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Mit den Autoren der Gruppe SatzZeichen begibt sich der Leser auf eine Reise zu den zwielichtigen Momenten im Leben. Er trifft auf zerrissene, verlorene und angsterfüllte Charaktere. Es öffnen sich, mit dieser Kurzgeschichten- und Lyrikanthologie, die Türen zu einer Fantasiewelt. In ihren Texten spielen die Autoren mit den Geheimnissen und Abgründen der Menschen.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2025
SatzZeichen
Zwielichtspiele
Textanthologie
© 2025 Frank Hönl, Veronika Käter, Karl Kreifelts, Tilmann Schipper, Karlheinz Wende, B. Granzow
Lektorat von: Veronika Käter
Satz & Layout von: Frank Hönl
Herausgegeben von: SatzZeichen
Druck und Distribution im Auftrag der Autoren:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg,Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte sind die Autoren verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autoren, postalisch zu erreichen unter:
Frank Hönl, Heiderweg 1, 40489 Düsseldorf, Germany und per E-Mail unter [email protected].
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Der Untermieter
Philippe Lémure ― Kampf am Château Ame
Cuius regio, eius religio
Die Esche
Auf dem Teppich
Alte Bekannte
Philippe Lémure ― Die schwarze Lilie
Leben
Der Ball
Das Bildchen
Philippe Lémure ― Madame Cascade: Nur eine Verschwörungstheorie
Der Wilderer
Narf – Ein Jäger in der Eiszeit
Wir dienen alle nur der Wissenschaft
Velvet-Rote-Wellen
Philippe Lémure ― Die Geisterarchäologin
Teutoburger Wald
Der dunkle Fjord
Hauskonzert
Die Autoren
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Titelblatt
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Der Untermieter
Die Autoren
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Der Untermieter
von Tilmann Schipper
»Guten Morgen Herr Kollege! Und, war viel los heute Nacht?«
»Guten Morgen! Nein, es war überraschend ruhig. Nur zwei, die meinten, sie könnten eine Mauer herunterspringen …«, er sah in eine Krankenakte, »… mindestens zwei Promille im Blut. Beide mit Brüchen. Nur eine Einlieferung war seltsam. Der Patient wurde gestern am frühen Abend in kritischem Zustand eingeliefert. Es besteht die Möglichkeit eines Suizidversuches.«
»Ist doch dann ein Fall für die Psychiatrie.«
»Zunächst nicht, er hat sich mit einem Messer in seinem Unterbauch zu schaffen gemacht. Hässliche Verletzung. Angeblich hat die Polizei Teile vom herausgeschnittenen Fleisch gefunden.«
»Klingt nach Selbstverstümmelung oder Kannibalismus.« Er stockte. »Und, wie geht es ihm?«
»Wird wohl durchkommen, aber es ist ein verdammt großes Loch. Und seltsam ist, es enden in der Wunde Blut- und Nervenbahnen, die da nicht hingehören.« Er sah seinen Kollegen nachdenklich an. »Der psychiatrische Dienst kommt später, aber halten Sie dennoch ein Auge auf den Patienten. Nehmen Sie schon mal die Akte, er heißt Timo Hemsk, auf der Chirurgischen, Zimmer 42.«
Timo schlief, wie in den vielen Nächten zuvor, unruhig. Seit Tagen besuchte seine Frau mit den Kindern die Großeltern. Sie sagte ihm nicht, ob seine Unruhe der Grund Ihrer Reise war. Aus einem Telefonat mit dem Schwiegervater wusste er, bei den Großeltern war alles in Ordnung. Das Abendessen bekam er nicht richtig heiß, der Wind klapperte unablässig in den Rollos, und zu allem Übel brauchte er mehrfach in der Nacht die Toilette. Kurzum, er wachte müde und sauer auf. Noch beunruhigender als die nächtlichen Störungen waren die Träume, welche er durchlebte. Seit Jahren wurden es mehr und mehr und die Nächte ohne sie seltener. Sie zwangen ihm ständig Diskussionen mit sich selbst auf.
Die Handdusche hielt er mittig über seinen Kopf und verteilte so das heiße Wasser. Er senkte den Kopf auf die Brust, und das Wasser suchte sich neue Wege über seinen Rücken. »Du wirst immer fetter«, stellte er misslaunig bei einem Blick auf den vorgewölbten Bauch fest. »Du musst abnehmen!«
»Blödsinn!«, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf.
»Wieso das denn? Für Mitte vierzig bin ich doch viel zu dick.« Er brüllte seinen Einspruch in die Duschkabine, riss das Duschgel an sich, schäumte sich ein und fuhr wild gestikulierend mit der Handbrause den Körper entlang. Die Brause landete auf den Armaturen, nicht im Halter, er stieß zu heftig die Glastüre auf, fing sie im letzten Moment ein, griff nach dem Badetuch, trocknete sich hastig ab und feuerte das Tuch vor die Waschmaschine.
»Du bist ganz schön hektisch.«, meldete sich der Kopf. Diesmal ignorierte er den Einspruch und erledigte den Rest seiner Morgentoilette.
Das Frühstück war schnell vollzogen, Müsli aus der Tüte, Milch aus dem Kühlschrank. Der Gedanke daran, dass er für Meier Zwo nach Siegburg musste, ließ seine Laune weiter abrutschen. Meier Zwo war ohne die vollständige Lieferung hingefahren und hatte prompt Urlaub. Timo war zuständig für den Einkauf und kein Kurierfahrer. Aber in diesen harten Zeiten muss jeder bereit sein alles für die Firma zu geben, pflegte der Chef einzuwenden.
»Richtig.« Lang und breit dröhnte es durch Timos Kopf. Timo kannte sich, er würde fahren.
»Morgen Hemsk, gut dass Sie schon da sind. Siegburg hat bereits angerufen, die brauchen dringend den Rest von gestern. Machen Sie sich mal gleich auf den Weg.« Der Chef verschwand in seinem Büro.
»Vielleicht darf ich noch die Schlüssel holen.«, maulte er ihm halblaut nach.
»Du wirst dich nie ändern.« Sein Kopf meldete sich zu Wort.
»Shut up.«
Der Chef würde zufrieden sein. Timo schaffte es zügig nach Siegburg, lieferte und begab sich auf die Rückfahrt. Vor Köln legte er eine Pause ein. Am Rand der Rastanlage fand er einen ruhigen Platz, stellte die Sitzlehne zurück und schlief ein.
»Ist dir eigentlich klar, dass deine Familie dein Einkommen braucht, damit was auf den Tisch kommt? Mal ganz abgesehen von mir.«
Timo riss die Augen auf, sein Blick knallte gegen den Wagenhimmel, er wandte den Kopf erschrocken nach rechts, nach links. Niemand war im Wagen.
»Verdammt, was ist denn los mit mir?« Er wischte sich über die Stirn. Kalter Schweiß sammelte sich auf seinen Fingerkuppen. Er wischte die feuchte Hand an der Hose ab, öffnete einen weiteren Knopf seines Hemdes, ließ das Fenster einen Spalt herunter. Kühle Luft drang ein. Den Sitz brachte er zurück in die aufrechte Position. Sein Blick auf die Uhr zeigte ihm: gut eine Stunde hatte er geschlafen. »Frisch ist etwas anderes«, dachte er.
Jetzt staute es sich auf dem Kölner Ring. Bei nächster Gelegenheit verließ er die Autobahn und suchte sich einen Weg abseits.
»Du kennst dich hier doch gar nicht aus.«, maulte der Kopf. Timo versuchte, das Navi einzustellen, es funktionierte nicht.
»Typisch Meier Zwo, immer alles verstellt.«
»Wohl eher Timo Hemsk.«, bemerkte der Kopf spöttisch.
Sein Stopp war nicht geplant, aber er musste den Weg zur Firma finden. Dieses Mal lag der Parkplatz in einem Waldgebiet, irgendwo hinter Leverkusen. Ihm fehlte die Vorstellung, wo er feststeckte, und erschrocken stellte er fest, dass sein Smartphone keinen Weg ins Netz fand.
»Und jetzt?« Der Kopf mischte sich ein.
»Was und jetzt?«
»Na, was willst du jetzt machen?«
»Verdammt, wer redet hier eigentlich die ganze Zeit?« War er doch nicht allein im Auto?
»Wer ist hier?« Timos Stimme klang nervös.
»Ich.« Mehr hörte er nicht. Timo sah, dass keiner im Wagen saß, aber ständig sprach jemand laut mit ihm.
»Wo bist du?« Vorsichtig öffnete er die Wagentüre, stieg aus, warf die Türe schnell zu, drückte die Fernverriegelung und wich eilig einige Schritte zurück. Wer auch immer drin war, war jetzt eingeschlossen.
»Kann ich Ihnen helfen?« Timo dreht sich auf der Stelle um und erblickte das freundlich lächelnde Gesicht eines beachtlichen Vollbartträgers mit der Baseball-Cap des Landesbetrieb Wald und Holz. Ein Förster stand vor ihm.
»Nein, nein, ich weiß nicht.«, antwortete er fahrig haspelnd.
»Brauchen Sie Hilfe?« Die Frage kam mit nachdrücklichem Interesse.
»Nein, vielen Dank. Ich mach nur Pause.« Der Förster wirkte wenig überzeugt. »Es ist wirklich nichts. Ich brauchte nur frische Luft. Hab heute Nacht schlecht geschlafen.«
»Ach so, dachte nur.« Seine wahren Gedanken sprach der Förster nicht aus. »Ich wünsche Ihnen dann noch einen schönen Tag.« Der Förster wandte sich zur Parkplatzzufahrt. Bevor er die Straße überquerte, drehte er sich noch einmal kurz zu Timo um und nickte ihm lächelnd zu. Ein LKW donnerte vorbei.
»Ganz schön feige, du hättest doch sagen können, dass wir miteinander sprechen.« Die Stimme kam aus größerer Ferne zu ihm, oder doch aus seiner Gedankenwelt?
»Was geht hier vor?« In Timos Kopf breitete sich Panik aus.
»Nun reg dich mal ab. Du kannst mich nicht sehen. Ich sehe dich doch auch nicht, ist schließlich kein Spiegel hier. Würdest du vor einem Spiegel stehen, könnte ich dich nämlich sehen. So kinderleicht geht das.«
Timo drehte sich erneut um seine Achse. Jetzt aber langsam, vorsichtig sein Umfeld abtastend.
»Wo bist du?« Jedes Wort sprach er zitternd und gleichzeitig scharf betont aus.
»Junge, kapier´s doch, ich sitze in dir drin und du hörst nur, was ich deinem Hörzentrum im Schläfenlappen und unterhalb der Hirnfurche sende. Capitsche? Und bin ich nicht irre geil, du glaubst echt, ich stehe neben dir.« Ein Lachen war zu hören, ein helles Lachen, Timo fragte sich einen Augenblick, ob sein jüngster Sohn lachte. Ihm wurde schwindlig, er taumelte zum Wagen und stützte sich daran ab.
»Wo steckst du?« Angst nahm von ihm Besitz.
»Na unten, da wo dein famoser, langsam fetter werdender Bauch sitzt. Genauer, knapp darunter. Gut geschützt, abnehmen wäre schlecht, das gefährdet mich.« Die Stimme gluckste. »Bleib ruhig so, wie du bist.«
Er öffnete den Wagen, setzte sich hinter das Steuer, ließ die Türe weit offenstehen. Ihm war sauübel. Was, wer, was war das? Fragen schossen ihm panisch kreuz und quer durch den Kopf. Eine blieb hängen: »Wer bist du?« Flüsternd stellte er sie.
Das Glucksen hörte auf. »Ja, wer bin ich? Präzise genommen bin ich du oder auch nicht du. Wenn man´s genau betrachtet, bin ich ein Überbleibsel vom Bumsen unserer Eltern.«
»Was?« Timo riss seine Augen weit auf und donnerte seine Hand gegen den Bauch.
»Hey, hey, bleib easy.« Die Stimme reagiert erschrocken hastig. »Da bin ich doch nicht schuld dran.« Sie versuchte, sich zurückzuhalten, blieb aber nervös: »Soll ich es dir erklären?«
»Was?«
»Was passiert ist, was denkst du denn?«
»Bist du wirklich, wirklich real?«
»Klar!«, sie fand zu ihrer sanften Stimmlage zurück. »Ich bin so walnussgroß und sitze seit deiner Geburt in der Falte im Unterbauch. Bin ganz klar mit dir mitgewachsen.«
»Wo in mir?« Timo war fest entschlossen alles zu erfahren.
»So eindeutig weiß ich das nicht. Du hast dich nie für Anatomie interessiert. Und sehen kann ich nur über deine Augen.« Es klang wie ein Vorwurf. »Aber du kannst es fühlen, wenn ich mich bewege.« Im gleichen Moment empfand Timo einen stechenden Schmerz im rechten Unterbauch.
Timo fröstelte. »Du benutzt mich?« Er presste seine Faust auf die Stelle. Es war die Stelle, an der er seit Jahren von Zeit zu Zeit einen dumpfen Schmerz feststellte, einen Schmerz, von dem sein Arzt behauptete, es gebe ihn nicht.
»Klar, auf irgendeine Art muss es funktionieren.«, japste die Stimme. »Nicht so fest!«
»Was willst du?« Er entfernte seine Faust und der Schmerz verschwand.
»Ist dir eigentlich klar, was für eine Lusche du bist? Jahrelang habe ich versucht, dir auf die Sprünge zu helfen, aber du hast mich einfach nicht gehört. Ich will, dass du was aus dir machst, nicht nur simpler Sachbearbeiter oder frustrierter Kurierfahrer für deinen blöden Chef.« Die Stimme war wütend. »Du hast genug interessantes Zeug gelesen, es wird Zeit, jetzt davon auch was umsetzen.«
Es knackte in Timos Gehirn. Nicht laut, er erahnte den Knack nur. Es war, als brächen vereinzelt Steine aus einer Bergwand. Die Stimme mischte sich in sein Leben ein, dass ging zu weit. »Du bist total bescheuert.«, zischte er scharf durch seine Zähne.
»Du musst mehr aus dir machen, sage ich dir.«
»Aha, und sicher hast du auch bereits eine Idee!« Jetzt war er gespannt.
»Du solltest deine Firma übernehmen.«
»Und wie soll das funktionieren?« Welche Antwort würde kommen?
»Bring deinen Chef um. Es ist nicht schwierig, ich kann dir da Tipps geben.«
Er erschrak und Wut stieg in ihm auf. »Tickst du noch richtig? Hast du zuviele schlechte Krimis gelesen?«
»Also, richtig gesehen, hast du sie gelesen.« Die Stimme wurde schmeichelnd. »Aber warum diese Aufregung? Du wolltest es doch schon öfter machen. Hast es doch oft genug gesagt, wenn keiner dabei war.« Grinste die Stimme bei den Worten?
»Das denkt man, das tut man nicht.« Timo wurde laut, er schrie.
»Also willst du es nicht tun?«
»Niemals!«
»Aber dann wirst du immer der kleine Arschkriecher bleiben, der du bist. Und das langweilt mich.« Die Stimme klang enttäuscht. »Aber gut, alternativ kannst du ihm auch sein Geld klauen, oder eine Bank überfallen, wenn es dir lieber ist. Ich kann dir helfen, glaube mir. Kannst dir auch eine neue Frau suchen, wäre auch interessant.« Das Drängen der Stimme donnerte in Timos Kopf.
Er sah auf die Fahrzeuguhr, sie zeigte kurz vor fünfzehn Uhr. Sein Entschluss stand fest. Er würde nicht mehr auf die Stimme hören. Nichts war in diesem Augenblick real. »Ich muss in die Firma zurück.« Er sagte es laut zu sich, zog die Türe zu, drehte den Zündschlüssel, legte den Gang ein, rollte an.
»Machst du, was ich dir vorschlage?«, meldete sich die Kopfstimme.
Timo trat hart in die Bremse, stellte in einem Reflex den Motor ab.
»Es ist doch kein Tagtraum!« Seine Stimme lag zwischen Resignation, Angst und aufkeimender Wut.
»Natürlich bin ich kein Tagtraum, wo denkst du hin!« Da war sie erneut, jetzt entrüstet, brutal und bestimmend.
»Ich denke nicht daran, das zu tun, was du verlangst.« Timo versuchte, ebenso entschlossen zu klingen.
»Du kapierst es nicht. Mich wirst du nicht los. Und da ich nicht mit diesen MRTs und Cts zu finden bin, werde ich dir mit Schmerzen die Hölle heiß machen, bis du das tust, was ich will.«
Die Stimme brüllte brutal in seinem Kopf.
Timo öffnete die Wagentüre.
»Was hast du vor?« Er gab ihr keine Antwort.
Auf der Ladefläche durchsuchte er die Kisten und Beutel, die Meier Zwo, der Barbecue-Spezialist in der Firma, ständig im Kombi mitführte. In einer der Kisten fand er, wonach er suchte. Die Messer fürs Barbecue. Bedächtig wählte er eines aus, prüfte die Scheide mit dem Daumen, nahm ein Prospektblatt auf, schnitt in einem Zug durchs Papier.
»Was hast du jetzt wieder vor?« Die Stimme wirkte nicht mehr selbstsicher. »Willst du hier auf dem Parkplatz grillen?«
»Schön scharf. Genau richtig.« Timo beachtete die Stimme nicht, er klang entschlossen. Ohne Antwort schloss Timo die Klappe und stieg auf der Beifahrerseite des Wagens ein.
Der Gürtel spannte fest und Timo zog seinen Bauch ein. Dabei empfand er den Gegendruck der Stimme. Er löste den Gürtel, öffnete die Hose, zog sein Hemd heraus, öffnete die Knopfleiste, zog sein Hemd heraus und schob das Unterhemd hoch. Dann stellte er den Sitz einige Stufen zurück, schraubte die Rückenlehne runter. Sorgfältig achtete er darauf, keine seiner Aktionen mit den Augen zu begleiten. Seinen Blick richtete er starr durch die Windschutzscheibe oder zum Wagenhimmel. Das Messer lag auf der Mittelkonsole, zum Greifen bereit.
»Was hast du vor?« In der Frage lag jetzt pure, zitternde Angst. Ihr war die Kontrolle entglitten. Timo gab keine Antwort.
Schmerzhaft empfand sie den zunehmenden Druck auf die Bauchdecke. Timos Faust bildete einen Ring, direkt um ihren Lebensraum. Ihr Schmerzensschrei verstumme abrupt. Mit seinem nächsten Stich löste er ihre Lebenswege zu sich. Sein Unterkörper verfärbte sich tiefrot.
»Ach, Herr Kollege, eine Frage: Wie geht es unserem Suizidenten?«
»Ist bislang schwierig zu beurteilen, es besteht nach wie vor die Gefahr einer Sepsis. Er ist ansprechbar und fest davon überzeugt, dass sich ein ungebetener Gast in seinem Körper aufhielt, den er eigenhändig brutal entfernt hat. Ich habe mir die Akte seines Hausarztes kommen lassen. Ein Dr. Vantrú. Er hat bereits früher Röntgenbilder gemacht und einen möglichen Schatten diagnostiziert, dies sogar in der Akte vermerkt, dem Patienten gegenüber aber behauptet, dass da nichts wäre. Dumme Geschichte für ihn, wenn der Patient davon erfährt.«
»Werden Sie es ihm sagen?«
Sein Kollege zuckte die Achseln. »Was soll‘s bringen, der Patient wird hoffentlich auch ohne diese Info gesunden. Außerdem haben wir auf unseren Aufnahmen nichts eindeutig erkannt. Um den Rest müssen sich dann der Psychologe und sein Hausarzt kümmern.«
Philippe Lémure ― Kampf am Château Ame
von Frank Hönl
Für die meisten Probleme im Leben gibt es Lösungen. Bei übermäßigem Körpergewicht Diäten, Pillen oder Sport. Bei Stress helfen Urlaub, Schlaf oder Wodka. Wenn du im Bann einer fremden Macht stehst, bist du normalerweise verloren. Doch gibt es auch hier eine Antwort. Für Bedrohungen jenseits des Greifbaren, für Paranormales und Aktivitäten aus der Schattenwelt heißt sie: Philippe Lémure der Phantomspäher.
