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Patrick, ein sportlicher, junger Kerl befindet sich gerade in absoluter Höchstform. Er trainiert täglich für sein großes Ziel, das Sportstudium. Seine Familie und Freundin untersützen ihn und geben ihm Halt. Alles läuft so, wie es soll, bis, ja bis zu diesem einen Tag...
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Tobias Tattermusch
Zweihundert Meter noch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zweihundert Meter noch
Impressum neobooks
Tobias Tattermusch
Zweihundert Meter noch
Roman
Zweihundert Meter noch, zweihundert lächerliche Meter, die schaffen wir jetzt auch noch. Na also, schon sinds keine zweihundert mehr, auf geht’s, jetzt vielleicht noch hundertfünzig. Alles klar langsam wird’s unschön, kann das nicht endlich zu Ende sein? Ok hundert noch, komm die schaffen wir jetzt in fünfzehn Sekunden, dann wird’s eine gute Zeit. Gleich da, gleich da, gleich da, yes! Geschafft! 12 Minuten, 58 Sekunden, verdammt gute Zeit….Verdammt geht’s mir jetzt schlecht! Es ist schon verrückt, wie viele Gedanken einem auf zweihundert Metern noch so durch den Kopf gehen können. 1200 Meter legt ein Mensch heutzutage im Schnitt täglich zu Fuß zurück. Vor hundert Jahren waren das noch 20 Kilometer! Verdammt müssen die viel gedacht haben! Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich wohl zur Zeit kein Durchschnittsmensch mehr. Gezwungenermaßen leider. So ein Sportstudium ist eine harte Sache, wenn schon die Aufnahmeprüfung so verrückt ist. Laufen, Sprinten, Schwimmen, Turnen und so weiter und so weiter. Aber immerhin kommt man ganz gut in Form. Dadurch kann man besser bei den Mädels landen und so ist das alles in allem doch eine gute Sache. Aber pscht, so was darf ich ja gar nicht sagen, bin ja schließlich vergeben. Glücklich vergeben. Überglücklich! Nein, Spaß beiseite, kann mich eigentlich echt nicht beschweren. Tolle Freundin, tolle Familie, Abitur in der Tasche, seit zwei Jahren am Faulenzen und jetzt endlich wieder ein Ziel vor Augen. Sport studieren, auf Lehramt. Das Hobby zum Beruf machen. Ist das nicht etwas, was sich jeder wünscht? Und genau das werd ich auch machen. Seit vier Monaten bereite ich mich jetzt schon vor. Fünf mal die Woche Joggen gehen, fünf mal die Woche pumpen gehen, pardon Krafttraining, zweimal Schwimmen und zweimal Basketball. Mit der Turnerei wird später angefangen, wird ja wohl nicht allzu schwierig sein. Hört sich jetzt erst mal alles nach recht viel an aber die erste Hürde auf meinem Weg zum Traumberuf hat es nun mal schon ganz schön in sich. Eignungstest der bayerischen Hochschulen. Ja man hat es nicht leicht, wenn man im schönsten Bundesland lebt. Aber mal ganz ehrlich, wer hat sich diese Prüfung ausgedacht? Sechzig Meter sprinten mit fliegendem Start? Wobei der fliegende Start einen Anlauf von sage und schreibe einem Meter beinhaltet. Hundert Meter Schwimmen in maximal einer Minute und fünfzig Sekunden? Reckturnen? 3000 Meter laufen wie ein Verrückter? Ja, das sind schon alles Dinge, die definitiv dazu qualifizieren, später mal ein guter Sportlehrer zu werden. Egal, muss man durch und am Ende ist man dann umso stolzer, wenn man es geschafft hat! Hoffe ich zumindest.
Ach, ich bin übrigens Patrick, und das hier, ist meine Geschichte!
,,Patrick! Paaatrick!“, schallt es wieder einmal von unten in dieser ganz besonders liebreizenden Stimme, ,,es ist neun Uhr! Aufstehen!“ Um neun Uhr aufstehen. Für einen Ex Abiturienten und Student in spe, wie mich, eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Was soll`s, Augen nochmal schnell zu machen, wird schon keiner merken.,,PATRICK!“Alles klar, alles klar bin schon wach. Eigentlich bin ich meiner Mutter dankbar dafür, dass sie für mich Wecker spielt. Ansonsten würde ich es wahrscheinlich nie aus dem Bett schaffen. Besonders nicht um neun Uhr. Neun Uhr, also quasi gerade wenn im Sommer die Sonne aufgeht, wenn die Vögel anfangen aus ihren Nestern zu kriechen und in den Tag zu starten. Wenn…wenn Menschen einfach noch in ihren Betten liegen sollten. Aber naja, von nichts kommt nichts. Der frühe Vogel fängt den Wurm! Irgendwas muss an dem bescheuerten Satz ja dran sein. ,,Schatz, aufstehen“, flüstere ich meiner Freundin zu, die noch neben mir liegt und in ihrem meditationsähnlichen Schlaf nichts von meiner Mutter mitbekommen hat. ,,Schatzi, komm schon, neun Uhr, aufstehen“. Nichts. Außer einem Grummeln, das mir wahrscheinlich sagen soll ,,schleich dich, ich will noch nicht aus meiner Traumwelt gerissen werden“. Da kommt mir eine Idee, die Idee. Was Mutti kann, kann ich schließlich auch. Ich stehe auf, vorsichtig muss ich dabei nicht sein, aus der Totenstarre erwacht sie so leicht nicht. Gehe raus in den Flur und schreie:,,Caaro!“Und siehe da, es funktioniert! Während dem Frühstück sind alle noch neben der Spur, ich, Caro, mein Bruder Nik. Kein Wunder, man muss nur mal auf die Uhr schauen! Bei Nik war das allerdings so eine Sache. 24 Jahre alt, Student. Jura, sechstes Semester. Man könnte meinen, der müsste viel zu tun haben, mir kommt es aber eher so vor als bestünde die größte Arbeit während eines solchen Studiums aus Feiern und verkatert aus dem Bett schleifen. Immerhin noch etwas, worauf man sich freuen kann! Nach dem Frühstück erst mal Schuhe an, raus und loslaufen. Man sagt, es gäbe Menschen die gehen Joggen als Ausgleich zu ihrem sonstigen alltäglichen Stress. Eine Sache, die ich niemals verstehen werde. Joggen wäre wohl so ziemlich das letzte, was ich als Ausgleich bezeichnen würde. Für mich ist das Stress pur. Psychisch, wie physisch. Hilft aber nichts, muss sein. Immer das Ziel vor Augen haben, sonst wird das nicht mit dem entspannten Studentenleben und späterem Traumberuf nichts. Nach acht nervenaufreibenden Kilometern ist Schluss. Ganz ehrlich, kurzzeitig hab ich mir echt Gedanken gemacht, ob mich jemand findet, wenn ich mittendrin im Wald umkippe. Aber das gehört dazu. Ich glaube fast, ich brauch diese negativen Gedanken um überhaupt weiterlaufen zu können. Joggen, grauenhaft.Zwölf Minuten und dreißig Sekunden darf ich brauchen für 3000 Meter. Für 8000 Meter habe ich jetzt 45 Minuten gebraucht. Reicht das? Bestimmt! Ne, tut´s nicht! So schaff ich das nicht! Aber hab ja noch zwei Monate Zeit, das wird schon. Jaa das wird schon.Alltägliche Gedanken eines angehenden Studenten, der im Moment eigentlich wirklich alles hat, was er sich wünschen kann. Naja, außer einem Studienplatz. Caro und meine Eltern erzählen mir dann immer, dass das schon gut gehen wird. Ich hätte ja noch Zeit und außerdem sei das ja auch gar nicht so schwierig. Letzteres sagt eigentlich nur mein Vater. Den würde ich wirklich mal gerne sehen, wie er versucht seine 120 Kilo überhaupt 3000 Meter weit zu bewegen, ohne dabei Räder unter sich zu haben. Wäre bestimmt ein super Anblick. Aber Ahnung hat er ja, meint er zumindest. Bin ihm da aber nicht böse. Irgendwo meint er das sicher auch nur gut. Kommt zwar nicht so rüber, aber doch ist bestimmt so. Nach der Lauferei erst mal Pause machen. Dann Mittagessen, dann gegebenenfalls noch Schwimmen oder Basketball. Und so läuft das jeden Tag in der Woche. Bis, ja bis zum Wochenende. Da vertrete ich die Ansicht, wer hart arbeitet, der hat sich ein bisschen Feiern schon verdient.
Wieder Montag. Mutti schreit wieder, ich schrecke auf und quäle mich aus dem Bett. Aber irgendwas ist anders. Ich stehe auf, muss mich aber direkt wieder hinsetzen.Man, denke ich mirimmer noch der Kater?Ja ich geb´s zu, Samstag wurde dann doch etwas über die Stränge geschlagen. Der Sonntag fiel daher für mich einfach mal komplett aus. Ich würde nicht sagen, dass ich da was verpasst habe. Ich nenne es einfach mal ausreichende Erholungsphase. Aber gerade scheint es so, als wäre diese dann doch gar nicht mal so ausreichend gewesen. Schwindel, Müdigkeit, das mit dem Aufstehen wird sich wohl noch ein wenig verzögern. Auch der zweite Schreiangriff von Mama hilft nichts. Naja gut, dann also doch nochmal aufs Ohr hauen. Aber da höre ich sie schon. Wie sie die Treppe nach oben stampft als wolle sie mich jetzt gewaltvoll aus dem Bett zerren und vor den Frühstückstisch schmeißen. Immer näher kommen die Schritte. Ich verkrieche mich immer weiter unter meiner Decke und versuche mein Bestes zu geben, einen Tiefschlaf zu imitieren, aus welchem sie mich schon alleine, weil sie meine Mutter ist, nicht reißen wird. Sie ist da! Öffnet die Tür, erblickt wohl ihren Sohn, glücklich träumend, in seinem warmen Bett eingemümmelt. Und sagt trocken und gelassen: ,,Saufkopf.“ Schließt die Tür und tritt den Rückzug an. Geschafft! Ein paar, viel zu kurze Stunden später dann der nächste Angriff. Erneut die Schreie, erneut mein Versuch, guten Willen zu zeigen und in den Tag zu starten. Um 13:00 Uhr. Also immer noch vormittags. Ich erhebe mich wieder langsam und merke schon beim Aufsetzen, dass mein Körper noch immer nicht genug vom Ruhen hat. Ich denke jeder kennt das, die Augen tun einem weh, jedes Geräusch nervt, ganz egal was für eins, und der Sinn des Aufstehens scheint so weit entfernt wie nie zuvor. Aber dieses Mal muss es klappen. Schließlich muss auch wieder trainiert werden. Joggen, super Sache, verstehe eigentlich gar nicht, warum ich nicht schon gleich heute früh aus dem Bett gesprungen bin, wo die Aussichten für den Tag doch so gut stehen. Ich stehe also auf, und da ist er wieder. Der Kater. Aber, nein, das kann doch überhaupt nicht sein. Ist ja nicht so, dass ich mich in die Besinnungslosigkeit gefeiert habe und die Nachwirkungen jetzt noch zu spüren sein dürften. Komische Sache, aber ist ja auch egal. Das einzige was ich weiß, ist, dass wenn ich jetzt nicht endlich aufstehe, meine Mutter schon einen Weg finden wird, mich dazu zu bringen. Und das möchte ich einfach nicht riskieren. Also auf! Nach dem Mittagessen, erst mal noch kurz vor den Fernseher aber dann raus. Schuhe an, jetzt wird gejoggt. Geht verdammt schleppend heute, aber es wird. Da zeigt sich immerhin mal der einzige Vorteil, den diese Lauferei mit sich bringt. Wenn man mit seinem Kreislauf am Ende ist, einfach losrennen, nach ein paar Minuten geht’s einem wieder gut. Trotzdem bleibt die Zeit unterirdisch. Aber wenigstens ein bisschen was geleistet. Später dann noch pumpen gehen und mal schauen, wie ich dann drauf bin. Vielleicht ist ja auch noch ein bisschen Schwimmen drin. War es natürlich nicht. Macht ja nichts, auf Dienstag verschoben und einfach weiter machen. Und so wieder die ganze Woche weiter. Grauenhaft. Ich weiß, dass mich wohl furchtbar viele berufstätige Menschen für meine Jammerei an die Wand klatschen würden. Aber auch, wenn es sich möglicherweise einfach anhört, jeden Tag laufen zu gehen und jeden Tag zu versuchen, seine Muskeln aufzupumpen, nur um bei einer einzigen Prüfung dann nicht zu versagen, der Druck dahinter ist schon enorm. Besonders wenn sich nichts mehr verbessert. Ich meine, seitdem ich angefangen habe mit dieser bösartigen Beschäftigung, die sich joggen nennt, hat sich wirklich schon einiges getan. Aber derzeit stagnieren meine Leistungen schon wirklich enorm. Und das schlaucht. Da hilft mir auch das ,,wird schon, war halt heute ein schlechter Tag“, oder ,,bei der Prüfung schaffst du es dann eh“ von meinen Eltern und Freunden nicht mehr weiter. Klar, nett gemeint, aber hilft nichts. Eineinhalb Monate sind es jetzt noch bis zum großen Tag. Eignungsprüfung der bayerischen Hochschulen. Diese Kombination von Wörtern entwickelt sich für mich so langsam zum Sinnbild des Bösen. Und was man da doch nicht alles braucht um überhaupt teilnehmen zu dürfen. Unter anderem darf ich mich nächste Woche zum Onkel Doktor schleifen und mir eine Bescheinigung holen, dass es mir sowohl geistig als auch körperlich gut geht. Sind wir doch mal ehrlich. Das wollen die doch nur haben, damit ihnen niemand etwas anhängen kann, falls ich mich beim 3000 Meter Lauf tot renne. Was, nebenbei erwähnt, gar nicht so abwegig ist. Da ich aber schon davon ausgehe, dass mir nicht allzu viel fehlt, ist das wohl gerade diesbezüglich mein geringstes Problem. Viel schlimmer sind meine Zeiten. Es läuft zur Zeit einfach nicht so, wie es laufen sollte. Seit zwei Wochen dasselbe. Keine großartigen Verbesserungen mehr und immer das Gefühl, dass Schlafen gerade viel sinnvoller als alles andere wäre. ,,Ist bestimmt nur das Wetter“, sagt Mutti dann immer. Und während dem Laufen ists auch wirklich immer besser. Aber irgendwie auch nicht mehr so richtig. Ich glaube, mein Körper hat so langsam aber sicher ein riesen Problem mit dieser Sportgeschichte. Ein Kumpel hatte mir erzählt, er hätte so viel trainiert, dass sein Herz nicht mehr mitgemacht hat und er monatelang gar nichts mehr machen durfte. So wird das bei mir bestimmt auch enden. Am Ende laufe ich dann Bestzeit, aber mein Herz verliert die Lust. Das ist es dann ja wohl auch nicht wert. Aber trotzdem, muss ja weitergehen. 12:30 werden gebraucht, ich bin bei 12:52. ,,Im Wettkampf läufst du dann sowieso nochmal schneller“, sagen dann immer alle, wenn ich anfange darüber zu trauern, dass das doch langsam alles keinen Sinn mehr macht.Woher wollen die das wissen?, frage ich mich dann jedes mal. Haben die mich schon einmal im Wettkampf laufen sehen?Ich denke nicht, denn um Laufwettkämpfe habe ich in der Vergangenheit immer einen besonders großen Bogen gemacht. Aber naja, irgendwo hilft es schon, das Ego wieder etwas aufzupolieren. Eigentlich bin ich meinen ganzen netten Zurednern ja schon dankbar. Meine Zweifel über den Ausgang dieser ganzen Geschichte bleiben aber eben leider bestehen.
Wartezeiten beim Arzt. Das ist so eine Sache, die zähle ich unter die Kategorie alltägliche Folter. Gut, vielleicht nicht alltäglich, ganz soweit bin ich dann doch noch nicht. Aber ich denke mir dann schon immer, warum hier so vielen Menschen ein Termin gegeben wurde, damit sie zu einer bestimmen Uhrzeit anwesend sind, zu der sie dann aber noch lange nicht behandelt werden können. Macht das Sinn? Nein. Und was sind das für Menschen, die nach mir in das Wartezimmer kommen, aber es vor mir wieder verlassen dürfen? Wer sind diese Premium Kunden, die scheinbar über mir und meinen körperlichen Gebrechen stehen? Und wieso kann es nicht ein Wartezimmer für diejenigen geben, die etwas Ansteckendes haben und eines für die, die sich hier nur mal kurz ein Attest oder so ähnlich besorgen möchten. Alles wirklich verwirrend und sinnbefreit wenn man mich fragt. Aber immerhin sind hier alle unheimlich freundlich. Jeder der den Raum betritt sagt guten Morgen und jeder, naja fast jeder grüßt zurück. Wer das nicht tut wird dafür mit strafenden Blicken bombadiert. Ich weiß das. Aus Erfahrung. Aber Entschuldigung, so leid es mir auch tut, wenn ich doch früh um halb acht beim Arzt sitze ist das schlicht und ergreifend kein guter Morgen mehr. Und ich bin eben nicht der Typ, der gerne lügt. Eine Stunde sitze ich jetzt hier schon und es sitzen sogar jetzt noch zwei Leute hier, die schon vor mir da waren. Oder waren es drei? Ich könnte heulen. Vor lauter Gehuste neben mir und Genieße vor mir habe ich schon den Überblick verloren, wer vor mir diesen Raum, voll mit lebendigen biologischen Waffen, verlassen darf. ,,Meyer“, ruft es von draußen. Wie jetzt? Ich bin dran? Vor den anderen? Ich bin zum Premium Kunden aufgestiegen! Mit zwanzig! Wenn man so darüber nachdenkt, vielleicht doch nicht zwingend positiv. Egal, ich darf hier raus. ,,Ade“, rufe ich freudig erregt den noch Wartenden zu und lächle dabei ganz besonders die blasse Gestalt an, die links von mir saß und ganz offensichtlich noch nichts von der Erfindung des Taschentuchs mitbekommen hatte. ,,Ade“, schallt es ruhig und klagend zurück. Man könnte meinen, jetzt wo man das Zuchtlabor für neue Bakterien- und Virenstämme verlassen hat, kommt man endlich dran. Pustekuchen! Wartezeit Nummer zwei folgt im Behandlungszimmer. Aber da schaue ich mir dann immer ganz genau alle Utensilien an, die der Onkel Doktor möglicherweise an mir verwenden möchte. Eine saublöde Idee. Sollte man sein lassen. Aber da öffnet sich auch schon die Tür und der Mann im weißen Kittel springt herein. ,,Soo, Herr….Meyer, was fehlt uns denn?“ ,,Naja, hoffentlich gar nichts“, antworte ich ihm und halte ihm das Formblatt mit der Überschrift ,,ärztliche Bescheinigung für die Sporteignungsprüfung“ unter die Nase. ,,Ahaa, ein Sportler also, na dann schauen wir mal.“ Na dann schauen wir mal? Wie jetzt? Jetzt will der gute Mann mich wirklich untersuchen. Und ich dachte, ich komme hier her, der Onkel füllt den Zettel aus und ich kann wieder gehen. Aber nein, der will mich jetzt wirklich untersuchen. Naja gut, soll so sein. Dann weiß ich danach wenigstens wie gesund genau ich bin. Und los geht’s, Blutdruck gemessen. 120 zu 75. Ein Bilderbuchdruck würde ich sagen. Puls, ein bisschen langsam, aber passt auch. Bei Sportlern ist der ja langsamer, habe ich mir sagen lassen. Dann zückt der Mann in weiß ein Fieberthermometer.Ist das jetzt wirklich nötig, frage ich mich. Lassen wir ihn machen, wird schon wissen, was er da tut. Also rein damit ins Ohr, einmal kurz gepiept und, 38,5? 38,5? Ist doch Fieber oder nicht? ,,Herr Meyer, sind sie erkältet? Oder fühlen sie sich in letzter Zeit etwas schlapp? Sie haben da nämlich eine doch leicht erhöhte Temperatur.“ ,,Naja, nein eigentlich nicht, wird wohl die Klimaanlage gewesen sein.“ Er schaut mich etwas ungläubig an, aber ich bin da mal der Meinung, dass ich in den letzten Tagen ein bisschen müde bin, braucht er jetzt nicht zu erfahren, am Ende unterschreibt er mir sonst meinen Wisch hier nicht. Und weiter geht die Sucherei. ,,Bitte mal obenrum freimachen, Herr Meyer.“ Alles klar, jetzt wird es interessant. Er tastet mich kurz ab. Da müssen ihm aber jetzt die in den letzten Monaten antrainierten Bauchmuskeln auffallen und schwupps unterschreibt er den Zettel. Scheinbar nicht. Er greift nach seinem Ultraschallgerät. Klatscht mir einen Haufen dieser etwas ekligen Paste auf den Bauch und schallt los. ,,Herr Meyer, ihre Milz ist etwas vergrößert.“ ,,Meine Milz“, frage ich überrascht nach. ,,Ja, ihre Milz. Aber kein Grund zur Sorge. Wir nehmen jetzt noch ein wenig Blut ab, dann können sie wieder nach Hause gehen.“ Na Gott sei Dank. Hoffentlich vergisst er nicht meinen Zettel zu unterschreiben. Jetzt holt er sich erst mal sein Blutabzapfbesteck. Kein Problem, hab gute Venen, das dürfte schnell gehen. Und so ist es auch. Ein Stich und da läufts. Nach erfolgreicher Abnahme nimmt er doch tatsächlich einen Stift in die Hand und signiert meinen Zettel. ,,So das hätten wir. Das Ergebnis des Bluttests bekommen sie dann in den nächsten Tagen, Herr Meyer.“ ,,Vielen Dank, schönen Tag noch“, verabschiede ich mich von ihm und verlasse endlich diese Brutstätte, bösartiger Keime. Daheim angekommen werfe ich mich auf die Couch und schmeiß erst einmal die Glotze an. Ein klein wenig Entspannung nach so einem grausamen Morgen muss jetzt sein. ,,Und, wie wars?“, ruft meine Mutter aus der Küche. Keine Ahnung, wie sie meine Anwesenheit schon wieder gespürt hat, so vorsichtig, wie ich mich doch reingeschlichen hatte. Ich glaube, so etwas haben Mütter einfach drauf. Ich erhebe mich, aber bevor ich aufstehen und in die Küche traben kann steht sie schon vor mir. ,,Also? Wie war es?“ ,,Jaa gut“, entgegne ich. ,,Bin durch und durch gesund. Nur das Fieberthermometer sollte der gute Mann mal wieder checken lassen.“ ,,Na dann ist ja gut. Und wo hast du dich da geschnitten?“ Sie deutet auf meinen Arm. Verwirrt blicke ich auf die Stelle, auf welche ihr Finger zeigt. Und tatsächlich. Sauber durchgeblutet ist mein Pullover.
,,Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung was ich da gemacht habe.“ ,,Duu wieder“, grummelt sie. Ja klar, ich wieder. Ich mache nämlich andauernd so etwas. Wortlos drehe ich mich um und marschiere in mein Zimmer, um mir etwas Neues anzuziehen.Was hab ich denn da gemacht?, frage ich mich während ich das dreckige Hemd ausziehe. An meinem Arm auch Blut. Komisches Blut. Noch fast flüssig. Aber nicht so richtig. Und wo kommt das her? Da fällt auf einmal etwas Kleines auf den Boden. Ein Pflaster. Achso! Der Doc! Mit welcher Waffe hat der mich denn da gestochen, dass ich einen guten halben Liter Blut verliere? Naja, scheint ja jetzt aufgehört zu haben. Neuer Pulli an, gut ists!,,Paaaatrick!“ Das alltägliche Grauen nimmt seinen Lauf. Es ist schon beeindruckend, welche Ausdauer diese Frau an den Tag legt, wenn es um etwas geht. Andere Mütter würden sich wahrscheinlich denken, ,,soll er doch weiterschlafen“. Nicht meine. Ich glaube, ihr liegt schon ein klein wenig daran, was mal aus ihrem Sohn wird. Jaa gut, falls denn wirklich etwas aus mir werden sollte, hätte sie dann auch schließlich etwas zum Angeben. Und jemanden zum Rente aufbessern. Naja, so weit sind wir noch lange nicht. Mach ich mir jetzt mal noch keine Gedanken drüber. Erst mal muss ich in dieses Studium kommen. Und dazu muss wieder trainiert werden. Hätte wirklich nicht gedacht, dass ich irgendwann mal eine derartige Abneigung gegenüber Sport entwickle. Aber doch, ist passiert und hat gar nicht mal so lange gedauert. Ist ja auch egal, was muss das muss. Als ich mich so langsam aus meinem Bett schäle, fühle ich mich aber gerade so, als wäre ich im Schlaf schon ein paar Kilometer gelaufen. Oder eher gerannt. Alles ist nass. Also geschwitzt. Hoffe ich jedenfalls. Trotzdem komisch. Bettsport also mal anders. Vielleicht ist mein Körper ja schon so dermaßen in diesem Sportmodus, dass er nicht mal in der Nacht damit aufhören kann. Ja so weit ist es schon gekommen. Jetzt schwitze ich schon in der einzigen Zeit, in der ich mich eigentlich voll und ganz erholen sollte. Werde wohl nie mehr einfach nur ruhen können. Schwamm drüber, aufstehen jetzt. Und da ist sie wieder. Diese Müdigkeit. Immer öfter frage ich mich, wie um alles in der Welt ich das Schülerdasein damals überlebt habe. Jeden Morgen gegen sieben Uhr aufstehen. Jetzt ist neun. Und ich fühle mich als wäre noch stockfinstere Nacht. Als ich aus dem Bett aufstehe merke ich, wie mein Rücken ein Veto einlegt. Rückenschmerzen. Also so langsam spricht an meinem Beispiel wirklich rein gar nichts mehr dafür, dass Sport gut für den Körper ist. Geschweige denn für die Psyche. Für mich grenzt das mittlerweile in beiden Fällen an Vergewaltigung.
