Zyklonia - Nathalie Hoffmann - E-Book

Zyklonia E-Book

Nathalie Hoffmann

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Beschreibung

Zyklonia – Ein System ausgelegt auf den Klimaschutz, in welchem eine Klimasünde mit einer Hinrichtung geahndet wird. Elektroautos, eine komplett pflanzliche Ernährung, gigantische Windräder, großflächige Solarzellen auf allen Dächern, eine strikte Überwachung des persönlichen Energieverbrauches: In Zyklonia soll die totale Zerstörung der Erde verhindert werden. Benita Lassourdo lebt gemeinsam mit ihren Adoptiveltern in Zielony, einer der fünf Regionen von Zyklonia. Ihr größter Wunsch ist, einmal nach "draußen" zu kommen, raus aus der Kuppel, raus in die echte Welt. Ein Zusammentreffen mit dem neuen Professor verändert ihr Leben für immer. Wahrheiten und Lügen vermischen sich, Geheimnisse kommen ans Licht und Benita muss sich entscheiden, wie viel sie bereit ist, aufzugeben.

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-895-8

ISBN e-book: 978-3-99131-896-5

Lektorat: Mag. Eva Reisinger

Umschlagfotos: Alina Prochan, Bornin54 | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Seine Schritte hallen laut durch die leeren Gassen. Er huscht gehetzt über die Straßen, als würde er etwas Verbotenes tun. Die Durchsage lässt ihn kurz aufhorchen, obwohl er sie eigentlich hätte erwarten müssen: „22.00 Uhr. Sperrstunde. Jegliche Bewohner außerhalb ihrer zugeteilten Wohneinheit werden ab sofort unverzüglich festgenommen.“

Ohne weiter zuzuhören geht der Mann mit schnellen Schritten an dem zentralen Platz vorbei, passiert das pompöse Monument des Gründers der GreenSC, welches sich in der Mitte des Forums befindet, und biegt schließlich am Ende des Platzes links in eine weitere Seitengasse ein.

Der trotz später Uhrzeit warme Wind lässt die Schweißtropfen auf seiner Stirn trocknen. Dennoch streicht er sich mit dem Ärmel seines Arbeitsoveralls darüber, um den schon getrockneten Schweiß abzuwischen. Eine Geste der Nervosität. Er scheint sich unwohl in seiner Haut zu fühlen; laut der Durchsage befindet er sich zu spät unerlaubt außerhalb seiner Wohneinheit, da er die letzte Magnetbahn nach der Arbeit verpasst hat.

Plötzlich lauter werdende Stimmen von weiter vorne lassen ihn aufhorchen, ohne langes Zögern drückt er sich in den Schatten des nächstgelegenen Hauses. Sein Atem geht flach und schnell. Zwei Patrouillen der Climate Police schlendern in ihren schwarzen Uniformen an ihm vorbei. Der Mann weiß genau, was mit jenen passiert, die die Regelungen missachten, und als Arbeiter ist er zusätzlich gefährdet. Wird er erwischt und kann sich nicht ausweisen und keine Bewilligung vorweisen, wird er in Verwahrung genommen, was kein wünschenswertes Schicksal ist. Er presst seinen Rücken so fest wie möglich an die raue Wand, die Hände am Körper und die Augen geschlossen. Ein kurzer Blick zurück von einer der Patrouillen würde genügen, um ihn zu entdecken. Unter seinen robusten Schuhen knirschen einzelne Steinchen und der Wind um ihn herum lässt alles erzittern. Der Geruch nach Dreck und Müll steigt dem Mann in die Nase, als er tief Luft holt und sich so wenig wie möglich bewegt. Die Patrouillen haben ihn nicht bemerkt, doch wäre er normalerweise erleichtert weitergegangen, so hat der Mann plötzlich einige Gesprächsfetzen aufgeschnappt und geht einige Schritte in ihre Richtung, um mehr zu hören.

„Da müssen wir noch so spät abends wieder in diese Hitze, als wäre es hier draußen nicht schon genug heiß. Und von dem ganzen Lärm dieser Maschine kriege ich nur Kopfschmerzen“, sagt einer der beiden.

„Was soll’s?“, entgegnet sein Kollege und fährt sich durch seine auffallend roten Haare, „solange ich mein Stück Fleisch bekomme, mache ich sogar die Drecksarbeit des Rates und entsorge ihren Müll. Diese nostalgischen Gefühle, die immer aufkommen, und allein der Gedanke daran, dass die anderen es nicht dürfen, würde mir schon reichen, es zu essen.“ Er stößt ein kurzes hohes Lachen aus.

„Ach, fühlst du dich nostalgisch.“ Der andere lacht spöttisch auf. „Weil du früher ja immer Fleisch gegessen hast, genau. Hör auf mit deinem Nostalgie-Gesäusel und halt den Mund. Wenn jemand hört, wie du über Fleisch sprichst, kannst du deines sowieso gleich vergessen.“ Der Rothaarige öffnet den Mund, als möchte er seinem Kollegen etwas entgegnen, schließt ihn kurz darauf jedoch wieder, als hätte er es sich anders überlegt und konzentriert sich auf den Weg vor sich.

Fleisch. An diesem Wort haftet etwas Verdächtiges, etwas Verbotenes. Es wurde schon lange aus dem Grundwortschatz verbannt und ersetzt durch Quorn, Soja und Lupinen. Trotz schwüler Luft stellen sich die langen dunklen Haare auf dem Arm des Mannes auf und sein Körper überzieht sich mit Gänsehaut. Wirre Gedanken kreisen in seinem Kopf umher, absurde Ideen und Verschwörungstheorien. Er mahnt sich selbst, als er merkt, wie stark er plötzlich aufgewühlt ist. Es wird ein Scherz gewesen sein, nichts Weiteres, nichts Bedeutendes. Doch was, wenn doch mehr dahinter ist? Als die beiden Patrouillen beinahe schon bei der Statue angekommen sind, fasst er seinen Entschluss. Mit einer kurzen Handbewegung fährt er sich hektisch durch seine dunklen kurzgeschorenen Haare und macht kehrt. Langsam schleicht er hinter den beiden her. Sein Puls geht schnell und kleine Schweißperlen sammeln sich erneut auf seiner in Falten gezogenen Stirn. Sein Blick ist wachsam und sein Körper bereit, jeden Moment zu reagieren, wie ein gehetztes Tier auf offenem Feld.

Er scheint Glück zu haben. Überraschenderweise begegnet er nur noch zwei anderen CPs, denen er ohne weitere Komplikationen früh genug aus dem Weg gehen kann. Es ist ihm bewusst, dass es ein gefährliches Unterfangen ist, doch ein kleiner Hoffnungsschimmer tief im Innern treibt ihn an. Die Möglichkeit, dass diese winzige Information, die er aufgeschnappt hat, sein Leben verändern könnte, scheint dem Mann Grund genug, die offiziellen Vorschriften zu missachten. Das Adrenalin, das durch seinen Körper schießt, vertreibt die vorherige präsente Nervosität, nimmt ihm die Angst und gibt ihm Kraft.

Er folgt den Patrouillen bis ins Viertel, in welchem sich die Arbeitsplätze der Privilegierten befinden. Unerwartet bleiben sie vor einer der vielen hohen Kuppeln stehen, welche von den anderen ein wenig abgelegener liegt. Der Mann zieht verwundert die Augenbrauen zusammen. Was suchen die CPs hier? Alle Lichter im Gebäude sind ausgeschaltet, um Energieverschwendung zu vermeiden. Der Wind trägt erneut die Stimmen der Uniformierten nach hinten und lässt die Blätter der vereinzelten Bäume, die regelmäßig am Straßenrand verteilt sind, rascheln. Der Mann kneift seine Augen zusammen, fixiert die Eingangstür, durch welche die beiden soeben verschwunden sind, und überlegt angestrengt. Die erdrückende Stille, die gelegentlich nur durch gepresste Atemstöße des Mannes unterbrochen wird, macht ihn erneut nervös und die schwüle Temperatur drückt ihm die Luft ab. Er öffnet den Reißverschluss seines Overalls, schließt ihn jedoch kurz darauf wieder, holt tief Luft und geht zielstrebig auf die Tür zu.

„22.19 Uhr.“ Die künstlich erzeugte Frauenstimme lässt den Mann aufschrecken. „Willkommen in Kuppel 284. Schließen Sie nach Betreten des Gebäudes die Tür und löschen Sie nicht benötigte Lichter.“ Jetzt ist es zu spät, umzudrehen, der Mann drückt die Tür hinter sich zu und bleibt einen Moment stehen. Er fragt sich, ob sein Eintreten soeben in der Zentrale registriert wurde und ob weitere CPs nun auf dem Weg hierher seien. Er zieht sich die Ärmel seines Overalls hinunter, da die gekühlte Luft des Gebäudes ihn frieren lässt. Mitten in der Bewegung fällt ihm jedoch auf, dass normalerweise keine Gebäude gekühlt werden und wenn, dann nur für spezielle Anlässe. Nicht jedoch an einem normalen Arbeitstag und noch dazu abends und in einem verlassenen Gebäude. Was hat dies zu bedeuten?

Langsam nimmt der Gang, der dahinter liegt, Konturen an, als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Ein breiter Gang erstreckt sich vor ihm und er erkennt Abzweigungen weiter vorne.

Zu viel Zeit ist vergangen, seit die anderen hinein gegangen sind. Er muss sich beeilen. Er bewegt sich vorsichtig den Gang hinunter und seine Schritte hallen verräterisch laut durch das leere Gebäude. Die Wände sind gräulich und fühlen sich rau an unter seinen verschwitzten, klammen Fingern, als er sich daran abtastet, um den Weg zu finden.

„22.23 Uhr. Willkommen in Kuppel 284. Schließen Sie nach Betreten des Gebäudes die Tür und löschen Sie nicht benötigte Lichter.“ Ein schwacher Lichtstrahl dringt zu ihm und feste Schritte folgen. Es bleibt keine Zeit. Der Mann imitiert die bestimmte Gangart des Unbekannten hinter ihm, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, und folgt den immer leiser werdenden Stimmen der beiden verdächtigen CPs vor ihm. Sein Atem geht laut, zu laut. Der Unbekannte hinter ihm kommt mit jeder vergehenden Sekunde näher. Der Mann biegt um die nächste Ecke und vor ihm liegt ein weiterer langer Gang. Hinter ihm geht das nächste Licht an. Die Strecke ist zu lange, um früh genug das Ende zu erreichen, und seine Arbeitsuniform ist zu hell, als dass er als Patrouille durchgehen könnte. Plötzlich empfindet er die Luft als stickig und Panik steigt in ihm auf. Seine Arbeitskleidung scheint ihm mit einem Mal zu eng. Mit zittrigen Händen fährt er über die Wände, die nun nicht mehr rau sind, sondern kühl und glatt und aus glänzendem Metall. Er presst seine Stirn dagegen und wartet darauf, dass das Licht auch in diesem Gang angeht. Durch das Metall dringt ein ihm unbekanntes Geräusch. Wie von einer Maschine, die nach und nach etwas zermalmt, langsam und stetig. Aus Neugier drückt der Mann sein Ohr dagegen und da sticht ihm weiter vorne rechts an der Wand eine Tür ins Auge. Ohne große Überlegung und Gedanken an die Schritte hinter ihm läuft er darauf zu, zieht sie auf und schlüpft im selben Moment hinein, als sich der Gang hinter ihm erhellt.

Für einen kurzen Moment nimmt die Erleichterung von ihm Besitz, so dass ihm nicht direkt auffällt, wo er sich befindet. Seine Augen sind geschlossen und er lehnt mit dem Kopf nach hinten an der Wand, als er plötzlich wieder aufschreckt. Die Hitze, der Lärm und der verbrannte Geruch. Erst jetzt nimmt er all dies wahr. Langsam geht er nach vorne und erkennt, dass er auf einem Gerüst steht. Er bewegt sich vorsichtig vorwärts und stützt sich mit beiden Händen auf das Geländer. Die glühende Hitze des Metalls scheint er komplett zu vergessen, als er mit weit geöffneten Augen nach unten schaut. Seine Pupillen verkleinern sich und das Dunkelbraun seiner Augen sticht hervor. Er steht da, ohne sich zu rühren, ohne irgendeine Reaktion von sich zu geben, obwohl er gerade vor dem größten Beweisstück des Verrates steht. Nur eine einzelne Träne rinnt ihm über die geröteten Wangen, ob wegen der beißenden Luft oder dem, was er vor sich sieht, weiß man nicht.

Kapitel 1

Das leise Vibrieren der Magnetbahn beruhigt mich. Das gleichmäßige Schwanken lässt mich für einen Moment alles vergessen und ich konzentriere mich auf die vielen Häuser, die am Fenster vorbeiziehen. Das meiste sind Glasbauten, jede so groß wie unser Haus mit den drei Wohneinheiten. Doch kein Wunder stehen hier solche Häuser, wir fahren gerade durch Pryzydora. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie meine Eltern besorgte Blicke miteinander wechseln. „Benita“, sagt meine Mutter, „ist alles in Ordnung?“ Ich wende mich ihr zu und möchte schon antworten, dass alles gut ist, doch das ist es ja nicht. Aber ich habe es aufgegeben, mit ihnen über meine Gefühle zu sprechen, die sie ohnehin nicht verstehen. Außerdem komme ich selbst klar mit meinen Problemen, sie brauchen sich nicht immer einzumischen. Dennoch bedrückt mich der Tag, der vor uns liegt. Heute ist Freitag, unser freier Tag, obwohl wir an diesem Tag trotzdem nicht tun und lassen können, wonach uns ist …

„Du weißt schon, Freitag“, murmele ich und schaue wieder aus dem Fenster hinaus. Doch meine Mutter weiß, dass dies nicht der wahre Grund ist für mein deprimiertes Gesicht.

„Natürlich, aber sieh mich mal an, ich weiß, dass es dir nicht gut geht. Kannst du uns denn nicht vertrauen?“, hakt sie nach.

„Mama, nicht hier“, antworte ich und gebe ihr mit einem Kopfnicken zu den Leuten um uns herum zu verstehen, dass wir in einem vollen Zug sitzen.

„Lass es gut sein, Ramona, wir können auch später nochmals zusammensitzen“, mischt sich mein Vater ein und legt beschwichtigend eine Hand auf Mutters Unterarm. Ich schenke meinem Vater ein kleines Lächeln, richte meinen Blick wieder aus dem Fenster und schließe meine Augen.

Die kühle Stimme der Lautsprecheransage für unsere Haltestelle lässt mich aufschrecken, obwohl ich sie schon unzählige Male gehört habe. Kurz darauf steht die Bahn und ich erhebe mich vom kühlen Metallstuhl. Der Lärmpegel steigt an, als alle Passagiere aufstehen, denn es müssen alle hier aussteigen. Nicht, weil es die Endstation ist oder wir hier wohnen, sondern weil wir heute verpflichtet sind, uns auf dem Nortarusplatz in Glowenzia zu versammeln. Glowenzia ist die Region, in welcher sich der Ratssitz befindet, sowie die Zentrale und unser Versammlungsplatz. Wir hingegen wohnen in Zielony, weiter nördlich.

Als ich hinter meinen Eltern aus der automatischen Tür trete, weht mir eine kühle Luft entgegen, es riecht nach Blättern und Bäumen. Ich sauge die Luft tief ein, versuche mir den Geruch einzuprägen und folge dann dem Menschenstrom. In den Slums riecht es nie so, denn dort befinden sich die Industrien, die trotz neuen Technologien die Luft verunreinigen, und auch wegen der vielen Leute, die dort wohnen, kann der Umweltstandard nicht erhalten werden. Der Platz befindet sich gleich vor der Station und besteht aus Stein in unterschiedlichen Grautönen. Wir stellen uns zu den bereits erschienenen Leuten. Es ist schon reichlich voll, ich schätze, es sind um die zehntausend Bewohner, doch hinter uns werden nochmals so viele dazu stoßen; die Arbeiter. Der Großteil der Anwesenden unterhält sich über Alltägliches, wie die Arbeit. Hie und da höre ich einige über den bevorstehenden Anlass sprechen, doch kaum jemand scheint aufgeregt, ungeduldig, geschweige denn unwohl, wie ich mich fühle. Man könnte meinen, wenn man uns betrachtet, dass wir uns hier treffen, um miteinander zu feiern, zu lachen und zu essen, denn die Stimmung ist locker und entspannt, beinahe feierlich. Nichts weist darauf hin, was später passieren wird.

Links und rechts entlang des Platzes stehen, geometrisch angeordnet, grüne Bäume, die wie einzelne Soldaten aufgereiht in der Reihe stehen, zum größtmöglichen Profit trainiert. Was bei den Bäumen bedeutet, möglichst wenig Wasser zu benötigen, mehr Kohlenstoffdioxid umzuwandeln und eine längere Lebensdauer. Hinter ihnen erstrecken sich große Wiesen mit vereinzelten Wegen und Straßen. Ich liebe das viele Grün, denn wenn ich die Bilder von der Vergangenheit anschaue, sehe ich graue Städte und braune vertrocknete Landschaften. So möchte ich ganz sicher nicht leben. Doch nichts ist genau so, wie man es gerne hätte. Bei uns sind der Preis dafür die vielen CPs, die sich entlang der Bäume militärisch aufgereiht haben. Aber auf was sonst verzichten wir noch, um so leben zu können?

Mein Blick schweift von den Bäumen weiter nach rechts zu unserem Fluss, der sich überall durchzieht, außer durch die Slums. Diese befinden sich in der anderen Richtung, im Westen, und sind die größte der fünf Regionen. Unser Fluss heißt Zekar, doch weshalb, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich haben irgendwelche einflussreichen Leute willkürlich unserer Welt Namen, die ihnen gerade gefallen haben, verteilt. Wenn ich das fließende Wasser betrachte, fühlt es sich so an, als kämen jeden Moment vergangene Erinnerungen hoch. Doch trotzdem kann ich mich an nichts erinnern. Was könnte mir überhaupt fehlen, denn ich habe das Gefühl, ich hätte noch gar nichts wirklich erlebt in meinem Leben. Aber es ist, als wäre da etwas, knapp unter der Oberfläche, aber ich kann es nicht erfassen, geschweige denn einordnen. Am Schwierigsten finde ich, anderen Menschen die eigenen Gefühle zu erklären. Doch in diesem Fall kann ich nicht mal mir selbst helfen, mich zu verstehen. Vielleicht ist es eine Sehnsucht. Nein, doch nicht, es ist mehr als das, ein tiefes Verlangen nach … Ja, nach was?

Ganz in meinen Gedanken verloren habe ich, wie ich nun bemerke, den Palazisko angestarrt. Denn ganz vorne, teilweise durch bereits anwesende Bewohner verdeckt, steht er. Der pompöse Ratssitz. Keines der anderen Gebäude hier bei uns kann mit der unglaublichen Architektur dieses Palastes mithalten. Hauptsächlich besteht er aus Glas, das aber von außen das Licht reflektiert und wir deshalb nur eine Spiegelung unserer Welt sehen. Der Grundriss unten ist rund, dann läuft es kegelartig nach oben zusammen und gegen Ende erstreckt sich die Glaswand erneut nach außen. So sitzt auf dem Gebäude eine Art ovalförmige Kugel, die von uns als Thron bezeichnet wird. Dieser ist aber dennoch durch den Kegel mit den unteren Geschossen verbunden ist. Ich habe mich schon immer gefragt, wie man das wohl gebaut hat, dass es nicht in sich zusammenstürzt, weil das Gebäude oben breiter ist als unten. Irgendwie erinnert es mich an einen Pilz, denn am Glaskegel entlang, bis kurz unter den Thron erstrecken sich graue gekrümmte Titansäulen, die am Ende in einer Spitze enden und an die Lamellen eines Pilzes erinnern. Es scheint, als würden sie den Thron tragen, da sie so stark gebogen sind, dass sie unter diesem verlaufen. Ich löse meinen Blick vom Palast und betrachte das Monument in der Mitte des Platzes, welches aus Marmor ist. Tristan Nortarus – Gründer der GreenSC, steht unten auf der Metallplakette, die gerade verdeckt wird. Obwohl es nur eine Statue ist, strahlt sie Kraft aus und unwillkürlich zieht man den Kopf vor dem Mann ein. Auch wenn er hier nur aus weißem Stein besteht, weiß ich, wie er aussah und welchen Einfluss er hatte. Ich habe schon unzählige Aufnahmen von seinen Reden gesehen und Bilder von ihm sind überall zu finden. Ich weiß schon seit immer, wer Nortarus ist, weshalb ich nicht weiß, wie mein erster Eindruck von ihm aussähe. Doch müsste ich mich eigentlich nicht erinnern können, an den Moment, als ich zum ersten Mal unseren Gründer sah? Merkwürdig, es scheint mir eigentlich nicht, als hätte ich ein schlechtes Erinnerungsgedächtnis, dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, dass einige Erinnerungen da sein müssten, es aber nicht sind. Als ich Nortarus betrachte, kommt es mir wieder vor, als treibe ein bestimmter Erinnerungsfetzen um mich herum, nach dem ich nur meine Hand ausstrecken muss, um ihn zu fassen zu kriegen.

Wahrscheinlich wäre mir damals zuerst der kalte, gefühllose Ausdruck in seinen blauen Augen aufgefallen. Seine dunkelschwarzen Haare, hohen Wangenknochen und die blasse Haut verstärken das Bild des erbarmungslosen Anführers. Dennoch ist er unser Gründer, unsere Vorfahren sind ihm gefolgt und haben ihm vertraut, zu unserem Glück. Hätte er die Leute nicht auf seine Seite gebracht, hätte nicht durch die vereinten Kräfte aller Menschen ein solches System entstehen können, welches unser Überleben sichert. Zumindest wird es uns so beigebracht in der Schule. Aber wenn ich nach draußen sehe, hinter das Glas unserer Kuppel, das unsere Luft filtert, sehe ich kein Leben und kein Überleben. Die Klimakrise muss wahr sein und deshalb ist auch der heutige Tag so wichtig für den Rat. Außerdem ist heute nicht nur Freitag, sondern auch noch Gründungstag. Heute vor fünfzig Jahren wurde die GreenSC gegründet, unsere Partei. Unsere einzige Partei überhaupt. Deshalb wird diese Versammlung noch länger gehen als sonst, ich seufze bei diesem Gedanken innerlich auf. Unwillkürlich blicke ich über meine Schulter hinweg zu den Arbeitern, die hinter uns stehen. Viele von ihnen tragen ihre Arbeitsuniform, ich nehme an, die Farbe kennzeichnet ihren Arbeitsplatz. Doch seit wann wird freitags gearbeitet?

Ich merke, dass es beginnt, als Jubel durch die Reihen geht. Sehen tue ich nicht viel. Aber vorne vor dem Palazisko gibt es eine Art Erhöhung, auf welcher die Bokowskis stehen müssen, nehme ich an. Von dort führen breite Treppen hinunter auf den Platz, der sich etwas tiefer befindet. Wir sind etwa in der Mitte des Platzes, links von Nortarus, aber vor uns sind noch weitere aus unserem Viertel. Alle Privilegierten befinden sich in den vordersten Reihen. Sie kommen direkt von Pryzydora mit ihren Elektroautos, während wir die Bahn benutzen müssen. Hinter uns drängen sich noch mehr Arbeiter auf den Platz, die wahrscheinlich auch die Bahn genommen haben, um hierher zu gelangen. Jedoch wohnen wir weiter im Norden als sie, weshalb die Magnetbahn nicht dieselbe ist. Als ich mich umdrehe,um nachzuschauen, wievoll der Platz ist, fällt mir auf, dass nur vereinzelte Arbeiter dem Auftritt des Rates applaudieren. Ich schüttle leicht den Kopf und lasse meine Hände auch sinken. Wenn ich nach vorne schaue, sehe ich die obere Hälfte des Ratssitzes. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf die Ratsfamilie zu erhaschen. Dort stehen sie, auf der geräumigen Plattform, die Hand gehoben, um uns zu grüßen. Die Bokowskis regieren in Zyklonia, die Macht wird immer in ihrer Familie bleiben, sie wird weitervererbt. Doch ich zweifle daran, dass das die richtige Methode ist, vor allem wenn ich mir vorstelle, dass später einmal diese Zwillinge das Sagen haben werden. Ich lasse mich wieder hinunter sinken und mache mich bereit, der Rede zuzuhören. Die Luft ist nun stickig und der Geruch nach Schweiß steigt mir in die Nase. Es ist unbequem hier, inmitten dieser Menschenmasse, zu stehen. Es ist eng und lauter große Leute verdecken mir die Sicht. Schließlich starre ich auf meine Schuhe, obwohl ich lieber die Bokowskis beobachtet hätte, um mehr über sie zu erfahren, doch meine Größe ist nicht gerade das, was mich ausmacht, und deshalb belasse ich es dabei, nur den Worten zuzuhören.

„Liebes Volk, es freut mich zu sehen, dass Sie alle erschienen sind, um gemeinsam den heutigen Tag zu zelebrieren“, ergreift Aleksander Bokowski das Wort. Ich habe ihn noch nie als großen Redner empfunden, die Rede ist nicht die Seine und es ist ihm anzusehen, dass er nicht viel davon versteht, was er uns erzählt. Viel mehr denke ich, dass seine Frau, Anastazja Bokowski, in Wirklichkeit das Zepter in der Hand hat und Zyklonia tatsächlich regiert. Früher habe ich mir mit Elisa Rachepläne für sie ausgedacht und sie hat mir immer gesagt, dass sie ihr nicht über den Weg traue. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie schon viel reifer war als ich damals.

„Vor vielen Jahren wurden bereits die ersten Steine für die Zukunft gelegt, für unsere Zukunft, die wir nun ausleben können und dürfen. Vor vielen Jahren setzten sich Verbündete aus der ganzen Welt zusammen, um etwas Neues, etwas Besseres zu schaffen als das bisherige Leben. Sie opferten sich für eine Zukunft, deren Erfolg sie nicht miterleben konnten. Vor vielen Jahren gründete Tristan Nortarus die GreenSC.“ Seine Rede wird durch Jubel unterbrochen, der jedoch nicht bis in die hinteren Reihen reicht, sondern irgendwo zwischen uns und den Arbeitern abebbt „Er gründete uns, er ermöglicht Ihnen, die Person zu sein, die Sie heute sind. Schauen Sie um sich, all dies wurde uns ermöglicht durch Nortarus’ Kraft, Wille und Anhänger. Nur die eine Möglichkeit blieb uns als Ausweg, um unsere Zivilisation zu erhalten, wie wir heute erkennen können, und die hat er ergriffen. Wir alle zusammen bilden diese neue Welt. Jeder und jede von uns stellt ein unersetzliches Stück dar, welches seine Aufgabe erfüllt. Wir sind aufgebaut wie ein hoher Turm, welcher in sich zusammenstürzt, sobald ein Teilchen entfernt wird, egal auf welcher Höhe es sich befindet.“ Bokowski legt eine kurze Pause ein, um uns die Chance zu geben, uns genau zu merken, was er damit sagen möchte. Möchte er uns schmeicheln mit diesen Worten? Bestimmt wollen die Bokowskis etwas erreichen mit dieser Rede, doch was sind ihre Absichten? Ich denke an die Arbeiter hinter mir, an ihr Leben und weshalb sie nicht applaudieren. Klar haben sie ein härteres Leben, doch der Rat sichert trotz allem unser Überleben. Sie garantieren uns Sicherheit und ein schönes Leben, das wir hier in unserer grünen Stadt verbringen können. Trotzdem … ohne Gegenleistung läuft nichts. Auf was verzichte ich? Auf die Außenwelt, denke ich, doch diese nimmt mir der Rat nicht weg, diese haben wir uns selbst weggenommen. Ich senke meinen Kopf wieder, betrachte meine schwarzen Hosen und konzentriere mich wieder auf die Rede von Bokowski. Dieser fährt nun mit stärkerer Dringlichkeit und lauter autoritärer Stimme, die übrigens das Einzige bemerkenswerte an seinem Auftritt ist, fort.

„Doch wie es in der Natur stets Unkraut gibt, so gibt es auch bei uns Schädlinge. Schädlinge, die man an der Wurzel ausreißen muss, bevor sie sich ausbreiten. Weshalb, denken Sie, wächst hier um uns herum kein Unkraut neben unseren Bäumen? Wir pflegen sie. Wir pflegen sie, so wie wir auch unsere Gesellschaft pflegen müssen. Wir müssen verhindern, dass Unkraut sich ausbreitet und unser gesamtes System befällt.“ Ich stelle mir vor, wie er dort oben steht, wild gestikulierend und rot im Gesicht von seiner energischen Rede und dahinter, mit einem süffisanten Grinsen, seine Frau. Ihre dunklen Haare hat sie stets zu einem strengen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden und unter ihrer Haut stehen die Knochen so stark hervor, dass man beinahe denken könnte, sie ernähre sich nicht gut genug. Aber nur beinahe. Ihr Gesicht ist herzförmig und wenn sie nicht gerade selbstzufrieden vor sich hin grinst, dann spitzt sie ihre Lippen, kneift die Augen zusammen und zieht ihre hoch geschwungenen Augenbrauen nach oben. So sieht sie meiner Meinung nach noch unerträglicher aus. Diese katzenhaften Züge widern mich regelrecht an. Sie war früher wahrscheinlich das Kind, vor dem alle schreiend davongerannt sind, sobald sie in ihre Nähe kam. Kein Wunder bei diesem Gesicht. Im Moment kann ich sie jedoch nicht sehen, doch es scheint mir, als würde sie stets irgendwelche perfiden Absichten hinter ihrem Handeln verbergen. Sie ist einer dieser ambitionierten Menschen, die wahrscheinlich nichts ohne einen bestimmten Zweck tun. Mit Elisa zusammen habe ich früher immer die Menschen um uns beobachtet. Wir haben versucht herauszufinden, wer die Personen wohl waren, was sie arbeiteten und was sie wollten. Heute tue ich das noch immer, automatisch, wenn ich jemanden ansehe. Es wurde zur Gewohnheit und ich glaube, dank Elisa bin ich misstrauischer geworden und habe gelernt, Leute besser zu durchschauen.

„Gemeinsam, mit einer starken Führung, sind wir stärker. Tristan Nortarus war die Schlüsselperson, die die Kräfte der Menschen damals vereinte und solch jemanden brauchen wir auch heute, denn sonst zerfallen unser Turm und unser Leben und unsere Errungenschaften mit ihm.“ Es ist nicht schwer zu erraten, wen er damit meint. Ich recke meinen Hals, um die Bokowskis anzuschauen. Wie erwartet steht Anastazja Bokowski grinsend neben ihrem Mann und lässt ihren Blick mit Befriedigung über uns schweifen. Auch die Zwillinge schauen auf uns herab, ihre Haltung strotzt nur so vor Überlegenheit und Arroganz. „Feiern wir heute unseren Gründungstag, feiern wir die Green System Change, feiern wir Tristan Nortarus! Wer wagt, gewinnt!“ Der Schluss seiner Rede geht im Jubel unter. Wieder geht mein Blick nach hinten zu den Arbeitern. Die meisten sehen müde aus von ihrer Arbeit, jedoch nicht die Müdigkeit, die nach einmal lange Ausschlafen wieder vergeht. Nein, ihre Erschöpfung geht tiefer, viel tiefer. Mein Blick fällt auf eine hochgewachsene Frau, die jemandem neben ihr etwas ins Ohr flüstert. Normalerweise hätte ich meinen Blick weiter schweifen lassen, doch etwas an ihrer Art lässt mich innehalten. Die Art, wie sie sich mit ihren Fingern durch die Haare fährt, und wie ihr Blick von einem Arbeiter zum nächsten springt. Der Mann neben ihr nickt, dreht sich weg und schlängelt sich durch die Menschenmenge hindurch an den Rand des Platzes. Plötzlich fällt mir die Unruhe auf, die durch die Menge geht. Die vorherige Müdigkeit, die mir aufgefallen ist, ist verschwunden und ich sehe, wie die CPs, die sich um uns aufgestellt haben, ihre Waffen fester an sich ziehen und schussbereit halten. Ich merke, wie meine Hände schwitzig werden, wie immer, wenn ich nervös werde. Ich suche wieder nach der Frau, finde sie und zu meinem Erstaunen blickt sie mir direkt in die Augen. Ich ziehe fragend meine Augenbrauen nach oben und halte meinen Blick fest auf ihre unglaublich blauen Augen gerichtet. Gerade als ich denke, sie würde sich wieder abwenden, hebt sie ihre Hand und macht eine Geste, mit der sie mir bedeuten möchte, mich zu ducken. Ihr gehetzter Gesichtsausdruck und die Art, wie sie mich anschaut, verunsichern mich und ein ängstliches Gefühl befällt mich. Doch als ich sie erneut fragend ansehen möchte, ist sie untergetaucht und diesmal finde ich sie in der aufgewühlten Menge nicht wieder. Ein kurzer Blick nach oben zu den Bokowskis zeigt mir, dass auch sie beunruhigt sind. Vielleicht bilde ich es mir bloß ein, doch ich irre mich selten in solchen Dingen.

„Was ist …“, gerade als ich mich zu meinen Eltern umdrehe und sie fragen möchte, was los ist, ertönt ein Schuss. Arbeiter hinter mir greifen plötzlich die CPs am Rand des Platzes an und entwenden ihnen in Kürze ihre Waffen, da sie den Überraschungseffekt auf ihrer Seite haben. Der Schuss scheint knapp fünf Meter hinter mir losgegangen zu sein, gefährlich nahe, und ich muss an die Frau mit den blauen Augen denken. Die Leute um mich herum beginnen zu schreien und drängen sich nach vorne.

„Verräter, alles Verräter, ihr nutzt uns bloß aus und …“, der Rest des Satzes geht in weiteren Schüssen und Schreien unter.

„Nita, komm hier her, sofort!“, die Stimme meines Vaters klingt beunruhigt, aber dennoch gefasst. Er umfasst meine Hand mit der seinen und zieht mich nach vorne, weg von den Arbeitern. Doch ich sehe, wie die Arbeiter weiterhin gegen die CPs kämpfen, nicht alle scheinen auf diesen Angriff gefasst gewesen zu sein, weshalb die meisten sich mit uns nach vorne drängen oder durch die Bäume hindurch vom ganzen Geschehen flüchten.

Schräg hinter mir beobachte ich, wie ein junger Mann einem CP ins Gesicht schlägt, diesem die Pistole entwendet und sie ohne zu zögern nach vorne auf die Erhöhung richtet. Er zielt einen Moment lang, indem er sein linkes Auge schließt, und in dem Moment, als ich denke, er drückt den Abzug, trifft ihn etwas am Hinterkopf und er fällt nach vorne. Ich sehe einen weiteren CP etwas weiter hinten mit gezückter Pistole und mein Magen zieht sich zusammen. Was ist nur mit mir los? Es geschieht dem Mann recht! Auf einen Angriff auf den Rat steht ohnehin Todesstrafe. Dennoch kann ich meinen Blick nicht von dem CP wenden, der soeben dem Mann in den Kopf geschossen hat. Seine auffallend schwarzen Haare hängen ihm ins Gesicht und als ich seinen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck sehe, wird mir übel. Er wendet sich ab und verschwindet wieder. Nur das schwarze Haar sticht noch einen Augenblick lang aus der Menge hervor, dann ist er ganz weg.

„Komm schon, wir sollten hier nicht bleiben“, sagt mein Vater und drängt mich dazu, schneller weiterzugehen. Die immer panischer werdende Menschenmasse um mich macht es mir schwer, meine Gedanken zu sortieren, und die meisten Leute überragen mich, weshalb ich nicht viel sehe, geschweige denn vom Geschehen mitbekomme. Mein Vater zieht mich immer weiter und ich lasse mich von ihm führen, den Blick auf seinen Hinterkopf gerichtet, der genauso aussieht wie jener des nun toten Arbeiters. Ich kann die Szene seines Todes nicht aus dem Kopf kriegen. Immer und immer wieder spult sie sich von vorne ab. Die Art, wie sein Kopf vornüber fällt und er daraufhin nach vorne kippt. Ich frage mich, ob er wohl schon während des Falles tot war oder erst nach dem Aufprall und ob er überhaupt Zeit hatte zu realisieren, was mit ihm geschah, bevor die Kugel ihn durchbohrte und das Leben aus ihm nahm.

Weitere Schüsse fallen und ich frage mich, für wen sie wohl gedacht waren und ob sie erneut ihren Weg zu einem Opfer gefunden haben. Plötzlich greift jemand nach meinem Arm und zieht mich weiter. Mit meinem Blick folge ich der Hand und schaue ins Gesicht eines mittelalten CPs mit dunkelbraunen Haaren. Mit einem Nicken in Richtung Palaziskogibt ermir zu verstehen, ich soll weitergehen nach vorne. Unbewusst bin ich an den Rand der Menge gelangt, bei den schönen grünen Bäumen, und plötzlich fällt mir auf, dass meine Eltern nicht mehr bei mir sind. Ich muss die Hand meines Vaters irgendwann losgelassen haben.

„Los jetzt, geh!“, die befehlsgewohnte Stimme holt mich wieder zurück in die Wirklichkeit und ich laufe los. Erst jetzt fällt mir auf, dass die CPs sich hinter uns in einer Linie aufgestellt haben, um die Aufständischen von uns zu trennen. Diese scheinen keine Chance gehabt zu haben. Was für ein sinnloses Unterfangen, denke ich, doch ich weiß nicht, was ich tun würde, wäre ich so verzweifelt, wie sie es sind. Womöglich würde ich mich auch von irgendwelchen irrationalen Gedanken und Trieben führen lassen.

Ich bin jetzt hinter den CPs und außerhalb der Gefahrenzone. Die Leute um mich herum reden angeregt miteinander, Kinder schreien und Eltern rufen die Namen ihrer Kinder. Ich blende das Stimmengewirr aus und unwillkürlich denke ich an das Bevorstehende. Ich habe Angst vor dem, was nun kommt. Freitags werden Klimasünder hingerichtet, sofern welche in der Woche festgenommen wurden. Egal wie groß oder klein das Verbrechen war, in Bezug auf die Umwelt kennt der Rat kein Erbarmen. Was ja auch verständlich ist, wie würden wir uns sonst je an die Regeln halten, wenn uns keine Bestrafung erwarten würde bei einem Regelbruch? Andere Verbrechen gibt es auch. Leute, die stehlen, Anwendung von Gewalt oder Betrug, doch meistens sowieso nur in den Slums, und diese Verstöße ziehen keine solch strengen Konsequenzen nach sich, sofern sie nicht gegen den Rat, sondern gegen andere Mitmenschen gerichtet sind. Aber jetzt werden sicher diese Arbeiter getötet. Wie kann ich nur zusehen, wie sie diesen Leuten die Schlinge um den Hals legen?

Ich ertrage die Hinrichtungen nicht. Es war schon immer so. Ich kann mir noch so oft sagen, dass die Leute vor mir dieses Schicksal verdient haben und ich keine Schuld an ihrem brutalen Tod trage, doch das unbehagliche Gefühl verschwindet nicht.

Wie es scheint, hat sich die Situation wieder beruhigt, denn die CPs hinter uns lösen ihre Reihe wieder auf und wir bewegen uns alle zu unserem vorherigen Platz. Ich beschließe, auch langsam zurück zu gehen und Ausschau nach meinen Eltern zu halten. Dies ist jedoch gerade meine geringste Sorge, viel mehr habe ich Angst vor dem Bevorstehenden.

Plötzlich legt sich eine Hand auf meine Schulter. Ich drehe mich um und blicke meiner Mutter ins Gesicht.

„Benita! Wo warst du? Weißt du, wie gefährlich es ist, wenn du dich hier irgendwo alleine aufhältst, ich habe mir schon das Schlimmste vorgestellt.“ Ihr sorgenvoller Gesichtsausdruck bringt mich dazu, ihr zu antworten, obwohl ich sie eigentlich anschweigen wollte. Ich kann selber auf mich aufpassen, mit siebzehn Jahren bin ich kein Kind mehr, das von den Eltern an der Hand geführt werden muss.

„Ja, ich weiß schon. Aber ich habe euch plötzlich verloren und nicht mehr gesehen, wo ihr hingegangen seid.“ Meine Mutter beruhigt sich, wir stellen uns wieder zwischen die anderen Leute und richten unseren Blick nach vorne, wobei ich nur den Rücken des Mannes vor mir betrachten kann.

Nach einer Weile ertönt die Stimme von Anastazja.

„Wir bedauern zutiefst, dass Unruhe ausgebrochen ist, doch alles ist unter Kontrolle. Machen Sie sich keine Sorgen. Sorgen machen dürfen sich nun diese Kriminellen“, sie gibt ein dunkles Lachen von sich. „Solche Unruhestifter sind“, sie seufzt gekünstelt auf, „beinahe bemitleidenswert. Weshalb würde man sich auflehnen, wenn alles perfekt ist? Doch manchmal liegt genau in der Perfektion das Problem. Deshalb müssen wir, zu unserem eigenen Bedauern, drastische Maßnahmen ergreifen. Keine Klimasünde bleibt ungestraft. Jede ist ein direkter Angriff auf jeden Einzelnen von uns. Wir, die so hart für den Erhalt der Perfektion kämpfen. Lasst Gerechtigkeit walten!“ Den Worten folgt Trommelwirbel. Dieser erinnert mich immer an die Geschichtskunde. Sie haben uns dort einmal erzählt, dass früher bei Kriegen Marschmusik gespielt wurde, meist mit Trommeln, die den Soldaten den Takt angaben. Ich versuche mir ein Bild in den Kopf zu rufen. Ich stelle mir die vielen Uniformierten vor, wie sie in perfekter Formation aufgestellt sind. Jeder sieht gleich aus, es gibt keine Unterschiede zwischen ihnen. Alle bilden ein Stück der Armee und zusammen ergeben sie ein Ganzes. Keiner ist mehr als das, keiner ist individuell. Ihre eigene Persönlichkeit haben sie nicht. Als ich an diesem Punkt angelangt bin, verschwindet das Bild der Soldaten und ich sehe stattdessen wieder die blauen Augen der Frau. Keine Persönlichkeit. Kein Leben. Kein Individuum. Sie wird sterben. Sie wird sterben, obwohl sie mich gewarnt hat.

In diesem Moment stoppt das dumpfe Geräusch, erzeugt durch das Aufschlagen der Trommelschläger, und ich schaue nach vorne. Auf den Zehenspitzen erkenne ich, was sich vorne auf dem erhöhten Platz vor dem Palaziskoabspielt. Am liebsten würde ich wieder wegschauen, doch jetzt, da ich den Blick gehoben habe, weiß ich, dass ich nicht mehr wegschauen kann. Meine Hände werden zittrig und ich spüre, wie die Angst in mir hochsteigt. Vorne aufgestellt, neben dem Galgen, sind sie. Zu zwölft. Einer, ein älterer Mann mit gräulichen Haaren, steht ganz links und muss bereits vor der Zeremonie und den Unruhen für den Galgen bestimmt gewesen sein. Er sieht sauberer und fitter aus, als die anderen. Die restlichen elf sind die Arbeiter von vorhin und ihre Kleidung ist schmutzig und die meisten von ihnen bluten. Mein Blick wandert von Gesicht zu Gesicht, bis ich, als Letzte in der Reihe, die Frau sehe. Sie sieht stur geradeaus und scheint den Jubel der Leute direkt vor sich nicht wahrzunehmen. Ihre Hände sind auf dem Rücken zusammengebunden. An ihrer Schläfe läuft Blut hinunter, welches einen starken Kontrast zu ihren strahlend hellen Augen bildet, die ich sogar von dieser Entfernung erkennen kann.

Einer nach dem anderen wird ausgerufen. Name, Identitätsnummer und Verbrechen werden aufgezählt vom zuständigen CP, einer jungen blonden Frau, die anschließend die Nummer mit ihrem Terminal scannt und die Person registriert als eliminierten Verbrecher.Ein weiterer CP legt dem Täter die Schlinge um den Hals. Sind die beiden CPs fertig, gibt Anastazja ein Zeichen und die Klappe wird geöffnet. Dann folgt Jubel.

Meine Mutter neben mir legt mir ihre kühle Hand an die Wange und flüstert: „Du musst dir das nicht ansehen.“ Ihre Hand verharrt einen Moment dort und dann zieht sie sie weg. Ich schaffe es, mein Gesicht von dem jungen Kerl, dessen Hals gerade in der Schlinge ist, wegzudrehen. Meine Mutter neben mir wendet ihren Kopf jedoch nicht ab. Sie ist stark, viel stärker als ich es bin. Mit ihren kurzen braunen Haaren und der gebräunten Haut sieht sie abgehärtet aus. Ich dagegen sehe mit den langen dunkelbraunen Haaren langweilig und unscheinbar aus. Nicht einmal meine auffallend grünen Augen können diese Erscheinung ändern.

„Derek Henderson, Identitätsnummer 428744, Angriff auf Rat und Sicherheitspersonal“, gibt die junge Frau in lauter und erstaunlich tiefer Stimme bekannt. Ich höre kaum, wie sich die Klappe öffnet. Das ganze Gerüst ist aus Metall gebaut. Kein Holz wurde für die Herstellung verschwendet, keine Bäume wurden dafür gefällt.

„Mira Lascala, Identitätsnummer 393576, Angriff auf Rat und Sicherheitspersonal.“ Durch das fehlende Geräusch beim Öffnen der Klappe hört man sehr gut, wann der Strick seine volle Spannweite erreicht hat.

„Sandor Kallor, Identitätsnummer 558301, Angriff auf Rat und Sicherheitspersonal.“ Es dauert keine Sekunde vom Öffnen der Klappe bis zum Knacken. Beinahe keine Verzögerung. Alles geht sehr schnell. Ich zähle mit. Ich zähle das Geräusch des brechenden Genicks. Neun, zehn, elf, jetzt sollte nur noch die Frau dort stehen. Ich muss sie noch ein letztes Mal sehen.

„Miranda Hondus, Identitätsnummer 199069, Angriff auf Rat und Sicherheitspersonal.“ Meine Nummer endet auf dieselben letzten Ziffern, wie ihre es tut. Ich bin nicht abergläubisch, dennoch fällt es mir sofort auf. Die CP löst die Handschellen und packt ohne Mitgefühl ihren linken Arm und scannt sie. Jetzt ist es endgültig. Sie wird aus dem offiziellen System gelöscht und als eliminierte Verbrecherin registriert. Die Schlinge um ihren Hals wirkt zu grob für sie. Ihr Hals ist so dünn und zierlich, dass dieses dicke schmutzige Seil an diesem Ort falsch erscheint. Es ist auch falsch, denkt ein Teil von mir. Über ihre Wange rinnt eine Träne und vermischt sich mit dem dunkelroten Blut, das schon eingetrocknet ist. Dann drückt der CP den Hebel hinunter, es knackst kurz und dann ist sie weg. Ihre Augen stehen offen und leer.

Kapitel 2

„Nita, Nitaaaa! Schnell, mach schon. Heute gehen wir in die Naturkuppel, da willst du doch nicht zu spät kommen, oder?“ Ich renne ihr mit einem freudigen Gefühl im Magen hinterher. Wie sehr ich mich auf diesen Tag gefreut habe! Ihr rotes Haar fliegt offen um sie und verdeckt ihr Gesicht, als sie sich nach mir umdreht. Doch plötzlich, als ich näher hinsehe, erkenne ich, dass ihr Haar nicht mehr rot ist, sondern orange. Orange und gelb. Ihr Kopf steht in Flammen!

„Elisa, pass …!“, meine Stimme versagt und ich bringe nur noch ein Krächzen heraus. Ich muss sie warnen, bevor es zu spät ist. Ich schreie nochmals, doch kein Ton kommt heraus. Ich bekomme Angst. Sie hat aufgehört zu rennen und steht still da, mit dem Rücken zu mir. Ich sehe dabei zu, wie ihre Haut langsam dunkler wird. Ich renne zu ihr, so schnell mich meine Beine tragen, doch mit jedem Schritt wird es schwerer und als ich hinter mich blicke, sehe ich, dass mich mein Vater zurückhält.

„Benita, es ist nicht deine Schuld. Du musst sie vergessen.“ Seine Stimme klingt, als käme sie von weit her und ich will nicht wahrhaben, was er sagt. Ich schlage um mich und kämpfe mich weiter nach vorne zu Elisa, die von Sekunde zu Sekunde dunkler wird. Als ich endlich bei ihr angekommen bin, steht ihr ganzer Körper in Flammen und ihre Haut ist kohlschwarz. Wie konnte das passieren? Mein Herz schlägt schnell, zu schnell, und als ich auf mein Endgerät blicke, leuchtet dort in Rot die Zahl 199069. Ich bin verzweifelt, ich muss mich beruhigen, meine Herzfrequenz wieder senken, doch da dreht sich Elisa zu mir um und ich schaffe es kaum, Luft in meine Lunge zu ziehen. Ob wegen des Rauches oder wegen des Anblicks, weiß ich nicht genau. Trotz der abschreckenden Gestalt vor mir strecke ich meine Hand vorsichtig nach ihrem faltigen Gesicht aus. Doch gerade als meine Fingerspitzen sie berühren, zerfällt sie vor mir in winzige Stücke. Schwarze Hautfetzen fliegen um mich, wie verbranntes Papier, und als ich meinen Mund öffne, um zu schreien, kriege ich keine Luft mehr wegen den Stücken, die meine Luftröhre verstopfen. Ich schlage um mich und Verzweiflung und Panik steigen in mir auf. Auf einmal sehe ich wieder Elisas Gesicht vor mir. Sie scheint mir etwas sagen zu wollen, ihre Lippen bewegen sich, doch es kommen keine Laute heraus. Ich blicke ihr tief in die Augen, aber ich sehe nur mein eigenes Spiegelbild in ihnen.

„Elisa, es tut mir so leid“, flüstere ich und bemerke, dass ich meine Stimme wieder gefunden habe. Plötzlich blicke ich nicht mehr in Elisas hellbraune Augen. Die Farbe wird heller und heller und auf einmal starren mich blaue Augen an. Erschrocken schaue ich die Frau an. Eine Träne rinnt über ihre Wange und vermischt sich mit dem Blut in ihrem Gesicht. Es ist still geworden um uns herum, die Luft ist auf einmal frisch und angenehm kühl. Mein Herzschlag geht wieder gleichmäßig, obwohl das Pochen nicht von mir zu kommen scheint, sondern von außen. Ich drehe mich nach hinten um. Wo ist mein Vater? Ich verspüre auf einmal das Bedürfnis, ihm von der Frau zu erzählen, die noch lebt und gar nicht gestorben ist, wie wir es dachten. Doch als ich mich wieder zurück zur Frau drehe, setzt mein Herz aus und das Pochen verschwindet. Ich werde starr vor Angst. Sie hängt dort, mit gebrochenem Genick und in die Leere starrenden Augen. Ich lasse mich schreiend fallen. Ich möchte die Frau retten, doch es ist zu spät. Schon wieder konnte ich ihr nicht helfen. Ich möchte weglaufen, doch ich kann nicht. Ihre blauen Augen wirken fesselnd, sie scheint mich nicht loslassen zu wollen, obwohl sie längst weg ist. Oder etwa doch nicht? Ich schaue ihr tief in die Augen, bis ich zu versinken drohe in ihnen. Dann laufe ich, ich laufe, doch trotz allem lassen mich die Augen nicht los. Es scheint mir, als blicke ich ihr noch immer in sie.

Atemlos wache ich auf, die Hand auf mein klopfendes Herz gedrückt. Am liebsten wäre ich direkt zu meiner Mutter gelaufen, doch diese schläft bestimmt tief und fest und was kann sie schon tun? Ich habe gelernt, selbst mit meinen Problemen klarzukommen. Langsam setze ich mich auf und bemerke, dass mir mein weißes Pyjama-Shirt am Oberkörper klebt. Seit Langem hatte ich nicht mehr von Elisa geträumt. Zu Beginn hatte ich noch jede Nacht Albträume und auch am Tag konnte ich die Erinnerungen an sie nicht aus meinem Kopf vertreiben. Mit der Zeit wurde es besser und nun ist es beinahe schon fünf Jahre her, seit es geschehen ist. Doch diese Nacht habe ich wieder von ihr geträumt. Hängt es mit Miranda zusammen? Habe ich deshalb auch wieder an Elisa gedacht, weil ich, wie die Ärzte es nennen, eine posttraumatische Störung habe, welche durch ein ähnliches Erlebnis wieder hochkommen kann? Ich drehe nervös an dem goldenen Ring an meinem kleinen Finger, den mir Elisa geschenkt hat. Der Schock, Miranda erneut am Galgen zu sehen, sitzt mir noch tief in den Knochen. Meine Beine zittern unkontrolliert. Ich hatte schon solche Mühe, einzuschlafen wegen dem Geschehenen und nun bin ich erneut wach. Weshalb setzen mir diese Dinge immer so stark zu? Weshalb kann ich nicht gleichgültig gegenüber solchen Sachen sein, die einfach zu unserer Welt dazugehören? Aber, denke ich andererseits, ich will auch nicht, dass mein Leben von Gleichgültigkeit geprägt ist. Ich brauche meine Emotionen und Gefühle trotz allem, sie sind doch das, was mich ausmachen.

„Es ist 4.23 Uhr, Anzahl Stunden geschlafen sind 6 Stunden 13 Minuten, davon im Tiefschlaf 2 Stunden 3 Minuten. Geträumt in …“ Der Flatscreen hinter mir meldet sich, die Frauenstimme, welche ich eigenhändig ausgewählt habe, leiert die gesammelten Daten hinunter. Ohne weiter zuzuhören, gehe ich ins Bad, um mich danach nochmals schlafen zu legen. Mit einem kurzen Blick auf mein Endgerät am Handgelenk