Zwischen den Dörfern auf hundert - Lars Werner - E-Book

Zwischen den Dörfern auf hundert E-Book

Lars Werner

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Beschreibung

Dresden, Sommer 2006. Während Deutschland im Zuge der Fußball-WM eine neue Arglosigkeit im Umgang mit nationalen Symbolen entwickelt, sind Benny, seine beste Freundin Maren und ihre Clique auf "Anti-Schland"-Kurs. Weil sie wissen, wohin Patriotismus führen kann. Und weil sie Punks sind. Bei Pogo-Partys im Jugendzentrum Rosaluchs, Straßenschlachten mit der Polizei und Kollisionen mit Neonazi-Banden erleben sie das Erwachsenwerden im Schleudergang. Bennys Alltag ist ein Taumel zwischen Gefahren und Glücksmomenten. Hinzu kommen die unvermeidlichen Wirrungen der Pubertät: Eskalationen im Elternhaus, Planlosigkeit in Sachen Zukunft, Verselbstständigung der Hormone. Und dann ist da noch dieser komische Kuss mit seinem Kumpel Arne, der Benny deutlich mehr beschäftigt als ihm lieb ist. Nach seinen Theatererfolgen "Weißer Raum" und "Deutsche Feiern" legt Lars Werner mit "Zwischen den Dörfern auf hundert" seinen ersten Roman vor. Hellsichtig und humorvoll zeichnet er das Porträt einer ostdeutschen Jugend, die den DDR Sozialismus nur noch aus Erzählungen kennt, dem nachfolgenden Erstarken des Neonazismus dagegen täglich ausgesetzt ist. So ist dieses Debüt nicht nur eine ambivalente literarische Liebeserklärung an Dresden und sein Umland, sondern auch ein lakonischer Kommentar auf die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft. Das Ringen zwischen Gestern und Heute, Herkunft und Ankunft, Mainstream und Queerness, Stadt und Provinz -- all das steckt drin im drängenden Lebenshunger von Lars Werners Ich-Erzähler Benny. Er demontiert den Mythos vom Sommermärchen -- indem er sein eigenes erzählt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2023

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ZWISCHENDEN DÖRFERNAUF HUNDERT

LARS WERNER

ZWISCHEN

DEN DÖRFERN

AUF HUNDERT

ROMAN

1. Auflage

© 2023 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

[email protected]

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

unter Verwendung eines Fotos von Dorit Fuhg,

www.fuhgphotography.com

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-358-6

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

PROLOG

2006

ENDGEGNER

«Partys sind ein Zustand. Den kann man nicht einfach verordnen, Arne! Der muss sich zwischen den Leuten herstellen.»

Arne guckt nur skeptisch, die Glatze beleuchtet von rotem Discolicht. Wir stehen an der Bar im gerade eröffneten Loch und trinken Mäusepisse.

«Was ist das dann hier?», will er wissen und deutet auf die Leute, die durch eine aufgebrochene Ziegelwand in den Kellerraum steigen. Ich schaue mir die bunte Mischung aus Punks, Gothics und Hippies an, die auf der Tanzfläche zusammenkommt.

«Könnte ein Happening sein. Die müssen ja erst mal in … also irgendwie in Ekstase kommen, damit sie eine Party werden.»

«Ein Happening», antwortet Arne, «ist das nicht. Ein Happening ist, wenn Maren mit dem Boschhammer in die Kellerwand bohrt.»

Jetzt muss ich widersprechen, denn Maren, die mit ihrem Boschhammer die Kellerwand kaputt macht und dahinter einen viel größeren Keller, nämlich diesen hier, entdeckt, ist mit ziemlicher Sicherheit eine Performance.

Arne zeigt mir nur den Vogel und dann mit demselben Finger zur DJ. Eine Bewegung ist das, an die Schläfe, ich bin ein Idiot, zu ihr, die weiß, was sie macht. Sie stöpselt gerade ihren Laptop in die Anlage und wirft die Nebelmaschine an. «Es ist alles egal», sagt Arne, «das hier ist eine Party, sobald die Mucke läuft. Und wenn niemand abgeht, ist es einfach ’ne schlechte Party.»

Ich will einwenden, ob nicht … Aber da übertönt mich schon ein Song von Hotelzimmer Inferno. Der Sound der Band deckt von dramatisch vorgebrachtem Weltschmerz bis Wut und Liebe alles ab. Schon sehe ich vereinzelte Nacken verstohlen nicken. Füße scharren, Fäuste boxen Takte in die Luft.

Wir prosten der Auflegenden, die wir hinter der Nebelwand kaum noch sehen können, anerkennend zu. In der Mitte des Songs ist die Menge bereits anständig in Bewegung. Nachdem Maren den verborgenen Keller entdeckt hatte, haben wir umgehend Paletten besorgt, eine Bar gebaut, Flyer gedruckt und Leute eingeladen. Fertig war das Loch, der neueste Club Dresdens. Denn wenn wir uns auch nicht einig sind, was eine Party ist: Was ein Club ist, ist klar. Ein Club ist vor allem eine Behauptung.

Die Bar, an der wir lehnen, verkauft ausschließlich Mäusepisse- und Waldmeister-Shots. Weil die, laut Maren, nicht gekühlt werden müssen. Schließlich kann der Generator neben Nebel und Anlage nicht auch noch einen Kühlschrank versorgen. Also schluck ich tapfer meine warme Vanille-Milch mit Korn. Mit einer tiefen Sehnsucht in den blauen Augen schaut Arne zu den mitgebrachten Bierflaschen in den Händen der Feiernden. Er beugt sich zu mir.

«’ne Wette?»

«Okay.»

Er redet, für mich unhörbar durch den Lärm, mit dem Barkeeper. Kurz darauf werden uns zwei kleine Plastikbecher hingestellt. Äußerst bedacht gießt der Barkeeper die kleinen Becher zur einen Hälfte mit Waldmeister und zur anderen mit Mäusepisse voll.

«Wer verliert, muss …», setzt Arne an.

«Wahrscheinlich kotzen.»

«Und ein Bier beim Späti holen.»

Gute Wette. Klare Sache. Ich hebe den Shot zum Prosten in die Höhe, wir trinken, atmen laut aus und knallen die Becher zurück auf den Tresen. Der Barkeeper schüttelt verständnislos den Kopf und räumt sie weg. Ich lehne mich an die Bar. Eine vertraute Hitze steigt mir den Nacken hoch.

«Was schwitzt du so?»

«Liegt am SS-Mantel.» Das ist natürlich kein echter SS-Mantel. So nennen ihn nur alle, weil er dieses brutale Grün hat und so eine widerwärtige Stylishkeit. Ich habe ihn von einem Punk aus Berlin. Das sag ich zumindest immer. Der Punk war eigentlich mein Onkel, aber das muss ja niemand wissen. Außerdem war der früher tatsächlich Punk. Lange her. Vor der Wende. Da ist er in diesem tonnenschweren Gummiteil vor der Volkspolizei weggerannt mit Kassetten von Schleim-Keim in den tiefen Taschen.

Ganz so glorreich setze ich die Tradition nicht fort. Der Hitze folgt ein Brodeln aus dem Magen. Der erste Schwall Übelkeit schüttelt mich durch, gefolgt von Arnes schallendem Lachen. Umgehend mache ich mich auf den Weg zur Clubtoilette. Die liegt im dritten Stock, in Marens WG. Einfach reingehen, hat sie am Anfang der Nacht den ersten Partygästen zugerufen, in der Hoffnung, dass es sich rumsprechen würde. Bis zu Schweißer scheint die Info allerdings nicht durchgedrungen zu sein. Ich treffe ihn im zweiten Stock, wo er vor einer der Wohnungstüren steht und auf eine Militärjacke pinkelt.

«Es is’ nur noch ein Stock, Junge.»

Schweißer dreht sich mir freudig zu. Sein Strahl bricht dabei nicht ab.

«Wollte meinen Posten nicht verlassen.» Der stämmige Antifa ist die Security des Abends.

«Sehr pflichtbewusst.»

«Immer ’ne Kutte mitbringen, Benny, ’ne alte Kutte, die du nicht mehr brauchst – kannst du notfalls draufpinkeln, ohne dass es ’ne Pfütze macht.»

Unter der Jacke am Boden bilden sich bereits Rinnsale.

«Werd’s mir merken.»

Eilig steige ich die letzte Etage hoch zu Marens Wohnung. Drinnen ist es stockfinster und ich stolpere augenblicklich über etwas Weiches. Endlich finde ich einen Lichtschalter. Zwei nackte Glühbirnen an der Decke springen an und erleuchten eine beeindruckende Anzahl Sternburg-Flaschen, die in dem engen Flur an den Wänden entlang Spalier stehen. Darüber, an den Klinken der Sperrholztüren links und rechts des Ganges, hängen Müllbeutel. Ein intensives Aroma von ranzigem Joghurt geht von ihnen aus, das sich mit dem Geruch von abgestandenem Alkohol vermischt. Es würgt mich, vielleicht wegen des Schnapses, oder weil die gesammelten Werte meiner Eltern in mir gegen die Unordnung protestieren. Keine Zeit zu verlieren. Nacheinander reiße ich die Türen auf, auf der Suche nach dem Klo. Der nächste Raum sieht aus wie eine Mischung aus Küche und Wohnzimmer. Darin sitzt Maren vor einer geöffneten Kühlschranktür und löffelt Kuchen. Ihre Haare hat sie in ein rotes Handtuch gewickelt. Sie bemerkt mich und bricht in Kichern aus.

«Die Toilette ist eins weiter.» Mit diesen Worten kramt sie sich tiefer in den Kühlschrank vor. Die Tür eins weiter trägt ein Schild mit der Aufschrift «Diverse Geschäfte». Dahinter liegt ein Bad mit avocadogrünen Fliesen, rechts darin eine braune Wanne, daneben ein Klo mit pinkem Plüschdeckel. So ähnlich sah das Badezimmer meiner Großeltern in Finsterwalde aus. Bis in die späten Neunziger hatten sie dieses sanitäre Überbleibsel des Sozialismus nicht auswechseln wollen. Ich spüre eine nostalgiegetränkte Entspannung. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken schaut mir mein aschfahles Gesicht so blass entgegen, dass mir nur meine knallroten Haare versichern, dass meine Augen nicht plötzlich auf Monochrom geschaltet haben. In meinem Magen ist es wieder ruhig, als ob der Schnaps-Cocktail es sich anders überlegt hätte. Spiegel-Benny schüttelt den Kopf. Trau der Ruhe nicht. Guter Rat. Ich klappe den weichen Klodeckel hoch. Mit drei Fingern fuhrwerke ich mir im Rachen herum. Das habe ich schon früh gelernt. Ein Finger hilft bei mir nichts. Es muss fast die ganze Hand sein, damit es kommt. Und endlich kommt es. Grün-weiß fließen die Schnäpse wieder aus mir raus. Lustig, Polizei, denke ich, als es völlig SEK an die Klotür hämmert.

«Brauchst du ein Lätzchen, Benny?», höre ich sie rufen. Als Antwort drück ich die Spülung und schließe die Tür auf. Im Flur steht Maren, die Verstärkung von ihrer Schwester Liz erhalten hat. Das Handtuch hat sie mittlerweile abgelegt und ihre blonden, abstehenden Locken freigelassen. Ich will mich an den beiden vorbeidrücken. Besonders Liz mit dem grünen Iro und den grob geschätzt fünfhundert Piercings gibt mir das Gefühl, ein Huhn unter Raubvögeln zu sein. Die Schwestern blocken meinen Fluchtversuch ab und scheuchen mich zurück ins Bad.

«Wartet auf mich!», ruft es vom Flur-Ende und schon schlängeln sich auch Arnes lange Gliedmaßen durch den Türspalt. Fragend schaue ich die drei an und Maren erwidert meinen Blick aus roten, zusammengekniffenen Augen.

«Also wirklich, Benny», ein ernster Vorwurf liegt in ihrer Stimme. «Wir wussten nicht, dass du noch Jungfrau bist.»

Liz hält ein kleines Tütchen weißen Pulvers hoch.

«Reife siebzehn, und hast noch immer nicht gesnieft?»

Aufrichtige Bestürzung liegt in ihren Worten.

«Bock?», fragt Arne noch pro forma, und schon wird das Zeug auf dem schnell mit Klopapier abgeriebenen Wannenrand aufgeteilt. So sauber ist die Wanne bestimmt seit Jahren nicht gewesen. Ich schlucke den Ekel herunter und gehe neben den anderen in die Knie.

«Was ist das für Zeug?»

Mit einem vernehmlichen Schniefen saugt Maren ihre Line weg, reißt den Kopf in die Höhe und spürt mit offenem Mund und weit aufgerissenen, nach oben starrenden Augen dem Kick hinterher. Würde sie die Hände falten, sie wäre eine Heiligendarstellung.

«Speed.» Sie runzelt die Stirn. «Oder Crystal?»

«Quatsch, C wäre viel teurer gewesen.» Arne wackelt mit dem Röhrchen vor meiner Nase.

«C will ich auf keinen Fall.»

«Ist doch klar! Klar, klar, klar – und das ist Speed.» Er drückt mir das Röhrchen in die Hand. Ich nicke, in erster Linie mir selbst zu, setze das Röhrchen an und ziehe. Arne grinst mich an.

«Na, jetzt geht es dir doch gleich viel besser, oder?»

Fünf Minuten später sind wir wieder im Nebel und in der Musik auf der Tanzfläche. Ich verfeinere zu den Klängen der Fehlfarben meinen Tanzstil. Mein rhythmischer Bewegungsansatz besteht dabei vor allem aus weit hochgerissenen Füßen und viel Armrotation. Dabei ertrinke ich in meinem Gummimantel fast in Schweiß. Aber das ist egal. Alles ist klar und gut und fühlt sich richtig an. Neben mir steht Arne und dreht sich eine Kippe. Sein ganzer Körper ist dabei in Bewegung, die Schultern rotieren mit der Drehbewegung, sein Kopf wippt über dem Tabak vor und zurück. Da ist immer Energie in ihm. Als die Kippe brennt und die Arme nichts mehr zu tun haben, schlingern sie sofort umher, als hätte Walt Disney sie für einen seiner ersten Filme animiert. Ein Strobo zerhackt die Tanzfläche und unsere Bewegungen zu Filmstills. Meine Augen tun weh, das Speed wirkt, mein Mantel stinkt, ich klaue Arne die Kippe, trinke Wasser aus einer Sternburg-Flasche, tanze, alles ist schnell und gleichzeitig, wie eine Landschaft aus dem ICE heraus.

Die Musik bricht ab. Vielstimmiges Buhen ertönt. Der nächste DJ ist dran, was einen kurzen Umbau am Plattenteller bedeutet. Aber ein Publikum versteht nie, ein Publikum will einfach immer nur mehr. Es ist ein gigantisches Schwarzes Loch, an das sich Musiker und überhaupt alle auf der Bühne lustvoll verschwenden.

Den Gedanken will ich sofort mit Arne teilen und sezieren, aber er kommt mir zuvor und schreit mir ins Ohr, weil er nicht gecheckt hat, dass er keine Musik mehr überbrüllen muss, oder weil er grundsätzlich nichts mehr checkt: «Das ist der Typ, von dem wir neulich gesprochen haben!» Ich schaue in die angewiesene Richtung zum DJ-Pult. Ein durchtrainierter, halbnackter Mann mit Engelsflügeln setzt sich gerade Kopfhörer auf und legt die erste Platte auf die Turntables. Sein schlanker Körper ist über und über mit langen schwarzen Tribals und Zeichen tätowiert, die sich bis zur Glatze ziehen. Lediglich sein Gesicht ist freigelassen. Es wird von den Tattoos umrahmt. Ein richtiger Endgegner.

Der erste Track läuft an. Mit einem Stoß an die Schulter drängt sich Arne wieder in mein Bewusstsein. «Haste dich verknallt?» Ich muss ziemlich gestarrt haben. Arne macht kein Aufheben darum und zieht mich zur Bar. Trotz des imposanten Auftritts des DJs kommt der Track, den er auflegt, absolut nicht infrage. Mit einem irritierten Blick begrüßt Liz uns an der Schnapstheke.

«Ist das nicht voll der Song für euch?»

Ich schaue sie empört an.

«Lieber tot als Depeche Mode», ergänzt Arne und hebt zwei Finger. Doch bevor Liz uns einschenken kann, kommen vom Rand der Tanzfläche Schreie aus dem Dunkeln. Jetzt ist aber auch mal gut, es ist doch nur ein Song. Da ertönt ein laut gebrülltes «Faschos!». Panik in Nebel und Strobo. Eine Gruppe von etwa zehn Glatzen arbeitet sich mit Schlägen und Tritten einen Weg durch die Menschen. Hektisch schauen sich die Gäste nach einem anderen Ausgang als der aufgebrochenen Ziegelwand um. Andere rennen auf die Nazis zu. Ich zögere einen Augenblick. Dann folge ich ihnen. Aus dem Nebel löst sich der erste Schädel und ich beuge mich nach unten, um … Ja, was eigentlich? Wie kämpft man? Jemand reißt mich zur Seite. Zu spät. Ein Schlag trifft mich ins Gesicht. Es tut gar nicht so weh. Eine weitere Faust landet in meinem Bauch. Es tut doch weh. Irgendwer schafft es, meinen Angreifer abzuwehren. Das muss Arne sein. Jemand packt mich am Kragen, schleift mich aus dem Keller. Ja, ist Arne.

Wir schaffen es bis zur Tür zum Innenhof und rennen sofort los. Jagen durch den dunklen Hof, erreichen die Straße mit der Straßenbahnhaltestelle. Von irgendwoher kommt ein Reifenquietschen, also rennen wir weiter. Richtung Neustadt, an Brachflächen und geschlossenen Ladengeschäften vorbei. Die Nachtluft brennt in meiner Brust, mir wird schwindelig, aber ich renne weiter, einfach weg, Arne hinterher.

Mit schmerzenden Lungen kommen wir vor der Scheune an. Der Laden ist eines der traditionsreichen Veranstaltungshäuser in der Neustadt, Dresdens Szenebezirk. Außerdem ein absolut öffentlicher Ort. Öffentlichkeit, hat Arne gemeint, sei jetzt sicherer. In einer Telefonzelle ruft er Maren und Liz an. Die Nazis sind zurückgedrängt worden, als endlich Schweißers Kumpels angerückt sind. Die beiden Schwestern haben es noch rechtzeitig weg geschafft und sind bei Schweißer untergekommen. Aus meiner Nase sickert Blut. «Mach den Kopf runter.» Arne platziert mich auf dem Bordstein vor einem Spätshop.

«Nich’ hoch?»

«Nein, runter.»

Ich tue, wie mir geheißen, und lasse meinen Kopf hängen. «’n Bier?»

Ich höre das Klimpern von Münzen, als Arne sein Portmonee öffnet.

«Hab aber nur Kohle für eins.»

Ich reiche ihm meinen Geldbeutel.

«Geht eh auf mich. Hab doch noch Wettschulden.»

Zur «Feier» des Tages bringt Arne aus dem Späti ausnahmsweise kein Krušovice. Zusammen mit meinem Geld hat es für ein eiskaltes Budweiser gereicht. Ich halte noch immer den Kopf nach unten und schaue den kleinen, knallroten Tropfen Blut aus meiner Nase hinterher, die zwischen meine Springer auf den Boden fallen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Arne einen Moment verharrt und die Flasche gegen seine Schläfen presst. Dann macht er sie auf und setzt sich neben mich. Um uns herum ist die Neustädter Nacht in vollem Gange. Ich höre die Menschen, die ihre Fahrräder über die Straße schieben, Gruppen, die vor den Spätshops sitzen und trinken. Hinter dem wild verbretterten Zaun der Scheune muss Open-Air-Filmnacht sein. Meistens laufen Klassiker. Irgendjemand sagt «I love you». Es wird überdröhnt von Katys Garage daneben. Indie-Rock-Night. Seit drei Jahren jeden Abend. Alles wie immer also. Wie ist das möglich, wenn gerade unser Laden überfallen wurde?

Arne klopft mir auf die Schulter.

«Geht gleich wieder.»

Arne nickt und trinkt. Nach einer Weile probiere ich vorsichtig eine normale Kopfhaltung aus. Das Bluten hat aufgehört.

«Vorbei.» Ich nehme das Bier entgegen. Nach dem ersten Schluck spüre ich, dass irgendwas in der Luft liegt. Diese Pause in dem nie abreißenden Gespräch, das wir normalerweise führen, ist schon zu lang. Und es ist keine Pause, weil niemand weiß, was er sagen soll, eher so eine, wo man darauf wartet, dass jemand was Wichtiges sagt, weil man ihn was Wichtiges gefragt hat. Die Drogen und das Adrenalin rauschen noch hinter meiner Stirn. Der Knoten in meiner Brust, diese gebündelte Wut, die ich sonst wie ein Baby in mir trage, ist weg und an ihrer Stelle – ein Quieken der Seele oder so. Arne lächelt mit geschlossenen Augen vor sich hin. Die Hand noch immer auf meiner Schulter. Verwirrt schaue ich ihn an, reiche ihm das Bier zurück, aber statt der Flasche nimmt er meine Hand, zieht mich zu sich heran und küsst mich.

TEIL 1

2005

ZWISCHEN DEN DÖRFERN

SITZPLÄTZE

Das Platzdeckchen liegt schon auf dem Tisch, darauf ein leerer Teller mit Besteck. Mit hängenden Schultern schlurfe ich über die rot geriffelten Fliesen zum Kühlschrank und öffne ihn. Das grelle Licht sticht mir in die Augen. Vor mir vier bis oben hin vollgestopfte Fächer, in denen sich Konserven und Einmachgläser stapeln. Das ist der Bunkerkühlschrank. Jeden Morgen dasselbe. Ich stöhne genervt und drehe mich um, zu einem weiteren, genau baugleichen Kühlschrank. Die kleine Digitalanzeige an der Tür behauptet in flirrenden grünen Zahlen, es sei vierundzwanzig Minuten nach fünf. Im Inneren präsentieren sich mir vier überschaubare Fächer. Das oberste enthält das Frühstück, verteilt auf drei Keramikplatten. Eine für mich, die beiden anderen für Rudi und Franka. Noch bevor ich meine Platte nehme, weiß ich, dass darauf eine Scheibe Käse und eine Scheibe Wurst liegen und ich dazu einen Kakao trinken oder einen Joghurt essen darf. So will es die Tabelle. Sie hängt an der Kühlschranktür, zusammen mit einem Stift in einer Magnethalterung. Neben dem Wochentag und der Art des Essens mache ich in der Spalte mit meinem Namen ein Kreuz. Weil Freitag ist, stehen darüber schon vier weitere Kreuze. Freitag. Irgendwas war am Freitag. Was? Es ist einfach zu früh. Ich nehme mir zwei Joghurts.

Die Bushaltestelle ist nicht weit vom Haus entfernt, hinter der Kirchenmauer. Es ist kurz nach sechs. Mein trüber Kopf in der Schraubzwinge des frühen Nikotins. Aber angesichts dessen, was mir bevorsteht, muss ich rauchen. Als der Bus kommt, zeige ich dem Fahrer meinen laminierten Fahrausweis und betrete den Gang zwischen den Sitzreihen. Außer mir ist nur noch der Typ im Maleranzug im Bus. Sein Gesicht ist wie aus hart gewordenem Teig geformt. Die rot durchäderten Augenlider sind wulstig und fast komplett über die Augen gekippt, aber nicht ganz geschlossen. Ein halbschlafender Teig auf dem Weg zur Arbeit. Und in einer der wild gemusterten Sitzreihen dahinter nun ich: Benny Winter, picklig, übergewichtig, Teenager. Ein Teenager – jetzt fällt es mir wieder ein –, der heute eine Premiere feiert: Ich werde auf mein erstes Konzert gehen. Im Rosaluchs, dem Antifa-Schuppen und einzigen Leuchtstern in der sich als Kreisstadt tarnenden Hölle namens Großenhain. Seit sechs Jahren fahre ich jeden Morgen in diese Stadt, und noch nie bin ich in dem Laden gewesen. Aber das ändert sich heute. Heute fahre ich nicht einfach nur zur Schule. Ich fahre auch zum Konzert einer Band namens Torpedo Chantalle.

Der Nikotinflash macht einer hibbeligen Vorfreude Platz. Ich spüre die vibrierende Busfensterscheibe an meiner Stirn und betrachte die vorbeiziehenden Häuser. Erst werden sie weniger, schließlich hören sie auf. Es folgen die Felder. Über die schweren Ackerböden gelangt man zu einem auf einer Anhöhe wachsenden Fichtenwäldchen. Davor steht ein Hochstand, von dem aus man einen guten Blick über die gesamte Umgebung hat. Auf den Wald, das Feld, die Straße und die Autobahn, die nach Dresden führt, mit ihren blinkenden Lichtern. Unter der Bank des Hochsitzes habe ich meine Bong versteckt.

Die Endhaltestelle in Radeburg liegt an einem kleinen Fluss: der Promnitz. Sie schlängelt sich durch die gesamte Stadt bis in die umliegenden Felder. Es ist irgendwie rührend, dass für dieses kleine, mühsam dahinfließende Rinnsal überhaupt so viele Brücken gebaut und die Seitenhänge begrünt wurden. Warum wird sowas nicht einfach zubetoniert? Der Bus fährt über eine der Brücken und biegt ein zur Haltestelle. Hier sammeln sich jeden Morgen die Gymnasiasten und Mittelschüler, die wie ich das Pech gehabt haben, keinen Schulplatz im nahen Dresden zu bekommen. Auf dem Weg nach Großenhain fährt der Bus, auf den wir hier warten, noch durch viele andere kleine Dörfer. Je näher er seinem Ziel kommt, umso normaler wird es für die zusteigenden Schüler, nicht nach Dresden, sondern ins allmählich näherkommende Großenhain zu fahren. Aber hier in Radeburg, das viel näher an Dresden liegt als an Großenhain, ergibt es für alle wenig Sinn.

Manchmal warte ich die ersten Minuten allein und rauche. Meistens ist aber schon der Nazi da. Die Türen zischen auf. Vor mir verlässt der Maler-Teig den Bus, ich folge ihm die Treppen hinab ins Freie. Ein paar Meter weiter sehe ich den Nazi und weiß, dass auch er mich sieht. In einer Mischung aus Erschöpfung und Gleichmut lehne ich mich an das grüne Geländer vor der Flussböschung und warte. «Na, Schwuchtel», begrüßt er mich freundlich.

Für den Nazi bin ich früher oft eine Station vor der Endhaltestelle ausgestiegen. Damals war er noch Paul und kam nach meinem Klingeln aus seiner Wohnung in der Fußgängerzone. Dann sind wir in unseren Baggypants zum Bus geschlurft. Die Hosen und der Hip-Hop, für den sie standen, hatten dazu geführt, dass wir irgendwann ins Gespräch gekommen waren, als wir morgens auf den Bus gewartet hatten. Darauf war eine kleine Freundschaft gefolgt. Aus dieser Zeit weiß der Nazi auch, dass ich morgens immer Geld von meiner Mutter bekomme. Er war dabei, als dieses Geld zum ersten Mal in eine Packung Zigaretten umgewandelt wurde. Seit einiger Zeit klaue ich zusätzlich zu diesem täglichen Taschengeld einen weiteren Fünfer aus dem Geldbeutel meiner Mutter, damit Paul über die Runden kommt. Ich hole diesen Fünfer für ihn allerdings nicht direkt raus. Der Ablauf ist ein anderer. Erst müssen wir kurz so voreinander stehen. Wild East Before Dawn. Der Nazi begutachtet mich mit sowas wie Ekel in den zusammengekniffenen Augen. Ich schaue zurück mit dem Wissen, dass er statt Nazi-Streetwear früher Hip-Hop-Klamotten trug. Doch irgendwann waren seine Baggypants verschwunden. Dann wollte er nicht mehr, dass ich ihn abholen komme.

Weil Paul in Großenhain auf die Mittelschule geht, hieß das, dass wir uns von da an nur noch an der Haltestelle und im Bus sahen. Wenige Wochen später wurden seine Haare kürzer und an seinen Füßen tauchten New Balance-Turnschuhe auf. Eigentlich waren das ganz normale Sneaker, aber die Produkte der Firma wurden von allen mit der rechten Szene assoziiert. Wenn das Gerücht aufkommt, dass eine Marke den Nazis «gehört», muss man diese Marke meiden, egal was an dem Gerücht dran ist. So hatte ich es Paul trotz aller Warnzeichen sogar noch geduldig erklärt. Er hatte nur genuschelt, dass das ganz normale Schuhe seien. Eine Woche später hat er mich zum ersten Mal verprügelt. Wie heute waren wir auch da allein an der Bushaltestelle.

Paul kommt auf mich zu und macht seine Hand schon mal zur Faust. Sein Gesicht ist durch den Versuch eines Schnauzers eigenartig verknappt, als hätte jemand in der Mitte einen Reißverschluss zugezogen. Die blonden Stoppeln biegen sich nach oben, als er lächelt. Sein Arm schnellt nach vorne. Kurz vor meinem Bauch stoppt er. Aber ich habe natürlich gezuckt. Scheiße.

Beim ersten Mal hat Paul mir mehrmals in den Bauch geschlagen und anschließend den Fünfer aus meinem Rucksack gefischt. Seitdem ist das unsere Tradition. Fast jeden Morgen steht der Nazi hier und wartet auf mich. Ich ziehe mein Portmonee raus, er reißt es mir aus der Hand. Weil ich nicht komplett bescheuert bin, steckt der andere Taschengeldfünfer in meinen Schuhen. Aber zum Glück hat der Nazi seine Technik nie verfeinert. Selbstzufrieden steckt er den Fünfer weg und nickt mir zu, ich sammele mein Portmonee vom Boden auf. Die erste Etappe des Tages ist geschafft.

Paul und die anderen Nazis sitzen immer in der letzten Reihe. Eine Station nach Start steigen die Russlanddeutschen zu, die seit einem halben Jahr in Ebersbach angesiedelt sind. Kaum streckt der erste von ihnen seinen Kopf durch die Tür, ruft Paul von hinten «Die Ausländer nehmen uns die Sitzplätze weg» und seine Kumpels brechen in gemeinschaftliches Johlen aus. Dabei macht der Kommentar überhaupt keinen Sinn. Die Typen sitzen ja eh immer hinten, und im Bus muss nie jemand stehen. Außerdem ist es doch wirklich erbärmlich, die Sitzplätze in diesem rostzerfressenen Bus zu einer Art völkischem Besitz zu erklären. Aber ich habe Wichtigeres zu tun, als vertiefte Humorkritik an diesen Idioten zu üben. Liz steigt gerade ein. Und sie hat schon wieder eine neue Haarfarbe. Dieses Mal ist schreiendes Grün an der Reihe. Zusätzlich sind ihre Haare an der Seite abrasiert und dort in schwarzgelbem Schachbrettmuster gefärbt. Dazu trägt sie eine pinke Bomberjacke und in ihren grauen Augen liegt absolute Melancholie. Ihre Mundwinkel ziehen sich wie immer leicht angeekelt oder geringschätzig in Richtung ihres spitzen Kinns, als sie am Busfahrer vorbeigeht. Halt, Fehler! Liz geht nicht einfach, sie schreitet. Sie schreitet die Reihen entlang und setzt sich schließlich hinter mich. Mein Magen schlägt einen Salto. Liz prangt als Fanposter an der Innenwand meines Herzens. Sie ist allerdings zwei Jahre älter als ich und damit in etwa so weit weg wie Amerika. Ihre Schwester Maren, die jetzt den Bus betritt, ist hingegen genauso alt wie ich. In der Schule werden die beiden von einigen Leuten «Wölfinnen» genannt, weil sie mit Familiennamen Wolf heißen. Ich finde den Spitznamen ziemlich albern. Die Schwestern selbst, glaube ich, auch.

«Na, Lümmel», sagt Maren laut und setzt sich ebenfalls hinter mich. Im Gegensatz zu Liz ist Maren meistens gut drauf und strahlt mich auch heute wieder auf eine Art aus ihrem sommersprossigen Gesicht an, die mir sofort bessere Laune macht. Sie verzichtet auf schreiende Farben, oder Farben generell, und trägt vor allem schwarze Klamotten. An ihren Ohren baumelt eine beeindruckende Anzahl Ohrringe. Im Rosaluchs organisiert sie bereits Veranstaltungen. Die Kontakte von dort sorgen dafür, dass die beiden Schwestern eine Art Schutzschild umgibt. Als Maren sich über die Sitze beugt, geht ihr rundes Gesicht mit den lockigen blonden Haaren über mir auf wie eine verkehrte Sonne.

«Heute wieder Stress gehabt?» Sie lacht und redet laut genug, dass alle es hören. «Mit dem Faschopack von den billigen Plätzen?»

Der Bus fährt lautstark an und wie immer, wenn er beschleunigt, macht sich der Geruch von zehn Trabis breit. Mit einem Satz fährt er über ein Schlagloch, dass Marens Kreolen-Ohrringe nur so klirren.

«Lass ihn», meint Liz und zieht die Schwester zurück auf ihren Sitz, während ich in meinem etwas tiefer sinke. Trotzdem taucht Marens Gesicht wenig später noch mal in meiner Sitzreihe auf. Diesmal quetscht sie es zwischen den beiden Sitzlehnen hindurch wie ein überdrehter Jack Nicholson.

«Und? Schon aufgeregt wegen später?»

Ich nicke. Klar bin ich aufgeregt.

NACHWUCHS

Maren hatte recht. Die Gegend sieht so aus, «als wäre die SED gerade erst abgehauen». Die Häuser entlang der Straße üben sich in unauffälliger Monotonie. Der Putz wirkt wie an die Fassaden geklatscht, als hätten die Erbauer sowohl den Zement als auch die Häuser verachtet. Die Zäune präsentieren die mannigfaltigen Schattierungen der Farbe Braun. Dahinter reiht sich Betonviereck an Betonviereck. Warum hat keiner der Bewohner in den sechzehn Jahren seit der Wende an einen Neubau oder spannende Wandfarben gedacht?

Nach der Schule habe ich mich noch eine Weile im Stadtzentrum herumgedrückt. Zeit totschlagen. Die anderen von der Punkerwiese sind vor dem Konzert noch mal nach Hause gefahren. Für mich ist das keine Option. Ich wohne am anderen Ende der Busroute. Mir blieb nur das stundenlange Stromern durch die Innenstadt und das Starren in Schaufenster. Nach einem Joint im Stadtpark habe ich mich schließlich zum Rosaluchs aufgemacht, ausgestattet mit einer Wegbeschreibung von Maren. Der Club liegt am Rand Großenhains, in einer Gegend, die alle nur den «Exer» nennen. Früher haben hier Truppenübungen stattgefunden. Es ist die einzige Ecke der Stadt, in der dieser ganze DDR-Vibe noch spürbar ist.

Vor ein paar Jahren hat eine Landschaftsgartenschau im Großenhainer Stadtzentrum gewütet und dabei überall beblümte Kreisverkehre und kleine Parkanlagen hinterlassen. Wie ein zurückgespulter Tornado tauchte die Veranstaltung alle Fassaden der Innenstadt, die vom Zahn der Zeit zerstört waren, in Pastellfarben. Sie restaurierte die wenigen Bauten, die für Touristenblicke infrage kommen, und stattete sie mit neuen Metallzäunen und Informationstafeln aus. Ganz am Ende kam sogar ein Freibad obendrauf. Nur der Exer ist von alledem unberührt geblieben. Trotz der vielen Farben bleibt die Stadt vom Gefühl her sowieso bei stabilem Sozialistisch-Grau. Darum sind die Gebäude hier oben auch sehr ehrlich. Aber was weiß ich schon. Niemand an der Schule redet so richtig mit uns über diesen untergegangenen Staat. Dabei werden wir, die Teenager aus den Jahrgängen 1988/89, irgendwann seine letzten Überbleibsel sein. Vielleicht will man genau darum keine Geschichten aus der DDR in uns reinschreiben. Damit wir die Möglichkeit haben, neuer als diese Häuser zu sein.

Auf der Anhöhe angekommen, muss ich erst mal verschnaufen. Ich drehe mich um und schaue auf die lächerliche Steigung, die hinter mir liegt. Hier oben soll ich an einem ockerfarbenen Haus links in die Richardstraße rein. Ich bin sterbensmüde und schaue mit trockenem Mund auf die Betonsiedlung. Für mich sieht alles gleich aus.

Unser Geschichtslehrer ist immerhin mal die DDR-Architektur mit uns durchgegangen. Nicht dass jemand gefragt hätte, aber wenn die Klasse eh halbtot ist, sei dem Mann ein Exkurs in die spannende Welt der Langeweile gegönnt. Und immerhin weiß ich dadurch, dass die Wohnklötze, Typ EW 58, die sich hier aneinanderreihen, nicht nur zufällig so trostund unterschiedslos wirken. Diese Eigenschaft ist dem sozialistischen Gedanken geschuldet, dass alle Menschen gleich wären, wenn es alle Menschen gleich öde hätten. Dieses Denken wird dann wohl auch die Ursache für die aufwendig getunten Kleinwagen der Post-Wende-Kids sein. Immerhin bringen die Schlitten etwas Farbe und Individualität ins eigene Leben. Ich muss an den Film «Pleasantville» denken. Da werden zwei Jugendliche in eine Schwarz-Weiß-Vorort-Serie gesaugt. Durch ihren Einfluss bricht ein Teil der Stadtbevölkerung aus der Fünfzigerjahre-Mentalität aus und empfindet neue Leidenschaft und Freiheit. Die vormals grauen Petticoats und Anzüge werden nach und nach in Farbe getaucht und laufen fortan als Kontraste durch die monochrome Welt. Zunächst gibt es Streit und Widerstand der grauen Bevölkerung. Dann aber wird alles bunt. Ein Happy End. Irgendwann auch hier. Zuerst das Zentrum und dann der Rest der Stadt. «Freedom 99» steht auf dem Spoiler eines so tiefen wie knallgelben Corsas. Er steht vor einem weiteren – ockerfarbenen – EW 58. Ich hab’s gefunden! Bis auf die Farbe ist das Gebäude äußerlich nicht zu unterscheiden von allen anderen Häusern in der Gegend. Allerdings steht vor diesem auf einem kleinen Metallsockel eine exakte Miniaturdarstellung des Hauses selbst. Sogar Fenster und Türen sind an dem Modell detailgetreu nachempfunden. Mir kommt der Gedanke, dass eigentlich nur mein Geschichtslehrer diesen Bautyp so abkulten kann. Eilig gehe ich am Klingelschild vorbei, ohne nachzuprüfen, ob der Verdacht stimmt. Am Ende kommt der Mann noch raus und ist stolz auf sein Eigenheim oder sowas.

Hier soll ich links abbiegen und die Straße bis zu einem Weg zwischen Hecken hinuntergehen. Ein paar Meter weiter kann ich sie schon sehen. Zwei akkurat gestutzte, etwa drei Meter hohe Hecken, Typ Europäische Eibe. Zwischen ihnen verläuft ein kleiner Pfad bis zu einer Biegung, deren Ausgang ich nicht sehen kann. So einen Weg würde ich in Großenhain normalerweise nicht langgehen. Maren hat mir allerdings versichert, dass ich auf dem Exer nichts befürchten muss. Die Nazis hätten ihren Club, das Pulsschlag, näher am Stadtzentrum und würden sich den langen Weg den Berg hinauf nicht antun. Eine leichte Paranoia macht sich trotzdem in mir breit, als ich den schmalen Pfad entlanggehe. Die Eibe überragt mich, ab und an wird sie durch Gartentore mit Hundewarnschildern unterbrochen. «Hier wache ich!», «Vorsicht vor dem …!», «Eintritt auf eigene …!», «Sie verlassen das Gebiet der …!»

Ich beschleunige meinen Schritt. Nach zwei weiteren Biegungen ist der Pfad endlich zu Ende. Die Büsche hören auf und geben den Blick auf einen Schotterparkplatz frei. Dahinter steht das Rosaluchs. Im Dritten Reich ist das flache grüne Haus mit dem lang gestreckten roten Dach mal ein Hitlerjugendheim gewesen. Heute ist es das Zentrum für Punkkonzerte im Raum Riesa-Großenhain. Beim Gedanken an all die Nazis, die in ihren Gräbern rotieren würden, wenn sie von dieser Entwicklung wüssten, muss ich grinsen. Hierher kommen all jene, die im Pulsschlag verprügelt würden, weil sie irgendwie anders sind und für die das Freibad im Stadtpark als Freizeitalternative nicht infrage kommt. Damit sind alle Möglichkeiten abgedeckt, die Jugendliche in Großenhain haben: Entweder bei den Normalos mitschwimmen, Nazi sein oder – wie ich jetzt – hier im Rosaluchs abhängen. Musik dringt aus dem Gebäude. Es ist also schon offen.

Als Erstes haut mich der Geruch um. Beim Betreten des Gebäudes steigt mir die Mischung aus altem PVC und verschüttetem Bier direkt in die Nase. Ohne den Geruch wäre die Szenerie auch unvollständig. Die Wände sind bedeckt mit übereinandergeleimten Schichten von Konzertplakaten. Namen wie Angepisste Monitorboxen, Napalm Entchen, Stadtstrandgranaten oder der heutige Headliner Torpedo Chantalle prangen auf den roten, gelben und grünen A3-Ausdrucken. Die Bandfotos zeigen die Musiker mal gelangweilt an Mauern stehend, mal mit ausgestreckten Mittelfingern oder mit Gitarren posend. So unterschiedlich ihre aufgetakelten Haarsprayfrisuren und zerrissenen Jacken auch sind, sie gehören klar derselben Szene an. Ich mustere Reihe für Reihe der Styles und Posen und schaue dann an mir selbst herunter. Unter meinem grünen Armeeparka trage ich ein sauenges Shirt. Auf der Suche nach einem passenden Outfit habe ich es in einer alten Kiste auf dem Dachboden gefunden. Zwei Comic-Kids strecken darauf ihre Finger zum Peace-Zeichen geformt nach vorne. Darunter steht «Kinderland 95». Ich mustere das Foto von Torpedo Chantalle und zucke zusammen. Das wusste ich nicht. Zu der Band gehört auch Nam, eine Achtklässlerin aus meiner Schule. Woher hat sie diese Dr. Martens mit den Plateauabsätzen? Scheiße. Zwei Jahre jünger als ich und trotzdem cooler. Wieder schaue ich auf mein Kinderland-Shirt. Es ist ein Anfang.

Gruppen, die noch kein Bandfoto haben, helfen sich mit zackig geschriebenen Bandlogos oder Zeichnungen: Brennende Gitarren stecken in den Schädeln dümmlich schauender Bullen, Bierflaschen bilden ein Anarchie-Zeichen. Das alles ist so absichtlich schlecht gestaltet, ich kann die Bands förmlich hören. Das kann allerdings auch am Sound von Terrorgruppe liegen, der durch das Erdgeschoss schallt. Die Musik kommt aus dem Raum rechts des Eingangs. Darin befindet sich eine Bar und so viele Sofas, dass nicht erkennbar ist, wo eines aufhört und das andere anfängt. Auf ihnen fläzen bereits ein paar Leute, in die Kissen und ein Gespräch vertieft.