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Das Leben von Nils und Irena ist im deutschen Kaiserreich kurz vor dem Ersten Weltkrieg leicht und unbeschwert. Nils verbringt seine Jugend auf einer einsamen Hallig inmitten der Nordsee und sehnt sich nach Abenteuern und nach der großen Welt, während Irena das einfache Leben einer Werftarbeitertochter in der aufstrebenden Stadt Kiel genießt. Als Nils voll gespannter Erwartungen seinen Dienst in der Kaiserlichen Marine antritt, erfährt Irena von unerwarteter Seite die ersten Zärtlichkeiten ihres jungen Lebens. Doch dann trifft sie jene Grausamkeit, welche ihre unbeschwerte Kindheit und das Leben ihrer Familie für immer zerstören wird. Während auch Nils bald erkennen muss, dass Unrecht und Gewalt seine Welt in Dunkelheit zu drängen droht, wird das Schicksal dieser beiden jungen Menschen auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben, doch nur kurzes Glück ist den Liebenden vergönnt. Sie sehnen sich nach einem Wiedersehen, doch der Weg ihres Lebens ist voller Trauer und Hindernisse und beide führt das Schicksal in eine unheilvolle Zukunft.
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Seitenzahl: 907
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Für
Conny
und
Maice
Bernd Geerdes
Zwischen den
Meeren
Pflicht und Schuld
www.tredition.de
© 2015 Bernd Geerdes
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-5716-1
Hardcover:
978-3-7323-5717-8
e-Book:
978-3-7323-5787-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Prolog
Norderness
Die Kaiserin
Der Rekrut
Werkzeuge des Todes
Paul Hermanns Vermächtnis
Ein Brief
Kommissar Vogel
Das Zählen der Schritte
Ingrids Abend
Friedrichs Schicksal
Weichen werden gestellt
Die Bahn
Der Griff des Unheils
Sehnsüchte
Die Suche nach K.B
Die feine Dame
Friedrich Amundis Untergang
Ein Silberner Schwan
Irenas Gesicht
Eskalation der Gewalt
Verbotene Freuden
Ein versperrter Zugang
Schrei nach Vergebung
Zwischenspiel
Zwei Abschiede
Ein Treffen am Strand
Das Zerwürfnis
Die Suche
Verlorenes Glück
Pflicht und Schuld
Kirchstraße 9
Eckernförder Allee 25
Kirchstraße 9
SMS Wettin Kriegshafen Kiel
Fähre Neumühlen-Altstadt
Eckernförder Allee 25
SMS Wettin Kriegshafen Kiel
Eckernförder Allee 25
SMS Wettin Kriegshafen Kiel
Eckernförder Allee 25
Hohenzollernpark Kiel
Café Brander
Zum Silbernen Schwan
Jungmannstraße
Anmerkung des Autors
Prolog
Der dunkle Mann betrachtete zufrieden sein Ebenbild im Spiegel des kleinen, einfachen Zimmers.
Goldfarbene Knöpfe auf einer blauen Uniform.
Die mächtige Brust wölbte sich stolz unter der Jacke und er spürte Genugtuung bei dem Gedanken an den Respekt und der Anerkennung seiner Mitmenschen, empfand er sie doch als den gerechten Lohn für seinen langjährigen Dienst als Werftpolizist.
Er straffte sich ein letztes Mal, zwirbelte seinen Schnäuzer zur vollen Größe und verließ sein Zimmer. Eine schmale Treppe führte ihn in einen winzigen Flur, nur spärlich erhellt durch eine flackernde Laterne.
„Paul?“, schnarrte eine raue Stimme.
„Ja Mama, ich bin es. Ich wollte mich eben aufmachen und zum Dienst gehen. Hab heute Abend keine Furcht, denn ich werde erst spät wieder zu Hause sein. Heute ist ja der Tag, an dem unser Kaiser mit seiner Familie auf die Werft kommt und das neue Schlachtschiff taufen wird.“
„Wer kommt auf die Werft und warum?“, knarrte die Stimme erneut.
Der dunkle Mann seufzte leise auf.
„Der Kaiser, Mama. Es wird ein neues Schiff seiner Marine zu Wasser gelassen. Ich hatte es dir doch erzählt, weißt du denn nicht mehr?“
„Junge, komm zu mir ins Zimmer, wenn ich mit dir zu reden habe. Es ist nicht höflich, dass ich durch die Stube rufen muss wie eine Magd auf dem Fischmarkt. Je älter du wirst, desto unmöglicher werden deine Manieren.“
Der dunkle Mann zog den Kopf ein und trat in das Zimmer der schnarrenden Stimme. In einem wackeligen Holzstuhl saß eine sehr alte, zahnlose Frau und schlürfte etwas Kaffee aus einer schmutzigen Tasse.
„Was willst du denn, Mama? Ich habe dir doch …“
„Was ist denn das für eine Uniform, die du da trägst? Bist du jetzt doch bei der Marine, Junge?“ In dem Gesicht der Frau formte sich ein stolzes Lächeln, aber der dunkle Mann blickte betreten zu Boden.
„Aber Mama, ich habe dir doch gesagt, dass ich bei der Werftpolizei bin, seit drei Jahren schon. Und alle dort müssen eine Uniform tragen, denn wie sollten die einfachen Arbeiter denn sonst wissen …“
„Also bist du doch nicht bei der Marine?“
„Ähm, nein Mama, ich …“
Die alte Frau winkte mürrisch ab.
„Ach, lass mich zufrieden mit deinen Ausreden. Was wären wir stolz gewesen, wenn du bei des Kaisers Marine untergekommen wärest. Dein Vater, Gott sei seiner Seele gnädig, hätte seine Augen in Frieden schließen können, wärest du im Matrosenanzug von der Musterung zurückgekommen, aber die wollten dich ja nicht …“
Zorn und Scham stiegen in dem dunklen Mann empor, denn nur zu gut waren ihm die Gründe seiner Ablehnung noch bewusst. Wie sehr hatten sie damals über ihn gelacht, als er sich vor all den Männern entkleiden und sein Glied zeigen musste. Der Arzt hatte ihn in den Schritt gefasst, und ohne dass er es wollte, reagierte seine Männlichkeit auf die erste Berührung einer fremden Hand und er entlud sich auf den Arm des Mannes im weißen Kittel. Der Tod wäre damals für den dunklen Mann etwas Willkommenes gewesen, doch blieb er am Leben und musste das brüllende Gelächter der Männer und die Schande ertragen.
Der Arzt hatte seine Hand angewidert zurückgezogen und ihn mit wüsten Worten beschimpft.
„Schwuler …, Perverser …, kranker Geist …, Undeutscher …“
Wie gerne hätte der dunkle Mann an jenem Tag den Marschbefehl in seine zukünftige Einheit entgegengenommen, aber stattdessen wurde er ausgemustert und als nicht tauglich für den Dienst in der Armee des Kaisers eingestuft. Furchtbar brannte die Enttäuschung in den Augen der Eltern, als sie von seiner Schmach erfuhren! Er log seinen Eltern etwas von einem unrhythmischen Herzen vor, zu schändlich war doch die ganze Wahrheit! Und so musste er erdulden, dass sein Vater an jenem Tag, als er unter Schmerzen diese Welt verließ, nur geringschätzige Blicke für den dunklen Mann übrig hatte. Die Freude über einen liebevollen Abschied hätte ihn übermannt, aber der Vater war gegangen, ohne noch einmal seine Hand zu nehmen. Und als ob dieses Übel nicht genug gewesen wäre, so hatte seine Mutter seit jenem Tag jeden Moment genutzt, ihn immer und immer wieder an sein schändliches Versagen zu erinnern. Sie war seine Mutter, aber an Tagen wie diesen verfluchte er sie wegen ihres ewig nörgelnden Wesens.
„Mama, ich habe es dir doch wieder und wieder erklärt, dass sie mich schon genommen hätten, wenn ich nicht …“
Wieder winkte die Frau mürrisch ab.
„Schon gut. Beeile dich jetzt und gehe zum Dienst. Und achte darauf, dass du dich von keinem Weibsbild ansprechen lässt. Die Weiber von heute taugen alle nichts, höre auf mich. Gehe einfach deiner Wege und dann ist es gut. Hörst du?“
„Ja Mama, ich höre dich. Aber ich würde schon gerne …“
Die alte Frau richtete sich in ihrem Stuhl auf.
„Unterstehe dich und schleppe mir eines Tages so ein loses Weibsstück an. Ich weiß doch, was dann geschehen wird! Du wirst mit ihr auf dein Zimmer gehen und sie stellt Gott weiß was für Dinge mit dir an und dann wirst du deine Mutter nicht mehr lieb haben und mit diesem Weib das Weite suchen und ich werde hier einsam in meinem Stuhl sterben, nur weil mein Herr Sohn seine Gelüste nicht beherrschen kann. Dieses Haus wird so einer Hure keinen Unterschlupf gewähren, lass es dir gesagt sein!“
Der dunkle Mann schloss die Augen. Jedes Wort aus ihrem zahnlosen, faltigen Mund erzürnte ihn. Immer und immer wieder schimpfte sie über die Frauen und nannte sie Huren und Dirnen, dabei verlangte es ihn doch so sehr nach ihrer Gesellschaft, denn welch merkwürdige Wesen waren sie doch! So ganz anders als seine Mutter und er selbst, zart, weich und geheimnisvoll, aber auch verletzend und abstoßend. Zwar beschränkten sich seine Erfahrungen auf einen Besuch in einem dieser Freudenhäuser außerhalb der Stadt, aber bereits dort hatte er die dunkle, boshafte Seite der Frauen erlebt, die ihm furchtbare Qual bereitet und Erinnerungen an jenen Armeearzt neu entflammt hatte.
Es war in einem unordentlichen, kleinen Zimmer voll üblen Gestanks gewesen und er sah noch ihr lachendes Gesicht vor sich, als sie ihre Hand in seiner Hose hatte gleiten lassen und er sich ebenso wenig zurückhalten konnte wie bei der Musterung Jahre zuvor. Sie hatte ihre besudelte Hand zurückgezogen und diese erneute Schande trieb ihn zur Raserei. Als er wenig später das Zimmer der Schande verließ, hatte diese Frau stumm und blutend auf dem Boden gelegen und für ihn war diese Ruhe nach dem Lachen eine unendliche Wohltat gewesen. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben die Macht gespürt, die er über einen anderen Menschen ausüben konnte und nie würde er diesen Moment vergessen, an dem Schande und Triumph so eng beieinandergelegen hatten.
„Paul gehst du jetzt endlich? Eile dich, sonst verlierst du auch noch diese Uniform.“
Der dunkle Mann nickte ergeben.
„Ja, Mama. Ich gehe, aber denke daran, dass ich erst spät …“
„Und vergiss nicht: Hände weg von den Weibsbildern. Du wirst mir keine von diesen ins Haus bringen, verstanden?“
„Ja, Mama. Ich werde es nicht vergessen.“
Ablehnung und Wut stiegen in dem dunklen Mann auf, der von seiner Mutter Paul genannt wurde. Er verfluchte die bitteren Worte, die seine Mutter ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Er verfluchte die Worte und auch den Mund, der sie sprach und er spürte wieder jenen Hass, der seit diesem Tag bei der Hure in ihm loderte.
„Mögen sie auch noch so verlockend sein, aber eigentlich verfluche ich alle Weiber. Sie taugen alle nichts und sind voller Übel. Der Teufel soll sie alle holen!“
Der dunkle Mann ballte seine Fäuste und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
Norderness
Ein kleiner grüner Fleck im weiten Grau der Nordsee, umgeben von einem ebenso grünen und von einer großen Anzahl Schafe bevölkerten Deich. Einige reetgedeckte Häuser und Scheunen, die trotz ihres Alters einen gepflegten Eindruck machten, waren auf diesem Flecken zu sehen und außerhalb des lebensrettenden Rings aus Steinen und Erde grasten friedlich und stoisch einige Kühe, begleitet von dem ungezählten Heer der Fliegen. Aufgrund der frühen Morgenstunde war kein Mensch bei den Häusern zu sehen, auch die Wiesen innerhalb des Deiches lagen leer und verlassen im Dämmerlicht des kommenden Tages. An einer Seite des großen Wohngebäudes führte ein kleiner Pfad den Deich empor und verlor sich im Grün der Salzwiesen. Er zeigte frische Abdrücke von Männerstiefeln und auf der Seeseite des Walls fand sich der Verursacher dieser Spuren, ein junger Mann von hohem Wuchs und strohblonden Haaren. Er lag auf dem Rücken im Gras und schien die Kälte des Morgens nicht zu spüren, denn seine Augen waren geschlossen und sein Körper regungslos.
Sein Name war Nils Rasmussen.
Nils hob den Kopf, als er die ersten, wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne auf seinem Gesicht spürte. Er sah, wie der Himmel aufleuchtete, die Sonne das weite Land in rotes Licht tauchte und lauschte den nimmermüden Möwen, die den Morgen mit ihrem lautem Geschrei begrüßten. Es waren für ihn immer wieder die schönsten Momente, wenn der Tag und das Leben um ihn herum erwachten. Und gerade heute, an dem bisher wichtigsten Tag seines Lebens, sehnte er sich den Aufgang der Sonne mit einer ganz besonderen Inbrunst herbei, denn heute sollte sich sein Leben verändern.
Der Wind trug den unverkennbaren, salzigen Duft des Meeres zu ihm und in seinem Kopf erschienen die üblichen Bilder von fernen Ländern, wilden Gestalten, deren Verwegenheit mit finsteren Hafenkneipen konkurrierte. Hier saßen sie immer bei scharfen Getränken und prahlten mit ihren Abenteuern. Der Geruch des Meeres ließ ihn auch von exotischen Inseln träumen, von blauem Wasser und dunklen Menschen (wobei in den letzten Jahren diese Menschen vermehrt weiblichen Geschlechts mit nackten Brüsten waren). Der Seewind trug die tiefe Stimme seines Großvaters zu ihm, wie er in den langen Winterabenden mit seinem Enkel in der warmen Stube saß, während der Sturm um das Haus dröhnte. Seine Erzählungen ließen in den Jahren eine tiefe Sehnsucht in Nils heranwachsen, eine Sehnsucht, die ihn nicht mehr loslassen wollte, eine Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer oder kurz: eine Sehnsucht nach der See.
Großvater hatte auch von den frühen Jahren erzählt, als sich noch Land befand, wo heute die Nordsee rauschte und von wilden Küstenlinien ohne Deiche. Viele furchtbare Sturmfluten hatte es in den Jahrhunderten gegeben und danach war das Land gegangen und hatte nur wenige Inseln und Halligen zurückgelassen. Eine dieser Halligen war Norderness, die Heimat der Familie Rasmussen über viele Generationen.
Nils schloss wieder seine Augen und genoss die leise Wärme in seinem Gesicht. Seine Gedanken wanderten von der Sonne zu seinem Vater, der nun in seinem Bett wohl langsam erwachen dürfte.
„Jungchen, lieg hier nicht so im Gras herum! Ich gebe dir Arbeit, wenn du nichts zu tun hast, du fauler Bengel!“
Nils musste lächeln. Natürlich war es manchmal ein rauer Ton, den Torben Rasmussen gegenüber seinem Sohn anschlug, aber dennoch war er immer von großer Herzlichkeit geprägt.
Nils erhob sich aus dem, vom Morgentau nassen Gras und dehnte seinen mächtigen Körper. Er klopfte sich das Gras von seiner Kleidung und murmelte:
„Heute wird ein guter Tag und endlich kann ich meinen Dienst für Kaiser und Vaterland antreten und so Gott will auch die Welt sehen.“
Er erinnerte sich an die Berichte in den letzten Zeitungen, die das Postboot auf Norderness gebracht hatte.
„Ich werde unserem Kaiser helfen, dass wir Deutsche unseren Platz auf der Welt behaupten können. Hat er nicht gesagt, dass unserem Land goldene Zeiten bevorstehen? Goldene Zeiten und das Glück auf der See? Und nun gönnt uns Europa dieses Glück nicht und vor allen anderen gönnen es uns diese verdammten Engländer nicht!“
Nils stieß leise Verwünschungen aus, war jedoch froh, dass sein Vater sie nicht hören konnte, denn Torben Rasmussen war kein Freund von Reden dieser Art.
Nils stampfte mit den Füßen auf, um seine Gliedmaßen zu neuem Leben zu erwecken, dann stiefelte er den steilen Wall empor. Oben auf der Deichkrone angekommen drehte er sich ein letztes Mal um, schloss die Augen und atmete tief die salzige, kühle Luft ein. Oh wie gerne würde er dorthin reisen, wo der Wind seinen Anfang nahm! Dort, wo Wasser und Himmel sich berührten und eins wurden.
„Verdammt noch mal. Jetzt hör auf zu träumen wie ein altes Weib. Du hast noch viel zu tun und das Postboot wird nicht auf dich warten.“
Der junge Mann rannte in halsbrecherischem Tempo den Deich hinunter, eilte an der Wand des Hauses entlang und bog um die Ecke. Dann stand er vor der schweren, dunkelgrün lackierten Holztür, die sein Großvater hatte anfertigen lassen. Ohne auf die kunstvollen, den Verzierungen an den Walfängern nachempfundenen Schnitzarbeiten zu achten, lief er in den dunklen, kühlen Flur, begierig darauf, in sein Zimmer zu gelangen, den Schrank aufzureißen und endlich seinen Seesack zu packen. Seine Hand griff schon nach dem Treppengeländer, als er eine leise, aber raue Stimme hörte, gewöhnt daran, sich nicht unnötig zu wiederholen.
„Nils!“
Nils blieb auf der Stelle stehen. Er wusste natürlich, wem diese Stimme gehörte und was nun folgen würde. Er schloss kurz die Augen und holte tief Luft, dann trat er in den Raum, aus dem die Stimme gekommen war. Dieser Raum war die große Küche und schon seit frühesten Zeiten der zentrale Mittelpunkt des Lebens auf Norderness.
Torben Rasmussen saß am großen Tisch und stopfte seine alte Pfeife. Er blickte nicht auf, sondern wartete darauf, dass sein Sohn zu ihm trat.
„Setz dich ein wenig zu mir, Sohn. Ich will die wenige Zeit nutzen, die mir heute noch bleibt und ein letztes Mal versuchen, dich von deinem Pfad ins Verderben abzubringen. Setz dich zu mir, bitte.“
Nils lächelte irritiert und verunsichert. Noch nie hatte sein Vater auf diese Art zu ihm gesprochen oder gar eine Aufforderung mit einem bitte abgeschlossen … Langsam trat er an den Tisch aus massivem Eichenholz, der ohne Probleme Platz bot für die komplette Familie mit all ihren Verwandten. Aber heute saß hier nur Torben, der seinem Sohn traurig entgegen sah.
Torben Rasmussen verband rein äußerlich nichts mit seinem Sohn. Nils war ein Hüne von beinahe zwei Metern und athletischer Statur. Torben dagegen besaß nur durchschnittlicher Größe, wesentlich schmaler und mit dunklem Haar. Diese Unterschiede zu seinem Sohn hatten ihm und seiner Frau bereits viel Spott von den Bewohnern der Nachbarinseln eingebracht. Ein Mann des Nordens sei eines Tages auf Norderness gelandet und habe die Bedürfnisse des Weibes befriedigt, weil Torben seine Zeit ja viel lieber mit Vieh und Land verbringen würde. Brüllendes Gelächter der Männer und verschämtes Kichern der Frauen hatte stets diese gutmütige Neckerei begleitet, jedoch im Laufe der Jahre hatte er aufgehört, sich über das Gerede der Leute zu ärgern. Er konnte sich der Treue seiner Frau Renate sicher sein, obgleich sie mit ihren weiblichen Rundungen und dem strahlenden Lachen immer noch manch begehrliche Blicke auf sich zog. Was Vater und Sohn aber verband, waren ihre blitzenden, tiefblauen Augen und ihr stilles, leises Wesen, was für Fremde leicht als Schwäche fehlgedeutet werden konnte. Aber diese Einschätzung war ein Irrtum, was ein Hafenarbeiter in Husum eines Tages leidvoll erfahren musste, denn nach einer derben Beleidigung von Torbens Eltern fand er sich eine Minute später auf der Straße im Schmutz der Gosse wieder, eine Hand gebrochen und einige Zähne weniger in seinem Mund. Obwohl der Fremde ebenfalls von starkem Wuchs war, hatte Torben ihn wie einen Zwerg gepackt und mit Macht in seine Schranken verwiesen. Danach wurde kein Fall mehr bekannt, bei dem Torben unterschätzt worden wäre …
Nils setzte sich mit einem Ausdruck unsicherer Erwartung auf die Bank und musterte seinen Vater. Wie oft hatte er in seiner Kindheit auf diese Art vor ihm gesessen und seinen Erzählungen gelauscht! Aber heute ging es nicht um Abenteuer aus fernen Ländern, sondern um seine Zukunft, die sich an diesem Tage entscheiden sollte. Nils erinnerte sich noch daran, wie er genau auf diesem Platz gesessen und seinem Vater zum ersten Mal von seinen Plänen erzählt hatte.
„Vater, ich will dabei sein, wenn wir diesen widerlichen, arroganten Tommys zeigen, was ein deutscher Soldat ist! Hast Du nicht in den Zeitungen gelesen, was die da drüben von uns sagen und denken? Weswegen hat denn der Kaiser seine Flotte aufgebaut, wenn wir ihm jetzt nicht dabei helfen, unsere Rechte auf den Weltmeeren zu verteidigen? Viel zu lange schon spielen wir hier hinter den anderen Nationen nur die zweite Rolle. Das müssen wir ändern, denn unsere Zukunft liegt nur auf der See und in den Kolonien. Wie soll unsere Nation groß, stark und gesund werden, wenn uns das alles verwehrt bleibt, was für alle anderen erlaubt und rechtens ist? Ich melde mich freiwillig, um unserem Kaiser dabei zu helfen, unsere Interessen durchzubringen. Und ich bin auch bereit für mein Vaterland zu sterben, wenn es denn von mir verlangt werden sollte. Einen ehrenvollen Tod für den Kaiser! Jeder Mann ist ein Feigling, der nicht mit uns zieht!“
Kaum hatte Nils diese Worte gesprochen, hätte er sich mit Freuden die Zunge herausreißen lassen, denn sein Vater hatte betrübt und beschämt den Blick gesenkt und müde genickt.
„Feigling … So siehst du mich also … Nur, weil ich meine Erfahrungen gesammelt und die Erkenntnis gewonnen habe, dass nichts Ehrenvolles am Tod ist, sei es für den Kaiser in einer ach so fernen Hauptstadt sterben oder für sonst noch jemanden oder etwas. Wo war die Ehre, als mein Vater im großen Frühjahrssturm 1906 von der See verschlungen wurde? Sag es mir, Sohn! Die Trauer, die Not und das Leid ließen keinen Platz für Ehre, Stolz, Feierlichkeit. Was blieb, war die Leere, das Endgültige, der Verlust. Und nun willst du unsere Hallig, deine und die Heimat unserer Familie seit vielen Generationen, verlassen und für eine ferne, ungewisse Sache in den Krieg ziehen; einen Krieg, der noch nicht ausgesprochen wurde und den doch alle jetzt schon bejubeln. Warum aber dieses Jubeln? Er wird doch nur wieder Tod und Elend hervorbringen. Aber du bist nun einundzwanzig Jahre alt und hast damit das Recht, deine eigenen Entscheidungen zu treffen, aber tief in mir spüre ich, dass ich meinen Sohn verlieren werde, entweder an die See oder an diese Armee, in die es dich so sehr zieht.“
Nils wusste auch, dass sein Vater sogar den beschwerlichen Weg nach Husum ins Wehramt auf sich genommen und versucht hatte, dem Marschbefehl seines Sohnes entgegenzuwirken, aber alle Versuche waren ergebnis- und nutzlos geblieben. Nils hatte an diesem Abend im dunklen Flur des Hauses gestanden und den Worten seines Vater gelauscht, als er seiner Frau von seinem Besuch im Wehramt erzählte.
„Mutter, stell dir vor: Nach endloser Warterei in einem kargen Gang wurde ich zu einem kleinen Beamten vorgelassen. Weiß der Himmel, was für eine niedrige Charge dieser gewesen ist, aber er war die Unfreundlichkeit in Person. Und natürlich wieder eines dieser Bilder vom Kaiser im Rücken, so als ob der feiner Herr persönlich im Zimmer zugegen wäre. Da jede Höflichkeit unnütz gewesen wäre, habe ich umgehend versucht, die Dringlichkeit unserer Not klarzustellen und ich habe ihm gesagt, dass das mit unserem Sohn nur ein Irrtum sein kann:
‚Es muss doch ein Irrtum sein, werter Mann! Mein Nils ist doch nur ein Kind, ein Dummes! Ein junger Bursche, der es nicht besser weiß, weil er noch nichts weiß! Was kann ein einfacher Mann, der nur was von den Halligen, Schafen und Schweinen kennt, denn dem Kaiser nützen? Er würde doch bei dem ersten Kanonendonner zurück nach Hause fliehen wollen!’“
Nils hatte damals im Dunkeln des Flures seine Fäuste geballt und einen Zorn auf seinen Vater gespürt wie noch niemals zuvor. Welcher Schande hatte er ihn ausgesetzt! Dann jedoch hatte er die Stimmer seiner Mutter vernommen, die in leisen aber bestimmten Tönen das Vorgehen ihres Mannes verurteilte:
„Vater, es ist nicht recht und wird es nie sein, dass du unseren Sohn in einem solch jämmerlichen Licht erscheinen lässt. Was soll dieser Mann, nein, was soll Nils denn von dir denken, wenn er jemals von diesem Gespräch erfahren sollte? Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel, gerade dann nicht, wenn du damit die Ehre unseres Sohnes in den Schmutz ziehst!“
Nils wäre am liebsten in die Küche geeilt und hätte seine Mutter umarmt, so sehr sprach sie ihm aus der Seele. Aber dann sagte sein Vater Worte, die Nils Zorn besänftigte und die er seit jenem Tag immer bei sich trug:
„Mutter, ja denkst du denn, dass mir es leicht gefallen ist, unseren Sohn in dieses Licht zu stellen, aber was blieb mir denn übrig! Ich würde alles tun, um unser Fleisch und Blut vor dem Unheil zu bewahren, und das Unheil habe ich gesehen, als ich in das Gesicht des Kaisers blickte. Aus diesem Gesicht schauen nur Strenge, Pflichterfüllung und Dienst am Vaterland. Nichts ist aber von Toleranz, Verständnis gegenüber anderen und der Freundschaft der Völker zu sehen. Wohin soll dieser Kaiser uns führen, wenn nicht in den Krieg und davor muss ich Nils schützen, koste es, was es wolle!“
Nils Mutter hatte darauf wohl nur genickt, denn er konnte ihre Antwort nicht hören. Und so erzählte sein Vater weiter von seiner Begegnung mit dem kleinen Beamten im Wehramt und wie geringschätzig dieser auf sein Flehen reagiert hatte:
„Hören Sie, da gibt es nichts zu flehen! Was glauben Sie, was ich mir hier schon alles anhören musste. Denken Sie, dass das Wohl unserer Volksgemeinschaft Rücksicht auf den einzelnen Bürger nehmen kann? Der Kaiser weiß was er tut, und wenn Ihr Sohn auserwählt ist, seiner Majestät Willen zu vollziehen, sollten Sie sich freuen und dankbar sein! Und schämen Sie sich, ihren Sohn als Feigling darzustellen. Ein deutscher Junge hat nicht feige zu sein, sondern für sein Vaterland zu kämpfen. Das Vieh ist für die Alten und die Weiber. Reißen Sie sich zusammen, hören Sie? Sie sollten eher froh darüber sein, dass sich Ihr Sohn tapfer und mutig in den Dienst an seinem Vaterland und seines Kaiser gemeldet hat, um der Unterdrückung durch diese verdammten Engländer Einhalt zu gebieten. Sie sollten ihn mit Ihrem Segen in die heilige Schlacht zum Ruhme unseres Reiches senden und nicht hinter seinem Rücken seine Ehre beschmutzen! Und nun gehen Sie und kümmern sich um Ihren Sohn, der wohl den Ernst der Zeit besser erkannt hat als Sie! Und ich werde zu seinem Wohl vergessen, diese schandhaften Worte aus Ihrem Munde gehört zu haben. Gehen sie zurück zu Ihrem Vieh und zu Ihrem Weibe!“
Torben berichtete von der maßlosen Wut, die er gegenüber diesem kleinen Schreiberling empfunden hatte, aber auch von der tiefen Enttäuschung wegen der Erkenntnis, dass all seine Bemühungen erfolglos bleiben würden. Und heute, am Tage von Nils Abreise nach Husum in die Sammelstelle des Kreises, wollte sein Vater einen letzten Versuch unternehmen, ihn doch noch von seinen Plänen abzubringen.
Torben blickte seinen Sohn lange an und setzte dann seine Worte mit Nachdruck und Bedacht:
„Junge, ich weiß, dass alles in dir sagt, dass du das tun musst. Ich kenne ja das Gerede der Leute, des Pfarrers und das Geschwätz deines Onkels Gustav. Aber was wissen die schon von dir? Was wissen die von dem Leid, das aus deinem Handeln entstehen kann? Hast du dir Gedanken darüber gemacht, dass dich tatsächlich der Tod erwarten könnte? Hast Du dem Tod schon einmal ins Auge gestarrt? Kennst du das Gefühl, wie Angst Besitz von dir ergreift, sodass du weder denken noch atmen noch dich bewegen kannst? Und hast du dir Gedanken darüber gemacht, wie es an jenem Tage sein wird, wenn der Feind vor dir steht und du ihn töten musst, einen Menschen, der dir niemals etwas zuleide getan hat und den du niemals gekannt hast? Denk dir Sohn: Du nimmst einem Mann das Leben, der eine Ehefrau zu Hause hat, die in diesem Moment vor Sorge und Kummer um ihren Mann vergeht. Oder einem Sohn, um den dann eine Mutter wie die deine bittere Tränen weinen wird. Glaubst du, dass diese Frauen Verständnis für die Beweggründe unseres Kaisers haben werden? Und denk dir, es sitzt ein kleines Kind in der Wiege, so wie du in der Wiege gelegen hast, einer Wiege von der Art, wie sie oben unter dem Dach steht. Ein Kind, dem du nun den Vater rauben wirst. Es mag ein böser Mann sein oder auch ein Guter, du wirst es niemals erfahren. Aber er ist ein Vater und sein Kind wird nun ohne ihn aufwachsen oder vielleicht sogar einen elenden Hungertod sterben, denn du hast ihm ja seinen Ernährer genommen. Du wirst mit dieser Schuld leben müssen und doch wird es nur die Schuld gegenüber einem Einzelnen sein, aber es werden viele Feinde für dich kommen, sehr viele und alle wirst du vielleicht töten müssen. Auch Gott wird Dir hier nicht helfen, denn dieser mit Sicherheit kommende Krieg steht nicht unter dem Segen des Herrn, so wie jeder Krieg. Denn Töten ist Sünde und im Jenseits gibt es kein England und kein Deutschland und erst recht keinen Kaiser. Dort sind wir alle nur arme Sünder und derjenige fährt direkt in die Hölle, der sich durch das Töten versündigt hat! Ich bitte dich ein letztes Mal, ich flehe dich an, mein Sohn: Rücke von deinem Entschluss ab und bleibe bei uns! Lass diesen Krieg von jenen austragen, die ihn anzetteln wollen, die noch nie etwas für uns und Norderness getan haben und dessen Gesichter du nur aus der Zeitung kennst. Im Krieg gibt es nichts für dich. Keine Ehre, keine Tapferkeit, keine Heldentaten, nur den Tod. Hier dagegen wartet auf dich das Leben! Mag es auch langweilig und öde sein, aber es ist das Leben!“
Schwer atmend und mit einem Gesichtsausdruck, aus dem seine tiefen Seelenqualen abzulesen waren, hielt Torben inne und senkte den Kopf, denn um nichts auf der Welt sollte Nils seine Tränen sehen. Der Mann, der schon so viele schwierige Momente in seinem Leben hatte meistern müssen, kämpfte um seine Fassung. So vergingen die Minuten, in denen Vater und Sohn schweigend nebeneinander in der Küche des alten Hauses saßen und draußen über der See die Möwen ihr ewiges Lied schrien.
Nils atmete tief durch. Langsam stand er auf und ging zu dem kleinen Fenster, das nur spärliches Licht in den Raum eindringen ließ. Er schaute auf die Hühner, die sich mit lautem Getöse über die Körner hermachten, die seine Mutter vor ihnen ausstreute.
Seine Mutter …
Obwohl sie durch das raue Leben nie Zeit für sich und die üblichen Dinge der Frauen gefunden hatte, hörte man von ihr niemals Beschwerden oder ein böses Wort. Sie war immer voller Wärme, Verständnis und Güte gewesen und Nils liebte sie, wie nur ein Kind seine Mutter lieben kann. Alles in ihm sträubte sich dagegen, ihr wehzutun, aber mit der Sturheit, die auch sein Vater auszeichnete, hatte er seinen Entschluss gefasst und daher vermochten ihn auch die eindringlichen Worte seines Vaters nicht umstimmen, obgleich diese Sätze tief in seine Seele gedrungen waren.
In seinem Innersten wusste er, dass es ihm nicht um den Krieg, den Kaiser oder gar um das Töten eines Feindes ging; es ging um die Sehnsucht, hinaus in die weite Welt zu ziehen, diesen kleinen Flecken Erde inmitten der See, hinter sich zu lassen, fremde Länder und Menschen kennenzulernen und wilde Abenteuer zu erleben. Er liebte diese kleine Insel, aber in den letzten Monaten war sie ihm vorgekommen wie ein Gefängnis und er sehnte sich danach, diesem Gefängnis zu entfliehen.
Er drehte sich um und schaute auf seinen Vater, der immer noch in sich versunken auf der Küchenbank saß. Diese Bank war ein fester Bestandteil von Nils Kindheitserinnerungen. Wie oft hatte er hier seinem Vater oder Großvater gelauscht, wie sie von ihren Geschichten aus alten Tagen erzählt hatten und wie lange war es auch her, dass Großvater in der See geblieben war? In der Welt eines jungen Menschen waren es Ewigkeiten, aber seit seinem letzten Besuch waren erst sechs Jahre vergangen. Vor Nils Augen versank die Wirklichkeit im Dunkeln und er sah seinen Großvater mit seinem Vater und seinem Onkel Gustav auf dieser Bank sitzen. Und er hörte die wohlklingende, tiefe Stimme seines Großvaters Lars, wie immer keinen Widerspruch duldend. Wie auch, er war der Kapitän seines eigenen Schiffes und daher daran gewöhnt, dass seine Weisungen Gesetzestexte waren.
Nils erinnerte sich gut an jenen Tag, denn es war das letzte Mal, dass er seinen Großvater lebend gesehen hatte. Eindringlich redete Lars Rasmussen damals auf seinen Sohn ein:
„Sohn, ich sage dir, diese Fahrt wirst du noch mit mir machen. Ich habe eine großartige Ladung für London an Bord, die ich mit sehr viel Profit bei den Engländern verkaufen kann. Aber mein erster Offizier ist bei seiner Frau zu Hause, die in guter Hoffnung ist und nun nach ihrem Mann verlangt. Was soll ich sagen, er ist ein braver Mann und lässt sich nicht umstimmen, obwohl ich bei Gott alles versucht habe. Und es scheint fast so, als gäbe es an der ganzen verdammten Küste keinen gescheiten Seemann, der seinen Posten an Bord übernehmen könnte. Diese Narren rennen jetzt alle in Richtung dieser sogenannten Marine, die dieser Preuße in Berlin uns aufdrücken will.“
Lars hatte angewidert das Gesicht verzogen und ausgespuckt, was ihm böse Blicke von seiner Schwiegertochter Renate einbrachte. Er lächelte sie zärtlich an, denn Lars Rasmussen liebte seine Schwiegertochter sehr. Eigentlich hatte er es nie verstanden, was diese Frau so zu seinem Sohn hinzog, aber er war froh, dieses freundliche Wesen in seiner Familie zu wissen.
„Wie du also siehst, Sohn, hast du keine andere Wahl, als noch einmal mit deinem alten Herrn auf Fahrt zu gehen und in drei Teufels Namen: Es ist doch nur ein Hüpfer über die Nordsee und dann die Themse hinauf. Bevor hier das Postboot neu anlegt, wirst du wieder an den Rockschößen deines Weibes hängen und wirst es dir des Nachts wohlergehen lassen können.“
Nils erinnerte sich noch an die erbosten Blicke seiner Eltern, die atemlos vor Scham zwischen Großvater Lars und ihm hin und her gewandert waren.
„Vater, um Gottes willen, denk daran, dass hier noch ein unschuldiges Kind mit am Tisch sitzt. Halt dich zurück mit deinen unsittlichen Sprüchen, die du wirklich besser an Bord lassen solltest! Was dein Sohn und ich des Nachts machen, hat dich nicht zu kümmern und ist auch nichts für ein Gespräch auf der Küchenbank. Du solltest dich schämen!“
Die Stimme von Nils Mutter hatte in diesem Augenblick laut und streng geklungen, und wenn überhaupt ein Mensch Lars Rasmussen zum Schweigen bringen konnte, dann war sie es. Aber Großvater Lars hatte ausnahmsweise nicht auf sie geachtet und sich stattdessen seinem Sohn Gustav zugewandt.
„Gustav, ich erwarte von dir, dass auch du endlich deinen Teil zum Wohle der Familie beiträgst und erst nach unserer Rückkehr Norderness verlässt, um zu dieser Person zu ziehen, die du ja wohl zu deiner Frau machen willst. Wenn sie es wert ist, wird sie diese Entscheidung verstehen. Wenn nicht, dann solltest du sie ihrer Wege gehen lassen. Es sollte dein Verlust nicht sein …‘
Nun war es an Gustav gewesen, erbost zu schauen.
„Vater, um Himmels willen, was erlaubst du dir mir gegenüber! Ich liebe diese Frau, hörst du und ich will …“
‚Jaja. Wie du meinst. Ich will von dir nur hören, dass wir dich hier antreffen werden, wenn wir wieder zurückkehren und dass du auf alles achten wirst, solange unsere Reise dauert. So. Dann wäre das also abgemacht. Wunderbar. Torben, wir werden morgen früh aufbrechen.“
Es schien Nils Großvater damals nicht weiter zu stören, dass keiner seiner Söhne bereits zugestimmt hatte. Wenn Lars Rasmussen einmal einen Entschluss gefasst hatte, blieb kein Raum für Debatten und Meinungen. Und auch damals hatte sich Nils Vater gefügt.
Der Tag der Abfahrt war der 11. März 1906 und es hatte schon den ganzen Tag gestürmt und geregnet. Der Himmel war voller dunkler Wolken gewesen und Nils wusste noch, mit welch besorgtem Gesicht seine Mutter in der Küche gesessen hatte.
Großvater Lars war damals Kapitän eines kleinen, aber gepflegten Zweimasters, der Doggerbank. Diese Bark war der ganze Stolz der Familie und Grund für den bescheidenen Wohlstand der Rasmussens. Aber ihre letzte Fahrt sollte unter keinem guten Stern stehen. Riesige Wellen türmten sich in der Nordsee und packten das kleine Schiff wie das treibende Blatt eines Baumes. Die Ladung riss sich aus den Halterungen und zerdrückte Großvater Lars, der wegen des lauten Krachens unter Deck gegangen war, mit furchtbarer Gewalt an einer Bordwand. Torben Rasmussen eilte damals seinem Vater zu Hilfe, konnte aber nur noch in der Minute des Todes den Kopf halten und ihm die Liebe eines Sohnes schenken. Unter größten Mühen hatte die Doggerbank an jenem Tag noch einen Hafen anlaufen können, doch einiges der Ladung war zerstört worden und das Schiff zog Wasser, aber was waren diese Schäden im Vergleich zum Verlust des Lebens von Großvater Lars. Torben hatte damals geschworen, nie wieder einen Fuß auf dieses Schiff zu setzen und so wurde die Doggerbank verkauft. Der Erlös von fünfundzwanzigtausend Reichsmark wurde als eiserner Notgroschen für schlechte Zeiten auf ein Konto gelegt, aber Torben hatte niemals auch nur einen Pfennig dieser Summe in Anspruch genommen. In jeder Mark, jeden Groschen sah er das Vermächtnis seines Vaters und dieses war heilig für ihn.
Die Erinnerungen an dieser Erzählung verblassten langsam vor Nils Augen und er stand wieder in der großen Küche seines Heimes, den gebeugten Körper seines Vaters vor sich. Er schüttelte heftig seinen Kopf, um sich in die Wirklichkeit zurückzuholen. Er löste sich vom Fenster und ging langsam hinüber zur Bank, setzte er sich neben Torben und wartete einen kurzen Augenblick.
„Vater, verstehst du denn nicht, dass ich das tun MUSS? Ich dachte eben an Großvater und an die vielen Fahrten, die er mit dir unternommen hat. Weißt du noch, wie ihr beiden an Bord desselben Walfängers angeheuert hattet, er als zweiter Offizier und du als einfacher Matrose? Was ihr mir davon alles berichten konntet! Und was habe ich zu erzählen? Was passiert in meinem Leben? Mein spannendstes Erlebnis ist, mit dir einmal in der Woche zum Markt nach Husum zu fahren. Und was sehe ich dort? Schiffe, die in die Nordsee und weit darüber hinaus in alle Welt fahren. Ich muss hier weg, hinaus, so wie du, Großvater und auch sein Vater es getan hat. Ich muss es einfach, oder ich ersticke hier, so sehr ich unser Inselchen und dich und Mama auch liebe. Aber es muss sein. Ich kann nicht anders. Gerade du müsstest mich am besten verstehen …“
Torben schaute traurig auf, denn nun wusste er es endgültig: Sein Sohn würde gehen und keine Macht dieser Welt konnte ihn von diesem Entschluss abbringen. Und doch: Er konnte ihn so gut verstehen! Hier ging es nicht um eine törichte politische Schwärmerei oder um törichtes Heldentum. Es ging um eine von Gott gegebene Leidenschaft, die Sehnsucht nach der Ferne, gegen die er und auch sonst nichts anderes auf dieser Welt etwas ausrichten konnte. Und so fügte sich Torben Rasmussen in ein Schicksal, obwohl es drohend und unheilvoll erschien.
„Gut, mein Sohn. Wenn es denn dein Wunsch und deine Sehnsucht ist, dann will ich dich auch mit meinem Segen ziehen lassen. Du musst aber deinem alten Vater und deiner Mutter versprechen, dass du immer auf dich aufpassen wirst und niemals vergessen darfst, dass hier immer dein Heim sein wird und dass deine Eltern dich jeder Zeit mit offenen Armen empfangen werden. Auch wenn du schnell feststellen solltest, dass die Armee nichts für dich ist; lass dich nicht durch falsche Schamgefühle davon abbringen, wieder zu uns zurückzukehren. Es ist nichts Ehrenrühriges daran, wenn ein Mann seinen Weg sucht und sich dabei manchmal auch verläuft. Hier ist immer eine Tür, die dir weit offen steht, so wahr mir Gott helfe!“
Nils atmete langsam aus, denn er fühlte sich wie von einer schweren Last befreit. Und dann tat er etwas, was bisher zwischen ihm und seinem Vater unmöglich gewesen war.
Er beugte sich vor und gab Torben einen kurzen Kuss auf die Stirn.
„Ich liebe Dich, Vater“, sagte er mit leiser Stimme und beeilte sich aufzustehen, bevor die Rührung ihn übermannte. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, ging er in den dunklen Flur zurück, packte seinen großen Seesack und warf ihn wie eine kleine Papiertüte über seine mächtige Schulter. Die aufkommenden Tränen unterdrückend, ging er hinaus in den Hof, der mittlerweile vom hellen Licht der Morgensonne überflutet wurde. Sein Weg führte ihn hinüber zu seiner Mutter, um auch diesen schmerzlichen Moment des Abschieds hinter sich zu bringen.
„Meine liebe Mama. Es ist nun soweit. Ich werde gleich vom Postschiff abgeholt …“
Er schwieg und wartete, bis sich seine Mutter langsam zu ihm herumdrehte. Wie immer musste sie ihr Gesicht tief in den Nacken legen, um ihren Sohn in die Augen sehen zu können. Ihre Blicke trafen sich und Nils konnte Traurigkeit, Verzweiflung, Angst, aber auch Verständnis und Zuversicht aus den blauen, großen Augen herauslesen. Ihr Mund öffnete sich und leise sagte sie nur:
„Ich weiß, mein Sohn.“
Sonst sagte Renate Rasmussen nichts an diesem Morgen. Stattdessen schloss sie ihren Sohn in die Arme und drückte ihn lang und innig. Nils wünschte sich, dass dieser Moment nie aufhören möge, aber mit einem leisen Seufzen entzog er sich ihrer Umarmung.
„Du musst dir keine Sorgen machen, Mama. Ich kann und werde auf mich aufpassen und ich werde dir und Papa ganz oft schreiben und erzählen, wie es mir in der Armee und auf den Schiffen so ergehen wird. Ich werde sicherlich sehr viel Spaß haben und gute Kameraden finden. Vielleicht mache ich ja auch einem netten Mädchen den Hof und werde euch damit eines Tages überraschen.“
Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht seiner Mutter.
„Das wäre schön, mein Sohn, aber pass auf und denke daran, dass nicht alle Vögel aus einem guten Nest kommen. Nicht alle Menschen sind guten Herzens und ohne Arglist. Das gilt für Sohn UND Tochter. Und ein hübsches, nettes Antlitz bedeutet nicht immer auch ein gutes Herz und du bist sehr unerfahren, was finstere Herzen angeht. Aber du wirst deinen Weg gehen, mein Sohn, da bin ich mir sicher. Und nun auf zum Steg, damit der Andreas nicht auf dich warten muss. Wir werden hier alle an dich denken und auf deine Briefe warten.“
Sie gab ihrem Sohn einen innigen Kuss und wandte sich dann wieder ihren Hühnern zu. Und als Nils den Hof in Richtung Anlegesteg verließ, bemerkte er nicht, dass das Gesicht seiner Mutter nass war von Tränen des Kummers und des Schmerzes.
Andreas, der Postbote, wartete schon an Bord seines kleinen Bootes, mit dem er einmal am Tage alle bewohnten Halligen anfuhr, um Pakete, Briefe und noch viele andere Dinge des Lebens zu verteilen.
„Na, mein Jung. Jetzt wird es aber Zeit mit uns. Ich werde ja schon in Husum erwartet und ich muss noch an Nordstrand vorbei. Die warten doch schon und du redest hier herum. Nun aber Beeilung, mein Jung.“
Wortlos warf Nils sein Gepäck an Bord und kletterte über die Reling. Es lag ihm nichts an einem Gespräch mit dem alten, knorrigen Mann. Der Motor begann unrhythmisch zu tuckern und fiel danach in ein ruhiges, gleichförmiges Hämmern. Am Heck des Bootes bildete sich eine Schaumkrone und nach dem Lösen der Leinen legten sie langsam vom kleinen Steg der Hallig Norderness ab.
Direkt unter dem Dach des Wohnhauses befand sich eine winzige Kammer und in dieser stand Torben Rasmussen und blickte durch das kleine Fenster. Er schaute dem Boot nach, welches langsam die Fahrrinne erreichte und den Kurs nach Backbord in Richtung Husum einschlug. Er betrachtete die hoch aufragende Gestalt seines Sohnes, bis das Postboot hinter dem Deich der kleinen Hallig verschwand. Torben wartete noch einen Augenblick, doch das Boot blieb verschwunden. Ihn quälte das Gefühl, soeben einen Teil seines Lebens verloren zu haben und in der Kammer war eine Stille, die grenzenlos und endgültig erschien. Nach einer kleinen Ewigkeit drehte er sich um und ging die Treppe hinunter. In der Küche stand seine Frau und bereitete das Frühstück vor. Er gab ihr einen Kuss in den Nacken, denn er wusste, dass Renate Küsse an dieser Stelle besonders mochte.
„Mutter, jetzt habe ich aber Hunger. Dauert es noch lange mit dem Frühstück?“
Sie drehte sich um, lächelte ihren Mann kurz zu und atmete dann tief durch.
„Natürlich, du fauler Kerl. Ich bin ja auch nur dafür da, dir dein Frühstück hinterherzutragen. Mach deinen Kaffee gefälligst selber, du Nichtsnutz.“
Torben lachte laut auf, setzte sich auf seinen Platz und schaute lange aus dem Fenster.
„Nun ist er fort“, dachte er und fühlte sich dabei alt und müde.
Die Kaiserin
Eine schweigende Masse hatte sich auf dem Gelände der How aldtwerft versammelt und schaute andächtig an einer gewaltigen, grauen Stahlwand empor. Die Anzahl der Menschen, die an diesem Morgen ruhig und diszipliniert auf das große Ereignis warteten, war unmöglich zu schätzen, aber sie schien in die Tausende zu gehen.
In einem schwer bewachten Bereich, abgetrennt und abgeschirmt von den Schaulustigen, fuhr eine prächtige Kutsche vor ein großes Podest, welches mit Blumen aller Art prunkvoll geschmückt war. Die obersten Würdenträger Kiels, allesamt gekleidet in Frack und Zylinder, standen bereit, um den hohen Besuch zu begrüßen. Jetzt, wo Kutsche mitsamt großem Gefolge nur noch wenige Schritte entfernt waren, erstarb auch das letzte Getuschel und neugierige Blicke richteten sich auf die Insassen. Das Gespann kam mit lautem Geschnaube der Pferde zum Stehen und ein Lakai sprang sogleich herbei, öffnete den Schlag und klappte eine kurze Leiter hinunter. Der Deutsche Kaiser stand langsam mit würdevollem Gesicht auf, zog seinen Mantel zurecht und stieg den kleinen Tritt hinunter, gefolgt von seiner Frau Kaiserin Auguste Victoria. Beide warteten nun auf ihre Tochter Viktoria Luise, die als Dritte die Kutsche verließ.
Einige der neugierigen Besucher, die das große Glück hatten, direkt am Zaun zu stehen und so einen Blick auf die Kaiserfamilie werfen zu können, reckten neugierig die Hälse.
„Nettes Mädel, die Kleine da“, tuschelte leise ein Mann in Richtung seines Nachbarn. „Aber die Alte kannste vergessen.“
Der Nachbar blickte den Redner entsetzt an.
„Sag mal, Mann, biste verrückt? Was glaubst du wohl was passiert, wenn dich jemand hört! So über unsere Kaiserin zu reden! Wir bekommen noch großen Ärger, nur weil du deine große Klappe nicht halten kannst, Idiot! Jetzt halt’s Maul!!“
Ohne dem Mann noch eines Blickes zu würdigen, reckte der grauhaarige Arbeiter seinen Hals und schaute hinüber zu der kaiserlichen Familie. Aber sein Kollege hatte trotz seines vorlauten Mundwerks schon recht: Die Prinzessin konnte man sich schon anschauen. Er sah, wie nach kurzem Zwiegespräch sich die Gruppe der Honoren teilte und die Kaisertochter in Begleitung eines seriös wirkenden Herrn in blitzender Galauniform die Stufen des Podestes emporstieg. Eine Kapelle mit blinkenden Instrumenten spielte einen schmissigen Marsch, der den Takt der Schritte der Delegation vorgab.
„So, dann werden wir uns alle mal langweilen und dem Geschwafel des alten Hans zuhören.“
Der missmutige Arbeiter wollte anscheinend nicht aufhören, abfällig über die hohe Gesellschaft zu reden und zog sich sofort wieder den Zorn des Grauhaarigen zu.
„Ich sagte dir doch, dass du dein Maul halten sollst oder ich rufe einen Gendarmen. Ich will keinen Ärger, verdammt. Entweder du schweigst jetzt oder gehst einfach. Das ist mein letztes Wort.“
Das Grinsen des Mannes erstarb. Die Drohung mit der Polizei hatte gewirkt.
„Du verfluchtes Kollegenschwein“, murmelte er leise in seinen dünnen Bart, aber er zog es nun vor, seine Meinung für sich zu behalten.
Aus der Lautsprecheranlage ertönte ein lautes Pfeifen, als der Offizier auf dem Podest das Mikrofon einschaltete. Seine sonore Stimme schallte über den großen Platz und über den grauen Stahlkoloss, der die Macht und den Willen des Deutschen Kaisers und des deutschen Volkes bald in aller Welt demonstrieren sollte. Die Stimme erzählte von der unüberwindbaren Stärke des neuen Schiffes, von den Fähigkeiten und der Kraft des deutschen Arbeiters und der glorreichen Zukunft, welche Schiff und dem Land bevorstand und die Menge lauschte diesen Worten andächtig.
Inmitten dieser Menschenmasse, nicht weit entfernt von den beiden Streithähnen, versuchte eine sehr junge Frau, oder besser noch ein Mädchen, sich durch die eng stehenden Leiber zu zwängen.
„Entschuldigen Sie bitte. Dürfte ich kurz vorbei, der Herr? Vielen Dank, entschuldigen sie bitte.“
Keuchend ging ihr Atem und oft begegneten ihr böse Schimpfwörter und leichte Stupser, aber heute war ihr das gleich. Von ihrem Vater hatte sie erfahren, dass heute zur Taufe des neuen Schiffes die Tochter des Kaisers auf die Werft kommen würde und die Vorstellung, einen Blick auf die Prinzessin, die nur ein und ein halbes Jahr älter als sie war, werfen zu können, war für die junge Frau ungeheuer aufregend. Und ohne um Erlaubnis bei ihrer Mutter nachzufragen, hatte sie sich kurz entschlossen auf den Weg in Richtung der Howaldtwerft gemacht. Sie kannte auf dem riesigen Gelände fast jeden Flecken und fast jede Ecke, denn schon oft hatte sie auf der Werft ihren Vater besucht, der hier als Schweißer seit vielen Jahren beschäftigt war. Aber derart viele Menschen wie an diesem elften November 1911 hatte sie zuvor noch niemals gesehen und die Menge an Leibern erschwerte ihr die Orientierung. Schnaufend erreichte sie endlich die Grenze des Bereiches, der den normalen Besucher zugewiesen worden war. Ein Trennzaun tauchte vor ihr auf und plötzlich spürte sie, wie eine schwere Hand nach ihr griff.
„Na hören sie mal, junge Frau!“, ertönte eine donnernde Stimme und sie wurde von starken Armen festgehalten.
„Was glauben sie denn, wohin sie hier laufen können, hä? Hier ist nur für die wichtigen Leute gedeckt, wenn sie verstehen. Ausnahmen kann ich keine machen.“
Der Mann in der Uniform der Werftpolizei schaute streng in das Gesicht der Frau. Als er jedoch ihre feinen Züge, die mit dunkler Glut leuchtenden Augen über den vor Aufregung geröteten Wangen und ihre vollen, roten Lippen mit den weißen Zähnen sah, verlor sich sein strenger, herrischer Ton und wurde von einem wesentlich milderen abgelöst. Er räusperte sich, richtete sich zu voller Größe auf und zwirbelte seinen mächtigen Schnauzbart.
„Auch wenn ich hier so einen hübschen Eindringling habe, ich kann keine Ausnahmen machen.“
„Du wiederholst dich, du fetter Widerling“, schoss es der heftig atmenden Frau durch den Kopf.
Sie lächelte den Polizisten aber an und machte es so, wie ihre beste Freundin Ingrid es sie gelehrt hatte. Sie legte leicht den Kopf zur Seite, riss ihre braunen Augen weit auf und ließ die Zähne blitzen. Schon war es um den Polizisten geschehen.
„Guter Mann, haben Sie doch ein Herz mit mir. Mein lieber Vater arbeitet hier auf der Werft und er hat mir erzählt, dass ich hier einen Blick auf unsere allerheiligste Kaiserfamilie werfen kann und ich möchte doch so gerne die Hüte und die Kleider der Frau Kaiserin und die der Prinzessin sehen. Es ist doch so aufregend, was heute in der Hauptstadt so getragen wird und ich würde so gerne danach schauen, obwohl ich es mir niemals werde leisten können. Haben Sie doch ein Einsehen und Nachsicht mit einem kleinen und unschuldigen Mädchen wie mir. Was soll an mir denn gefährlich sein? Glauben sie, dass unter meinem Mantel ein Gewehr oder gar eine Bombe versteckt sein kann?“
Sie wand sich aus den Händen des Mannes, ging ein paar Schritte zurück, hob ihre Arme über den Kopf und drehte sich kokett langsam um ihre eigene Achse. Der Mann ließ langsam seine Blicke an der schlanken Gestalt hinabgleiten und sein Herz begann, schneller zu klopfen, denn seine Phantasie ließ aufregende Bilder vor seinen Augen erscheinen und in seinem Gesicht war Bedauern darüber abzulesen, dass er nicht durch diesen Mantel hindurchblicken konnte. Er streckte seinen Rücken und räusperte sich nochmals.
„Gut, gut, schönes Kind. Ich glaube dir ja und welche Gefahr sollte von dir wohl auch ausgehen. Ich glaube, dass der Kaiser mich nicht erschießen wird, wenn ich dich an den Zaun lasse.“
Mit leicht rotem Kopf trat er zur Seite und ließ die Frau durch, die heiter lachend vorbei lief, nicht ohne ihm ein zauberhaftes Lächeln und einen ebenso zauberhaften Handkuss zuzuwerfen. Der große Mann grinste dümmlich und verlegen und schaute zu Boden. Durch die Augenwimper verfolgte er jedoch die junge Frau, wie es in Richtung Zaun rannte. Er glaubte, unter ihrem Mantel die Bewegungen der Brüste zu erkennen und er spürte eine heftige Reaktion seiner Männlichkeit.
„Schönen Gruß an die Prinzessin und besuch mich vielleicht einmal auf meiner Wache, hörst Du? Herrmanns, Paul Herrmanns ist mein Name!“
Die junge Frau hörte natürlich, aber es war ihr gleich.
„Dieser alte, sabbernde Kerl!“, schoss es ihr durch den Kopf.
Und dann huschte ein fröhliches Lächeln über ihr Gesicht.
„Ach Ingrid! Wie gut ist es, dich als Freundin zu haben und dass du mir gezeigt hast, wie leicht doch die Männer zu händeln sind. Hoffentlich kannst du mir noch ganz viel von diesen Dingen beibringen.“
Sie erreichte den Zaun und hielt sich an den Gitterstäben fest, mühsam nach Atem ringend. Der Polizist war sofort vergessen, denn die kaiserliche Kutsche stand nur 10 Meter von ihr entfernt. Die herrlichen, schwarzen Pferde warteten geduldig und trugen ihre Köpfe tief in einem Futtersack verborgen. Ein junger Bursche in Uniform stand neben ihnen und achtete darauf, dass niemand dem Gespann zu nahe kam. Er bemerkte das Mädchen am Zaun und hob schüchtern seine Hand, aber sie hatte nur Augen für schöne Frauenkleider, welche sie in der Menge zu finden hoffte.
„Wo ist denn nun die Kaiserfamilie, zum Kuckuck.“
Aus den Zuschauern ertönte freundlicher Applaus, denn der alte, würdevolle Offizier hatte anscheinend seine Rede beendet und trat nun zur Seite. Eine zierliche Person, wohl die Tochter des Kaisers, griff zu einer großen, grünen Flasche und sprach etwas in das Mikrofon, was die junge Frau am Zaun aber nicht verstehen konnte, denn zur gleichen Zeit wieherte ein Pferd der Kutsche laut auf. Der Bursche hatte wohl ebenfalls einen Blick auf den Moment der Schiffstaufe erhaschen wollen und für einen Augenblick zu fest am Zügel des Führpferdes gezogen, welches diese grobe Behandlung mit lautem Unwillen quittierte.
„Ruhe, verdammt noch mal!“, schallte es dem Pferdeburschen von allen Seiten entgegen. Mit hochrotem Kopf versuchte er hastig, das bockende Pferd zu beruhigen, was ihm nach einigen Mühen endlich auch gelang. Die junge Frau am Zaun schaute am Podest empor und sah, wie die ebenfalls noch sehr junge Prinzessin die große Flasche emporhob und laut rief:
„Und hier vor Gott, Kaiser und dem ganzen Reich, taufe ich Dich auf den Namen Seiner Majestät Schiff Kaiserin! Mögest Du allzeit gute Fahrt haben und tapfer für Reich, Kaiser und Vaterland kämpfen und seinen Ruhm mehren.“
Mit diesen Worten wurde die Flasche an den gewaltigen Bug des Schiffes geworfen, wo sie mit einem mächtigen Knall zerbarst. Aus der Zuschauermenge ertönte brausender Applaus und laute Hoch-Rufe auf den Kaiser und seiner Tochter. Der riesige, graue Koloss setzte sich langsam in Bewegung und rollte bedächtig die Helling hinab, bereit, das Element in Besitz zu nehmen, für das er geschaffen worden war. Ohne noch lange zu warten oder dem neuen Schiff hinterherzuschauen, stieg Viktoria Luise von Preußen die Treppe des Podestes wieder nach unten. Keiner der Umstehenden konnte in ihrem Gesicht eine Regung erkennen, jedoch interessierte sich auch niemand wirklich dafür, wer diese Frau mit den offenen Gesichtszügen eigentlich war. Eben eines von sieben Kindern und dazu noch ein Mädchen. Das hätte es nicht gebraucht, war die weitverbreitete Meinung des Volkes und auch heute nahm kaum jemand von ihr Notiz, alle Blicke waren schon wieder auf den Kaiser gerichtet, der ungeduldig auf seinem Stuhl herumrutschte, während er auf seine Tochter wartete. Es wurden noch kurze Gespräche geführt, dann begab sich die Familie des Kaisers in Richtung Kutsche.
Die junge Frau am Zaun sah, wie sich der Tross ihrer Position näherte. Atemlos vor Aufregung erkannte sie die Kaiserin nebst Tochter und die großen Hüte der beiden. Sie reckte ihren Hals um eine bessere Sicht auf die Kleider der Frauen zu erhaschen, aber das Einzige, was zu sehen war, waren ihre langen Mäntel. Sie stand vor dem gleichen Problem, welches zuvor auch der Polizist beklagt hatte: Diese Mäntel verbargen den Blick auf das Wesentliche!
„Ach, so ein Unglück. Ich sehe nur dunkle Mäntel! Und dafür habe ich jetzt den weiten Weg zur Werft gemacht, mich anschnauzen und anrempeln lassen und mich hier in die Kälte gestellt?“
Enttäuscht wandte sie sich vom Zaun ab und konnte einen leisen Schrei des Erschreckens nicht unterdrücken. Jener Polizist, welcher sie eben noch vom Eindringen in den Sperrbereich hatte abhalten wollen, hatte den allgemeinen Trubel genutzt und sich leise und unbemerkt hinter ihr aufgebaut. Aus nächster Nähe schaute sie nun direkt in sein grobes, ungeschlachtes Gesicht und war angewidert. Wieder zwirbelte er an seinem Schnurrbart und in seinem Blick lag Sehnsucht und Gier, aber auch eine merkwürdige Ahnung von Abscheu und Ablehnung.
„Na, schönes Kind? Wie haben dir denn die Kaiserin und ihre Tochter gefallen? Hast du ihnen einen Gruß ausgerichtet, so wie ich es dir aufgetragen hatte?“
Sein massiger Körper versperrte der Frau den Weg hinaus aufs Werftgelände, wo irgendwo in der Ferne der Ausgang auf sie wartete. Sie spürte Nervosität in sich aufsteigen, denn der seltsame Ausdruck in seinen Augen bereitete ihr Unbehagen.
„Nein, lieber Herr Schutzmann. Ich konnte ihren Gruß leider nicht ausrichten, denn die hohen Damen hatten keinen Blick und kein Ohr für mich.“
Sie hatte das Ganze nun satt, dieses Gedränge, diese Menschenmenge und auch die Kälte. Und sie hatte diesen abstoßenden Polizisten satt. Sie wollte nur nach Hause und ihre Mutter umarmen, die hoffentlich den Ofen in der Küche angeheizt hatte. Nach einem kurzen Gespräch würde sie dann in ihr Bett schlüpfen und in den Zeitschriften blättern, welche sie von ihrer Freundin Ingrid geschenkt bekommen hatte und die sie unter der Matratze ihres Bettes vor den strengen Blicken ihrer Mutter versteckte.
„Aber Mädchen, das ist wirklich nicht nett, dass du nicht das getan hast, was ich dir aufgetragen habe. Jetzt bin ich enttäuscht von dir, denn ich dachte, dass du ein nettes Mädel wärst.“
Der Mann lächelte noch immer, aber etwas in der Stimme ließ die Frau frösteln. Sie schaute in das große Gesicht vor ihr und spürte Angst, die langsam an ihrem Nacken emporkroch.
„Na, was glaubst du denn, machen wir mit kleinen, bösen Mädchen, die nicht das erledigen, was man ihnen aufträgt? Was soll ich nun also mit dir machen, mein kleines Weibsstück?“
Das Blut der jungen Frau verwandelte sich in Eis und ihr Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Ingrid hatte ihr anscheinend etwas Wesentliches von den Männern verschwiegen: Sie konnten sehr bedrohlich werden, wenn man an den Falschen geraten war.
„Aber mein Herr. Das kann ich doch sicherlich wieder gut machen, nicht wahr?“
Sie schlug unschuldig die Augen auf, weil es das einzige Mittel war, was ihr in ihre Angst und ihrer Unerfahrenheit einfallen wollte.
„Männer sind Schafe und Wachs in unseren Händen, glaube es mir, Ina.“
Sie hörte Ingrids Stimme noch laut und deutlich, aber sie merkte nun, dass das nicht immer stimmte. Sie hatte einen schweren Fehler begangen und sah, wie die Augen des Mannes gierig aufleuchteten.
„Ja, Mädchen, da hast du recht. Das kannst du sicherlich wieder gutmachen. Fällt dir vielleicht etwas ein, was du mir anbieten kannst oder soll ich selbst einmal nachschauen?“
Mit einem widerlichen Gesichtsausdruck und unfähig, seine Lust und seine Gier weiterhin zu verbergen, schaute er ihr unverhohlen auf die Brüste und leckte sich die Lippen.
„Du könntest mir zeigen, was es so unter deinem Mäntelchen zu sehen gibt. Das werde ich dann prüfen und danach sehen wir weiter. Aber zuerst suchen wir uns eine Stelle, wo wir ein wenig mehr unter uns sind, mein kleines Vögelchen, nicht wahr?“
Er griff nach ihrem Arm und sie fühlte seine Finger wie eine Eisenklammer, die sie unnachgiebig festhielt. Panik erfüllte sie und in ihrem Kopf war nur noch Platz für einen Gedanken:
„Ich muss hier fort!“
Aber der Griff des Mannes war unerbittlich. Er drehte sich um und zog die Frau mit sich fort.
„Schrei um Hilfe, sofort!“, zuckte es ihr durch den Kopf.
Aber im gleichen Augenblick legte sich ein Arm um ihre Schulter, abgeschlossen von einer riesigen Hand, die sich wie ein schweres Tuch über ihren Mund legte.
„Lasst uns mal durch, Leute! Ich habe hier eine kleine Ausreißerin, die Unflätiges in Richtung des Kaisers gerufen hat!“, rief der Polizist und drückte sich durch die Menge, die sofort bereitwillig Platz machte. Der Mann trug Uniform, da musste wohl alles seine Richtigkeit haben. Die Menschen nickten.
Die Welt zog wie in Zeitlupe an den Augen der Frau vorbei, während sie von der rohen Kraft des Polizisten fortgezogen wurde. Sie sah in Gesichter, die sie neugierig betrachteten. Sie sah Menschen, die eilig und bereitwillig zur Seite traten. Sie hörte das aufgeregte Keuchen des Mannes, der sie ins Unheil führen wollte. Was sie nicht sehen konnte, war Hilfsbereitschaft; oder gar das Aufbegehren gegen diesen Kerl, der sie ohne Grund abführte. Neugierige Gleichgültigkeit, das unbedingte Vertrauen in den Träger einer Uniform, mehr war von dieser Menge nicht zu erwarten. Sie wollte betteln, aber es drang nur leises Murmeln zwischen diesen fleischigen Fingern hindurch, die fest auf ihre Lippen gepresst waren. Paul Herrmanns Stimme war jedoch deutlich zu vernehmen:
„Sie sieht so unschuldig aus, so jung, aber doch schon so verdorben, Unflätigkeiten gegenüber seiner Majestät auszusprechen … Die Strafe geschieht ihr recht und wird ihr auch gut tun. In so jungen Jahren schon auf die schiefe Bahn zu geraten! Die wird es schwer in ihrem Leben haben.“
Angesicht der Aussichtslosigkeit und der unterlassenen Hilfe, versagten der Frau die Kräfte und sie begann, heftig zu weinen. In ihrer Phantasie sah sie grausame Bilder von dem, was nun wohl auf sie wartete und die Angst wollte ihr den Atem nehmen. Sie spürte das harte Pflaster unter ihren Füßen, die harte Hand an ihrem Arm, starrte auf den schmutzigen Boden und auf die grauen Gebäude der Werft. Niemand kam ihr zu Hilfe, niemand. Sie war alleine. Keuchend ging ihr Atem und sie versuchte erneut, sich von ihrem Peiniger zu lösen, aber es war hoffnungslos. Er war zu stark für sie.
Sie blickte an dem großen Mann empor und in sein grobes Gesicht. Sie konnte kaum ahnen, was sich in diesem Kopf verbarg, aber vor ihren Augen verwandelte sich sein Gesicht in eine widerwärtige Fratze. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse und jeder Atemzug bereitete ihr krampfhafte Schmerzen.
Die Menge wurde langsam lichter und bald waren nur noch wenige Menschen zu sehen. Der Weg führte die beiden an den Rand des großen Platzes, der durch einen hohen Gitterzaun von einem Bereich mit Lagerhallen und Gerätebaracken abgetrennt wurde.
Das war Paul Herrmanns Ziel.
Er griff zu einem Tor und zog es quietschend auf. Die Frau schaute sich ein letztes Mal gehetzt um, nach einer Rettung suchend, die aber nicht kommen wollte. Und so schloss sie die Augen und wartete voller Schrecken darauf, durch die Öffnung gezogen zu werden, denn danach würde es keine Hilfe mehr für sie geben.
Und dann war es geschehen.
Das Tor war durchschritten und fiel hinter ihr wieder ins Schloss. In ihren Ohren klang das Geräusch wie der endgültige Abschluss ihres kurzen Lebens.
Paul Herrmanns zog sie an stillen Gebäuden mit leeren Fenstern vorbei in eine graue Sackgasse, die an drei Seiten von schmutzigen Mauern begrenzt wurde. In der hinteren Wand befand sich eine Tür und zu dieser lenkte er seine Schritte. Er trat sie mit seinen schweren Schuhen auf und krachend wurde der Weg in das schummrige Innere freigegeben.
Ein großer, trüber Raum mit hohem Dach, getragen von kahlen Stahlsäulen.
