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Tomislav Perko ist kein gewöhnlicher Reisender: Er schläft in den Häusern von Fremden, schlägt sich als Straßenmusiker durch, überquert den Indischen Ozean auf einem Segelboot, gerät im Iran mit der Polizei aneinander, wohnt in einem australischen Hippie-Dorf und lernt von Schamanen im Regenwald. Und das alles tut er fast ohne Geld. Nur wenige Euro am Tag gibt der Kroate auf seiner Weltreise aus, die ihn von Kuala Lumpur über den Irak, Australien und Ecuador bis nach Afrika führt – und beweist so, dass man keinen Reichtum, sondern nur Neugier, Mut und Offenheit benötigt, um fremde Länder, spannende Kulturen und faszinierende Menschen auf allen Kontinenten kennenzulernen. Ein Buch für all jene, die die Welt bereisen möchten. Für alle Neugierigen, Träumer und Entdecker. Für alle, die ein kleines bisschen sind wie Tom – oder es gerne werden wollen.
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2017
Tomislav Perko
1000 TAGE SOMMER
Tomislav Perko
1000 TAGE SOMMER
Von Kuala Lumpur bis Malawi – mit weniger als 10 Euro am Tag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2017
© 2017 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die kroatische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel 1000 dana ljeta, © Tomislav Perko LTD
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung des Buches aus dem Kroatischen: Martin Sobkuljak, eastlingua
Redaktion: Marion Neuwirth für bookwise GmbH, München
Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch
Umschlagabbildung: Tomislav Perko
Fotos im Innenteil: Tomislav Perko
Satz: bookwise GmbH, München
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-0162-8
ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-609-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-610-9
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www.rivaverlag.de
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Für dich.
Vorwort
1000 Tage Sommer
Nachwort
Tipps, wie auch Sie mit einem Budget von 10 Euro am Tag um die Welt reisen können
Am Ende der Einleitung zu 1000 Tage Frühling, dem ersten Buch von Tomislav Perko, stellte Reiseschriftsteller Hrvoje Šalković fest, dass das Buch nur einen einzigen Schönheitsfehler hat: »Sie werden einen wahnsinnigen Wunsch verspüren, diese warme, interessante Geschichte weiterzulesen und -zuverfolgen.« Zwei Jahre später hat Tomislav diesen »Fehler« schließlich korrigiert, und wir dürfen seine ehrlich und humorvoll erzählte Geschichte weiterlesen, die uns auf eine zweifellos unterhaltsame Reise mitnimmt. Wenn dieses Buch nur das wäre, was man auf den ersten Blick vermutet: nämlich eine außergewöhnliche Robinsonade eines ehemaligen Brokers, der zu Hause wie auf Kohlen saß und jetzt durch die Welt tingelt, dann würde es genügen, das Buch fände seinen Weg zu all jenen, die sich nach einer ähnlichen Lebensstiländerung sehnen. Bereits im ersten Buch wurde aber klar, Tomislavs Suche ist die Suche nach Freiheit. Denn wir alle wollen frei sein und den richtigen Weg finden, um unsere Ziele zu erreichen. Sein Weg war, immer mit einem hochgestreckten Daumen irgendwo an der Straße, ohne besonderen Plan, ins Unbekannte, aber auch Schönere zu reisen. Perko weist immer wieder bescheiden darauf hin, dass er kein Schriftsteller ist, dass man von seinem Buch sprachlich nicht viel zu erwarten habe, dass man ihm nichts übel nehmen und das Buch nicht hassen sollte. So wie er es anfangs hasste, als er noch nicht wusste, wie er seine eigenen Erfahrungen in Text übertragen kann. Und wie könnte man jemandem irgendetwas übel nehmen, der mit seinem Buch nichts anderes will, als seine Geschichte erzählen und den Leser dazu ermutigen, seine eigene Geschichte zu schaffen, egal, ob das Reisen, Hobbys oder etwas anderes ist. Der einzige Schritt, der wirklich zählt, ist der erste. Der, mit dem man von der Couch in die Welt hinausgeht, mit allem Vertrauten bricht und sich aus eigener Kraft neu erfindet. Das zeigt auch dieses Buch. 1000 Tage Sommer, genauso wie 1000 Tage Frühling, führt keine Listen der zurückgelegten Kilometer an, keine Adressen von Ho(s)tels, gibt keine Anweisungen oder Verhaltenstipps für unterwegs, sondern zeigt uns, wie das Leben, in diesem Fall das Reisen, in der Praxis eines »normalen« Menschen aussieht. Perko sagt uns nicht, wie lang und welcher Art der Weg in die Freiheit ist, aber er zeigt uns den Ort, wo wir beginnen und von wo aus wir auf die Suche gehen könnten. Auch wenn man manchmal »das tun muss, was man nicht mag, um genau das zu machen, was man gerne tut«. Es scheint, als hätte Tomislav dieses Buch nicht so sehr geschrieben, um einem inneren Drang zum Schreiben nachzukommen und ein Kunstwerk des geschriebenen Wortes zu schaffen, sondern vielmehr aus einem Bedürfnis heraus, seine Geschichte ehrlich zu erzählen, um so andere – und sei es auch nur einen einzigen Leser – dazu zu ermutigen, die Liebe zu etwas zu finden und sich diesem mit ganzem Herzen zu widmen, um sein Leben in vollen Zügen zu genießen und dadurch herauszufinden, wie die Welt von ihm und seinem Tun profitieren könnte. Der größte Wert dieses Buches liegt gerade in dieser Selbstlosigkeit des Teilens. Weder der erste noch der zweite Band sind klassische Reisereportagen, noch geben sie vor, es zu sein. Der Leser kann sich auf dieses Buch nicht verlassen wie auf eine Karte oder einen Reiseführer, er findet jedoch eine Handvoll Dinge, die ihn inspirieren könnten zu reisen, selbst Erfahrungen zu sammeln, Dinge mit eigenen Augen zu betrachten, was ohnehin viel wichtiger ist als reine Information. Auch ohne eine Karte kommt man zum gewünschten Reiseziel, aber wenn man nicht losgeht, kommt man nicht weit.
Maja Klarić
Tag 1000
»Tomislav Perko, Reiseschriftsteller aus Zagreb, ist gerade von seiner tausendtägigen Weltreise zurückgekommen. Er hat fünf Kontinente durchquert, mit einem Budget von nur einigen Euro pro Tag. Er ist getrampt, schlief in Wohnungen von unbekannten Menschen, spielte Gitarre auf der Straße, nahm ungewöhnliche Jobs an, arbeitete als Volunteer bei Projekten mit und segelte sogar auf einem 13 Meter langen Segelboot im Indischen Ozean. Ersaß einige Zeit mit Polizisten an der iranisch-pakistanischen Grenze fest, meditierte in einem buddhistischen Kloster in Thailand, gelangte auf wundersamen Wegen in ein Hippiedorf in Australien, besuchte die schönste Insel der Welt, lebte eine Weile mit Massai-Kriegern in Afrika und suchte sogar zusammen mit Schamanen im Regenwald des Amazonas nach dem Sinn des Lebens.«
Ich lauschte der Ankündigung meines Vortrags in der Bibliothek von Split, schaute auf den Boden und lächelte. Jedes Mal, wenn jemand in wenigen Sätzen versuchte zu schildern, was ich in diesen 1000 Tagen alles erlebt hatte, klang die ganze Sache für mich unglaublich, ja fast unmöglich. Wüsste ich es nicht besser, glaubte ich, dass gleich die interessanteste, mutigste und willensstärkste Person der Welt einen Vortrag über ihre Abenteuer halten würde. Wüsste ich es nicht besser, wäre ich überzeugt, dieser Typ hätte den Sinn des Lebens entdeckt, und ich würde alles auf dieser Welt geben, damit mein Leben genauso erfüllt wäre.
Doch ich wusste: Es geht nur um mich – deswegen lachte ich.
»Wenn die Menschen hören, wo ich überall war und was ich in den letzten Jahren alles unternommen habe, möchte fast jeder etwas Ähnliches erleben«, begann ich wie schon so oft meine Einführung. »Die Mehrheit denkt, dass meine Reise eine sensationelle, unglaublich schwierige, beinahe unmögliche Sache sei. Dass man dazu außerordentlichen Mut und Einfallsreichtum bräuchte und dass das Ganze nichts für einen normalen Menschen sei. In meinem Vortrag will ich das Gegenteil beweisen und jedem von Ihnen zeigen, dass es eigentlich nicht so schwer ist. Fast jeder von Ihnen kann auf diese Art und Weise reisen, wenn Sie es wirklich wollen.«
Ich war ein bisschen nervös, gleichzeitig aber genoss ich diese Situation. Mich fasziniert es einfach, diese Neugier in den Augen der Menschen zu sehen, während ich eine Antwort auf ihre Frage gab: Wie ist es überhaupt möglich, die Welt auf meine Art und Weise – fast kostenlos – zu bereisen? Ich wusste, was in ihnen vorgeht, weil ich vor ein paar Jahren den gleichen Blick und die gleiche Frage hatte. Und ich wusste, wie sich mein Leben zum Besseren verändert hatte, nachdem meine Frage beantwortet wurde.
Wer weiß, vielleicht wird sich durch meinen Vortrag das Leben des einen oder anderen für immer verändern.
»Warum begann ich überhaupt meine Reise«, fragte ich rhetorisch in die Runde und drückte den Knopf der Fernbedienung.
Es erschien ein Foto von mir, auf dem ich auf einer Holzbank irgendwo in Südaustralien sitze und nachdenklich in die Ferne blicke. Jedes Foto, das ich in dem Vortrag zeige, hat seine eigene Geschichte, die ich stundenlang erzählen könnte. Jetzt muss ich fast 100 Fotos zeigen, fast 100 Geschichten erzählen, in weniger als anderthalb Stunden.
»Meine Geschichte begann vor ungefähr fünf, sechs Jahren, als mein Tagesablauf noch ganz anders aussah«, erzählte ich dem Publikum. »Ich arbeitete als Börsenmakler an der Zagreber Börse, trug tagsüber einen Anzug mit passender Krawatte und verdiente eine Menge Geld. Ich war ehrgeizig und erfolgreich. Meine Ziele waren, meine Karriere voranzubringen, mein Bankkonto zu füllen, in schicke Clubs zu gehen und ein bequemes Leben zu führen. Dann kam das Jahr 2008 und die Finanzkrise mit dem darauffolgenden Börsencrash.
Innerhalb weniger Wochen verlor ich alles, was ich in den letzten Jahren aufgebaut und verdient hatte – meinen Job, meine Karriere und meine Ersparnisse. Meine Schulden stiegen auf über zweihunderttausend Kuna (ca. dreißigtausend Euro). Während ich immer depressiver wurde und nach den Gründen suchte, die mich in diese scheinbar ausweglose Situation gebracht hatten, wurde mir auf einmal klar, dass ich alle meine Prioritäten falsch gesetzt hatte. Wenn ich jahrelang etwas aufgebaut hatte, was in nur einigen Wochen wie ein Kartenhaus zusammenbrach, dann hatte ich vielleicht auf das falsche Pferd gesetzt. Ich sollte mir etwas aufbauen, was nicht so leicht zusammenbrechen kann. Vielleicht sollte ich Erfahrungen und keine materiellen Dinge sammeln. Und so begann ich über Reisen nachzudenken.«
»Der erste große Schritt in dieser Richtung war die Entdeckung der Website von Couchsurfing1.« Ich zeigte das nächste Foto. Ungefähr zehn Menschen in meiner Mietwohnung, vor der Wand mit der gemalten Weltkarte. Alle glücklich und fröhlich, jeder zeigt mit dem Finger auf der Karte das Land, aus dem er stammt. »Wer von Ihnen hat schon von dieser Website gehört?«, fragte ich. Fast jeder im Saal hob die Hand.
»Für diejenigen von Ihnen, die das nicht kennen: Couchsurfing ist eine Internetcommunity, die es Ihnen möglich macht, Reisende in Ihrem Zuhause willkommen zu heißen, total freiwillig, einfach so. Man kann seine Gäste auf dem Sofa, im Gästezimmer, auf dem Fußboden oder – wer weiß – im eigenen Bett unterbringen.«
Die Mehrheit des Publikums lachte. Das war ein gutes Zeichen. Ich wusste es aus eigener Erfahrung: Diese Menschen waren nicht nur gekommen, um meinen Vortrag anzuhören, sondern auch eine interessante Geschichte über einen Menschen, der fast ohne Geld die Hälfte der Welt bereist hat. Doch egal, wie interessant diese Story auch sein mag, man muss anderthalb Stunden ruhig sitzen und konzentriert zuhören. Und die Konzentration bleibt am höchsten, wenn man ab und zu lachen kann.
»Genauso funktioniert es, wenn Sie selbst reisen. Sie können bei anderen schlafen, völlig kostenlos«, setzte ich meine Erklärung fort. »Als ich CS entdeckte, wurde ich regelrecht süchtig danach. Im Laufe eines Jahres begrüßte und verabschiedete ich mehr als hundertfünfzig Menschen aus allen Teilen der Welt in meiner kleinen Mietwohnung in Zagreb. Und diese Menschen waren meine Inspiration.«
Bevor ich alle diese Menschen kennenlernte, war Reisen keine reale Option in meinem Leben. Natürlich habe ich davon geträumt. Ich wollte reisen. Ich las immer wieder Bücher und sah viele Filme und Dokumentationen – doch das alles war so weit weg von mir und meinem Leben, außerhalb meiner Realität. Ich konnte mich mit den Hauptfiguren einfach nicht identifizieren. Ich dachte, man müsste willensstark und mutig sein – einfach alles, was ich selbst nicht war. Ich dachte, man muss viel Geld, finanzielle Sicherheit und die Hilfe der Eltern haben – einfach alles, was ich selbst nicht hatte. Aber durch Couchsurfing hatte ich plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut in meinem Wohnzimmer, ganz normale Menschen in meinem Alter, die mir mit einem Bier oder einer Kippe in der Hand ihre eigenen Abenteuer erzählten und immer mit dem gleichen Satz aufhörten: Auch du kannst so reisen, wenn du es nur willst!
Und so begann ich ernsthaft über das Reisen nachzudenken.
»Der zweite Grund war die pure Neugier.« Ich ging zum nächste Foto über. Es zeigte eine offene Straße irgendwo in Australien. Es schien mir eine gute Metapher für Neugier. »Wir Menschen sind von Geburt an neugierige Wesen. Uns interessiert, was sich hinter der nächsten Ecke versteckt, wir möchten Neues erforschen, andere Sachen erleben. Die Erzählungen meiner Gäste berührten etwas in mir, und ich begann Fragen zu stellen. Vor allem, weil ich auf der Weltkarte an der Wand meines Wohnzimmers sah, wie klein, ja fast unscheinbar Kroatien ist. Ich wollte reisen, wollte erforschen, wollte endlich wissen, was in dieser großen Welt vor sich geht. Und ich war sicher, durch Reisen dieses Bedürfnis befriedigen zu können.«
»Der dritte Grund war mein ständiges Nachfragen«, fuhr ich fort. »Während ich verschiedene Menschen aus allen Teilen der Welt in meiner Wohnung willkommen hieß, bemerkte ich, dass sich unsere Gedanken und unsere Meinungen unterschieden. Und das nur, weil wir in einem anderen Umfeld geboren und aufgewachsen waren. Das gefiel mir nicht. Warum sollte ich eine bestimmte Meinung über etwas haben, nur weil ich in Kroatien geboren bin? Plötzlich wollte ich die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten, wollte Informationen aus anderen Teilen der Welt sammeln, wollte mir meine Fragen selbst beantworten, wollte meine eigene Wahrheit finden. Ich wollte von Anfang an mehr darüber erfahren, was ich bis dahin glaubte zu wissen. Ich wollte allein begreifen, was meine eigene Wahrheit ist, was gut und was schlecht ist.«
»Eigentlich ist es traurig, dass bei fast jedem von uns von Kindheit an die angeborene Neugier unterdrückt und das Akzeptieren von vorgefertigten Meinungen gefördert wird. Wir werden zu unkritischem Denken angeregt, wir sollen alle Tatsachen so akzeptieren, wie sie uns serviert werden – angefangen bei der Moral, über den Glauben, bis hin zum Benehmen. Mit den besten Absichten (natürlich!) erziehen uns unsere Eltern auf die Art und Weise, die sie für die beste halten, und haben meistens kein Verständnis dafür, wenn wir uns anders verhalten oder einfach nicht so werden, wie sie es sich vorgestellt haben. Unsere Eltern haben ihre eigene Meinung darüber, mit wem wir befreundet sein sollten, in welche Schule wir gehen müssen, was gut und was schlecht für uns ist. Genauso ist die Grundlage der Religion ein Glaubensbekenntnis, das nicht näher hinterfragt wird. Iss keinen Apfel vom Baum der Erkenntnis! Befolge die Regeln der Heiligen Schrift! Unsere Religion und unser Weg sind die einzig richtigen! In der Schule bekommst du dann Lehrbücher, deren Inhalt sich von Staat zu Staat und je nachdem, zu welcher Zeit sie geschrieben wurden, unterscheidet. Wenn du das nicht akzeptierst, bekommst du schlechte Noten. Und schlechte Noten will keiner, oder? Bist du endlich mit deinem Studium fertig, dann sollst du eine anständige Arbeit finden, heiraten, dir ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung kaufen und so weiter. Wir werden trainiert, gleich zu sein, und vergessen, dass jeder von uns einzigartig ist.«
»Irgendwie wusste ich: Wenn ich Orte besuche, die sich vollständig von dem unterscheiden, in dem ich aufgewachsen bin, wenn ich Zeit mit Menschen aus anderen Kulturen verbringe, werde ich mich an meine Einzigartigkeit erinnern. Durch Reisen schaffe ich es.«
Ich öffnete mein schwarzes Heft und schrieb alle Gedanken auf, die mir durch den Kopf gingen. Schon seit zehn Tagen bin ich Vegetarier. Ich fühle mich gut, Fleisch fehlt mir überhaupt nicht, und darüber hinaus habe ich ein paar Dokus über die gesundheitlichen Vorteile einer pflanzlichen Ernährung gesehen. Obwohl ich keine Extreme und Grenzen mag, schien es mir vernünftig und sinnvoll, Vegetarier zu sein.
Das erinnerte mich an den Ursprung der Lebensart, die ich heute noch verfolge, und an die ersten Jahre meines Studiums: Eines Tages wache ich auf und entscheide mich, alle meine Ansichten zu löschen, alles zu vergessen, was ich zu Hause, in der Schule, in der Kirche oder in den Medien gelernt habe, und einfach von vorne anzufangen. Ich werde Fragen stellen, ich werde nichts mehr als selbstverständlich hinnehmen, ich werde meine Meinung über alles, was ich jahrelang gedacht habe, ändern. Ich werde keine Vorurteile mehr haben. Ich werde dazulernen. Ich werde zuhören.
Es öffnete mir die Augen. Auf einmal erkannte ich, dass ich unzählige Dinge falsch verstanden habe, dass ich vor allem durch mein Umfeld die Person geworden bin, die ich zu diesem Zeitpunkt war. Kroatien ist das beste Land der Welt. Iss Fleisch, ohne Fleisch kann man nicht leben. Glaub an das, was in den Zeitungen steht und was im Fernsehen gesagt wird. Hör auf deine Lehrer und Professoren. Zweifle nie an Tatsachen, die in einem Lehrbuch stehen.
Bullshit. Es ist erstaunlich, wie viele Leute etwas wissen – und dabei keine Ahnung haben. Sie haben es irgendwo gehört oder kennen einfach niemanden, der es anders macht. Dann muss es wohl stimmen. Der Vegetarismus ist nur eines von vielen Beispielen. Ich wuchs mit Fleisch auf. Fleisch war täglich auf dem Teller, außer freitags, da gab es Fisch. Und an den zwei, drei Tagen im Jahr, an denen man bis Mitternacht warten musste, um dann alles in sich hineinzustopfen, was tagsüber verboten war.
Als Chloe am Sonntag bei meinen Eltern zum Mittagessen eingeladen war und ich ihnen sagte, sie sei Vegetarierin, sagte mein Vater mit einem breiten Grinsen im Gesicht: »Sie kann das Gras auf dem Hof essen. Das ist alles, was wir für Vegetarier haben.«
Sehr witzig von meinem Vater.
Aber mal ehrlich: Wie viele Dinge meinen wir zu wissen, haben aber keine Ahnung davon? Wie viele Gespräche werden geführt, nur um zu beweisen, dass wir die besseren Argumente haben, obwohl wir nie ernsthaft versuchen, die andere Seite der Geschichte zu verstehen? Wie oft streiten wir miteinander, weil wir uns einfach nicht darauf einigen können, dass nicht nur einer recht hat? Wie oft schauen wir auf die Unterschiede zwischen Menschen anstatt auf die Gemeinsamkeiten? Zu oft.
Und das ist ein weiterer Grund, warum ich auf Reisen bin. Denn ich beschloss, nichts mehr sicher zu wissen. Ich wollte von vorn anfangen, alle Standpunkte hören, nicht nur einen. Ich beschloss zuzuhören, nicht zu predigen. Ich wollte Orte, Menschen und Sitten kennenlernen, von denen ich nur das wusste, was andere mir erzählten.
Auf meinen Reisen erkannte ich, dass die anderen gelogen haben. Um ihre Unwissenheit zu verbergen, um ihren eigenen Arsch zu retten, um uns so zu formen, wie sie es für richtig hielten. Wer die anderen auch waren, es gelang ihnen.
Als ich Kroatien verließ, warnten mich alle, in Serbien besonders vorsichtig zu sein. In Serbien wurde ich von allen gewarnt, in Bulgarien vorsichtig zu sein. Dort angekommen, warnte man mich vor der Türkei. Die Türken warnten mich, mich vor den Kurden in Acht zu nehmen, und die Kurden vor den Iranern. Die Iraner dann vor den Pakistanern. Und so weiter und so fort. Und wo hatte ich Probleme? Nirgendwo. Tatsächlich erlebte ich in den letzten vier Jahren nur einen einzigen Vorfall, und zwar auf dem Zagreber Hauptbahnhof, als ich von Boys (BBB – Bad Blue Boys, Fans des Zagreber Fußballclubs Dinamo) angegriffen wurde, weil sie dachten, ich sei Torcidaš (Torcida, Fan von Hajduk, Fußballclub in Split). Mittlerweile bereiste ich, oft per Anhalter, über dreißig Länder, schlief am Straßenrand oder in Häusern von Fremden, fuhr durch gefährliche Länder, wurde in den schmutzigsten Teilen der Welt krank, aß in Restaurants, die nicht einmal die grundlegendste Hygienekontrolle im Westen bestehen würden.
Und hier bin ich, lebendig und gesund. Meistens glücklich, manchmal traurig. Umgeben von netten Menschen, hier und da auch einsam. Aber FREI. Um das zu machen, was ich will, um meinen Träumen zu folgen, egal, ob jemand sie für bedeutungslos hält. Egal, dass manche dachten, ich würde mein Leben wegwerfen, weil ich keinen normalen Job habe, weil ich keine Wohnung besitze, die ich die nächsten dreißig Jahre abbezahlen muss, weil es mir völlig egal ist, woher jemand kommt oder wie er aussieht, an welchen Gott er glaubt oder mit wem er sein Bett teilt. Das habe ich auf meinen Reisen gelernt. Vergeblich wären alle Kilometer, Länder, Menschen und Erfahrungen gewesen, wenn ich diese Lektion nicht verstanden hätte.
Das Beste von allem ist, dass es überhaupt nicht ums Reisen geht. Es gibt eine Million Möglichkeiten, um (über sich hinaus) zu wachsen, eine Million Möglichkeiten, um glücklich zu sein, um das zu werden, wovon man schon immer geträumt hat. Das Reisen ist mein Weg. Nicht besser und nicht schlechter als jeder andere.
Nur meiner.
Tag 1000
»Der letzte Grund war meine Ausbildung«, setzte ich meinen Vortrag fort. »Natürlich hatte ich mein Hochschuldiplom, natürlich hatte ich eine Menge theoretisches Wissen, doch im Gespräch mit meinen Gästen erkannte ich, dass ich praktisches Wissen vermisse. Es fehlte mir an Lebenserfahrung. Es fehlte mir der Umgang mit verschiedenen Situationen, an Anpassungsvermögen, an Unabhängigkeit. Es fehlte mir an Freiheit.
Oft fragte ich mich, ob ich jemals das Studium aufgenommen hätte, wenn ich nach der Schule meinen heutigen Wissensstand im Kopf gehabt hätte. Ich habe Volkswirtschaft studiert, was mich eigentlich nicht interessierte. Ich schloss mein Studium mit einer Menge Stress nach vollen acht Jahren ab, aber ehrlich gesagt, wirklich viel gelernt habe ich nicht. Das einzig Wichtige – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – war es nicht, etwas zu lernen, sondern eine gute Note in jedem Fach zu bekommen.
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich aus der heutigen Perspektive höchstwahrscheinlich niemals studiert. Doch im Rückblick möchte ich diese Jahre gegen nichts auf der Welt tauschen. Wer weiß, ob ich all die Dinge erlebt hätte, wenn ich während des Studiums einige Menschen nicht kennengelernt hätte. Menschen, die direkt oder indirekt zu meinem heutigen Leben beitrugen.
Natürlich, sobald ich ernsthaft über Reisen nachzudenken begann, setzten die ersten Schwierigkeiten ein«, gestand ich meinem Publikum. »Das erste Hindernis war die Angst. Ich bin nicht der mutigste Mensch, und egal, wie sehr mich meine reisenden Freunde versuchten zu überzeugen, dass die Welt ein schöner und sicherer Ort sei, war ich immer skeptisch. Es ist nicht einfach, ganz allein das Vertraute hinter sich zu lassen und ins Unbekannte aufzubrechen.
Deshalb versuchte ich, meine Angst auf die nächstliegende Art und Weise zu bekämpfen, und lud Freunde ein, mit mir zu reisen. Es wird sicherer sein, wir werden viel Spaß haben und so weiter. Aber falls Sie schon einmal etwas mit Freunden geplant haben, wissen Sie selbst, wie das endet.«
Ich wartete auf eine bestimmte Reaktion aus dem Publikum, und ich bekam sie. Die meisten Leute lachten, einige richteten böse Blicke auf ihren Sitznachbarn. Es tat gut, zu wissen, dass ich nicht der Einzige war, den seine oder ihre Freunde im Stich gelassen hatten.
»Einige Tage vor der Abreise sagte einer nach dem anderen ab«, erklärte ich. »Einige wegen Geldmangels, wegen Prüfungen in der Schule, wegen Vorbehalte der Eltern oder der Partner. Jeder fand seine eigene Ausrede. Ich erkannte schnell, dass ich mit keinem rechnen konnte. Sehr bald war mir klar, dass ich, würde ich auf den perfekten Moment für meinen Reisestart warten, keinen Schritt aus Zagreb hinauskommen würde.
Wenn es um den Überlebensinstinkt geht, der uns vor einer tödlichen Gefahr, einer schlimmen Verletzung oder einer bedrohliche Begegnung bewahren soll, dann ist Angst äußerst nützlich. Niemand bestreitet das. Aber ich hatte Angst zu reisen, und das hatte ich noch nie erlebt. Wie ist das möglich? Warum mischt sich hier die Angst ohne Grund ein? Ist Angst hier überflüssig, ja sogar schädlich? Ist sie irrational?
Ich dachte über mein Leben nach. Wie oft hatte ich mich gegen etwas Aufregendes entschieden, nur weil ich Angst hatte? Weil ich nicht wusste, wohin das führen würde? Wie oft habe ich es bedauert, dass ich etwas nicht versucht hatte, nur weil ich nicht wusste, worauf ich mich da einlasse?
Zu oft.
Als ich sah, dass es mit meinen Freunden nicht klappen würde, war es an der Zeit, die Taktik zu ändern«, fuhr ich fort. »Der neue Vorsatz war Nicht-Denken. Ich sagte mir, dass ich über all die negativen Dinge, die während der Reise auftreten könnten, einfach nicht nachdenken würde. Ich sagte mir: Geh und erlebe es am eigenen Leib, schau, ob die Furcht begründet ist. Logisch, sobald ich es versuchte, sobald ich zu reisen begann, wurde mir klar, dass das Leben auf der Straße nicht mehr und nicht weniger gefährlich war als das Leben zu Hause.«
Es liegt in der menschlichen Natur, das Unbekannte zu fürchten, egal, wie stark wir von etwas angezogen werden, egal, wie groß unser Interesse an etwas ist. Aber ausgenommen bei einer echten Angststörung, sind meiner Meinung nach gerade das Umfeld und die Medien die größten Übeltäter, die für unsere irrationalen Ängste verantwortlich sind. Kein Wunder, dass wir Angst haben zu reisen, wenn wir täglich mit ausschließlich negativen Nachrichten aus dem Ausland bombardiert werden. Wenn eine negative Erfahrung hundertmal stärker wirkt als hundert positive Erfahrungen.
Seit Beginn der Welt gibt es nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden. Wie? Einfach ausprobieren.
Besteht dabei ein Risiko? Natürlich. Aber dieses Risiko gibt es auch im alltäglichen Leben, egal, ob du in Afrika bist oder die Straße an der Fußgängerampel vor deinem Elternhaus überquerst. Das ganze Leben ist ein großes Risiko, und man sollte dieses Risiko eingehen, das Spiel mit dem Risiko mitspielen und mit dem Risiko bis zum Ende leben.
Vor allem, weil sich in meisten Fällen herausstellt, dass das Risiko nur in unseren Köpfen existiert.
Der Wecker klingelte. 5:32 Uhr. Ich stellte ihn ab.
»Lass uns noch schlafen«, sagte ich verschlafen zu Caro, die im Zelt neben mir aufwachte. Seit unserer Abfahrt war es das erste Mal, dass ich den Wecker gestellt hatte. Für diesen Luxus schleppte ich täglich zwei Kilogramm auf dem Rücken. Es war auch das erste Mal seit der Abfahrt, dass ich durch den akustischen Alarm auf meinem Handy geweckt wurde. Ich hasse diesen Ton mehr als alles andere. Es ist lange her, dass ich meine eigene Definition von Lebensqualität fand: Je seltener mich ein Alarm weckt, desto besser ist mein Leben.
»Komm, steh auf!« Sie war entweder fest entschlossen oder einfach weniger faul und verwöhnt als ich. »Lass uns den Sonnenaufgang sehen. Wer weiß, wann du das nächste Mal die über dem Ozean aufsteigende Sonne sehen wirst.«
Zögernd gehorchte ich, wusch mein verschlafenes Gesicht und folgte ihr zum Strand.
Wir waren auf einem Campingplatz, etwa zwanzig Kilometer von Puri entfernt, bei einem der wenigen aktiven Couchsurfer in diesem Teil des Landes. Die Entscheidung hierherzukommen ist eine Geschichte für sich. Während wir noch in Nepal waren, fanden wir eine Karte von Indien, auf der nur eine einzige Ortschaft mit Bleistift eingekreist war: Puri. Wir wussten nicht, wem diese Karte gehörte oder warum derjenige gerade Puri markiert hatte, doch wir sahen es als Zeichen und kauften uns Fahrkarten in den tausend Kilometer entfernten Ort im Osten Indiens.
Diesen Ort mochte ich von Anfang an. Abgelegen, fast unbewohnt und ruhig, nur knapp fünfzehn Minuten zu Fuß von einem endlosen Sandstrand entfernt, an dem nur gelegentlich eine herumirrende Kuh oder eine tote Schildkröte auftauchte ‒ sonst nichts. Wir waren nicht die Einzigen, die sich zu dieser Zeit auf dem Campingplatz aufhielten. Eine bunte Gesellschaft hatte sich dort zusammengefunden, Menschen aus den USA, Italien, Ungarn, Schweden, Spanien und natürlich aus Indien. Sie organisierten ein Surfer-Festival, das für diesen Monat geplant war.
Es passierte nicht viel. Die Tage gingen vorüber, die Zeit verbrachten wir am Lagerfeuer mit Geschichten und Gras, das im staatlichen Bhang shop in Puri zu kaufen war. Das Gras war hier legal und unheimlich billig.
Alles in allem – es gab mehr als genug Gründe, um diesen Ort zu lieben.
»Es ist wunderschön, deine aufgehende Sonne zu sehen«, raunte ich Caro spöttisch zu, als wir am Strand ankamen. Denn wegen des dichten Nebels konnten wir keinen einzigen Sonnenstrahl sehen.
Da ich das Morgengrauen am Strand doch noch nutzen wollte, zog ich meine Unterhose aus und stürzte mich ins Meer. Nach nicht einmal zehn Sekunden warf mich eine riesige Welle wieder zurück an den Strand.
»Man sieht, dass du noch nie im offenen Meer geschwommen bist«, rief mir meine Begleiterin lächelnd zu und zog ihren Badeanzug aus.
»Dem Ozean und seinen Wellen sollte man mit großem Respekt begegnen«, begann sie ihren Schwimmunterricht. Wir tauchten nun unter den anrollenden Wellen hindurch, passierten den höchsten Punkt, an der sie sich brachen, und konnten schließlich etwa dreißig Meter von der Küste entfernt sicher schwimmen. »Überall auf der Welt flößt der Ozean den Küstenbewohnern Angst und Schrecken ein. Sie wissen nicht nur, dass sie ihm jedes Mal, wenn sie sich auf ihn einlassen, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, sondern auch, dass sie im Falle eines Kampfes niemals als Sieger hervorgehen würden. Der Ozean hat immer das letzte Wort.«
Ich mochte ihre Worte, weil sie sich auf das Leben im Allgemeinen übertragen ließen. Die meisten Menschen haben diese Einstellung ihrem Leben gegenüber. Sie haben wahnsinnige Angst, in ihrem Leben etwas zu riskieren, weil sie überzeugt sind, dass sie im Falle eines Konflikts verlieren würden. Meistens bleibt man in den geregelten Bahnen.
»Und jetzt bringe ich dir bodysurfing bei«, sagte mir meine Begleiterin freudig. »Merk dir: Zeigt dir der Ozean jemals seine Zähne, halt die Luft an und entspann dich einfach. Früher oder später spült er dich wieder an die Oberfläche.«
Sie zeigte mir, wie sich Wellen bilden und erklärte mir, wie wichtig es sei, den richtigen Moment zu erwischen, um zum Ufer loszuschwimmen und wann man unter der Welle sein musste. Sie brachte mir bei, wie man gefährliche Wellen zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann und wie man mit ihnen zusammenarbeitet.
»Ja, das ist es«, dachte ich. Nur wenige Menschen respektieren und provozieren den Ozean gleichzeitig. Sie spielen mit ihm. Sie tauchen ab, um im richtigen Moment die Welle zu erwischen, sie suchen nach dem Weg, mit ihr zu verschmelzen. Sie haben Spaß am Surfen. Und sie wissen, dass es oft schiefgeht. Manchmal ist die Welle einfach zu groß, das Timing ist schlecht, und man kommt ein wenig zu spät oder zu früh. Die Welle bestraft jeden Fehler – wie ein Sandkorn spuckt sie einen an der Küste wieder aus. Aber jeder wird es immer wieder versuchen, bis es klappt.
Aber selbst wenn es dir gelingt, darfst du nicht vergessen, wer der Boss ist, wer die Spielregeln und das Tempo vorgibt. Das müssen wir alle selbst herausfinden, aber wir dürfen gleichzeitig unser Ziel nicht aus den Augen verlieren. Es liegt bei uns, sich anzupassen und immer wieder neue Wege zu suchen, um zusammenzuarbeiten und mit vereinten Kräften ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
So ist das Leben. Das Leben ist ein Meer.
Puri ist übrigens, zusammen mit Varanasi, Mathura und Kanyakumari, einer der vier heiligsten Orte für Hindu-Pilger in Indien. Vor allem wegen des Jagannath-Tempels, den jeder Hindu, der etwas auf sich hält, mindestens einmal im Leben besuchen muss. Da den Nicht-Hindus der Eintritt verboten ist, besuchten Caro und ich das nahe gelegene Konark, den siebenhundertfünfzig Jahre alten Tempel der Sonne.
Wie schon so oft, war auch hier der Weg zum Ziel fast genauso interessant wie das Ziel selbst, wenn nicht sogar interessanter.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte uns lächelnd ein Motorradfahrer, der neben uns anhielt. Hinter ihm saß noch ein freundlich dreinblickender Typ, und hinter ihnen hielt ein zweites Motorrad an, ebenfalls mit Fahrer und Beifahrer.
»Ja, alles klar!«, antworteten wir. »Wir warten nur auf unsere Mitfahrgelegenheit nach Konark.«
Wir warteten entweder auf den billigen Bus, der alle halbe Stunde fahren sollte, oder auf einen kleineren und etwas teureren Tuk-Tuk. Wir hatten keine Absicht zu trampen, nicht nur weil wir uns die öffentlichen Verkehrsmittel leisten konnten, sondern, ehrlich gesagt, weil wir nicht damit rechneten, dass jemand wirklich anhalten würde.
»Wenn Sie möchten, können Sie mit uns fahren«, antwortete der lächelnde Fahrer und nickte freundlich mit dem Kopf. Als wir das Angebot annahmen und zurücklächelten, wurde sein Nicken noch schneller. Er schickte seinen Freund auf das andere Motorrad und bot uns an, hinter ihm Platz zu nehmen. Mit Wind im Haar und voller Glücksgefühle freute ich mich, dass ich das erste Mal in meinem Leben per Anhalter mit einem Motorrad mitfuhr!
Der Eintritt zum Tempel kostet für die Einheimischen zehn Rupien, während die anderen zweihundertfünfzig Rupien zahlen müssen. Das ist nichts Ungewöhnliches in Indien, in anderen Teilen der Welt auch nicht. Aber, ehrlich gesagt, ich wusste nicht, was ich davon halten soll. Ist das eine Form von Diskriminierung? Ist es fair, einen viel höheren Preis zu zahlen, nur weil man reicher beziehungsweise weiß ist? Was ist mit den reichen Indern und den armen Ausländern? Welche Regeln gelten für sie?
Da wir wussten, dass der Tempel der Sonne nicht nur eines der sieben Wunder Indiens, sondern auch ein Teil des Weltkulturerbes ist, zückten wir unsere Geldbörsen und bezahlten unsere Eintrittskarten. Auf zu einem neuen kulturellen Erlebnis!
Wir wurden nicht enttäuscht. Wie der Name schon sagt, ist der Tempel dem Sonnengott Surya geweiht. Die Anlage ist komplett aus Steinblöcken gebaut, die mit unzählige Alltagsszenen verziert sind. Doch was die Aufmerksamkeit eines richtigen Kulturbanausen wie mich erregte, waren die erotischen Szenen von Männern, Frauen, Paaren und vielem mehr. Es war überraschend, eine solche direkte und offene Abbildung von Sexualität in diesem konservativen Land zu sehen.
Doch neben dem schönen Tempel und den erotischen Bildern waren wir hier die größte Attraktion. Fast alle zwei Minuten kamen die Einheimischen auf uns zu und wollten ein Foto machen. Ohne genau zu wissen, warum wir so viel Aufmerksamkeit auf uns zogen, waren wir dennoch bereit, der Aufforderung nachzukommen. So posierten wir jedes Mal mit breitem Lächeln.
In solchen Momenten kann man nachfühlen, wie es berühmten Menschen in der westlichen Welt geht. Wenn dich fast jeder auf der Straße beobachtet, wenn alle untereinander über dich sprechen, dich manchmal auch verurteilen, wenn jeder ein Stück deiner Zeit haben will und erwartet, dass du ständig gut gelaunt bist, mit einem Lächeln im Gesicht.
Jeder, der heute in einer voyeuristischen Gesellschaft lebt, in der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mitsamt ihrem Privatleben im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen, sollte in diesen Teil der Welt kommen und erleben, wie sich das anfühlt. Vielleicht würden wir dann unser Interesse für nebensächliche Details verlieren. Vielleicht würden wir uns auf wichtigere Themen besinnen und Zeit sowie Energie auf unser eigenes Leben und das unserer Lieben konzentrieren.
Vielleicht würden wir leben, statt nur zu beobachten, was andere tun.
Tag 1000
»Ein weiteres Hindernis war der Geldmangel«, fuhr ich mit meinem Vortrag fort. »Wie kann ich reisen, wenn ich kein Geld habe? Das fragte ich nicht nur mich selbst, sondern auch die anderen Reisenden. Jeder sagte mir, dass es beim Reisen drei grundlegende Ausgaben gibt: Transport, Unterkunft und Verpflegung, also Essen und Trinken. Wenn man diese drei Kosten auf ein Minimum reduziert, wäre das Leben auf der Straße billiger als das Leben zu Hause.«
Das Publikum sah mich skeptisch an. Das klang zu leicht. Wieso reisen dann nicht alle, wenn es so einfach ist? Der Instinkt sagte ihnen, dass im wirklichen Leben auch plötzlich andere Kosten und unerwartete Probleme auftauchen können.
Damit argumentierte auch ich, aber alle meine Gäste hatten die gleiche Antwort: Ja, es gibt unerwartete Ausgaben und Überraschungen, aber darüber brauchst du dir erst dann den Kopf zuzerbrechen, wenn sie tatsächlich passieren. Es bringt nichts, sich im Voraus darüber Gedanken zu machen. Für manche Dinge sei es besser, unvorbereitet zu sein.
»Was die Beförderung betrifft, reiste ich in der Regel per Anhalter.« Ich wechselte zum nächsten Bild. »Nicht nur, weil es das billigste und schnellste Transportmittel ist, sondern auch, weil ich so auf dem Weg von A nach B noch ein Abenteuer erleben kann, bevor ich überhaupt mein Ziel erreiche. Das Abenteuer beginnt nicht, wenn du ankommst, sondern in dem Moment, in dem du deine Wohnung verlässt beziehungsweise wenn du einen guten Platz suchst, um deinen Daumen herauszustrecken. Wenn man per Anhalter reist, kann man nie wissen, was einen erwartet, wie lange man warten muss, welche Richtung der Weg nimmt, wen man trifft und kennenlernt, was für Gespräche man führen wird, oder letztendlich auch, wo der Weg endet.«
»Jetzt zeige ich Ihnen kurz, wie das Trampen in der Praxis aussieht«, sagte ich und startete ein Video.
Ich trank einen Schluck Wasser und betrachtete meine in den letzten Jahren entstandenen Aufnahmen. Das Trampen kann langweilig sein, oft war ich müde, hatte Hunger und Durst, aber das Lächeln in meinem Gesicht durfte nicht verschwinden. Wer nimmt schon einen mürrisch dreinblickenden Typen mit?
Doch es endete immer phänomenal. Du kannst stundenlang in unerträglicher Hitze warten, und während du wartest, fährt nur ein einziges Auto vorbei. Hält aber jemand an und bietet dir eine Mitfahrgelegenheit in deine Richtung an, vergisst du sofort alles Negative, und ein neues Kapitel deines Abenteuers beginnt.
Wie im normalen Leben auch. Wir sind oft müde, hungrig, durstig oder krank, man weiß einfach nicht weiter. Und dann passiert etwas Gutes, und alle Sorgen sind vergessen. Alles vergangene Negative wird unwichtig, nur der gegenwärtige Augenblick und die Zukunft zählen. Alles findet wieder seinen Platz.
Dieses berühmte Zitat von Oscar Wilde bringt es auf den Punkt: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.
Jedes Auto, jeder Kilometer ist ein Erfolg. Man fühlt sich wie beim Abschluss eines kleinen Projekts, und das ein- oder zweimal am Tag. Die Gefühle schwanken von purer Verzweiflung bis zu Euphorie.
»Das Trampen ist nicht der einzige Weg, die Reisekosten zu senken«, fuhr ich mit meinem Vortrag fort, als das Video zu Ende war. »Ihr könnt zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren, aber ihr könnt auch arbeiten, um eure Beförderungskosten zu verdienen. So wie ich zum Beispiel meine Fahrt über den Indischen Ozean von Australien nach Afrika ›bezahlt‹ habe. Zahlen musste ich nicht, ich musste jedoch Segel ausbringen und einholen und Nachtwachen halten. Die ersten beiden Tage habe ich sogar gekocht, doch der Kapitän befreite mich bald von dieser Aufgabe. Ich frage mich immer noch, warum.«
Hier ist sie! Die erste Lüge in meinem Vortrag.
Der Kapitän befreite mich nicht vom Kochen. Ich musste, genau wie der Rest der Besatzung, ordnungsgemäß während der gesamten Reise meine kulinarische Pflicht erfüllen. Aber ich weiß, dass dieser Satz die Menschen zum Lachen bringt, und so baue ich ihn in jeden Vortrag ein.
Jedes Mal, wenn ich diese Lüge aussprach, wusste ich, wie einfach es ist, eine unsichtbare Linie zu überqueren und die Geschichte vollständig zu drehen. Es wusste ja keiner, wie es wirklich war. In den meisten Fällen war ich der einzige Zeuge, und wenn nicht – wer könnte die Person, die meine Lüge entlarven würde, irgendwo am Ende der Welt finden?
Es ist ein schmaler Grat, und man muss äußerst vorsichtig sein. In der Tat kann man von diesen Lügen profitieren, sein Ego befriedigen, sich cool fühlen. Aber dieses Gefühl ist von kurzer Dauer. Am Ende des Tages, wenn du mit dir allein bist, wenn niemand mehr da ist, vor dem du prahlen könntest, wird dir dein Betrug bewusst, und dein Gewissen sagt dir, dass du ein Lügner bist.
Und wenn du nach einem Vortrag nur ein einziges Mal dieses Gefühl hast, bist du noch vorsichtiger.
Das bedeutet aber nicht, dass du nicht mit der Wahrheit spielen kannst, wie zum Beispiel mit dem Kochen an Bord. Ab und zu darf man lügen und mit deinem Gesichtsausdruck allen zu verstehen geben, dass es sich um eine kleine, unschuldige Schummelei handelt.
Das Publikum wird das akzeptieren und mitlachen. Und gibt es etwas Schöneres, als zweihundert Menschen zum Lachen zu bringen? Wahrscheinlich nicht.
Vielleicht dreihundert Menschen zum Lachen zu bringen.
»An zweiter Stelle der Reisekosten steht die Unterkunft«, erklärte ich und zeigte das nächste Bild. »Auf meinen Reisen habe ich in der Regel Couchsurfing genutzt, nicht nur, weil es kostenlos ist, sondern auch, weil es mir ermöglichte, mich an jedem Ort wie ein Einheimischer zu fühlen und alles aus einer ganz anderen Perspektive zu beobachten. Ich war in keinen Jugendherbergen und Hotelzimmern und war nicht auf organisierte Touren und Vorschläge aus den gedruckten Reiseführern beschränkt. Ich hatte einen lokalen Führer in jeder Stadt: meinen Gastgeber. Mit ihnen erkundete ich die Städte, ging an Orte, an denen sie selbst oft sind, und knüpfte Kontakte mit ihren Freunden und ihrer Familie. Ich hatte das Gefühl, dass ich, wenn auch nur kurz, das Leben der Einheimischen lebte.«
In Wahrheit ging es mir weniger darum, dass die Gastgeber mir die Städte und Orte zeigten, viel wichtiger waren sie selbst als Mensch. Die Geschichten, die sie mit mir teilten. Neue Dinge, die ich lernte, eine ganz andere Einstellung zum Leben, die Inspiration, die ich von ihnen erhielt, der Wunsch, mehr zu erfahren, mehr zu lernen. Genauso wichtig war die Inspiration, die ich ihnen gab. Nachdem ich jahrelang Gäste empfangen und ihren Geschichten gelauscht hatte, war ich jetzt in der Rolle des Erzählers und Motivators. Und ich mochte diese Rolle. Genauso wie ich es mochte, vor einem Publikum zu stehen und über die letzten tausend Tage meines Lebens zu sprechen.
»Auch für Couchsurfing gibt es natürlich eine Alternative«, erzählte ich weiter. »Ich hatte ein Zelt dabei, um manchmal auch im Freien übernachten zu können. Ab und zu schlief ich im Stadtpark auf einer Luftmatratze oder im Schlafsack.«
Ich sprach das nur kurz an, weil all das nur die Ausnahme der Ausnahme zum CS waren. Ich konnte alle Plätze an den Fingern einer Hand abzählen, an denen ich in einem Zelt oder im Freien geschlafen hatte. Immer wenn ich die Wahl hatte, und die hatte ich fast immer, entschied ich mich dafür, unter Menschen zu sein, auf einer warmen und bequemen Couch oder in einem Bett zu schlafen.
»Eine weitere Alternative bietet die Arbeit als Volunteer, als Freiwilliger – ein paar Stunden am Tag arbeiten, im Austausch für die Unterbringung und in der Regel eine Mahlzeit. Das ist praktisch, wenn du eine längerfristigere Basis benötigst oder etwas mehr über einen bestimmten Ort, die Kultur und die Sprache lernen möchtest. Oder wenn du dich verliebst. In einen Ort natürlich.«
Meine Lieblingsplätze lernte ich meistens als Volunteer kennen, da ich mich dort einige Wochen oder länger aufhielt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich arbeitete, weil ich einen bestimmten Ort mochte, oder ob ich einen bestimmten Ort mochte, weil ich dort arbeitete und dort viel mehr Zeit verbrachte als an anderen Orten auf der Welt.
Der Sinn einer Reise besteht oft nicht im Verreisen selbst, nicht in der Bewegung, nicht im Ortswechsel, sondern der Sinn liegt ganz im Gegenteil im Verweilen an fremden Orten. Man baut eine besondere Beziehung zu ihnen auf und man hat das Gefühl, ein Zuhause zu haben.
Und der ewige Traum, um die Welt zu reisen, ohne zu reisen …2
»Das Housesitting ist eine weitere Alternative«, fuhr ich fort. »Manche Leute wollen ihr Zuhause nicht leerstehen lassen, wenn sie für ein paar Tage, Wochen oder Monate weggehen. Die Gründe sind verschieden: Angst vor Einbrechern, Haustiere, die zu Hause bleiben, oder ein Garten, den man bewässern muss. Die Hausbesitzer geben im Internet eine Anzeige auf, dass sie jemanden suchen, der sich um ihr Haus kümmert. Sie suchen einen Housesitter, der so die Möglichkeit hat, sich die Unterbringungskosten zu sparen.
Als letzte Möglichkeit gibt es noch den Wohnungstausch, das sogenannte Home Exchange3. Wenn man einen Ort besuchen möchte, kann man jemandem, der dort wohnt, sein eigenes Heim für eine gewisse Zeit – ein paar Tage, Wochen oder Monate – zum Austausch anbieten. Es gibt keine Regeln.
Die drittgrößten Kosten sind die Ausgaben für Essen und Trinken«, erklärte ich meinem Publikum. »In den teureren Ländern beschränkte ich mich auf Lebensmittel aus den Supermärkten, weil sie am billigsten waren. Und ich kochte oft zusammen mit meinen Gastgebern. Wenn du bei jemandem schläfst, hat es auch den großen Vorteil, dass du immer eine Küche zur Verfügung hast und keine Kochutensilien mitzuschleppen brauchst. Darüber hinaus hat man eine Waschmaschine, in der man jede oder jede zweite Woche seine Klamotten waschen kann und so weniger mitnehmen muss.«
»Schließlich ist Reisen mit einem kleinen Budget der beste Weg, um überflüssige Pfunde loszuwerden. Jeden Tag auf dem Sprung, kein Geld, um es für unnötige Lebensmittel zu verschleudern. Man kauft nur dann ein, wenn man hungrig ist (und nicht, weil man sich langweilt). Und man hört auch auf, Unmengen an künstlichem Zeug in sich hineinzustopfen, sondern ernährt sich vorwiegend von Obst, Gemüse und anderen frischen Produkten aus der jeweiligen regionalen Küche.
In den ersten sechs Monaten meiner Weltreise nahm ich, völlig ungeplant, fast zwanzig Kilo ab. Noch nie hatte ich mich so wohl gefühlt. Leider nahm ich nach meiner Rückkehr wieder schnell zu – dank der leckeren Gerichte meiner Mama.
Obwohl ich Lebensmittel im Supermarkt kaufte und bei meinen Gastgebern kochte, praktizierte ich manchmal auch Dumpsterdiving, sogenanntes Müllcontainertauchen.« Ich wechselte zum nächsten Bild und blickte in die entsetzten Gesichter im Publikum. »Das klingt zwar extrem, aber es werden heutzutage zwischen vierzig und fünfzig Prozent der produzierten Lebensmittel einfach weggeworfen. Alle Supermärkte entsorgen nach Feierabend große Mengen an Nahrungsmitteln, weil sie am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können. Sei es, weil das Haltbarkeitsdatum bald abläuft, das Obst oder Gemüse eine kleine Delle hat oder Ähnliches. Deswegen gibt es Menschen überall auf der Welt, die diese Lebensmittel direkt aus dem Supermarkt oder aus den entsprechenden Containern mitnehmen. Die meisten dieser Lebensmittel sind immer noch verpackt und essbar.«
Ich wusste, egal, auf welche Weise ich versuchen würde, Dumpsterdiving dem Publikum schmackhaft zu machen: Keiner der Anwesenden würde es verstehen, geschweige denn etwas Ähnliches selbst ausprobieren. Es ist merkwürdig, dass dieses Verhalten in unserer Kultur solchen Ekel verursacht, während das Wegwerfen von wertvollen Lebensmitteln in der Gesellschaft als normal gilt.
»Was die Kosten fürs Ausgehen und Feiern angeht, halten Sie sich fern von Bars und Restaurants, und feiern lieber privat bei jemandem, in Parks oder draußen auf Bänken. So sparen Sie zusätzlich noch etwas Geld.« Das war der letzte Rat, den ich meinem Publikum mitgab, der letzte Tipp, wie man die Welt praktisch ohne Geld bereisen kann. Alle meine Ratschläge lassen sich in drei Begriffen zusammenfassen: gesunder Menschenverstand und Logik mit ein wenig Einfallsreichtum.
Manchmal kam ich mir albern vor, solche banalen Tipps zu geben. Andererseits sehnte ich mich vor wenigen Jahren selbst nach solchen Informationen, bevor ich die Sache in die Hand nahm und alles selbst ausprobierte.
»Man kann nicht nur sehr billig reisen, man kann unterwegs sogar etwas dazuverdienen.« Ich zeigte ein Foto, auf dem ich im Zentrum von Eskişehir in der Türkei Gitarre spielte. »Wenn man Talent hat oder zumindest glaubt, dass man es hat, kann man auch auf der Straße zu Geld kommen. Gitarre spielen, Armbänder machen, jonglieren – all das kann eine Einnahmenquelle sein. Ich bin kein Musiker und kann nur wenige Songs spielen. Ich merkte aber, dass das überhaupt nicht wichtig ist. Wichtig ist es, eine Geschichte zu haben, um von anderen Menschen wahrgenommen zu werden. Deshalb hatte ich immer ein Stück Pappe dabei, auf dem in wenigen Sätzen zu lesen war, wer ich bin, woher ich komme, was ich tue und wofür ich Geld brauche. Die Menschen waren neugierig, lasen fast immer meinen Text und konnten sich in mich hineinversetzen. Sie gaben mir ein paar Cent, ein Sandwich gegen den Hunger, ein Getränk gegen den Durst, oder sie boten mir bei Bedarf an, mich in die nächste Stadt mitzunehmen. Man wird nicht reich auf der Straße, doch in ein paar Stunden kann man genug Geld für einen Tag verdienen.«
Für einen Moment verlor ich mich in Gedanken und stellte fest, dass mir noch nie in den Sinn gekommen war, in Kroatien, in meiner Geburtsstadt Zagreb, meine Gitarre zu nehmen und zu spielen. Vielleicht gibt es eine geheime Verbindung zwischen Reisen und der Überwindung von Angst und Unbehagen – es ist viel einfacher, neue Dinge in einer fremden Umgebung auszuprobieren.
»Wenn Sie sich aber in einem weiterentwickelten Land befinden, können Sie einen richtigen Job finden«, fuhr ich fort und zeigte ein Foto, auf dem ich mit einer Warnweste bekleidet auf einer Straße in Brisbane stehe. »Als ich durch Australien reiste, arbeitete ich zum Beispiel als professioneller Verkehrsumleiter.«
»Steig ein, mein Freund!«, rief mir ein über und über tätowierter Kerl aus seinem mit Werkzeug vollbeladenen Pick-up zu. »Ich kann dich aber nur bis zur Stadtgrenze fahren.«
»Genau da will ich hin!«, erwiderte ich lächelnd und stieg ein. Aus einer großen Stadt erst einmal hinauszukommen ist ja immer das größte Problem.
»Wo geht’s denn hin?«, mit dieser üblichen Frage begann er das Gespräch.
»Richtung Norden«, antwortete ich ihm vage.
»Was gibt’s denn im Norden?«, fragte er fröhlich weiter.
»Ehrlich gesagt, keine Ahnung«, antwortete ich genauso fröhlich. »Es ist jedenfalls wärmer als im Süden, und ich dachte, ich könnte mal eine Zeit lang durch das ganze Land trampen.«
»Sei vorsichtig«, sagte er, diesmal weniger fröhlich. »Sicher hast du schon von Ivan Milat gehört.«
Der Name, den die Menschen »Ajvän Milet« aussprachen, verfolgte mich seit meiner Ankunft in Australien, und mit diesem Serienmörder, der ausgerechnet aus Kroatien stammte, endeten fast alle Gespräche, die ich zum Thema Trampen führte.
Dieser Typ ermordete Anfang der Neunzigerjahre mindestens sieben Backpacker – einige mit einem Kopfschuss, andere hatte er erstochen oder sogar enthauptet. All seine Opfer verscharrte er im Wald zwischen Sydney und Canberra. Man vermutet, dass er noch weitere Menschen getötet hat, da aber deren Leichen nie gefunden wurden, wurde er dafür nicht angeklagt. Das war aber für sein Gerichtsurteil sowieso nicht entscheidend. Er wurde zu sieben lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt, ohne Möglichkeit auf Begnadigung.
Es wurde sogar ein Horrorfilm über ihn gedreht, Wolf Creek, der teilweise auf dieser schrecklichen Geschichte basiert.
»Ja, ich habe davon gehört«, antwortete ich und seufzte tief, wobei ich verschwieg, dass der Serienmörder und ich Landsleute waren. »Ich habe allerlei Geschichten gehört, als ich durch den Irak, den Iran und durch Pakistan trampte. Ich lasse mich nicht so leicht durch eine Story über einen Serienmörder einschüchtern.«
»Sag bloß!«, rief mein Fahrer so laut, dass ich erschrak. »Du bist durch all diese Länder getrampt?«
»Ja, bin ich«, erwiderte ich. »Es ist nicht so schlimm, wie man denkt.«
»Wovon lebst du eigentlich, wenn ich fragen darf?«, fragte er mich neugierig.
»Vom Reisen«, antwortete ich. »Erstens, ich reise sehr billig, gebe nur ein paar Dollar pro Tag aus, sodass ich nicht viel Geld brauche. Zweitens, ich schreibe und veröffentliche meine Geschichten, dafür habe ich auch einige Sponsoren. Und ich verdiene auch etwas, indem ich während meiner Reisen verschiedene Jobs mache.«
»Das hört sich total cool an!«, meinte mein gesprächiger Fahrer begeistert.
»Es ist aber nicht immer so lustig. Vor ein paar Tagen habe ich mich von meiner Freundin getrennt, und ich versuche schon seit meiner Ankunft hier in Australien, einen Job zu finden – bisher ohne Erfolg.«
»Einen Job?« Er schaute mich interessiert an. »Was für einen Job genau?«
Mein Herz begann heftig zu klopfen. Jeden, den ich in Australien kennenlernte, wies ich dezent darauf hin, dass ich einen Job suchte, in der Hoffnung, daraus könnte sich vielleicht etwas ergeben. Bisher ohne Erfolg, und mit meinem Gejammer, nichts zu finden, war das Thema meistens beendet. Meine Gesprächspartner sagten mir meistens, dass es heutzutage schwer sei, in diesem Land eine Arbeit zu finden, oder sie wechselten das Thema.
Diesmal hatte ich aber das Gefühl, dass das Gespräch weitergehen würde. Vielleicht könnte es mir auch etwas bringen.
»Irgendeinen Job, egal, welchen«, antwortete ich und versuchte, cool zu bleiben und meine neu geweckte Hoffnung auf Hilfe bei meiner Jobsuche zu verbergen. »Ich habe einen Master in Wirtschaftswissenschaften, bin aber nicht sicher, ob mir das hier helfen kann. Auf meinen Reisen habe ich verschiedene Jobs gemacht, von der Arbeit in einem Restaurant in der Türkei bis hin zur Feldarbeit in Bangladesch. Ich kann gut anpacken, ich lerne schnell, aber das nutzt mir wenig, weil ich keine Arbeitserlaubnis in Australien habe.«
Ich schwieg einen Augenblick und warf einen verstohlenen Blick auf ihn. Er schwieg auch. Er konzentrierte sich auf die Fahrt und dachte nach.
»Hast du Höhenangst?«, fragte er nach einiger Zeit.
»Vor ein paar Tagen bin ich aus einem Flugzeug gesprungen«, antwortete ich und vermied es so schlauerweise, die Frage direkt zu beantworten. »Warum fragst du?«
»Du fährst nicht Richtung Norden, mein Freund!«, lachte er. »Ab morgen arbeitest du für mich!«
»Sag bloß!«, rief ich diesmal laut. »Und was machen wir dagegen, dass ich keine Arbeitserlaubnis habe?«
»Ich sag es keinem, wenn du es auch keinem sagst«, meinte er augenzwinkernd, stellte das Radio lauter und bog an der Ampel links ab.
Ich schwieg und schaute durch das Fenster, mit einem Lächeln im Gesicht.
Wir holten seinen Sohn von der Schule ab, gingen zum Supermarkt, und er bezahlte für den vollbeladenen Einkaufswagen mit den Worten: »Unterkunft und Verpflegung sind gesichert.« Dann fuhr er mit mir zu seinem Haus im Vorort von Brisbane. In seinem Hof hüpften Wallabys herum, kleine Verwandte von Kängurus. Er half mir, meine Sachen ins Zimmer zu tragen, gab mir saubere Bettwäsche, machte ein üppiges Abendessen für alle und sagte einfach: »Stell den Wecker auf sechs Uhr früh.«
Ich war überglücklich. Ich hatte keine Ahnung, was er beruflich machte. Ich hatte keine Ahnung, welche Rolle ich spielen sollte, was für eine Arbeit ich soeben bekommen hatte und was meine vermeintliche Höhenangst damit zu tun haben sollte. Es war mir aber auch nicht wichtig. Ich wagte nicht, zu fragen, ich wollte es mir nicht verscherzen. Durch ein dummes, überflüssiges Wort könnte ich alles wieder infrage stellen.
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»Ich war sehr stolz auf diese Arbeit, für die ich mir selbst einen Namen ausdachte«, wandte ich mich wieder an mein Publikum. »Ich war Verkehrsumleitungsbeauftragter. Ein VUB also. Es hört sich wie eine dieser sinnlosen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an.
Im Großen und Ganzen bestand mein Job darin, die Leuten anzuweisen, statt links rechts zu fahren. Falls sie blind sind und die großen Schilder nicht sehen können.«
Bei dieser Arbeit war ich nicht nur für die Umleitung des Verkehrs zuständig, sondern ich machte alles, was so anfiel. Mein Arbeitgeber Dune war Maler. Er arbeitete gerade an der Fassade eines großen Hotels inmitten von Brisbane. Ich hielt seine Leiter, half ihm, die Wände zu streichen, ab und zu musste ich das Baugerüst hinaufklettern und in einigen Meter Höhe etwas erledigen. Ich spürte, dass meine Höhenangst immer noch da war, schaffte es aber, sie einfach zu ignorieren.
»In diesem Job habe ich zwanzig Dollar pro Stunde verdient«, überraschte ich mein Publikum. »Unterkunft und Verpflegung waren bereits bezahlt.«
Ein Gemurmel machte sich breit, wie immer, wenn ich in meinem Vortrag diesen Stundenlohn nannte. Verständlich in einem Land, in dem die meisten Menschen volle acht Stunden arbeiten müssen, um miese zwanzig Dollar pro Tag zu verdienen. Dabei können sie noch froh sein, wenn sie ihr Gehalt rechtzeitig ausbezahlt bekommen. In Australien ist diese Summe der Mindestlohn.
»Ich brauchte nur dreizehn Tage zu arbeiten, um die acht Monate meiner Reise abzubezahlen. Ich war also acht Monate unterwegs, kam nach Australien, arbeitete dreizehn Tage, und meine Bilanz war auf null.«
Wäre mein Vortrag in diesem Moment zu Ende gewesen, hätte ich meine Aufgabe erfüllt. Ich erzählte den Menschen etwas über meine Person, ich zeigte ihnen, dass ich einer von ihnen war und dass eine Reise nicht teuer sein musste. Ich bewies, dass man auf Reisen nicht nur unterwegs war, sondern auch arbeiten, irgendwo spontan bleiben und das Leben Tag für Tag neu genießen konnte.
»Sie können auf der Straße Musik spielen, sich eine Arbeit suchen und auch darüber schreiben«, führte ich weiter aus. »Heutzutage hat jeder einen Laptop und Zugang zum Internet, man muss nur einen Weg finden, wie man seine eigene Geschichte erzählen will – in einem Blog, durch Fotos oder Videos. Ich bin durch Zufall Reiseschriftsteller geworden, alles hat mit einem Facebook-Profil begonnen. Nachdem meine Freunde Fotos von meinen ersten Reisen gesehen hatten, rieten sie mir, etwas daraus zu machen. Weil es ihnen gefiel und weil es sich für sie so anfühlte, als wären sie mitgereist. Und so ist daraus eine Facebook-Seite entstanden, ein Blog, ein You-tube-Kanal, eine Website und seit Kurzem auch mein erstes Buch. Ihr könnt mit Schreiben Geld verdienen oder Sponsoren finden, wenn euer Blog populär wird, oder etwas Ähnliches.«
Ich wechselte den Bildschirm. Die Einleitung war nun abgeschlossen, und es war an der Zeit, über die eigentliche Reise um die Welt zu erzählen. Zeit für den praktischen Teil.
»Und so sah die Weltreise aus, von der ich gerade zurückgekehrt bin.« Ich zeigte eine Weltkarte, in der die Reiseroute eingezeichnet war. »Ich nenne sie 1000 Tage Sommer, weil ich ursprünglich die Idee hatte, drei Jahre durch die Welt zu reisen und dem Sommer zu folgen. Ich durchquerte fünf Kontinente, etwa dreißig Länder und einen Ozean. Alles fing an der Mautstelle im Osten von Zagreb an. Ich hatte nur zwei Dinge vorbereitet: die Richtung der Reise, nämlich Osten, und Einreisevisa für den Iran, für Pakistan und Indien. Alles andere war Improvisation. Ich hob meinen Daumen und startete Richtung Belgrad.«
Ich wachte vor dem Alarm auf, vier Minuten nach sechs.
