100 Jahre Oktoberrevolution -  - E-Book

100 Jahre Oktoberrevolution E-Book

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Beschreibung

Wie steht es um das programmatische Erbe der Oktoberrevolution? Kann der Blick auf das Werk der Bolschewiki etwas anderes sein als nostalgische Verklärung einerseits oder Verdammung andererseits? Ein Chor von renommierten Historikern, die Daniel Bratanovic hier versammelt, beantwortet jenseits aller emotionalen Aufgeregtheiten auf vielschichtige Weise die Frage, ob und, falls ja, wie die Oktoberrevolution und ihre Errungenschaften auch 100 Jahre danach immer noch als Maßstab zum Verständnis gegenwärtiger Krisen dienen können. Die Umstände, mit denen die Bolschewiki konfrontiert waren und für die sie eine Lösung suchten (und nicht immer fanden), herrschen heute – in deutlich anderer Form, im Kern unverändert – erneut. Nicht in erster Linie historische Ereignisgeschichte wird hier aufbereitet, sondern die Autoren präsentieren einen vielstimmigen Debattenbeitrag zur Frage: Wie aktuell ist die Oktoberrevolution heute noch?

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Daniel Bratanovic u. a.

100

Jahre

Oktober

revolution

Irrweg oder Ausweg?

edition berolina

eISBN 978-3-95841-548-5

1. Auflage

© 2017 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

Umschlaggestaltung: BEBUG mbH, Berlin

Umschlagabbildung: Gemälde, 1930, von Alexander Michailowitsch Gerassimow: »Lenin auf der Tribüne«

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805/30 99 99

FAX 01805/35 35 42

(0,14 €/Min., Mobil max. 0,42 €/Min.)

www.buchredaktion.de

Einleitung

»Sollte nicht das 20. Jahrhundert im Singular das Jahrhundert der Revolution genannt werden?«

Hans Heinz Holz

»Die Bolschewiki haben gezeigt, dass sie alles können, was eine echte revolutionäre Partei in den Grenzen der historischen Möglichkeiten zu leisten imstande ist.«

Rosa Luxemburg

Wie steht es um das programmatische Erbe der Oktoberrevolution? Kann der Blick auf die Taten der Bolschewiki etwas anderes sein als ein Ernst-Busch-Liederabend – nostalgische Verklärung und wehmütige Rückschau auf bessere, aber nun mal unwiederbringlich verlorene Zustände?

Es ist mehr als 25 Jahre her, seit das politische Vermächtnis der Oktoberrevolution, der sowjetische Staatenblock, in den Orkus der Geschichte gerissen wurde. Die Folgen dieser verheerenden Niederlage sind noch immer nicht verarbeitet – nicht politisch oder organisatorisch, nicht theoretisch. Was von linker Politik nach der durch das Abrissunternehmen New Labour besorgten Zerstörung der Arbeiter­bewegung derzeit übrig geblieben ist, sind Defensiv­gefechte, partikulares Emanzipationsstreben oder die Sehnsucht nach einem neokeynesianischem »New Deal«. Die Verkümmerung der Linkspartei durch nach rechts scherende »Gastrecht«-Debatten sowie Regierungsverantwortungsgeraune und die Erpressbarkeit deutscher Gewerkschaften durch Standortpolitik stimmen ratlos – auch wenn antisolidarische Sonder­interessen und theoretische Verwirrung innerhalb der Linken wahrlich kein neuer Befund sind.

Zwar ist das Unbehagen an den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen durch den neoliberalen Kahlschlag, durch die imperialistischen Kriege auf dem Balkan und im Nahen Osten und nicht zuletzt mit der Finanz- und Eurokrise wieder gewachsen. Es äußert sich jedoch nur hier und da progressiv, nicht selten allerdings reaktionär. Der Zustand der fortschrittlichen Seite kennzeichnet sich dabei in der Regel durch ein hohes Maß an Unbestimmtheit. Dort, wo linke Organisationen in den vergangenen Jahren zu einer relevanten Kraft herangewachsen waren, die zu übergehen nicht mehr möglich war, zeigte sich schnell deren programmatische und strategische Unzulänglichkeit, sofern man unterstellen darf, dass ihnen an wirklicher Veränderung lag.

Die russischen Revolutionäre verfochten demgegenüber einen universalen, die gesamte Menschheit umfassenden Anspruch. Unter ökonomischen und politischen Bedingungen, die schwerer kaum hätten sein können, machten sie sich daran, das Projekt der Aufklärung aus seinen feudalen und kapitalistischen Fesseln zu lösen.

Die Autoren des Bandes beabsichtigen keine historiographische Rekonstruktion der Oktoberrevolution und ihrer Folgen. (Sofern sich da überhaupt wesentlich Neues entdecken ließe – verstanden nämlich als Sammlung verborgener Fakten, die eine grundlegende Revision überkommener Geschichtsschreibung verlangten –, wären andere, besser Informierte da ganz ohne Zweifel geeigneter.) Reine Historisierung bedeutete zudem, die Sache als etwas ein für alle Mal Erledigtes zu betrachten, was sie aber nicht ist.

Die Oktoberrevolution und ihre Errungenschaften sind vielmehr die irgendwie entrückte, aber zugleich naheliegende Referenz zur Vermessung der gegenwärtigen Misere – das Vergangene, das noch nicht (wieder) ist. Wer die bleibende Relevanz der Oktoberrevolution als epochales Ereignis erörtern will, muss sich jedoch von dogmatischen Marxismus-Leninismus-Sprüchen fürs Poesiealbum wie auch von neoexistentialistischen Ereignisphilosophien verabschieden: Denn die Fragen, die sich die Bolschewiki stellten beziehungsweise mit denen sie konfrontiert waren und für die sie eine Lösung suchten (und nicht immer fanden), stellen sich heute in anderer Form erneut; sie am Schreibtisch lösen zu wollen, wäre dumm. Gelingt es aber, sie ideologiekritisch und historisch-materialistisch im Lichte aktueller Debatten zu verhandeln, wäre dies angesichts des akuten theoretischen Bankrotts der Linken bereits nicht wenig.

Daniel Bratanovic

im Juli 2017

Reinhard Lauterbach

Begünstigende Altlasten – Über den Zusammenhang von Februar- und Oktoberrevolution

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das russische Zarenreich der mächtigste Staat des kontinentalen Europas1. Die Niederlage der bürgerlichen Revolutionen von 1848/49 in Mitteleuropa war nicht zuletzt auf die politische Rückendeckung und militärische Unterstützung zurückzuführen, die Russland der preußischen und der österreichischen Monarchie gewährte. Sie verschaffte dem Land die Beinamen des »Gendarmen Europas« und der »Zitadelle der Konterrevolution«.

Doch als wenige Jahre nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution Russland versuchte, seine Machtposition auf eigene Rechnung auszuspielen, stellten sich die Grenzen seiner Macht heraus. Das Bestreben, über eine Schwächung der Türkei die Kon­trolle über den Ausgang des Schwarzen Meeres zu gewinnen, stieß auf den Widerstand Großbritanniens und Frankreichs, der damals führenden kapitalistischen Großmächte. Im Krimkrieg (1853–1856) brachten sie dank überlegender Militärtechnik und eines weiter entwickelten Transportwesens Russland eine blamable Niederlage bei.

Vor allem die Tatsache, dass die schlecht geführte russische Armee nicht einmal die Festung Sewastopol hatte verteidigen können, gab der Petersburger Bürokratie zu denken. Eine weitere lineare Verstärkung der Armee war weder vom Staat finanzierbar noch für die Volkswirtschaft des Landes tragbar. Denn traditionell waren etwa fünf Prozent eines männlichen Jahrgangs aus den Reihen der leibeigenen Bauern zu einem 25-jährigen Militärdienst zugunsten des Staates »konfisziert« worden. Diesen Anteil zu erhöhen und die Armee einfach zu verstärken, hätte die Gutswirtschaft, die auf unentgeltlicher Zwangsarbeit der Leibeigenen beruhte, nicht ausgehalten. Denn diese Zwangsarbeit war extrem unproduktiv, wurde mit Techniken verrichtet, die sich seit dem Mittelalter kaum verändert hatten. Das bedeutete: Es war – ähnlich wie beim Pyramidenbau – die schiere Zahl der Arbeiter, die eine gewisse Masse an Mehrwert erzeugte, von der die Gutsbesitzer und der zaristische Staat sich erhielten. Über seine »Rate« machte sich kaum ein Ausbeuter Gedanken. Auch Modernisierer Russlands wie Zar Peter I. (»der Große«) Anfang des 18. Jahrhunderts hatten dem Adel als Ausgleich für höhere Ablieferungspflichten gegenüber dem Staatshaushalt eine umso striktere Kontrolle über die Leibeigenen zugestanden. Deren Los verschlechterte sich in dem Maße, in dem die Ansprüche des Staates wuchsen. Auch die besten Köpfe der Gutsbesitzerklasse verstanden das und kritisierten es teils von humanistischen Positionen aus, teils aus Effizienzerwägungen. Die Leibeigenschaft wurde ab den 1840er Jahren in der russischen Öffentlichkeit – sie äußerte sich vor allem in der Literatur – immer stärker in Frage gestellt.

Die Bauern-Soldaten etwa nach einem kürzeren Dienst wieder in die Leibeigenschaft zurückzuschicken, galt als politisch nicht praktikabel. Es gab auch so schon ständig kleinere oder größere Bauernaufstände; dieses Unruhepotential noch durch an der Waffe ausgebildete entlassene Soldaten zu verstärken, die eventuell bei ihrer Entlassung noch nicht durch einen – nach den damaligen Bedingungen – praktisch lebenslangen Militärdienst physisch und psychisch ruiniert waren, wollte die Regierung nicht riskieren.

Als das erfolgversprechende Gegenmodell einer Militärreform galt die preußische Wehrpflichtarmee der Epoche der antinapoleonischen »Befreiungskriege«. Sie beruhte auf einem relativ kleinen stehenden Heer und umfangreichen und schnell mobilisierbaren ausgebildeten Reserven. Die Spitzenbeamten des Zaren wussten, dass in Preußen die Aufhebung der Leib­eigenschaft die praktische und politische Voraussetzung dieser Reform gewesen war. So mehrten sich die Überlegungen, diesen Schritt auch in Russland zu gehen. Der 1855 auf den Thron gekommene Zar Ale­xander II. war – anders als sein reaktionärer Vater Ale­xander I. – zu diesem Reformschritt bereit. Am selben Tag im März 1856, an dem russische Diplomaten in Paris den Friedensvertrag zur Beendigung des Krimkriegs unterzeichneten, sprach er in einer Rede vor Vertretern des Moskauer Adels davon, es sei besser, die Leibeigenschaft kontrolliert »von oben« aufzuheben, als »von unten« dazu gezwungen zu werden.

Es brauchte noch weitere fünf Jahre, bis diese Bauernbefreiung im Februar 1861 offiziell verkündet wurde. Ihre Ausführungsbestimmungen sorgten dafür, dass ihre Hauptnutznießer die Gutsbesitzer wurden. Denn die Bauern bekamen mit ihrer rechtlichen Freiheit zwar so viel Land, wie ihnen offiziell zu ihrer Subsistenz zuerkannt wurde: durchschnittlich 4,5 Hektar pro männlicher Arbeitskraft, im unfruchtbaren Norden mehr, im fruchtbaren Süden Russlands weniger. Doch sie starteten in die Freiheit mit einer schweren Schuldenlast. Denn sie mussten dieses Land bezahlen. Nicht direkt an den Gutsbesitzer, so viel Geld hatten die Bauern natürlich nicht parat. Stattdessen finanzierte der Staat den Freikauf vor und verpflichtete die Bauern, ihm diese Freikaufsumme in Raten über 49 Jahre mit sechs Prozent Zinsen zurückzuzahlen. Damit der Fiskus nicht angesichts einer absehbaren Masse an »Privatinsolvenzen« verelendeter Bauern auf seinen Forderungen sitzenblieb, wurde die Befreiung allerdings nicht bis zum Schluss getrieben: Die Dorfgemeinschaft blieb bis 1903 als ganze dem Staat gegenüber für die Rückzahlungen haftbar. Diese Haftungsgemeinschaft war mit regelmäßigen Umverteilungen des Landes unter den Bauernfamilien verbunden, wobei die Zahl der Esser oder die der männlichen Arbeitskräfte als Kriterium diente. Teile der oppositionellen Intelligenz sahen hierin die Grundlage für einen eventuellen eigenen russischen Weg zum Sozialismus; politisch hielt sich diese Strömung in Gestalt der Sozialrevolutionäre bis in die Anfangsjahre der Sowjetunion.

Die Folgen der »Bauernbefreiung« waren also:

• Stagnation der Produktivität auf dem Dorf. Denn solange das Land individuell bewirtschaftet, aber regelmäßig umverteilt wurde, hatte keiner der Bauern ein Interesse daran, durch rationelle Produktion und Bodenverbesserung die Grundlage für den Erfolg seines Nachfolgers auf dem betreffenden Acker zu schaffen.• Der Zwang für die Bauern, aus dem fürs knappe Überleben kalkulierten Stück Land trotzdem auf Kosten der Subsistenz der eigenen Familie Erträge für den Markt zu produzieren, um die Schulden gegenüber dem Staat zu bezahlen.• Außerdem mussten die Bauern für lange Übergangsfristen trotzdem noch jeweils vierzig Arbeitstage pro Mann und dreißig pro Frau für die Gutsherren arbeiten – grob gerechnet also zehn, unter Berücksichtigung des langen Winters praktisch wohl eher zwanzig Prozent der Arbeitszeit einer Bauernfamilie –, davon den Großteil im Sommer, wodurch ihre Arbeitskraft auf den eigenen Feldern fehlte.• Die Ausstattung der Gutsbesitzerklasse mit Kapital für den Start in die agrarkapitalistische Wirtschaftsweise. Daran ändert die Tatsache nichts, dass zahlreiche Gutsbesitzer nicht in der Lage waren, dieses Startkapital bestimmungsgemäß zu nutzen. Die Verschuldung der Gutsbesitzer als Klasse wuchs. Anton Tschechow hat dem unter den neuen Bedingungen nicht lebensfähigen Teil der einst herrschenden Klasse in der Gestalt der Ranewskaja im – kurz vor der Revolution von 1905 entstandenen – Kirschgarten ein literarisches Denkmal gesetzt.• Die Ingangsetzung einer internen Migrationswelle solcher von ihren Produktionsbedingungen geschiedenen Menschen aus dem Dorf, wo es sich immer schlechter überleben ließ, in die Städte, wo die allmählich entstehende Indus­trie Arbeitskräfte brauchte. In der Praxis waren Misch­formen wie bäuerliches Heimgewerbe oder jahreszeitlicher Wechsel zwischen Fa­brikarbeit im Winter und Rückkehr aufs Dorf im Sommer verbreitet, denn die Dorfgemeinschaft verlangte den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft, ansonsten drohte das Stück Ackerland, der Familie bei der nächsten der regelmäßigen Umverteilungen des Bodens verloren zu gehen.

Der völlig unverhüllte Klassencharakter dieser »Bauernbefreiung«, der deren humanistisch-moralisches Element zur Farce machte, verschaffte dem zaristischen System allerdings auch eine neue Schicht von Gegnern. Sie entwuchsen nicht mehr nur dem aufgeklärten Adel – so wie noch in der Generation von Alexander Herzen oder Pjotr Kropotkin –, sondern zunehmend auch einer Schicht, die der Staat im Interesse der Professionalisierung seiner inneren Verwaltung selbst heranzog: der »verschiedenen Ständen entstammenden« Intelligenz (Rasnotschinzy). In diese Schicht gingen sowohl Kinder verarmender Gutsbesitzer ein, denen der Landbesitz keine Existenz mehr garantierte, als auch beispielsweise Söhne – Töchter sehr selten – von elementar gebildeten nichtadligen Schichten wie orthodoxen Geistlichen und Kaufleuten. Die Intelligenzija war als Faktor in der russischen Gesellschaft nicht zu unterschätzen; nicht nur wegen ihrer Bildung und Artikulationsfähigkeit, sondern auch deshalb, weil sie zum Beispiel bei der Volkszählung von 1894 mit 2,7 Prozent der Bevölkerung zahlenmäßig deutlich stärker ausgewiesen wurde als das Industrieproletariat mit 1,7 Prozent.

Die Intelligenz war entweder freiberuflich oder – überwiegend – für die »Landschaften« (Zemstwa) tätig, regionalen und – wenn auch nach einem mehrstufigen Wahlrecht – immerhin gewählten Selbstverwaltungsgremien. An sie hatte der Zentralstaat die meisten Aspekte der Staatsgewalt, die weniger mit Herrschaft zu tun hatten als mit Verwaltung, delegiert. Die Zemstwa bauten Straßen, betrieben Krankenhäuser und Schulen; man kann sie als organisatorischen Kern einer bürgerlichen Modernisierung des Zarenreichs aus sich heraus verstehen. In ihren Reihen entstand der russische Liberalismus, gewann das russische Bürgertum politische Qualifikationen.

Vor allem an den Hochschulen Russlands agitierten außerdem radikale Kritiker des autokratischen Systems. Ihre erste Generation orientierte sich auf die Befreiung der Bauern als der zahlenmäßig stärksten Klasse der damaligen Gesellschaft. Die »Volkstümler« pflegten dabei die Vorstellung, die Elemente von Kollektivismus und Gemeinwirtschaft in der russischen Dorfgemeinde ließen sich auch direkt – das heißt ohne den Weg über die Entwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft – in einen spezifisch russischen Sozialismus überführen. Sie verfolgten diese Strategie unter großer politischer Selbstaufopferung, gingen etwa als Armenärzte oder Lehrer auf die Dörfer. Ohne großen Erfolg, selbst für moderne Hygiene waren die Bauern nicht zu haben. Anton Tschechow, bei weitem kein Radikaler, schrieb über seinen Einsatz als Arzt während einer Choleraepidemie an einen Freund: »Die Bauern sind grob, unsauber, misstrauisch; aber der Gedanke, dass unsere Mühen nicht umsonst sein werden, lässt einen dies kaum bemerken.«2 Noch weniger hatte die politische Agitation dieser Intellektuellen »im Volk« Erfolg. So sehr die Bauern auch gelegentlich bereit waren, gegen den lokalen Gutsherrn zu rebellieren, so wenig ließen sie sich den Mythos vom »Guten Zaren« weit weg in Petersburg nehmen. Eher noch denunzierten sie die städtischen Agitatoren. Als Folge dieser Fehlschläge wandte sich ein Teil der »Volkstümler« dem individuellen Terror zu. Der größte – und gleichzeitig zweischneidige – »Erfolg« dieser Taktik war das Attentat, das am 13. März 1881 den Modernisierer-Zaren Alexander II. tötete.

Zweischneidig war das Ergebnis des Anschlags auf Alexander II. insbesondere deshalb, weil seine beiden Nachfolger, Alexander III. (1881–1894) und Nikolai II. (1894–1917), den Tod Alexanders II. dessen »übermäßigem Liberalismus« zuschrieben und sich für ihre eigene Amtsführung auf eine schon für die damalige Zeit reaktionäre Herrschaftspraxis im Namen von Gottesgnadentum und Autokratie zurückzogen. Für die innenpolitische Entwicklung Russlands war das insofern von Bedeutung, als weitere Schritte auf dem Wege der politischen Modernisierung unterblieben, die das Reich womöglich stabilisiert hätten.

Die Agrarverfassung blieb über mehr als vierzig Jahre unverändert erhalten, aber der 1861 den Dorfgemeinschaften zugebilligte Teil des Landes ernährte die ländliche Bevölkerung immer weniger. Denn es gab immer mehr Münder zu füttern. Die Bevölkerung des agrarischen Teiles des europäischen Russlands war zwischen 1861 und 1900 von 50 auf 86 Millionen Menschen gewachsen, die Landzuteilung dementsprechend um vierzig Prozent auf 2,8 Hektar pro männliche Arbeitskraft gesunken. Erst die »Stolypin-Reformen« von Ende 1906 hoben die Dorfgemeinschaft juristisch auf. Die schweren Bauernaufstände des Herbstes 1905 hatten den damaligen Ministerpräsidenten gelehrt, dass die bäuerliche Landarmut so explosiv war, dass sie den Fortbestand des Systems gefährdete. Stolypins Ziel war, die Landbevölkerung zu spalten: in die besitzlose Dorfarmut, deren Abwanderung in die Städte nichts mehr entgegengesetzt werden sollte, und in eine – neben den weiterexistierenden Rittergütern – besitzende Gruppe von für den Markt produzierenden Parzellenbauern. Was der Staat 1861 aus Sorge um die Rückzahlung seiner an die Gutsbesitzerklasse ausgereichten Darlehen versäumt hatte, wurde nun nachgeholt: mit billigen öffentlichen Krediten für Bauern, die sich aus der Dorfgemeinschaft herauslösen und ihre Wirtschaft modernisieren oder durch Zukäufe von Land erweitern wollten, und durch die Ansiedlung von drei Millionen Bauernfamilien auf Staatsland in Sibirien.

Was Karl Marx im Achtzehnten Brumaire am französischen Beispiel als Eigenschaft des bäuerlichen Kleinbesitzers formuliert hatte: dass er die konservativste Klasse der bürgerlichen Gesellschaft bilde, sollte in Russland von Staats wegen genau deshalb nachgeholt werden. Dass es ausgerechnet ein Angehöriger der auf die Dorfrevolution setzenden Partei der Sozialrevolutionäre war, der Stolypin 1911 in Kiew ermordete, hatte insofern seine Logik: Stolypins Reformen hatten das Potential, der Agrarrevolution die soziale Grundlage zu entziehen. Doch in den wenigen Jahren bis 1914 konnte diese geplante Klassenspaltung innerhalb der Landbevölkerung nicht mehr zu voller Wirkung kommen, insbesondere deshalb, weil die damit verbundene Flurbereinigung sich naturgemäß hinzog und Teile des Adels der Reform Widerstand leisteten. Die Jahre zwischen 1906 und 1914 sahen mehrere Debatten über eine Landreform, die regelmäßig über die Frage im Sande verliefen, wer dem Adel das hierfür zur Verfügung zu stellende Land bezahlen sollte. Stolypin selbst hatte für die Verwirklichung seiner Landreform einen Zeitraum von zwanzig Jahren »inneren und äußeren Friedens« veranschlagt, in der 20- bis 30.000 Landvermesser erstmals ein ordentliches Katasterwesen aufbauen sollten, auf dessen Grundlage der bäuerliche Landbesitz hätte beurkundet werden können. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Arbeiten, und der ungestillte Landhunger der Bauern war letztlich der entscheidende Faktor, der 1917 die Armee auseinanderlaufen ließ und für den Zusammenbruch des alten Regimes sorgte.

Der Anteil des industriellen Proletariats am Untergang des Zarenreichs muss dagegen differenziert gesehen werden. Die russische Industrie war erst im Entstehen begriffen; Lenins Frühschrift über Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland von 1898 griff im Kontext einer Polemik mit den »Volkstümlern« über die soziale Klasse, auf die die revolutionäre Bewegung sich stützen müsse, der wirklichen Entwicklung eher vor. Gewiss: Die Industrialisierung lief seit Anfang der 1890er Jahre auch unter staatlicher Förderung auf vollen Touren; ausländische Kredite flossen ins Land, staatliche Rüstungsaufträge und der Bau der Transsibirischen Eisenbahn ab 1891 waren auch ein mächtiger Hebel öffentlicher Nachfrage für industrielle Produkte. Die Nachfrage der russischen Textilindustrie nach heimischen Rohstoffen bewirkte eine Umstellung von Teilen der Landwirtschaft auf die Produktion von Flachs und trug zu Inseln relativen dörflichen Wohlstands bei, auch wenn das flache Land nach Trotzkis berühmtem Wort von »Ikonen und Kakerlaken« geprägt blieb. Doch bis zum Januar 1905 war das russische Proletariat über Lohnstreiks als Kampfform nicht hinweggekommen. Dem trägt Lenins Formulierung in Was tun? Rechnung, wonach das Proletariat aus eigener Kraft nur zu »trade-unionistischem« Bewusstsein fähig sei. Nun war Lenin kein Sozialwissenschaftler, sondern revolutionärer Politiker, und diese Aussage, die eine Erfahrungstatsache aussprach und erst später in der »marxistisch-leninistischen« Orthodoxie ontologisiert wurde, entstand im Kontext einer Polemik darüber, wie die Revolutionäre vor diesem Hintergrund sich selbst organisieren sollten. Noch der Auftakt zur Revolution von 1905/06 zeigte allerdings die situative Richtigkeit von Lenins Analyse. Denn das Massaker vom 22. Januar 1905 auf dem Platz vor dem Winterpalast in St. Petersburg galt einer Demonstration, die dem Zaren eine untertänige Bittschrift übergeben wollte. Es waren keine Revolutionäre, die da zusammengeschossen wurden, sondern Untertanen, die nach wie vor der aus dem Dorf mitgebrachten Vorstellung vom »Guten Zaren« anhingen. Dass sich das anschließend schnell änderte, steht auf einem anderen Blatt.

Zar Nikolai II. war ein ausgewiesener Reaktionär, dem selbst die Teilmodernisierung Russlands unter Peter I. und seinen Nachfolgern – deren sichtbares Zeugnis die Errichtung einer neuen Hauptstadt an der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen ab 1703 war – zu weit ging. Er zog die vorpetrinische Hauptstadt Moskau dem Regierungssitz St. Petersburg in jeder Hinsicht vor und versuchte sogar, das vom europäischen Klassizismus geprägte Stadtbild Petersburgs durch Zwiebelturmbauten im altrussischen Stil zu »moskowisieren«. Im Übrigen war er ein Mensch, dem selbst seine Minister in ihren Memoiren einen beschränkten und den Anforderungen, vor denen er stand, nicht gewachsenen Verstand attestierten. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ er sich von seinem reaktionären Kriegsminister einflüstern, den wachsenden politischen und sozialen Druck aus der Gesellschaft auf eine geradezu lehrbuchmäßige Art und Weise abzulassen: durch nationalistische Propaganda und einen »kleinen siegreichen Krieg«. Im Fernen Osten braute sich seit den 1890er Jahren ein Interessengegensatz zwischen Russland und Japan zusammen; beide Länder wollten sich die koreanische Halbinsel und die zu China gehörende Mandschurei als Kolonien oder Protektorate einverleiben. Für Japan, das nach einer dem russischen Krimkrieg vergleichbaren Niederlage 1868 entschlossen und erfolgreich den Weg einer kapitalistischen Modernisierung eingeschlagen hatte, lagen diese Territorien eine kurze Schiffsreise weit entfernt; Russland gewann mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn und ihrer Anschlussstrecken auf chinesischem Gebiet allmählich nicht nur den Appetit, sondern auch die Mittel, auf Nordchina zuzugreifen, die allerdings denen Japans schon aus logistischen Gründen nicht gewachsen sein konnten.

Der Russisch-Japanische Krieg von 1904/05 machte schonungslos deutlich, dass die russische Kolonialpropaganda auf schwachen militärischen Füßen stand. Russland gewann kein einziges Gefecht dieses Krieges, weder zu Lande noch zu Wasser. Als nach der Zerstörung der ursprünglichen russischen Pazifikflotte zu Beginn des Krieges die Ostseeflotte um die ganze Welt in Marsch gesetzt wurde, um sie zu ersetzen, meinte der kommandierende Admiral schon in der Nordsee, im Nebel japanische Torpedoboote zu erkennen, und ließ eine Reihe britischer Fischkutter versenken. Die russische Flotte hatte sich mit diesem »Doggerbank-Zwischenfall« schon ein paar Tagereisen von ihrem Heimathafen entfernt international blamiert; ihr Untergang im Mai 1905 in der Schlacht von Tsushima in der Meerenge zwischen Japan und Korea erteilte diesem maritimen Dilettantismus die Quittung.

Die erfolglose russische Kriegsführung gegen Japan entzog dem Zarismus die Legitimation gegenüber praktisch der gesamten Gesellschaft. Das Bürgertum, das ohnehin von der Verweigerung aller Partizipationsmöglichkeiten wenigstens durch eine Stärkung der Zemstwa frustriert war, fragte sich, wozu es eigentlich über Steuern und freiwillige Sammlungen zu einer Kriegsanstrengung beitrug, die die militärische Führung ohnehin in den Sand setzte. Der »Blutsonntag« von St. Petersburg, als am 9./22. Januar 1905 Armeeeinheiten eine friedliche Arbeiterdemonstration zusammengeschossen hatten, führte in der Arbeiterklasse zu extremer Erbitterung, die innerhalb von Tagen zu Massenstreiks im ganzen Land führte. In St. Petersburg konstituierte sich der erste Sowjet der Geschichte, aus Kongressen der Vertreter freier Berufe entstanden die ersten Gewerkschaften. In den Industriegebieten des damals zu Russland gehörenden Teils von Polen überlagerten sich soziale und nationale Proteste; die Textilmetropole Lodz, das »Manchester des Ostens«, streikte wochenlang; in Warschau wurde die russische Niederlage bei Tsushima mit öffentlichen Freudenkundgebungen gefeiert. Als dann noch im Herbst 1905 – nach der Ernte – russische Bauern loszogen und in den zentralen Gouvernements und an der Wolga Hunderte von Gutshäusern plünderten und ansteckten, schien das Schicksal des Zarismus an einem seidenen Faden zu hängen. Die zur Legende gewordene Meuterei auf dem in Odessa liegenden Panzerkreuzer Potemkin Ende 1905 zeigte, wie prekär die Herrschaft der Autokratie geworden war.

Doch noch einmal gelang es dem Zaren und der Regierung, die Opposition zu spalten. Die Bourgeoisie und ihre liberalen Vertreter beruhigte er durch ein Parlament mit eingeschränkten Rechten und erließ eine Verfassung, die der Heidelberger Professor Max Weber treffend als »Scheinkonstitutionalismus« kennzeichnete; gegen die aufständischen Bauern und – im Dezember 1905 – Arbeiter von Moskau ließ er das Militär mit einer Härte vorgehen, die selbst Angehörige der Regierung von »abstoßender Brutalität« sprechen ließ. Sondergerichte verhängten in den Jahren 1906 und 1907 fast 1.200 Todesurteile gegen Teilnehmer an den Sozialprotesten. Im Volksmund kam die Bezeichnung »Stolypin-Krawatte« (nach dem Namen des 1906 ernannten Ministerpräsidenten) für die Henkersschlinge auf. Als die Welle der Streiks und Bauernaufstände 1906/07 allmählich zurückging, nahm Nikolai II. die unter dem Druck der Revolution gewährten Konzessionen Schritt für Schritt zurück. Immer wenn ihm eine Duma zu aufmüpfig wurde, löste er sie auf und schob Neuwahlen hinaus, um in der Zwischenzeit wieder autokratisch zu regieren. Immerhin: Das Parlament ganz abzuschaffen, traute sich der Zar nicht mehr.