18,99 €
Viktor kommt aus dem Großen Krieg und trifft in einer traurigen Stadt auf seinen Bruder Hans, einen angehenden Designer und Schüler von Josef Hoffmann. Immer wieder muss der brave Lehrer Viktor dem Bonvivant Hans, der trotz großer Ambitionen immer wieder in Schwierigkeiten gerät, aus der Patsche helfen. Die Geschichte zweier Brüder erzählt vom gesellschaftlichen Aufbruch und den politischen Abgründen der zwanziger und dreißiger Jahre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2022
Copyright © 2022 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung:
© ÖNB Wien: 608.866-C.1927/4, Backcover »Gewista-Wipag«
ISBN 978-3-7117-2125-9
eISBN 978-3-7117-5473-8
Informationen über das aktuelle Programm
des Picus Verlags und Veranstaltungen unter
www.picus.at
Wolfgang Böhm
Roman
Picus Verlag Wien
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Nachwort
Ein Dank an
Über den Autor
Du bist auf den Stufen gesessen, hattest erwartet, ihn wiederzusehen. Doch er war verschwunden, hatte wieder nicht den Mut, sich dir zu stellen. Wir beide kamen damals überein, ihn ab nun zu hassen. In Wirklichkeit haben wir unsere Liebe für ihn nur in eine andere Form gegossen.
Der Mantel war wunderschön. Mein Bruder Hans hatte ihn mir geschenkt, gleich am ersten Abend in Wien im Winter 1919/1920.
Es war kein neuer Mantel, aber er war kaum gebraucht. Die Oberfläche aus weicher Wolle war gebürstet, alle Fasern zeigten in eine Richtung. Der Schnitt war modern mit einem großen Kragen, großen Taschen und polierten Hornknöpfen. Immer wieder strich ich mit der Handfläche darüber. Schon lange hatte ich keinen so feinen Stoff unter meinen Fingern gespürt. Es gab weder abgewetzte Stellen noch Löcher von Motten oder sonstigem Getier wie bei dem groben Janker, den ich nach meiner Ankunft in Klagenfurt vom Roten Kreuz erhalten hatte. Nur innen im Futter war ein kleiner Riss, den ich, sobald ich Nadel und Faden auftreiben würde, stopfen wollte.
Hans hatte mir das edle Kleidungsstück einfach überlassen. Er meinte, ich müsse in dieser Stadt gut aussehen – gerade jetzt. Und dieser Winter sei kalt. Woher er den Mantel hatte, weiß ich nicht. Auf meine Frage wich er aus: »Er ist da, Viktor, also nimm ihn.«
Mein kleiner Bruder: Ich war so froh, ihn wiederzusehen. Er wirkte älter, aber noch immer so unbeschwert, heiter und redegewandt wie damals in Olmütz. Als ich ihn das letzte Mal in unserer Heimatstadt getroffen hatte, hatte er sich in einer Gürtlerlehre abgemüht. Der alte Ladtstätter, sein Chef, hatte ihn harsch hergenommen. Aber Hans lachte dennoch, scherzte und unterhielt unsere ganze Familie. Kurz später schrieb er sich in Brünn in die Staatsgewerbeschule ein. In einem seiner wenigen Briefe an die Front erzählte er mir, dass er dort mehr als nur Herstellungsmethoden lerne. Auch das Entwerfen von Schmuck und schönen Gebrauchsgegenständen wie Lampen, Tassen und Besteck werde unterrichtet. »Das liegt mir viel mehr«, schrieb er. Während Hans die Schule rascher als in der vorgesehenen Zeit abschloss, war ich in italienischer Kriegsgefangenschaft.
Gleich am zweiten Tag in Wien verabredete ich mich mit Hans in seinem neuen Stammcafé in der Innenstadt. Ich hatte mich darauf gefreut, aber auf dem Hinweg geriet ich in einen Streit mit einem Kutscher.
Ich hörte ihn schon von Weitem. Das Rattern der eisenbeschlagenen Räder kam näher. Hufe schlugen auf das steinerne Pflaster. Ich drehte mich um, sah, wie sein Fuhrwerk von der Wollzeile in die Rotenturmstraße einbog. Er reduzierte dabei die Geschwindigkeit. Die Holzkisten auf der Ladefläche wackelten dennoch bedrohlich. Nach der Kurve kamen sie wieder zur Ruhe. »Hühhh«, rief er und die beiden Pferde zerrten wieder an der Deichsel. Als neben mir die Räder durch eine tiefe Lacke zogen, traf ein Schwall schmutzigen Wassers meinen neuen Mantel.
Mit einem kurzen Blick zur Seite grinste mich der Kutscher an. Seine Freude war mein Schaden. »So eine Schweinerei!«, brach es aus mir heraus. Da zog er die Zügel an. Die Pferde hielten. Mit aufgerissenen Augen brüllte er von seinem Bock herab, gab mir die Schuld, nicht aufgepasst zu haben. Ich beschimpfte ihn als »verdammten Idioten«. Da hob er seine Peitsche, schwang sie hoch und traf meine Hände, die ich mir schützend vor das Gesicht gehalten hatte. Ein stechender Schmerz zog sich bis zu den Schultern. Ich brachte mich in einem nahen Hauseingang in Sicherheit, während er seine Pferde wieder antrieb.
»Stark bleiben, nicht aufgeben – stark bleiben, nicht aufgeben – stark bleiben.« Wie automatisiert steuerten die Gedanken zurück in den Krieg.
Heute weiß ich, es war nicht so sehr der Schmerz an meinen Händen, der mich diesen Moment nicht vergessen lässt. Es war der viel größere Schmerz, ein Verlierer zu sein. Der Kutscher hatte mich daran erinnert. Ich war einer von ihnen. Einer dieser heimkehrenden Soldaten, die in der farblos gewordenen Stadt umherirrten, ohne Respekt behandelt wurden. Ausgezehrte, armselige Zeugen, Täter und Opfer dieses Desasters – von einer Maschinerie ausgeworfen wie die Überreste eines monströsen Werks. Ich war oben stationiert gewesen, oben auf dem Lagazuoi, dem umkämpften Berg in den Alpen. Dann kam die Lawine, die vielen Toten, der Rückschlag und die Gefangennahme durch die Italiener.
Am Ende der Rotenturmstraße öffnete sich der Blick zum Donaukanal. Hier wirkte die Stadt nicht mehr so düster. Ich sah mich um und musste nicht lange suchen, da entdeckte ich es schon. Dort, wo sich der Franz-Josefs-Kai zum Schwedenplatz öffnet, lag das Café Siller.
Als Hans mich begrüßte, verzog er gleich das Gesicht. »Der Mantel ist nicht lange schön geblieben«, sagte er mit vorwurfsvollem Lächeln. »Komm, setz dich.« Er zog mich zu einem runden Tisch nahe einem gusseisernen Ofen. Die Striemen auf meinen Handrücken bemerkte er nicht oder wollte er nicht sehen. Die Kellnerin war aufmerksamer. Als sie an den Tisch kam, wies sie auf meine Hände und fragte, ob ich Schmerzen hätte. Dabei bewegte sie ihre Finger durch die Luft über die Wunden, als wollte sie mich streicheln. Und dann fragte sie »Auch eine Melange?« Sie hatte einen ungarischen Akzent. Ich nickte und sah diesem einfühlsamen Geschöpf erstaunt nach. So erstaunt, dass Hans die Augen zusammenkniff und vielsagend grinste.
Das Café versprühte Lebensfreude. Mitten in dieser hungernden Stadt war es voll Menschen, die sich angeregt unterhielten. Die Luft war trocken und warm. Im hinteren Eck des von einer hohen Decke überspannten Raumes spielten vier ältere Herren Karten. Immer wieder lachten sie auf, neckten sich gegenseitig. Bei einem der breiten Fenster im vorderen Teil saßen zwei junge, vornehm gekleidete Frauen und plauderten lautstark über irgendeinen Schauspieler.
Hans war bestens gelaunt. Er war mager wie so viele, aber seine dunklen Augen glänzten voll Kraft. Mit seinen schwarzen, säuberlich nach hinten gekämmten Haaren sah er ein wenig wie ein junger Advokat aus. Er rief »Annemarie!«, und als die große, hübsche Kellnerin mit den etwas zu roten Lippen an unseren Tisch kam, zeigte er mit dem Finger auf meinen Mantel. »Hast du vielleicht eine Bürste oder so etwas, damit wir meinen Bruder wieder sauber bekommen?« Annemarie zwinkerte ihm zu. »Ach, das ist dein Bruder! Von ihm hast du mir ja noch nie erzählt.« Ohne weitere Worte zu verlieren, nahm sie den Mantel über den Arm und ging damit Richtung Küche.
Es wunderte mich, wie Hans nach so kurzer Zeit – er war erst ein paar Wochen in der Stadt – bereits ein Stammcafé hatte, mit dessen Kellnerin er wohl nicht zum ersten Mal schäkerte. Er strotzte vor Selbstsicherheit. Dabei lebte er in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Vorstadt, kam kaum über die Runden. Er erzählte von seinen Plänen, von seinem neuen Freund Otto Semmnich, einem Trafikanten in der Ottakringer Straße, der groß ins Tabakgeschäft einsteigen wolle. »Das Geld liegt jetzt auf der Straße.« Wer etwas wage, könne ein gutes Geschäft machen.
Hans hörte sich kurz die Schilderung meiner vergeblichen Versuche an, Kontakt zur Wiener Schulbehörde aufzunehmen. Ich wollte wieder als Lehrer für Turnen und Geografie arbeiten. »Wir werden das hinbekommen«, munterte er mich auf und kniff die Augen zusammen. Dann wechselte er rasch das Thema. »Schau«, sagte er, »ich muss dir etwas zeigen.« Gerade als er ein Kästchen aus einem hellen Leinensack zog, kam Annemarie mit dem Mantel zurück. Zärtlich strich sie über das fein gebürstete Material. »Jetzt ist er wieder schön – für den Bruder.« Den Riss im Futter habe sie gleich auch gestopft. Ich bedankte mich überschwänglich, doch sie zuckte nur mit den Schultern.
Hans stellte einstweilen eine edle hölzerne Kassette auf den Tisch. »Ist sie nicht schön?«, strahlte er und blickte auf uns. Ich hätte nicht sagen können, ob er Annemarie meinte, die noch immer neben mir stand, oder die Kassette. »Er meint nicht mich«, lachte sie, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte. »Er meint diese teure, unnötige Schachtel da.«
»Josef Hoffmann hat sie entworfen. Du weißt doch, der Josef Hoffmann, der Architekt!«, wandte sich Hans zu mir. »Das ist eine seiner schönsten Arbeiten.« Es war eine Zigarrenkassette mit einer exakten, kleinteiligen Furnier-Einlegearbeit. An den Seitenflächen erkannte man kaum die kleine Fuge des Deckels, so präzise schlossen die beiden Teile aneinander. Die dunklen Linien aus Ebenholz zeichneten ein zartes Muster in das helle Furnier. »Der Dummkopf hat heute Vormittag sein ganzes Geld dafür ausgegeben, jetzt muss er bei mir anschreiben lassen«, spottete Annemarie.
Ich erschrak. Hans hatte weder eine Arbeit noch eine fixe Einnahmequelle. Ein bisschen Geld hatte ihm unsere Mutter aus Olmütz mitgegeben, damit er sich in Wien an der berühmten Kunstgewerbeschule bewerben konnte. Es hätte eigentlich für die ersten Monate bis zur Aufnahmeprüfung reichen sollen. »Na ja, es stimmt«, lachte er. »Die Zigarren dazu kann ich mir noch nicht leisten.« Als ich ihn entsetzt ansah, schüttelte er all meine unausgesprochenen Einwände ab. »Viktor, du weißt ja nicht, was diese Kassette wert ist. Ich hab sie sehr günstig bekommen. Sie ist ein Unikat.« Dann rief er etwas zu laut Richtung Annemarie, sodass es alle ringsum hören konnten: »Und sie ist fast so schön wie diese Frau – freilich nur fast.« Die Kellnerin strahlte kurz in unsere Richtung, drehte sich um und verschwand durch eine Tür.
Wir tranken noch einen Wermut. Hans ließ es sich nicht nehmen, mich auch darauf noch einzuladen. Annemarie schrieb die unbezahlte Rechnung in ein dickes Buch an der Theke ein.
Und dann, ich erinnere mich noch genau, hatten wir auf dem Heimweg einen Disput. Ich erzählte ihm von den Tschechen und Slowaken in meiner Kompanie. Die hatten desertieren wollen. Eines Abends weihten sie mich, da ich auch aus Mähren komme, in ihre Pläne ein. Sie hatten eine Broschüre von Kameraden aus der Heimat dabei, in der für einen eigenen Nationalstaat geworben wurde. »Pfeif auf den Kaiser«, hatten sie sich aufgeplustert. »Wir machen jetzt unser eigenes Reich.« Natürlich verriet ich sie nicht bei den Offizieren. Aber mir wurde in diesen Tagen klar, dass die Truppe – ja unser ganzes Kaiserreich – auseinanderbrach. Immer weniger waren bereit, den Vielvölkerstaat zu stützen. Jeder wollte nur weg, seinen eigenen kleinen Staat gründen: die Ungarn, die Tschechen, die Kroaten. Und jeder machte die anderen für den Zusammenbruch verantwortlich.
In meiner Einheit hatten wir einen jungen Geschichtsprofessor, einen Juden aus Mährisch-Ostrau, mit dem ich in den wenigen ruhigen Stunden gerne plauderte. In den letzten Tagen des Krieges waren alle auf ihn losgegangen. Sie hatten ihn beschimpft, verspottet und gedemütigt. Sosehr sie untereinander stritten, von ihren eigenen Staaten träumten, in den Tiraden gegen den Juden waren sie noch einmal vereint.
»Hans, die Menschen laufen freiwillig in den Abgrund von gegenseitigem Hass und Böswilligkeit«, sagte ich. »Jetzt brauche ich, wenn ich nächste Woche nach Olmütz fahre, plötzlich einen Pass, werde an der Grenze kontrolliert wie ein Fremder. Und unsere Mutter darf in der neuen Tschechoslowakei nicht wie alle anderen die Regierung wählen, nur weil sie Deutsch spricht.« Aber Hans schüttelte nur den Kopf. »Lass mich mit der Politik in Ruhe. Ich will etwas schaffen, das Bestand hat, mich nicht mit diesem Schmarren beschäftigen.« Die Politik sei vergänglich, die Kunst nicht. »Die schönsten Dinge bleiben für immer bestehen«, sagte er und war plötzlich ernst.
Ich war überzeugt, Hans wollte sich hinwegträumen, nicht wahrhaben, in welch heikler Zeit wir lebten. »Alles wird neu geordnet, alles Bisherige zerbricht«, argumentierte ich. »Wenn wir nicht aufpassen, laufen wir in die nächste Katastrophe.« Und dann warf ich ihm vor, dass er noch nie Verantwortung übernommen habe. Zuerst machte er eine wegwerfende Bewegung. »Ja, ja, Herr Professor.« Dann holte er aus: »Wohin hat dich deine Verantwortung denn gebracht, Viktor? In einen Krieg. Schau dich doch an, was Macht und Politik aus dir gemacht haben: eine armselige, geschlagene Gestalt. Wo ist deine edle, aufrechte Haltung, für die ich dich immer beneidet habe? Sie ist weg. Du schlurfst gebückt dahin, achtest nicht einmal auf deine Kleidung.«
»Nein, hör auf über Verantwortung zu reden«, setzte er nochmals nach. »Mach es dir schön in dieser Welt.« Dann drückte er den Rücken durch, sah beiläufig über mich hinweg, als wären ihm nun wichtigere Gedanken in den Sinn gekommen.
Schweigsam kamen wir bei seiner Wohnung in Ottakring an, wo ich vorübergehend untergekommen war. In der Nacht ging mir unsere Diskussion immer wieder durch den Kopf. Mein Bruder hatte mich aufgenommen, mir diesen wunderbaren Mantel geschenkt. Er bot mir sogar sein Bett zum Schlafen an. Aber er war gleichzeitig schrecklich ignorant und überheblich. Ich versuchte, weil ich das Bett ausgeschlagen hatte, auf einer zusammengelegten Decke auf dem Boden einzuschlafen, lag dann aber viele Stunden wach.
Hans war mir entglitten. Ein Träumer war er immer gewesen, doch nun schien er mir aus dem Rahmen gefallen. In mir mischten sich Ärger und Zuneigung, Verachtung und Bewunderung.
Der Mond hellte das Zimmer etwas auf. Über dem einzigen Sessel im Raum hing säuberlich ein seidener Schal. Ich dachte mir: »Was für ein Luxus mitten in dieser Zeit.« Aber ich musste auch schmunzeln: »Typisch Hans.«
Die nächsten Wochen verbrachte ich allein in der mir fremd gewordenen Stadt. Zuerst saugte ich alle Eindrücke auf, die mich an alte Zeiten erinnerten. Es war bloß Sehnsucht. Ich suchte Emil, meinen Cousin, suchte Theresia, meine Tante, fand sie, aber fand keinen Halt. Stundenlang ging ich durch die Straßen von Wien, um etwas wiederzufinden, das nicht mehr vorhanden war. Ich war nicht verzweifelt, bloß irritiert. Jeder Schritt führte mich in ein neues, unbekanntes Leben. Das alte war ausgehaucht wie das Kaiserreich.
Ein paar Tage kam ich bei Emil unter, dann bei Tante Theresia, dazwischen – nur eine Nacht – im Männerheim. Dort schlief ich neben anderen ehemaligen Soldaten. Ihre Gesellschaft tat mir nicht gut. Die alten Kameraden waren keine Zukunft für mich, sie waren meine Vergangenheit.
Viel besser taten mir die langen Spaziergänge durch die Stadt. Mit ihnen verschwand langsam das undefinierbar mulmige Gefühl, das mich seit Kriegsende begleitete. Diese Spaziergänge schenkten mir die Freiheit zurück. Erstmals keine Befehle mehr, keine Pflichten. Von der Karlskirche bis zum Lusthaus: Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Auf diesen Märschen durch Wien trat ich den Krieg aus mir heraus, zermalmte ihn wie die Eicheln unter meinen Füßen im Prater.
Mit Glück fand ich bald eine Aushilfsstelle als Turnlehrer im Gymnasium in der Albertgasse. Schuldirektor Anton Klieba, der mich freundlich aufgenommen hatte, versprach mir, ich könnte ab Herbst auch einige der Geografiestunden übernehmen. Hans hatte recht behalten, es regelte sich vieles von selbst. Kein Übernachten mehr bei Verwandten: Ich fand über einen Lehrerkollegen sogar eine kleine, günstige Wohnung.
»Endlich angekommen«, schrieb ich in mein Tagebuch, nachdem ich erstmals wieder vor den Schülern gestanden war, ihre erwartungsvollen Blicke auf mir spürte. Aber gleich in meiner zweiten Turnstunde brach ein Bub zusammen. Er hatte sich an die Sprossenwand gestellt, sich kurz daran festgehalten, dann sackte er zu Boden.
Als ich ihn in den Umkleideraum trug, legte er plötzlich seine Hand um meinen Hals. Er war wieder bei Bewusstsein. Noch ganz bleich setzte er sich auf eine Bank, begann zu schluchzen. Seit drei Tagen habe er nichts zu essen gehabt, seine Mutter sei aufs Land gefahren, um Kartoffeln, Gemüse und ein wenig Mehl zu beschaffen. Aber sie sei noch nicht zurückgekommen. Irmgard Schuster, seine Deutschprofessorin, brachte ihm Wasser und ihr eigenes Jausenbrot. Als sie es ihm überreichte, versuchte sie zu lächeln, dabei kam ein kleiner Spalt zwischen ihren Schneidezähnen zum Vorschein, der ihr ein heiteres Aussehen verlieh. Dann wurde sie wieder ernst. Ich sah, dass ihr eine Träne über die Wange rann. Der Bub, vor einer Viertelstunde noch ohnmächtig, biss mit so viel Gier und Freude in das Brot, dass er sich fast verschluckte. Meine Kollegin setzte sich auf die Bank neben ihn, legte ihren Arm um seine schmalen Schultern. Sie hatte große graue Augen, die mir bereits bei unserer ersten Begegnung aufgefallen waren.
Ich wollte das alles meinem Bruder erzählen, ihn treffen. Mehrmals suchte ich Hans in seiner Unterkunft auf, fand ihn aber nicht. Auch die Nachbarin konnte mir keine Auskunft darüber geben, wo er war. Deshalb ging ich eines Nachmittags los. Mein Ziel war das Café Siller am Schwedenplatz. Dort, dachte ich, würde ich ihn vielleicht antreffen oder mir die Kellnerin Annemarie helfen, ihn zu finden.
Die kalte Jahreszeit war noch nicht vorüber. Mich fror in den Schuhen – den einzigen, die ich besaß. Auf der Ringstraße beim Schottentor stieß ich auf eine Gruppe von Menschen, an der ich nicht gleich vorbeikam. Sie blockierten den Gehsteig. Einfache Frauen und Männer mit noch schlechterem Schuhwerk als meinem und abgetragener, zerschlissener Kleidung. Sie waren aufgebracht.
Gerade als ich mich entlang der Hausmauer an ihnen vorbeidrücken wollte, setzten sie sich in Bewegung, bogen ebenfalls in die Schottengasse ein. Ein paar Schritte ging ich mit ihnen mit, wechselte dann die Gassenseite. Sie blieben vor einem Delikatessengeschäft stehen. Einige schauten kurz in die mit Weinflaschen und Konserven dekorierte Auslage, dann drängten sie in den Innenraum. Ich beobachtete, wie zwei der Männer den Kaufmann in seinem grauen Arbeitsmantel an die Wand pressten und wie andere über die Wurstwaren und Pasteten herfielen. Kurz später zerrten sie Kisten voll Brot, Mehl und weiteren Lebensmitteln aus dem Geschäft.
Ich konnte nicht weitergehen, sah der Plünderung tatenlos zu. Was diese Menschen trieb, war mit Sicherheit ihr Hunger. Sie hatten dem Kaufmann nichts zuleide getan, ihn bald losgelassen. Er saß wieder auf einem Stuhl gegenüber dem Eingang, ließ die Schultern hängen und sah dem Treiben abwesend zu, als wäre es gar nicht sein Geschäft, als hätte er mit dem Ganzen nichts zu tun. Erst als die Polizei eintraf, richtete er sich auf, ging zur Tür und schrie »verdammtes Pack« nach draußen, wo nun einige der Plünderer festgehalten wurden.
Eine Frau in einer dünnen dunkelgrünen Jacke war bei ihrer Flucht von einem Wachmann überwältigt worden. Sie lag ein Stück vom Delikatessengeschäft entfernt auf dem Gehsteig mit dem Gesicht zum Boden. Ein junger Mann, direkt vor dem Geschäft, blutete am Kopf. Er hatte einen Hieb mit dem Schlagstock abbekommen. Nun stand er an der Hauswand, neben ihm lag ein aufgerissener Sack mit Konserven. Trotz seiner Verletzung brüllte er aus vollem Hals, beschimpfte die um ihn stehenden Polizisten. Er spuckte auf einen der Wachmänner und bekam einen weiteren Hieb versetzt.
»Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!«, schrie mir ein Polizist über die Gasse zu. Erst da bemerkte ich, wie lange ich schon zugesehen hatte.
Im Café Siller am Schwedenplatz suchte ich Hans vergebens. Zweimal ging ich durch das Lokal. Geplauder und Lachen begleiteten mich, dann stieß ich fast mit Annemarie zusammen. Sie erkannte mich sofort. »Willkommen!«, sagte sie, nahm meine Hände in die ihren und drehte sie vorsichtig um. So, als wollte sie prüfen, ob sie gut verheilt waren.
Sie wandte sich gerade von mir ab zur Theke, um ein neues Tablett aufzunehmen, als ich sie fragte, ob sie etwas von Hans wisse. »Der hat jetzt viel zu tun«, antwortete sie und wies auf einen kleinen freien Tisch ganz in ihrer Nähe. »Erzähl ich dir gleich, trink erst einmal einen Kaffee.« Dann trug sie das Tablett mit Kuchenstücken in das von Gästen überfüllte Hinterzimmer.
Das Piano war mir das letzte Mal nicht aufgefallen. Es stand unweit der Theke. An diesem Nachmittag spielte ein junger, hagerer Mann heitere, melodische Stücke. Es war Jazz – eine neue Musikrichtung aus Amerika. Die Melodie klang fröhlich und positiv. Sie gefiel mir und nahm mich so gefangen, dass ich nicht bemerkte, wie mir die Kellnerin eine Tasse auf den Tisch schob. Als ich es registrierte, war sie schon wieder weg. Erst etwas später kam sie zurück.
Annemarie setzte sich nie zu ihren Gästen an den Tisch. Das war mir bereits bei meinem ersten Besuch aufgefallen. Sie blieb stehen und beugte sich lediglich ein Stück zu mir herunter, verschränkte etwas schüchtern die Arme vor der Brust. »Der Hans ist jetzt wahrscheinlich im Prückel. Du weißt, das Café an der Ringstraße. Dort ist am frühen Abend immer die reiche Gesellschaft. Da macht er seine Geschäfte.« Sie wisse nicht, sagte Annemarie und verzog dabei ihre roten Lippen, was das für Geschäfte seien, aber er habe all seine Schulden beglichen – und sogar etwas mehr. »Der Dummkopf hat mir einen Armreifen gekauft, schau …« Sie zeigte mir das Schmuckstück an ihrem Handgelenk aus vier Reihen Perlen mit einer zarten silbernen Schließe.
Gerne wäre ich an diesem Nachmittag noch im Café Siller geblieben, aber ich wollte Hans finden und machte mich rasch auf den Weg. Annemarie zwinkerte mir zum Abschied über die Tische hinweg zu. »Lass ihn von mir grüßen!«
Wenig später stand ich vor dem Café Prückel. Es war so groß wie das Siller, aber mit riesigen Fenstern und höheren Räumen. Im Boden des Windfangs ein eingelassener Fußabstreifer. Ich blieb kurz darauf stehen. »Saubere Schuhsohlen«, dachte ich mir – dafür hatten wir in den Bergen keine Zeit gehabt. Unsere gefilzten Soldatenstiefel wurden nur gereinigt, wenn sich an ihrer Unterseite Steine und Erde zu Klumpen verbunden hatten. Dann rieben wir die Sohlen an einem Stein oder Holzpflock ab. Sonst betraten wir die Unterstände, die Stellungen, die Schlafstätten ohne Säuberungen. Der lehmgestampfte Boden war es nicht wert.
Ich bürstete mir den Staub der Straße von den Sohlen, öffnete die Tür zum Café und roch den Duft von Parfum. In den Nischen und an den Fenstertischen wurde laut geplaudert. Ein Stimmengewirr erfüllte den Raum, nur manchmal übertönt von klirrendem Geschirr und den Kommandos der Kellner an die Küche. Ein Herr erregte sich gerade – worüber verstand ich nicht. Ich durchstreifte das Café, besah eine seltsame Standuhr und die opulente Einrichtung. Kellner gingen in altmodisch wirkenden Livrées an mir vorbei. Fast wäre ich wieder gegangen, da entdeckte ich meinen Bruder bei einem Tisch, an dem zwei Herren Schach spielten. Er stand daneben, schaute ihnen aufmerksam zu.
Als Hans mich erkannte, grinste er über das ganze Gesicht. »Viktor! Das ist ja schön, dass ich dich treffe.« Seine charmante Offenheit ließ all meine Sorgen, unsere Spannungen könnten eine Fortsetzung finden, im Nu verblassen. Er ließ die Schachspieler hinter sich, griff nach einer großen Ledertasche, die neben ihm auf dem Boden stand, und suchte mit mir einen freien Platz. Das Café war jedoch bis auf den letzten Tisch gefüllt. Hans zog mich Richtung Ausgang. »Komm, wir gehen woandershin, ich möchte sowieso hier weg.«
Es war schon fast dunkel, als wir auf die Straße traten. Hans zeigte über die Ringstraße hinüber zum Backsteinbau der Kunstgewerbeschule. »Da muss ich mich nächsten Monat bewerben. Das liegt mir im Magen. Die verlangen außergewöhnliche Arbeiten zur Vorlage und dann gibt es noch ein Aufnahmegespräch, das ich bestehen muss.« Er wirkte zumindest vorübergehend ernster als sonst. »Ich will das schaffen, ich muss in der Meisterklasse von Josef Hoffmann studieren. Verstehst du, Viktor!« Bei der Anmeldung war ihm mitgeteilt worden, dass die Chancen gering seien. Es hätten sich nach dem Ende des Krieges wieder viel mehr Kandidaten beworben als in den vergangenen Jahren.
Als wir langsam Richtung Stadtzentrum gingen, kam er ins Schwärmen: »Josef Hoffmann will die Ästhetik in den Alltag bringen. Seine Häuser sind bis ins letzte Detail gestaltet. Er produziert mit seinen Mitarbeitern Gesamtkunstwerke – von der Fassade bis zur Teekanne.« Hans fuchtelte begeistert mit den Armen vor meinem Gesicht, seine Augen strahlten: »Seit Jahren arbeiten diese Leute am Heiligen Frühling, einer Moderne, die endlich diesen historistischen Kitsch überwinden wird. Schöne Dinge werden dann überall, in jedem Haushalt Einzug halten. Wir werden alle davon profitieren.« Er kam mit meinem Schritt kaum mit und keuchte die nächsten Worte nur noch aus sich heraus: »Die Funktion … steht über allem, aber … die richtige Form macht daraus ein Kunstwerk.«
Als ich einwarf, dass Schönheit doch Geschmacksache sei, blieb Hans abrupt stehen, fasste mich am Ärmel und sah mich verstört an. »Nein, das stimmt eben nicht. Geschmack verzerrt nur die Betrachtung. Es gibt die absolut richtige Form, ihre absolut richtigen Dimensionen, die beste Farbe, um einen Gegenstand zur Wirkung zu bringen. Je mehr etwas verschnörkelt oder verziert ist, umso weniger kann es seine wahre Schönheit entwickeln.« Dann sah er mir ernst in die Augen. »Warum glaubst du, zeichnen die Studenten in den Kunstschulen Akte? Weil sie damit der absoluten Form der Natur, den wahren Dimensionen des Menschen auf den Grund gehen. Es gibt nichts Schöneres, Ehrlicheres als die Nacktheit.«
Wir bogen in eine Seitengasse der Ringstraße ein. Hans steuerte auf eine kleine Bar zu. Der Eingangstür fehlte eine Glasscheibe, sie war durch eine Holzplatte ersetzt worden. Eigentlich war es für den Besuch eines solchen Lokals noch zu früh. Wir waren die ersten Gäste. Es roch nach kaltem Rauch, der Raum war kaum beleuchtet, wirkte düster. Als wir in einer Nische Platz nahmen, kam schon der Wirt und zündete eine Kerze am Tisch an. Dieses zitternde Licht verwandelte die Trostlosigkeit der dunklen Bar in ein Stück Heimeligkeit.
Wir bestellten Cognac. Hans erkundigte sich, ob ich schon Arbeit gefunden hätte, wo ich wohnte, wen ich von unseren Verwandten getroffen hätte. Ich erzählte von der Stelle im Gymnasium, von meinem freundlichen Direktor, von der Zeit bei Emil und bei Tante Theresia. »Und du?«, fragte ich dann. Er lächelte zufrieden: »Mir geht es hervorragend.«
An diesem Abend verstand ich, dass Hans sein Schicksal selbst in die Hand genommen hatte. In seiner Ledertasche, die wie die eines Arztes aussah, mit einem breiten Innenraum und einem Messingbügel am oberen Rand, befanden sich schachtelweise teure Zigarren. Hans erzählte, dass sein Freund Otto Semmnich, der Trafikant, eine große Menge der exquisiten Rauchwaren über Bekannte in der Schweiz aufgetrieben habe. Diese Zigarren bringe er nun unter die Leute. »Ich mach Geschäfte für Otto aus Ottakring«, blödelte er.
Ohne Zweifel machte sein selbstbewusstes, charmantes Auftreten Hans zum idealen Verkäufer derartiger Luxuswaren. Seine Stimme klang entschlossen, aber nicht aggressiv, auf sein Äußeres legte er viel Wert. Er kannte bereits die meisten Lokale in Wien, in denen die reiche Gesellschaft verkehrte, und bewegte sich in ihren Kreisen mit großer Sicherheit. »Viktor, ich mach damit mehr Geld, als du es dir vorstellen kannst«, prahlte er. »Mir macht nur die Geldentwertung zu schaffen. Verkaufe ich eine Schachtel Creole um neuntausend Kronen, kann es sein, dass ich mir am nächsten Tag kaum mehr ein Mittagessen darum leisten kann.« Die einzige Möglichkeit sei es, sich die Zigarren in ausländischen Währungen – am besten in Dollar – bezahlen zu lassen. »Ich verkaufe sie dann mit einem ordentlichen Rabatt, aber dafür habe ich kein Risiko. Leider wollen nicht alle ihre Dollar aus der Hand geben.«
Hans beschwerte sich über die Einrichtung des Café Prückel, in dem er jetzt oft seine Geschäfte machte. Der pompös gestaltete Raum gefiel ihm nicht. »Da merkst du, dass es vor allem Neureiche sind, irgendwelche Spekulanten, die dort verkehren. Die haben keinen Stil.« Im Café gebe es eine sprechende Uhr und andere Kuriositäten, die diese Gesellschaft für etwas Besonderes erachte.
Hans hielt sich nicht lange mit seinem Ärger auf, er begann von den Chancen des Umbruchs zu schwärmen. »Wir haben Glück, in dieser Zeit zu leben, Viktor! Jetzt werden die Karten neu gemischt.« Meine Einwände wegen der zunehmenden Armut und den tiefen ideologischen Gräben in der Bevölkerung wischte er beiseite. »Es ist die Zeit der Kreativen, nicht der Beamten.« Er habe gehört, dass im Automobilwerk von Gräf & Stift, draußen in Döbling, so viele Limousinen wie noch nie produziert würden. »Bald wird die Stadt wieder voll sein mit Automobilen. Du wirst sehen.«
Die Bar war nicht geheizt, wir saßen noch immer in unseren Mänteln vor der kleinen Kerze. Hans sah mich mit wachen Augen an. Er schien all die wunderbaren Seiten dieser Stadt in sich aufzusaugen, den Rest auszublenden. Ich erzählte ihm von meinem Turnschüler, der aus Hunger zusammengebrochen war. Er gab vor, zuzuhören, nahm das Gesagte aber nicht wahr. »Noch vor ein paar Wochen hattest du Sorge, ob du eine Arbeit findest, jetzt bist du schon wieder Lehrer in einem Gymnasium«, sagte er. »Siehst du, alles wird gut.«
Langsam füllte sich das Lokal und es wurde wärmer. Die abgestandene Luft vermischte sich mit frischem Tabakrauch und wurde erträglich. Der Wirt stellte unaufgefordert ein zweites Glas Cognac vor uns auf den Tisch. »Geht auf’s Haus«, sagte er. »Heute habt ihr mir Glück gebracht. Ihr seid die Ersten gewesen. Nun habe ich so viele Gäste wie schon lange nicht.« Er lächelte: »Ich glaube, es geht endlich wieder bergauf.« Hans grinste in meine Richtung. »Siehst du!«
Der Alkohol hatte uns redselig gemacht und wohl deshalb erzählte ich ihm am Heimweg von meiner Kollegin Irmgard Schuster, die ich so gerne einmal ausführen würde. Ich wusste, dass Hans die Stadt weit besser kannte als ich. Auf meine Frage, wohin ich Irmgard denn einladen könnte, hatte er nicht nur eine Empfehlung, sondern nahm die Vorbereitung gleich selbst in die Hand. »Ich besorg dir Karten für das Apollo, das Varieté-Theater«, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede erlaubte. »Der Chef, der alte Ben Tieber, ist einer meiner Kunden.«
Mir war klar, dass ich die Eintrittskarten nicht würde bezahlen müssen. Hans würde sie zwar günstiger bekommen, aber keine Krone dafür von mir verlangen. Er war in seiner Großzügigkeit angekommen. Als ob es noch eine Bestätigung dafür bräuchte, griff er zum Abschied in seine große Ledertasche und nahm aus einer offenen Packung drei Zigarren heraus. »Probier die einmal. Wird dir vielleicht nicht gleich schmecken, aber für deine Irmgard schaust du dann so richtig weltmännisch aus.«
Schon oft hatte ich Irmgards Nähe gesucht. Unsere Blicke waren einander begegnet, dann ein kurzes Gespräch, ein paar Tage später ein längeres. Sie hatte einen trockenen Humor, den ich mochte. Aber ich wusste nicht viel von ihr, wusste nicht, ob sie einen Freund hatte. Deshalb war ich unsicher, als ich sie fragte, ob sie mit mir ausgehen wolle. Statt gleich zu antworten, sah sie mich mit ihren großen Augen lange ernst an, als wollte sie prüfen, ob ich es ehrlich mit ihr meinte. Dann veränderte sich ihr Blick von einem Moment auf den anderen und sie strahlte. »Gern«, antwortet sie. Ich zeigte ihr die beiden Karten für die Vorstellung im Apollo. »Möchtest du da mit mir hingehen?« Sie nickte.
Doch am Tag danach passte sie mich nach dem Unterricht ab, sah mir erneut ins Gesicht, aber diesmal verbittert. »Ich kann nicht mitkommen.« Daheim bei ihrer Mutter habe es einen »Mordsstreit« gegeben. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass die dort Nuditäten aufführen?«, fragte sie mit einer Stimme, die tiefe Enttäuschung verriet. Ich zuckte die Achsel: »Nudi… was?« Sie zischte mich erbost an: »Tu nicht so scheinheilig.« Auf meinen Vorschlag, ob sie vielleicht lieber in ein Kaffeehaus in der Stadt gehen wolle, schwieg sie lange, als müsste sie das abwägen. »Vielleicht später einmal.« Dann ging sie.
Ich war voll euphorischer Erwartungen auf unseren ersten gemeinsamen Abend gewesen, nun fühlte ich mich elend. Gleich nach der Arbeit suchte ich meinen Bruder in seiner Wohnung auf. Ich wusste nun, dass er meist am frühen Nachmittag daheim war, bevor er täglich zu seiner Runde durch die Kaffeehäuser aufbrach. Ich wollte wissen, was es mit dem Apollo auf sich hatte.
Über die breite Straße, die ich queren musste, rollten Pferdefuhrwerke. Sie hatten Baumaterial, Holz und Fässer geladen. Nur selten tauchte ein Automobil auf. Als ich ein paar Hundert Meter weiter bei der Wohnung meines Bruders ankam, bemerkte ich das neue Emailschild am Haustor. »Hans Schemberg«, stand in geschwungener Schrift auf weißem, glänzendem Grund. Im Gegensatz zu den anderen Schildern wirkte es frisch und einladend. Gleich nachdem er mir geöffnet hatte, sah ich, dass Hans seine Wohnung umgestaltet hatte. Die Nische im Vorraum war zu einer kleinen Küche mit einem Petroleumkocher und einer Ablage für Kochgeschirr umfunktioniert worden. Das Zimmer hatte er neu ausgemalt. Es war nun schlicht weiß, wirkte sauberer und heller als zuvor. Sogar neue Vorhänge aus Leinen mit einem feingliedrigen geometrischen Muster hatte er sich besorgt. Über dem Bett lag eine dazu farblich abgestimmte Überdecke.
Hans zeigte mir alles voll Stolz und bemerkte lange nicht meine Anspannung. Dann sah er mich an: »Was ist denn los mit dir?« Als ich ihm von Irmgards Empörung über das Apollo erzählte, bekam er nicht etwa schlechtes Gewissen, wohin er mich da vermittelt hatte, sondern fing schallend an zu lachen. »Nuditäten? Das Wort habe ich ja schon lange nicht mehr gehört. Die Mutter deines Schwarms glaubt, dort treten nackte Frauen auf?« Hans erklärte mir, dass es im Apollo vor dem Krieg tatsächlich üblich gewesen sei, dass barbusige Tänzerinnen für Unterhaltung sorgten. Doch der Eigentümer, Ben Tieber, sei längst auf Singspielstücke umgestiegen – so etwas Ähnliches wie moderne Operetten. »Das hat die Mutter deiner Irmgard wohl nicht gewusst.« Er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. »Die wird sich schon wieder beruhigen.«
Kurz ärgerte ich mich über seine lapidare Reaktion. Aber wir waren immer schon verschieden gewesen: Von ihm schienen solche Probleme abzuperlen, ich saugte sie auf. Er ging gerne darüber hinweg, was andere bewegte, sonnte sich in Selbstgefälligkeit. Ich hingegen grübelte darüber – vielleicht manchmal zu lange.
Obwohl Hans am Montag darauf seine Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule hatte, gingen wir gemeinsam am Samstagabend ins Apollo – wir wollten die Karten nicht verfallen lassen. Sie spielten den »Kriegsberichterstatter«, ein leichtes, heiteres Stück über einen Reporter, der von der Front berichten sollte, dabei aber in immer neue Schwierigkeiten geriet.
Es war eigentlich zu kalt für die Jahreszeit, deshalb zog ich mir noch einmal den schönen warmen Mantel an. Auch Hans trug einen dunklen, edlen Mantel, dazu farblich abgestimmt einen breitkrempigen Hut. Auf dem Hinweg kamen wir am Parlamentsgebäude auf der Ringstraße vorbei, vor dem sich eine Masse von vielleicht zweihundert Menschen versammelt hatte. Es waren Kommunisten, auf deren Bannern stand: »Hoch die Diktatur des Proletariats«, »Nieder mit dem Schiebertum« und »Hoch Sowjetrussland«. Sie schrien und reckten ihre Fäuste in die Luft. Kaum erblickte Hans die Menge, beschleunigte er seinen Schritt.
Wir durchquerten einen kleinen Park am Rande des Parlamentsgebäudes, als zwei junge Männer auf uns zukamen. Sie umkreisten uns mehrmals, zeigten uns ihre Fäuste und grinsten. Ich hörte gerade noch, wie sie sich über unsere »teuren« Mäntel lustig machten, da rannte Hans davon. Mich traf ein Tritt auf den Unterschenkel. Als ich mich umdrehte, sah mich einer der beiden auffordernd an. »Na, du Schnösel?«, pöbelte er mich an. Ich kannte diesen Blick aus der Armee – diesen Wunsch, sich zu prügeln. Aber ich blieb ruhig, ließ mich nicht provozieren. Als ich meinem Bruder nachging, blieben die beiden stehen, schimpften mir nur noch nach.
»Mir ist dieser Fanatismus so zuwider!«, schnaufte Hans, als ich ihn bei der Bellariastraße einholte. »Sie werden uns noch alle umbringen, nur weil wir besser gekleidet sind als sie.« Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber er war noch immer panisch. »Und warum fürchtest du dich nicht?«, schnaubte er. »Ich war im Krieg, Hans«, antwortete ich ruhig. Mein Bruder hob die Hände, als wollte er etwas sagen, doch es fehlten ihm die Worte. Erst viel später antwortete er: »Ich war nicht im Krieg, ist das ein Problem für dich?« Ich schüttelte nur den Kopf, dann gingen wir weiter zu unserer Vorstellung ins Apollo.
Es war ein seltsamer Abend. Kellner servierten uns billigen Sekt an unsere Plätze. Die erste Flasche war im Preis inbegriffen, die zweite war teuer. Auf der Bühne mühten sich mittelmäßige Schauspieler ab, das Publikum zu unterhalten. Manchmal waren ihre Späße heiter, oft nur platt. Immerhin die Musik: Sie war rhythmisch und fröhlich und trug gemeinsam mit dem Alkohol wohl zu der ausgelassenen Stimmung bei.
Zwei Tage später bestand Hans seine Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule. Er bekam die Nachricht nicht sofort, sondern erst eine Woche später per Post. Sein Glück war, dass Josef Hoffmann eine Meisterklasse für Gürtler- und Edelmetallschmiedekunst gründen wollte. Sie sollte seine Idee der umfassenden Gestaltung von Haushaltsartikeln und Schmuck umsetzen. Als Hans von seiner Ausbildung in Brünn erzählt hatte, war Hoffmann hellhörig geworden – der mittlerweile berühmte Architekt war einst an derselben Schule ausgebildet worden. Solange die neue Meisterklasse noch nicht bestand, sollte Hans in der Vorbereitungsklasse und danach eventuell in Hoffmanns Architekturklasse unterkommen.
Wie er mir ein paar Tage später erzählte, hatte er zwei Tage lang durchgefeiert. Die Nachmittage hatte er in seinem Stammcafé am Schwedenplatz verbracht, dann war er mit einer größeren Runde weiter durch die Stadt gezogen. Dabei habe er ein paar neue Bars entdeckt, darunter die Kärntner Bar, die der Architekt Adolf Loos gestaltet habe. »Die haben dort aber wirklich hohe Preise«, stöhnte Hans. Dann lachte er. »Ich werde bei Hoffmann studieren, Viktor! Ist das nicht großartig?«
Noch am selben Tag, wir hatten gerade in der Neustiftgasse eine kleine Gastwirtschaft betreten, kippte seine Stimmung. Kaum nahmen wir Platz, fiel er plötzlich aus seiner Euphorie, starrte nur noch schweigend aus dem Fenster. Hans, der sonst so gerne erzählte, war stumm und nachdenklich. Sein Stolz über die erfolgreiche Aufnahmeprüfung war verflogen. »Ich muss aus meiner Wohnung raus«, sagte er so leise, dass ich es kaum hören konnte. Heute sei der Zins fällig gewesen, aber er habe ihn nicht gehabt. Er könne ihn auch in den nächsten Tagen nicht auftreiben, weil er Otto Semmnich für die Zigarren noch viele Tausend Kronen schulde.
Ich begriff, dass sich Hans die ausschweifenden Nächte eigentlich nicht hatte leisten können. So wie ich ihn kannte, hatte er die ganze Gruppe eingeladen. Er verlor das Gespür für Wert und Geld, wenn er ausgelassen war. »Wie hoch ist denn der Zins?«, fragte ich vorsichtig. Als er »elftausend Kronen« sagte, war ich fast erleichtert. Ich hatte bereits zum dritten Mal mein Gehalt bekommen und von meinen Ersparnissen bisher nur wenig aufgebraucht. Zwar blieb dann für diesen Monat kaum noch Geld übrig, aber ich konnte ihm die Summe leihen. »Viktor, ach Viktor!«, stammelte er, als ich ihm meine Hilfe anbot. Zum Abschied fiel er mir sogar um den Hals.
Zu meinem Glück hatte Schuldirektor Klieba eine bezahlte Extraaufgabe für mich. Ich sollte die großen Landkarten umzeichnen. Da das Kaiserreich zerfallen war und neue Grenzen durch Europa gezogen wurden, mussten sie verändert werden. Es gab eine einzige Karte als Vorlage für unser Gymnasium.
Ich verbrachte mehrere Nachmittage im großen Zeichensaal, wo ich einige Tische zusammengestellt hatte. Ich rührte jedes Mal neu rote Farbe an, nahm einen dünnen Pinsel und begann, Europa zu verändern. Es war ein seltsames Gefühl, zwischen Olmütz, meiner ursprünglichen, und Wien, meiner neuen Heimat, eine Linie zu ziehen – eine Linie zwischen meiner Mutter und mir. Ich trennte Triest von Österreich ab, im Osten Ungarn, im Südwesten Südtirol. Das Kaiserreich war zerrissen und wir ebenso.
Sie trug ein geblümtes Kleid und eine hellblaue Weste darüber. Ihr brünettes Haar war nicht zusammengebunden wie in der Schule, es fiel in leichten Wellen über ihre Schultern. Nach der missglückten Einladung ins Apollo führte ich Irmgard ein paar Wochen später doch noch aus. Wir verabredeten uns an einem frühen Abend, um durch die Innenstadt zu spazieren. Ich kannte noch nicht viele Gastwirtschaften oder Bars in Wien, deshalb lud ich sie ins Café am Schwedenplatz ein. Wir hatten Glück, einer der schönen Tische an der großen Fensterfront zum Donaukanal war frei. Annemarie, die Kellnerin, scherzte, als sie die Bestellung aufnahm: »Ein Charmeur wie der Bruder.« Sie brachte uns zwei Gläser Wein und ein Schälchen mit Nüssen.
Irmgard wirkte nicht so zurückhaltend wie sonst. Sie war anders als in der Arbeit. Noch nie hatte ich sie so oft lachen gehört. Manchmal grinste sie mich frech an. Dann hob sie ihre Brauen, wobei sich kleine Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln bildeten. Nur einmal wurde sie ernst, als sie mir die Geschichte ihrer Eltern erzählte. Vom Vater, der im Krieg gefallen war, und ihrer Mutter, die keinen Beruf erlernt hatte und nun von ihr erhalten werden müsse. »Mit ihr ist es oft traurig. Sie ist so verbittert.«
