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Im Herzen von ‚Zwischen Jetzt und Niemals‘ öffnet Michael Tanges die Tür zu einer bezaubernden Welt, in der sich Talent, Leidenschaft und tief verwurzelte Bindungen vermischen. Treten Sie ein in das Leben von Christian, einem fußballerischen Wunderkind, dessen überwältigende Begabung vom ersten Augenblick an alle in seinen Bann zieht. Reisen Sie durch Christians Kindheitsjahre, erleben Sie hautnah, wie seine unerschütterlichen Eltern mit bedingungsloser Hingabe den Grundstein für seine strahlende Zukunft legen. Doch es ist die unwahrscheinliche, zutiefst bewegende Beziehung zu David, die diese Novelle zu einem unvergesslichen Erlebnis macht. Von den ersten zaghaften Momenten ihrer Begegnung bis zu den Wirbelstürmen tiefer Emotionen – Tanges malt ein Bild einer Freundschaft, das Herz und Seele berührt. Lassen Sie sich von Michael Tanges‘ eindringlicher Erzählung mitnehmen auf eine Reise von Triumph, Tragödie und der unzerbrechlichen Kraft menschlicher Verbindungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
MICHAEL TANGES
Zwischen Jetzt
und Niemals
Novelle
Impressum:
Michael Tanges c/o Christophe Terraz Ghangetrietstrasse 7 CH – 8335 [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Im Jahr 2019 betrat ich mit meinem Erstlingswerk «Apate – Rosafarben zwischen den Zeilen» die literarische Bühne. Bald darauf reihten sich «Der Seelenwürger» und «Und keiner hört mir zu» in meine Bibliografie ein.
Doch wie sich Kapitel eines Buches entfalten, so nahm auch meine schriftstellerische Laufbahn eine ungeahnte Wendung: Unter einem anderen Pseudonym erkunde ich neue erzählerische Terrains, von spirituellen Romanen bis hin zu packenden Thrillern.
Obwohl sich diese Werke von meinen ursprünglichen Kernthemen – wie «Coming of Age», «Junge Liebe» und der komplexen Frage des beträchtlichen Altersunterschieds in Beziehungen – abheben, spiegeln sie dennoch meine Handschrift und meine stetige Entwicklung als Autor wider.
Zu Beginn meiner literarischen Reise als «Michael Tanges» hatte ich angenommen, dass drei Werke genügen würden, um meine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Doch Eure sehr geschätzten Rückmeldungen haben mir gezeigt, wie vielschichtig und tiefgründig die Bandbreite menschlicher Erfahrungen ist.
Eure Worte, Eure Geschichten und vor allem Eure Emotionen haben mich zutiefst bewegt. Jede Nachricht, die ich erhielt, war ein Geschenk – ein Moment des Teilens, des Verstehens und des Wachsens.
Und dann gab es diese eine Schilderung, ein eindringliches Echo von einem von Euch, das in mir nachklang und mich veranlasste, erneut zur Feder zu greifen und diese Novelle hier zu verfassen.
Als Christian – so möchte er benannt werden – mir seine Geschichte offenbarte, spürte ich umgehend die Notwendigkeit, sie festzuhalten.
Jeder Moment, den er mit mir teilte, unterstrich die Tiefe und Bedeutsamkeit seiner Erfahrungen. Als ich ihm von meiner Absicht erzählte, dieses Buch zu schreiben, war er begeistert und gab mir seinen Segen. Er wollte, dass andere von seiner Reise hören und vielleicht Trost oder Inspiration in seinen Erlebnissen finden.
Christians Biografie legt Zeugnis davon ab, wie mächtig und zugleich zerbrechlich Freundschaft und Liebe sind. Sie existieren jenseits konventioneller Grenzen und Erwartungen. Und doch, wie sein Bericht zeigt, kann der Druck der Gesellschaft und ihre oft engstirnige Perspektive wie ein Gewicht lasten, das ganze Existenzen in bodenlose Tiefen zieht. Diese Erzählung verdeutlicht, wie voreilige Urteile und nicht hinterfragte Meinungen das Zerstörungspotenzial haben, nicht nur Beziehungen, sondern auch das innere Selbst zu zerbrechen. Was zurückbleibt, sind offene Narben, verlorene Seelen und ein Schmerz, der Generationen überdauert.
Die Geschichte, die Sie in den folgenden Seiten lesen werden, ist durch Christians Augen und aus meiner Feder entsprungen. Jedes Wort, jeder Gedanke und jede Emotion spiegelt seine Erlebnisse wider. Ich habe darauf geachtet, der Wahrheit seiner Erfahrungen treu zu bleiben, indem ich nichts hinzugefügt habe, was nicht Teil seiner Erzählung war.
Christian hat das Manuskript sorgfältig durchgearbeitet und es mit eigenen Einsichten angereichert. Sein Ziel war es, seine Erlebnisse so echt und unverstellt wie möglich darzustellen. Was Sie nun in den Händen halten, ist ein tiefberührendes Abbild seiner Kindheit und ihrer ungewöhnlichen Erfahrungen und Herausforderungen.
Um die Vertraulichkeit von Christian und seinem sozialen Umfeld zu schützen, wurden sämtliche Namen, Örtlichkeiten und Zeitangaben verfremdet.
Christian ist heute ein professioneller Fußballspieler.
Seine homosexuelle Orientierung hat er bisher nicht öffentlich gemacht. Dennoch hofft er, durch seine Erzählung einen positiven Beitrag zur Sensibilisierung für Themen wie Sexualität und den respektvollen Umgang mit «Randgruppen» zu leisten.
Lieber Christian.
Es war mir eine Ehre, Deine Geschichte aufzuzeichnen.
Dein Vertrauen und Deine Offenheit haben tiefe Spuren in mir hinterlassen. Ich bin zutiefst dankbar für all die Momente, die wir miteinander geteilt haben – die Stunden des Lachens, des Nachdenkens und der Tränen.
Du bist ein Mensch von seltener Tiefe und Wert. Möge das Leben Dir abseits des Rasens genauso viel Glück und Erfolg schenken wie darauf.
Es war an einem Samstag im Frühsommer 2005, als ich David kennenlernte.
Obwohl es schon so lange her ist, erinnere ich mich an diesen Moment, als wäre er gestern gewesen: Auf der Wiese der Sportanlage Moosmatt in meinem Wohnort Obreiten spielten gerade die „Großen“ auf die 5-Meter-Tore.
Mit meinen neun Jahren war ich zum Kicken mit den Großen noch zu zierlich. Die meisten von ihnen wirkten schon fast erwachsen; ich schätzte sie auf 18 bis 20 Jahre. Einige Kinder waren auch dabei, von denen ich die meisten zumindest vom Sehen kannte. Die Jüngsten dürften etwa 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Und dann waren da noch die etwas Älteren, um die 14 Jahre alt, die mich um mindestens zwei Köpfe überragten.
Behutsam schlenderte ich also mit meinem Ball unter dem Arm in Richtung des Geschehens. Der Sportplatz lag zwar nur 200 Meter von meinem Zuhause entfernt, aber es war das erste Mal, dass Mama und Papa mich ganz alleine ins Moosmatt ziehen ließen. Ich trug meine nigelnagelneuen Nockenschuhe, hatte die Schienbeinschoner angelegt und war in das Minidress der Schweizer Fußballnationalmannschaft gehüllt.
Und wo wir gerade dabei sind, lassen Sie uns das mit den äußeren Merkmalen gleich mal erledigen:
Ich war seinerzeit etwa 130 Zentimeter groß, schlank und hatte eine sportliche Statur. Ich erinnere mich daran, dass man sagte, ich hätte bereits damals eine typische Sportlermuskulatur gehabt – jene langen, flinken Muskeln, die für Schnellkraft prädestiniert sind.
Meine Haare waren lockig und braun – hellbraune Engelslöckchen, wie meine Oma sie immer nannte. Auch wenn mich das manchmal nervte, lächelte ich stets brav, wenn sie damit kam.
Meine Augenfarbe lässt sich nicht so einfach beschreiben. Als Kind war die Iris deutlich heller, wie ich auf alten Fotos feststellen kann. Im Grunde sind und waren meine Augen hellbraun, genauer gesagt bernsteinfarben. Wie manche vielleicht wissen, haben bernsteinfarbene Augen die besondere Eigenschaft, bei bestimmten Lichtverhältnissen grünlich oder goldig zu schimmern.
Die Farbe variierte also ständig.
Sie fielen auf jeden Fall auf, insbesondere durch ihre Größe.
Ich fragte mich gelegentlich, ob ich bloß besonders aufmerksam war und nichts verpassen wollte. Bei den meisten Menschen ist bekanntlich nur ein Teil der Iris sichtbar. Bei mir jedoch war sie oft komplett zu sehen – als ginge ich ständig mit weit geöffneten Augen durch die Welt.
Was gibt es noch zu sagen?
Über meine Nase, die niedlich und stupsig war, zogen sich angedeutete Sommersprossen.
Eine wirklich entzückende, kleine Stupsnase muss man sagen.
Vor allem im Sommer oder nach längerer Sonneneinstrahlung kamen diese Sommersprossen zum Vorschein – allerdings nur ganz dezent. Sie waren auch nicht rötlich, sondern eher in einem dunklen Ton gehalten. Es sah fast so aus, als hätte mich eine sanfte Brise mit Schokosauce besprenkelt.
Mein Gang ist vielleicht auch noch erwähnenswert: Er war schon immer etwas Besonderes und ich denke, er ist es bis heute geblieben. Ich bin ein Ballenläufer, was bedeutet, dass ich grundsätzlich nur mit den Zehen und dem Fußballen auftrete und meinen Fuß kaum über die Ferse abrolle. Dadurch entsteht eine Art federnder, hüpfender Bewegungsablauf, zumindest sieht es von außen so aus.
Tatsächlich ist es ein sehr charakteristischer Gang, der mich begleitet. Ganz früher war das für mich völlig normal, es hat mich nicht gestört, wie ich ging. Aber im Laufe der Zeit – als junger Teenager – habe ich versucht, es zu kaschieren, weil es irgendwie seltsam aussah.
Das wären wohl die wichtigsten Aspekte zu meinem äußeren Erscheinungsbild.
Vielleicht ganz zum Schluss noch erwähnenswert: Meine Zähne hatten auch so ihre Eigenheiten, aber das ist wohl bei den meisten Kindern in diesem Alter der Fall, oder? Immerhin waren sie nicht wild durcheinander gewachsen, Gott sei Dank. Allerdings schienen die Schneidezähne ein bisschen aneinander vorbeizuwachsen. Oder besser gesagt, einer schob sich leicht hinter den anderen. Wahrscheinlich hatte mein Oberkiefer einfach nicht genug Platz für alle Zähne, die da wachsen wollten. Mit 11 oder 12 musste ich dann eine Zahnspange tragen, was ziemlich lästig war.
Auch meine Stimme wirkte vielleicht etwas eigenartig (nicht für meinen David, das stand außer Frage). Sie klang irgendwie piepsig, nicht so tief oder jungenhaft, wenn man das so sagen kann. Und da war dieser singende Tonfall, der immer mitschwang.
Und ja, ich war wohl ein kleiner Besserwisser. Einerseits war ich einfach extrem neugierig und löcherte Mama und Papa ständig mit meinen vielen Fragen, gierig darauf, Antworten auf all das zu bekommen, was mich interessierte. Andererseits war ich wohl auch ein Streber, was aber eben mit meiner unstillbaren Wissbegierde zu tun hatte.
Nun ja, ich galt wohl als altklug und war deshalb bei Gleichaltrigen nicht gerade beliebt. Aber da ich gleichzeitig eine wahre Sportskanone war, konnte ich das irgendwie ausgleichen. Sie kennen das ja: Wer als Kind gut im Sport war, hatte automatisch auch einen gewissen Status und war beliebt.
Und umgekehrt galt das oft auch. Diese Sozialhierarchie im Schulalltag konnte ganz schön frustrierend sein – der Athletenbonus war tatsächlich real. Sportliche Schülerinnen und Schüler genossen einen unstrittigen sozialen Vorteil, sei es durch Anerkennung von Lehrern oder Beliebtheit bei den Mitschülern.
Ich will mich nicht beschweren, schließlich habe ich von diesem Bonus profitiert.
Ich hatte also beides in mir vereint: Sportlichkeit und Intelligenz. Doch an jenem Nachmittag im Moosmatt half mir das alles nichts, denn mir fehlten einfach drei oder vier Jahre an körperlicher Entwicklung, oder anders ausgedrückt: der eine oder andere Kopf an Körpergröße.
So setzte ich mich hinter eines der Tore und beobachtete das bunte Treiben auf dem Platz. Nach ein paar Minuten wurde mir das jedoch zu langweilig, und ich fing an zu schmollen, indem ich ein bisschen mit meinem Ball herumspielte. Ich jonglierte ein wenig, schoss von hinten auf das Tor, womit ich schließlich die Aufmerksamkeit auf mich zog – allerdings nur die von einer einzigen Person: David.
„Hey, du“, begrüßte er mich, als ihr Spielball am Tor vorbeiflog und einer der Spieler dem Ball hinterherlief, wodurch das Match kurz unterbrochen wurde.
David stand neben dem Tor, stützte sich mit den Händen auf den Knien ab und schnappte nach Luft.
„Hallo“, piepste ich schüchtern und betrachtete den schlanken Kerl, der mich angesprochen hatte. Schon früher war er mir auf dem Platz aufgefallen – er verbrachte scheinbar viel Zeit hier.
„Schicke Fußballschuhe hast du da“, sagte er lächelnd und deutete auf meine neuen Treter.
Ich lächelte zurück und erwiderte:
„Ja, finde ich auch.“
Und in diesem Moment hatte er mich bereits erobert.
Dass ein Erwachsener – ich schätzte ihn auf etwa 20 Jahre – überhaupt meine Anwesenheit bemerkte, mich dann auch noch freundlich ansprach und Interesse an meinen neuen Nockenschuhen zeigte; das beflügelte mich regelrecht.
Von Euphorie getragen, erlaubte ich mir einen kühnen Schritt.
„Darf ich mitspielen?“, wagte ich zu fragen und blickte auf das dicht besetzte Spielfeld.
„Hmm“, erwiderte er und sah kurz zu den anderen Spielern hinüber, „ich denke, das könnte etwas heftig für dich werden. Schau mal, wie groß und robust die alle sind.“
Mir war natürlich klar, was er meinte.
„Schade“, murmelte ich enttäuscht und zog eine Schnute.
Er überlegte kurz, bevor er vorschlug:
„Hey, wenn du noch ein bisschen hierbleibst ... Wir machen bald eine Pause, und dann könnten wir zusammen ein wenig aufs Tor schießen. Was hältst du davon?“
„Ja, sehr gerne!“
„Wie heißt du eigentlich?“
„Christian. Und du?“
„David.“
Wir lächelten uns an, und er kehrte zurück auf das Spielfeld, wo der Ball bereits wieder rollte.
Selbstverständlich hielt er später sein Versprechen.
Damit begann eine Freundschaft, die in jeder Hinsicht unvergleichlich war.
In den kommenden Wochen und Monaten verbrachte ich praktisch jedes Wochenende im Moosmatt, es sei denn, wir hatten Familienpläne.
