Zweimal Morden lohnt sich - Robert Helm - E-Book

Zweimal Morden lohnt sich E-Book

Robert Helm

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Beschreibung

Der erste Teil des Kriminalromans spielt in den Jahren 2007/2008. Die Entfesselung der Kapitalmärkte durch den Neoliberalismus erreicht ihren Höhepunkt. Unerwartet erschüttert eine globale Finanzkrise die Welt. Der zweite Teil trägt sich im Jahr 2013 zu. Die NSA-Affäre macht einer breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal deulich, wie sehr die Digitalisierung zum Ausspionieren von Institutionen und Privatpersonen durch staatliche Einrichtungen ausgenutzt wird. Hauptschauplätze: Madrid, München, Berlin Der Roman zeigt die schrittweise Ablösung der analogen Welt durch die digitale Welt mit ihren Algorithmen.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch

Der erste Teil des Kriminalromans spielt in den Jahren 2007/2008. Die Entfesselung der Kapitalmärkte durch den Neoliberalismus erreicht ihren Höhepunkt. Unerwartet erschüttert eine globale Finanzkrise die Welt.

 Der zweite Teil trägt sich im Jahr 2013 zu. Die NSA-Affäre macht einer breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal deutlich, wie sehr die Digitalisierung zum Ausspionieren von Institutionen und Privatpersonen durch staatliche Einrichtungen ausgenutzt wird.

Hauptschauplätze: Madrid, München, Berlin

Der Roman zeigt die schrittweise Ablösung der analogen Welt durch die digitale Welt mit ihren Algorithmen.

Der Autor

Texte: © Copyright by Robert Helm

Umschlaggestaltung: © Copyright epubli

 Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.

Impressum

Robert Helm,

Auf dem Wasen 4,

81825 München

[email protected]

                               Robert Helm

                                 Zweimal

Teil 1

1. Kapitel

Montag, 20. August 2007, Madrid

Es war neunzehn Uhr, und Madrid lag immer noch unter einer Hitzeglocke. Dr. Rudolf Rudolph hatte einen langen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und wollte jetzt nur noch entspannen. Heute würde kein Abendessen mit seinem Kunden stattfinden. Der Familienunternehmer hatte seine Einladung mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt. Kein gutes Zeichen. Schon seit ein paar Wochen spürte er, dass die Zeiten härter werden wollten. Mit diesen düsteren Gedanken schloss er seine Hoteltür auf und betrat seine großzügige luxuriöse Suite, die sein Arbeitgeber teuer bezahlte. Nicht einmal den großartigen Ausblick auf die wunderschöne Parkanlage konnte er genießen.

Stolz blickte er auf die vergangenen fünf Jahre als erfolgreicher Investmentbanker zurück. Er hatte seinen Arbeitgeber und auch sich selbst mit margenstarken selbst entwickelten Finanzprodukten reich gemacht. Ein breiter mit viel Geld ausgestatteter Investorenkreis vertraute seinen Produkten und seinen Empfehlungen blind, weil er bis jetzt noch keine kostspielige Niete angeboten hatte. So sollte es nicht bleiben.

Er stellte den Aktenkoffer im Kleiderschrank ab, entledigte sich hastig seiner eleganten Berufskleidung, nicht ohne sie sorgfältig aufzuhängen und ließ sich eine Viertelstunde von allen Varianten der aufwendigen Dusche entspannen. Abwechselnd hämmerten heftige Wasserstrahlen auf seine Haut und Muskulatur und duftende Wasserwolken aus Regen, Nebel und Licht umschmeichelten seinen Körper. Als er die halbrunde Kabine verließ, betrachtete er sich prüfend im Spiegel. Wie immer haderte er mit seiner H-Typ-Figur. Seine Schultern und Hüften waren nahezu gleich breit, was ihm langweilig erschien. Er hätte den athletischen Y-Typ bevorzugt, als genetische Bestimmung.

Aus dem Spiegel schaute ihn ein Gesicht an, das durch eine breite Stirn im Vergleich zum Wangenbereich und zur Kinnpartie auffiel. Hier habe ich meine Y-Form, dachte er. Eine große, breite Nase und ein breiter Mund fügten sich auffällig in diese Geometrie. Augen und Mund beherrschten in genialem Zusammenspiel die ganze Klaviatur von Häme, Ironie bis Verwunderung, aber nie Wärme oder Bewunderung.

Nein, nicht wie der amerikanische Schauspieler mit dem teuflischen Blick eher wie der österreichische Schauspieler, der so deutsch wirkt, dachte er.

Die kunstvolle Fähigkeit seine Mimik auf diese Gefühlswelten zu beschränken, erfüllte ihn mit Stolz. Eine Eigenschaft, die ihm bei wichtigen Geschäftsabschlüssen so manchen lukrativen Dienst erwiesen hatte.

Das braune Haupthaar trug er mittellang bis kurz immer darauf achtend, dass die mächtige Stirn nicht verdeckt wurde. Er trocknete sich ab, gönnte sich eine zweite Nassrasur und nahm reichlich von dem dezenten Rasierwasser. Als er das Bad verließ, hatte er seine innere Spannung fast wiedergefunden.

Eine halbe Stunde später verließ er in Smart-Casual-Kleidung die Hotellobby. Sein Ziel war die Umgebung des Plaza Major. Gut zwanzig Minuten Fußweg vom Ritz. Kein schöner Spaziergang durch die lauten stark befahrenen Straßen. Das erstklassige Hotel lag günstig zu verschiedenen Parkanlagen der Hauptstadt wie dem weitläufigen Retiro Park. Aber Ruhe und Natur entspannten ihn nicht. Im Gegenteil, sie steigerten seine Nervosität. Er überquerte den zentralen Platz, beobachtete interessiert die Außenbereiche der Restaurants und Cafés, die bereits von Touristen besetzt waren und steuerte sein eigentliches Ziel an, den Mercado San Miquel, der nur dreihundert Meter entfernt lag.

Diese Markthalle ähnelte einer Orangerie, da das Gerippe aus Eisenträgern bestand, die mit großflächigen Glasscheiben an den Außenwänden verbunden waren. Rudolph wusste, dass sie 1916 erbaut wurde und unter Denkmalschutz stand. Er wusste aber auch, welcher Eingang zu wählen war, um auf direktem Weg den Stand mit den Keulen der schwarzen Schweine zu erreichen. Sie hingen dicht nebeneinander, alle mit einem kleinen unten verschlossenen Trichter versehen, der den letzten Rest Feuchtigkeit eines langen Lufttrocknungsprozesses aufnahm. Er bestellte fünfzig Gramm und beobachtete zufrieden, wie der Verkäufer mit einem langen Messer die dünnen Scheiben aus der Bellota Keule schnitt, die in einem Schinkenhalter fixiert war. Er beglich den horrenden Preis, nahm das kleine Tablett aus Pappe entgegen und gab sich sofort der unvergleichlichen Geschmacksmischung aus Salz, Fett und Nuss hin. Er schätzte gutes Essen und Trinken sehr, wobei es keine kulinarische Leidenschaft war. Es war nicht die feine Küche, die ihn begeisterte, sondern das hochwertige, seltene und unverfälschte Produkt, das seine Geschmacksnerven stimulierte. Die Kombinationen aus salzig, süß, bitter, sauer oder würzig zu entschlüsseln, brachte ihm höchste Befriedigung. Bier lehnte er ab. Weine und Champagner mussten einen eigenen, unverkennbaren eigenständigen Charakter haben, dann genoss er sie ausnahmslos. Dom Perignon aus dem Hause Moet & Chandon war für ihn konkurrenzlos.

Jetzt war er endlich wieder ganz bei sich und seine Gedanken wanderten wieder zu seinem Kunden. Diesmal würde seine Geschäftsreise zu keinem schnellen Abschluss führen. In der Vergangenheit war der reiche Familienunternehmer immer schnell und unkompliziert auf seine Vorschläge eingegangen. Seine hohe Liquidität floss in Produkte seiner Investmentbank und brachte seinem Arbeitgeber und nicht zuletzt auch ihm satte Profite, allerdings blieben seine letzten beiden Vorschläge den Erfolg schuldig. Tatsächlich war die Situation schlimmer als der Investor vermutete, wenn nicht bald eine Wende an den Zinsmärkten eintrat.

Er steuerte einen nur mäßig besuchten Weinstand an und bestellte ein Glas weißen Rioja. Neben seiner ersten Lieblingsbeschäftigung, beruflich erfolgreich zu sein, die ihm gegenwärtig nicht so viel Freude einbrachte, liebte er es Passanten zu beobachteten. Er studierte Physiognomie, Gang, Haltung und Gestik. Dann schloss er auf die Persönlichkeit. Besonders gerne beobachte er auch kleine Gruppen. Er suchte nach dem Hierarchiegefüge. Es gab immer einen Leader und einen Spaßverderber, der gerne Leader gewesen wäre, aber die Eigenschaften nicht ausreichend besaß. Die übrigen Gruppenmitglieder blieben mehr oder weniger passiv.

Das halb volle Weinglas aufnehmend bemerkte er, schon von weitem einen jungen Mann: elegant gekleidet, überdurchschnittliches Aussehen, forscher Gang und gerade Haltung. Immer den Blick kurz und unauffällig auf die Umgebung gerichtet, ob er auch wahrgenommen wird. Ein Mittelpunktmensch, Menschenfänger und Verführer, dachte Rudolph und schmunzelte. Er nippte an seinem Wein. In dieser Sekunde realisierte er, dass dieser junge Mann auf ihn zusteuerte. Er schätzte sein Alter auf fünfundzwanzig Jahre, also zehn Jahre jünger als er. Der freie Barhocker neben ihm war offensichtlich sein Ziel. Rudolph drehte sich instinktiv weg. Er hörte die holprige spanische Bestellung eines Vino Tinto. Es musste sich um einen deutschen Landsmann handeln.

Umso mehr erstaunte ihn, als sein Nachbar den halbblinden Lotterieverkäufer heranwinkte und für hundert Euro Lose der Weihnachtslotterie erstand. Der Halbblinde zitterte vor Glück, bedankte sich überschwänglich und verließ beschwingt den Fresstempel. Rudolph vermutete, dass sich der Glückliche früher als sonst dem Feierabend widmen würde, um sich einen guten Roten in seiner Stammbar gut schmecken zu lassen.

 „Da wäre Ihr Geld in den Köstlichkeiten dieser Halle besser angelegt.“, sagte Rudolph, der sich einen Kommentar nicht verkneifen konnte und schüttelte belustigt den Kopf.

Der Angesprochene war immer noch dabei die Lose in seinen beiden Gesäßtaschen der sommerlich hellgelben Leinenhose zu verstauen, wandte sich ihm zu, schaute ihm offen ins Gesicht, schmunzelte spitzbübisch und antwortete: „Geht beides. Ich kann die Lotterie nur empfehlen. Sie macht Weihnachten spannend und die Familientage erträglicher.“

„Vitus Blecher“, stellte er sich vor und streckte ihm die linke Hand zum Handschlag hin.

Was ist denn das für eine Marotte, dachte Rudolph.

„Ich bin immer auf der Suche nach Linkshändern. Ich schätze diesen Menschentypus sehr. Selten bin ich von diesen Menschen enttäuscht worden. Sie sind sensibel und glauben an die Macht von Heilsteinen und sind offen gegenüber den Fügungen des Schicksals.“

Es trat eine peinliche Pause ein, die sein Gegenüber zu genießen schien.

„War ein Scherz.“, sagte er schließlich.

 Seine grünen Augen funkelten spöttisch.

„Rudolf Rudolph.“, erwiderte Rudolph. Bei jeder seiner Vorstellungen beobachtete er aufmerksam, wie sehr die Alliteration sein Gegenüber verwirrte oder gar verlegen machte.

„Ihre Eltern haben aber Phantasie bewiesen. Fast so schön wie A Boy named Sue von Johnny Cash.“

Rudolph lächelte mit einem kaum wahrnehmbaren wehmütigen Blick. Er verschwieg ihm fürs Erste, dass seine Eltern diese Namenskombination nicht in einem Anfall von missverstandener Originalität erfunden hatten, sondern dass von ihm so wenig geschätzte Schicksal. Er war ein Adoptivkind und sein Vorname lautete Rudolf. Als Kleinkind wurde er in ein gut bürgerliches Elternhaus mit Familienname Rudolph verpflanzt nach dem sich seine drogensüchtige alleinerziehende Mutter ins Fegefeuer verabschiedet und einen zweijährigen Sohn zurückgelassen hatte.

„Ich bin zwar Rechtshänder, bevorzuge aber die linke Gehirnhälfte. Vielleicht genügt Ihnen das als Sympathiepunkt. Die Rechte dient nur dazu meinen Kopf in Balance zu halten.“

„Was verschlägt Sie nach Madrid?“, setzte er fort, um die Kommunikation in Gang zu halten.

„Ich bin geschäftlich hier und gehöre dem ehrbaren Berufsstand der Consultingbranche an. Man kann mich über meine Firma mieten, und ich erzähle den Mitarbeitern alles, was mein Auftraggeber verlangt. Manchmal lasse ich sie in Arbeitsgruppen ihr eigenes Todesurteil erarbeiten. Ich bin Spezialist für Rationalisierungen. Und Sie? Lassen Sie mich raten. Sie sind Banker.“

„Richtig. Ich diene meiner Investmentbank mit dem Verkauf von Finanzprodukten, die eine hohe Marge besitzen.“

„Für den Kunden oder für die Bank?“

Rudolph nahm die leise Polemik seines Gesprächspartners auf. „Für meine Bank mit Sicherheit, für den Kunden nach Möglichkeit auch. Ist aber kein Muss. So ist die Philosophie unseres kundenorientierten Hauses.“

„Verstehen Sie, was Sie verkaufen?“

„Die meisten Produkte habe ich selbst entwickelt.“

Rudolph bemerkte, dass er Blecher beeindruckt hatte, da dieser anerkennend nickte und seinem Gesichtsausdruck glaubte er, Bewunderung zu entnehmen.

Mit Blick auf die beiden leeren Gläser fragte Rudolph: „Noch ein Glas Rotwein?“

„Gerne.“

Er bestellte ein Glas Rotwein und für sich ein Glas Wasser.

Nach dem beruflichen Kurzcheck kam das Private dran. Lektion eins: Small Talk, dachte Rudolph und nippte an seinem Wasserglas.

„Wo ist Ihre Heimatbasis?“

„Ich wohne im schönsten und teuersten Großdorf Deutschlands.“

Sein Gesprächspartner stutzte erst, begriff aber schnell.

„Ah, was für ein Zufall. Ich lebe auch in München. Eine wunderbare Stadt. Sicher keine Metropole, da haben Sie schon recht, aber ein Flecken mit wunderbarer Umgebung.“

Rudolph verschwieg ihm, dass er Berlin mehr als München schätzte und dort seinen zweiten Wohnsitz hatte. Blecher wechselte zum nächsten klassischen Small-Talk-Thema.

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein, der Beruf erlaubt mir keine Ablenkung. Bis jetzt wenigstens. Es reicht nicht einmal für eine feste Freundin.“

„Mir geht es ähnlich. Consultants sollten Heiratsverbot bekommen.“

Rudolph schmunzelte und sagte: „Klare Regeln sind immer von Vorteil. Aber warum tun wir uns das alles an?“

„Ich betrachte das als rhetorische Frage. Wir verdienen unanständig viel Geld, wenn wir unsere Bonusziele erreichen. Wir schätzen die Freiheit durch finanzielle Unabhängigkeit hoch ein. Insbesondere die vielfältigen Annehmlichkeiten, die von unseren Neidern als Statussymbole denunziert werden. Was für ein Auto fahren Sie?“

„Einen schwarzen Panamera.“

Rudolph bemerkte, wie Blecher zufrieden lächelte. Er fühlte sich wohl bestätigt.

„Ich fahre eine knallrote BMW 7er Limousine mit allen Extras, die diesem Autoproduzenten je eingefallen sind. Das macht unser Selbstwertgefühl aus. Und wir lieben es. Richtig?“

Rudolph nickte und dachte, dass macht dein Selbstwertgefühl aus. Für mich ist das Bequemlichkeit und Annehmlichkeit, die mir guttut. Ich würde das auch auf einer einsamen Insel haben wollen. Er spürte, wie sein Gesprächspartner begünstigt durch den Rotwein so richtig in Schwung kam.

„Ich bin überzeugt, dass hart erarbeitete Privilegien auch verteidigt werden müssen, wenn sie in Gefahr geraten. Manchmal glaube ich, dass ich die Kraft dazu aufbringen könnte, sprichwörtlich über Leichen zu gehen.“

Wieder nickte Rudolph und dachte, ich weiß, dass ich über Leichen gehen würde. Er sagte jedoch: „Man sollte sich in seiner Entschlossenheit und seinem Mut nicht überschätzen, wenn es um das Überschreiten von gesellschaftlichen Normen geht, die mit empfindlichen Strafen bewehrt sind.“

„Sie drücken sich ganz schön umständlich aus.“, stöhnte Blecher, nahm einen weiteren großen Schluck und fuhr flapsig provozierend fort: „Man darf sich halt nicht erwischen lassen.“ Dabei grinste er Rudolph an.

„Diese Einstellung ist typisch für Spielernaturen, die fest daran glauben, eine Glückssträhne wird vom Schicksal geschickt.“

„Schicken und Schicksal passt doch! Was soll es denn sonst sein?“, rief Blecher.

Leicht genervt, was sein zusammengekniffener Mund und ein kurzer hämischer Ausdruck in seinen Augen offenbarten, setzte er fort: „Eher die Wahrscheinlich-keitsrechnung insbesondere bei statistisch unabhängigen Ereignissen. Bei dem berühmten Münzwurf kann die Zahl meinetwegen fünfzigmal hintereinanderkommen, ohne dass der Gott des Schicksals besser gesagt die Göttin Fortuna eingegriffen hat. Ach lassen wir das.“

Rudolph spürte, dass er auf die falsche Bahn geriet und überlegte kurz. Dann lächelte er seinen Nachbarn versöhnlich an und fragte: „Was haben Sie heute Abend noch vor?“

„Ich will mich nur amüsieren. Also nichts Bestimmtes.“

„Keinen Appetit? Ich habe Appetit. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Abendessen?“

„Appetit habe ich nicht, aber ordentlich Hunger.“, antwortete Blecher schmunzelnd.

Aus Bequemlichkeit schlug Rudolph das Ritz Garden Restaurant vor. Blecher war einverstanden.

„Das geht sich gut aus. Ich wohne im Wellington Hotel. Das liegt in der Nähe.“

Sie konnten die Markthalle nur langsam verlassen, so dicht war das Gedränge. Die herrlichen Auslagen der einzelnen Stände waren nur noch selten zu erkennen, da ein dicht gedrängter Menschenschwarm sie fast vollständig verdeckte. Rudolph begann, sich unwohl zu fühlen. Kein ausreichender Abstand zu seinen Artgenossen, dass mochte er nicht. Vor ihm glitt Blecher elegant durch die Menge mit einem gewinnenden Lächeln und immer die hübschesten Frauen als Fahnenstangen umkurvend. Er war ihm schon zehn Meter voraus.

Endlich erreichten sie den Ausgang. Rudolph atmete intensiv die frische Nachtluft ein und fühlte sich befreit.

„Da war ja ordentlich was los. Vielleicht hätten wir bleiben sollen?“, gab der gut gelaunte Blecher zum Besten.

Rudolph versagte sich eine Antwort und winkte ein Taxi heran Er gab dem Fahrer die Zieladresse an und stieg auf der Beifahrerseite ein. Blecher nahm hinter ihm Platz. Sie schwiegen während der kurzen Fahrt.

Rudolph schaute nachdenklich aus dem Fenster und erwog die Umsetzung einer Idee, die er schon lange mit sich herumtrug, aber zu deren Verwirklichung er einen Partner brauchte. Er hatte seinen Einfall das zweite Ich getauft. Der Erfolg seiner Idee hing davon ab, dass die Bekanntschaft und Zusammenarbeit zwischen zwei Personen der Umwelt verborgen blieb. Diese Zusammenarbeit konnte er sich auf den verschiedensten Gebieten vorstellen, angefangen von Insidergeschäften bei Finanztransaktionen bis hin zu Gewaltstraftaten, die das zweite Ich ausführte zum Vorteil seines Alter Ego. Die Strafbehörden mit ihren üblichen Aufklärungskriterien wie Alibi und Motiv würden ins Leere laufen.

Allerdings bedeutete die Grundannahme dieser Idee, dass er sich sehr früh einem möglichen Partner offenbaren musste. Wartete er zu lange, um die Eignung des Partners einzuschätzen, riskierte er, dass die Beziehung öffentlich wurde. Und seine strafbewehrten Aktionen drohten aufzufliegen. Nie und nimmer darf mir das passieren, dachte Rudolph.

Angekommen, fragte er nach einem Platz für zwei Personen im Jardin Hotel Ritz, dem Goya Restaurant. Die junge Empfangsdame am Eingang des Goya Restaurants hatte nur Augen für seine Begleitung und Blecher schien es zu genießen.

„Aber sicher.“, flötete sie und nahm mit Schwung zwei Speisekarten. Sie bot drei freie Tische zur Auswahl an und Rudolph wählte den etwas abseits ruhig gelegenen Tisch.

Sie machten es sich in den Korbstühlen gemütlich. Der herbeigeeilte Kellner ging mit dem Auftrag ein exzellentes Glas Champagner, einen ordentlichen Malt Whiskey und eine große Flasche Wasser zu besorgen. Schweigend und konzentriert prüfte Rudolph die Speisekarte.

„Ich schlage einen St. Peter Fisch in Salzkruste vor, das reicht für uns beide. Kann ich nur empfehlen.“

„Einverstanden.“, erwiderte Blecher, „falls wir uns auf eine Tortilla als Beilage verständigen können.“ Rudolph gab die Bestellung für beide auf, als der Kellner die bestellten Getränke und rohe Lachshäppchen servierte. Er hätte es gerne bei einem Salat als Beilage belassen. Low carb, aber er widersprach nicht.

Mit vollem Mund erzählte Blecher: „Ich bin Diplom-Psychologe. Meine Helden in der Studentenzeit waren die Verhaltensforscher, die mit Beobachtungen und klugen Versuchsanordnungen bei Mensch und Tier die Triebfedern ihrer Beobachtungssubjekte freilegten. Ihre Erkenntnisse sind Grundlage mehr oder weniger erfolgreicher Manipulationen von Individuen und Massen geworden. Erfolgreiche Werbung wäre ohne diese Vorarbeiten undenkbar. Natürlich gehört auch persönliche Begabung und Eignung dazu, Menschen zu führen und verführen.“

Rudolph dachte, dass ihm so ein Menschenfänger und Verführer gegenübersaß. Er beobachtete seine Gestik und Mimik. Er sah einen lebhaften extrovertierten Menschen vor sich, dessen Körpersprache nicht einstudiert wirkte und der sich ganz auf ihn konzentrierte.

„Ich unterhalte gerne mein Gegenüber oder ganze Gruppen. Es strömt nur so aus mir heraus. Einmal habe ich einen teuren Kursus in Rhetorik belegt und ihn nach der zweiten Runde enttäuscht verlassen. Ich wusste schon alles instinktiv. Es ist mir sozusagen angeboren.“

Rudolph sagte provozierend:“ Diese Begabung bewundere ich so sehr, dass ich davon träume, sie durch ein Computerprogramm ersetzen zu können.“

„So ein Quatsch!“

„Doch. Ich werde Sie arbeitslos machen.“

„Das glaube ich erst recht nicht!“

„Ich sage nur Digitalisierung.“

Blecher lachte herzlich. „Das kann ich in meinem beschwingten Zustand ja kaum unfallfrei aussprechen.“

„Die Digitalisierung ist die große Zukunft, sie wird die Politik sowie das Geschäfts- und Privatleben revolutionieren. Das Verhalten der Menschen wird erkennbar und damit auch steuerbar. Die Suchmaschinenbetreiber und sozialen Plattformen wie Google und Facebook sammeln und speichern jeden Tag vierundzwanzig Stunden lang Informationen ihrer Nutzer. So entsteht ein unermesslicher Datenraum, den entsprechende Algorithmen nutzen können, um für einzelne Personen, deren Charakter, Wünsche und Sehnsüchte erkennbar und nutzbar zu machen.

„Schon wieder ein Begriff, der meine Zunge verknoten könnte. Dieser Algorithmus.“

„Formeln, Berechnungsverfahren verfeinert mit Wahrscheinlichkeitsrechnung.“

„Ja, ich weiß. Nur neu für mich ist, dass ihr Mathematiker offensichtlich glaubt, die Arbeit der Psychologen erledigen zu können.“

„Das erwarte ich.“

„Oh, ich werde durch Formeln und Wahrscheinlichkeitsrechnung ersetzt. Den Kampf nehme ich auf.“ Blecher lächelte herausfordernd und zeigte seine zwei Grübchen in voller Tiefe und Schärfe.

„Ich gebe es zu, es ist noch ein weiter Weg dahin.“, beschwichtigte Rudolph und lieferte weitere Argumente, warum es so kommen musste. Es gab Antriebsfedern wie Schutz der Bürger vor Terrorismus oder Schutz der Regierungen vor ihren Wählern und so weiter und so weiter. Der Abend im Restaurant verging wie im Flug und neigte sich langsam dem Ende zu als Rudolph plötzlich das Thema wechselte.

„Ich trage diese Idee schon eine ganze Zeit mit mir herum, habe aber noch keinen Partner gefunden. Vielleicht hat mich das Schicksal heute den richtigen treffen lassen.“ Das mit dem Schicksal kommt bei ihm bestimmt gut an, dachte er.

„Um was geht es denn?“

„Ich möchte Ihnen einen lukrativen Vorschlag unterbreiten. Es mag seltsam klingen, eröffnet aber ungeahnte Möglichkeiten.

Wir sollten unsere Bekanntschaft exklusiv halten.“

„Wie meinen Sie das?“

„Keiner erfährt, dass wir uns kennen.“

 „Ach, und wieso?“

„Zum Beispiel Insidergeschäfte. Aber wer weiß was die Zukunft bringt? Vielleicht fallen uns noch Projekte ein, die wir zusammen durchziehen können, wobei es sehr hilfreich ist, dass keiner über unsere Beziehung, unser abgestimmtes Handeln, Bescheid weiß.“

Rudolph spürte förmlich, wie die anfängliche Verunsicherung seines Gesprächspartners in spitzbübisches Einverständnis umschlug.

„Wie kommunizieren wir unerkannt?“, fragte Blecher.

„Gute Frage. Informieren Sie sich über den TOR Browser und richten ihn ein. Übrigens kostenlos und einfach zu bewerkstelligen. Ich werde mich in ungefähr zwei Wochen über diesen Weg melden.“

Blecher nahm eine Papierserviette als Notizzettel. Er brauchte drei Versuche bis sein Stift funktionierte und er den Namen des Browsers einigermaßen leserlich festhalten konnte.

„Es ist kurz nach Mitternacht. Ich verabschiede mich und gehe den kurzen Weg zu meinem Hotel.“ Dann lächelte er seinen neuen Partner leutselig an und fuhr fort: „Das war ein überraschend spannender Abend.“

Rudolph nickte und bemerkte, dass er ihm die rechte Hand zum Abschied hinhielt, die er fest einschlug.

„Auf eine aufregende und ertragreiche Zukunft.“

Rudolph schaute Blecher nachdenklich nach, wie er den Restaurantgarten verließ. Dieser streckte den linken Arm nach oben und winkte mit der Hand ohne sich umzudrehen. Er fühlte sich ertappt. Auf dem Weg zu seiner Suite fragte er sich, warum er dieses Angebot der Exklusivität gerade diesem Mann so schnell unterbreitet hatte. Er trug schon lange diese Idee mit sich herum. Die geheime und auf gegenseitigem Vertrauen basierende Bekanntschaft zweier Menschen eröffnete aus seiner Sicht ungeahnte Möglichkeiten. Immer wieder schwebten ihm Situationen vor insbesondere im Finanzgeschäft wie Insiderhandel oder Front Running mit zwar illegalen aber höchst profitablen Geschäften. Und er war gespannt, welche Ideen ihm sonst noch einfallen würden.

Er öffnete mit einer Magnetkarte die Tür zu seiner Suite, ging ins Bad und zog sich langsam aus, legte alles sorgfältig an seinen Platz, legte sich nackt ins Bett und schlief sofort ein.

Er stand um sechs Uhr auf und suchte den Fitnessraum auf. Die Waage im Bad seines Hotelzimmers hatte vorne eine acht gezeigt. Ein Alarmzeichen, welches er nicht ignorieren konnte. Sein Body-Mass-Index lag jetzt bei 26.4. Über fünfundzwanzig. Zwar stimmte der Hinweis, dass Sportler aufgrund ihrer größeren Muskelmasse oftmals einen BMI über fünfundzwanzig hatten und in diesen Fällen kein Übergewicht vorlag. Aber seine Ansprüche an sich selbst waren hoch. Er hatte dem Laufband schon zehn Kilometer abgerungen, seine helle Sportkleidung war von Schweiß durchtränkt und mit großen dunkeln Flecken versehen. Das musste reichen. Es blieb noch ausreichend Zeit sich frisch zu machen, zu frühstücken und das bestellte Taxi zum Flughafen zu besteigen.

Im Frühstücksraum holte er sich Früchte und Naturjogurt und dachte an den gestrigen Abend. Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. Er hatte die berühmte eine Nacht darüber geschlafen und war mehr denn je überzeugt, gestern einen Mann getroffen zu haben, den er zu beidseitigem Vorteil einsetzen konnte. Und vielleicht nicht nur im Finanzbereich. Schon sein Äußeres mit grünen Augen, römischer Nase, breitem Mund, vollen Lippen und energischem Kinn sollten beim weiblichen Teil der Bevölkerung von Vorteil sein. Der liebe Gott hatte sich Mühe gegeben, alle Klischees eines gutaussehenden Mannes in seinem Gesicht unterzubringen. Überdies musste sein BMI-Wert im Idealbereich liegen. Er hatte zwar ebenfalls eine Größe von 1,75 Meter, war aber offensichtlich schmaler als er. Er schätzte sein Gewicht auf 75 Kilogramm und gestand sich seinen Neid ein. Ein Blick auf seine Uhr unterbrach seine Gedanken, denn es wurde höchste Zeit aufzubrechen, um den Flieger noch rechtzeitig zu erreichen.

Das Taxi brauchte eine Viertelstunde, obwohl der Berufsverkehr sehr dicht war. Die Taxifahrerin war eine aufgeweckte junge Frau, die jede Überholmöglichkeit nutzte und rücksichtslos andere Fahrzeuge schnitt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Die Hupkonzerte nötigten ihr nur ein verschmitztes Grinsen ab. Ihr Gast nickte anerkennend und gab am Ende der Fahrt ein großzügiges Trinkgeld. Ohne Eile erledigte er den Check-in am Automaten, nutzte die Fast Line der Gepäckkontrolle und schlenderte zum Gate. Hier wartete er auf den Aufruf für Business Gäste zum Priority Boarding. Jetzt hatte Rudolph ein Déjà-vu. Sein Bekannter von gestern näherte sich im perfekten Business Outfit dem Gate. Er trug einen Sommeranzug in hellblauer Farbe, braune Schuhe und gelbe Socken und beobachtete die Umgebung. Ohne Zweifel er fällt auf, dachte Rudolph und folgte ihm weiter mit seinen Blicken. Auch Blecher nahm ihn wahr auf eine Art, die nur der Investmentbanker erkennen konnte, aber nicht Außenstehende.

Dann haben wir also den gleichen Rückflug, muss einen irgendwie nicht überraschen, dachte Rudolph. Es erfolgte der Aufruf für das Priority Boarding der Businessgäste, worauf sechs Männer und eine Frau so lässig und selbstverständlich wie möglich losgingen, ihr Privileg zu genießen.

 

 

 

2. Kapitel

Freitag, 10. Oktober 2008, Madrid

 

Der Matador näherte sich dem blutenden Stier mit provokanten Bewegungen. Sein rotes Tuch verführte das Tier, den mächtigen Schädel zum Angriff zu senken. Sein Todesurteil. Elegant und selbstbewusst hob der Matador den Degen unmittelbar vor den tödlichen Hörnern und vollführte den Todesstoß zwischen den Schulterblättern seines chancenlosen Opfers.

Rudolph schaute gebannt zu. Gerade noch hatte der Stier das Pferd eines Picadores aufgeschlitzt. Es floss viel Blut. Das Tier verstarb in heftigen Zuckungen. Anschließend wurde es von Helfern unter Decken verborgen.

Der Investmentbanker konzentrierte sich auf den dritten und letzten Akt, vergaß sogar seine immensen beruflichen und finanziellen Sorgen, die ihn schon seit längerem begleiteten und sich seit Ende dieser Woche verschärft hatten. Heftig und entschlossen bearbeiteten die Banderilleros mit ihren Harpunen den Nacken des nächsten Stieres.

Las Ventas war eine der größten Stierkampfarenen der Welt, im Osten von Madrid gelegen. Von außen wirkte sie durch die vielen Hufeisenbögen und kleinen Säulen verspielt und friedlich. In diesem Jahr war die Arena auch Schauplatz eines Daviscup Halbfinales. Der Oktober war der letzte Monat dieser Stierkampfsaison.

Langsam wich das Adrenalin wieder aus seinem Körper. Diese Demonstration von Mut und Tod packte ihn jedes Mal in seinem Innersten.

Er besorgte sich ein Taxi und gab die Hoteladresse Madrid Ritz Carlton an. Seine Alltagssorgen kehrten mit Macht zurück. Äußerlich war ihm der Stimmungswandel nicht anzumerken. Heute war Freitag, und die Börsenwoche endete mit zwanzig prozentigem Verlust weltweit an den Aktienmärkten. Eine Katastrophe, die kein Algorithmus vorhergesagt hatte. Zumindest keiner von denen, die er entwickelt hatte. Große Kunden wie Versicherungen, Kommunen, Pensionskassen hatten seine Produkte gekauft, die dramatisch an Wert verloren. Manche über die Hälfte und die Talfahrt war noch nicht zu Ende. Er würde Ärger bekommen. Aber wirklich katastrophal rechneten sich seine privaten Verluste. Bestürzt gestand er sich ein, pleite zu sein, aber vielmehr nagte an ihm, dass er diese Entwicklung nicht hatte kommen sehen. Schuld war wohl seine Geldgier. Genau einen Monat war es her, dass US-Finanzminister Paulson überraschend erklärt hatte, Lehman Brothers nicht retten zu wollen. Das war der Anfang vom Ende.

Sogar die vermeintlich klugen Insidergeschäfte mit Vitus waren missglückt und kosteten seinem Freund und ihm viel Geld. Auch Vitus musste in einer finanziellen Klemme stecken. Dass seine Insidergeschäfte auf online-Basis funktionierten, half ihm jetzt auch nicht. In Deutschland war er bestimmt der Erste, der diese Methode benutzte. Er hackte private und öffentliche Nachrichtenagenturen insbesondere aus dem Wirtschafts- und Finanzbereich. Entdeckte er eine vermeintlich kursrelevante Information aus einem börsennotierten Unternehmen, unternahm er eine kluge Methode der Verschleierung, damit ihnen die Börsenaufsicht nicht auf die Schliche kommen konnte. Er isolierte mit einem aufwendigen aber schnellen Rechenverfahren andere Börsenunternehmen, deren Kursentwicklung in der Vergangenheit ein festes Muster zur Kursentwicklung des von ihm entdeckten börsennotierten Unternehmens zeigten. Nur über diese anderen Unternehmen informierte er über den TOR Browser seinen Partner und gab ihm entsprechende Kauf- und Leerverkaufsempfehlungen. War die kursrelevante Information an den Markt gelangt, wies er ihn an, alle Positionen glattzustellen.

Die Gewinne wurden geteilt. So sammelten sie in vielen kleinen Schritten ein Vermögen an, das allerdings mehr als verloren ging, als die Finanzkrise alles überlagerte. Rudolph war so unvorsichtig zu glauben, dass seine Insidergeschäfte von der sich abzeichneten Finanzkrise nur bedingt beeinträchtigt werden könnten. Da irrte er sich. Seine vorsichtige Vorgehensweise nicht direkt die Aktien der Unternehmen zu kaufen, über die er Insiderinformationen gesammelt hatte, reduzierte die erwartete Marge eines Insidergeschäftes im Vergleich zur direkten Anlage. So wies er Vitus an, mit sehr hohen Beträgen zu spekulieren. Die unerwartete Pleite von Lehman Brothers, die er eigentlich als too big to fail eingeordnet hatte, zerstörte alle Gewinne und führten zu hohen Verlusten.

Das Taxi hatte nach einer Viertelstunde sein Ziel erreicht und hielt direkt vor dem Haupteingang, was den Hotelpagen dazu veranlasste, die Beifahrertür aufzureißen, um den Gast willkommen zu heißen. Da er noch mit dem Bezahlvorgang beschäftigt war, blitzte er ärgerlich den uniformierten Hotelbediensteten an, der sich verschreckt zurückzog als er noch einem ärgerlichen Wegwinken ausgesetzt wurde.

Er bezahlte mit großzügigem Trinkgeld, stieg langsam aus und begab sich kopfschüttelnd auf den Weg zu seiner Suite. Im Fahrstuhl rechnete er nach, dass ungefähr ein Jahr und drei Monate vergangen waren seit er Vitus das erste Mal gesehen hatte. Viermal hatten sie sich inzwischen getroffen immer in Madrid. Mittlerweile waren sie per Du. Heute wollten sie wieder zusammenkommen, um die Konsequenzen der schwierigen Lage in Ruhe zu besprechen.

Für ihn stand fest, so leicht würde er sich nicht unterkriegen lassen. Es würde ihm eine Lösung einfallen. Er wollte jede Option prüfen und Skrupel, das schwor er sich, würde er keine haben. Schon seit längerem überlegte er, wie ihm das zweite Ich dafür von Nutzen sein konnte. Aber etwas Konkretes war ihm noch nicht eingefallen.

In seinem Hotelzimmer angekommen, setzte er sich auf den großflächigen Balkon seiner Suite und holte den schmalen Band Also sprach Zarathustra von Nietzsche hervor und vertiefte sich in dessen Sprachgewalt und Inhalt. Zwei kurze Passagen setzten in seinem Hirn etwas frei: Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden? und Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!

Er konnte das zweite Ich mit einer mörderischen Idee verbinden, deren Ausführung seine und Vitus‘ finanzielle Probleme lösen würde, da war er sich sicher. Er schmunzelte. Sie würden Phantasie und gute Nerven brauchen. Nietzsche war ein anregender Philosoph, auch wenn man ihn nur oberflächlich verstand, verhalf er dem Leser zu einem ideologischen Überbau, wenn er dies für seine Lebensphilosophie brauchte. Das musste Rudolph zugeben. Er nutzte die verbleibende Zeit, um nachzudenken bis ihn der Zimmerservice störte. Das junge Mädchen musste mehrmals klingeln und fuhr nun scheppernd den Servierwagen herein, der von einem silbernen durch die Kühlung nass schimmernden Eiskübel gekrönt war, den eine Flasche Dom Perignon und ein feiner Burgunder Mersault-Chardonnays adelte. Daneben stand noch eine Flasche Yamazaki Single Malt, als Konzession für seinen Gast. Er gab ihr so großzügig Trinkgeld, dass sie verlegen und mit einem verschämten Lächeln rückwärts durch die noch offene Tür verschwand.

Sein Hoteltelefon klingelte. „Sehr geehrter Herr Dr. Rudolph, ein Herr Mausgrau will Ihnen die Aufwartung machen.“, informierte ihn die Rezeptionistin.

„Schicken Sie den Komiker hoch.“

Kurz danach klopfte es. Rudolph schaute durch den Spion und wurde von einer überdimensionierten Sonnenbrille und zwei Zahnreihen erschreckt. Letztere hatten ein breites Lächeln zum Vorschein gebracht. Er öffnete die Tür. Sie umarmten sich innig und klopften sich gegenseitig ab. Zufrieden stellte er fest, wie schnell Vitus sein Lieblingsgetränk erkannte, das schon auf ihn wartete, während er die Champagnerflasche öffnete.

„Böse Zeiten. Lange werden wir uns das nicht mehr leisten können. Ich schon jetzt nicht mehr. Man hat mich freigestellt. Ein Vorgang, den ich überflüssig gewordenen Mitarbeiter meiner Mandanten hervorragend vermitteln konnte.“, seufzte sein Besucher und nahm die Sonnenbrille ab.

Rudolph bemerkte, wie seine Augen für einen kurzen Moment müde ins Leere blickten.

„Wenn es einen selbst erwischt, bleibt nur Wut. Ich habe lukrative Aufträge ohne Ende für meine Firma akquiriert und durchgeführt. Bin durch alle Zeitzonen geflogen und habe sieben Tage die Woche hart gearbeitet.“

Rudolph dachte, jetzt tut er sich aber gewaltig selbst leid. Er jammert zu viel. Hoffentlich hört das bald auf.

„Was ungeheuerlich ist, die unfähigen Vorstandmitglieder meiner Consultingfirma, und ich meine wirklich alle, füllen ihre Portmonees noch dicker. Sie haben doch wirklich die Höhe ihrer eigenen Bonifikationen davon abhängig gemacht, wie schnell und preiswert sie die eigenen Mitarbeiter loswerden können. Oh, entschuldigte ich wollte freistellen sagen. Also mich!“

„Ich dachte, dass das euer Geschäftsmodell ist. Warum beschwerst du dich? Jammer nicht!“

„Die Krise ist einfach zu früh gekommen. Ich hatte keine Chance, meine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie waren einfach noch nicht fett genug. Unsere grandiosen Insidergeschäfte haben sogar Verluste gebracht. Das Schicksal meinte es einfach nicht gut mit mir.“

„Noch einmal, lamentier nicht! Was hältst du davon, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Erzwinge dein Glück, indem du ein wenig nachhilfst. Mir geht es genauso dreckig wie dir. Ich bin zwar nicht freigestellt, aber kaltgestellt. Eine Freistellung käme meinen Vorstand zu teuer. Und sie lassen mich hängen, was den Vorwurf der Falschberatung von Klienten angeht. Ich habe drei Klagen von großen Kommunen am Hals, die zwar gegen meine Firma gerichtet sind, aber meine Firma wird alles tun, dass der Dreck nur an mir hängen bleibt.“, sagte Rudolph ungehalten.

Stille machte sich breit. Rudolph fixierte seinen jungen Freund intensiv.

„Ich werde mich wehren. Aber nicht auf dem Feld der Finanzwelt. Dort ist der Gegner zu mächtig und meine Position zu schwach. Zumindest momentan. Und du solltest es auch so halten und nicht in Selbstmitleid baden. Ganz am Anfang unserer Bekanntschaft hast du mir versichert, dass du für deine hart erarbeiteten Privilegien auch über Leichen gehen würdest.“

Vitus unterbrach ihn genervt. „Wovon redest du eigentlich? Ist dir der Champagner nicht bekommen?“

„Ich rede davon, dass uns alle Mittel recht sein müssen, um uns gegen die verdrießlichen Umstände zu wehren, wenn sie uns Übel wollen. Und dies bis zur letzten Konsequenz. Nietzsche und Darwin lassen grüßen.“

„Ja, bis zur letzten Konsequenz mit Darwins Hilfe! Falls auch diesmal meine Lose der Weihnachtslotterie Nieten sind. Was ich aber nicht erwarte. Diesmal lande ich den großen Knaller.“

Vitus schien das alles eher verzweifelt ironisch zu nehmen. Das gefiel ihm nicht.

An der Tür klopfte es wieder. „Zimmerservice, Ihr Dinner.“

Vitus setzte sich die Sonnenbrille auf und lächelte die junge Frau an. Diesmal bestach der Servierwagen mit zwei silberfarbenen Kuppeln, die zwei Teller bedeckten.

„Was bringen wir denn da?“

„Wild gefangener Wolfsbarsch in Salzkruste gebacken und Kanarische Kartoffel.“

„Auch die Runzelkartoffeln mit feiner Salzkruste, wie clever abgestimmt und gleichzeitig bescheiden.“

„Spar dir deinen Sarkasmus.“

Das Zimmermädchen lächelte verlegen und fragte, ob die Herren noch Wünsche hätten. Sie schüttelten den Kopf und bedankten sich höflich. Vitus gab ihr ein großzügiges Trinkgeld.

Rudolph schenkte sich einen Schluck Weißwein ein, kostete vor, nickte beeindruckt und bediente sein Gegenüber zuerst.

„Wir wurden bei der letzten Konsequenz unterbrochen.“

„Lass mich ein wenig ausholen und hör gut zu. Hinter Staaten, Unternehmen oder Organisationen stehen Menschen, die die Macht und die Verantwortung haben. Diese Führer nennen wir Staatsmänner, Vorstandsvorsitzende, Päpste oder Generäle. Es sind die Eliten.

Kriege zwischen Völkern werden aus vielerlei vorgetäuschten Gründen geführt: Religion, geostrategische Erwägungen, also die vielfältigen Eroberungsfeldzüge und so weiter. Aber immer geht es im Kern um Vorteile und Zukunftssicherung für eine Elite, die sich gnadenlos und beredt die Vorteile schnappt und dafür sprichwörtlich über Leichen geht. Etwa die USA, die ihre Ölinteressen im Nahen Osten seit Jahrzehnten gewahrt haben. Oder der weiße Mann, der den roten Mann ausgerottet hat.“

Vitus wirkte auf Rudolph verwirrt. Er schaute ihn schief an, hatte große verwunderte Augen und knetete sich die Hände.

„Ich verstehe noch nicht, was das mit unseren Problemen zu tun hat.“

„Gedanklich musst du einfach einen Schritt weitergehen und dir sagen, was sich ein starker und entschlossener Staat durch seine Eliten erlaubt, dass muss auch für ein starkes und entschlossenes Individuum im privaten oder geschäftlichen Bereich gelten, nicht nur im vermeintlich öffentlichen Bereich mit angeblichen hoheitlichen Befugnissen der Amtsträger. Ein willensstarkes und kaltblütiges Individuum darf sich zu seinem Vorteil ebenfalls bedienen zulasten der Schwachen. Aber es muss klug sein und starke Nerven haben, wenn es dabei Gesetze verletzen muss, die harte Strafen nach sich ziehen können.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Charakter eines willensstarken und kaltblütigen Menschen habe.“, antwortete Vitus mit trotziger Stimme.

„Aber zur Elite gehören und Reichtum genießen, das wäre schon dein Fall.“

Vitus schaute beleidigt. „Was schlägst du eigentlich vor?“

Rudolph atmete tief durch und hoffte inständig, dass er jetzt nicht den entscheidenden Moment ruinierte. Er schaute Vitus intensiv in die Augen.

„Wir beide heiraten reich und werden nach einem angemessenen Zeitraum dafür sorgen, dass wir von dem vermeintlich glücklichen Ehestand in den vermeintlich unglücklichen Witwerstand kommen. Und lösen damit unsere aktuellen finanziellen Probleme und können neu in eine uns angemessene Zukunft starten.“

„Ich vertrage keine Gefängnisluft. Ich mag dieses gesiebte Zeug nicht. Und Gemeinschaftsduschen sind mir verhasst. Da bin ich noch empfindlicher.“

„Der Plan ist wasserfest, wenn wir unsere Ausgangsposition betrachten und uns an ein paar einfache Regeln halten. Es weiß niemand, dass wir uns kennen. Das muss so bleiben. Das ist das Wichtigste.“ Rudolph sah Vitus eindringlich an, um ihm die große Bedeutung seiner Aussage zu verdeutlichen. „Wir werden zwei tödliche Unglücksfälle arrangieren, wobei ich deine bedauernswerte Gattin ins Jenseits befördere und du mir in meiner familiären Angelegenheit behilflich sein wirst. Polizei und Staatsanwaltschaft werden jeweils den Falschen verdächtigen und deshalb durch ein unerschütterliches Alibi des unglücklichen Witwers die Akten mit dem Vermerk tragischer Unglücksfall bald schließen müssen. Eine Verbindung zwischen uns werden sie nicht herstellen können.“

„Du meinst das doch nicht etwa ernst?“ Vitus war blass geworden und knetete unbewusst wieder seine Hände. Er füllte das Whiskeyglas mit einem Doppelten vom Doppelten und nahm einen riesigen Schluck. Rudolph spürte förmlich, wie sein Partner seine Optionen abwog. Vitus hatte überschaubare Spielschulden und keine Anstellung mehr. Vor vier Wochen hatte ihn sein Arbeitgeber freigestellt. Grundgehalt bis zum Jahresende. Dann nichts mehr. Es würde dauern bis er sich wieder aus dem Schatten in das Rampenlicht vor- und hochgearbeitet hätte.

Dann fragte Blecher überraschend direkt: „Wie willst du eigentlich an eine vermögende heiratsfähige und heiratswillige Dame herankommen?“

„Über Todesanzeigen.“ Rudolph lächelte selbstgefällig als er den ungläubigen Gesichtsausdruck von Vitus wahrnahm. Diese Überraschung war ihm gelungen, wie beabsichtigt.

„Ich hätte eher an den Heiratsmarkt gedacht. Schöne Anzeige. Kluger Kopf sucht reiche Frau mit geringer Lebenserwartung, um sie an ihren letzten Tagen zu begleiten.“

„Du solltest die Angelegenheit ernst nehmen. So wie du aussiehst und bei deinem Alter und deinem Charme ist der professionelle Heiratsmarkt vielleicht das Richtige.“

„Erklär mir das mit den Todesanzeigen.“

„Ich prüfe die Tageszeitungen nach Todesanzeigen, die mindestens Din-A4-Format haben. Hat ein erfolgreicher Unternehmer oder Freiberufler das zeitliche gesegnet, schau ich in die Rubrik in Liebe und Dankbarkeit und suche nach weiblichen Vornamen ohne Zusatz wie mit Ehemann oder mit Familie oder mit Kindern. Habe ich die heiratsfähige, noch alleinlebende, trauernde Tochter gefunden, werden meine starken Schultern sie über den väterlichen Verlust trösten.“

„Nette Idee. Und ich?“

„Überleg dir was, du Charmebolzen. Das kann doch nicht so schwierig sein.“

 

 

3. Kapitel

Sonntag, 12. Oktober 2008, München

Blecher saß in seiner Eigentumswohnung in Bogenhausen in einer der schönsten Straßen, nach dem Maler Holbein benannt. Ein Altbau aus der vorletzten Jahrhundertwende bestehend aus fünf Zimmern auf hundertfünfzig Quadratmeter verteilt. Mäanderbänder aus Stuck als verspielte Wandabschlüsse in knapp vier Meter Höhe und Stuckrosetten an der Deckenmitte, die die modernen Zimmerleuchten einrahmten. Breite wuchtige Dielen, die ihre Risse und Astanteile als Alterswürde trugen. Er hatte sich ein Bibliothekszimmer eingerichtet und hier saß er mit allen fünf Bänden der Ripley Romane. Tom war ein böser gesellschaftsfähiger Bube, den eine geniale Schriftstellerin zum Leben erweckt hatte. Das Lesezimmer ließ sich in ein veritables Heimkino umwandeln. Die Leinwand maß zwei mal drei Meter. Zwei seiner absoluten Lieblingsfilme hatte er angeschaut. Nur die Sonne war der Zeuge mit Alain Delon als Tom Ripley und Der talentierte Mr. Ripley mit Matt Damon als sympathischem Bösewicht. Diese beiden Schauspieler waren sein Vorbild. Im Grunde glaubte er, dass er den beiden Männern in ihrer Virilität und ihrem Charme durchaus ebenbürtig war.

Tom wurde in Ripleys Game von John Malkovich verkörpert. Mit ihm konnte und wollte er sich nicht identifizieren. Da sah er Rudolf eher als fleischgewordene Verkörperung.

Neben dieser Stimulierung, um Rudolfs Idee als durchführbar zu akzeptieren, traf ihn noch ein anderer Gedanke mit Wucht, der ihn weiterbringen sollte zu seinem Entschluss, der Idee seines seltsamen Freundes zu folgen.

Er hatte noch eine Rechnung offen mit Caroline Falkenberger. Sie war im Internat eine Mitschülerin gewesen. Das Mädchen in der Klasse, von der neunzig Prozent der pubertierenden männlichen Mitschüler träumten und einer es wagte, es ihr zu sagen. Er bedauerte zutiefst, den Mut dazu gehabt zu haben. Jahre später hätte man von einem Shitstorm gesprochen. Sie erzählte jedem, dass ein kleiner Romantiker um sie werben würde mit peinlichen Liebesbriefen und kleinen Geschenken. Eines Tages lagen alle seine Liebesbriefe und Geschenke vor der Haupttreppe zu den Klassenzimmern mit einem Schild versehen: Flohmarkt - jedes Angebot ein Euro. In einer Pappschachtel lagen schon drei Euros. Er wechselte das Internat, und Caroline bekam einen strengen Verweis. Ihre Eltern sorgten dafür, dass dieser annulliert wurde.

Caroline war eine erfolgreiche Hedgefonds-Managerin geworden und ließ sich ausgiebig in der Fachpresse und in Internetforen feiern, dass sie die Krise an den Finanzmärkten hatte kommen sehen und ihre Fonds dementsprechend bestückte, damit sie bei fallenden Kursen schnell an Wert zulegen konnten. Ihre kühne Strategie ging auf, ihre Kunden hatten viel Geld verdient und sie am meisten. Letzte Woche wurde sie zur Königin der Finanzbranche ausgerufen, da sie auch den historischen Verlust von mehr als zwanzig Prozent mit kräftigen Gewinnen überstanden hatte. Ihr attraktives Aussehen hatte durch ihren Erfolg nicht gelitten, hatte sich aber gewandelt. Die Endzwanzigerin bevorzugte nicht mehr blond, sondern braun als Haarfarbe und eine Kurzhaarfrisur. Früher trug sie mehr als schulterlanges Haar. Rock oder Kleid mussten dem dezenten Hosenanzug weichen. Geschminkt war sie fast gar nicht. Lediglich die blauen Augen betonten ein dünn aufgetragener schwarzer Lidstrich. Und sie schien viel Sport zu treiben. Sie wirkte durchtrainierter und kräftiger als früher. Blecher tippte auf täglichen Besuch im Fitnessstudio.

Diese Beobachtungen und Überlegungen machte er als interessierter Besucher einer Buchpräsentation am Abend. Die junge Autorin war anwesend. Caroline Falkenberger schien über einen reichen Fundus an Talenten zu verfügen. Sie präsentierte professionell mit der Botschaft: Wer an diesen schwierigen Märkten Geld verdienen wollte, der bräuchte nur den Erkenntnissen ihres Finanzbuches folgen. Am Ende der Präsentation bildete sich eine lange Schlange von Autogrammjägern, denen sich Blecher anschloss, nachdem er ein Exemplar des Buches erworben hatte.

Nur noch ein älterer Herr war vor ihm, der schüchtern um eine Widmung bat, die dann doch sehr länglich und persönlich ausfiel. Mit einem glücklichen Gesichtsausdruck und schwebendem Gang verließ der Herr die Schlange, und Blecher war an der Reihe.

„Auch eine Widmung?“, fragte die Buchautorin ohne aufzuschauen.

„Aber ja, schreib doch: Ich bitte um Verzeihung.“

Verwirrt und mit einem Anflug von Ärger im Gesicht schaute Caroline Falkenberger hoch und erkannte den ehemaligen gedemütigten Mitschüler. Er strahlte sie offen an und vertraute ganz auf seine mittlerweile gefestigte Wirkung auf Frauen.

„Du lieber Himmel“, stieß sie hervor und wurde rot, was ihr sichtlich unangenehm war. Sie holte tief Luft, dann nahm sie den Füller in die Hand und schrieb: „Lieber Vitus, ich bitte um Verzeihung für meine mit Abstand schlimmste Jugendsünde. Deine Caroline.“

Sie händigte ihm mit einem verlegenen Lächeln das Buch aus, Blecher reagierte mit einem spitzbübischen Lächeln. Seine Grübchen wurden tief und tiefer.

„Ich bin bald fertig. Wartest du auf mich für einen Kaffee?“

„Stets zu Diensten. Ich warte in der Bücherecke christlicher Vergebungsliteratur.“ Sie stutzte erst, dann schmunzelte sie unsicher.

„War ein Scherz. Gegenüber ist ein nettes Café. Dort warte ich.“

Nach einer halben Stunde tauchte Caroline Falkenberger auf. Befriedigt stellte Blecher fest, dass sie einen kleinen aber auffälligen kosmetischen Update vorgenommen hatte.

„Was für eine nette Überraschung. Ich hätte nicht erwartet, dass du immer noch zu meinen Fans gehörst.“ Sie wurde erneut rot und murmelte: “Das war jetzt unbeabsichtigt und nicht wirklich nett von mir.“

Blecher wunderte sich, wie gut er seine Wut kontrollieren konnte. Er wirkte selbst für einen aufmerksamen Betrachter ruhig und freundlich. Sie tauschten sich über ihren beruflichen Werdegang aus, wobei Frau Falkenberger erstaunlich zurückhaltend war und der freigestellte Consultant etwas dicker auftrug, als es insbesondere seiner aktuellen Situation entsprach. Sie kamen auf ihre schönen Altbauwohnungen zu sprechen und stellten fest, dass sie fast Nachbarn waren. Er war am Ziel, als sie ein Abendessen für den übernächsten Tag im Restaurant Acquarello, einen standesgemäßen Italiener in der Mühlbaurstraße, verabredeten.

4. Kapitel

Montag, 13. Oktober 2008, München

Rudolph hatte etwa zur gleichen Zeit seine Analyse der Todesanzeigen der letzten vier Wochen abgeschlossen. Er entschied sich, drei Trauerfälle in die engere Wahl zu nehmen. Die Toten waren erfolgreiche Familienunternehmer gewesen. Einer hatte ein bundesweit tätiges Immobilienmaklerunternehmen geführt und war im Alter von sechsundsiebzig Jahren verstorben und hinterließ aus zweiter Ehe eine zweiundzwanzigjährige Tochter. Der zweite führte ein typisches Mittelstandsunternehmen, welches Weltmarktführer bei Motorsägen war. Der Arme war bereits mit einundsechzig Jahren auf einer Geschäftsreise in Afrika verstorben. Eine Terrorgruppe wollte mit ihm ein Lösegeld erzielen. Der Entführte überlebte nicht wegen seines schwachen Herzens. In jedem Zeitungsartikel wurde sein inniges Verhältnis zu seiner Tochter hervorgehoben. Schließlich gefiel ihm noch der junge weibliche Nachkomme eines sanft entschlafenen Patriarchen, dem in Deutschland zwanzig Schlachthöfe gehörten, die sich aus Liebe und Dankbarkeit mit dem Kosenamen: dein kleines Schlachterl, verabschiedete. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und aus vierter Ehe.

Wie er nicht anders erwartet hatte, nutzen diese drei trauernden jungen Frauen Computer, die mit integrierter Webcam und Micro ausgestattet waren. Ihre Smartphones waren immer aktiv. Auch gehörten sie der großen Facebook-Familie an. Um auf ihre Computer zugreifen zu können, schickte er ihnen eine E-Mail, die er mit, Mein tiefes Beileid ein trauriger Freund, betitelte. Ohne Ausnahme öffneten die drei Adressatinnen diese E-Mail und infizierten ihren Computer mit dem Virus Dark Comet.

Dann verschaffte er sich Zugriff auf ihre Smartphones. Schließlich setzte er einen Profiling-Algorithmus ein, den er vor einem halben Jahr im Urlaub entwickelt hatte. Dieses Programm wertete die eingehenden Daten aus, um eine Grundlage für ein vorläufiges Psychogramm zu haben. Er konnte sich graphisch jeden neuen Tag das vierundzwanzigstündige Bewegungsprofil anschauen. Bei Bedarf schaltete er als Zusatzinformation die Dauer des Aufenthaltes an einen bestimmten Ort dazu. Webcam und Micro gewährten ihm wertvolle Einblicke. Er speicherte zu verschiedenen Tageszeiten Bild- und Tonabschnitte und dies jeden Tag. Diese Informationen benutzte Rudolph, um eine Idee über die Persönlichkeit der beobachteten Personen zu bekommen. Er versuchte, Stimmungsschwankungen zu erkennen und lobte den Tag, wenn diese Aufgabe ein genialer Algorithmus über Bild- und Spracherkennungsdaten für ihn erledigen würde. Auf Basis der aktuellen Hilfsmittel wären ihm die psychologischen Kenntnisse von Vitus sehr willkommen gewesen.

Auch hilfreich waren die Eintragungen bei Facebook und Twitter.

Er wusste, dass noch viel im digitalen Bereich der Beobachtung und Auswertung zu bewerkstelligen war. Immense Möglichkeiten schwebten ihm vor. Jetzt musste er sich mit den vorhandenen Bordmitteln begnügen.

Nach vierzehn Tagen analysierte er seine Daten und automatischen Auswertungen. Sein gefühlter Favorit war „Schlachterl“. Aber sie erwies sich, als psychisch starke Persönlichkeit und war zudem noch lesbisch. Blieben zwei Kandidatinnen übrig. Seine Analyse ergab, dass beide nach dem Tod des Vaters psychisch sehr angeschlagen waren. Insbesondere die Tochter des Entführungsopfers haderte mit dem Schicksal, war aus der Kirche ausgetreten und besuchte regelmäßig einen Psychologen. Sie wieder aufzurichten mit starken Schultern, traute er sich durchaus zu.

Die Waise des Immobilienmaklers besuchte täglich das Familiengrab und vergaß nie, für ein stilles Gebet anschließend die Friedhofskapelle aufzusuchen. Rudolph gab ihr gute Chancen seine Kandidatin zu werden. Alle Daten deuteten darauf hin, dass sie autoritätsgläubig war und nach Erlösung im christlichen Sinne suchte. Da konnte ein erfahrener, in sich gefestigter, verständnisvoller Freund und späterer Ehemann durchaus hilfreich sein. Er beschloss, mit der jungen Dame Kontakt aufzunehmen. Ihr Name war Emma Weidach.

Religiöse Immobilienmakler gab es sehr selten, aber der verstorbene Alexander Weidach hatte es geschafft, dass die katholische Kirche in München sein größter und treuester Klient war. Dies hatte seine Gottesfürchtigkeit und Demut immer dann gefördert, wenn er eine aktuelle Aufstellung seines nicht unerheblichen Vermögens analysiert hatte. Seine Tochter war schon früh von tiefer Religiosität erfasst, die er als Geschäftsmann und Vater gefördert hatte. Er hatte seiner kirchlichen Klientel immer wieder diesen Beweis präsentiert, der die tiefe Verbundenheit seiner Familie auch in der jüngsten Generation mit der Philosophie seines Hauptkunden belegte. Gerne hatte Emma Weidach den Vorsitz einer von ihrem Vater ins Leben gerufene Stiftung übernommen, deren Zweck es war, atheistische oder agnostische Naturwissenschaftler wieder zurück in den Schoss der katholischen Kirche zu führen. Die Stiftungsgelder wurden ausgegeben für Klosteraufenthalte, Seminare und Selbsterfahrungskurse.

Rudolph spendete fünftausend Euro und beschrieb seine Läuterung durch die Finanzkrise, die ihn als selbstverliebten Mathematiker und theoretischen Physiker, einen Weg zurück in die Religiosität und Demut gewiesen hätte. Dafür wäre er sehr dankbar. Gerne würde er sich auch persönlich mit seiner Erfahrung für den Stiftungszweck verwenden.

5. Kapitel

Dienstag, 14. Oktober 2008, München

Vitus Blecher hatte sich für das erste Treffen mit seiner Auserwählten sorgfältig zurechtgemacht. Friseur und Kosmetikerin waren auf ihre Kosten gekommen. Etwas nachgebräunt durch ein Sonnenstudio präsentierte er sich scheinbar bestens gelaunt dem Schickeria-Publikum des italienischen Gourmetrestaurants. Es waren noch zehn Minuten bis zur verabredeten Zeit, aber Caroline Falkenberger war schon da. Ihre Ungeduld und ihren Hang zu Überpünktlichkeit hat sie nicht verloren, dachte Vitus Blecher, als er strahlend auf sie zuging. Sie erhob sich und ein feiner Hauch eines edlen Parfums traf seine Nase und verstärkte sich dezent als er ein Bussi rechts und links formvollendet vollzog. Sie tauschten Jugenderinnerungen aus und zogen über ehemalige Mitschüler her. Ausschweifend beklagte sich die erfolgreiche Finanzmanagerin über ihre enttäuschenden Liebschaften.

„Die Männer mögen keine starken und erfolgreichen Frauen.“

„Die virilen Stars aus der Consultingbranche stellen eine Ausnahme dar.“, erwiderte er, zog seine fachkundig zurechtgestutzten und gebürsteten Augenbrauen hoch und warf sich ironisch übertreibend in die Brust.

„Wir beraten jeden ohne Ansehen des Geschlechts. Je erfolgreicher der Klient oder Klientin desto lieber. Bei den Besten von ihnen bleiben wir hängen und tauschen den Status als Berater ein gegen einen lukrativen Angestelltenvertrag aber gerne auch als Teilhaber.“