nur ein weiterer Teil des Mehrerlei. Denn Orte gibt es noch mindestens zwei auf der Welt. Oder drei.

Einer ist Seiburg, wo der Otata lebt, der Urgroßvater. Von oben, von der Burg, sind nur die Bergkämme ringsherum zu sehen, und hin gelangt man nur mit dem Bus. Dort wird meist Sächsisch geredet, von manchen hier gar nicht zu verstehen, und mehr auf der Erde und mit der Erde umgegangen, da die Gassen dort meist erdig und nur vor den Häusern gepflastert sind, mit Bachstein, und noch vor dem Ortseingang die Menschen sich beschäftigt auf den Feldern über die Erde beugen und diese bezupfen oder mit langstieligen Geräten durchkneten. Täglich taucht ein ratternder Bus voller Menschen bis auf den Seiburger Grund, setzt dort ein paar ab und holt Stunden später ein paar auch wieder zurück, darunter ab und zu dieselben, nämlich die Großmutter und mich. Er bringt uns hin, zur zahlreichen Sippschaft, und schafft uns zurück, zum alleinigen Großvater.

Dann gibt es Dacia. Das Dorf liegt zwischen unserem Ort und Seiburg und ist von oben, von der Burg, zu sehen, mit der Spitze seines Kirchturms und ein paar Dachgiebeln inmitten der Hügellandschaft. Auch dort steigen jedes Mal welche aus dem Bus ab und welche wieder auf. Dacia ist kaum mehr als eine Zwischenstation mit ein paar ewig wartenden Leuten, ein kurzer Halt auf dem Weg vom örtlichen Himmel zur Seiburger Erde.

Und dann gibt es Indeutschland. Es ist ein Ort, anerkannt wie ungreifbar, ihn gibt es, aber es gibt ihn auch nicht. Indeutschland ist nirgendwo zu sehen, auch nicht von oben, von der Burg. Trotzdem scheinen alle darüber Bescheid zu wissen, und trotzdem kommen von dort immer wieder vertraute Figuren. Sie sorgen für Gespräch und Aufregung, um dann wieder schnell zu verschwinden. Doch selber hinfahren, wie nach Seiburg zum Otata, bloß um sie zu besuchen, das geht nicht. Kein ratternder Bus scheint dorthin zu fahren, das Land gibt es nur in den Geschichten, die man darüber erzählt, und es sind diese, die häufig raren, mitgehörten, schwindenden und immer wieder neu auflebenden alten Geschichten, die es zum Märchen werden lassen. Zum Märchenland. Die wenigen von hier, die irgendwann auswandern, ziehen ins Märchenland, und dann gibt es auch sie nicht mehr. Nur von Zeit zu Zeit treten sie wieder in Erscheinung, werden für ein paar Tage zu denen, die sie einmal waren, und erzählen nunmehr ihrerseits Geschichten. Neue Geschichten. Dann lösen sie sich wieder auf, irgendwo am Ende der Hauptstraße, und gehen in die Geschichten der Zurückgebliebenen über. Dabei scheint Indeutschland ein recht jammernswerter Ort zu sein: Alle, die von dort vorbeikommen, und auch die, die erstmals für immer dorthin ziehen, drängt es vor der Abfahrt zum Weinen. Manche weinen schon bei der Ankunft.

Irgendwo scheint es noch einen weiteren Ort zu geben, den es in diesem Sinne ebenfalls gar nicht gibt: Bukarest. Obwohl auch der häufig in allerhand Geschichten auftritt, ist es kein Märchenort. Niemand weint seinetwegen, keine sagenumwobenen Figuren kommen und gehen seinetwegen ortsein-ortsaus, auch ist dort kein Kirchturm aus der Ferne und keine Busstation voller wartender Menschen zu sehen, kein Otata lebt dort und unter den hiesigen Himmel gehört er auch nicht. Es lässt sich leicht sagen, was Bukarest nicht ist, doch komme ich nicht darauf, was es denn sein könnte. Dort soll es welche geben, die angeblich auch hierher gehören, die etwas mit hier und mit uns allen zu tun haben sollen, die aber selten hier zu sehen sind. Das sollen Eltern sein, richtige Eltern. Ein ungewöhnlicher Begriff, wie ein Geheimnis in einer längst dahin treibenden Flaschenpost.

Die Großmutter und der Großvater sollen auch nicht die richtige Mutter und der richtige Vater von mir sein. Das versucht man mir seit einiger Zeit geduldig einzureden. Mutter und Vater sollen die beiden fröhlichen Leute sein, die uns hin und wieder besuchen und sich dabei wie zu Hause fühlen.

Sie leben in jenem Bukarest, das wohl jenseits von Dacia und Seiburg liegt und von dort oben, von der Burg, auch gar nicht zu sehen ist. Denn wenn sie vorbeikommen, heißt es immer, sie kämen aus Bukarest.

Oben in der Winterküche, über dem Fernseher, zwischen dem Fenster zur Burg und der grünen Kredenz, hängt in einem schlichten goldgelben Rahmen ein Gemälde mit viel Blau. Hellblau, mit manch dunkleren Tönen. An einem verschwommenen Meeresufer zwischen Himmel und Erde sitzt auf einem einsamen Felsen eine junge Frau, in einem schaumtürkisenen Kleid, einer wolkenfarbenen Spitzenhaube, auf der Schulter ein kleiner, offener Sonnenschirm. Ihr träumerischer Blick verliert sich geduldig in der Ferne, über dem Meer, irgendwo in Richtung Burg. Denn sie sitzt mit dem Rücken zur grünen Kredenz und der Sonnenschirm schützt sie manchmal tagsüber vor der Flut heißer Sonnenstrahlen aus dem herrlich durchleuchteten Fenster. Farblich gehen das Meer, der Himmel, ihr Kleid und der Schirm beinahe ineinander über. Nur ihr Gesicht, die Sonne, jene im Bild, und der Felsen tragen eine andere, eine hellsandene Farbe. An manchen Nachmittagen verstärkt durch die richtige Sonne von draußen.

Die Großmutter, als ich sie fragte, wer das Mädchen im Bild denn sei, versank in Gedanken:

– Das ist deine Mutter.

Ganz im Klaren bin ich mir damit nicht: ist es demnach sie selber, die Großmutter? Warum dann aber hat sie nicht einfach gesagt: »Das bin ich«? Aber nein – sie ist es nicht. Sie habe ich zwar öfter träumerisch und himmelblau blicken sehen, doch niemals ins Meer. Hier gibt es kein Meer. Nur die Wälder, die Hügelwiesen, die Burg. Also wird es doch jemand anders sein. Jemand, der mir gehört. Eine Mutter soll angeblich auch jemandem gehören. Warum dann nicht mir?

Im Mittleren Zimmer, an der Wand neben der schwarzen Kredenz, im Dreieck mit dem großen Klavierflügel in der einen und dem schwarzen Radio in der anderen Ecke gegenüber, hängt, dunkelbraun-breit umrahmt hinter einer Glasscheibe, ein großes Foto. Daraus blickt ein strenges Gesicht, gefasst in einen schwarzen Vollbart, unter einer gewaltigen, eisernen Mütze. Großmutters Antwort auf meine Frage, wer denn das wieder sei, lässt mich einmal mehr im Unklaren: – Das ist dein Vater.

Nachbar Melchior, der Vater der drei Melchior-Jungen, ist rundlich, trägt ständig eine abgewetzte Baskenmütze und eine blaue Schürze, füttert Schweine und schleppt volle Säcke. Der Schuller gegenüber, der Vater von der Ingrid und vom Mischi, geht jeden Morgen mit einer schwarzen Aktentasche in die Arbeit, und der Vater vom Emerich sitzt oft vor dem Haus, in einem weißen Fauteuil aus geschälter Korbweide, mit einer Decke über den Knien und blickt sanft die Gasse hinunter. Väter sind demnach auch mehrerlei. Das Gemeinsame an den einen ist, dass sie tagtäglich dasselbe tun und dabei auch immer zu sehen sind. Nur der angeblich meine hängt die ganze Zeit eisern bemützt und eingerahmt im Mittleren Zimmer und blickt finster, ohne auch nur einmal hervorzutreten, um richtig bei uns zu sein. Andererseits ist der harte Blick leichter zu ertragen angesichts des Gedankens, dass es wohl besser sei, eine derart strenge Gestalt nicht direkt bei sich zu haben.

– Dort hat er den Mihai Viteazu gespielt, dein Vater. Du kannst stolz auf ihn sein.

Großmutters Ergänzung hilft mir auch nicht weiter. Wie kann ich auf jemanden stolz sein, den ich gar nicht kenne? Und wie kann jemand jemand anderen spielen? Nun ja… Eigentlich spiele ich doch auch mit den Gummitieren und mit den kleinen Autos und gebe vor, sie zu sein, wobei ich all deren Töne und Eigenschaften nachmache. So wird das wohl auch mit dem Spielen vom Mihai Viteazu gewesen sein, der auf Deutsch »Michael der Tapfere« heißt und vor langer, langer Zeit in einer Geschichte, in einer rumänischen Geschichte gelebt hat. Oder hat die Großmutter sich nur versprochen – hat sie sagen wollen, er hat mit dem Mihai Viteazu gespielt? Mit jemandem in einer Geschichte spielen, das will ich auch.

Abends, wenn die Großmutter manchmal an meinem Bettende auf dem Liedchen »Schlaf, Kindchen, schlaf« beharrt, ist immer wieder darin die Rede vom Vater, der die Schaf’ hütet, und von der Mutter, die Bäumelein schüttelt. Dann gebe ich mich der Vorstellung hin, das zarte Mädchen zwischen zwei Sonnen, aus dem traumblauen Bild zum Burgfenster, und der strenge Mann mit Vollbart und Eisenmütze im Foto vor dem Klavierflügel stiegen aus ihren Rahmen heraus, glitten sanft durch die Räume, träfen sich auf dem Balkon und schritten gemeinsam, Hand in Hand, in den Hof, unter den großen Apfelbaum und die beiden Weichselbäume, die zu schütteln das Mädchen beginnt, während der strenge Tapfere sich wohl noch weiter begibt auf die Gasse und den Steg hinauf hinter die Burg, zum Barta, dem Ungar, der dort seine paar Schafe hält, die sich hüten ließen.

Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist, wie die heruntergefallenen Träumelein wohl aussehen. Womöglich wie die Weichseln – purpurrot schimmernd im dunkelgrünen Laub, ständig Wünsche schürend, nebst einem häufig gebrochenen Versprechen nach einem sauersüß-saftigen Biss.

Schließlich zerbröselt der Sandmann vor den halboffenen Augen das Gebilde von Mutter und Vater, der Zauber löst sich auf, und die beiden luftigen Gestalten huschen in ihre Rahmen zurück.

Drei Häuser weiter, bei uns auf der Gasse, lebt ein alter Onkel. Ein sehr alter Onkel. Sehr, sehr alt. Er heißt Adam, und er ist nie anders gewesen als nur alt. Der Großvater und die Großmutter haben gar kein Alter, sie sind einfach so wie sie sind und anders kann ich sie mir nicht vorstellen – obwohl es manchmal heißt, sie seien einmal auch so klein gewesen wie ich. Das wäre lustig: jedem von ihnen einmal auf gleicher Augenhöhe gegenüber zu stehen, der Großmutter in ihre blauen Augen hinter den Augengläsern unter dem kaumbunten Kopftuch zu blicken und mit dem Großvater, mit seinen Furchen in den Augenwinkeln, die ihn fast ständig lächeln lassen, und mit seinem dreiteiligen, nur kleineren Anzug, im Sand zu spielen.

Der Adam lässt sich selten auf der Gasse sehen. Und wenn, dann fast immer nur ganz nahe an seinem Haus, im Vorbeigehen, mit unsäglich kleinen und langsamen Schritten. Die Leute sagen Adam-B atschi zu ihm, und die Großmutter, wenn sie von ihm redet, sagt »der Arme«. Nicht weil er arm, sondern weil er eben alt und einsam ist.

Seit mir die Großmutter unlängst von einem Buch erzählt hat, in dem eine besondere Geschichte geschrieben stünde, die vom ersten Menschen auf Erden erzählen soll, als sie mir dann auch noch gesagt hat, jener erste Mensch habe Adam geheißen – seither ist meine Aufregung kaum noch zu mäßigen, denn ich bin mir sicher: Er, der uralte Adam, ist der erste Mensch! Ich bin Nachbar des ersten Menschen, den es auf der Welt gegeben hat! Seine Einsamkeit finde ich nicht bedauernswert, sie lässt mich eher eine gewisse Unruhe und sogar Angst verspüren, wenn ich ihn sehe. Der Mensch, der jetzt alleine geht, der ist schon alleine gegangen, als es noch keinen anderen Menschen auf der Erde gegeben hat. Selbst mich nicht. Ich stelle mir die Welt so wie jetzt vor, nur ohne Nachbarn und ohne Autos und ohne Häuser, selbst ohne Großvater und Großmutter. Vielleicht auch ohne Indeutschland. Nur Gras und Wald und das Tal jenseits unseres Gartens. Und irgendwo in dieser grünen Öde, auf unserer leeren Gasse, mit den gleichen kleinen, langsamen Schritten auf dem Trottoir, den Adam. Ich habe ihn nie woanders gehen sehen als die Gasse auf und ab und nur in der Nähe seines Hauses und meistens auf es zu. Ich habe ihn auch nie mit jemand anderem reden sehen – wie denn auch? Er ist so alt wie die Zeit. Und mit der kann man nicht reden. Man kann sie nur, manchmal, in ihrem Vorüberziehen betrachten.

Die Zeit hier ist ebenfalls mehrerlei.

Auch das Brennen der Feuer im Ofen ist mehrerlei. Brennt es ab und zu mal im Kachelofen im Winterzimmer, so wärmt es die Gäste. Gäste sind immer wichtig, vor allem solche, die bei uns übernachten. Im Winterzimmer steht auch das große Doppelbett, und im Winter wird dort nur für Gäste geheizt.

Brennt es im runden Blechofen im Mittleren Zimmer, so brennt es für unser eigenes winternächtliches Wohlbefinden. Der nachgefüllte Kessel voller Sägemehl wird jeden Abend frisch angezündet, um alsbald lichterloh zu brennen, den Ofen bei abgeschaltetem Licht rot anlaufen zu lassen und dann schrittweise, bis zum frühen Morgen, wieder abzukühlen. An Wintertagen ist es im Mittleren Zimmer ständig laukalt.

Brennt es im Vesta-Ofen im Vorderzimmer, das von Zeit zu Zeit auch noch Winterküche heißt, weil wir im Winter uns tagsüber die meiste Zeit da herumtummeln, so heizt es dessen gusseiserne Platten voller Schüsseln und Töpfe, dazu auch den eingebauten Backofen. Es ist ein doppelt nützliches Feuer, das neben unserem Äußeren auch unser Inneres wärmt, mit den darauf zubereiteten Suppen und Gerichten.

Kein Feuer brennt hingegen in der Kammer, wo noch ein weiterer, ein alter, gusseiserner Ofen abgestellt steht. Dessen schlanke Form ist mit Mustern und erstarrten Engelchen verziert, und der enge Rachen, verdeckt von einem kleinen Türchen mit einem stumpfen Hakengriff, schluckt keine dicken Holzklötze und würde somit auch nicht andauernd heizen. Die dünne Wärme seines Feuers – das es eigentlich nicht mehr gibt – würde für keines der geräumigen Zimmer ausreichen und scheint eher für eine schlichte, frühere Gemütlichkeit geschaffen gewesen zu sein, heute nicht mehr zu gebrauchen.

Mitten im Ort steht der mächtige Kirchturm, von der Kirche selbst um eine Hofbreite getrennt. Es ist der Sachsenturm – auf Rumänisch »Turnul Saşilor«, was das gleiche bedeutet, jedoch zwei Wörter benötigt. Sein Glockengeläut dringt tagtäglich bis weit über die Berge durch, mittags um zwölf, wenn es Zwölf-Uhr-Mittag läutet. Auf Rumänisch sagt man: »trage de prânz«, wobei trage sowohl »ziehen« als auch »schießen« bedeutet. »Es zieht zum Mittag«, oder aber »es schießt zum Mittag«? Auf meine Frage, wer denn schieße, kriege ich keine zufrieden stellende Antwort, und meine Sicherheit beim eindeutigen deutschen »es läutet« ist in diesem Fall, auf den manchmal getrennten Wegen der rumänischen Sprache, dahin. Sonntags und an Feiertagen läutet es sanft und lang, dann wird in der Kirche und zu Hause gesessen und gefeiert oder bloß gesessen.

Hin und wieder zieht ein rauer, tieferer Ton über den Ort, der die Großmutter jedes Mal sagen lässt: »Wer wird bloß wieder gestorben sein?«, und drei Tage später rollt langsam das schwarze Gespann, davor die Blaskapelle und dahinter ein langer Schweif dunkel gekleideter, auf die Erde blickender Menschen, entlang der oberen Promenade, unter den Kastanienbäumen, bis zum »Ort der Ruhe«.

Das Mehrerlei der Töne aus dem Sachsenturm weiß am besten die Großmutter zu deuten, da mein Gehör meistens ein und denselben Klang wahrzunehmen meint, und der Großvater eher auf das fernere Glockengeläut der kleinen Kirche eingestellt ist. Ortauswärts, in Richtung »Hill«, wie die meisten den großen Hügel in der Ferne nennen, wacht hinter den Schulter an Schulter stehenden Häusern eine zweite Kirche, deren Glockenturm nicht abseits steht, aber auch bei weitem nicht so groß ist wie der Sachsenturm. Sie heißt »Rumänenkirche«, wohl deswegen, weil ihr gedämpfter Glockenzug nunmehr den Großvater aufhorchen und sich besinnen lässt, jedes Mal, wenn ihr feines Geläut Gassen, Höfe, Ohren und Gemüt erreicht. Oft folgt er dem Glockenruf der Rumänenkirche – Sonntags immer – und geht in den Ort. Manchmal auch nur, um der Ursache für manch unerwartetes Geläut nachzugehen.

An der Wegscheidung zur Obergasse, am Anfang der oberen Promenade unter den Kastanienbäumen, steht hinter einem Vorgarten ein weiterer Turm mitsamt Kirche, und es heißt, die besuchen die Ungarn, das sei die »Ungarnkirche«. Den einen Torpfeiler verziert das Steinbild einer Rieseneichel mit drei übereinander liegenden Kronen, während auf dem anderen ein grimmiges steinernes Gesicht zu sehen ist. Weder die Großmutter noch der Großvater achten auf sein gelegentliches Geläut, aber auch dessen dröhnende Sprache wissen beide zu deuten. Obwohl die Ungarnkirche am nächsten zu unserem Zuhause liegt, gehen beide, wenn, dann zur ferner stehenden Rumänenkirche oder zur Kirche am Sachsenturm.

Die Sprachen der Glocken sind gar nicht einfach zu unterscheiden, da ihr Klang meinen Ohren zum Verwechseln ähnlich erscheint, und allein die Entfernung des Geläuts mich erkennen lässt, welche der Kirchen gerade ihre Glocke schwingt. Es gibt auch Zeiten, da läuten sie alle zugleich, was das Glockenspiel endlos vereinfacht, vom deutungsbedürftigen Mehrerlei zum gleichmütigen Einerlei.

Weniger ähnlich und verwechselbar als das Mehrerlei der Glockentöne ist das Mehrerlei der Sprachen. Mit dem Großvater spreche ich nicht in der gleichen Sprache wie mit der Großmutter, er selbst aber spricht mit ihr so wie mit mir. Obwohl er nicht mehr als nur Rumänisch spricht. Durch ihn finden wir alle die Sprache der Verständigung. Die Großmutter wiederum spricht mit mir Deutsch – und somit anders als mit den Nachbarn oder mit der sächsischen Sippschaft. Fühlt sich ihr Deutsch-mit-mir an wie ein fliegender Teppich, rau, doch mit geraden Kanten und fransenlos, so klingt ihr Sächsisch-mit-den-anderen wie fliegende Fransen, ohne Teppich. Hingegen ist Großvaters Sprache die Sprache des Doktor Voicu, der Menschlein im rotbraunen Fernseher und in den gezielt gesuchten und herbeigerufenen Sendungen im schwarzen Radio. Ebenso ist es die Sprache des »O brad frumos«, des Genossen im Fernseher, des Nenea Suciu und anderer Saufbrüder. In einiger Nachbarschaft wird auch noch Ungarisch gesprochen, allen zuvor nebenan, bei der Paula-Tante, Emerichs Großmutter, die aber ganz gelassen umschaltet, wenn sie bei uns zuhause Deutsch mit der Großmutter, Rumänisch mit dem Großvater oder Unsinn mit mir redet. Dass sich Ungarisch äußerst fremd anhört, ist kein Grund, sich nicht auf Anhieb zu verständigen, da jene, die in dieser Sprache untereinander reden, es verstehen, wie wir alle in einer fremden Gesellschaft, sich sofort auf das bereitstehende Dreirad der gemeinsamen rumänischen Sprache zu schwingen. Die hier vorhandenen Sprachen lassen keinen unaufgeklärt seines Weges weiterziehen. Jede Begegnung auf der Gasse, jede Begrüßung in einer gemeinsamen Sprache und jeder kurze Halt fügen neues Wissen über das Befinden des Anderen hinzu. Nicht alle sprechen Deutsch, auch nicht Sächsisch und auch nicht Ungarisch, doch alle sprechen Rumänisch. Es ist die Weltsprache, die keinen unwissend davonkommen lässt. Selbst wenn die Töne dabei unterschiedlich in Kehlen, über Zungenspitzen oder zwischen den Zähnen rollen.

Im rotbraunen Fernseher wird heute Abend ebenfalls gefeiert. Aber ohne Tannenbaum und Kerzen und Lieder. Geschenke und Mehlspeisen sind auch keine dabei. Dafür gibt es häufig Bilder mit Fabriken und Baustellen und vielen Menschlein, die dem Genossen eifrig zuwinken oder ihn beklatschen, sei es vom Trottoir, in einem der dachlosen, vorbeifahrenden Autos, sei es in einem Saal wie ein Käfig, wo alle, ganz klein, in zahlreichen Reihen sitzen und ihn an einem schmalen Tischlein vor sich stehen und reden haben. Wie er denn so schnell und überall sein kann, frage ich mich schon lange, ohne darauf eine zufrieden stellende Antwort zu erhalten.

Im Fernseher wird der langsame Ausklang eines besonderen Jahres gefeiert, in dem unser sozialistisches Vaterland weitere große Schritte auf dem Weg der Unabhängigkeit, des Fortschritts und der Anerkennung in der Welt gemacht hat. Dann wird etwas von der unlängst stattgefundenen Reise des Genossen und seiner Frau – eine Tante mit aufgeblähten Haaren, genauso klein wie er – in irgendwelchen Staaten erzählt, die vereinigt in Amerika liegen sollen. Von großer Freundschaft und von einer gemeinsamen Erklärung, die dabei unterzeichnet worden sein soll. Dabei zeigt man tatsächlich zwei Onkels, einer davon der Genosse, an einem Tisch sitzen und etwas zeichnen, dahinter welche stehend, mit allerhand Heften und Papieren in der Hand. Dann wird von neuen Kontakten zu bedeutenden Einrichtungen erzählt – dabei spricht der Erzähler immer wieder von Interessen des Vaterlandes und von großen Zeichen unserer Zeit.

Es ist nicht das erste Mal, dass im rotbraunen Fernseher auf Rumänisch gesprochen wird und dass ich kaum ein Wort davon verstehe, als wäre es eine völlig andere Sprache. In ebenso komischen Wörtern wird weiter von Währungsfonds und Helsinki, einer kürzlich stattgefundenen Reise nach Moskau, von einer beschlossenen Zusammenarbeit zwischen sozialistischen Ländern und vom soeben getroffenen Entschluss erzählt, in unserem Land, in Cernavodă an der unteren Donau, eine große Burg der Energie, ein Kernkraftwerk, zu bauen. Doch alles im Fernseher, die Bilder, die seltsamen Burgen, die komischen Geschichten, die feierliche Musik, alles sieht anders aus und klingt anders als hier. Die Großmutter und der Großvater kucken auch nur ganz flüchtig hin und drehen ihn leiser und immer leiser.

Nein, die Feier der Menschlein im Fernseher mit rotbrauner Hülle gleicht nicht der Feier bei uns zuhause.

Ich bin Kaiser und König.

Selbst bei diesem reichlichen Weihnachtsmahl ist es mir eben gelungen, schneller als der Großvater und die Großmutter den Teller vor mir leer zu räumen. Dafür ernenne ich mich selber zur doppelten Hoheit und gedenke, mich zu erheben, um zu sehen, was drüben, unter dem Christbaum im Mittleren Zimmer, der gewiss auf des Weihnachtsmanns Weg von irgendwoher nach irgendwohin liegt, noch so alles los ist. Dabei rechne ich nicht mit Großmutters ruhigem, gleichwohl keinen Widerspruch duldenden Befehl: – Bleib schön sitzen!

Ob schön oder nicht, ich erstarre auf halbem Weg und stelle fest, dass selbst ein Kaiser und König manchmal höheren Mächten zu gehorchen hat. Da der Weihnachtsmann sich noch nicht hat blicken lassen, lauere ich ihm schon die ganze Zeit, abwechselnd, am Fenster zur Gasse und an der Tür zum Gang, mit seinen langen Dielen entlang des Hauses, entgegen. Da durch die hölzerne Doppeltür bei erwartungsvollem Öffnen ein eisiger Hauch klirrender Kälte hereinzieht, bemerkt die Großmutter schließlich, der Weihnachtsmann käme, wann er eben Zeit hätte und nicht, wann ich es gerne wolle. So dass ich mich nur noch ins Warme zurückziehe und meine Ungeduld einwickeln lasse, an beiden Enden zugeschnürt wie ein am Christbaum hängendes Weihnachtsbombonz, am einen Ende vom rumänischen »Telejurnal« im rotbraunen Fernseher, stumm verfolgt vom Großvater, und am anderen von den deutschen Weihnachtsliedern im schwarzen Radio, untermalt vom Glockengeläut – so die Großmutter – »aus allen deutschen Domen«. Irgendwann, während meines Pendelns zwischen den fröhlich-aufgeregten, schwarzweißen Menschlein im Fernseher, die immer wieder was vom nächsten Jahr »höchster Bedeutung«, von »Parteikongress« und »nächster Fünfjahresplan« und wieder von »Helsinki« erzählen, und dem Lied »Oh, du Fröhliche« nebenan, muss der Weihnachtsmann sich bis an den Christbaum heranschleichen – vielleicht jetzt! – und dort seine Geschenke für uns hinterlassen.

Ein komischer Mann, dieser Weihnachtsmann, der erstmal unbemerkt bleiben will, obwohl er doch offensichtlich guten Willens kommt, der sich nicht entscheiden kann, ob er nun »Weihnachtsmann« oder »Frostmann« heißt, und der nur einmal im Jahr auftaucht, einmal zwischen dem Geläut aller deutscher Dome und dem Gerede vom Fünfjahresplan!

Wie der Weihnachtsmann wohl ins Haus steigen soll, ist mir ein Rätsel. Normalerweise rutscht er den Schornstein runter, doch pflegt die Großmutter manchmal zu sagen: »Was ist denn heutzutage noch normal?« Dabei mündet der eine Schornstein hierher, in den Vesta-Ofen, auf dem der Topf und in dessen noch heißem Backrohr die Schüsseln mit angebrochenen Gerichten stehen, der andere in den mittlerweile glühend roten Blechofen im Mittleren Zimmer. Kein guter Ausgang für den Weihnachtsmann! Das kenn’ ich vom pechschwarzen Schornsteinfeger, der im Sommer mit seinen runden Drahtbürsten vorbeikommt und sich damit unter dem Dach zu schaffen macht. Der Schornsteinfeger ist auch so eine Art Weihnachtsmann, bloß ein sommerlicher, der keine Geschenke mitbringt, nur Ruß und – so die Erika – Glück, was immer das auch sein mag. Und rot-weiß-schwarz ist er auch nicht. Nur schwarz. Plötzlich leuchtet mir ein, wo der Weihnachtsmann doch herein kann: durch den dritten Schornstein, über dem Kachelofen im Winterzimmer. Dort brennt nämlich kein Feuer, da zur Zeit niemand drin wohnt.

Viel Sinn macht es nicht, weiter am gedeckten Tisch in der Winterküche zu sitzen, da der Schweinsbraten bereits halb aufgegessen ist, die Salat-de-B oeuf-T atze angegriffen und Großvaters Weinbecher wieder leer steht.

Während die Großmutter kurz hinüber ins Christbaumzimmer geht, denke ich an die Zeit zurück, als der halbe Schweinsbraten vor mir noch ein ganzes Schwein war. Gekauft worden ist es letzten Frühling auf dem Viehmarkt, der Großvater hat es als Ferkel in einem Sack nach Hause gebracht. Eine Zeit lang sind wir zusammen gewachsen, es im Schweinestall, ich da draußen, im Haus und im Hof. Zu ihm, als es vor dem Füttern tobte, hat der Großvater geschrieen, zu mir, beim Lärmen danach, schreit die Großmutter, doch beide sind zufrieden gewesen, dass wir aßen, denn von Tag zu Tag sind wir gewachsen. Irgendwann hat es mich dann eingeholt, ist viel schneller größer und dicker geworden als ich. Doch der Herbst hat uns getrennt. Während ich in den Kindergarten gekommen bin, ist das Schwein – das schon lange kein Ferkel mehr war – mehr und mehr mit musterndem Blick angesehen worden. Ihm stellte man um die nächste Weihnachtszeit ein besonderes Ereignis in Aussicht, während man von mir und meiner Zukunft etwas langfristiger diskutiert. Schließlich habe ich letzte Woche, beim schon lange angedeuteten besonderen Ereignis, nicht teilnehmen dürfen, da es hieß, ich müsse mich dem täglichen Kindergartengang fügen. Was an jenem Tag mit dem mittlerweile gewichtigen und tief grunzenden Schwein geschehen ist, das hat bei uns im Hof stattgefunden, mit zahlreichen, eifrigen Hilfskräften, geschwätzigen Tanten und kräftig zupackenden Onkels aus der Nachbarschaft, manche bekannt, manche mir weniger bekannt. Dass ich nicht dabei sein durfte am letzten Morgen unseres Schweins, regt mich noch heute, im Nachhinein, auf: Man hat für eine Zeit, über drei Jahreszeiten, auf dem geschlossenen Raum des Hofes zusammen gelebt, was der eine nicht geschluckt hat, hat der andere gekriegt, wo der eine sich bewegte, hat der andere nichts zu suchen gehabt, worauf es beim einen ankam, ging den anderen nichts an. Dennoch war man irgendwie verbunden, und nicht allein deswegen, weil man auf demselben Hof gelebt hat. Einmal, sei es auch nur für eine kurze Zeit, ist man gleich alt gewesen. Das Schwein ist als Schweinskind her zu uns gekommen, bevor es schnell zu wachsen, groß zu werden und tief und tiefer zu grunzen begonnen hat.

In jenem Morgengrauen mit lauter Menschen im Hof und in der allein an diesem Wintertag mit viel Holz vollgeheizten Sommerküche, an jenem Tag mit dem Stürmen des Schweinestalls durch kräftige Männer in ausreichender Anzahl, um das große Tier zu packen, dessen Widerstand zu brechen, es zu fesseln und herauszuzerren, an jenem Tag habe ich als einziger in den Kindergarten gemusst. Ein Schwein zu schlachten, das sei nichts für Kinder. Auch nicht, wenn es das eigene Schwein ist.

Außerdem soll man im Kindergarten nicht fehlen: ist man nur so groß wie ich, hat man von morgens bis mittags dort zu sein und nirgendwo anders, schon gar nicht beim Schlachten.

In der kräftig durchheizten Sommerküche geht das zerlegte Schwein unter kochendem Wasser, in Blechschüsseln und Holzmulden, zwischen knetenden Händen und am Vorabend geschärften Messern, in Schinken, Grammeln, Speckhälften, Fleisch-, Leber- und Blutwürste über. Dabei immerhin habe ich mitmachen können, denn meine Kindergartenzeit war um. In der sonst um diese Jahreszeit verlassenen und kalten Küche quoll die Heiterkeit und Lebenslust der Anwesenden über die Topf- und Tellerränder hinaus, während im Schweinestall sich die Stille legt, die Kälte einnistet, der letzte Schweinemist gefriert und der Futtertrog austrocknet.

Bis zur nächsten Jahreszeit und zum nächsten Ferkel.

Die kurze Erinnerung an das gewesene Schwein und an die mir vorenthaltene Gelegenheit, bei dessen Abstechen dabei zu sein, erlischt unter dem satten Knattern der herbeigebrachten großen Blechdose in Großmutters Händen, von winzigen Rostpünktchen angeknabbert und voller selbstgebackener Honigkekse. Das üppige Essen wird vom Tisch geräumt und kommt in die kühle Speisekammer, auf die breite schräge Treppe zum Aufboden. Es ist Zeit für die Mehlspeise. Die Großmutter backt nicht selten, doch zu Weihnachten ist immer Besonderes von ihr zu erwarten.

Später, als ich mich erneut dem Christbaum nähere, stelle ich fest, dass ich den Weihnachtsmann auch in diesem Jahr verpasst habe. Unter dem Baum liegt nämlich ein Päckchen, in raues Blaupapier eingewickelt und mit weißem Zwirn gebunden. Ich darf es anfassen, packen und aufpacken. Die Großmutter und der Großvater lächeln gutmütig und besser wissend an meiner Seite und scheinen sich gar keine Gedanken darüber zu machen, wie und wann sich ein Fremder, sei es auch der Weihnachtsmann, in unser Haus rein und raus geschlichen hat. Sonst ist das ganz anders: sonst heißt es stets, Gassentor abschließen, damit bloß kein Zigeuner sich rein schleicht und etwas stiehlt. Der Weihnachtsmann, obwohl der es versteht, sich herbei zu schleichen, stiehlt aber auch nichts, sondern bringt jedes Mal was mit.

Das Blaupapier birgt eine bunt bemalte Kartonschachtel, diese wiederum rauschendes Papier, diesmal fein und weiß, und das feine Papier schließlich ein Auto. Ein beinahe richtiges, schwarzes Auto – was ihm fehlt, ist das Eisen anstelle von Blech und die richtige Kleine. Es ist zu groß und passt nicht in die Hosentasche. Plastik ist keins dabei – das ist schon mal gut! Es ist ein offener Wagen, spannenlang, mit einer fest umrahmten Windschutzscheibe aus – nun gut – Plastik, dafür aber glasig und durchsichtig. Auf dem Vordersitz hocken, brustaufwärts, zwei halbe Gummifiguren, beide mit vorgestreckten Pummelarmen, wobei nur die eine damit das Lenkrad berührt. Kleider, Haare und Gesichter sind ihnen an die weichen Gummiköpfe angemalt, wobei die Augen auffällig schmal und an den Schläfen in die Länge gezogen sind.

– Das sind Chinesen, – meint der Großvater kennerisch und schließt daraus: – Das ist ein Auto aus China. – Er bemerkt lächelnd: – Vom chinesischen Brudervolk. – Dann buchstabiert er von der Schachtel: – »Made in China«. Bitte, hier steht’s. Muss Englisch sein.

Das ist gut. Das ist schon mal gut. Ein greifbares, festes Geschenk vom Weihnachtsmann, nagelneu und auch mit einem Motor, der, wenn von Hand vorangetrieben, so richtig läuft und im Schwung zwei-drei Schritte von selber fährt, eh er stehen bleibt. Nur, in dieser Größe und aus China – wo liegt das überhaupt? Kommt der Weihnachtsmann denn aus China? Und dann auch noch mit den beiden Gummichinesen, davon einer mit albern und zwecklos vor sich gestreckten Armen, als wären sie gefesselt. Nein, entschiedene Sache: Damit kann ich keinen Besitzer eines richtigen eisernen Autochens in der Nachbarschaft beeindrucken. Das ist nicht gut. Das ist schon mal nicht gut.

Um mein neues Blechauto attraktiver und überzeugender zu gestalten, versuche ich, erstmal die beiden Chinesen loszuwerden. Die echten eisernen Autochen der anderen Jungen auf unserer Gasse sind wohl auch deswegen faszinierender, weil sie keine chinesischen Fahrer haben. Ein echtes, amerikanisches Auto hat Ausdeutschland zu sein. Darüber hinaus, ob aus Gummi oder echt, ein Fahrer fährt eben seinen Wagen. Doch bei uns hat so einer nichts zu suchen. In unseren Händen ist ein Wagen ohne Fahrer was Aufregendes: unvorhersehbar, zu allem fähig und zu allem bereit! Denn wenn – dann fahren wir. Und wer sich das von chinesischen Gummifahrern nehmen lässt, der kann kein allzu hohes Ansehen erwarten bei den anderen auf der Gasse.

Beim etwas mühsamen Herausrupfen des einen Halbfahrers gähnt an dessen Stelle ein großes, rundes Loch im Vordersitz. Das erinnert eher an die Luke eines als offener Wagen getarnten Panzers. Auch gut. Damit kann man sich bei den anderen schon mal eher blicken lassen – wenn man es ihnen denn auch richtig erklärt.

Die Großmutter und der Großvater scheinen im Augenblick andere Sorgen zu haben als die Haltung meiner beiden Chinesen. Vielmehr die Abwesenheit der beiden Eltern ist es, die sie in ihrem sachten Wortwechsel beschäftigt.

– Wie es den beiden wohl gelingen wird? – fragt die Großmutter zahm, und ich habe keine Ahnung, was sie damit meint. Brauch ich auch nicht, denn mir ist eben gelungen, den zweiten Chinesen aus dem Auto herauszubefördern.

– Die Premiere auf Heiligabend zu legen, – knurrt der Großvater, – so was konnten sich wirklich auch nur diese gottlosen Schurken ausdenken! Sie nehmen kein Ende, die Spielchen, die sie mit uns treiben! Und mit unserer Geduld!

Die Großmutter sagt weiter erstmal nichts, schweigt auf den Großvater beruhigend ein und holt Kuchen. Auf das große Holztablett hat sie jeweils ein großes Stück von den selbstgebackenen Apfel-, Rosinen- und Zitronenkuchen gelegt, das sie wiederum vor uns in kleine Stücke schneidet. Ich seh’s kommen, ich weiß es, ich merke es schon an Großvaters vom Weinbecher zum Kuchen wandernden Blick: – Na, lass dann uns auch mal von diesen Lügen kosten!

Die süßen, kleinen Happen, ob Kuchen, Kekse oder Bonbons, nennt der Großvater »Lügen«. Damit macht er es mir schwierig, das angeblich ausschließlich Böse an einer Lüge zu erkennen. Die Großmutter meint zu mir, Lügen seien immer schlecht, zu lügen sei abscheulich und widerlich und nicht gut. Und verdiene, sofort bestraft zu werden. Das wird dann wohl auch der Grund sein, weswegen der Fernseher oft Fäuste auf den Deckel kriegt: nicht bloß, weil er das Bild sandig zeigt oder ständig nach oben flitzen lässt, sondern vielmehr, weil, wie der Großvater oft behauptet, er voller Lügen steckt. Seit der Nenea Ghiţă dann wieder einmal da war, um das rotbraune Gehäuse hinten zu öffnen, und ich, zu meiner Enttäuschung, bei den vielen Lampen und dem fingerdicken Staub kein Menschlein und auch kein einziges Stückchen Kuchen darin entdecken konnte, ist mir klar geworden, dass auch Lügen mehrerlei sind.

– Der Călin kann doch nichts dafür, dass die Premiere auf den heutigen Abend festgelegt wurde, – nimmt die Großmutter dort auf, wo der Großvater genüsslich vor der ersten Lüge innegehalten hat. – Er hat zwar die Regie geführt, doch das andere ist ja nicht seine Entscheidung gewesen.

Jetzt ist es am Großvater zu schweigen. Wie abwesend lässt er die Zungenspitze hinter geschlossenen Lippen kursieren, zieht den ausgetrockneten Weinbecher an sich und schüttet aus der halbvollen weißen Flasche nach. Der Tisch steht schon längst leer, die angebrochenen Gerichte sind allesamt mit ihren Schüsseln, Tatzen und Töpfen in die kühle Kammer nebenan gewandert, auf die steilen Stufen der Leiter, als kröchen sie alle zum Aufboden, um dort auch die um diese Jahreszeit bestimmt frierenden Menschlein auf der Antenne zu sättigen, die darauf warten, im warmen Fernseher zu erscheinen. Allein die Kekse auf dem Teller und die losen Kuchenstücke auf dem Holztablett spiegeln sich blass und verzerrt im klaren Glas des einsamen Weinbechers. Der Großvater trinkt nicht gern alleine, und mit meinem und Großmutters hausgemachtem Rosinensirup, obwohl fast in der gleichen Weinfarbe, kann er nicht anstoßen. Gehört sich auch nicht. Es heißt, angestoßen wird nur von Wein zu Wein und von Mann zu Mann, egal, ob Weiß-, Rot- oder Rosawein und ob Bucur, Schuller, Suciu oder Wester. Das ist heute nicht der Fall, an diesem Abend sitzt jeder zu Hause bei sich selbst, selig beisammen mit den Seinen. Beisammen sind wir zwar auch, doch irgendwie scheint es einem jeden von uns an etwas zu fehlen: die Großmutter verweilt zwischendurch zahm am schwarzen Radio, beim Glockengeläut der deutschen Dome, der Großvater lässt, wie abwesend, die Menschlein im rotbraunen Fernseher singen und ihre Sachen erzählen, und ich suche im chinesischen Blechauto nach einer weiteren Verwendung der von den beiden Chinesen zurückgelassenen Spuren.

Einen Bruder! Das werde ich vom Weihnachtsmann fürs nächste Mal verlangen. Obwohl der sowieso nur mitbringt, was er will. Dieses Jahr hätte es nach meinem Wunsch ein Roller mit dicken, weißen Gummireifen sein sollen, unbedingt dick und unbedingt weiß, daraus ist das Blechauto mit zwei Gummichinesen geworden.

Auch auf den Storch ist offensichtlich kein Verlass. Den habe ich den ganzen Sommer über angesungen:

Storch, Storch, guter,

bring mir einen Bruder!

Vom Gang aus hab’ ich nach ihm Ausschau gehalten – dort bin auch ich immer ganz gut aus dem Himmel zu sehen. Da der Storch selber sich aber nicht blicken ließ, habe ich meine Ansprüche verringert, bei gleichzeitigem Schmeicheln des rot-weiß-schwarzen Vogels:

Storch, Storch, bester,

bring mir eine Schwester!

Doch der letzte Sommer war ungünstig für Störche und Geschwister. Und diesen Winter habe ich meistens an rollende, weißgummibereifte Räder gedacht. Nächsten Winter klappt es vielleicht besser. Ich muss mich nur gut konzentrieren und das Eine und Richtige verlangen. Denn laufen mir zu viele Wünsche durch den Kopf, so wird der Weihnachtsmann – der, um zu entscheiden, die Gedanken doch alle lesen muss – nicht wissen, welcher Wunsch jetzt der wichtigste ist: der Säbel, das Autochen, der Bruder oder der Roller? Heuer muss was daneben gelaufen sein – an ein Auto habe ich zwar auch gedacht, doch die besonders wichtigen Eigenschaften: klein, eisern und Ausdeutschland gedanklich offensichtlich nicht richtig erklärt, so dass ich schließlich das riesige Blechauto und die beiden Chinesen hinnehmen musste. Nächsten Winter, in Erwartung des Weihnachtsmanns, muss ich meine Gedanken deutlicher ordnen und aussprechen, nicht dass ich letzten Endes, anstatt des älteren Bruders, den ich gerne hätte, doch noch eine kleine Schwester kriege.

Jetzt erstmal ist es spät, selbst für Heiligabend, und ich muss schlafen gehen. Die Großmutter sieht zu, dass ich gut zugedeckt bin, und kehrt ins Vorderzimmer zurück, wo der Großvater von einer neuen Lüge kostet.

Nach kurzem Überlegen nehme ich das Blechauto trotzdem mit unter die Decke.

Tage können auch mehrerlei sein. Die meisten Tage ähneln einander und verlaufen gleich, doch es gibt welche, die sind anders. Und nicht nur, dass sie besonders sind – sie heißen auch anders. Nicht bloß »Tag«.

Der Tag, den ich meine, liegt in der vorigen Jahreszeit. Er hat begonnen wie alle anderen Tage bis dahin auch. Die Sonne schien morgens seitlich über den Hof. Die Tauben an der Dachrinne und auf den Nachbardächern gurrten, die Luft war frisch und die Geräusche des Ortes hatten wieder alle der Reihe nach eingesetzt – ein Pochen hier, ein Ruf dort, eine Kreissäge in der Ferne an einem Holzstapel nagend, alles jenseits des dunkelgrünen Laubes der beiden Weichselbäume und unter dem rauschenden und dichten Schirm der Weinblätter. Der Großvater war wie üblich in der Arbeit, in seiner Zementfabrik. Dafür aber waren der Vater und die junge Mutter wieder einmal hier – meinetwegen.

Als ich aufstehen wollte, packten sie mich alle der Reihe nach, hoben mich hoch, küssten mir die Wangen ab und wünschten mir allerhand gute Sachen. Denn der Tag gehörte mir. Sagten sie. Das sei mein Geburtstag gewesen. An dem Tag sei ich auf die Welt gekommen. Ein Storch war jedoch nicht dabei. Alle blickten sie erwartungsvoll auf mich, als ich wieder auf den eigenen Füßen stehen durfte und durch die weit offene Tür hinaus auf den Gang, ins herrliche Herbstlicht trat. Es hieß, der Herbst hätte am Tag zuvor begonnen, und es sei für mich der fünfte gewesen. Der fünfte Herbst.

Auf dem Gang vor der offenen Tür stand ein Stuhl, der sonst nichts dort zu suchen hatte. Und auf dem Stuhl ein Buch. Für mich. »Meine schönsten Geschichten zur Guten Nacht« mit vielen schönen Bildern drin. Da stand etwas von Hand geschrieben, vom Vater und von der jungen Mutter – für mich, eben weil ich zum fünften Mal geboren war.

Auf Rumänisch heißt es: »Câţi ani ai? – Am cinci ani.« – »Wie viele Jahre hast du? – Ich habe fünf Jahre.« Der Großvater hat beinahe sechzig, die junge Mutter weniger und der Otata in Seiburg mehr. Doch anfassen kann man sie nicht, die Jahre, vorzeigen auch nicht und es lässt sich nichts daraus machen. Viel davon hat man nicht. Woher dann diese Freude über etwas, das man ständig zählt, was es aber gar nicht gibt?

Sichtbar hingegen waren damals die Vorbereitungen gewesen. Schon seit Tagen. Der Vater hatte ein Bündel gerader Rutenstöcke aus der Pădurice, dem nahen Wäldchen unter der Burg geholt, während die junge Mutter mit Buntpapier, Schnur, Klebstoff und Schere mehrere dreieckige Wimpel gebastelt hatte. Die wurden jeweils an eine Rute gebunden und ließen sich wie Fahnen im Wind tragen. Dann haben beide aus den Zeitungen, die der Großvater noch nicht für was Nützliches verwendet hatte, Chacos gefaltet. Viele. Die Großmutter hatte einen großen Kuchen und eine dicke Torte gebacken. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass die Großmutter eine dicke Torte backt. Nur zu Weihnachten, zu Ostern und wenn was los ist.

An jenem Tag war was los. Das war beschlossene Sache – der Tag gehörte mir.

Besser noch als die Torte und als das Buch und der kniehohe Blechkran, die ich geschenkt bekam, waren die vielen am Nachmittag eingeladenen Kinder. Die Ingrid und der Emerich und der Gerry und der Reini Melchior, die Lidia, der Roldi und der Ossi Jekeli, alle waren sie da. Das heißt, nicht nur Kinder, denn der Adi und der Mischi Schuller und der Relu sind auch dabei gewesen, und die haben mehr Jahre als wir.

Wir haben um den großen eckigen Esstisch gesessen, der von unten extra ins Vorderzimmer geholt wurde, um uns alle daran Platz haben zu lassen. Sonst wird der nur im Winter von unten aus der Sommerküche hergebracht, wenn die ganze Hauswirtschaft nach oben zieht. »Damit ihr euch alle bedreht«, hat es geheißen, »und damit keiner stehen muss.« Dann hat es was von der Torte und vom frischen, im Sommer gemachten Ribiselsirup gegeben. Die junge Mutter war fröhlich und sah ständig nach uns, während der Vater mit seinem Fotoapparat – mit dem ich ebenfalls nicht spielen darf – herumgeknipst hat. Die mitgebrachten Geschenke hatten sich erstmal alle neben dem Kühlschrank, dem alten Fram, gehäuft und ich musste mit deren Auspacken warten, bis alle weg waren. Das hat warten können. Kinder – wenn auch keine Geschwister – waren besser als Geschenke.

Nach dem Essen ging es auf den Berg spazieren, die langen Rutenstöcke mit Wimpeln in der Hand und die Chacos auf dem Kopf. Bis hinter die Burg, auf die Holzbühne. Hier trampelten wir alle durcheinander, liefen herum und standen still, um vom Vater fotografiert zu werden. Dann wieder zurück, in den Hof, noch mal ein Keks, einen Sirup und ein Foto, und dann gingen alle zu sich nach Hause.

Die meisten gingen zu zweit, die beiden Melchiors und die beiden Jekelis, der Adi und die Lidia, der Mischi und die Ingrid, denn sie alle sind Geschwister. Zurück ist keiner geblieben außer mir. Alleine. Allein mit meinen nun fünf Jahren. Ich stellte fest, es ist leichter, Jahre zu sammeln als Geschwister. Die Jahre scheinen irgendwie von alleine zu kommen und sich zu vermehren, die Geschwister nicht.

Und für heuer ist es wieder mal zu spät: es war Herbstbeginn – die tauben Störche im Nest über der Fleischfabrik waren schon wieder weg.

Und jetzt haben wir Weihnachten.