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Ein Episoden-Roman, der die Abgründe, Ängste und Hoffnungen von sieben mehr oder weniger unglücklichen Freigeistern lebendig macht wie einen schlafwandlerischen Traum. Sie alle eint der Wunsch nach einem sinnvollen und erfüllten Leben sowie die Bereitschaft, alles dafür zu opfern, was ihnen vermeintlich lieb und teuer ist. Ein Lesetrip zwischen Berlin, Auroville (autonome Stadt in Südindien), Namibia, Istanbul, La Gomera und Sardinien!
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2023
Der Autor
Robin Becker ist 1975 in Bielefeld geboren. Seit seinem 16. Lebensjahr bereist er mit Rucksack und Feder die Welt. Als gelernter Industriemechaniker zog er 1996 nach Köln. Ab 2003 studierte er in Potsdam und Bielefeld Sozialpädagogik. 2008 zog er nach Bern, wo er auf diversen Bühnen Lesungen hielt. Seine beiden ersten Romane, Das Kino bin ich (©2015) und Komfortzone (©2020), waren ein literarischer Paukenschlag – lakonisch, schrill, voller ungezähmter Sehnsucht und Abenteuerlust. Von 2013 bis 2023 wohnte Robin Becker in Köln und Berlin und war freiberuflich als Sozialpädagoge sowie Autor tätig. Zudem veranstaltet und moderiert er seit 2021 in Köln die „Offene Welt-Bühne“, wo Künstler*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen auftreten und er regelmäßig aus seinen Büchern vorliest. Seit 2023 lebt Robin Becker im Kanton Bern, wo er als selbstständiger Familienbegleiter und Autor arbeitet.
Robin Becker
Zwischenräume
Roman
Copyright: © Dezember 2023 Robin Becker
Umschlaggestaltung Michael C. Peters, Robin Becker
Coverzeichnung: Michael C. Peters
Herstellung und Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg – Books on Demand
Impressum
Softcover 978-3-384-04938-4
E-Book 978-3-384-04940-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
E-Mailadresse des Autors: [email protected]
Der
Traum
vom
Leben
war
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schlimmer
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ich
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Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
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Titelblatt
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Kapitel 01
Kapitel 07
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Therapeuten waren wohl die gefragtesten Menschen unserer Zeit, wurde Michael rasch klar, nachdem er sich dazu durchgerungen hatte, sich Hilfe zu holen, und es lange gebraucht hatte, bis er jemanden an die Strippe bekam. Wobei das Geschäft mit der Sexualität und Sinnsuche ebenfalls florierte wie nie zuvor. Er vermutete, dass es da gewisse Zusammenhänge gab.
„Sie sind Michael Fischer, nehme ich an? Sara Hansen mein Name.“
Sie gaben einander die Hand.
„Freut mich, dass Sie mir einen Termin gegeben haben“, sagte Michael vom Treppensteigen etwas außer Atem.
„Ich hoffe, Sie haben es gut gefunden.“
„Jaja. Ich war bestimmt schon seit über zwei Jahren nicht mehr in Prenzlberg. Ich hatte ganz vergessen, wie viele Kinderwägen und Touristen hier unterwegs sind.“
Sara reichte Michael einen Kleiderbügel, mit dem er seinen Mantel an die Garderobe hängte, der ihm plötzlich oll vorkam und für den er sich ein bisschen schämte wie für einen verwahrlosten Freund. Er folgte der Therapeutin, blickte sich um und wollte wissen, ob sie ohne Couch arbeite.
„Im Nebenzimmer steht eine“, sagte Sara. „Aber das Erstgespräch findet hier statt.“ Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, nachdem Michael Platz genommen hatte.
Die beiden blickten sich einige Sekunden schweigend an, bis Sara Michael fragte, was sie für ihn tun könne.
Er atmete hörbar aus. „Mir geht es total beschissen – besonders morgens, aber auch immer häufiger so zwischendurch. Ich weiß auch nicht genau, warum. Die Leichtigkeit und das Unbekümmerte sind mir abhandengekommen. Und daran möchte ich gerne etwas ändern und brauche etwas Unterstützung, bevor es zu spät ist. Verstehen Sie?“, sagte er langsam, jedes Wort wohl gewählt mit angenehmer klarer Stimme.
Sie nickte verständnisvoll und fragte ihn, wie er sein Hauptproblem beschreiben würde.
„Hmm. Ja, also, gute Frage … Ich bekomme auf vielen Ebenen sehr viel mit, das ist sozusagen meine Gabe und mein Fluch zugleich, würde ich sagen. Womit ich jetzt nicht meine, ich wäre hochsensibel oder so … Doch irgendwo da drinnen“, er zeigte grotesk auf seinen Kopf, „hinter einer Art Schleier, da lauert das Unglück, die Hölle, ich kann sie manchmal förmlich schmecken, riechen und in den Händen halten. Die Menschen da draußen widern mich an. Beinah niemand achtet mehr auf den anderen. Jeder ist nur mit sich selbst beschäftigt und auf seinen eigenen Vorteil und Spaß aus, hält sich für einen King, der alles kann und weiß … Ich weiß, so abwertend sollte man nicht über seine Mitmenschen urteilen. Damit muss ich echt bald aufhören, das ist total anstrengend. Den Irrsinn weglächeln, darin war ich früher besser … Weil ich weiß ja, dass ich mir mit meiner ablehnenden Haltung Fremden gegenüber nur selber schade. Ich denke, da steckt eine Art Selbsthass hinter – oder keine Ahnung was.“
Sara wog den Kopf dezent lächelnd hin und her wie jemand, der einen wortkargen Inder parodierte, was ulkig aussah, wie Michael fand. Beinah hätte er einfach angefangen zu lachen. Aber nein, das wäre jetzt unpassend, er musste überzeugend rüberbringen, dass er dringend Hilfe und Unterstützung benötigte. Er dachte plötzlich an seinen alten Freund Robinski, der ihm vor einigen Monaten geraten hatte, eine Psychotherapie oder Ähnliches anzufangen. Kurz danach war er nach Portugal in die Arbeits- und Lebensgemeinschaft Tamera ausgewandert, wo er versuchen wollte, freie Liebe zu leben. Laut ihres letzten Telefonats war Robinski dort nun mit gemischten Gefühlen, weil er sich unglücklich verliebt hatte, ihm die Strukturen zu starr und die Ideologien zu abgehoben und ihm viele Bewohner zu selbstverblendet vorkamen. Er hatte jedoch auch von tiefgreifenden Prozessen und inneren Entwicklungssprüngen geredet.
Michael spürte nun deutlich, wie sehr er seinen Freund vermisste und ihm nicht verzeihen konnte, dass er ihn verlassen hatte, und dass es schon immer so war, dass er sich bei Robinski meldete und fast nie umgekehrt. Doch davon wollte er der Therapeutin jetzt nichts erzählen, die immer noch geduldig darauf wartete, dass er weitersprach.
„In meinem letzten Roman habe ich jemanden entworfen, der ich selber gerne wäre“, sagte Michael zu seiner eigenen Überraschung. „Und an dem messe ich mich jetzt. Ist doch bekloppt, oder? Doch im Moment habe ich mich selbst ganz furchtbar unter Druck gesetzt und mich von mir entfremdet. Natürlich könnte ich genau darüber schreiben. Aber das schaffe ich eben gerade nicht, weil ich mich nicht mehr richtig spüre. Und mir misstraue.“
Sara machte sich Notizen, ohne dabei auf den Block zu schauen. „Was denken Sie, warum Sie das tun?“
Michael schnaufte diese Frage weg und erzählte stattdessen von seinem kürzlich veröffentlichten Roman. Er meinte, dass er seine Hauptfigur, Helle, für seine Lebendigkeit, seine Abenteuerlust, seine Ehrlichkeit und seinen Charme, ja sogar für seine Ängste und Idiotien sehr mögen und fast schon beneiden würde. Er setzte sich aufrecht hin und fasste sich an die Lenden.
„Haben Sie Rückenschmerzen?“
„Ein bisschen. Morgens tut er mir seit zwei, drei Monaten wieder besonders weh. Da fühle ich mich steif wie ein Brett und muss mich erst mal in den Tag biegen wie eine Holzpuppe.“
„Waren Sie schon beim Arzt damit?“
Michael winkte ab. „Jaja. Ich muss einfach wieder regelmäßig meine Übungen machen.“ Er lehnte sich zurück, verstummte und sah an Sara vorbei aus dem Fenster in die Baumkrone einer kahlen Kastanie, die ihre Knospen bereit hielt wie Finger, die in den Himmel zeigten, als würde sich da oben irgendetwas Besonderes abspielen.
„Haben Sie schon einmal eine Therapie gemacht?“, fragte Sara nach einer kurzen angenehmen Weile der Stille.
Er erzählte, dass er vor fünf, sechs Jahren mit seiner damaligen Freundin dreimal bei einer Paartherapie gewesen war, verdrehte die Augen, was verdeutlichen sollte, dass das nicht sein Ding war.
Sara notierte das Gesagte, abermals ohne den Blick von Michael zu wenden.
„Ich wohne seit einigen Jahren alleine, worüber ich eigentlich froh bin, da ich ziemlich WG-müde bin“, fuhr er fort. „Ansonsten … Ich bin seit vier Jahren Single. Hatte aber kurze Affären. Nichts fürs Herz bis auf eine Geschichte, aber die habe ich dann verbockt … Irgendwie habe ich die Hoffnung schon aufgegeben, die richtig Frau noch zu finden … Darunter leide ich manchmal. Vielleicht ist das auch der eigentliche Hauptgrund, warum ich hier sitze … Seit knapp vier Monaten lebe ich vom Schreiben.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, es verschwand so plötzlich, wie es aufgetaucht war. „Aber wenn das so weitergeht mit mir und ich nicht bald etwas Vernünftiges zu Papier bringe, dann werde ich mich in acht Monaten wieder beim Jobcenter anmelden müssen … Sie sind doch Verhaltenstherapeutin, oder?“
Sara nickte.
„Das finde ich gut.“
„Warum?“
„Da, ich keine Lust habe, meine verdammte Kindheit zu analysieren. Mir geht es um das Hier und Jetzt.“
Sara bedankte sich bei Michael für seine Offenheit und meinte, die Zeit sei gleich um, wenn er jetzt noch Fragen habe, könne er sie gerne stellen. Doch er hatte keine, sondern sagte, er habe ein gutes Gefühl mit ihr und würde die Therapie gerne bald beginnen.
„Okay, dann überlegen Sie sich bitte bis zum nächsten Termin, welches Ziel Sie mit der Therapie verfolgen und welche Art Unterstützung Sie sich von mir erhoffen.“
***
Im Moment bin ich krankgeschrieben und muss wegen meinem entzündeten Darm Cortison nehmen, schrieb Sven. Dennoch macht das Jobcenter Stress in Person eines Sozialarbeiters, der zwar auf keiner kapitalismuskritischen Demo fehlt, es aber für ganz normal hält, mich immer wieder daran zu erinnern, dass ihm sein Vorgesetzter ziemlich Druck mache und er wirklich alles Erdenkliche für mich getan habe. Aber wenn ich nicht bald Arbeit fände, müsse er mir irgendeine Maßnahme aufs Auge drücken.
Die Art, wie Dixi nach Hause kam, die Wohnungstür schloss, „Hallo!“ rief und in die Küche trampelte, ließ Sven vermuten, dass sie schlechte Laune hatte. Er speicherte die Datei. Dixi war in letzter Zeit häufig unzufrieden. Sie warf Sven vor, er würde sich zu wenig um seine Gesundheit kümmern und sich bloß auf seinem kranken Darm ausruhen. Dabei ärgerte sie sich doch nur über sich selbst, glaubte Sven zu wissen. Weil Dixi in Wahrheit gerne wieder aktiv ihr Studium zur Sozialpädagogin aufnehmen und auch mehr Zeit zum Puppenspielen haben würde. Stattdessen arbeitete sie fast jeden Tag in dieser Cafébar, weil ihr kein Bafög mehr zustand.
***
Herr Setz öffnete die Wohnungstür. Michael stand mit dem Rücken zu ihm, den Kragen seines Mantels hochgestellt, und hustete trocken.
„Hallo, Herr Fischer.“
Michael drehte sich um und sie reichten einander die Hand.
„Sie haben doch hoffentlich nicht irgendeinen fiesen Virus?“
„Doch!“, erwiderte Michael mit einem aufgesetzten Lächeln, zog seinen Mantel aus und reichte ihn zögerlich Herrn Setz, der ihn in einen antiquaren Schrank sperrte.
„Warum fragen Sie?“
„Sie sehen ein bisschen kränklich aus.“
„Das täuscht.“
„Also geht es Ihnen gut?“
„Ich bin an mir dran, sagen wir es mal so … Und Sie?“
„Ach Gott, man wird älter, weiser und hemmungssloser … Trinken Sie Alkohol?“
„Was? Ja! Aber ein Hemingway oder Bukowski bin ich diesbezüglich nicht, wenn Sie das meinen.“
„Haben Sie Hemingway gelesen?“
„Nur Der alte Mann und das Meer und einige Kurzgeschichten.“
„Haben Sie von Gertrude Stein schon mal was gehört?“, fragte Herr Setz weiter.
„Die hat, wenn ich mich richtig erinnere, in den 20ern oder 30ern in Paris einen Salon geführt, der zum Treffpunkt für Maler und Schriftsteller wie Picasso, Matisse und Hemingway wurde.“
„Sie beeinflusste mit ihrer experimentellen Sprachkunst viele Autoren. Von der können auch heute noch welche was lernen“, ergänzte Herr Setz.
„Ja, was denn?“, fragte Michael.
„Das kreative Weglassen … Wollen Sie nun einen Drink oder nicht?“
„Och, einen Whiskey-Cola würde ich ausnahmsweise nehmen.“
„Was macht Ihr Goethe-Roman?“, erkundigte sich Herr Setz, nachdem er die Drinks fertiggemixt hatte. „Wo sind Sie denn?“
„Huhu.“
Herr Setz sah eine Hand über dem Ohrensessel auftauchen. „Wollen wir uns nicht auf den Balkon setzen? Es müsste mittlerweile warm genug sein.“ Er reichte Michael das Getränk.
Der schaute im Vorbeigehen auf ein altes Farbfoto, auf dem ein rotes Cabriolet abgebildet war, an dessen Steuer ein Mann um die fünfzig saß, der Herr Setz gewesen sein musste, als er noch schlanker war und mehr Haare hatte. Neben ihm saß wohl seine Frau, die einen Schlapphut trug und in die Kamera winkte. Das Foto von Heinrich Böll und Herrn Setz, die nebeneinander standen und verlegen dreinblickten, sah sich Michael genauer an, während Herr Setz die Balkontür öffnete.
Die Kohlezeichnungen von Klee, die nur aus wenigen Strichen bestanden, kannte Michael. Er war in Bern mal auf einer Kunstausstellung gewesen, die Picasso meets Klee geheißen hatte. Klees fragmentarischer Minimalismus war im Kontrast zu den aufwendigen großen, bunten Gemälden von Picasso richtig gut zur Geltung gekommen, hatte er gefunden. Doch hier so für sich wirkten diese Zeichnungen wie zufälliges Gekritzel eines Achtjährigen.
„Kommen Sie, ich habe nicht so viel Zeit.“
Michael ging auf den Balkon, setzte sich seinem Gastgeber gegenüber, der sich damit abmühte, eine Nachricht in sein Handy zu tippen. Michael betrachtete derweil eine Wolke, die sich aufblähte wie ein Kugelfisch.
Herr Setz ließ genervt von dem Gerät ab und prostete Michael zu, der „auf den Himmel über Berlin“, von sich gab.
Herr Setz schaute nun auch in die Wolken, deren imposanter Anblick ihn jedoch kaum berührte. Denn er hatte anderes im Kopf. In Wirklichkeit war er stumpf, ja sogar lebensmüde geworden, das wusste er. Es war ein schleichender Prozess, mit schwindender Vitalität schwanden auch die Geschichten, die Lügen, die man bereit war, sich noch über sich selbst zu erzählen.
„Haben Sie Böll näher gekannt?“, fragte Michael.
„Nein, aber ich bin ihm einundsiebzig auf dem Düsseldorfer Flughafen begegnet. Ein Jahr später bekam er den Nobelpreis für Literatur. Er war nicht sonderlich gesprächig gewesen, was vermutlich mit seiner Flugangst zu tun hatte.“
„Sehr schön.“ Michael blickte wieder in die Wolken, die sich immer röter färbten. „Ansichten eines Clowns war mal eines meiner Lieblingsbücher … ,Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke’, antwortet dieser Hans seinem Bruder, nachdem dieser ihn vorwurfsvoll gefragt hatte, was er eigentlich für ein Mensch sei … Ein herrlicher Satz.“
„Ja, Böll war nicht nur ein glänzender Autor, er war auch ein guter Mensch, sehr ehrlich und aufrichtig, einer, der sich für die Schwachen eingesetzt hat“, meinte Herr Setz dazu. „Deshalb hat er ja auch den Nobelpreis bekommen – und nicht, weil seine Literatur so besonders gut war.“
Michael erhob sich etwas beschwingt vom Alkohol, lehnte sich an das Geländer und schaute auf den neu angelegten Park, der bisher noch ganz ohne Bäume auskommen musste. Herr Setz stellte sich neben ihn.
„Waren da unten nicht bis vor Kurzem noch die alten Schlachthöfe?“, wunderte sich Michael.
Herr Setz nickte. „Die Angstlaute der Tiere, bevor sie getötet wurden, werde ich niemals vergessen … Aber zum Vegetariertum haben sie mich dennoch nicht gebracht“, lachte er.
Michael schmunzelte. „Wie war das hier früher? Ich meine, als diese hohen, bunten Plattenbauten noch nicht standen.“
„Auf Ihr Buch“, lenkte Herr Setz zuprostend ab.
Sie stießen erneut an.
„Der Agent, wie heißt er noch gleich?“, wollte Michael wissen.
„Wolfgang Bollmann.“
„Genau. Der hat mir gesagt, wenn ich nicht so bald wie möglich ein zweites Buch nachlege, bin ich weg vom Fenster.“
„Kommt drauf an, was Sie wollen?“
Die Sonne verschwand hinter den Wolken, ein kühler Wind blies Herrn Setz ins Gesicht – wie im November dreiundvierzig, als seine Schwester Regi hinter den Flammen Däumchen nuckelnd ihre Puppe im Arm gehalten hatte. Die Sirene heulte ohrenbetäubend. Er hatte ihr zugerufen, sie solle in den Keller laufen. Dann kam Onkel Heinrich angerannt, zuerst dachte er, der Onkel würde Regi retten, doch er hatte stattdessen ihn weggebracht von diesem Haus in den nächsten Luftschutzkeller.
In letzter Zeit musste Herr Setz öfter an diesen Moment denken, aber irgendwie so, als wäre das Geschehene nicht sein Erlebnis, als gehöre seine Vergangenheit einem Fremden. Wie wäre es wohl, hier einfach runterzuspringen?, fragte er sich. Der Fall würde vielleicht drei, vier Sekunden dauern, länger nicht. Er stellte sein Getränk hinter sich ab und umklammerte mit beiden Händen das Geländer, spürte seine Kraft, wusste, der dritte Herzinfarkt würde bald kommen, würde sein vermutlich letzter sein, und sagte: „Wolfgang will, dass Sie sich nicht zurücklehnen und auf Ihrem Erstling ausruhen. Er verkauft sich nicht schlecht. Er würde sich jedoch noch besser verkaufen, wenn Sie rasch noch einen in dieser Qualität nachlegen würden. Und wenn Sie in der Öffentlichkeit präsenter wären. Ein kleiner sympathischer Skandal wäre erfahrungsgemäß gut.“
„Ich bin nur der Schreiber.“ Michael blickte nach unten auf den Vorplatz des dortigen Einkaufszentrums. Auch er fragte sich, wie es wäre, sich hier hinabzustürzen.
„Dann erfinden Sie eben einen Skandal über sich … Sollen wir reingehen? Es ist kühl geworden.“, sagte Herr Setz und ging vor.
„Den Goethe-Roman habe ich fallen gelassen. Der ist mir über den Kopf gewachsen. Aber ich habe schon etwas Neues angefangen“, log Michael.
„Nehmen Sie hier Platz.“ Herr Setz zeigte auf die Couch und schaute auf seine Armbanduhr. In knapp zwei Stunden musste er am Hauptbahnhof sein. „Sie haben laut Vertrag noch acht Monate für eine neue Geschichte … Sie wollen doch noch schreiben, oder?“
Michael nahm einen großen Schluck, stellte sein Getränk laut auf der Glasplatte des Tisches neben ihm ab, so, dass Herr Setz irritiert aufblickte.
„Tschuldige … Ich brauche mehr Geld.“
„Hören Sie, wir haben Ihnen einen Vorschuss von tausendfünfhundert Euro pro Monat gewährt, das muss reichen.“
„Wie viele haben Sie eigentlich von meinen Büchern verkauft?“
„Ausgeliefert haben wir bisher, wenn ich recht informiert bin, achttausend Exemplare, wovon bereits über die Hälfte verkauft wurde. Was innerhalb von knapp vier Monaten nicht schlecht ist.“
„Okay.“
Herr Setz sah auf die Uhr. Er wollte Michael gerade auffordern zu gehen, als ihm einfiel, worum ihn Herr Bauer gebeten hatte. „Im Literatur-Zirkel wurde Ihr Buch von den Literaturkritikern Herrn Schänk, Herrn Weißgold, Frau Suter und dem Musiker und Autor Herrn Sommer diskutiert.“
Michael schaute ihn ungläubig an.
„Ihr Lektor, der Sebastian Bauer, hat die Sendung für Sie aufgezeichnet.“ Herr Setz holte seinen Laptop, klickte den Player an und zog den Balken auf Minute neunzehn:
Frau Suter, die Moderatorin, hält ein Buch in die Kamera. Das Cover zeigt eine Skizze von einem Raum, in dem ein Sessel, ein Stuhl und ein Ruderboot stehen. Dann wird Frau Suter wieder eingeblendet. Sie blickt in die Gesichter derer, die auf Barhockern um einen ovalen Tisch hocken, und sagt: „In dem Debütroman Komfortzone von Michael Fischer geht um Helle, einen achtunddreißigjährigen Deutschen, der nach einer gescheiterten Beziehung von Bielefeld in die Schweiz, ins idyllische Bern, zieht, wo er sich neu erfinden will. Er fängt dort zunächst in einem Behindertenwohnheim an zu arbeiten. Doch als ihm ein alter Freund anbietet, als Journalist und Redner für den kapitalismuskritischen Verein Boykott zu arbeiten, nimmt er die neue Herausforderung an. Er gerät zur Freude des Lesers mit seiner lockeren, chaotischen, charmanten und philosophisch-sentimentalen Art in zahllose komische, skurrile, erotische, aber auch zunehmend gefährliche Situationen. Mich hat dieser Helle ein bisschen an den Dude in Big Lebowski erinnert … Herr Schänk, wie hat Ihnen der Roman gefallen?“
Der Gefragte ist mit Abstand der Jüngste in der Runde, er trägt schulterlanges, braunes Haar, ein weißes Hemd, das ihm etwas zu weit ist, und eine Nickelbrille, die seine Augen deutlich vergrößert darstellt. Er wiegt ein bisschen den Kopf hin und her, antwortet: „Ein sehr experimenteller Roman beziehungsweise eine Groteske. Da geht es um vieles ein bisschen und häufig wechselt das Genre. Die Geschichte beginnt als Roadmovie und Beziehungsroman, geht über in einen gesellschaftskritischen Roman und endet schließlich als dramatischer Krimi. Ich erinnere an die Szene, als Simones Ehemann von ihr erstochen wird, nachdem dieser sie und Helle im Bett erwischt hat und es zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen ist. Von da an hat der Leser es plötzlich mit den Themen Ehebruch, Mord, Leichenbeseitigung, Versicherungsbetrug und ermittelnden Kommissaren zu tun. Die Hauptfigur, Helle, erinnert mich eher an Henry Miller als an den Dude. Den einzigen roten Faden, den diese Geschichte hat, ist eine Figur, die mit diversen Ängsten und Sehnsüchten zu kämpfen hat, die nicht zur Ruhe kommt und sich in immer mehr Schwierigkeiten bringt.“
Michael schüttelte ungläubig den Kopf. „Was redet der denn für einen Scheiß?“
Herr Setz beachtete ihn nicht, er tippte etwas in sein Handy und hoffte, dass Hannah der Scheidung zustimmen würde.
Herr Weißgold legt Herrn Schänk väterlich die Hand auf den Unterarm. „Ich fand es eben gerade gut, dass diese Geschichte nicht in klassischer Weise erzählt wird, und der Autor sich um herkömmliche Erzählstile wenig zu kümmern scheint. Er spielt regelrecht mit den Genres. Und als Leser hat man das Gefühl, da hat jemand unverblümt sein Leben und seine Träume niedergeschrieben. Beinah wie in einem Tagebuch lässt der Autor komplett die Hosen runter. Das erinnert in der Tat ein bisschen an Henry Millers autobiografische Romane. Doch am Ende wird fast nichts wirklich aufgelöst und die Geschichte endet so abrupt, wie sie begonnen hat. Alles wirkt total echt und unmittelbar, selbst die unglaublichsten Ereignisse nimmt man diesem Buch ab. Diese Geschichte macht nicht nur Spaß zu lesen, sie regt auch dazu an, über sich selbst und die Gesellschaft kritisch nachzudenken und etwas mehr ,Chaos’ in sein Leben zu lassen.“
Herr Sommer wird nun eingeblendet, er lugt durch seine dichte Ponyfrisur hindurch auf die Tischplatte.
„Die Geschichte ist völlig überladen, sprunghaft und übertrieben dicht geschrieben. So kommt der Leser kaum zu Atem, wie soll er da denn noch nachdenken?“, beharrt Herr Schänk. „Ich habe beim Lesen von Helles belanglosen Gedanken, seinen Frauengeschichten, seinem Getue und seinen ständigen Kopfschmerzen ebenfalls Kopfschmerzen bekommen.“
Die anderen lachen.
„Und was sagen Sie zu diesem Roman, Herr Sommer?“, fragt die Moderatorin.
Michael saß nach vorn gebeugt und blickte gebannt auf den Bildschirm.
Herr Sommer starrt halb gelangweilt, halb genervt aus den Augenwinkeln in die Gesichter der anderen. „Mehr Figur geht kaum.“ Seine Mimik hellt sich etwas auf. „Dieser Helle wächst einem von Seite zu Seite mehr ans Herz wie ein Freund, der einen gelegentlich mit all seinen inneren und äußeren Konflikten zwar auch etwas überfordert, dabei aber stets so unbedarft und gerade dadurch so liebenswürdig ist. Die Story finde ich sehr glaubhaft, vielleicht sogar zu glaubhaft. Ich habe jedenfalls zwischendurch den Verein Boykott gegoogelt, den gibt es ja wirklich. Nur diesen Helle, der ja im Buch bürgerlich Helmut Lenk heißt, habe ich nicht in der Realität gefunden. Und über den Autor, Michael Fischer, der im wahren Leben Robin Becker heißt, stehen bei Wikipedia nur drei, vier belanglose Sätze …“
Herr Setz’ Handy machte plötzlich einen unglaublichen Lärm, es vibrierte und tönte Like a Rolling Stone von Bob Dylan, sodass Michael nicht verstehen konnte, was Herr Sommer weiter sagte.
„Dieses blöde Gerät, wie stellt man das denn ab?“, meckerte Herr Setz und drückte dabei wild auf die Tasten. Dann gab es endlich Ruhe.
„Vielen Dank“, schließt Frau Suter ab und lächelt in die Runde. „Kommen wir nun zu einem ganz anderen Roman.“
Herr Setz klappte den Laptop zu. „Und was sagen Sie?“
„Was soll ich denn sagen?“, seufzte Michael.
„Das ist eine Ehre, dass die sich überhaupt über Ihren Roman unterhalten haben.“
„Na ja, ich weiß ja nicht.“
„Was wissen Sie nicht?“
„Ach, ist auch egal.“
„Vieles hängt jetzt davon ab, ob das Buch weiter in den Medien diskutiert wird. Nur meine Kontakte halten sich da leider in Grenzen.“
Michael schwieg.
„Passen Sie auf, ich gebe Ihnen drei Monate Aufschub, also haben Sie noch bis März nächsten Jahres Zeit, einen neuen Roman zu schreiben. Das müsste doch reichen, meinen Sie nicht? Und wenn Sie sich doch bereit erklärten, einige Lesungen zu halten, bekommen Sie fünfhundert Euro pro Auftritt extra.“
„Ich überleg’s mir.“
„Schicken Sie mir bitte in den nächsten zwei Monaten die ersten vierzig Seiten Ihres Manuskripts. Damit ich eine Vorstellung davon kriege, wo rüber Sie schreiben.“
Michael wurde ganz blass, weil er derzeit keinen blassen Schimmer hatte, wovon seine nächste Geschichte handeln sollte. Er bräuchte eigentlich mal eine Pause vom Schreiben, dachte er, um sich voll und ganz um sich zu kümmern. Dennoch erwiderte er: „Ja, klar, kein Problem, mache ich.“
„Gut. Ich muss Sie jetzt leider rausschmeißen. Ich habe noch einen wichtigen Termin.“
***
„Lass uns das Segelboot von Uwe nehmen und abhauen. Wir folgen der Havel bis zur Elbe, machen einen Zwischenstopp in Hamburg, münden in die Nordsee und segeln von dort über den Atlantik bis nach Feuerland“, schlug Tim vor.
Sara sah von ihrem Buch Die Schopenhauer-Kur auf. „Und die Berlinale?“
Sie hatte recht. Er würde sich einen Riesenärger einhandeln. Aber das wäre ja auch Sinn und Zweck der Übung. Er wünschte sich manchmal, er hätte den Mut, alles einfach hinzuschmeißen. Er konnte diese ganzen Filmheinis schlicht nicht mehr ertragen, die alle immerzu nur ihre Karriere im Blick hatten.
„Wovon handelt das Buch denn?“, fragte Tim und setzte sich im Bett auf. „Von Schopenhauer?“
„Ja. Und Gruppentherapie. Ist interessant. Der Autor ist selbst Gruppentherapeut, das merkt man. Mir gefällt, wie liebevoll er die einzelnen Teilnehmer beschreibt. Und wie der Therapeut es schafft, dass jeder Einzelne zum anderen langsam Vertrauen fasst, sich öffnet und gegenseitig hilft.“
„Wird heute überhaupt noch so gearbeitet?“
„In den USA schon. In Deutschland weniger.“
„Wir haben schon lange nicht mehr miteinander geschlafen, weißt du das?“, neckte Tim.
„Ja, und?“
„Mach ich dich etwa nicht mehr an?“
„Spinner!“
„Sollen wir baden gehen?“
„Gerne ein anderes Mal. Ich muss morgen früh raus.“
Tim verdrehte die Augen.
***
„Wer ist da?“
„Ich.“
„Ich? Und wer ist Ich?“
„Na, ich halt, Mich.“
„Michael. Komm hoch!“, sprach Sven überrascht in die Gegensprechanlage und drückte den Türöffner. Er mochte den Spitznamen Mich nicht, und nannte Mich daher einfach schlicht immer Michael. Bei ihrem letzten Treffen vor ungefähr fünf Monaten hatten sich die beiden zuerst gegenseitig vorgelesen und waren letztlich im Streit auseinandergegangen.
„Hey“, sagte Michael, als er auf dem Treppenabsatz angelangt war. „Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen?“
„Nein, komm hoch.“
Sie stupsten einander zur Begrüßung an und gingen in Svens Zimmer. Michael entledigte sich seines Mantels und hing ihn an die Türklinke. Sven räumte die Couch frei. Dann hockten sie sich nebeneinander hin, wobei sich Michael aus Versehen auf die Fernbedienung setzte und die Glotze ansprang. Capitain Kirk wurde gerade von einem feindlichen Laserstrahl getroffen und sackte zusammen. In der nächsten Szene massierte sich Mister Spock angestrengt die Schläfe.
„Das ist doch die Folge“, mutmaßte Sven, „in der Captain Kirk zu Gott sagt, nachdem dieser ihn gefragt hat, ob er ihn bis zu irgendeinem Planeten mitnehmen könne, wozu Gott denn ein Raumschiff brauche. Oder?“
„Keine Ahnung“, antwortete Michael. Er hatte mit diesem Raumschiff-Enterprise-Kram nie etwas anfangen können.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und starrten auf die Mattscheibe, sich um ein Gespräch erst gar nicht bemühend. Wer zu viel schwätzte, der wich nur aus, der lenkte ab. Worte gehörten wie in der Schreiberei wohlgewählt, hatte Sven mal gesagt, darin waren beide sich einig. Sie führten seit Jahren eine merkwürdige Freundschaft der kreuzenden Klingen, sprich, sie maßen sich im Originell- und Geistreichsein genauso wie im Tischtennis oder halt im Schweigen.
„Ich bin eben durch den Görli. Der halbe Park ist ja mittlerweile mit Leuten voll, die Drogen verticken und einen blöde anquatschen.“
„Das ist doch schon lange so.“
„Also meine Kinder würde ich da nicht alleine reinlassen. Ist doch ätzend so etwas. Ich finde, da sind wir echt ziemlich tolerant. Für jeden Baum geht der Kiez auf die Barrikaden, aber einen ganzen Park überlässt man kampflos den Drogendealern. Sollen die doch ihren Scheiß woanders verkaufen. Da laufen überall Kinder herum, so etwas geht doch nicht.“
„Anscheinend gibt es aber genug Leute, die da hingehen und sich ihre Drogen kaufen.“
Michael blickte auf die Bücher neben der Couch, griff sich eines und wog es in den Händen. Der Gotteskomplex.
„Das gehört Dixi. Manchmal liest sie mir daraus vor.“ Sven stellte den Fernseher ab.
„Und?“
„Sehr interessant. Du weißt doch, unsere Vorfahren haben sich einen allmächtigen Gott ausgedacht. Haben ihn dann irgendwann getötet, Nietzsche und so weiter. Später erklärten sie sich schließlich angeregt durch die fernöstlichen Religionen selbst zu Göttern. Mit einigen Risiken. Denn wenn man erst mal alt, gebrechlich und schwer krank wird, ist der Weg zurück vom Himmel auf die Erde weit und der Aufprall hart.“
Michael sah Sven von der Seite an. „Du, ich wollte dich damals nicht so beleidigen. Ich weiß, du hast lange unter deinem Haarausfall gelitten – da hätte ich mir an deiner Stelle möglicherweise auch einen Ziegenbart und so wachsen lassen.“
Sven winkte ab. „Schon gut.“
„Nein, im Ernst. Dass ich dich beleidigt habe, tut mir leid. Du weißt ja, meine Schreiberei ist mein wunder Punkt, das soll keine Entschuldigung sein, aber –“
„Ach, vergiss es“, wiegelte Sven weiter ab und stieß ihn an. „Kann passieren. Ich war ja auch nicht gerade nett zu dir … Wie läuft es denn eigentlich mit deinem Buch?“
„Zirka achttausend Exemplare haben sie bisher verkauft“, übertrieb Michael. „Die Kritiken waren nicht so schlecht. Ich wurde sogar mit Henry Miller verglichen. Das hat mich echt überrascht. Und selbst der mürrische Sommer hat sich sogar einigermaßen positiv dazu geäußert. Wobei, wirklich Ahnung hat der ja auch nicht gerade von Literatur.“
„Das ist doch super.“
„Ja, aber eine Kritik war total vernichtend.“
„Das bleibt nicht aus.“
„Es bleibt aber zu befürchten, dass mein Buch bald schon niemand mehr kauft, sobald in den Medien nicht mehr darüber diskutiert wird. Und das tun sie fast schon nicht mehr.“ Michael winkte ab. „Ach, is’ auch egal.“
„Genau, für die Werbung und den Verkauf sind der Verlag und die Buchhändler zuständig.“
„Es ist nur ein kleiner Verlag … Früher waren die besser im Geschäft.“
„Was hast du denn für einen Vertrag?“
„Geht über insgesamt fünfzehn Monate. Tausendfünfhundert Euro pro Monat zahlen sie mir als Honorar. Allerdings muss ich von dem Geld die Krankenkasse und genau genommen ja auch Steuern zahlen. Aber immerhin bin ich mal für eine Weile nicht vom Jobcenter abhängig.“
„Das ist doch toll, Mann.“ Sven erhob sich. „Darauf müssen wir anstoßen.“ Er ging in die Küche, spülte zwei Gläser ab und goss Orangensaft ein. Noch bis vor wenigen Wochen war es undenkbar gewesen, dass er so ein saures Getränk hatte zu sich nehmen können, ohne gleich auf Toilette zu müssen. Michael war Sven in die Küche gefolgt. Dieser befürchtete nun, dass sein Freund irgendeinen dummen Spruch über die versiffte Küche machen würde.
„Mir fällt im Moment nichts Brauchbares mehr ein“, klagte der aber nur. „Ein Roman soll es ja wieder werden, darunter machen sie es nicht.“
„Du weißt ja, was Enzensberger gesagt hat?“ Sven reichte ihm ein Glas. „Einen Roman zu schreiben, ist wie lebenslänglich.“
„Na toll.“
„Freu dich. Du hast bewiesen, dass es nicht lebenslänglich ist … Also, auf deinen Roman.“
„Und auf die Freundschaft!“
„Und die Gesundheit.“
Sie stießen an. Dann stellte sich Michael ans Fenster und beobachtete den dichten weißen Rauch, den der linke Schornstein des Kohlekraftwerks in den frühlingshaften blauen Himmel ausstieß. Sven lehnte sich an die Spüle.
„Ich mache nun eine Therapie“, erzählte Michael weiter in die Wasserdampffahne hineinblickend. „Scheiß Vattenfall.“
„Echt … Und?“
„Meine Therapeutin scheint echt cool zu sein.“
„Was meinst du mit ,cool’?“
„Die hat das gewisse Etwas.“
„Ist sie attraktiv?“
„Ja. Aber was viel wichtiger ist, ich habe mich direkt sehr von ihr gesehen und wertgeschätzt gefühlt.“
„Schön. Das freut mich für dich.“
„Der Verkauf wird bald eingeschlafen, sagen sie. Verstehst du?“, lenkte Michael das Gespräch nun doch wieder ins vorige Gewässer.
„Manche Bücher brauchen vielleicht ein bisschen länger.“
„Aber dir hat es doch auch nicht gefallen.“
„Es gab auch vieles, das ich gut fand. Zum Beispiel deine lakonische Erzählart, und dass man als Leser immer sehr nah im Geschehen beziehungsweise in Helles Kopf ist. Wurden denn noch Textpassagen verändert?“
„Ein paar.“
„Mann, du hast es geschafft!“
Michael zuckte teilnahmslos mit den Schultern. „Was die da alles in die Luft pumpen, das ist ja Wahnsinn.“
„Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen gesellschaftskritischen Entwicklungsroman zu schreiben? Du bist doch im Grunde gar kein so politischer Typ.“
„Aber du bist es.“
„Ich?“
„Ja, du hast denen in dieser Talkshow richtig krass und radikal ehrlich die Meinung gegeigt.“ Michael lächelte verschmitzt, während er unmerklich den Kopf schüttelte. „Das war ein großartiger Fernsehauftritt, noch besser als der von Captain Kirk, der sogar Gott misstraut hat. Wirst sehen, mit deinem Ausraster wirst du noch in die Geschichtsbücher eingehen.“
„Ach, Quatsch. Armin Meyer hat mich danach direkt wieder aus seiner TV-Gesprächsrunde ausgeladen.“
„Echt, bei dem warst du auch eingeladen? Das wusste ich ja gar nicht.“
Sven schnaufte frustriert und zog eine Grimasse.
„Das ist echt bitter. Weil, wer bei dem mal gesessen hat, dessen Karriere ist so gut wie gesichert.“
„So sieht es leider aus … Aber scheiß drauf. Meyer ist letztlich auch nur ein Moderator, der einen auf total kritisch und bissig macht, aber im Endeffekt die wirklich wichtigen Fragen nicht stellt und sie auch nicht zulässt.“
„Ja, sicher. Das kennt man ja. Wer erst mal Erfolg und die eigenen Schäfchen im Trockenen hat, der wird direkt milder und entspannter. Aber Mensch, Alter, das hast du alles nicht nötig. Für mich bist du so oder so der Größte unter dieser Sonne, ein wahrer Held, verstehst du?“
„Das ist schön, dass du das so siehst und sagst“, stammelte Sven, den Michaels Lobeshymne überraschte und verlegen machte.
„Ich hab es mir bestimmt zehn Mal in der Mediathek angeguckt. Und mir jedes Mal einen auf deinen geilen Auftritt abgefeiert und gejubelt. Verstehste? Und das ging ja nicht nur mir so.“
„Hast du denn schon Lesungen gehalten?“, wechselte jetzt Sven das Thema.
Michael hörte auf, zu lächeln. „Nee. Kein Bock drauf.“
„Mach das, das wird eine wichtige Erfahrung für dich werden. Und –“
„Der Gedanke, vor Fremden vorzulesen, stresst mich. Ich bin nur der Schreiber.“
„Wie du meinst.“
Michael setzte sich auf die Heizung unter dem Fenster. „Aber erzähl du doch mal, was macht die Pädagogik?“
„Ich bin auf Jobsuche.“
Michael hustete trocken. „In einer Stadt wie dieser, in der das eigentliche Leben zwischen warmer Hundekacke und kaltem Kapitalismus stattfindet, sollte doch für Sozialpädagogen was gehen. Oder?“
„Ich will ja nicht irgendwas machen und die Bezahlung ist meistens schlecht.“
„Dein Gesicht ist voller geworden. Steht dir.“
„Das kommt vom Cortison. Ich hatte mal wieder einen heftigen Durchfallschub.“
„Ach, Scheiße.“
„Du sagst es. Knapp vier Wochen muss ich noch dieses Zeug nehmen.“
„Und dann?“
„Azathioprin soll ich nehmen. Aber da mach ich nicht mit. Ich laufe doch nicht über Jahre hinweg mit einem stark eingeschränkten Immunsystem herum. Ich werde die Krankheit anders in den Griff bekommen.“
„Und wie?“
„Vielleicht mache ich auch eine Therapie. Suche mir einen Tiefenpsychologen, und schaue vielleicht doch mal genauer hin, was da so in meiner Kindheit gelaufen ist.“
„Du meinst die Sache mit deinem Stiefvater?“
„Ja, auch mit meiner Mutter. Der ging es ja oft schlecht und ich habe mich für sie verantwortlich gefühlt. Und so Zeug halt.“
Michael nickte.
Sven stellte sich neben Michael und schaute aus dem Fenster. „Durchdrehen hätte ich können, jederzeit. Dixi hat mich gar nicht mehr wiedererkannt, als ich das Cortison so hoch dosiert nehmen musste. Ich habe mich selbst kaum noch gespürt. Fast hätten wir uns sogar getrennt. Sie meinte, ich sei voll der unsensible Mistkerl, würde ihr nicht richtig zuhören und sei voll egomäßig im Bett. Kannst du dir das vorstellen?“
Michael grinste und hob feixend die linke Augenbraue. „Na ja, also –“
Sven boxte ihn leicht. „Jetzt komm.“
„Aua!“ Michael sprang auf und sie kniffen einander in die Oberarme, woraus ein kurzes Gerangel entstand, ein Händekräftemessen.
„Okay, ist gut. Aufhören“, beschloss Michael.
„Wie ist es denn mit deinem Rücken?“, fragte Sven.
„Der kommt und geht. Ich müsste halt wieder mehr Sport und Yoga machen.“
„Und wie läuft es mit den Frauen?“
„Beschissen … Diese Rauchfahne da. Woran erinnert die mich eigentlich?“
„Vielleicht an einen großen Dampfer?“
Michael ging seinen Mantel holen und zog ihn in der Küche an. „Meinst du eigentlich, den kann ich noch tragen?“
Sven lächelte. „Ein bisschen speckig ist er schon mittlerweile, aber steht dir noch. Vielleicht nennst du dein nächstes Buch Der blonde Rabe und schreibst mal wirklich nur über dein Leben!“
Michael zog eine Rabengrimasse und pickte mit der Nase in der Luft herum, wobei er schräge Krächz-Laute machte, worüber beide lachen mussten.
„Willst du schon gehen?“
„Ich muss weiter, wollte nur mal hallo sagen. Du meldest dich ja nicht.“
„Ich habe oft an dich gedacht und ein paar Mal stand ich kurz davor. Aber du weißt ja, wie das ist.“
„Ist ja nicht schlimm.“
„Wir könnten ja mal wieder Tischtennis spielen.“
„Können wir machen.“
Sven begleitete Michael zur Wohnungstür, wo sie sich zum Abschied umarmten.
„Hast ganz schön an Muskelmasse zugelegt“, stellte Michael fest, „freut mich für dich.“
„Acht Kilo in drei Monaten. Ich hoffe, das bleibt jetzt so. Neunzig wäre mein Idealgewicht.“
„Grüß Dixi von mir. Und viel Glück mit deinen Bewerbungen.“
***
Vor der Thalia-Buchhandlung ließ sich Bernd absetzen. Er hatte seine neue Perücke auf und war gespannt, wie es sich anfühlen würde, ein Unbekannter zu sein. Sein Roman Verstehst du stand nicht mehr in der ersten Etage an der Rolltreppe und lag auch sonst nirgendwo mehr sichtbar herum, musste er enttäuscht feststellen.
Michael kam gerade die Rolltreppe runtergefahren und meinte, in dem hinkenden jungen Mann Bernd Leber zu erkennen, der mit dem Jugendroman Saulus über Nacht berühmt geworden war.
Bernd stellte derweilen erleichtert fest, dass im ausladenden Regal unter L immerhin drei Bücher von ihm standen. Er stellte Saulus zurück, wollte sich ein gemütliches Plätzchen suchen, irgendein Buch zur Hand nehmen und einfach die stöbernden Kunden – überwiegend Frauen mit Kinderwagen und ältere Damen – beobachten, als ihn Michael ansprach, ob er denn nicht dieser Bernd Leber sei.
„Nein, der bin ich nicht“, log er mit verstellter Stimme.
Michael beäugte ihn unverhohlen weiter und lächelte. „Hier stehen doch auch Ihre Bücher.“ Er zog Saulus
