Zwielicht über Westerland - Laura Lindwegen - E-Book

Zwielicht über Westerland E-Book

Laura Lindwegen

0,0

Beschreibung

Mit sehr gemischten Gefühlen kehrt Sophie nach Sylt zurück, wo sie vor über 110 Jahren geboren wurde. Viel zu viele Jahre wohnte sie an verschiedensten Orten, immer in Sorge, entdeckt zu werden. Endlich ist es lange genug her, niemand auf der Insel kann sie noch kennen. Was aber wird sie vorfinden? Wie werden ihr die anderen des Clans dort begegnen? Alex, der Unheimliche, der ihr die Rückkehr ermöglichte, oder Jan, ihr geliebter und zugleich gehasster Bruder, der ebenfalls einmal gebissen wurde? Ihre neue Identität ist gut vorbereitet. Sie wird wieder als Nachtschwester arbeiten, diesmal in einer größeren Privatklinik. Ein Krankenhaus ist immer ein günstiger Ort. In solch einem Betrieb findet sich schnell ein Opfer. Die Gefahr droht aber aus ganz anderer Richtung. Als ihr bewusst wird, was der junge, fremde Arzt in einem abgelegenen Teil der Klinik macht, ist es fast zu spät. Die Umstände sind sehr ungewöhnlich, unter denen sich diese schicksalhafte Liebesgeschichte entfaltet, voller romantischer Momente, ungewöhnlicher Sinnlichkeit, aber auch überraschen-der Gefahren. Eine wahrhaft zeitlose Liebeserklärung der Autorin an "die Insel". Im Appendix gibt es eine nützliche Aufklärung über das verschwiegene Leben der "Blutsüchtigen".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2011

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Laura LindwegenZwielicht über Westerland1 Auflage 2011

© Ahead and Amazing Verlag, Ostenfeld 2011

Alle Rechte vorbehalten.Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Titelseite:Foto: TimrottTitelmodel: Anke PfletschingerGestaltung: Timrott, Indigo Kid

Layout: Kristina und Manfred Jelinski

ISBN (Print): 978-3-933305-77-0

ISBN (E-Pub): 978-3-933305-90-9

Ahead and Amazing Verlag, Jelinski GbR, Magnussenstr. 8, 25872 Ostenfeld www.aheadandamazing.de

Zwielicht über Westerland

Inhalt

Prolog

1. Kapitel: Rückkehr nach Sylt

2. Kapitel: Lebenslänglich

3. Kapitel: Zu Hause in Keitum

4. Kapitel: Die Hinterbliebenenkiste

5. Kapitel: Im Dünengras

6. Kapitel: Der Beißring

7. Kapitel: Nimm mein Wort

8. Kapitel: Gedenk der Toten

9. Kapitel: Unendliche Hilfe

10. Kapitel: Vanessas Dekadentag

11. Kapitel: Advent, Advent

12. Kapitel: Das Fest der Liebe

13. Kapitel: Vergessene Wahrheit

14. Kapitel: Inkasso

15. Kapitel: Über den Ozean

Epilog

Anhang

Prolog

Früher

Der Wind hatte gedreht.

Wütend riss er an den kargen Büscheln des Strandhafers, die sich auf den Dünenkämmen im Sand festklammerten. Am dunkelblauen Abendhimmel jagten die Wolken, kleine und große, und unterbrachen die späten Sonnenstrahlen wie zu einem dramatisch flackernden Bühnenlicht. Die aufgischtende Brandung und die Weite der Landschaft boten dem heimlichen Betrachter mehr, als er mit einem Blick erfassen konnte.

Trotzdem erkannte er ihre Silhouette bereits von Weitem. Sie stand einfach nur da und ließ den Wind an ihrer Kleidung, ihrem Haar zerren. Unbeweglich verharrte sie, einen Punkt am Horizont fixierend.

Genau so hatte sie am Vorabend dort gestanden. Bei der Erinnerung daran fing sein Körper an zu schmerzen und gleichzeitig kam erregte Freude in ihm auf.

Langsam, denn seine Schuhe sackten in dem weißen, fließenden Sand tief ein, ging er auf sie zu. Die Unruhe, die in ihm empor kroch, als er sie deutlich erkennen konnte, war nicht die gleiche wie sonst.

Sie trug ihre langen fast flachsfarbenen Haare hochgesteckt, aber sie sah damit lange nicht so streng aus wie die Frauen in der Großstadt, aus der er kam. Dort schnitten sich die Damen die Haare auf Kinnlänge und ihre Kleider auf Wadenlänge ab.

Sie war nicht so und das gefiel ihm.

Ihr Blick war noch immer auf die untergehende Sonne über der schäumenden Nordsee gerichtet, welche wild und unbeherrscht nach ihrem Rocksaum griff.

Sie bemerkte ihn erst, als er direkt neben ihr stand.

Hastig, aber entschlossen umfasste er ihre Schultern und zog sie an seine Brust. Sie zuckte kurz zusammen und hob beide Arme zur Abwehr, doch fehlte ihr die nötige Kraft.

Es war ein Fehler, das wusste er, aber für den Bruchteil einer Sekunde erlaubte er sich, in ihre Augen zu schauen.

Angst, Panik oder Abscheu, damit hatte er gerechnet, aber in ihren großen blauen Augen stand einfach nur Hoffnungslosigkeit. Sie hatte sich bereits hingegeben, bevor er sie erreichte.

Eine helle Strähne ihres Haares löste sich und der Wind ließ sie über seine Wange streichen.

Er zog sie noch dichter an sich heran, bevor er die Augen schloss. Mit einer plötzlichen Heftigkeit beugte er sich vor und stieß seine Zähne in ihren warmen, weichen Hals.

Der Wind trug ihren kurzen, hohen Schrei auf das offene Meer hinaus. Doch er hatte ihn gehört und er wusste, sie gehörten ihm: der Schrei und der Moment.

Unabänderlich ihm, besiegelt für immer.

Sein rasendes Herz überhörte er. Sein Verstand war mit dem Schrei geflogen. Mit jedem Atemzug in ihrer Nähe schien sich ihr Geruch, ihr Geschmack, ihr ganzes Sein mehr und mehr in ihm zu verankern. Die altbekannte, fast vergessene Hitze breitete sich wohlig und erregend zugleich in ihm aus.

Eine Sturmböe erfasste ihren Rock und schlang ihn um seine Beine, als sie mit einem leisen Seufzer alle Anspannung aus ihrem Körper verlor. Fast geriet er ins Stolpern.

Wie zur Warnung kreischte eine Möwe über ihnen. Er straffte sich, während er, nun wieder ganz beherrscht, mit spitzer Zunge über die beiden Bisswunden fuhr.

Erschöpft und gleichzeitig gestärkt ließ er den leblosen Körper der jungen Frau in den Sand sinken.

„Verzeihen Sie mir“, flüsterte er und küsste zart ihre Hand mit demselben Mund, der eben noch brutal zugebissen hatte. Doch in seinem Ton war keine Reue, ahnte er doch, dass er selbst bereits ihr Opfer geworden war.

Als er die schützenden Dünen erreicht hatte, wusste er, dass er morgen wiederkommen musste.

Morgen würde er ihr sein Blut geben, dann wäre ihr Bund perfekt. Er brauchte nur noch eine Rechtfertigung dafür.

Vor den anderen, aber vor allem vor sich selbst.

1. Kapitel

Rückkehr nach Sylt

„Sehen Sie zu, dass Sie einen Fensterplatz auf der rechten Seite bekommen, Frau Johannsen“, hatte ihr die Sekretärin des Umsiedlungsbüros zum Abschied geraten.

Jetzt wusste sie, warum. Die Nord-Ostseebahn fuhr seit einigen Minuten über den Hindenburgdamm in Richtung Sylt. Silberfarben glänzte das Watt, in dem viele unterschiedliche Seevögel herumpickten, um nach Nahrung zu suchen. Weiter draußen am Horizont konnte sie die Küste Dänemarks erkennen.

Die Fahrt über war sie sehr ruhig gewesen, aber als sie nun das weiße Kliff der Sylter Steilküste entdeckte, schlug ihr Herz schneller. Nervös wippte die Spitze ihres schmalen und für August viel zu warmen Schnürstiefelchens auf und ab. Ihr gerüschter Rocksaum federte im gleichen Takt mit, während sie sich zum dritten Mal den Haargummi von ihrem flachsfarbenen Zopf zerrte, um ihn anschließend wieder umzubinden.

Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet?

„Waren Sie schon einmal auf Sylt?“, unterbrach sie eine ältere Dame in ihren Gedanken. Sie saß ihr gegenüber und hatte sie seit einer Stunde stur beobachtet, anstatt sich die Schönheit und flache Weite Nordfrieslands anzusehen.

Sophie wollte sich diesen Augenblick nicht zerstören lassen, zu oft hatte sie ihn sich ausgemalt.

„Ja, aber das ist viele Jahrzehnte her. Ich bin dort geboren und aufgewachsen“, gab sie betont höflich zurück.

Sichtlich irritiert über die Antwort der jungen Frau, die vielleicht in den Zwanzigern war, schaute die Dame nun doch aus dem Fenster und schwieg.

Erleichtert lächelte Sophie in sich hinein. Sie wollte sich nicht unterhalten, jetzt, wo sie auf die Insel auffuhren. Sie wollte jeden Strauch, jedes Haus, jeden Weg, einfach alles in sich aufnehmen, mit ihren Blicken in sich hineinsaugen. Endlich durfte sie wieder in ihre Heimat fahren, dort sogar leben und arbeiten.

Sie war sich klar darüber, dass sich alles verändert haben würde. Trotzdem, hier war sie geboren, hatte eine relativ glückliche Kindheit mit ihrem Bruder Jan erlebt, hatte mit Freundinnen die Schule besucht, den ersten Kuss am Strand bekommen. Alle wirklich wichtigen Ereignisse in ihrem Leben hatten hier ihren Anfang. Alle Not, jeder Verlust hatte hier begonnen.

In ihr war noch eine kleine, leise Stimme, die zufügte: „Ich hoffe, hier schließt sich der Kreis.“ Aber die Stimme der Hoffnung versuchte Sophie meist zu überhören. Dann würde die Enttäuschung später nicht so groß ausfallen, sagte sie sich.

Gern wäre sie aufgesprungen und hätte sich die Nordseeluft durch Nase und Haare pfeifen lassen, aber die modernen Wagons hatten heute keine Fenster mehr, die sich öffnen ließen.

Das Knacken der Lautsprecheranlage riss sie aus ihren Gedanken. „…dort endet unsere Fahrt. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt“, ertönte die Stimme des Zugbegleiters.

Sie hatte versucht, sich innerlich zu wappnen, hatte sich wieder und wieder ermahnt, dass sich alles verändert haben würde. Sich ausgemalt, wie es sein könnte. Nun war alles ganz anders.

Überrascht und etwas ratlos stand sie zwischen den zirka sechs Meter großen, grünen Reisenden vor dem Bahnhofsgebäude. Manche hatten ihre Gesichter irgendwie verkehrt herum und schienen gegen einen, an diesem Tage nicht vorhandenen, Wind zu laufen.

Während Sophie sich noch fragte, ob schon einmal jemand so verblüfft über diese Kunst gewesen war, dass er auf die direkt dahinter liegende und viel befahrene Straße gelaufen war, entdeckte sie erleichtert eine Reihe wartender Taxis.

„Moin, zum Südwäldchen bitte“, bat sie atemlos, denn auch, wenn es schon Abend war, machte ihr die Augustsonne stark zu schaffen.

Zehn Minuten später stand Sophie bereits in ihrer neuen Zweizimmerwohnung im zweiten Stock eines gelben Blockes.

Sie fand das Haus ziemlich hässlich, aber die Wohnung war günstig gelegen, und von dem kleinen Balkon aus schaute sie direkt auf das Südwäldchen und die dahinter liegenden Dünen.

Die Umzugsfirma, die vom Umsiedlungsbüro beauftragt worden war, hatte gute Arbeit geleistet. Ihre wenigen aber antiken Möbel standen unbeschädigt so, wie sie es in den Grundriss der Wohnung eingezeichnet hatte. Es war auch nicht anders zu erwarten gewesen, denn die Umzugsfirma arbeitete immer präzise.

Seufzend blickte sie auf die unzähligen Umzugskartons. Die würde sie allein auspacken müssen. Bis Arbeitsantritt hatte sie noch drei Tage Zeit, bis dahin sollte es zu schaffen sein, tröstete sie sich. Außerdem hatte sie eine gewisse Erfahrung darin, war es bereits ihre fünfte Umsiedlung.

Der schrille Ton eines fünfzig Jahre alten Telefons riss sie aus ihrer Erinnerung. Sie wusste, wer sie anrief und zögerte kurz. Dann ging sie doch an den Apparat.

„Guten Abend, meine Liebe. Hier spricht Alexander. Ich wollte mich nur kurz nach deiner Reise erkundigen. Ist alles nach deinen Wünschen verlaufen?“, ertönte die ihr bekannte Stimme aus dem Hörer.

Sophie rollte die Augen in Richtung Zimmerdecke.

Alexander Westphal würde nie lernen, normal zu sprechen. Manchmal glaubte man fast, er sprach mit voller Absicht in diesem angestaubten Deutsch. Sie alle mussten von Zeit zu Zeit einen Rhetorikkurs belegen, aber an ihm schien alles abzuperlen. Vielleicht war es auch einfach nur seine Art an etwas festzuhalten, das ihn ausmachte.

Sein Räuspern erinnerte sie daran, dass sie irgendetwas antworten musste.

„Entschuldige Alex, ich bin irre müde. Hat alles gut geklappt. Lass uns morgen reden“, bat sie etwas zu ruhig.

„Natürlich, ruh dich aus. Ich werde dich morgen erneut anrufen.“ Ein Klicken in der Leitung zeige, dass er aufgelegt hatte.

„Ich weiß“, seufzte Sophie in die Sprechmuschel und legte den Hörer langsam auf.

Aus der Wohnung über ihr kam leise eine ihr unbekannte Musik. Eine melancholische und doch schöne Männerstimme wechselte sich mit einer aggressiven ab und ergab ein spannungsgeladenes Rockstück. Es war verrückt, aber sie wusste nicht, ob die Musik zufällig ihre Stimmung erfasst hatte, oder ob sie sie erst produziert hatte.

Unruhig öffnete sie die Balkontür. Die Musik schwoll an. Es lag Sehnsucht in der einen Stimme, oder in beiden? Eine leichte Brise kam vom Meer herüber und hatte die Luft etwas abgekühlt. In einer Stunde würde die Sonne untergehen, schätzte sie. Der Zeitpunkt war gut für das, was sie beunruhigte.

Es hatte keinen Sinn, dagegen anzukämpfen, zu oft hatte sie verloren. Doch mit jeder Niederlage hatte sie gelernt. Gelernt zu steuern, was unabdingbar war. Sie wusste, drei Tage würde sie nicht mehr durchhalten können.

Eilig suchte sie ein paar Sachen zusammen und stopfte sie in eine überdimensionale Handtasche. Dann verließ sie den Block in Richtung Südwäldchen.

Viele schmale ausgetretene Wege führten durch den kleinen Wald, durch den man den Campingplatz und zwei Übergänge zum Strand erreichen konnte. Die Nadelhölzer schluckten sämtliches Licht und nur hier und da leuchtete der Abendhimmel rot durch die Tannen. Achtlos weggeworfene Taschentücher und Papierservietten der kleinen Imbissbude am Strandzugang lagen am Boden wie helle Begrenzungsmarkierungen.

Nur noch ein Urlauberpaar kam ihr mit Kühltasche und Handtüchern entgegen, als sie die unzähligen Stufen empor lief.

Oben auf der Deichkrone machte Sophie kurz Halt. Es war atemberaubend. Schöner als ihre Erinnerung, schöner als ihre Erwartung. Es verstärkte ihre Unruhe enorm. Die bald untergehende Sonne hatte bereits angefangen, den Himmel rosa zu färben. Am Horizont war das Meer ebenfalls rosa und ging über dunkles Rot bis zu Blauschwarz über.

Eine leichte Brandung ließ kleine weiß schäumende Wellen an den Strand schwappen. Es waren kaum noch Menschen dort, die vielen Strandkörbe leer.

Bevor sie sich an den Abstieg in Richtung Meer machte, atmete sie noch einmal tief durch. Da war noch etwas, das sich wie Heimat anfühlte, ein Geruch. Altbekannt, Sinne betörend mit einem Hauch von Erinnerung, die sie weit unten vergraben hatte und selbst jetzt nicht zulassen wollte. Verwundert und verwundet spürte sie, wie sich die Vergangenheit an sie heftete. Sie hatte sich auf optische Eindrücke gefasst gemacht. Wieder und wieder sich vorbereitet. Nun war es etwas ganz anderes, was sie erwischt hatte.

Keine Optik, keine Klang - ein Geruch. Der Strandflieder blühte. Langsam ging sie die Stufen hinunter.

Wie viele Jahre sie weg gewesen war, wie viele Jahre sie noch am Leben war, das Meer kümmerte sich nicht darum. Es war einfach nur da, das Meer. Das beruhigte sie ein wenig.

Der weiche warme Sand, der sich um ihre Füße schloss, empfing sie tröstend.

Als sie das Wasser erreichte, ließ sie ein jäher und sehr realer Schmerz am Hinterkopf zusammenzucken.

Ein gelber Ball landete neben ihr in der Nordsee und als sie sich umdrehte, sah sie in das lachende und sich überschwänglich entschuldigende Gesicht eines jungen Mannes.

Modell Surfer und Anbaggerer, befand sie und winkte ab.

Nachdem sie sich in einem der Strandkörbe eingenistet hatte, zog sie ihren Badeanzug an und band sich ihre Haare zum Knoten hoch.

Das Wasser war nur wenig kälter als die Luft und sie genoss es, gegen die kleinen Wellen zu schwimmen. Lange hatte sie sich nicht mehr so selbstbestimmt und frei gefühlt.

Als die Sonne ins Meer eintauchte, schwamm sie zurück.

Der junge Mann mit dem gelben Ball hatte es sich inzwischen neben ihrem Strandkorb im Sand gemütlich gemacht. Irgendwie hatte sie bereits damit gerechnet und es kam ihr sehr gelegen.

„Bist du auch auf dem Zeltplatz?“, fragte er betont beiläufig, während er irgendetwas in sein Handy eintippte.

„Nö, bin heute hergezogen“, antwortete sie im gleichen Ton. Es war egal, wie viel sie von sich erzählte, morgen würde er es vergessen haben.

Gekonnt öffnete sie ihren Haarknoten und schüttelte ihr Haar aus. Sie wusste genau, welche Wirkung das haben würde. Und richtig, das Handy verschwand augenblicklich in der Jeanshose und sein Blick heftete sich unverhohlen auf das Handtuch, mit dem sie sich langsam abtrocknete.

Eine Viertelstunde später war die Sonne verschwunden und Maik saß neben Sophie im Strandkorb und hielt ihre Hand. Sie konnte sein Gesicht kaum noch sehen, seine Absichten waren dafür umso deutlicher. Ihre allerdings auch.

Das Lied aus der Wohnung über ihr klang laut in ihrem Inneren und erfüllte ihr ganzes Sein. Ihren Körper, ihren Geist, einfach alles. Es gab keine Vergangenheit mehr, nur diesen Moment.

Nachdem er angefangen hatte, an dem Handtuch zu fingern, in das sie sich gewickelt hatte, fragte sie ihn mit einem Rest an Beherrschung und ihrer zartesten Stimme: „Was soll das werden?“

„Willst du etwa nicht?“, fragte er leise mit einer heiseren Stimme zurück.

Um sich zu vergewissern, dass niemand mehr am Strand war, trat sie einen Schritt aus dem Strandkorb heraus. Dann drehte sie sich zu ihm um und beugte sich zu ihm herunter.

„Ich sag dir, was ich will“, flüsterte sie in Richtung seines Ohres.

Angenehm überrascht hielt er ganz still, als sie mit beiden Händen seine Schultern umfasste.

Ihr heißer Atem streifte seine Haut und er schloss die Augen.

Mit einem kurzen, heftigen Stoß trieb sie ihre Zähne in seinen Hals und es war vorbei.

Kein Herzrasen mehr, keine Musik, kein Verlangen, keine Magie – alles vorbei.

Maik lag mehr oder weniger im Strandkorb. Sein Kinn war auf die Brust gesunken, die Arme hingen schlaff herab. Fast hätte er Sophie Leid getan. Das war sicher nicht das, was er von ihr gewollt hatte.

Vorsichtig legte sie seinen Kopf nach hinten und leckte mit der Zungenspitze über die kleinen Bisswunden. Dieser Kuss des Vergessens, wie ihn ihresgleichen nannte, würde Maik die letzte halbe Stunde vergessen machen und die Wunden wie Mückenstiche aussehen lassen.

Sie tätschelte seine Hand. Er würde aufwachen und glauben, er sei am Strand eingeschlafen. Wem war das noch nicht passiert?

Ganz zu Anfang ihres Lebens nach dem Biss, vor neunzig Jahren, da hatte sie starke Skrupel gehabt. Aber dann fragte ihr Bruder Jan sie, was an einer Fahrt ins Blaue das Schönste wäre. Sie hatte kurz überlegt und „Die Vorfreude“ geantwortet.

Er lachte und fragte achselzuckend: „Hatte der die, oder nicht?“

Bei dem Gedanken an Jan musste sie lächeln. Vielleicht würde er es sich doch noch anders überlegen und ihr auf die Insel folgen, hoffte sie.

Maik schnarchte leise als Sophie ihn verließ.

Zuhause nach der Dusche merkte sie erst, wie müde sie war.

Zufrieden ließ sie sich in ihr Bett fallen.

„Besser hätte dieser erste Tag nicht sein können“, war ihr letzter Gedanke, bevor sie einschlief.

2. Kapitel

Lebenslänglich

Sophie schlief tief und fest, als gegen 11:30 Uhr das Telefon klingelte. Die dunkelroten Samtvorhänge ließen kein Tageslicht in das kleine Schlafzimmer fallen. Im Wohnzimmer kniff sie, geblendet vom Tageslicht, die Augen zusammen und stolperte beinahe über den Schlauch des Staubsaugers, den sie am Vorabend nicht mehr bereit gewesen war, wegzuräumen. Leise fluchend erreichte sie den alten Thonetstuhl, der ihr als Telefontisch diente. Hektisch, nur damit das schreckliche Klingeln aufhörte, riss sie den Hörer von der Gabel.

Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, fiel ihr ein, dass ihre neue Arbeitsstelle am Apparat sein könnte, und so versuchte sie ihren Namen einigermaßen ausgeschlafen klingen zu lassen.

„Mahlzeit, Frau Langschläferin, hier ist Alexander“, kam es freundlich zurück.

Sophie nahm das Telefon hoch und setzte sich auf den Stuhl. Dann brummte sie aufrichtig verschlafen: „Hallo Alex, musst du mich so früh wecken?“

Er lachte. „Sieh mal aus dem Fenster!“

Sie öffnete die Balkontür mit einer leisen Ahnung, die sich bestätigte.

Das Wetter war herrlich bedeckt. Der Regen, der die halbe Nacht gedauert hatte, hatte alles abgekühlt. Jetzt war die Luft wunderbar frisch und klar, der Himmel hübsch grau und unten auf dem Parkplatz stand Alex gegen sein Auto gelehnt und winkte ihr zu.

„Gib mir fünf Minuten“, rief sie ihm entgegen und legte auf.

Eilig ging sie ins Bad und zog sich an. Alex empfing man nicht in Nachtwäsche. Auch, wenn sie schon neunzig Jahre befreundet waren, oder gerade deshalb. Immerhin war er ihr Pate. Er hatte die Verantwortung für sie auf sich genommen, in dem Moment, als er sie zum Vampir gemacht hatte. Dies galt eigentlich nur bis zur zweiten Dekade, das hieß für zehn Jahre, aber für Alex schien es lebenslänglich zu gelten.

Forsch bürstete sie ihre Haare und flocht sich einen Zopf. Ein kurzer Blick in den Spiegel genügte, es war sowieso wie immer. Das hieß, sie war keinen Deut älter geworden. In den letzten zehn Jahren war sie vielleicht ein halbes Jahr gealtert. Wozu dann lange in den Spiegel sehen? Unwillkürlich musste sie an alte Filme denken, in denen Vampire kein Spiegelbild hatten. Die Wahrheit war das natürlich nicht, aber auch nicht weit davon entfernt. Sie und ihresgleichen mieden Spiegel, weil diese ihnen ihre Unsterblichkeit vor Augen hielten. War fast unsterblich zu sein nicht auch eine Unfähigkeit? Jeden Tag, unverhohlen, lügenfrei und kalt.

Er ließ ihr Zeit. Sie räumte noch schnell den Staubsauger weg und deckte den kleinen Frühstückstisch in der Küche. Erst dann klingelte es an der Tür.

Das erste, was sie sah, war ein riesiger Strauß weiße Rosen.

„Alles Gute in deiner neuen Dekade“, flüsterte er gedämpft im Hausflur und tippte sich wie beiläufig mit rechtem Zeige- und Mittelfinger an den Hals.

So grüßten sich die Clanmitglieder untereinander und Sophie tat es ihm gleich, auch wenn sie einander vertraut waren. Es war nicht nur eine Erkennung untereinander, es war ein Zeichen der Clanzugehörigkeit, der Achtung voreinander. Kein Vampir war scharf darauf, einen anderen zu beißen. Es brachte nämlich nicht die erhoffte Befriedigung. Und irgendwie war es auch untereinander verpönt.

Während sie noch überlegte, wo sie so schnell eine passende Vase oder irgendein Gefäß auftreiben sollte, ging Alex auf den Balkon und schaute sich um.

Kurzerhand wickelte sie ein Geschirrtuch um einen Messbecher und stellte die Rosen hinein.

„Ist aber lieb von dir, dass du vorbei kommst“, rief sie in Richtung Wohnzimmer. „Möchtest du Kaffee?“

Tatsächlich, sie freute sich, ihn wiederzusehen. Vor vier Wochen hatte sie ihn kurz in Hamburg getroffen, in einem Café nahe dem Umsiedlungsbüro, dessen Vorstand er als Clanführer angehörte. Sie hatte dort ihre neuen Papiere, sprich Mietvertrag, Ausweispapiere, Krankenkassenkarte etc. erhalten.

Sie beobachtete ihn, wie er jetzt geschmeidig durch die Balkontür kam. Er war wie immer korrekt gekleidet, mit Jeans und Anzugjacke. Was jedoch nicht seine drahtige und sportliche Figur verstecken konnte. Für einen erfolgreichen Mann in seinem Alter - sie schätzte, er war bei seinem Biss Anfang vierzig gewesen - genau das richtige Outfit. Seine kinnlangen dunklen Haare waren an den Schläfen leicht ergraut, aber das war sicherlich gefärbt, mutmaßte sie. Denn auch wenn Vampire altern konnten, dauerte dies mehrere hundert Jahre. Zu gerne hätte sie sein Alter gewusst. Jan hatte einmal gehört, dass Alex in der französischen Revolution mitgewirkt hatte. Vielleicht war es nur ein Gerücht, denn über das Alter sprach ihresgleichen einfach nicht.

Ein Anflug von schlechtem Gewissen überkam sie und sie nahm sich vor, ihm bei der nächsten Gelegenheit etwas zu beichten. Sie hoffte, dass er darauf eingehen, ihr die Last von den Schultern nehmen würde. Er konnte sehr aufbrausend sein; sie hatte es einmal erlebt, aber diese Gedanken wollte sie nicht zulassen.

„Du gehörst jetzt wieder in meinen Clan“, sagte er freundlich, aber bestimmt.

Sophie füllte Orangensaft in zwei Gläser und hielt in der Bewegung inne.

Sie hatte verstanden, was er sagen wollte. Sie wohnte wieder in seinem Gebiet, unterlag seinem Schutz, aber auch seinen Anordnungen. Das war der Preis gewesen, dafür, dass sie wieder nach Sylt wollte. Sie hatte es gewusst, aber ihr Vorhaben war ihr wichtiger gewesen. Sie würde Antworten suchen, in sich selbst und auf Sylt. Darum war sie nach Hause gekommen. Sie hatte nicht so schnell damit gerechnet, aber gewusst hatte sie, dass er versuchen würde, das Band enger zu knüpfen. Das Band aus Freundschaft, Verantwortung und Macht.

„Und damit unter deiner Knute“, ergänzte sie seinen Satz. „Ich dachte, du wärst als Freund gekommen.“

„Sophie, bitte.“

Sie brauchte ihn nicht zu sehen, sie hörte an der Art, wie er ihren Namen aussprach, dass ihre Antwort ihn getroffen hatte. Es war wie immer, er hatte noch nie gewonnen.

Doch da war auch noch etwas anderes und Sophie wusste genau, was es war. Es waren die Grenzen, die sie beide nie bereit waren, fest abzustecken. Vielleicht hatte sie es auch so gewollt, denn die Einsamkeit ließ sie manchmal erstarren. Ihm, ihrem Freund, ihrem Verbündeten, brauchte sie nichts zu erklären. Sie konnte ihm vertrauen, konnte ihn gehen lassen ohne Sehnsucht, denn es war nur Freundschaft. Es war eine einfache Lösung gewesen, die sich mit der Zeit aber als eine schlechte herausgestellt hatte.

Mit einem leeren Glas, das sie am Vortag auf dem Balkon hatte stehen lassen, kam er in die Küche und stellte es in die Spüle.

Diese grauen Schläfen standen ihm wirklich gut, dachte Sophie und lächelte versöhnlich zu ihm herüber.

Der Durchschnitts-Blutsüchtige wurde nach jeder Dekade umgesiedelt und bekam eine neue Identität. Erst nach neun Dekaden wurde es ihnen erlaubt, in ihre Heimatstadt zurück zu kehren. Als Clanführer war dies nicht möglich. Er musste sich der Verantwortung und dem damit verbundenem Risiko stellen. Er musste versuchen, so lange wie möglich integriert zu bleiben, dazu gehörte auch das Altern.

Er hatte bemerkt, dass sie ihn musterte, ließ es sich aber nicht anmerken. Seufzend setzte er sich an den Tisch und griff nach seinem Orangensaft.

„Du hast Recht, es ist gefärbt“, gab er freiwillig über seinen Tassenrand hinweg zu und strich sich langsam über die Haare.

Sophie prustete lauthals über den Tisch hinweg und sprang auf, um ihren alten Freund zu umarmen.

Viele Freundschaften pflegte man als fast Unsterblicher nicht. Die Normalos, wie ihr Bruder Jan sie nannte, hatten einen anderen Lebensverlauf, andere Freizeitbeschäftigungen, konnten anderes Wetter vertragen und waren einfach zu lecker, was natürlich auch von Jan stammte.

„Hast du was von Jan gehört?“, fragte Sophie und biss in ihr Marmeladenbrot.

„Nein, aber das ist bei ihm ein gutes Zeichen, wie du weißt“, gab Alex beruhigend zurück und lächelte milde.

Ja, sie wusste sofort, was er meinte. Schon oft hatte er Jan aus schwierigen Situationen helfen müssen. Das letzte Mal hatte dieser im Umkleideraum einer Sporthalle gleich drei Mädchen einer Handballmannschaft gebissen und war dabei von der Trainerin beobachtet worden. Diese hatte sich daraufhin laut schreiend in den Duschräumen eingeschlossen. Erst, als der Kriminalbeamte Alexander Westphal eintraf, öffnete sie die Tür und ließ sich von ihm beißen, woraufhin sie die ganze Angelegenheit vergaß.

Jan hatte anschließend sechs Monate Strafarbeit in der Bibliothek der Clanführer leisten müssen, was ihm vorerst eine Lehre war. Dort durften die Buchdiener, zu denen er zählte, während der Arbeitszeit nicht sprechen. Das war eine harte Strafe für einen mitteilungsbedürftigen jungen Mann, und dabei hatte er noch Glück gehabt. Andere Clanführer wären nicht selbst erschienen und hätten sicherlich auch eine andere Strafe gewählt. Nein, darin waren sich alle Clanmitglieder einig: Alexander war ein kluger und gerechter Clanführer. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst und er war, im Gegensatz zu Sophie, gerne der, der er war. Die meisten Mitglieder des Clans waren es gerne. Ein XXL-Leben konnte zusammen mit etwas Verstand und Geschick durchaus zu einem Vermögen oder einigem Einfluss führen. Konnte, nicht musste. Letztendlich waren sie auch Menschen.

„Lass uns eine Inselrundfahrt machen“, holte er Sophie aus ihren Gedanken.

Wenige Minuten später fuhren sie auf der Landstraße Richtung List. „Dein wievieltes Auto ist das eigentlich?“, fragte Sophie und strich über das Armaturenbrett.

„Frag doch nicht immer so komische Sachen“, antwortete Alex und warf ihr einen irritierten Seitenblick zu. Er hatte seine Autos nie gezählt, genauso wenig wie seine Pferde davor.

Doch dann schüttelte er lachend den Kopf. „Ich weiß nur, dass es mein erstes Hybridauto ist. Und ich werde dir nicht verraten, wie alt ich bin. Auch wenn du noch so hintenrum fragst.“

Sophie lächelte und seufzte übertrieben. Eigentlich war es mehr ein vertrautes Spiel zwischen ihnen als ein ernsthafter Versuch gewesen. Er zeigte mit dem Finger auf ein neues Hotel, das mitten in den Dünen errichtet worden war.

„Ich dachte, man darf die Dünen nicht betreten. Ich hab vor Jahren mal Ärger bekommen, weil ich eine Dame dorthin gelockt habe.“

Und mit einem Seitenblick auf Sophie fügte er schnell hinzu: „Natürlich nur, um sie zu beißen.“

„Aber natürlich.“

Sophie nickte mit spöttisch verzogenem Mund und fügte dann ernsthaft hinzu: „Sie leben einfach nicht lange genug, um zu begreifen.“

Den knallig bunten Tonnenhallen in List konnten sie rein gar nichts abgewinnen. Bei dem heutigen bedeckten Wetter liefen unzählige Urlauber mit ebenfalls knallig bunten Fleecejacken und zu kurzen Hosen umher und fragten sich wahrscheinlich genau wie Sophie, wie viele Arbeitsstunden benötigt wurden, um die unzähligen Betonsteine zu verlegen.

Sie ließen den Hafen hinter sich und fuhren zurück Richtung Westerland. Nach Keitum, ihrem Heimatdorf, wollte sie in den nächsten Tagen allein kommen.

Die Insel war ihr fremd und trotzdem waren ihr viele Dinge so vertraut, dass sie sich fragte, welches ihre eigenen Erinnerungen waren und welches Erinnerungen an Bilder und Berichte aus Medien. Sie kämpfte gegen die plötzliche Trauer darüber. Heute war keine Zeit für derartige Gefühle, wies sie sich zurecht. In den letzten neunzig Jahren hatte sie gelernt, damit umzugehen. Die schwierigsten Gefühle kamen nicht plötzlich, sie winkten zunächst von weitem. Auch wenn Sophie sie erkannte, ausweichen konnte sie ihnen fast nie.

Als Alex ihre Hand nahm und an seine Wange legte, konzentrierte sie sich wieder auf ihr Vorhaben.

„Wie viele von uns gibt es zurzeit hier auf Sylt?“, frage sie ihn und legte seine Hand zurück auf das Lenkrad.

„Fünf Frauen, sechs Männer“, antwortete er und lenkte den Wagen von der Hauptstraße herunter auf einen kleinen Sandparkplatz.

„Einen wirst du gleich kennenlernen“, versprach er ihr, während er ein kleines Lokal ansteuerte. Es lag direkt vor den Dünen und bestand eigentlich nur aus einem kleinen Schankraum. Draußen auf der Terrasse standen mehrere Strandkörbe und bildeten eine Art Innenhof. Sophie setzte sich in einen der Körbe und stellte ihre Tasche auf den Platz neben sich.

Der Kellner war sofort bei ihnen und grüßte mit dem Gruß ihres Clans. Neugierig studierte Sophie sein Gesicht. Er war ihr bekannt, sie kannte ihn aus Hamburg, aus ihrer ersten Dekade.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen und sie merkte, wie ihr Gesicht leicht errötete. Wenn er aus der Gegend war, würde er ihr vielleicht helfen können, denn die Gerüchteküche brodelte damals wie heute. Sicherlich hatte er etwas gehört von dem Jungen ohne Paten.

Ein kleines Namensschild an seiner Weste zeigte, dass sie von Max Wunk bedient wurden. Sophie prägte sich den Namen ein, obwohl sie sicher war, dass dies nicht sein richtiger Name war. An ihrem nächsten freien Tag würde sie herkommen, nahm sie sich vor.

Sie bestellten ein leichtes Mittagessen und genossen die frische Seeluft. Alex hatte noch einmal versucht, ihre Hand zu nehmen, doch sie hatte rechtzeitig zur Serviette gegriffen.

„Warum wolltest du hierher zurück?“, fragte er und machte eine weit ausladende Geste mit der abgeblitzten Hand.

„Weil es mein Zuhause ist“, gab Sophie fast trotzig zurück. Sie hatte selbst den richtigen Zeitpunkt für eine Aussprache bestimmen wollen. „Und weil ich hier einen guten Job bekommen habe“, fügte sie etwas milder hinzu.

Alex zog die Augenbrauen hoch. Er glaubte ihr nicht, das war deutlich zu sehen. Wieder flammte das schlechte Gewissen wie Sodbrennen in ihr auf. Sie wusste, der richtige Zeitpunkt war jetzt fast schon überschritten.

Die Bedienung kam an ihren Tisch und Alex zahlte. Sie gingen die Treppen zur Düne hinauf und setzten sich oben auf eine kleine Holzbank.

Warum war es nur so schwer, mit ihm befreundet zu sein? Sie kannten einander gut, teilten viele Ansichten, lachten zusammen. Aber letztendlich war jeder allein. Manchmal ertappte sich Sophie dabei, wie sie sich nach seiner Schulter sehnte, oder nach irgendeiner vertrauten Schulter, aber war das genug? Würde die gemeinsame Einsamkeit nicht viel schlimmer sein?

Nach einer Weile legte Alex wie beiläufig den Arm um ihre Taille. Sie überlegte, ob sie ihn genauso beiläufig abstreifen sollte. Sie überlegte so lange, bis es zu spät war und er sie zu sich drehte, um ihr in die Augen zu schauen, als wenn er darin etwas suchen wollte. Etwas, das ihn seit Jahren zu ihr trieb.

Leidenschaft, vielleicht Liebe, Erwiderung.

„Ich wollte dir noch was sagen“, dreht sie sich aus seinen Armen und seinem Blick.

Abrupt ließ er sie los.

Langsam ging sie die Stufen zum Strand herunter und er folgte ihr. Zwei Jugendliche kamen ihnen entgegen und so schwieg Sophie vorerst, bis sie unten angekommen waren.

„Ich möchte dir sagen, warum ich wiedergekommen bin. Ich hatte wirklich einen Grund“, begann sie und senkte ihren Blick auf den weißen Sand, um ihn nicht anzusehen.

„Ist er einer von uns?“

Die kratzende Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. Stirnrunzelnd sah sie ihn an und entschloss sich, diese Frage überhört zu haben.

„Alex, was denkst du, wie lange unsere Unsterblichkeit dauert? Wie enden wir? Gar nicht? Ich weiß es nicht und niemand kann es mir sagen. Gibt es ein natürliches Ende für uns? Bitte, sag es mir!“

„Lebenslänglich eben, das ist doch unwichtig. Niemand weiß, wann er stirbt. Worauf willst du überhaupt hinaus?“ Er schien zu ahnen, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde.

„In dem Clan meiner letzten Dekade habe ich eine Frau kennen gelernt, die meine Einstellung zu unserer - sagen wir mal - Andersartigkeit teilte. Sie hat mir erzählt, dass hier auf Sylt ein Fall bekannt geworden ist. In der Klinik, in der ich morgen anfange zu arbeiten. Ich denke, damit erzähl ich dir nichts Neues, oder?“

Alex blieb stehen und starrte sie an. Entweder hatte er es nicht gewusst, oder er war überrascht, dass sie es erfahren hatte. In seinem Gesicht ließ sich keine Emotion ablesen, das war gefährlich, wusste sie. Schnell fuhr sie fort.

„Die Frau hat mir ihr Alter verraten. Sie war allen Ernstes 365 Jahre alt und total verzweifelt darüber. Alex, das schaff ich nicht. Ich will richtig leben. Ich meine mit allem Drum und Dran. Mit Kindern und Mann und solchen Dingen. Nicht jedes Jahr wieder zusehen, wie andere ihren Weg gehen können. Und ich will keine neue Identität mehr annehmen müssen. Ich hasse das alles so.“

Die Verzweiflung in ihrer Stimme konnte er nicht überhört haben, aber er ließ sich nichts anmerken.

„Willst du auch Krankheiten bekommen, Falten kriegen und unechte Zähne?“, fragte er betont leise und ging weiter den Strand entlang.

Es hätte ihr klar sein müssen, denn es lief wie immer. Alex ging nicht auf ihre Fragen und Beweggründe ein, sondern antwortete mit einer Gegenfrage. Das ärgerte sie ungemein, aber sie hatte über die Jahre gelernt und tat es ihm gleich.

„Du hast es natürlich gewusst, du weißt alles in deinem Bezirk. Warum gebt ihr diese Information nicht weiter an uns? Ihr habt kein Recht, sie zu verweigern! Hörst du überhaupt noch zu, was gesprochen wird unter uns? Ich bin mit meiner Meinung nicht so alleine, wie du immer behauptest. Viele haben die Hoffnung, dass eines Tages ein Mittel…“

„Was denkst du denn, was ich zu verantworten habe? Sie werden uns jagen, wir sind in ihren Augen doch nichts als Monster. Guck doch mal zurück, es war immer so und es wird immer so bleiben. Sie verfolgen sich gegenseitig wegen weniger Absonderlichkeiten als unsere Blutsucht. Was denkst du, wie sie reagieren werden? Wir sind eben anders als sie. Und soll ich dir was sagen, ich bin es gerne. Sieh sie dir doch an. Sie können nicht einmal an ihre eigene Brut denken. Sie denken immer nur an den Moment. Das ist doch unbegreiflich.“

Er wurde lauter, bis er förmlich schrie, und Sophie war froh, dass wegen des bedeckten Wetters kaum jemand am Strand war.

„Wir waren einmal sie oder hast du das vergessen“, fragte sie gereizt, obwohl sie wusste, dass er in vielen Punkten die Wahrheit sagte.