Zwischen zwei Dächern - Bruno Neri - E-Book

Zwischen zwei Dächern E-Book

Bruno Neri

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Beschreibung

Geschichten, teils aus dem Leben gespickt, teils erfunden. Gedichte (reimlos)

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Dieses Buch ist in zwei Kapitel aufgeteilt:

Teil I Geschichten

Teil II Gedichte

An dieser Stelle möchte ich mich bei Frau Sybille Böhmer-Rawas und Frau Angelika Frey für das konstruktive Lektorat und Geduld herzlichst bedanken.

Möge der Leser viel Freude und Spaß bei der Lektüre dieser teils aus dem Leben gespickten teils erfundenen Geschichten und Gedichte empfinden.

Inhalt

Geschichten

Zwischen zwei Dächern oder Ein Stück Meer

Der Sonnenstich

Ein Glas Wasser

Fußballträume

Die Wundermaschine

Gazie ladri (Hochzeit in Rom)

Recycling auf Italienisch

Zitronengarten (Metapher)

Zampognari (Die Dudelsackpfeiffer)

Eine gespenstische Nacht

Die Mulattin

Bayrisch auf Italienisch

In letzter Minute

Der Bettnachbar

Eine ungewöhnliche Kur

Eine Begegnung beim Döner Kebab (sozialkritisch)

Die blonde Frau

Der Name der Globalisierung

Verbrannte Kindheit

Gedichte

Kinderstimmen

Mordana

Der Blätterregen

Mein Sommer

Der Flügel

Herbstgedicht

Das Kind im Spiegel

Zwischen zwei Dächern oder Ein Stück Meer

„Du gehst an mir vorbei, als ob ich ein Fremder wäre. Das finde ich nicht nett von dir“, überraschte mich eine Männerstimme. Ich hatte noch nicht die Zeit mich zu finden, als ich eine freundliche Umarmung bekam. „Ciao, Onkel, schön dich wieder mal zu treffen“, begrüßte mich mein Neffe Antonio. Er war 30 Jahre alt. „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? Ach ja, erst gestern, nicht wahr Onkel?“

Es stimmte nicht. Genau konnte ich es nicht sagen, aber es mussten mindestens drei Jahre gewesen sein. Ich musste mich immer in Acht nehmen vor diesem Frettchen von jungem Mann. Nie war ich gegen seinen lustig gemeinten, oft bissigen Spott gewappnet. Man konnte mit ihm keine ernsthaften Gespräche führen. Ich war fast immer verlegen, wenn wir eine Unterhaltung anfingen.

„Ciao, Antonio“, erwiderte ich und begrüßte ihn mit einem Kuss auf beide Wangen. „Ich war auf dem Weg zu euch“, log ich. Ich wollte schon zu meiner Schwester, also Antonios Mutter, aber eigentlich nicht jetzt.

Ich kam gerade aus der Wohnung meines Bruders. Ich wollte allein durch die ‚Giardini’ schlendern. „Komm, begleite mich eine Weile. Ich möchte über dein Anliegen reden“, lud ich ihn ein und packte ihn am Arm.

„Nein, Onkel, ich muss in den Laden. Die Rollgitter des Geschäfts müssen hochgezogen werden und außerdem bin ich so und so schon zu spät dran. Wir unterhalten uns beim Mittagsessen.“ Er warf seinen Kopf in die Höhe und schon war er weg.

Die Melodie eines neapolitanischen Lieds vermischte sich mit dem Frittiergeräusch der Fische, die gerade in die Pfanne gelegt wurden. Meine Schwester hechtete aus der Küche zum Esszimmer und zurück, gleichzeitig deckte sie den Tisch und achtete darauf, dass die Spaghetti nicht zerkochten. Ich war nur ein Zuschauer. Die Zubereitung des Mittagsessens, üblicherweise um vierzehn Uhr, war fast fertig, da öffnete sich die Eingangstür. Es war Antonio.

„Ciao, Mamma, ist das Essen fertig?“ Er prüfte, ob die Tomatensauce den richtigen Geschmack hatte und verbrannte sich dabei beinahe die Zunge. Dann ging er in sein Zimmer und schlüpfte in leichtere Kleidung.

Nach dem Essen machten wir es uns im Wohnzimmer bequem. Wie immer bei meinen Verwandtschaftsbesuchen wurde ich so gefüttert, als ob ich daheim verhungern würde. Ich ließ mich in den Sofasessel fallen. Antonio führte die Unterhaltung.

„Weiß du schon, Onkel, dass ich eine Wohnung in einem kleinen Dorf oben in den Bergen gekauft habe? Sie ist in einem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht. Die Räume der Wohnung führen über zwei Stockwerke. Von der Terrasse aus kann ich das Meer sehen und habe ein tolles Panorama. Wenn du willst, können wir später dorthin fahren. Ich zeige dir die Wohnung.“

„Das ist es, worüber ich mich mit dir heute Morgen unterhalten wollte, als wir uns zufällig getroffen haben. Wann hast du sie denn gekauft?“, fragte ich ihn neugierig.

„Na, ungefähr vor zwei Jahren.“

„Nanu, und du wohnst noch bei deinen Eltern?“

„Ja, ich kann noch nicht umziehen. Ich musste sie renovieren und bin noch nicht fertig. Aber bald wird es so weit sein.“ Seine Stimme jubelt.

„Und dann, dann, ziehe ich endlich aus und muss niemandem mehr Rechenschaft ablegen. Dann werde ich unabhängig.“

„Ich freue mich, dass du zu der Einsicht gelangt bist, dass es Zeit war, deiner Mutter nicht mehr zu Last zu fallen“, ergänzte ich seinen Satz, und lief Gefahr, seinen Missmut heraufzubeschwören.

„Ich falle ihr gar nicht zur Last. Sie ist ja froh, mich noch hier zu haben. Ich bringe doch Abwechslung in dieses Narrenhaus“, erwiderte er erbost.

Mit ‚Narrenhaus’ meinte er es aber nicht wörtlich. Schließlich wohnte er auch selber in dieser Wohnung. Das Gespräch wurde abrupt beendet. Als wollte er mich davon überzeugen, dass er es ernst meinte mit dem Ausziehen, entschloss er sich spontan, mir seine Wohnung sofort zu zeigen.

Wir fuhren einige Kilometer bergauf und kamen in ein kleines Dorf, das idyllisch und verschlungen in den Berghang gebaut war. Er hatte Recht: man konnte von dem Parkplatz am Dorfeingang ein herrliches Panorama genießen. Aber bisher konnte man nur erahnen, wo das Meer lag. Wir mussten zu Fuß zur Wohnung weitergehen.

Sichtlich bewegt öffnete er die Eingangstür und zeigte mir stolz das Erdgeschoss.

„Hier kommt der Tisch mit zwei Stühlen hin. Dort, wo im Boden das beleuchtete Aquarium vorgesehen ist, ein kleines Sofa. Hier rechts ist die Wendeltreppe in den ersten Stock.“

Mit den genannten Gegenständen war das kleine Wohnzimmer auch schon an seine Grenzen gestoßen. Wir gingen in die obere Etage. Ich fragte mich, wie es ein dicker Mann wohl schaffen würde, diese Wendeltreppe hinaufzusteigen ohne zwischen Geländer und Wand stecken zu bleiben. Im ersten Stock waren das Schlafzimmer und das Bad untergebracht.

„Und wo ist die Küche?“ fragte ich ihn beiläufig.

„Sie wird auf dem Podest zwischen den zwei Treppen montiert.“

Was er meinte, war der Herd und möglicherweise ein kleiner Geschirrschrank für mehr bot das Podest nicht Platz.

Ich sah überall noch Reste von Farbe. Im Bad, in dem eine Duschwanne, ein Waschbecken und das Klo hineingezwungen worden waren, war der Boden schon verlegt, aber die Wand noch im Rohzustand.

„Antonio, ich frage mich, ob diese Wohnung nicht ein bisschen zu klein ist.“

„Für mich ist sie groß genug. Aber das Wichtigste ist, Onkel, das Wichtigste ist, dass ich das Meer sehen kann - mein geliebtes Meer.“

Eine zweite, steile Treppe führte uns zum dritten und letzten Zimmer. Von hier aus gelangte man zur Terrasse.

„Schau, Onkel! Atme doch diese frische Luft. Bewundere das Panorama, den blauen Himmel und das Meer.“

Ich sah aber nur die Dachziegel der davor liegenden Häuser. Lediglich rechts konnte man in die Tiefe blicken und sehen, wie die Straße sich zum Dorf hochwand. Auf den Fußspitzen stehend konnte ich dann doch noch in das kleine Tal spähen.

„Antonio, sag mal, wo ist das Meer?“

„Dort, siehst du es nicht?“

Ich gab mir Mühe, das Meer zu entdecken, es war aber vergeblich. Mein Neffe merkte meine Verlegenheit und ungeduldig zeigte er mir mit dem Finger die Blickrichtung.

Zwischen zwei Dächern sah ich es endlich: ein Stück Meer schimmerte durch.

Ein Jahr nach dieser Wohnungsbesichtigung rief ich meinen Neffen an. „Ciao, Antonio. Wie geht es dir in deiner neuen Wohnung?“

„Sie ist noch nicht fertig“, antwortete er mit erschreckender Selbstverständlichkeit.

„Wie bitte? Das verstehe ich nicht. Du wolltest in aller Eile ausziehen.”

„Das ging nicht. Ich bin dabei die Wohnung umzustellen. Das Loch für das beleuchtete Aquarium habe ich zugeschüttet. Ich habe die Mauer des Zimmers zum Podest im ersten Stock herausgerissen. Dort kommt die Küche hin. Auf der Terrasse will ich eine Markise anbringen, weißt du, gegen die glühenden Sonnenstrahlen…“

Ich unterbrach ihn nicht, legte den Hörer beiseite auf die Fensterbank und wartete ab, bis er fertig war, die anstehenden Änderungen aufzulisten.

„Wann wirst du dann umziehen?“, kam meine Frage gezielt.

„Umziehen? Ach, das weiß ich nicht. Ich habe momentan kein Geld, um die restlichen Arbeiten zu beenden.“

„Hänge doch gleich im Hotel Mama ein Ölbild mit Meeresblick auf, dann brauchst du gar nie auszuziehen.“

Der Sonnenstich

Meine Schuhsohlen drücken sich in den aufgeweichten Teerboden des Bürgersteigs. Es ist kochend heiß. Ich habe das Gefühl, auf einem Teppich zu gehen. Schweiß rinnt mir über die Stirn. Die Hände in den Taschen der Bermudas, kurzärmliges Sommerhemd auf nackter Haut, erreiche ich die Gasse Via Arce. Ich erkenne sie kaum wieder. Sie hat ihr Gesicht verändert! Das Bildnis der heiligen Maria mit dem Jesuskind, in einen eisernen Rahmen eingefasst und vor der Witterung durch ein Glas geschützt, hängt immer noch an derselben Stelle. Eine kleine Marmorplatte ist unter dem Bild montiert. Stalagtitartig hängen kleine Wachstropfen von der Kante der Marmorplatte herunter. Sie sind die Reste der Lumicini-Teelichter, die die Gläubigen anzünden und darauf ablegen, als Zeichen ihrer Dankbarkeit für erlebte Wunder. Ich bin in meiner Geburtsstadt. Die Stadt will modern sein, befreit sich von alten, engen und sonnenarmen Gassen, aus denen Moder und faulige Gerüche steigen.

Der uralte Stadtkern zerbröckelt. Einige alte Gebäude sind instand gesetzt, andere, die stark beschädigt waren, schon abgerissen - sie mussten kalten, gesichtslosen Betonklötzen weichen. Häuser mit historischer Bedeutung überleben die begonnene Entschlackung. Ich gehe in die Gasse hinein. Es ist früher Nachmittag. Die Läden sind geschlossen. Der Verkehr ruht. Erinnerungen aus meiner Kindheit sind plötzlich da. Ich starre auf eine Eingangstür. Sie ist nicht die alte. Die alte Tür war durchlöchert, zerkratzt, abgesplittert und morsch. Aber trotzdem ließ sie mit ihren geschnitzten Einlegearbeiten den Stolz und den Glanz vergangener Zeiten ahnen. Ich erinnere mich, ja, dort hatte der Stuhl gestanden, neben der Haupteingangstür. Beklemmung steigt leise in mir auf. Ich erlebe die Szenen von damals wieder. Es geschah, als ich durch diese Gasse nach Hause ging. Ich kam von der Grundschule…

„Mamma, Mamma“, schrie Concetta.

„Was ist los, was ist los?“, antworteten mehrere Stimmen aus dem ersten Stock.

„Kommt, schnell, kommt! Maria wird ohnmächtig.“

Die Mutter rannte Hals über Kopf die schmalen Stufen hinab, gefolgt von einer Schar Kinder und einigen Erwachsenen, und stürzte auf die Straße hinunter. Sie versammelten sich um Maria, die auf einem wackeligen Strohstuhl neben dem Haupteingang des Hauses hing. Ich sah, wie sich ihre Augen verdrehten, für einen Augenblick das Bild der Madonna mit dem Jesuskind fixierten. Der Kopf sank langsam nach hinten und sie starrte zum Himmel, der zwischen den eng gebauten Gebäuden kaum zu sehen war. Ihre lockigen, dunklen Haare folgten der Kopfbewegung und glitten an ihren Schläfen nach hinten. Ihre Gesichtshaut war blass. Sie war sehr zart. Ihre feingliedrigen Hände hätten die einer Pianistin sein können. Nase, Lippen und Arme - alles harmonisierte mit ihrer zerbrechlichen Erscheinung. Die Mutter griff schnell zu, stützte ihren Kopf.

„Santa Madonna mia, oh du heilige Mutter Gottes, was ist mit ihr, was ist nur mit ihr. Wird sie sterben?“, fragte weinend ihre Schwester Concetta.

„Was sagst du da! Sei still, sei doch still. Sie wird bestimmt nicht sterben. Geh weg, geh doch weg, du erschreckst uns nur, du Unglücksrabe.“ Es war die eigene Mutter, die ihre Tochter so anschrie. Ich spürte, dass es auch ein Schrei der Angst, der Furcht vor einer großen Gefahr war. Und ich konnte die Angst in ihrem Gesicht lesen.