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113 einseitige Geschichten E-Book

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Beschreibung

Franz Hohler liebt kurze Erzählungen, auch er gilt als »Meister der kleinen Form«. Seit Jahren sammelt er Geschichten, von denen keine länger als eine Seite ist. Seine Sammlung reicht von Äsop bis Alexander Kluge, von Alfred Polgar bis Anette Pehnt, von Leo Tolstoi bis Christine Nöstlinger. Traurige, lustige, anrührende, grotesk zugespitzte und mit viel Hintersinn erzählte Geschichten, denen nicht nur die miniaturhafte Kürze gemeinsam ist. Jede von ihnen entfaltet auf knappstem Raum einen Kosmos, der den Alltag und das gewohnte Leben rasch verblassen lässt und eine viel reichere Welt der Phantasie, des Unwahrscheinlichen und kaum für möglich Gehaltenen zum Vorschein bringt. 113 einseitige Geschichten hat Franz Hohler in diesem Band versammelt – 113 Seiten überraschender und immer wieder von Neuem bezwingender Lesegenuss.

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Buch

Franz Hohler liebt kurze Erzählungen, auch er gilt als »Meister der kleinen Form«. Seit Jahren sammelt er Geschichten, von denen keine länger als eine Seite ist. Seine Sammlung reicht von Epiktet bis Alexander Kluge, von Kurt Schwitters bis Anne Weber, von Thomas Bernhard bis Christine Nöstlinger. Traurige, lustige, anrührende, grotesk zugespitzte und mit viel Hintersinn erzählte Geschichten, denen nicht nur die miniaturhafte Kürze gemeinsam ist. Jede von ihnen entfaltet auf knappstem Raum einen Kosmos, der den Alltag und das gewohnte Leben rasch verblassen lässt und eine viel reichere Welt der Phantasie, des Unwahrscheinlichen und kaum für möglich Gehaltenen zum Vorschein bringt. 113 einseitige Geschichten hat Franz Hohler in diesem Band versammelt – 113 Seiten überraschender und immer wieder von Neuem bezwingender Lesegenuss.

Zum Autor

FRANZ HOHLER wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Franz Hohler ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, u.a. erhielt er 2002 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, 2005 den Kunstpreis der Stadt Zürich, 2013 den Solothurner Literaturpreis, 2014 den Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis.

113 einseitige Geschichten

herausgegeben vonFranz Hohler

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Copyright © 2016 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Satz: Uhl + Massopust, Aalen Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagmotiv: © plainpicture/Cultura/Mischa Keijser ISBN 978-3-641-19638-7 V002 Besuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de! www.btb-verlag.de

INHALT

VORWORT

JÜRG SCHUBIGER – Die Einladung

WJATSCHESLAW CHARTSCHENKO – Doch zu gebrauchen

ROR WOLF – Gelächter

LYDIA DAVIS – Der Frischwassertank

FRANZ KAFKA – Zerstreutes Hinausschaun

ALEXANDER SNEGIRJOW – Keine Angst, junge Frau!

ERNST JANDL – der schmutzige bach

CHRISTIAN HALLER – Wunsch

CHRISTINE NÖSTLINGER – Ameisen

ANNE WEBER – Zielstrebigkeit

FRANZ HOHLER – Das Blatt

KAREL ČAPEK – Der Ohrwurm

ALBRECHT VON HALLER – Der Hahn, die Tauben und der Geier

LUTZ RATHENOW – Ein böses Ende

PETER VON MATT – Merkwürdige Begegnung im Grunewald

ANNE WEBER – Kaiserin Ida

PETER BICHSEL – Tragen

MICHAEL AUGUSTIN – Ein Irrtum

HEIMITO VON DODERER – Das Frühstück

ROBERT WALSER – Morgen und Abend

WILHELM GENAZINO – Zwischen fünf und sechs

BRÜDER GRIMM – Die alte Bettelfrau

JOHANN PETER HEBEL – Brennende Menschen

ALEXANDER KLUGE – Kooperatives Verhalten

MARIE LUISE KASCHNITZ – Schrott und Schrott

ERICA PEDRETTI – Klinge, kleines Frühlingslied

DAVID BERGER – Erinnerung

EDUARDO GALEANO – Heiligabend

TANJA SAWITSCHEWA – Tagebuch

GISELA WIDMER – Liebeserklärung

NATALJA KLJUTSCHARJOWA – Der Autobus

HANNA JOHANSEN – An einem Sonntag

ADELHEID DUVANEL – Ich hasste ihn

HEINRICH VON KLEIST – Rätsel

S. CORINNA BILLE – Warten

SILJA WALTER – Das Schwert

DAVID ALBAHARI – Die Wäscheklammer

ROOT LEEB – Die Erscheinung

MARIO SCHNEIDER – Kleine Stadt – alte Menschen

KURT MARTI – Abendleben

CHRISTOPH SCHWYZER – Frau Frank

HANSJÖRG SCHNEIDER – Mein Vater

HEIMITO VON DODERER – Ehrfurcht vor dem Alter

ELIAS CANETTI – Rückwärts altern

ANNETTE PEHNT – Der kleine Herr Jakobi und das Münster

HEINZ JANISCH – Der schiefe Turm

LUIGI MALERBA – Sightseeing in Rom

ARNO CAMENISCH – Sez Ner

AUGUSTO MONTERROSO – Kuh

ANGELIKA OVERATH – Kühe

MANI MATTER – Chanson

LUIGI MALERBA – Ein nachdenkliches Huhn

THOMAS BERNHARD – Scharfsinnig und schwachsinnig

ROBERT GERNHARDT – Aus dem Buch der Wandlungen

DANIIL CHARMS – Das himmelblaue Heft, Nr. 10

KURT SCHWITTERS – Das ganz einfache Leben

PETER BICHSEL – Nichts Besonderes

JÜRG SCHUBIGER – Ausnahmsweise

HELGA M. NOVAK – Das Licht

INGEBORG BACHMANN – Blitze

DAVID WAGNER – Der Patientenchor

PETER VON MATT – Der längste Moment meines Lebens

THEODOR W. ADORNO – Frankfurt, Januar 1934

RUTH LEWINSKY – An der Bar

URS WIDMER – Das Speiselokal

IMRE KERTÉSZ – Nach Hause

JEAN COCTEAU – Der Tod des Dichters

GERHARD MEISTER – protestantisch

BERTOLT BRECHT – Die Frage, ob es einen Gott gibt

LOTHAR DEPLAZES – Neuschnee

LYDIA DAVIS – Angst

ROR WOLF – Nächtliches Aufschreien

BRÜDER GRIMM – Das Unglück

DAVID ALBAHARI – Unser Lehrer

JÜRG ACKLIN – Das Überhandnehmen

RUDOLF BUSSMANN – Meinungen

FERDINAND PFISTER – Der Westen

DANIIL CHARMS – Die Mauer

ILMA RAKUSA – Die Treppe

MARIE LUISE KASCHNITZ – Im Bockshorn

GERHARD MEIER – Maschinen stottern

JÖRG STEINER – Kranführer

KLAUS MERZ – Das Werkzeug

GERHARD AMANSHAUSER – Zerbrechende Gegenstände

EPIKTET – Wenn der Steuermann ruft

LUKAS BÄRFUSS – Flauberts Abreise nach dem Orient

HERBERT HECKMANN – Robinson

WJATSCHESLAW KUPRIJANOW – Der Geiger im Meer

MICHAEL AUGUSTIN – Der Chinese

ALBERTO NESSI – Der Junge

PEDRO LENZ – Die Tätowierung

JENS NIELSEN – Doku Soap

GOTTFRIED AUGUST BÜRGER – Reiterkunststücke des Freiherrn von Münchhausen und erstaunenswürdige Geistesgegenwart

CHRISTINE NÖSTLINGER – Schneewittchen – eine Richtigstellung

PETER ALTENBERG – Die Kindesseele

FRANZ HOHLER – Ein Feuer im Garten

VICTOR AUBURTIN – Die Inschriften

AUGUSTO MONTERROSO – Die anderen sechs

FRANZ KAFKA – Die sieben Weltwunder

MARTIN WALSER – Bett beziehungsweise Mutter

GOTTHOLD EPHRAIM LESSING – Der hungrige Fuchs

ALFRED POLGAR – Soziale Unordnung

HEINRICH VON KLEIST – Anekdote

GERHARD AMANSHAUSER – Ist hier jemand?

BERTOLT BRECHT – Eine gute Antwort

JÜRGEN FUCHS – Der Friseur

BERND-LUTZ LANGE – Sichtveränderung

GERHARD MEIER – Der Präsident spricht

RUDOLF BUSSMANN – Aschwanden

ROBERT GERNHARDT – Sepp Maier

WALLE SAYER – Ersatzspieler

BRUNO STEIGER – Letzter Gast

SIMON (7 JAHRE) – Spielstand

DIE QUELLEN

VORWORT

Ich habe 113 Geschichten gesammelt, die nicht länger als eine Druckseite sind, und lege sie Ihnen hiermit unter dem Titel »einseitige Geschichten« zur Lektüre vor.

Zürich, Oktober 2016, Franz Hohler

JÜRG SCHUBIGER Die Einladung

Sommer im Garten. Unter dem Birnbaum blinkten die Insekten. Sie summten, ich summte mit. Ich stützte eine Malve mit einem Stecken, zupfte etwas Unkraut, tat dies und das und zwischendurch nichts.

Da sprach eine Biene mich an: Heute hat unsere Königin Hochzeit, sagte sie. Wir suchen einen Brautführer, mein Volk und ich. Nun ist die Wahl auf dich gefallen.

Ich rieb mir die trockenen Erdkrusten von den Fingern. Danke, sagte ich. Und was soll ich anziehen?

Flügel, sagte die Biene.

WJATSCHESLAW CHARTSCHENKO Doch zu gebrauchen

Ich habe ein Buch mit kurzen Geschichten geschrieben, es zwanzig Mal ausgedruckt und zu verschiedenen Verlagen und zu den dicken Literaturzeitschriften gebracht. Bei den Zeitschriften hieß es, dass die Geschichten zu kurz seien, und in den Verlagen hat man einfach hellauf gelacht, weil dort nicht Erzählungen, sondern nur Romane angenommen werden. Ich kam niedergeschlagen nach Hause, stapelte die viertausend bedruckten Seiten in einer Ecke im Wohnzimmer und legte mich betrübt aufs Sofa. Ich musste fast heulen, die Kater aber hüpften fröhlich über den Papierhaufen.

Da kam meine Frau zu mir. Sie kocht selbst in Handarbeit Seife, kreiert Parfums und verschickt ihre Erzeugnisse in Päckchen in die ganze Welt an verrückte Frauen wie sie selbst, Seifensiederinnen und Duftmacherinnen. Natascha bat mich um die Blätter mit den Geschichten, sie wollte sie zusammenknüllen und damit die leeren Ecken in den Kartons ausstopfen. So würden die Fläschchen beim Transport nicht klappern. Ich dachte kurz nach und freute mich. Schön, wenn meine Schreibereien der Gesellschaft dienlich sein könnten. Jetzt schreiben mir die verrückten Seifensiederinnen und Duftkreateurinnen Briefe, aus Rom, New York, Paris, Dakar, Rustawi. Sie schätzen die kurzen Geschichten.

ROR WOLF Gelächter

Möglicherweise wäre jetzt der geeignete Moment, in ein Gelächter auszubrechen. Aber vom Lachen darf nach einem Blick in die unmittelbare Vergangenheit nicht mehr die Rede sein. Dennoch wäre hier die Stelle, wo ich anfangen müsste, zu lachen. Ich lache sehr gern, allerdings lache ich selten. Ich lache so wenig, dass ich mich bemühen werde, dieses Kapitel so rasch wie möglich zu Ende zu bringen. Vorher aber betrete ich eine Wirtschaft. Man empfängt mich mit Gelächter. Schon beim Eintreten in das Lokal werde ich von einigen Anwesenden aufgefordert, mitzulachen. Mir ist, sage ich, momentan nicht zum Lachen zumute. Warum darum wenn schon denn schon gemmer gemmer, sagt jemand und beginnt zu lachen. Auf meine Frage, warum er lache, antwortet er: Wenn ich lache, dann lache ich eben. Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier in aller Ausführlichkeit die Folgen zu schildern, die sein Lachen unter den Anwesenden auslöste. Ich kann nur darauf hinweisen, dass ich mich damals in Mainz befand, in der Gaststätte BIERTUNNEL. Diese abschließende Bemerkung führt uns, denke ich, den ganzen Ernst meiner Lage vor Augen.

LYDIA DAVIS Der Frischwassertank

Ich starre vier Fische in einem Frischwassertank im Supermarkt an. Sie schwimmen in Reih und Glied nebeneinander gegen eine schwache Strömung an, die durch einen Wasserstrahl erzeugt wird, und sie öffnen und schließen ihre Mäuler und starren, jeder mit dem einen Auge, das ich sehen kann, in die Ferne. Während ich ihnen durch das Glas zusehe und denke, wie sie frisch von hier auf den Tisch kämen, wo sie doch jetzt noch am Leben sind, und während ich hin und her rechne, ob ich einen fürs Abendessen kaufen soll, sehe ich gleichzeitig, wie hinter ihnen oder durch sie hindurch eine größere, schemenhafte Gestalt den Frischwassertank verdunkelt: meinen Schatten auf dem Glas, den Schatten des Räubers.

FRANZ KAFKA Zerstreutes Hinausschaun

Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Heute früh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist man überrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters.

Unten sieht man das Licht der freilich schon sinkenden Sonne auf dem Gesicht des kindlichen Mädchens, das so geht und sich umschaut, und zugleich sieht man den Schatten des Mannes darauf, der hinter ihm rascher kommt.

Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell.

ALEXANDER SNEGIRJOW Keine Angst, junge Frau!

Tanja streckt das Geld durchs Fensterchen der Verkaufsbude. Ein Mann hinter ihr sagt:

»Na, wie heißen Sie, junge Frau?«

Tanja sieht ihn kurz von der Seite an.

»Warum so abweisend? Ich heiße Wadik.«

Ein Bürstenschnitt von undefinierbarer Farbe, von undefinierbarer Farbe auch die Kleidung. Grinst und wechselt von einem dicken Bein im Stiefel mit langer, gekrümmter Spitze auf das andere dicke Bein in genau so einem Stiefel.

Die Verkäuferin gibt Tanja eine Schachtel »Kent«.

»Würstchen!«, so Wadik zur Verkäuferin.

Zu Tanja: »Wie wär’s, wenn wir Bekanntschaft schließen?«

»Ich schließe auf der Straße keine Bekanntschaften.«

»Wohl nur im Internet? Ha-ha. Keine Angst, ich bin Milizionär.« Und holt seine Erkennungsmarke heraus.

Tanja will schon fast weglaufen, lacht dann aber nur.

»Was ist daran so komisch? Versteh’ ich nicht.«

Tanja läuft doch weg.

Wadik spuckt aus.

ERNST JANDL der schmutzige bach

nachdem er zugesehen hatte wie sein vier jahre jüngerer bruder der sich gern zu weit übers wasser beugte allmählich das übergewicht bekam und in den schmutzigen bach fiel, ergriff er ihn an den hosenträgern und zog ihn langsam in die höhe. dann nahm er seine hand und führte ihn durch den garten ins haus.

erst als er im spiegel vor den ihn die mutter gestellt hatte sein gesicht erkannte, fing der knabe der in den schmutzigen bach gefallen war zu weinen an.

der ist gestraft genug, bat sein vier jahre älterer bruder um erlassung der schläge.

CHRISTIAN HALLER Wunsch

Ich wollte ein Igel werden. Aus einem naheliegenden Grund: Er hat rundherum Stacheln, ein spitzes Maul und schnelle Beine. Alles Eigenschaften, die im Leben ungeheuer nützlich sind.

Also begann ich zu zeichnen.

Ich machte einen Kreis mit vielen Stacheln.

So!

Ich dachte, wenn ich nur immer zeichne, was ich werden will, werde ich es auch eines Tages sein.