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Für mich ist es weit mehr als nur eine Suche. Es ist ein Projekt, das wirklich alles in Gang setzt, um Celia zu finden. Ein Aufwand, den wahrscheinlich nicht viele betreiben würden, aber ich muss sie einfach finden. Doch je intensiver ich nach meiner besten Freundin suche, desto mehr stoße ich auf Geschichten, die sie mir bislang verschwiegen hat. Und beinahe jeder verhält sich seltsam in dieser Sache. Dabei wünsche ich mir doch einfach nur ein Happy End für unsere Geschichte.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Robin Meyer (*1998) stammt ursprünglich aus Bahlingen, einer rund 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde am Kaiserstuhl nördlich von Freiburg. Derzeit lebt und studiert der angehende Sportjournalist in Hamburg.
Nach seinem Debüt mit „Falsche Familie“ (2013), einem Jugendkrimi, veröffentlichte er 2016 einen biografischen Kriminalroman unter dem Titel „Fatalitäten“ sowie eine Fußballchronik über „die beste Saison aller Zeiten“ seines Heimatvereins Bahlinger SC. „Zwischen zwei Zeilen“ ist nun bereits das vierte Werk des gerade 19-Jährigen.
Im Sommer 2017 wurde Robin Meyer für sein Essay zum Thema „Die Macht der Sprache“ mit dem Scheffelpreis der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe ausgezeichnet. Jonas Peters (TV Movie) bezeichnete seinen Schreibstil schon bei der ersten Veröffentlichung als „höchst beeindruckend".
Für Oma und Opa
und für all diejenigen, die sich in einer
der Figuren wiederzuerkennen glauben
If you want a happy ending, that depends, of course, on where you stop your story.
| Orson Welles
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es wirklich keinen Grund, mein Leben nicht zu mögen. Ehrlich gesagt könnte ich mir gar kein anderes Leben als mein eigenes vorstellen. Ich bin sehr erfolgreich in meinem Job, habe eine wundervolle Freundin und bin gerade mal 25. Und am allerwichtigsten: Ich bin glücklich. Was möchte ich also mehr.
Doch im Moment denke ich sehr viel nach, erst recht, wenn ich so viel Zeit habe wie jetzt gerade. Wenn ich nachdenke, vergesse ich, wie sehr ich friere, während ich an der U-Bahn-Haltestelle stehe und auf die nächste Bahn warte, die mich dann etwas mehr als eine halbe Stunde lang quer durch die Stadt fahren wird, mal tatsächlich unterirdisch, häufig aber auch über der Erde.
Seit einigen Tagen gibt es da diese Geschichte.
So glücklich ich auch war und bin, ist sie vielleicht das Einzige, von dem ich mir wünschte, es hätte nie zu meinem Leben gehört. Sie hat mein scheinbar perfektes Leben, das ich mir in den letzten Jahren habe aufbauen können, in nur sehr kurzer Zeit schlagartig verändert. Und ich weiß, dass ich in ein paar Monaten einmal, vermutlich auch in ein paar Jahren noch, sagen werde, dass seit diesem Sommer nichts mehr ist wie vorher.
Dabei kenne ich heute Abend ja noch nicht einmal den Ausgang dieses Sommers, und doch bin ich mir sicher, dass sich – ganz egal, wie das alles hier am Ende ausgehen wird – garantiert etwas verändert. Schon jetzt ist in mir und um mich herum einfach nichts mehr so, wie es einmal gewesen ist, und das kann es auch gar nicht mehr werden. Alleine die Erfahrung, das gerade zu erleben, verändert mich und verändert mein Leben.
Noch kann ich nicht sagen, ob und wann diese Geschichte ein Happy End finden wird. Normalerweise bin ich nie ein Fan von Happy Ends, weil ich eigentlich nichts mag, was vorhersehbar ist, aber bei mir selbst wünschte ich in diesen Tagen, es wäre ganz genau so vorhersehbar. Doch stattdessen habe ich im Moment vielmehr das Gefühl, das alles habe gerade erst begonnen, und das obwohl es sich schon seit mittlerweile zwei Wochen durch mein Leben zieht und mir dabei den Eindruck vermittelt, als sei es seit zwei Jahren Mittelpunkt meines Lebens.
Bei allem, was ich im Moment mache, denke ich an nichts anderes mehr.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, in dieser Stadt nur im Urlaub zu sein, einfach nur kurz zu Besuch, wie vermutlich der Großteil der Menschen hier. Mein Mitbewohner Andreas hat mich einmal auf diesen Gedanken gebracht, der mich seither nicht mehr so recht loslassen möchte. Die Straßen hier würden nicht wissen, was alles schon passiert ist, und ich würde nicht mit jeder einzelnen U-Bahn-Haltestelle etwas verbinden, etwa einen Moment oder einen Menschen. Kein Haus in der ganzen Stadt könnte Bilder in mir hervorrufen, die ich nicht mehr sehen möchte, sondern vielmehr zu verdrängen versuche.
Nichts, einfach nichts hier hätte eine Vorgeschichte.
Es gibt sogar Tage, vor allem solch schlechte, wie sie in den letzten beiden Wochen leider häufiger vorgekommen sind, an denen ich die zahlreichen Touristen beneide, denn für sie hat hier in dieser Stadt tatsächlich nichts eine Vorgeschichte.
Normalerweise bin ich ein sehr positiv denkender Mensch und verwandle selbst den Dauerregen an meinem einzig freien Tag im Monat noch in etwas Gutes, aber in diesen Tagen komme selbst ich langsam an meine Grenzen. Manchmal glaube ich, beinahe sogar meinen Optimismus verloren zu haben, für den mich meine Freunde immer so sehr loben und bewundern, allen voran Andreas. Dabei denkt gerade er noch viel positiver als ich, besonders in Krisensituationen wie dieser.
Als die U-Bahn direkt vor mir hält und die Türen für mich öffnet, gehe ich gedanklich alles noch einmal durch, was ich weiß. Vielleicht habe ich ja wirklich etwas übersehen, ein winziges Detail, das mir durch die Finger gerutscht sein könnte.
Ich sollte meine Gedanken ein wenig sortieren, was mir nicht leichtfällt, doch in ein paar Stunden muss ich glaubwürdig auftreten, wenn ich meine Geschichte mutmaßlich einem Millionenpublikum erzählen darf. Wobei das für mich alles andere als eine Ehre ist, ich wünschte vielmehr, es wäre zu dieser Geschichte gar nicht gekommen.
Hoffentlich finde ich aber unter den Millionen Zuschauern zumindest eine Person, die mir gerne dabei helfen möchte, herauszufinden, was wirklich passiert ist. Die meisten verschließen sich bislang, wenn ich wieder auf dieses Thema zu sprechen komme, als seien sie es alle schon leid, darüber zu reden.
Ganz ehrlich, das bin ich auch, und ich komme immer mehr an das Ende meiner Kräfte, würde gerne sofort aufhören und mein altes Leben wieder leben, aber das bringt Celia ja wohl auch nicht zurück.
Bei meinem Studioauftritt muss alles passen, denn ich habe wohl nur diese eine Gelegenheit, so viele Menschen auf einmal zu erreichen. Unter ihnen muss einfach irgendein Strohhalm sein, an den ich mich klammern kann.
Jetzt habe ich genau 34 Minuten, bis die U-Bahn in unmittelbarer Nähe der Studios halten wird und ich aussteige. Genug Zeit also, noch einmal in Ruhe durchzugehen, was ich später vor laufender Kamera sagen werde. Im Grunde genommen brauche ich ja nur das zu erzählen, woran ich mich noch minutiös erinnere.
Dieser Freitagmorgen, es war der 25. August, war für mich eigentlich ein völlig normaler gewesen und ich hatte einen ganz gewöhnlichen Tag in der Redaktion geplant. Auch wenn das Vorhaben eines gewöhnlichen Tages vielleicht abwertender klingt als es gemeint ist, denn als Online-Journalist wird mir praktisch nie langweilig. Und das weiß ich auch stets, wenn ich morgens mit der U-Bahn auf dem Weg zum Verlagshaus bin.
Nachdem ich mir meine obligatorische Tasse Tee gemacht hatte, um die Zeit zu überbrücken, die der Computer mal wieder zum Starten brauchte, überflog ich meine Mails und den News-Feed im Internet. Die anstehenden Schlussfeierlichkeiten der Olympischen Spiele interessieren mich als großen Sportfan zwar sehr, doch in der Politik-Redaktion sollte ich diesen Artikel lieber überspringen. Der Todestag von Friedrich Nietzsche, dessen Best-of-Zitate-Sammlung ich gerne gelesen hätte, aber keine Zeit war, denn ich war noch immer auf der Suche nach einem passenden Thema für meinen heutigen Videoblog.
Da es keine sensationellen Neuigkeiten gab, bereitete ich mich also darauf vor, weiter über den Wahlkampf zu sprechen, schließlich ist es nicht mehr lange hin bis zur Bundestagswahl. Und nach meiner Erfahrung machen sich die meisten Leute nicht die Mühe, das jeweilige Wahlprogramm der einzelnen Parteien zu lesen, sondern warten lieber auf eine ebenso prägnante wie verständliche Zusammenfassung von Menschen wie mir. Allerdings wird das die Fernsehzuschauer heute Abend vermutlich überhaupt nicht interessieren, denn sie werden immerhin für eine Krimi-Sendung einschalten und möchten dabei nicht unbedingt über Politik sprechen, zumal das so kurz vor der Wahl sowieso in aller Munde ist.
Es wird der Teil jenes Morgens sein, den ich dann wohl lieber überspringen sollte, meine Sendezeit ist ja auch nur begrenzt und zu dem Video war es am besagten Morgen sowieso nicht mehr gekommen. Während ich meine Moderationstexte schrieb, klingelte mein privates Handy, was zugegebenermaßen nichts Ungewöhnliches war. Als ich jedoch Lenas Namen las, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte, immerhin kann ich mich nicht daran erinnern, dass Lena mich zuvor schon jemals angerufen hatte, jedenfalls schon gar nicht bei der Arbeit. Ich schrieb meinen Satz zu Ende und nahm zögernd ab.
Sie stammelte nervös etwas von Celia, von Joggen und einer Pause, dann von Verschwinden.
Lena klang nicht übermäßig panisch, aber unruhig.
Zunächst verstand ich gar nicht richtig, was sie mir erzählte. Doch als ich sie darum bat, das Gleiche nochmal ruhig zu berichten, kapierte ich, was passiert war.
Gerade hat die U-Bahn wieder angehalten, und wenn ich richtig aufgepasst habe, müsste Lena hier zugestiegen sein. Natürlich ist sie heute Abend ebenfalls mit dabei im Studio, sie ist schließlich auch die Letzte gewesen, die Celia gesehen hatte.
Von meinem Platz aus versuche ich, durch die bunte Menschenmenge den blonden Pferdeschwanz entdecken zu können, zu dem Lena ihre Haare heute garantiert wieder zusammengebunden hat, weil sie das wohl immer mache, wenn sie einen wichtigen Termin habe, meinte Celia einmal zu mir. Ich selbst hatte Lena vor dem 25. August erst ein einziges Mal bewusst gesehen, und das war auf Celias letztem Geburtstag. Vielleicht war sie auch letztes Jahr schon dabei gewesen, aber wenn, hatte ich sie damals nicht wahrgenommen.
Seit diesem Freitag vor zwei Wochen sah ich Lena natürlich ein paar Mal öfter, und doch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich sie unter den vielen Menschen in der vollen U-Bahn erkennen würde. Das ist auch der Grund, wieso ich fast erschrecke, als sie sich plötzlich neben mich setzt, ich hatte sie aus der anderen Richtung vermutet.
Obwohl ich sie kaum, besser gesagt fast gar nicht kenne, bin ich froh, dass sie heute Abend dabei ist. Und das trotz der Tatsache, dass sie meiner Meinung nach schon die ganze Zeit über nicht gerade den Eindruck erweckt, als liege ihr sehr viel daran, Celia zu finden. Dabei seien die beiden, zumindest soweit ich informiert bin, nicht nur Arbeitskolleginnen, sondern auch gute Freundinnen. Laut Lena sogar beste Freundinnen.
Ich denke nicht weiter darüber nach, weil es mich schlichtweg nichts angeht. Gut möglich, dass Lena das Verschwinden von Celia einfach anders verarbeitet als ich.
„Weißt du ungefähr, was du sagen möchtest?“, frage ich sie vorsichtig, in der Hoffnung, sie würde die Frage bejahen und wir müssten die restliche Fahrt lang nicht mehr miteinander sprechen, der Pflichtteil wäre ja dann erledigt.
„Denke schon.“
Ich beobachte, wie sie leicht mit ihrem Kopf nickt. Auch ich nicke meinerseits und denke noch einmal darüber nach, was wir gestern besprochen haben.
Lena soll dem Publikum zunächst schildern, was passiert ist, denn darum geht es eigentlich in der Sendung. Anschließend werde ich Celia ein wenig zu beschreiben versuchen, sodass die Zuschauer wissen, nach wem sie suchen sollen. Damit wären unsere Aufgaben erledigt und wir warten ab, wie sich der Moderator verhalten würde. Und, ob uns diese ganze Idee helfen wird, wovon keiner von uns beiden so wirklich überzeugt ist.
An der Endhaltestelle steigen Lena und ich aus der U-Bahn und gehen einige Schritte bis zu dem großen, weißen Gebäude mit dem gläsernen Eingang, wo uns ein gut gekleideter Mann bereits zu erwarten scheint. Beruflich war ich zuvor ein einziges Mal hier gewesen, aber nicht wie heute als Gast in einer TV-Sendung, sondern damals noch als Zeitungsredakteur für eine Hintergrundgeschichte nach einer politischen Talkshow.
Der auf mich sehr freundlich wirkende Mann führt uns durch eine Lobby voller wartender Zuschauer, die sich die Sendung vermutlich live ansehen wollen. Am Ende des großen Warteraums gelangen wir in einen Flur, von dem aus zahlreiche Türen in verschiedene Zimmer führen. Eine Tür, die mit Studiogäste I beschriftet ist, öffnet er für uns und begleitet uns hinein.
„Ihr werdet hier abgeholt, wenn es soweit ist.“
Auf dem großen Fernseher an der Wand ist das noch leere Studio zu sehen, das sich in den folgenden Minuten zunehmend mit Publikum füllt. Da wir beide nichts zu tun wissen, sprechen wir ein weiteres Mal das ab, was wir gleich erzählen wollen. Auf diese Weise vergeht die Zeit ziemlich schnell und wir hören schon bald Applaus aus dem Studio.
„Einen wunderschönen guten Abend, liebe Damen und Herren hier im Studio und natürlich auch auf dem Sofa zu Hause zu einer neuen Folge von Hamburg sucht!“, ruft eine männliche Stimme, als der Beifall etwas verstummt. „Ich freue mich, dass Sie heute Abend unseren Gästen wieder dabei helfen wollen, vermisste Menschen aufzuspüren.“
Ich verstehe nicht alles Wort für Wort, was er sagt, kann mir aber aus Bruchstücken zusammenpuzzeln, dass er wohl bereits von unserem Fall spricht. Wieder ertönt lauter Beifall und der Mann von vorhin erscheint in unserem Warteraum.
„Los geht’s“, ruft er.
Auf dem Weg durch den Flur hallt die Stimme des Moderators laut und deutlich: „Und hier sind auch schon meine ersten Gäste des heutigen Abends. Begrüßen Sie mit mir Lena Schippers und Leonard Kaiser!“
Mit einem kleinen, sanften Schubser schiebt uns der Mann durch eine Türe ganz am Ende des Flures hindurch und auf einmal stehen wir mitten auf der riesigen und ausgesprochen hell beleuchteten Bühne des Studios. Lächelnd bietet uns der Moderator, der sich uns als Ryan vorstellt, einen Platz auf dem großzügigen Sofa an. Um uns herum sind unzählige Lichter und Kameras, sodass die Zuschauer dahinter beinahe nicht mehr zu erkennen sind.
Nach einem kurzen Moment des Abwartens, in dem sich Ryan an sein Ohr fasst, verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht und er wendet sich uns ernst zu.
„Es ist jetzt genau zwei Wochen her, dass die 24-jährige Celia Fischer auf einmal spurlos verschwunden ist. Frau Schippers, Sie arbeiten gemeinsam mit ihr in einem Touristikunternehmen und treffen sich gelegentlich auch privat, wie man mir sagte. Zum Beispiel gehen Sie gerne gemeinsam joggen, nicht wahr?“
Lena sieht den Moderator an, als würde sie ihm zwar zuhören, aber nicht verstehen, was er sagt. Sie wirkt, möglicherweise beeindruckt durch die vielen Kameras, etwas abwesend und mit ihren Gedanken ganz woanders. Dennoch nickt sie heftig mit ihrem Kopf und sieht dabei auf Ryans Moderationskarten.
„Auch am Freitagmorgen vor zwei Wochen sind Sie gemeinsam mit Celia Fischer zum Sport in den Hirschpark gegangen, von dort aber alleine zurückgekehrt“, fährt Ryan in einer beeindruckend professionellen Ruhe fort.
Wieder stimmt Lena ihm zu.
„Ja, das ist richtig.“
„Können Sie uns und den Zuschauern sagen, was an diesem Morgen des 25. August genau passiert ist?“
Er sieht zu Lena, die wohl gemerkt hat, dass das nun ihr Einsatz ist, um zu erzählen, was sie erzählen wollte. Sie blickt von ihrem fixierten Punkt irgendwo in der Nähe der Hände des Moderators auf, setzt sich aufrecht und dreht sich ein Stück zu den Kameras.
Dann beginnt sie langsam zu erzählen: „Celia und ich trafen uns um neun Uhr bei mir zu Hause, wie wir es schon öfter getan hatten, wenn wir beide Urlaub haben. Sie liebt es, durch den Hirschpark zu joggen, weil die Strecke nicht zu lange ist und man das Gefühl hat, dass man mitten durch einen wundervollen Wald weit außerhalb einer Großstadt läuft. Erst kürzlich hat sie zu mir gesagt, das sei ein richtig befreiendes Gefühl.“
Was mich verwundert ist, dass Lena keine Miene verzieht, während sie erzählt. Ich hatte nicht erwartet, dass sie zu weinen beginnt oder so etwas in der Art, aber sie macht den Eindruck, als hätte sie diesen Text exakt so auswendig gelernt und müsse sich konzentrieren, dass sie die Formulierungen so beibehält, wie sie sie sich zu Hause überlegt hat, vielleicht ja erst gestern Abend oder sogar noch heute Morgen.
„Von meinem Haus sind es etwa fünfhundert Meter bis zum Hirschpark“, erklärt sie weiter. „Wir joggten in einem angenehmen Tempo, unterhielten uns dabei über die Neuigkeiten aus aller Welt und genossen den kühlen Wind, der an diesem Morgen noch durch die Stadt zog.“
Obwohl ich Lena wie bereits erwähnt nicht allzu gut kenne, bin ich eigentlich überzeugt davon, dass ihr Sätze wie diese nicht spontan einfallen würden. Ich versuche, das aber nicht weiter zu verurteilen, immerhin habe ich sie nie als sehr spontan erlebt und so ist es keine Überraschung, dass sie vorbereitet ins Fernsehen gehen wollte.
Auch ich dachte sehr lange darüber nach, was ich heute Abend vor laufender Kamera genau sagen oder welche Details ich besser weglassen würde, sodass bei mir vermutlich ein ähnliches Konzept zusammengekommen sein muss, wie ich es bei ihr vermute.
„Nachdem wir im Park angekommen waren, merkte ich, dass Celia unruhiger wurde, und fragte nach, was mit ihr los sei. Sie sah sich um und meinte, sie habe vergessen, zu Hause noch einmal zur Toilette zu gehen und müsse eine kleine Pause einlegen. Anschließend verschwand sie hinter einem der in diesem Park dicht aneinandergereihten Bäume. Und ich wartete. Sah in ihre Richtung. Lauschte, ob ich etwas von ihr hörte.“
Im Studio herrscht beeindruckende Stille.
„Als ich ungeduldig wurde und es mir zu lange ging, lief ich dorthin, wo ich dachte, sie hingehen gesehen zu haben. Aber Celia war nirgends, sie war plötzlich verschwunden. Bis jetzt kann ich mir nicht erklären, wie das passieren konnte, da ich sie eigentlich nicht aus den Augen gelassen habe und sie doch irgendwo hingegangen sein muss.“
