Zwielichtperlen - Harald Weber - E-Book

Zwielichtperlen E-Book

Harald Weber

0,0

Beschreibung

Wie schafft es das neue Unternehmen, Feuerbestattungen zu unschlagbaren Niedrigpreisen anzubieten? Warum sollte man vorsichtig sein, in welchen Zug man nach Mitternacht steigt? Weshalb zeigen die Spiegel in Kettering Manor jemanden, der gar nicht im Raum ist? Und was treibt einen Kommissar dazu, Töpfe aus Edelstahl nachts im Chiemsee zu versenken? Diesen Mysterien und noch einigen mehr geht Harald Weber in der Kurzgeschichtensammlung "Zwielichtperlen" auf den Grund.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Sehnsuchtsorte

Der Traumfänger

Der letzte Zug

Šimáneks Geheimnis

Die lange Wacht

Per Anhalter nach Gondor

De profundis

Die Einladung

Ich kannte Nerat Borr

Augen zu und durch

Ein völlig neuer Mensch

Sie halten niemals an

Die Frau in Grün

Sehnsuchtsorte

„Sehnsuchtsorte“ sollten der Schwerpunkt sein bei einem Leseabend vor

Publikum. Und wie so oft fiel mir erst mal rein gar nichts ein. Dann

regte sich zaghaft eine Idee bezüglich schönen Scheins und schöner Worte,

und mein Ausflug ins Reich der Glossen konnte beginnen.

Hinter dem Horizont war es immer schon viel schöner als hier.

Wenn man wie ich in einem Dorf aufwächst, dann pulsiert das Leben bereits in der Kreisstadt. Damals konnte ich die Leute aus der Kreisstadt nicht verstehen, die sich beklagten, wie öde das Leben in der Provinz sei und dass das wahre Leben in der Großstadt zu finden wäre. Die Großstädter ihrerseits schauen sehnsüchtig nach Berlin – bis auf die Berliner, und die wären lieber in London.

Erzählungen von hinter dem Horizont sind der Stoff, der die Sehnsucht heiß brennen lässt. Aber so wie der Abstand in Zeit und Raum von der Schulzeit oder dem Wehrdienst nur die besonders erinnerungswürdigen Momente übrig lässt, so wecken auch die Erzählungen aus der Ferne bei den Zuhörern die Erwartung, es müsse dort rund um die Uhr großartig und ganz besonders sein.

Und dann fährt man selbst hin und stellt fest: das Meer ist groß und weit, aber doch eher grünlichgrau als türkisfarben. Die Berge sind in der Überzahl hoch, aber wenn sie sich wie meist aneinander kuscheln, sind sie nicht ganz so beeindruckend. Nicht dass es ihre Schuld wäre – wir erwarten meist einfach zu viel von ihnen.

Die Märchenerzähler von heute sind auch geübt darin, diese Erwartungen zu wecken. Ihre Kunst besteht allerdings im Weglassen störender Details. Auf einen naturbelassenen Strand kann man sich zu Hause freuen; erst vor Ort entdeckt man den liegen gebliebenen Müll der Party vom Vorabend und den der Party davor natürlich auch, hübsch dekoriert mit verrottendem Seetang. Mit etwas Glück muss der Besucher sich seinen Weg ins Wasser aber nur an zerquetschen Getränkedosen vorbei suchen und braucht nicht auf Glasscherben zu achten.

Wenn bei einem Hotel die ruhige Lage gepriesen wird, dann kann man sich sicher sein: diese Unterkunft liegt weit, weit weg von allem. Immerhin gibt es aber noch zumindest eine ordentliche Straße, die dorthin führt – sonst läge es nämlich nicht bloß ruhig, sondern wild-romantisch.

Am anderen Ende des Spektrums findet sich „verkehrsgünstig gelegen“ und „belebt“ - das steht für „Verkehrslärm bis spät in die Nacht“ und möglicherweise „Nachtleben, bis die Sonne aufgeht“. Ein „neu eröffnetes Hotel“ ist oft noch teilweise eine Baustelle mit allem, was dazu gehört – unfertige Anlagen, Bauwerkzeuge und Baulärm. Hat sich die Unterkunft andererseits laut Werbetext ihre Authentizität bewahrt, dann gibt es schon deutlichen Renovierungsbedarf.

„Junges Serviceteam“ ist die höfliche Umschreibung dafür, dass das Personal keine Erfahrung darin hat, die Probleme der Gäste zu lösen. Bei „unaufdringlichem Service“ kann der Gast sich darauf einstellen, dass vom Personal erst mal keine Spur zu sehen ist. »Macht ja nichts! Geht doch auch ohne!« mag sich der Gast beim Frühstücksbuffet denken. Aber Vorsicht: Ist nicht von einem „reichhaltigen Frühstücksbuffet“ die Rede, sondern nur von „Frühstücksbuffet“, dann hat der Gast vor dem Gesetz Anspruch auf zwei Brötchen, die nicht verschiedener Art sein müssen, auf eine Sorte Konfitüre, Butter und Kaffee, die er sich holen kann - optional Obst aus der Dose.

Soweit dieser kurze Ausflug in die Wunderwelt der Tourismuswerbung, in der wenig so sein muss wie es scheint.

Das Meer oder die Berge sind natürlich trotzdem da, und wer die großen Erwartungen herunterschraubt und sich auf sie einlässt, der kann allem Blendwerk zum Trotz eine schöne Zeit erleben. Es sei denn, die Natur selbst stellt sich quer. Die Victoriafälle in Afrika sind ein Ehrfurcht gebietender Anblick – außer im Oktober, wenn die Trockenzeit den mächtigen Sambesi zu einem schmalen Rinnsal reduziert hat.

Es gibt eine Anzahl von Orten, die ich besucht habe und an die ich gerne wieder zurückkehre. Aber immer wieder zieht es mich an den Ort meiner persönlichen Sehnsucht.

Es war Liebe auf den ersten Blick – so eine Fernsehcouch findet man nur einmal im Leben!

Der Traumfänger

1998 sah ich auf einem Festival meinen ersten Traumfänger.

Neugierig fragte ich, wofür dieser Ring mit dem Netz drinnen und den

Federn und Perlen draußen gut sein sollte.

Ach?

Die Albträume verheddern sich im Netz und gelangen nicht bis zu mir?

Coole Sache ... aber wird der dabei nicht irgendwann voll?

Und so entstand diese Geschichte.

Vielleicht haben Sie diese Gebilde ja selbst schon einmal gesehen: Ringe mit einer Art Spinnennetz, von deren Rand Perlenschnüre mit Federn hängen. Man nennt sie Traumfänger, und sie gehen auf einen indianischen Aberglauben zurück, der besagt, die guten Träume könnten ihren Weg durch die Öffnung in der Mitte des Netzes finden. Die schlechten Träume andererseits sollen sich darin verstricken und gefangen bleiben.

Das war nun genau die Sorte Aberglauben, auf die Gottfried bevorzugt reagierte, und deshalb wunderten wir anderen uns auch nicht besonders, als er sich so ein Ding ins Zimmer hängte. Aber Sie kennen ja meine Wohngemeinschaft noch nicht, damals kurz vor der Jahrtausendwende – ein Versäumnis, das ich sofort korrigieren werde.

Zuerst wäre da Johannes, der Informatik und Mathematik studierte. Er war Vegetarier und praktizierte Yoga, hatte aber für die verschiedenen Spielarten der Esoterik nur ein verächtliches Lachen übrig. Vor seinem Studium war er einmal Unteroffizier in der NVA und glaubte felsenfest an den letztendlich unvermeidlichen Sieg der kommunistischen Idee.

Dazu Friederike: sie glaubte eigentlich an alles, solange es alternativ, esoterisch und/oder ganzheitlich ist. Ihre Studienrichtung tendierte ins Sozialpädagogische. Wir hätten vielleicht sogar eine Beziehung miteinander angefangen, aber mein Aszendent stand im Weg.

Schließlich Gottfried: er war Buchhändler und ebenfalls sehr für das Transzendentale zu haben; es verging eigentlich keine Woche, in der er nicht anbot, einem von uns die Karten zu legen. Allerdings hatte er auch einige mehr irdische Interessen, bei denen wir uns recht gut verstanden; beispielsweise gab es eine ganze Menge Filme, die wir beide sehr gern sahen. Ich musste ihm nur in der ersten Woche klar machen, dass ich australische Didgeridoo-Musik wirklich gern höre – aber nicht um zwei Uhr nachts, wenn ich am nächsten Morgen zur Arbeit muss.

Und jetzt zu mir: Johannes war bei der NVA, ich war bei der Bundeswehr, und wenn wir die Küche für uns allein haben wollten, tauschten wir Erinnerungen an damals aus. Ich betrachte mich selbst als naturwissenschaftlich-technisch orientiert, ein Science-Fiction-Fan und Liebhaber der Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft und Clark Ashton Smith. Mit Johannes und Gottfried verband mich das Talent zum gelegentlichen Herumspinnen, wobei wir zu dritt manchmal Ideen ausbrüten, die keiner von uns alleine gehabt hätte. Synchronizität nennt man so etwas. Meine esoterischen Steckenpferde waren Feng Shui und Wilhelm Reichs Orgonen-Theorie.

Meine Brötchen verdiente ich übrigens in der Universitätsbibliothek.

Und zuletzt kam da noch Gottfrieds alter Schulfreund Theo für eine kurze Zeit ins Spiel. Ein Death-Metal-Fan, wie ich sie eigentlich immer für ein Klischee hielt ...

Es war am Wochenende des Festivals. Von Freitag bis Sonntag spielten Bands und fanden andere Veranstaltungen statt, mit einer Bandbreite vom Death Metal bis zur Wave- und Neoromantik. Ich hatte mir entsprechend viel vorgenommen: Freitag erst die Lesungen im „Café Cult“, danach die lange Gothic-Nacht im „Nachtasyl“ und am Samstag das Filmfestival im alten Autokino. Dort sollte das Programm mit „Dark City“ beginnen, danach „Die Mächte des Wahnsinns“ und „Die Fürsten der Dunkelheit“ – John Carpenter in Hochform, soweit es mich betrifft – und als Abschluss „Hellraiser 1 + 2“ bis zum Sonnenaufgang.

Merkwürdig, wie sich diese kleinen Nebensächlichkeiten manchmal ins Gedächtnis einbrennen.

Gottfried hatte dafür keine Zeit: er besuchte seine Eltern, die ihre Silberhochzeit feierten. Aber sein Zimmer sollte nicht leer bleiben, denn für das Festival hatte er uns seinen alten Kumpel Theo angekündigt. Theo kam per Mitfahrgelegenheit und sah eigentlich ganz normal aus in seinem Parka, den Turnschuhen und seinem Seesack.

Dann zog er sich um. Schwarzes Leder, nietenbedeckte Unterarmschützer, ein Patronengurt um die Hüfte (Johannes und ich einigten uns schließlich auf 12,7 Millimeter), dazu ein kalkweiß geschminktes Gesicht mit aufgemalten Blutstropfen um die Mundwinkel. Als er zum ersten Mal in voller Maske in der Tür unseres Gemeinschaftsraums erschien, da wurde Friederike fast so bleich wie er.

Theo kam nie vor Sonnenuntergang aus Gottfrieds Zimmer, und er achtete sorgfältig darauf, dass ihn kein Sonnenlicht beim Schlafen störte. Wenn er mal was brauchte, versorgte er sich aus unserem Kühlschrank oder an verschiedenen Tankstellen, und von seinen bevorzugten Konzerten und den Partys danach im „Hammerwerk“ kam er Freitag und Samstag erst kurz vor Sonnenaufgang zurück.

Ich glaube, Friederike fiel ein Stein vom Herzen, als Theo am Sonntagabend samt seinem Seesack abreiste.

Er traf nur ganz kurz mit Gottfried zusammen; sie tauschten einen Händedruck und ein paar Erinnerungen aus, Theo lud seinen alten Kumpel ein, ihn doch einmal in Köln zu besuchen… und dann war er weg. Gottfried erklärte kurz, er sei todmüde, und ging in sein Zimmer. Er öffnete das Fenster, zog die Rollos hoch und legte sich schlafen.

Etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang wurden wir alle durch einen entsetzlichen Schrei geweckt. Ich habe so etwas nie vorher gehört, und ich möchte eigentlich auch nie wieder einen solchen Schrei hören müssen. Ich stürzte in meiner Schlafanzughose aus meiner Tür und sah Gottfried in der Tür zu seinem Zimmer liegen.

Er sah grauenerregend aus. Blut lief ihm aus Nase, Augen und Ohren; an manchen Stellen blutete er auch aus der bloßen Haut, und das Weiße seiner Augen war völlig rot. Alles, was er noch von sich gab, war ein tonloses Krächzen; seine rechte Hand zuckte einmal, zweimal, verkrampfte sich, und dann war es aus.

Ich rief sofort den Notarzt, aber der konnte auch nur noch den Tod feststellen. Er sagte, so etwas habe er noch nie gesehen – Gottfrieds Blutdruck müsse für kurze Zeit eine unglaubliche Höhe gehabt haben.

Viel später nach der Autopsie erfuhr ich, dass Gottfried bei seinem Tod genug Adrenalin für zehn Männer im Blut hatte und dass fast alle Blutgefäße im Gehirn geplatzt waren.

Nach dem Anruf beim Notarzt setzten wir uns alle in die Küche und schauten uns minutenlang nur gegenseitig mit großen Augen an; wir standen alle unter dem gleichen Schock. Schließlich stand ich auf und ging hinüber ins Gottfrieds Zimmer; die Beamten der Kriminalpolizei, die viel später eintrafen, nahmen mir das ziemlich übel, aber ich hatte die schwache Hoffnung, irgendetwas zu finden, was mir diesen grausamen Tod verständlicher machen könnte. Unterwegs hörte ich die Klingel und betätigte den Türöffner – das musste wohl der Notarzt sein.

Friederikes Katze Hathor stand vor der offenen Tür; sie machte einen Buckel, fauchte und floh. Ich erinnere mich daran, dass es draußen langsam hell wurde, dieses seltsame fahlgraue Licht kurz vor Sonnenaufgang, und mein Blick fiel unwillkürlich auf Gottfrieds Traumfänger; es erschien mir so, als ob er dieses Halblicht schlucken würde. Als läge ein Schatten über ihm, geworfen von etwas, das ich nicht sehen konnte - was man aber auch meiner rückwirkenden Einbildung zuschreiben mag.

Ich fiel. Ich stürzte aus ungeheurer Höhe auf eine gewaltige Ansammlung zyklopischer Steinbauwerke zu. Ich wusste, dass es mich beim Aufschlag zerschmettern würde, und das war gut so, denn so würden die entsetzlichen Kreaturen, die ich dort unten immer deutlicher warten sehen konnte, mich zumindest nicht lebend in Stücke reißen!

Dann kam ich wieder zu mir. Mein Herz hämmerte wie verrückt, Friederikes Haar hing mir ins Gesicht und Tränen tropften auf mich herab. Johannes hielt meinen Arm fest, in den der Notarzt irgendein starkes Beruhigungsmittel injiziert hatte, und durch das Fenster fiel der erste Sonnenstrahl auf den Traumfänger. Ich hörte einen hohen, klirrenden Ton, und dann zersprang das Ding in unzählige Holzsplitter.

Ich habe seitdem etwas mehr über Traumfänger erfahren. Die Indianer sagen, dass die gefangenen bösen Träume sich im Tageslicht auflösen. Aber bei uns hatte Theo dafür gesorgt, dass kein Licht auf den Traumfänger fallen konnte. Und als Gottfried heimkam und die Rollos hochzog, da war es bereits dunkel ...

Ich weiß nicht, ob Sie meine Erklärung glauben wollen. Weiß Gott, ich wollte es nicht, aber ich finde einfach keine andere plausiblere oder gar wissenschaftlich verständliche Begründung, genauso wenig wie der Arzt bei Gottfrieds Autopsie. Die aufgestaute psychische Energie von Theos schlechten Träumen und ein kleines bisschen von Gottfrieds eigenen hatten den Traumfänger bis zur Grenze seines Fassungsvermögens aufgeladen und waren dann schlagartig frei geworden, und der unglückliche Gottfried war der Blitzableiter.

Als ich den Raum betrat, war wohl nur noch ein schwacher Rest vorhanden. Aber wäre nicht die Sonne aufgegangen, dann hätte es für mich wahrscheinlich auch noch ausgereicht.

Und bis heute kann ich nicht aufhören, mir die Frage zu stellen: Wusste Theo, was er tat?

Der letzte Zug

Im Frühjahr 2015 schrieben die Deutsche Bahn und die Süddeutsche

Zeitung einen Wettbewerb aus: Man suchte eine Kurzgeschichte über eine

Bahnfahrt, tatsächlich erlebt oder auch erfunden, mit maximal 8500

Zeichen. Als Hauptgewinn winkte eine "Bahncard 100", und ein Jahr

lang umsonst mit der Bahn zu fahren, das wäre schon was für mich.

Meine Geschichte hat damals nicht gewonnen.

Normalerweise verbringe ich meine Nächte nicht auf Bahnhöfen. Aber mein Anschlusszug hatte dann doch nicht mehr warten können, und so saß ich auf diesem Bahnsteig im osthessischen Fulda und war dankbar, dass der Herbst sich für die letzte Nacht im Oktober noch ein bisschen Wärme aufgespart hatte. Eigentlich musste ich ja nur irgendwie bis nach Bebra kommen, denn dort stand mein Auto auf dem Park&Ride-Platz. Morgen war allerdings ein Feiertag, und deshalb ging der erste Zug in meine Richtung erst kurz nach sechs Uhr früh. In meiner Jugend hätte ich unter diesen Umständen mein Glück wahrscheinlich als Anhalter auf der Bundesstraße versucht, aber seit wenigstens zehn Jahren habe ich niemanden mehr gesehen, der am Straßenrand den Daumen hoch hält.

Vor mir lag eine lange Nacht, und der Schnellimbiss gegenüber der Bahnhofshalle blieb nur bis Mitternacht offen – also ging ich los und nutzte diese letzte Gelegenheit, mir meine Warmhaltetasse mit Kaffee füllen zu lassen. Dazu noch einen Pappbecher für gleich, und dann kehrte ich auf meinen leeren Bahnsteig zurück und wickelte mich tief in meine Jacke ein.

Zuerst merkte ich gar nicht, dass ich Gesellschaft bekommen hatte. Ein Mann mit Hut in langem Mantel stand etwa hundert Meter von mir entfernt in der südlichen Hälfte des Bahnsteigs. Ein zweiter Mann, ohne Hut und mit einer Lederjacke, kam aus der Unterführung hoch auf den Bahnsteig und stellte sich ungefähr zwischen mich und den Mann im Mantel.

Der Mann sah nicht so aus, als ob er die nächsten sechs Stunden so verbringen wollte. Hatte ich einen Sonderzug übersehen? Hielt hier vielleicht irgendein Konkurrenzunternehmen der Bahn mit einem Nachfolgeangebot für die eingestellten Nachtzüge, von dem ich nichts gehört hatte und das auf den Fahrplänen der Bahn auch nicht auftauchte? Egal. Soweit ich wusste, ging es von diesem Bahnsteig aus nur auf der alten Nord-Süd-Trasse nach Bebra. Möglicherweise auch an Bebra vorbei und ohne Halt weiter bis Eisenach, aber das erschien mir immer noch besser als hier zu bleiben.

Dann sah ich, dass der Zuganzeiger eine Störung hatte. Anstelle einer Zugnummer, der Fahrziele und der Abfahrtszeit zeigte er nur noch weißes Rauschen auf blauem Untergrund. Das war ärgerlich, aber keine Katastrophe. Ich musste mich ja sowieso auf die Suche nach dem Zugbegleiter machen und in Erfahrung bringen, ob meine Bahnfahrkarte anerkannt wurde.

In der Ferne tauchten die Lichter eines Triebwagens auf – oder jedenfalls hielt ich sie zunächst dafür. Erst beim Näherkommen konnte ich erkennen, dass der Zug von einer E-Lok gezogen wurde, und zwar von einem alten Modell, das den Mittelscheinwerfer noch oberhalb des Führerstands trug statt mitten auf der Nase. So eine Lokomotive hatte ich eigentlich seit der Wiedervereinigung nicht mehr vor einem Personenzug gesehen. Aber die Anhänger, die diese Lokomotive zog – die weckten wirklich alte Erinnerungen. „Silberlinge“ aus Edelstahl mit aufgebürstetem Pfauenaugenmuster? Rote Kunstledersitzgruppen mit Gepäckablagen über den Rückenlehnen? In Waggons mit derartiger Ausstattung hatte ich zuletzt während meiner Dienstzeit bei der Bundeswehr gesessen.

Immerhin wusste ich noch, wie man diese Doppeltüren auf bekommt. Der Türgriff fühlte sich kalt an in meinen Fingern, aber mein Handgelenk beherrschte noch die richtige Kombination aus Drehen und Ziehen, und der Weg ins Innere war frei.

Ich stieg also über die beiden Trittstufen und wollte die Tür gerade wieder zufallen lassen, als ich hastige Schritte hörte. Eine große, schlanke Frau mit wehenden langen Haaren war auf den Bahnsteig gekommen und eilte auf meine offen stehende Tür zu. Also reichte ich ihr die Hand und half ihr in den Waggon, während vorne in der Nähe der Lokomotive eine Trillerpfeife erklang.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie und rang nach Luft, während der Zug anruckte. »Ich hätte eher kommen sollen, aber ... es ist so schwer, sich zu verabschieden.«

Trauer klang in ihrer Stimme. Trauer und Verlust.

»Ist ja nichts passiert,« antwortete ich. »Jetzt setzen Sie sich erst mal. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, setze ich mich für eine Weile zu Ihnen?«

Wir waren nicht allein im Waggon, aber es gab doch noch viele freie Plätze. Sie zögerte einen Moment, dann nickte sie, und wir setzten uns einander gegenüber. Ich stellte mich vor, und sie nannte mir ihren Namen.

»Ich bin Maria.«

Ihre Stimme brachte etwas in mir ins Schwingen. Sie rührte an bittersüße Erinnerungen aus der Zeit vor meinem Abitur. Ich fing an, von dem Konzert in Frankfurt zu erzählen und wie ich es vor der letzten Zugabe verlassen hatte, um noch rechtzeitig den letzten Zug nach Hause zu erreichen – den Zug, der dann unterwegs genug Verspätung ansammelte, um mich in Fulda über Nacht stranden zu lassen. »Ich lief, so schnell ich nur konnte, um noch rechtzeitig den Bahnsteig zu erreichen, und dann ... „Störungen im Betriebsablauf“, wie man so sagt.«

Maria nickte mitfühlend und sagte: »Ich weiß noch, wie ich neben meinem völlig zertrümmerten Auto stand und mich wunderte, wie ich es nur geschafft hatte, da heil herauszukommen. Und dann holten die Feuerwehrleute meinen leblosen Körper aus dem Wrack. Wie war das für dich?«

Ich öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Dann nahm ich ihre Hand, die nicht einfach kühl war, sondern kalt. Ihre Augenlider flatterten überrascht.

»Du bist nicht tot.«

»Nein. Nein, das bin ich nicht. Aber du bist … ein Geist?«