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Die Portugiesin Dina Lobas beschreibt ihre Kindheit in Angola, ihre Jugend in Portugal und ihr Leben als Erwachsene in Deutschland. Nach einer glücklichen Kinderzeit, die abrupt endet, fällt sie in eine tiefe Depression. Erst im Erwachsenenalter findet sie ihr Gleichgewicht wieder. Dann tritt eine Katze in ihr Leben und begleitet sie zweiundzwanzig Jahre lang. Der Leser folgt Dina Lobas und ihrer Katze Belushi durch sieben Leben, wobei die stolze Siamkatze auch selbst zu Wort kommt. Dieses Buch zeigt das bewegte Leben einer Frau, die in unterschiedlichen Welten zu Hause war, und es gewährt dem Leser Einblicke in das Leben einer besonderen Katze. Nicht nur Katzenliebhabern eröffnen sich damit interessante Perspektiven auf kätzisches und menschliches Dasein.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Dina Lobas
ZWEIMAL SIEBEN LEBEN
Zwei Biographien
Books on Demand
Dina Lobas wurde 1962 in Porto geboren, die Kindheit verbrachte sie in Angola. Seit 1988 lebt sie in Berlin. Ausgebildet als Grundschullehrerin, hat sie verschiedene Theaterstücke für Kinder geschrieben und mit ihnen aufgeführt.
„Teatrinho da Marioneta“ wurde im Jahr 2004 in Portugal als illustriertes Kinderbuch veröffentlicht. „Im Wald geht’s voll ab!“ erschien 2011 in Deutschland in der Anthologie „Vorhang Auf, die Kinder kommen!“. Ebenfalls in Deutschland wurde 2012 „Grillo und Zippi“ veröffentlicht.
Meine Katze Belushi trat in mein Leben, als ich mit Mitte zwanzig Portugal verließ, um in Deutschland zu leben. Von Beginn an war sie für mich ein Sinnbild der Unabhängigkeit, des Selbstbewusstseins und des In-sichselbst-Ruhens. Sie verkörperte genau das, wonach ich mein ganzes Leben suchte und das ich erst in vorgerücktem Alter fand. Belushi nahm einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. All die Jahre erlebte ich sie als einen Teil von mir.
Nun ist ihr Leben zu Ende gegangen, und ich hatte den Wunsch, mein und ihr Leben zu Papier zu bringen. Was eine Bilanz unserer gemeinsamen Jahre werden sollte, wurde beim Schreiben zu mehr. Denn ich stellte fest, dass ich mich nicht auf zwei meiner fünf Lebensjahrzehnte beschränken konnte.
Es erschien mir vielmehr notwendig, meinen gesamten Lebensweg zu betrachten und zu hinterfragen.
Meine Erinnerungen umfassen deshalb mehr als die letzten zwei Jahrzehnte, in denen Belushi zu mir gehörte. Sie umspannen mein ganzes bisheriges Leben - Herkunft, Kindheit, Jugend und Erwachsenenjahre.
Beim Schreiben habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich wirklich in der Lage bin, mein vergangenes Leben und vor allem das meiner Katze zu erforschen, mich in sie hineinzuversetzen und das Geschehen auch aus ihrer Sicht zu erzählen. Das war nicht einfach, doch es lag mir am Herzen und schien mir den Versuch wert zu sein.
Ich hatte nicht das Glück, Kinder auf die Welt zu bringen, wie auch Belushi nicht. Sie wurde im zarten Alter von acht Monaten sterilisiert.
Die Mutterrolle war uns beiden nicht auf den Leib geschrieben, vielleicht gerade deshalb ist dieses Buch unser Kind. Es soll das Licht der Welt erblicken, um von Belushi, von meiner Familie und von meinen Freunden zu berichten.
Vorwort
I – Angola - Die Kindheit
Die Herkunftsfamilie
Wie alles begann
Angola
Sonntage am Meer
Das Verhältnis zu den Eltern
Unser Haus am Strand
Die Gäste
Die Schule und das Fieber
Das Boot und die Tauben
Der Weihnachtsmann
Die Nähmaschine
Das Rauchen
Tante Rosa
Das Mädchen Bela Russa
Die erste Menstruation
Senhor Engenheiro
Der Bürgerkrieg
Der Abschied
II – Portugal - Das Heranwachsen
Fremde Heimat
Tante Julia
Weiter wachsen
Abitur und Studium
Berufsbeginn
Ole aus Deutschland
III - Deutschland - Das Reifen
Belushi
Das Leben in Deutschland
Der Dicke
Arbeiten und so weiter
Noch einmal Porto erleben
Wieder in Berlin
Partnersuche
Nachtleben mit Mann
Die neue Wohnung
Wie der Dicke verschwand
Das Altern
Ibiza
Danksagung
Meine Mutter war eine schöne Frau, etwa einen Meter siebzig groß, mit runden weiblichen Formen, lockigen dunklen Haaren, grünbraunen, kleinen, ausdrucksvollen Augen und gut geformten, aber eher schmalen Lippen. In der Öffentlichkeit gab sie sich immer fröhlich. Kaum aber drehte sie anderen Leuten den Rücken zu, setzte sie eine ernsthafte Miene auf und kehrte in das unterwürfige Leben einer Hausfrau zurück. Wenn sie in Gesellschaft war, lachte und tanzte sie ausgelassen. Ihr Mann war kein guter Tänzer. Sie tanzte daher meist mit uns Kindern oder mit Frauen aus der Nachbarschaft, wenn es in der Nähe eine Tanzparty bei den Bombeiros, der Feuerwehr, gab.
Auf den ersten Blick hatte meine Mutter immer ein offenes Ohr und freundliche Worte für die Nachbarschaft, doch hinterher sagte sie zu uns Kindern:
„Das sind aber komische Leute! Denen können wir nicht trauen. Die sind nicht gut für uns. Haltet euch fern von ihnen!“
Ihren linken Mittelfinger hatte sie als junge Frau bei der Arbeit an einer Webmaschine verloren. Mit vierzehn begann sie zu arbeiten, mit achtzehn verlor sie ihren Finger, ging aber trotzdem weiter arbeiten.
Sie kam aus einer Familie mit sieben Kindern, sechs Mädchen und einem Jungen, in der nur der Vater einer Arbeit nachging. Ihre Mutter, Emília, kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Meine Mutter war die jüngste Tochter. Ihre Mutter war bereits dreiundfünfzig, als sie das letzte Kind zur Welt brachte.
Der Vater meiner Mutter hieß Manuel und war in einer Schlosserei tätig.
Eines heißen Sommertages fiel sein Arbeitgeber in ein Brunnenloch hinter der Werkstatt, als er Wasser trinken wollte. Nicht jeder Haushalt oder jeder Betrieb hatte zu dieser Zeit bereits Leitungswasser. Es war üblich, sich das Wasser aus einem Brunnen zu holen. Das Brunnenloch dieses Betriebs war sehr moderig.
Die rundherum gemauerten Steine waren verwittert, am Granit haftete das Moos und zwischen den Spalten hausten Eidechsen. Ein verrosteter Eimer mit einem dicken Seil am Henkel lag umgekippt an der Seite.
Der Chef von Manuel nahm den Eimer und warf ihn in das tiefe Loch. Als er den Eimer voller Wasser hochzog, rutschte er aus, verlor das Gleichgewicht und fiel in das Brunnenloch. Manuel war in der Nähe und hörte seine Hilferufe. Als er angerannt kam und feststellte, was geschehen war, hielt er Ausschau nach einem langen Gegenstand, um den Verunglückten herauszuholen. Unweit des Brunnens lag ein dickes Seil. In Windeseile warf er das Seil hinunter. Sein Chef klammerte sich daran fest. Andere Mitarbeiter kamen und halfen bei der Rettung. Ein Krankenwagen wurde gerufen.
Überanstrengt, nach Luft schnappend und vor Schreck zitternd, kam der Chef aus dem Brunnenloch heraus und wurde rasch ins Krankenhaus gebracht. Er hat es überlebt.
Durch die Anstrengung bei der Rettung seines Chefs zog sich Manuel einen Leistenbruch zu. Immerhin überstieg sein Alter zu diesem Zeitpunkt bereits das fünfzigste Lebensjahr. Er konnte danach nicht wieder arbeiten, sodass ihm von dem Mann, den er gerettet hatte, gekündigt wurde. Von da an musste er betteln gehen, um überleben zu können.
Von diesem Zeitpunkt an geriet sein Leben aus den Fugen. Nach dem täglichen Betteln betrank er sich in den Kneipen auf dem Weg nach Hause.
Aus Enttäuschung beschimpfte ihn seine Frau immer wieder:
„Du Versager! Was habe ich Gott angetan, um so einen Mann zu bekommen? Du stinkst erbärmlich!
Bist du etwa schon wieder besoffen?
Dann kannst du alleine schlafen. Du bist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe.“ Dabei zog sie eine verbitterte, verschlossene Miene, die ihrem Mann keine Chance zur Rechtfertigung ließ.
Seine Kinder hingegen erlebten mit ihm viele glücklicher Momente.
In angetrunkenem Zustand holte er gerne seine Gitarre heraus, sang und spielte portugiesische Volkslieder, bis er schließlich auf dem Stuhl einnickte. Die Kinder sangen mit ihm, tanzten und klatschten dazu in die Hände.
Eines Abends kam Manuel nicht nach Hause. Alle suchten nach ihm.
Die Aufregung war groß. Spät in der Nacht gaben sie die Suche auf. Am Morgen danach, wie an jedem anderen Morgen, kam die Milchfrau vorbei und erzählte beiläufig:
„Ich habe den Senhor Manuel gesehen.
Er schlief am Straßenrand, gegenüber der Kneipe vom Magalhães.“
Die zwei ältesten Kinder rannten dort hin und schleppten ihn nach Hause. Er befand sich in einem geistig abwesenden Zustand und konnte kaum ein Wort sprechen.
Der Arzt wurde bestellt. Seine ranzige Ledertasche in der Hand, den fetten Bauch vor sich herschiebend, trat er zur Tür herein. Nachdem er Manuel untersucht und ihm eine Spritze gegeben hatte, erklärte er:
„Der alte Mann hat einen Herzinfarkt erlitten, schon mitten in der Nacht.
Es ist zu viel Zeit vergangen. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Guten Tag noch.“
Der schmierige Arzt schob sich hinaus und ließ die erschrockene Emília mit ihren sieben Kindern ohne jede weitere Bemerkung zurück.
Vierundzwanzig Stunden später starb Manuel, ohne noch ein Wort gesprochen zu haben. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt.
Noch zu seinen Lebzeiten hatte Emília ihrem Mann verkündet:
„Wenn du mal stirbst, möchte ich noch zehn Jahre weiterleben. Nach so vielen bitteren Jahren mit dir will ich noch ein wenig Zeit haben, das Leben zu genießen.“
Und so ist es auch geschehen.
Einen Tag bevor sich der Tod ihres Mannes zum zehnten Mal jährte, überquerte sie die Straße, um die Wäsche von der Leine auf der anderen Seite zu holen. Der Frühling lag in der Luft, die Sonne bemühte sich kräftiger zu strahlen als in den Wintertagen zuvor. Aufgrund ihres Alters konnte Emília kaum noch hören und nur sehr wenig sehen. Ein Laster näherte sich. Der Fahrer hupte erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen, als er die alte Frau im letzten Moment sah. Doch er konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten.
Emília starb sofort. Alles ging schnell. Da lag sie auf dem Boden, kein Blutstropfen war zu sehen.
Daneben stand der geschockte Fahrer, die Hände vors Gesicht geschlagen, konnte er sich nicht erklären, was geschehen war. Als der Rettungsdienst kam, konnte nur noch der Tod von Emília festgestellt werden. Sie war an der Schläfe getroffen worden.
Die Tage vergingen. Doch Emílias Kinder, meine Tanten und Onkel, konnten sich nicht beruhigen. Sie waren empört und erhoben Klage gegen den Fahrer des Lasters. Sie konnten nicht verstehen, warum ihre Mutter sterben musste.
Kurz darauf fing es besonders bei Regen an, in der Küche zu poltern.
Nachts, wenn alle im Bett waren, fielen Töpfe herunter und das Feuer im Herd loderte von alleine auf.
Meine Mutter und ihre Geschwister bekamen es mit der Angst zu tun.
Eine Nachbarin empfahl ihnen, einen Hellseher in der Nähe aufzusuchen.
Nach einigem Zögern gingen sie dorthin.
Der Hellseher war ein kleinwüchsiger Mann in fortgeschrittenem Alter. Er bat meine Mutter und ihre Schwester Julia herein. Nachdem er sich den Grund ihres Besuches angehört hatte, versuchte er, Kontakt mit der Verstorbenen aufzunehmen. Meine Mutter und Julia verfolgten ängstlich und gespannt das weitere Geschehen. Nach ein paar Minuten des Murmelns und Betens mit geschlossenen Augen ging ein Ruck durch den Körper des Hellsehers. Er klappte die Augen auf, sein Gesicht nahm die Mimik der verstorbenen Emília an und er sprach mit ihrer rauen Stimme:
„Lasst den Blödsinn mit der Klage!
Spart das Geld lieber für das Essen auf. Der Lasterfahrer kann nichts dafür, ich wollte sterben!“
Die Geschwister gingen tief beeindruckt nach Hause und erzählten es den anderen. Die Klage wurde zurückgezogen. Danach hörte das Poltern in der Küche auf und Emília ließ nie wieder von sich hören.
Meine Mutter war damals erst sechzehn Jahre alt. Sie war 1935 geboren worden. In ihrer Kindheit, die in die Kriegszeit fiel, hatte sie sehr viel Not erlebt.
Da Portugal sich im Zweiten Weltkrieg eher neutral verhielt, bekam die Familie nicht viel vom Krieg zu spüren. Aber es herrschte eine strenge Diktatur im Land und der Unterschied zwischen Arm und Reich wurde immer größer. Die Familie litt mitunter an Hunger, wie so viele andere Familien zu jener Zeit. Alle Geschwister arbeiteten, die Töchter waren meist verheiratet und schon außer Haus. Meine Mutter und ihr Bruder José waren die letzten, die von zu Hause auszogen.
José ähnelte seinem Vater; er war ein großer, schlanker, fröhlicher Mann. Die Schwester meines Vaters, Tante Julieta, wurde seine Frau und bekam mit ihm vier Kinder, ein Kind brachte sie bereits mit in die Ehe.
Vor seiner Verheiratung war José ein eher schüchterner junger Mann gewesen, erzählte meine Mutter manchmal, der sich nicht getraut hatte, eine Frau anzusprechen.
Julieta wurde ihm geradezu aufgedrängt, weil sie mit einem kleinen Kind von einem anderen Mann verlassen worden war.
Onkel José lebte mit seiner Familie so wie wir in Angola. Oft besuchte er uns, und meistens war er angetrunken. Die Gitarre unter dem Arm, sang er sich bei uns Kindern die Seele aus dem Leib. Es waren eher traurige Lieder, geprägt von der Saudade, der wehmütigen Sehnsucht nach etwas unwiederbringlich Verlorenem.
Später starb auch er so wie sein Vater an einem Herzinfarkt, als er total betrunken Motorrad fuhr.
Meine Mutter und mein Vater kannten sich schon lange. Ihre Familien waren Nachbarn und gut befreundet. Meine Mutter wurde von anderen jungen Frauen beneidet, weil sie einen Freund hatte, der so „reich“ war, ein Motorrad zu besitzen. Sie hatte auch andere Verehrer, aber mein Vater ließ nicht locker und so wurde sie schließlich seine Frau.
Mein Vater war ein gut aussehender Mann, zwar nicht sehr groß, etwa einen Meter siebzig, aber schlank und dunkelhaarig, mit vollen, gut geformten Lippen und großen braunen Augen. Er war sehr sportlich und nahm an Fahrrad- und Motorradwettkämpfen teil, bei denen er viele Pokale und Medaillen gewann. Dies war seine goldene Zeit, heute noch erzählt er voller Stolz und mit funkelnden Augen von seinen Erfolgen.
Er kam aus einer Familie mit vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungen. Seine zwei Schwestern, Julieta und Cina, sind später auch nach Angola ausgewandert. Der jüngere Bruder, Berto, wanderte in den sechziger Jahren nach Frankreich aus und arbeitete zwanzig Jahre lang in der Autoindustrie. Von allen Geschwistern war er der einzige finanziell erfolgreiche. Er baute sich ein großes Haus in Portugal, in dem er jetzt seinen Ruhestand verbringt. Seine fünf Kinder kehrten mit ihm und seiner Frau zurück und gründeten eine erfolgreiche Firma in Porto.
Mein Großvater Augusto, der Vater meines Vaters, war ein kleiner, magerer Mann mit lebhaften Augen.
Eine große Nase prägte sein Gesicht.
Wenn ich an ihn denke, stellt sich auch heute noch das Bild eines Raben ein.
Augusto machte sich sehr früh selbstständig und eröffnete ein Fahrradgeschäft mit Werkstatt in der Nähe seiner Wohnung. Hier erlernte mein Vater später seinen Beruf.
Augusto war aber nicht nur sein Boss, er war auch sein äußerst strenger Trainer und Manager. Denn mein Vater nahm an vielen Fahrradrennen teil, auf die mein Großvater ihn vorbereitete.
Da mein Vater „la dolce vita“ liebte, stieg er frühzeitig aus einer viel versprechenden Karriere aus. Er schlug sich die Nächte um die Ohren; Alkohol und Frauen reizten ihn. Gleichzeitig suchte er nach einer Frau zum Heiraten, um eine Familie zu gründen. Es war ihm sehr wichtig, eine Frau zu finden, um später Kinder zu haben. Es gehörte sich einfach so, er wäre sonst kein richtiger Mann gewesen.
Zu dieser Zeit trennten sich die Wege von Vater und Sohn. Sie kamen nicht mehr miteinander aus.
Augusto verkaufte wenig später das Fahrradgeschäft und übernahm eine Kneipe, in der seine Frau mithalf.
Mein Vater wechselte danach oft die Jobs. Er versuchte sich als Maurer, später schweißte er Eisentöpfe zusammen und strich Wände. Ab und an reparierte er auch noch Fahr- und Motorräder.
Irgendwann fand er endlich eine gute Stelle bei einer großen Motorradfirma, bei Honda.
Diese japanische Firma hatte gerade in Porto eine Niederlassung eröffnet. Wie es zu dieser Zeit üblich war, ging mein Vater dort hin und bot seine Dienste an. Er wurde sofort eingestellt und konnte nun ein wenig zur Ruhe kommen. Immer stärker stellte sich deshalb der Gedanke ein zu heiraten. Die Wahl fiel letztendlich auf meine Mutter, die schöne Maria da Luz.
Inzwischen waren Gerüchte aufgekommen über das große Geld, das man in Venezuela mit Gold verdienen könne. Augusto war es, der seine Koffer packte und sich auf den Weg machte, um ein reicher Mann zu werden. Seine Frau übernahm die Führung der Kneipe, die Töchter halfen mit.
Es dauerte nicht lange, bis sich seine Frau von einem anderen Mann den Kopf verdrehen ließ. Augusto war in Übersee, sie hörte nicht mehr viel von ihm. Nur selten schrieb er einen Brief. In der Kneipe hielten sich nette Männer auf, die ihr den Hof machten. Sie ließ sich auf eine Affäre ein, doch Augusto bekam schnell Wind davon. Daher musste sie das Geschäft den Töchtern überlassen und sich auf den Weg zu ihrem Mann machen. Sie lebten gemeinsam noch zwei Jahre in Venezuela, danach kehrten sie mit leeren Händen zurück.
Von dieser Zeit erzählte mein Vater nur ungern. Die Beziehung seiner Eltern war schon längst nicht mehr intakt. Nach seinen Worten wahrten sie nicht einmal den Schein, eine glückliche Familie zu sein.
Sein Vater, Augusto, ging fremd, ein paar Kilometer entfernt hielt er eine zweite Frau aus.
Eines Tages besuchte mein Vater spontan seine Mutter. Nachdem er an die Tür geklopft hatte und keiner aufmachte, ging er hinein und rief:
„Mutter! Sind Sie da?“
Da er keine Antwort bekam, schaute er in der Küche nach. Die Stille im Haus wurde plötzlich von ein paar menschlichen Tönen im Schlafzimmer unterbrochen. Er machte vorsichtig die Schlafzimmertür auf und lugte unentschlossen hinein. Zu seiner Überraschung fand er seine Mutter am helllichten Tage im Bett, nicht allein, doch es war nicht sein Vater, der mit ihr im Bett lag, sondern ein fremder Mann. Mein Vater spürte einen tiefen Stich in der Brust. Ihm war nicht sofort klar, was da geschah, er ahnte aber schon, dass es sich um eine ungeheuerliche Geschichte handelte.
Unter dem Bett entdeckte er dann seinen Vater, der dem Geschehen lauschte. Die drei schauten meinen Vater irritiert an. In Windeseile warf sich der fremde Mann seine Kleidung über und steckte im Vorbeigehen einen Geldschein in Augustos Hand.
Diese Episode scheint meinen Vater sehr verletzt zu haben. Er erzählte sie nur ein einziges Mal und wollte danach nie wieder darüber sprechen.
Wie auch immer: Danach wanderte mein Vater nach Angola aus.
Inzwischen hatte er meine Mutter geheiratet und drei Kinder gezeugt.
Julieta und Cina, die Schwestern meines Vaters, folgten ihm auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Sie wohnten beide in unserer Nähe.
Zur gleichen Zeit verkauften ihre Eltern die Kneipe und siedelten ebenfalls nach Angola über, um bei ihren Kindern und Enkeln zu sein.
Auch sie wohnten in unserer Nähe, doch der Zusammenhalt in der Familie war nicht der beste. Meine Mutter wollte Abstand halten, sie konnte sich nie wirklich mit ihrer Schwiegermutter anfreunden. Sie und Großmutter stritten sich sehr oft.
Die Großeltern beschäftigten sich nur selten mit uns, ihren Enkel. Wir Kinder hielten unsere Großmutter für eine strenge, harte, dominante Frau und bekamen nicht viel von ihrer Liebe ab. Nur selten und eher widerwillig passte sie auf uns auf, wenn unsere Mutter zum Arzt musste.
Großmutter hieß mit Vornamen Brilhantina, genauso wie eine Haarpomade, die zu jener Zeit ein unverzichtbarer Bestandteil der portugiesischen Kultur war. Der Name wurde ihrer Erscheinung voll gerecht.
Im höheren Alter, nach einem Schlaganfall, war sie sehr lange bettlägerig. Ich habe sie als erwachsene Frau zwei oder drei Mal besucht und glaubte, ihre Reue und Liebe gespürt zu haben. Die Besuche taten deshalb nicht nur meiner Großmutter, sondern auch mir gut…
Großvater Augusto war sehr eifersüchtig. Es gab ständig Streit zwischen ihm und seiner Frau.
Einmal, schon in Angola, musste mein Vater dazwischen gehen, um seine Mutter zu verteidigen, denn ihre spitzen Schreie waren auch zwei Häuser weiter nicht zu überhören. Es war an einem dieser Tage, an denen der Regen sich ahnen lässt, sich aber noch nicht entschieden hat, niederzuprasseln. Jeder konnte die Spannung in der Luft spüren.
Als mein Vater eintrat, war Großvater Augusto außer sich vor Wut. Die Augen sprühten vor Zorn. Er schaute kurz seinen Sohn an, drehte sich ohne Worte um, und verschwand für ein paar Sekunden im Schlafzimmer. Als er das Esszimmer wieder betrat, lief er wie ein Irrer auf Großmutter Brilhantina zu, eine Waffe in der Hand und schoss auf sie. Blitzschnell warf sich mein Vater dazwischen. Er wurde an der Schulter getroffen und spürte, wie sich eine warme Welle über seinen Rücken und seine Brust ausbreitete.
Inzwischen war Mutter Luz dazugekommen und sah ihren Mann blutend, aber noch bei Bewusstsein auf dem Boden liegen. Die Tragödie nahm ihren Lauf. Viele Nachbarn hatten den Schuss gehört und kamen eilig hinzu. Alle standen da, mit weit geöffnetem Mund, aufgerissenen Augen, keiner war in der Lage zu handeln. Erst meine Mutter unterbrach die Stille, als sie unkontrolliert zu schreien anfing.
Einer der Nachbarn rief dann endlich einen Krankenwagen.
Schließlich gab es weit und breit keinen Arzt, der die Blutung hätte stoppen können. Mein Vater wurde ins Krankenhaus gebracht und kam eine Woche später nach Hause.
Großvater Augusto wurde Monate später zu einer Haftstrafe von neun Jahren verurteilt. Von ihm hörten wir während dieser Zeit nicht viel, auch deshalb hat sich für uns Kinder nicht die Gelegenheit ergeben, eine enge Beziehung zu ihm aufzubauen.
Zu Weihnachten schickte er uns aber immer wunderschöne, horizontal ausgerichtete Flaschen mit kompliziert aufgebauten Segelschiffen darin, die aus aneinander geklebten Streichhölzern bestanden. Die Segel hatten verschiedene Farben und waren aus Stoffresten geschnitten. Als Kind war es mir lange ein Rätsel, wie er die Schiffe in die Flaschen hineinbrachte. Eines Tages kam ich dahinter, als ich eine der Flaschen lange und ausgiebig betrachtete.
Zwanzig Jahre später, als wir schon wieder in Porto wohnten, ging Großvater Augusto seinen letzten Weg. Es war ein wunderschöner, sonniger Frühlingstag – einer dieser Tage, an denen man sich fühlt, als ob man neu zum Leben erwacht.
Augusto stand an der Haltestelle und wartete auf den Bus, um zum Arzt zu fahren.
Genau gegenüber befand sich ein Schlachthof, der die ganze Stadt mit Fleisch versorgte. Langsam näherte sich ein Laster und hielt vor dem großen Betriebstor an. Der Fahrer stieg aus und machte die hintere Klappe auf, um Rinder in den Hof zu treiben. Der Lärm der verzweifelten Tiere hallte durch die Luft. Eines der männlichen Tiere brach aus der Reihe aus, musterte die nähere Umgebung, nahm Augusto auf der anderen Straßenseite wahr und startete instinktiv einen Angriff.
