Zwischen zwei Kriegen - Paul Marcus - E-Book

Zwischen zwei Kriegen E-Book

Paul Marcus

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Beschreibung

Die Wiederentdeckung eines vergessenen Autors und eines einmaligen Buches über die zwanziger Jahre: Es geht um das turbulente kulturelle Leben, um den damals neuen Film, um Theater, Literatur, Musik und Kabarett, um den Sport, aber auch um die politische Bedrohung spätestens seit 1930 durch die Nazis und ihre Mitläufer in der kulturellen Szene.Dieses Buch, 1952 erstmals veröffentlicht unter dem Titel "Heimweh nach dem Kurfürstendamm", wurde schnell zum Bestseller. Es war der erste Rückblick auf die zwanziger und frühen dreißiger Jahre - geschrieben von einem der begabtesten und quirligsten Journalisten dieser Zeit, der eben nicht nur von außen beobachtete, sondern immer mitten im Geschehen war. Aus dieser Nähe gewinnt das Buch seine Lebendigkeit, seine atmosphärische Stärke und die Vielfalt seiner Informationen und Anekdoten - eine unterhaltsame Revue auf sehr hohem Niveau.

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EPUB

Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2013

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© Für diese Ausgabe 2013 by Transit Buchverlag GmbHPostfach 12 11 11 | 10605 Berlintransit-verlag.de

Seite 1: Paul Marcus, 1953, fotografiert von Fritz EschenUmschlaggestaltung, unter Verwendung einesFotos von Mario von Bucovich, 1928, mit freundlicherGenehmigung des Nicolai Verlags/Dieter Beuermann,und Layout: Gudrun FröbaDruck und Bindung: Pustet, RegensburgISBN 978 3 88747 290 0ISBN 978 3 88747 297 9 ebook

Paul Marcus

ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN

Aus Berlins glanzvollsten Tagen und Nächten

Mit einem Nachwort von Inka Bach

INHALT

Heimweh nach dem Kurfürstendamm

Nachtvögel, Nepp und Nuditäten

Im Keller und im ersten Stock

Der Mann, der sein Schicksal nicht voraussah

Herzblut mit Rum, zwei Eier im Glas

Frühlingserwachen, 1928

Charell improvisiert eine Weltkarriere

Bretter, die die Welt bedeuten

Staatsmänner, Könige und Diplomaten

Kabarettnächte

Die starken und die schnellen Männer

Schattenspiel der Flimmerkiste

Erich stößt alle »aus de Pantinen«

Nachwort von Inka Bach

Namensverzeichnis

Bildquellen

Zu Paul Marcus und Inka Bach

HEIMWEH NACH DEM KURFÜRSTENDAMM

Sechs Uhr früh. Bahnhof Charlottenburg. Es war ein eiskalter Januarmorgen des Jahres 1948, als ich nach fast genau fünfzehn Jahren wieder auf Berliner Boden stand. Rings um mich wieder Menschen, die meine Muttersprache redeten – echtes Berlinisch. Es war noch nicht ganz hell. Schnell hatte ich Herrn Grün ausfindig gemacht, den von Freunden geschickten Schofför, der mich ins Hotel fahren sollte. Er nahm dankend die Zigarette, die ich ihm anbot, rauchte sie aber nicht, sondern steckte sie sorgfältig in sein leeres Etui. Und wir fuhren los. Durch die Ruinen der Kantstraße im fahlen Morgendämmer; sie sahen nicht viel anders aus als die Trümmer, die ich auf der langen Fahrt durch Deutschland gesehen hatte.

Welche Gefühle hat man, wenn man nach so vielen Jahren des unfreiwilligen Fernseins in die Heimat zurückkehrt? Heimat ist, hat jemand gesagt, »wo man Erinnerungen hat«. Unser Herz hängt ja nicht an Mauern, sondern an Menschen, und wo waren diese Menschen wohl hingekommen? Befand sich unter den wenigen Passanten, die da mit Rucksäcken zu so früher Stunde durch die Straßen schlichen, am Ende einer, mit dem ich einst die Schulbank gedrückt, oder ein Kellner, der mich irgendwann einmal bedient hatte?

Als ich ein paar Stunden später durch die Straßen ging, in denen ich einst zu Hause gewesen war, schien mir die Heimat zur Fremde geworden. Es war, als sei ich in Pompeji. Wie die Reste einer untergegangenen Welt sahen Plätze und Häuser aus. Oder war es, als käme ich, mein eigenes Grab zu besuchen?

Das Haus, in dem uns Herr Lachmann* die ersten Bände Rilke verkauft hatte, stand nicht mehr. An dieser Ecke hatten wir uns von unserem alten Vater verabschiedet. Wo diese Trümmerreste in den Himmel ragten, war einst ein Rummelplatz gewesen. »Wer haut, wer pufft den Lukas in die Luft?!«, klang es in meinen Ohren nach, als ob nicht dreißig Jahre dazwischen lägen. Um den Schutthaufen, der nunmehr den Bayerischen Platz darstellte, war der elegante, gut aussehende Herr Jeannin geschlendert, einst der erste »Looping-the-loop«- Flieger der Welt, bis er eines Tages wegen Verführung Minderjähriger vor Gericht gestanden hatte. Dort war das Café Boese, in dem ich mein letztes Telephongespräch in Berlin geführt hatte, und daneben das Wittelsbach-Kino, in das ich verbotenerweise geschlüpft war, um die verregneten Filme der stummen Zeit zu sehen.

Es gab noch gar kein richtiges Telephonbuch, aus dem zu ersehen gewesen wäre, ob es vielleicht Bekannte gab, die man hätte anrufen können. Doch am Nachmittag hatte ein neuer Verleger zu einem Empfang geladen; in die gute alte »Greifi« in der Joachimstaler Straße, und derselbe Herr Greifenhagen, mit dem man einst viele Himbeergeist getrunken, begrüßte mich, als sei ich gestern zum letzten Mal hier gewesen.

Während ich dann mit Willi Schaeffers, dem liebenswürdigen Conférencier, an der Bar saß, schwirrten Namen an mein Ohr, die die Vergangenheit aufsteigen ließen – überdeutlich und kristallklar.

Für mich hat das Erwachsenendasein mit dem Ende des ersten Weltkriegs begonnen, und dieses Ende hatte mich auf dem Anhalter Güterbahnhof erreicht, wo ich als Hilfsdienstpflichtiger nächtliche Wache schob. Im Schatten der melancholischen Siegessäule rostete noch der »Eiserne Hindenburg«. Gegen Einwurf kleiner Münzen hatten wir während des Krieges in die hölzerne Kolossalfigur je nach der Vermögenslage unserer Eltern goldene, silberne oder eiserne Nägel zu wohltätigen Zwecken eingehämmert. Der Reichstag war aufgelöst, die Weimarer Nationalversammlung noch nicht zusammengetreten; dafür tagte im Wallotbau der Arbeiter- und Soldatenrat, in dem die Radikalen – und wer war damals nicht wenigstens für kurze Zeit radikal? – das große Wort führten. Magnus Hirschfeld, der bedeutende Sexualforscher, der späterhin In den Zelten sein berühmtes und stark umstrittenes Institut leitete, hielt auf dem Platz vor dem Reichstag oppositionelle Reden. In der Aula der Hohenzollernschule, in der »Lord Luft«, der Vater des Kritikers Friedrich Luft, noch versucht hatte, uns die Anfänge der englischen Sprache beizubringen, stand nun der junge Redakteur von Friedrich Naumanns »Hilfe«, Dr. Theodor Heuss, und illustrierte mit großen, plastischen Gesten das Programm der neuen Demokratischen Partei. Sein Bariton war kräftiger als die schmale Figur im Anzug von der Stange. Die drittstärkste Partei wurden die Demokraten in der Nationalversammlung.

In der Philharmonie in der Bernburger Straße hingen zweitausend Hörer atemlos am Munde eines Redners in einem märchenhaften, auf Taille gearbeiteten Frack. Bleich war sein Antlitz, das dunkle Haar leicht mit der Brennschere gelockt: Maximilian Harden, Herausgeber der »Zukunft«, die einmal im Kriege ein Vierteljahr verboten gewesen war, bis sie auf Intervention des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Dr. Gustav Stresemann wieder erlaubt wurde. Wir verschlangen jede Nummer der »Zukunft«, und Harden zitierte in der Philharmonie Walther Rathenaus: »Wenn der Kaiser hoch zu Roß siegreich durchs Brandenburger Tor gezogen wäre, hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren …«

Philharmonie vor der Sprengung; Bernburger Straße, Berlin-Kreuzberg, 1952

Der junge Dichter Walter Mehring dichtete in rhythmischer Prosa, die Verse mussten sich noch nicht reimen:

»Schon revolutionieren die ersten amerikanischen Lebensmittel im Magen der Kapitalisten.

Berlin – dein Tänzer ist der Tod.«

»Berlin – dein Tänzer ist der Tod …« Die Worte übernahmen riesengroße, an allen Säulen klebende, von der Regierung bezahlte Plakate, die die von den Radikalen unermüdlich organisierte Kette der Massenstreiks meinten.

Von demselben Walter Mehring sang ein paar Jahre später im »Karussell« am Kurfürstendamm das Quartett Willi Schaeffers, Viktor Schwanneke, Paul Westermeier und Lamberts-Paulsen den »Choral der Seemannsleute«:

»In Hamburg an der Elbe,

gleich hinter dem Ozean,

ein Mädchen von St. Pauli,

von St. Pauli, von der Reeperbahn …«

Einen Originaldollar Tantieme bekam jeden Abend der Dichter, weil die Straßenbahnfahrt jetzt schon eine Milliarde Mark kostete. Und vergessen waren die Zeiten, in denen Mehring aus der Redaktion von »Bühne und Film« geflogen war, weil er »Kinderzeichnungen« eines neuen Malers gedruckt hatte, der George Grosz hieß.

Der Theatertrust der Brüder Rotter hielt sich einen linksradikalen Dramaturgen in der Person des Dr. Oskar Kanehl, der sich bemühte, bei seinen Chefs einen Studienfreund aus Heidelberg als Nachfolger unterzubringen, weil er schon vor hatte, dieser aussichtslosen Welt Valet zu sagen. »Entrottere dich, Rebell«, apostrophierte Stefan Großmann im »Tagebuch« den Dramaturgen. Der gehorchte und schoss sich eine Kugel durch den Kopf. Sein Freund zog vergeblich an der Glocke von Rotters Grunewaldvilla; er hieß Joseph Goebbels. Die Rotters verbrachten den Sommer in Cannes.

Die Berliner schwammen im Sommer im Wannsee oder in Heringsdorf. Zwei in der Badehose kamen auf das Titelbild der »lllustrirten«, die der nimmermüde Kurt Korff redigierte: Reichspräsident Friedrich Ebert und Wehrminister Noske. Die Leser waren im Zweifel, ob sie es als Diskreditierung der Republik oder als natürlichste Sache von der Welt ansehen sollten, dass Minister zuweilen baden.

Den schieberischen Nachkriegstyp taufte der Zeichner der »Illustrirten«, Koch-Gotha, »Raffke« und porträtierte ihn vor den Ruinen des Kolosseums mit der Unterschrift: »Baut doch nicht, wenn ihr keene Gelder habt …«

Vom Lager Döberitz, geführt von Kapitän Ehrhardt, zogen revolutionierend Truppen ans Brandenburger Tor; aber am Generalstreik erlosch der Kapp-Putsch, und Rechtsanwalt Dr. Dr. Erich Frey erschien im grünen Frack aus Samt auf dem Presseball. Die ganze Stadt sang »Ausgerechnet Bananen«, und 1923 gaukelte zum ersten Mal das unvergessliche Gesicht Greta Garbos in »Gösta Berling« über die Leinwand des Mozartsaales am Nollendorfplatz.

Wir gingen in die »Wimmer-Klause« am Rüdesheimer Platz und schlürften Schwedenpunsch oder buntschillernde Sherry-Coblers, deren schmelzende Eisstückchen den ganzen Abend überdauerten. Alle besseren Caféhäuser richteten sich schummrige Dielen ein, in denen man zu Klavierbegleitung »Black Bottom« tanzte.

Man saß noch mit dem Kopfhörer vor dem ersten Radioapparat und stellte den Kontakt zwischen einem Stückchen Draht und einem winzigen Kristallsteinchen her, um die Stimme Friedrich Knöpfkes, des ersten Rundfunkdirektors und Funkansagers zugleich, aus dem Vox-Haus in der Potsdamer Straße zu vernehmen. Zu dieser Zeit spielte der späterhin erste und beste Radioreporter Alfred Braun in zweiter Besetzung den Karl-Heinz in »Alt-Heidelberg« und bildete gewissermaßen einen Harry Walden-Ersatz.

Einmal fand sogar das klassische Derby nicht im traditionellen Hamburg, sondern in Berlin statt, und »Gibraltar« aus dem Stalle Graditz siegte.

Elisabeth Bergner trat zum ersten Mal an einem Sonntagvormittag in einer Hosenrolle in dem Drama »Vatermord« vor die Berliner. Es war das erste Stück Arnolt Bronnens, der später an den weißen Mäusen beteiligt war, die die Premiere des Films »Im Westen nichts Neues« hindern sollten. Der Autor dieses inzwischen längst zum Bestseller gewordenen Kriegsromans war Erich Maria Remarque, der erst ein paar Jahre vergeblich von Verleger zu Verleger gelaufen war und als Pressechef von »Continental« in Hannover nebenbei Cocktailrezepte für die schlüpfrige Zeitschrift »Der Junggeselle« geliefert hatte.

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht,

sing ich dir mein schönstes Liebeslied,

immer, immer wieder …«

Das war der Schlager, den der Wiener Fritz Rotter, nicht etwa einer der »beiden Bindelbands«* und Theaterdirektoren, geschrieben hatte. Zu einer Musik Franz Doelles und für James Kleins Prachtrevue »Donnerwetter – tausend Frauen« in der Komischen Oper an der Weidendammer Brücke. Und der junge Hans Albers sprang in einer Szene allabendlich von einem Kronleuchter in ein Wasserbassin, bis ihn Heinz Hilpert für Bruckners »Verbrecher« in das Deutsche Theater holte.

Der Turfphantast Klante lud ein, sich an Massenwetten zu beteiligen, und legte selbst die hellsten Berliner rein. Gustav Winter aus Leipzig gründete eine Partei, die Aufwertung der rotgestempelten Tausender versprach und eine halbe Million Stimmen einfing, obwohl sich der Parteiführer im Gefängnis befand. Hinter schwedischen Gardinen verschwanden auch die Gebrüder Sass, sie gruben sich aber alsbald einen unterirdischen Zugang zu den Tresoren der Disconto-Bank. Willi Schaeffers, der nun neben mir saß, richtete sich eine kleine Bar in seinem Keller ein und nannte sie »Disconto-Bar«. Am Abend vor der Uraufführung der »Dreigroschenoper« im Theater am Schiffbauerdamm zweifelte der junge Direktor Aufricht an jedem Erfolg. Auch seine Darsteller glaubten nicht daran: Harald Paulsen, die heute verschwundene Carola Neher – einst Frau Klabund – und Lotte Lenya, Gattin des Dessauer Komponisten Kurt Weill. Im »Berliner Tageblatt« sagte Alfred Kerr dem Dichter Bert Brecht Plagiat an François Villon nach. Am Tage vor der Premiere wurde Peter Lorre krank, der sich kurz zuvor im selben Hause als Irrer in Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt« die Stadt erobert hatte. Erich Ponto sprang für ihn ein, den Peachum zu spielen.

Im Gourmenia-Palast bediente ein kesser, junger Page die Gäste, die der Lift zum Dachgarten beförderte. Der Familienname des Pagen war Ernst. Ein Hauptmann a.D. Röhm bezahlte für ihn Kurse an der Hochschule für Politik und machte ihn später zum Obergruppenführer.

Als man nicht mehr nur in geschlossenen Tanzklubs, sondern auch öffentlich wieder tanzen durfte, wimmerte das Saxophon Eric Borchards im Scala-Kasino, das von dem futuristischen Architekten und Bildhauer Rudolf Belling ausgestattet worden war. Es hieß Musik, was sie spielten, und wenn mit Kuhglocken, Autohupen, Trillerpfeifen Lärm gemacht wurde. Sonst pfiff ganz Berlin »Salome«:

»Still durch den Sand der Sahara dahin

die Karawane sich zieht …«

Wir verschlangen die kleinen roten Heftchen der »Weltbühne«, in die Siegfried Jacobsohn – der kleine Mann, der so wunderbar lachen konnte – seine »Schaubühne« umgewandelt hatte, und pickten uns die fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys wie Rosinen aus dem Kuchen. Professor Max Epstein, der mit seinen Vorschüssen auf Garderoben- und Büfettpachtungen ganze Theater finanzierte, gab das »Blaue Heft« heraus und schrieb Bücher wie »Das Theater als Geschäft« und »Das Geschäft als Theater«.

Im Keller des Zirkus Schumann, des späteren Großen Schauspielhauses, eröffnete der Sohn des Überbrettl-Barons Ernst von Wolzogen das erste literarische Kabarett, das wieder wie einst Max Reinhardts Berliner Urzelle »Schall und Rauch« hieß. Eine überschlanke, pikante Frau sang Chansons von Tucholsky; am Klavier saßen Werner Richard Heymann und Mischa Spolianski. Es war Gussy Holl, und nach der Vorstellung wartete Conrad Veidt auf die unvergleichliche Diseuse. Veidt war mit seiner Dämonie – hohe Stirn, brennende Augen, knochige, lange Hände zum Modetyp des idealen Mannes geworden, den vor ihm Alexander Moissi, der tenorale Halbmann, dargestellt hatte. Und den dämonischen Veidt-Typ wiederum löste Hans Albers ab, der Mann an sich, der Kerl.

Die Schubladen des Gedächtnisses entluden immer weiter ihre Erinnerungen. »Wissen Sie noch …«

In einer Sommernacht des Jahres 1922 schritten vor dem Hotel Esplanade, das ihm gehörte wie schon ein wahrer Gauri Sankar* von Kohlen- und Erzgruben, Schiffen, Werken, Zeitungen, der expansive Hugo Stinnes und der Reichsaußenminister Walther Rathenau auf und ab, der in Rapallo den ersten Freundschaftsvertrag Deutschlands mit den Bolschewisten schloss und dafür den zu allem entschlossenen Hass der extremen Nationalisten auf sich zog. Am Morgen nach dem Spaziergang mit Stinnes vor dem Esplanade überholte im Grunewald seinen Wagen ein Auto, aus dem Revolverschüsse sein Leben beendeten. »Der Feind steht rechts«, rief bei der folgenden Sitzung im Wallotbau Reichskanzler Joseph Wirth aus Baden. Drei Jahre darauf wählte eine Mehrheit des deutschen Volkes den Marschall des verlorenen Krieges, Paul von Hindenburg, zum Reichspräsidenten.

Die Inflation hatte alle arm gemacht, obwohl alle spekulierten. Hjalmar Schacht drosselte die Kredite der Reichsbank. Aber die Reichspost schwamm täglich in Geld und lieh es einem Jakob Michael kurzfristig aus. Er wurde der flüssigste Geldgeber Berlins. Für ein Trinkgeld kaufte er das Motivhaus in der Hardenbergstraße am Knie und Oskar Kaufmann baute es zum Renaissance-Theater um, das Theodor Tagger, der sich später als Dramatiker Ferdinand Bruckner nannte, mit »Miss Sarah Sampson« eröffnete.

»Du kannst alles von mir haben,

nur das eine nicht …«

»Nur die Scheine nicht«, sang es auf den Gassen.

In einem Hinterzimmer hatte Massenmörder Großmann Menschenschenkel eingepökelt. Und im Norden Berlins machte ein Volkskomiker von sich reden, der mit einer zerknautschten Zigarre im Munde sang:

»Ihr seid alle auf dem Hund,

ihr kommt auch noch in den deutschen Bund …«

Als Kapellmeister Meschugge hatte er angefangen. Für fünfundvierzigtausend Mark Monatsgage holte die große Scala Erich Carow vom Weinbergsweg in die Lutherstraße.

»Berlin im Licht« hieß eine Aktion des Messe- und Fremdenverkehrsamtes: Sie wiegte die Stadt in optimistische Träume. Plakate warben bis Shanghai und Buenos Aires: »Jeder einmal in Berlin«. In diesem Berlin feierten die Zuhälter- und Ring-Vereine Jahr für Jahr ihr rauschendes Fest im »Rheingold«. Östlich scharten sich jeden Mittwoch Hunderttausende bei »Treptow in Flammen«. Junge Menschen liebten sich auf Parkbänken. Die blaue Blume der Romantik blühte selbst im Zeitalter der neuen Sachlichkeit.

»Trink mer noch en Tröppchen,

trink mer noch en Tröppchen,

aus dem kleenen Henkeltöppchen.

O Susanne, wie is das Lee – ben schön …«,grölte es in den heimkehrenden Stadtbahnzügen, die die berauschten Baumblüte-Besucher aus Werder zurückbrachten. »Wieviel Lampen brennen im Resi?«, hieß ein Wettbewerb. 45 240 schrieb der Schauspieler Werner Krauss auf die für die Gäste ausgelegten Fragezettel. Das kleine Ladenfräulein, das die Frage richtig beantwortete, gewann ein Auto. Der dritte Preis war eine Flasche Sekt; Max Hansen trug sie heim, der Leopold des »Weißen Rößl«, der dann bei Rotters im Lessing-Theater die Hauptrolle in »Morgen geht’s uns gut« sang.

Morgen geht’s uns gut … An der Bar des »Resi« trudelte zu mitternächtlicher Stunde ein ernster junger Mann mit Steinhägern aus, ob bei der Reichspräsidentenwahl der Rattenfänger aus Braunau siegen werde, der verhieß, das Leben aller Deutschen ins Licht zu führen. Es war Lippert, der spätere Oberbürgermeister der Reichshauptstadt, der auf den strammen Demokraten Böß, der einmal im Roten Haus regiert hatte, folgte.

Die frühe Polizeistunde trieb uns aus der kleinen Bar, in der die Kerzen langsam erloschen; der elektrische Strom funktionierte 1948 nur stundenweise. Wir standen auf der fast leeren Straße und in der grausamen Wirklichkeit und hatten viel von der Vergangenheit gesprochen. Damals schon entstand der Plan in mir, wenigstens einen kleinen Teil dieser Berliner Jahre aufzuzeichnen, dieser Vergangenheit einer Stadt, die einst der Treffpunkt der Welt gewesen war, als sie noch in Frieden lebte …

 

* Benedict Lachmann gründete 1919 den noch heute bestehenden »Buchladen Bayerischer Platz«. Er wurde 1941 ins Ghetto Lodz deportiert und starb dort im gleichen Jahr.

* »Bindelbands«: So nannte Kurt Tucholsky die Theaterunternehmer Gebrüder Rotter

* Gauri Sankar: Einer der höchsten Berge im Himalaya, der damals oft mit dem Mount Everest verwechselt wurde.

NACHTVÖGEL, NEPP UND NUDITÄTEN

Alles, was nach dem 9. November politisch geschah, so bedeutungsvoll sich dies und jenes auch in der Folge erwies, war für den allgemeinen Zuschnitt des Lebens nur am Rande wichtig. Der Krieg war zu Ende! Das war die Grundtatsache, die allgemeines Aufatmen auslöste. An den Mauern keine langen und erschütternden Verlustlisten mehr; in den Blättern keine schwarzgeränderten Todesanzeigen mit dem Eisernen Kreuz in der Ecke. Ungeheurer Alpdruck fiel von den Menschen. Republik … das wollte zunächst einmal als ein Schimmer von Freiheit und Auflockerung empfunden werden. An den Straßenecken erschienen wieder Würstchenhändler, die keine Marken verlangten, und das ausgehungerte Volk zerbrach sich nicht den Kopf, was es in der Pelle für Fleisch einhandelte. Die Jugend wollte vor allen Dingen wieder tanzen. Während des Krieges war es streng verboten gewesen. Doch soweit ging die neue Freiheit nicht, dass sie das Tanzverbot gleich aufgehoben hätte. Auch die Sperrstunde der Lokale blieb bei zehn Uhr abends. Vielleicht mussten Strom und Kohle gespart werden. Offiziell hieß es, dass die Trauer um den verlorenen Krieg und die Wunden, die er vielen Familien geschlagen hatte, auch optischen Ausdruck finden müssten. Es erfüllte sich vorläufig nicht, was die blonde Käthe Erlholz auf eine sehnsüchtige Weise ihres Gatten Rudolf Nelson im Kriege im Nelsontheater gesungen hatte:

»Alles kommt einmal wieder, wie es vor Jahren war:

Wieder die alten Lieder, wieder bis sechs in der Bar.«

Findige Unternehmer spürten eine Lücke in den polizeilichen Bestimmungen auf und gründeten Klubs, die hinter verschlossenen Türen tanzen ließen. »Nur für Mitglieder.« Gegen ein gutes Trinkgeld verabreichte der Portier Mitgliedsausweise, und ein »Vorstandsmitglied« im Gehrock trug den Namen des Ankömmlings unter einer früheren Mitgliedsnummer in eine Mitgliederliste ein. In einem Nebensaal des Admiralspalastes wogte ein dichtes Heer von Tänzerinnen und Tänzern zu der Melodie von »Sous les ponts de Paris«, die schon während des Krieges Urlauber aus dem Westen mitgebracht hatten:

»Mädchen von flämischem Blut,

ach, die küssen so gut.

Für ein Kommißbrot und einen Franc

küssen sie stundenlang.«

Wir gingen über die Halenseer Brücke ins »Elfenschloß« oder in die »Rote Mühle«, um unsere ersten Tanzschritte zu wagen. Und taten noch viele Dinge, die selten Spaß machten, aber den magischen Reiz des Verbotenen hatten.

»Kokain gefäIlig?«, flüsterten Händler, den Kragen hochgeschlagen, auf den abendlichen Straßen. Die bis dahin in Berlin wenig bekannte Droge wurde gleich berolinisiert und hieß nun »Koks«. Wollte man aus Neugier auch einmal koksen, bekam man für fünf Mark ein wie ein Arzneipülverchen verpacktes Etwas in einem Hausflur in die Hand gedrückt. Man schnupfte das weiße Zeug verstohlen. Oft verspürte man keinerlei Wirkung, weil das »Koks«, das auch »Schnee« hieß, nur Kartoffelmehl oder Kalk war.

Solch offensichtlichen Schwindel durften sich die Verkäufer nur mit Greenhorns erlauben. An Stammkunden wagten sie höchstens dann und wann einmal die Droge mit irgendeiner billigen Zutat gestreckt zu verkaufen. Die vollkommenen Kokainisten wussten genau, wo sie gut bedient wurden. Ihnen wurde das Koksen bald unentbehrlich. Sie brachten für ihre Leidenschaft die größten Opfer und bezahlten sie mit wirtschaftlichem, körperlichem und seelischem Verfall. Viele Frauen und Mädchen, zumal aus der mondänen und demimondänen Welt, wurden damals Beute des Kokains.

»Schnee? Navy Cut? Kwatta-Schokolade?«, offerierte mir ein Individuum an der Ecke Luther- und Motzstraße eines späten Abends. Er stellte mich nur auf die Probe, ob er mehr wagen dürfe. Ich schien vertrauenswürdig. »Nackttänze gefällig?«, fragte er weiter.

»Weit von hier?«, wollte ich wissen.

»Nur um die Ecke!«, verhieß er, um den Kunden nicht zu verlieren. Ich musste mit ihm zwei, drei Ecken kreuzen. Er tröstete mich: »Die Vorstellung beginnt sofort.«

Vor einem Hause übergab er mich einem zweiten Mann, der scheinbar unbeteiligt auf- und abgeschritten war. Der Lotse entfernte sich ohne Gruß. Der andere sah sich erst nach allen Seiten um, ob er nicht beobachtet würde, dann öffnete er die Tür und ließ mich eintreten.

»Leise, bitte!«, sagte er im Flüsterton. Auf Zehenspitzen stiegen wir zwei Treppen hinauf.

»Warten Sie eine Sekunde!«, meinte er oben und klopfte an die Korridortür. Sie öffnete sich um einen Spalt und ließ meinen Geleitmann ein. Mir war nicht ganz geheuer zumute. Ich war zugleich gespannt und ängstlich. Gespannt auf die versprochenen Nackttänze. Ängstlich, ob man mich nicht nur neppen würde. Was war zu tun, wenn ich drinnen einfach ausgeraubt würde? Obwohl ich nicht so aussah, als ob ich Reichtümer bei mir hätte.

Endlich öffnete sich wieder die Wohnungstür. Der Spanner von unten übergab mich einem Herrn. Es war ein Herr. Er trug ein Monokel, und man sah ihm an, dass er die Uniform noch nicht lange abgelegt hatte. Viel später erfuhr ich, dass es der Oberleutnant a.D. Seveloh war. Er begrüßte mich als Gentleman zu Gentleman. »Wenn Sie ablegen wollen …«

Aus einer Tür kam in einem abgetragenen Frack ein Kellner, der meinen Rock an einen Kleiderständer im Korridor hängte und mich in ein Zimmer geleitete – eine ausgeräumte Stube, in der Korbsessel und Stühle um drei oder vier Tische standen. Drum herum saßen biedere, solide aussehende Männer, die einander und mich, den Neuen, argwöhnisch ansahen. Immerhin hätte ja dieser oder jener als Polizist in Zivil plötzlich seine Blechmarke zeigen, den Laden hochgehen lassen und die Feststellung der Personalien vornehmen können. Man hörte zuweilen, dass es so etwas gab. Wer sich nicht ausweisen konnte, musste mit zur Wache. Amtlich gesuchte Persönlichkeiten waren auf diese Weise entdeckt worden und ehrbare Männer in Verlegenheit geraten.

»Der Herr wünscht eine Flasche Sekt?« Der Kellner beugte sich zu mir herunter. Aha, jetzt würde der Nepp beginnen. Ich sah, dass an den anderen Tischen nur Wein getrunken wurde, und bestellte gleichfalls eine Flasche. Der Kellner musste damit gerechnet haben. Er hatte seine Erfahrungen. Unter dem Frack zog er eine Flasche und ein Glas hervor, schenkte ein und kassierte zehn Mark. Bei Kempinski hätte sie eine Mark fünfzig gekostet. An Wein mangelte es damals nicht. Acht Mark fünfzig hatte das Unternehmen schon an mir verdient. Der Schlepper, der mich in der Lutherstraße animiert hatte, und der Spanner an der Haustür mochten damit reichlich bezahlt werden können. Und der Herr mit dem Monokel …?

Der stand plötzlich neben mir, riss von einem Block ein Zettelchen und sagte, das Entrée koste zwanzig Mark. Der Oberleutnant a.D. verneigte sich, als er mein Pfund in die Westentasche schob: »Die Vorstellung beginnt sofort.« Es war also ein korrekter Betrieb. Ich hatte gehört, dass man nicht überall so verfuhr. Waren die Getränke serviert und das Entrée kassiert, ertönten plötzlich alarmierende Klingelzeichen, die Bediensteten stürzten herein: »Die Polente kommt!«, und beförderten die Gäste über eine Hintertreppe ins Freie, ohne dass sie die Vorführungen gesehen hatten.

Das Licht erlosch. Die Tür zum nächsten Zimmer tat sich langsam auf. Irgendwo musizierte ein Grammophon eine schwermütige Melodie. Hinter einem durchsichtigen Gazevorhang stand auf einem kleinen Podium eine unbekleidete Frauengestalt. Zweifellos eine schöne Figur mit ausdrucksvollen Konturen. Dann stieg sie hernieder, umkreiste das Podium gemessenen Schritts, so dass man auch die Ebenmaße der Hinterfront bewundern konnte. Von Tanz war nicht die Rede, aber nackt und schön … Was versprochen war, wurde gehalten. Das Unternehmen Seveloh war teuer, Schwindel war es nicht.

»Donnerwetter, famoses Weib!«, schwärmte es hinterher am Nebentisch. »Neulich«, hörte ich, »war ich in so ’ner Bude in der Neuen Winterfeldtstraße. Preise wie hier. Aber nich mal Musike gab’s. Ein Mädel, das mit uns am Tisch gesessen hatte, zog plötzlich ihre Kledage aus und machte splitternackt Tango. Nich mal der Hals war gewaschen. In die hier hätte man mit Appetit reinbeißen können.«

»Das wird wohl der Monokelfritze besorgen.«

»Nee, nich mal ‘nen Knutschfleck hatte die.«

Die Gäste verließen befriedigt das Unternehmen. Oberleutnant Seveloh legte uns noch ans Herz, auf der Treppe leise zu sein und das Haus nicht gemeinsam zu verlassen.

Das war meine erste Begegnung mit Cäcilie Schmidt aus Rheydt, jener Stadt, die hernach mit Ehrenpforten und SA-Spalier den in ihr geborenen höchstbezahlten Leitartikler* der Welt empfing, der jeden Samstag zehntausend Mark aus der Kasse des »Reich« kassierte.

Doch Cäcilie Schmidt machte gleichfalls Karriere. Herr Seveloh kalkulierte: Eine nackte Schönheit ist gut. Mehrere nackte Schönheiten sind besser. Er träumte von einem Nacktballett – ungefähr um die Zeit, als er dem Verleger des »Reigen« nähertrat, der auf Glanzpapier mit Druckerschwärze in größerer Auflage in verwandter Masche reiste. Die Revolution hatte auch die Zensur beseitigt. Man konnte jetzt nicht nur eine Lippe gegen die Regierung riskieren, man konnte auch für relativ billiges Geld in Zeitschriften unverhüllt zeigen, was sich Galerien in ihre Säle und Millionäre in ihre Villen als Tizians hängten. Daraus machte der Verleger Wilhelm Borngräber ein Abonnementsgeschäft. Er konnte sich bald eine Villa kaufen.

Auf handgeschöpftem Bütten wurden eines späten Abends prominente Liebhaber solcher Dinge in die Villa Borngräber geladen. Es gab Champagner, und Borngräber konferierte: »Ich rechne es mir zur Ehre an, heute meinen verehrten Gästen etwas zeigen zu dürfen, was in Berlin bislang noch nie gezeigt worden ist: das Ballett Celly de Rheydt.«

Die wir nicht dabei waren, sahen Bilder des Balletts in der nächsten Nummer des »Reigen«. Es bestand aus drei Köpfen. Neben Cäcilie hüpften nun zwei junge Damen hinter einem Gazeschleier in der Villa Borngräber. Obszön hatte Celly schon in der Motzstraße, als sie noch Cäcilie hieß, nicht gewirkt. Der Text zu den Bildern im »Reigen« sagte dann auch, dass die Vorführungen zweifellos ein ästhetischer Genuss gewesen seien. Um diese Zeit hatte das Unternehmen in der zweiten Etage der Motzstraße zu bestehen aufgehört. Solche Stuben-Schaustellungen hatten ihre Attraktion verloren. Die Besucher hatten das Gefühl, nicht mehr recht auf ihre Kosten zu kommen. Wer hinaufstieg zu den Damen, die etwa in der Markgrafen- und Puttkamerstraße lächelnd und winkend in den Fenstern lagen – »Fensterklappen« hießen polizeitechnisch diese Unternehmungen –, bekam für viel weniger Geld Reelleres. Den Berlin besuchenden Provinzlern imponierten die sogenannten Nackttänze in heimlichen Stuben mit Schlepper- und Spannerorganisation, wobei man sich unbequemen Polizeieingriffen aussetzte, erst recht nicht. Literarisch beschlagene Leute wussten schon aus Otto Julius Bierbaums »Prinz Kuckuck«, was in Hamburg in der Schwieger- und Ulricusstraße zu jeder Tages- und Nachtzeit ganz offiziell zu haben war. In Berlin gab es keine kasernierte Prostitution. Auch als Berlins Bevölkerung durch die Industrialisierung rapide anwuchs und zum Schutze der bürgerlichen Frauen und Mädchen die Einrichtung von Bordellen befürwortet wurde, hatte Kaiserin Auguste Viktoria »Nein« gesagt, nachdem sie vom Hofprediger Stoecker aufgeklärt worden war.

Der Oberleutnant Seveloh war auch nicht ohne Bildung und Geschmack, und weder ihm noch Cäcilie hatte das peinliche Stubenmilieu behagt. Cäcilie stammte aus gutem Bürgerhaus. Sie hatte das Lyzeum besucht und künstlerische Ambitionen gehabt. Der Oberleutnant hatte sie kennengelernt, als er nach einer Verwundung Garnisondienst tat. Bei Kriegsende war sie dem netten Mann nach Berlin gefolgt. Bürgerliche Arbeit lag dem gewesenen Offizier freilich nicht. Als das Paar ohne Mittel dasaß, entdeckte Seveloh, dass sich in Berlin auch ohne Arbeit Geld verdienen ließ. Es fiel nicht allzu schwer, Cäcilie für die Nacktvorführungen zu gewinnen, zumal er sie damit lockte, dass sie ihren höherstrebenden Neigungen Rechnung tragen würden. Das Geschäft schlug ein. Man konnte ein gutes Leben führen. Es langte immer zu schönen Kleidern, zu Pelzen, Sekt und leider auch zu Kokain. Den ersten Tanz, den Cäcilie hinter der Gaze in der Motzstraße tanzte, nannte sie »Morphium« …

In einer Nacht war Wilhelm Borngräber, der »Reigen«-Verleger, dem Spanner in die zweite Etage der Motzstraße gefolgt. Nach der »Vorstellung« blieb er da, lud die »gnädige Frau« und Seveloh zu einem Glase ein und bedauerte, dass soviel Schönheit in einem … hm … so wenig angemessenen Milieu dargeboten würde. Ob er einmal Aufnahmen von der gnädigen Frau für seine Zeitschrift machen dürfe?

»Darüber läßt sich reden«, meinte Seveloh, und Cäcilie sprach von ihren höheren Absichten.

»Meine Frau denkt an die Bühne, an den Film«, ergänzte der Oberleutnant.

»Da könnte Ihnen der ›Reigen‹ durchaus die Wege ebnen. Verfügen Sie über mich … Sie müssten sich einen klangvollen Namen geben.«

So wurde die Firma Celly de Rheydt geboren und die Idee des »Balletts« auf die Beine gestellt. Seveloh sorgte für Tänzerinnen. Er verstand sich auf nicht alltäglich aussehende Frauen. Eine hieß Dina Sönten, und in einem Laden in der Geisbergstraße wurde Fräulein Lotte entdeckt.

Oberleutnant a.D. Seveloh nahm einen Mokka im »Café Kutschera« neben dem Kino am Kurfürstendamm. An seinem Tisch blätterten zwei Gäste in dem neuen Heft des »Reigen«, verweilten bei den Bildern des Balletts. »Hübsche Gestalten«, lobte der eine.

»Wie kommt man zu einer Einladung bei Borngräber?«, fragte der andere.

Über seinen Mokka hinweg blickte Seveloh auf den Kurfürstendamm. Wenn gerade keine Straßenbahn vorbeischepperte, sah man direkt auf das Portal des Nelsontheaters auf der anderen Straßenseite. »Letzte Vorstellungen vor den Ferien«, kündigte ein Transparent an. »Nur noch vierzehn Tage die Revue ›Bitte zahlen‹ von Theobald Tiger und Rudolf Nelson.«

»Bitte zahlen!«, befahl auch Oberleutnant Seveloh, nahm den Hut und überquerte mit seinen kleinen, kurzen Schritten den Kurfürstendamm. Er hatte eine Idee.

Direktor Nelson saß in seinem winzigen Büro und ließ sich auch gleich sprechen.

»Ich las draußen, dass Sie Ferien machen, Herr Direktor.«

»Wohlverdiente Ferien. Ich habe eine schwere Saison hinter mir«, seufzte Nelson.

»Es war doch jeden Abend ausverkauft. Der Logenplatz zu zwanzig Mark!«, lächelte Seveloh.

»Toi, toi, toi!« Direktor Nelson klopfte dreimal mit dem Knöchel auf die Tischplatte.

»Und am Kurfürstendamm wollen Sie über den Sommer gar kein Geld verdienen?«

Seveloh wusste, dass Nelson leidenschaftlicher Spieler war. Jede Nacht zog er mit Freunden und Künstlern seines Ensembles in seine Wohnung – zu einem Spielchen. Zuweilen verloren die Künstler ihre Gagen an den Chef. Aber er verlor auch.

»Ich werde einige Kabarettabende an der See geben. Die Ostseebäder, Westerland, Scheveningen warten auf uns. Die sommerlichen Gastspiele von Mitgliedern des Nelson-Ensembles sind Tradition.«

»Ich wundere mich trotzdem, dass Sie im Sommer Ihr schönes Theater leerstehen lassen. Sie könnten es doch für Gastspiele abgeben.«

»Mann Gottes, wen soll ich hereinnehmen? Theatergeschäft im Sommer ist nicht einfach. Die Gastspiele müssen allererster Klasse sein. Der Ruf meines Hauses verpflichtet. Ich kann es mir nicht leisten, ihn zerstören zu lassen.«

»Ich wüßte etwas, das Kasse macht und künstlerisch anerkannt ist.«

»Das wäre?«

Seveloh schob das Heft des »Reigen« über den Schreibtisch. Die Seiten mit den Bildern seines Balletts schlug er auf.

»Ein Nacktballett? Nein, mein Herr. Schweinereien kann ich nicht gebrauchen.«

Der Direktor erhob sich. Sein Napoleonsprofil versteinerte. Seveloh blieb sitzen.

»Das Ballett Celly de Rheydt ist keine Cochonnerie. Es bietet Schönheit und Kunst.«

»Nackte Frauen … Ich kann meine Konzession nicht aufs Spiel setzen.«

»Das Ballett braucht ja nicht ganz nackt zu tanzen. Die Hüften lassen sich bedecken. Es gibt noch genug zu sehen, was zieht. Wenn Sie das Ballett in Ihr Haus nehmen, wird man Ihnen die Einnahmen per Güterwagen an die See nachschicken müssen, Herr Direktor!«

»Ich kann mein Theater nicht zum Bordell werden lassen.«

Seveloh zog mit einem saftigen Korbe ab.

In der Nacht, zwischen zwei Spielen, erzählte Rudolf Nelson seinen Kartenfreunden von dem Besuch. »Ich habe den Herrn natürlich hinauskomplimentiert.«

Otto Bellmann wiegte den Kopf hin und her. »Ich könnte mir denken, dass so etwas in künstlerisch geadelter Form … Rudi, das wäre zu überlegen.« Otto Bellmann war einer der ältesten Freunde des Hauses. Er hatte schon bei Nelson konferiert, als der noch das »Chat noir« in der Friedrichstraße hatte. Nelson hatte ihn als ganz junger Mann zum Tingeltangel in der Dresdener Straße begleitet und war von Paul Schneider-Duncker als Hauskomponist und Pianist an den »Roland von Berlin« engagiert worden. Das war im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts gewesen. 1901 hatte der Freiherr von Wolzogen das erste Kabarett, das »Überbrettl«, in Berlin gegründet und war gescheitert. Paul Schneider-Duncker zog die Sache anders auf. Bei ihm saß man nicht wie bei Wolzogen im Parkett, sondern an gedeckten Tischen und schlürfte Sekt. Das Publikum kam in Frack und Abendkleidern. Wolzogens literarische Note war verblasst zugunsten pikanter Chansons:

»Erst kamen die Blusen, die Kleider,

und dann die Jupons voller Plis,

und dann – dann kam sie …«

Die Melodien Rudolf Nelsons hatten Esprit. Sie waren mit gallischer Eleganz geimpft und kreuzten sich mit deutscher Melodik, pikant harmonisiert. Den Komponisten am Klavier zu hören, war Genuss für sich: samtweicher Anschlag von stählerner Intensität.

Es war unvermeidlich, dass Nelson nur zu bald auf die Idee kam, sein Name und sein Können seien schon attraktiv genug, ein Unternehmen allein zu tragen. Er machte sich selbständig – unmittelbar im Herzen der Friedrichstadt. Nahe Unter den Linden, Ecke Friedrich- und Behrenstraße, pachtete er den ersten Stock unter »Castans Panoptikum«, einen langen, fast schmalen Raum für etwa hundertachtzig Personen, und eröffnete sein eigenes Kabarett – man schrieb damals noch »Cabaret« –, das er nach der von Rodolphe Salis in Paris gegründeten Urzelle des Kabaretts »Chat noir« nannte.

Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges schämte sich die Vergnügungswelt, dass so viele Häuser geglaubt hatten, nicht ohne englische oder französische Firmen auskommen zu können. Das große Café am Potsdamer Platz taufte sich nun von »Piccadilly« in »Vaterland« um, und aus »Chat noir« wurde der »Schwarze Kater«. Um diese Zeit etwa zog Nelson quer über die Behrenstraße in einen größeren Parterresaal im Hause des Metropoltheaters. Danach erfasste auch ihn der Zug nach dem Westen, womit immer mehr der Kurfürstendamm gemeint war.

Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße lag das »Sanssouci«, ein elegantes Weinrestaurant, in das der Berliner Romancier Artur Landsberger einmal zum Empfang des skandinavischen Literaturhistorikers Georg Brandes die literarische Welt zu einem Brandes-Bankett geladen hatte. Aus »Sanssouci« machte Nelson das Nelsontheater.

Käthe Erlholz (links) und Rudolf Nelson, 1928

Um das Parkett zogen sich Logen wie auch oben um den Rang. Der Reigen, der von einem Conférencier umrahmten Chansonfolge wurde zu Kammerspielrevuen erweitert, für die Nelson gute Autoren zu gewinnen wusste. Nach dem Kriege hatte sich der Mann mit den fünf P.S., Kurt Tucholsky, Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, zu einem Begriff entwickelt. Seine Beiträge waren mit ihrer federnden Pointierung neben denen des Herausgebers Siegfried Jacobsohn der Magnet der »Weltbühne« geworden. Dr. Tucholsky hatte, aus dem Felde heimgekehrt, eine satirische Wochenbeilage des »Berliner Tageblatts«, den »Ulk«, redigiert und politische Feuilletons in der »Freiheit«, der Tageszeitung der Unabhängigen Sozialdemokraten, geschrieben. Nelsons oft bewährter Spürsinn für Talente und sein Wille zur Qualität wussten auch Tucholsky für die Autorschaft seiner Revuen »Madame Revue« und »Bitte zahlen« zu gewinnen. »Bitte zahlen« war nicht nur eine Anspielung auf den Berliner Nepp, sondern darüber hinaus auf die deutschen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Sieger Frankreich, die in Gold geleistet werden mussten und die deutsche Währung unerbittlich herunterdrückten.

Die stärkste Kraft des Ensembles war schon vom »Chat noir« her Nelsons Gattin selbst: Käthe Erlholz. Sie sang mit weichem Sopran, der auch die Berliner Schnoddrigkeit zu adeln wusste, wenn sie als große Dame in den Spreejargon glitt:

»Fang nie was mit Verwandtschaft an,

denn das geht schief, denn das geht schief …«

Wie verstand man das am Kurfürstendamm! Man war ja eine Familie … Reiste man nicht an die See, verbrachte man den Sommer in Bayern. Das gab Reminiszenzen, wenn der lächelnde Mund der Erlholz sang:

»Zieh dir dein Dirndl an aus Tegernsee,

dass ich dich küssen kann im grünen Klee.

Ja, so ein Dirndlkleid ist so bequem.

Das sitzt dir vornerum,

das sitzt dir hintenrum, das sitzt dir überall bequem.«

Organ und Vortrag der Erlholz, ihre graziös wegwerfenden Bewegungen, die Texte Tucholskys, der bei allem Weltbürgertum echtester Berliner war, Nelsons Vertonung und sein meisterliches Klavierspiel, das auf dem Hintergrund des Orchesterchens im Scheinwerferlicht zu dominieren wusste – das gab ein kabarettistisches Gesamtkunstwerk, wie es in dieser Art einzig blieb. »Ich habe nie wieder einen Komponisten getroffen, der so auf meine Intentionen einzugehen verstand wie Rudolf Nelson!«, schwärmte Tucholsky noch Jahre später.

Und in sein Juwel von Theaterchen sollte ein Nacktballett einziehen? »Nein, lieber Bellmann, das kann ich mir nicht vorstellen«, wehrte Nelson in jener nächtlichen Runde ab. Doch Otto Bellmann hatte eine Schwäche für das Erotische und ließ nicht locker. Auch andere Lebemänner waren um den Spieltisch versammelt. Man riet Nelson, sich das Ballett Celly de Rheydt doch bei einer Probevorführung anzusehen. Nelson plante, sich die Ausstattung seiner nächsten Revue im Herbst etwas kosten zu lassen. Eine gute Sommereinnahme in der Zeit, in der er an der See tingelte, konnte nichts schaden …

Die Probeaufführung fand statt. Das Resultat war ein Vertrag für das Ballett auf einen Monat. Infolge der guten Einnahmen wurde er auf weitere Monate verlängert. Eine lange Autoschlange parkte nun jeden Abend vor dem Nelsontheater, bis die Proben für die Herbstrevue wieder begannen.

Oberleutnant Seveloh konnte es sich nun leisten, mit Celly ein Appartement im Eden zu beziehen, aus dem die Garde-Kavallerie-Schützen-Division*